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Full text of "Gesammelte Schriften VII Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse"

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SIGM. FREUD 

GESAMMELTE 

SCHRIFTEN 

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phot. Halberstadi, Hamburg 



SIGM- FREUD 

(1922) 



1 



GESAMMELTE 
SCHRIFTEN 



VO N 



SIGM. FREUD 



SIEBENTER BAND 

VORLESUNGEN ZUR EINFÜHRUNG 
V IN DIE PSYCHOANALYSE 



INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 



Die Herausgabe dieses Bandes besorgten 

unter Mitwirkung des Verfassers 

Anna Fieud, Otto Rank und A. J. Storfer 



Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung, vorbehalte» 

Copyright 1924 by „Internationaler Psychoanalytischer 
Verlag, Ges. m.b.H.", Wien 



Dmck von B. Hiiberland in Leipzig 



VORLESUNGEN 

ZUR EINFÜHRUNG IN DIE 

PSYCHOANALYSE 



.^ 



1 



Die „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse^' erschienen zuerst 
getrennt in drei Teilen, und zwar l. Teil I^l6, 2. Teil sowie ). Teil I^IJ (im 
Verlage Hugo Heller & Cie, Leipzig und Wien). Die 2. Auflage erschien 
in einem Band vereint ipi8. Die }. Auflage, Ip20, erschien im Internatio- 
nalen Psychoanalytischen Verlag, Leipzig, Wien, Zürich. Ebendort 1^22 die 
4. durchgesehene Auflage, J. — It. Tausend. (Der 2. und der ). Teil dieser 
4. Auflage — „Vorlesungen über den Traum", bzw. „Allgemeine Neurosen- 
lehre" — erschienen auch separat.) 

Im Internationalen Psychoanalytischen Verlag erschien ferner 1^22 ei?ie 
Tasclienausgabe der „Vorlesungen" (in Taschenformat auf dünnem Papier, in 
biegsamen Einband); in demselben Jahre erschien auch die 2. durchgesehene 
Auflage der Taschenausgabe (ß. — J. Tausend). 

Von den „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" erschienen 
autorisierte tibersetzungen in folgenden Sprachen: 
Holländisch (iplS) von van Renterghem, 
Italienisch (ip2o) von Dr. Edoardo Weiß, 
Russisch (1^22) von Dr. Wulff, 
Französisch (lp22) von Dr. Jankilevitch, 
Englisch (New York l^2o) mit einer Vorrede von G. Stanley Hall und (London 

ip22) von Joan Riviere, 
Ungarisch in Vorbereitung, 
Spanisch „ 
Polnisch „ „ 

Schwedisch „ „ 



VORWORT 

Was ich hier als „Einführung in die Ps3'choanalyse" der Öffentlich keil über- 
gebe, will auf keine Weise in Wettbewerb mit den bereits vorliegenden Gesamt- 
darslelhingen dieses Wissensgebietes treten. (Hitschmann, Freuds Neurosen- 
iehre, 2. Aufl., 1913; Pfister, Die psychoanalytische Methode, 1915; Leo 
Kaplan, Grundzüge der Psychoanalyse, i9i4;RegisetHesnard,La Psycho- 
analyse des n^vroses et des psychoses, Paris 1914; Adolf F. Meijer, De Behan- 
deling van Zenuwzieken door Psycho -Analyse. Amsterdam 1915.) Es ist die 
getreue Wiedergabe von Vorlesungen, die ich in den zwei Wintersemestern 
1915/6 und 1916/7 vor einer aus Ärzten und Laien und aus beiden Geschlech- 
tern gemischten Zuhörerschaft gehalten habe. 

Alle Eigentümlichkeiten, durch welche diese Arbeit den Lesern des Buches 
auffallen wird, erklären sich aus den Bedingungen ihrer Entstehung. Es wa r 
nicht möglich, in der Darstelhing die kühle Ruhe einer wissenschaftlichen Ab- 
handlung zu wahren; vielmehr mußte sich der Redner zur Aufgabe machen, 
die Aufmerksamkeit der Zuhörer während eines fast zweistündigen Vortrags 
nicht erlahmen zu lassen. Die Rücksicht auf die momentane Wirkung machte 
es unvermeidlich, daß derselbe Gegenstand eine wiederholte Behandlung fand, 
z. B. das eine Mal im Zusammenhang der Traumdeutung und dann später in 
dem der Neurosenprobleme. Die Anordnung des Stoffes brachte es auch mit sich, 
daß manche wichtige Themen, wie z. B. das des ünbevroßten, nicht an einer 
einzigen Stelle erschöpfend gewürdigt werden konnten, sondern zw wiederholten 
Malen aufgenommen und wieder fallen gelassen wurden, bis sich eine neue 
Gelegenheit ergab, etwas zu ihrer Kenntnis hinzuzufügen. 



4 Vorwort 

Wer mit der psychoanalytischen Literatur vertraut ist, wird in dieser „Ein- 
führung" wenig finden, was ihm nicht aus anderen, weit ausfuhrlicheren Ver- 
öffentlichungen bekannt sein könnte. Doch hat das Bedürfnis nach Äbrundung 
und Zusammenfassung des Stoffes den Verfasser genötigt, in einzelnen Abschnit- 
ten (bei der Ätiologie der Angst, den hysterischen Phantasien) auch bisher zurück- 
gehaltenes Material heranzuziehen. 

Wien, im Frühjahr 1917 

FREUD 






i 



ERSTER TEIL 



DIE FEHLLEISTUNGEN 



I. VORLESUNG 

EINLEITUNG " ■ 

Meine Damen und üerren! Ich weiß nicht, wieviel die einzel- 
nen von Ihnen aus ihrer Lektüre oder vom Hörensagen über die 
Psychoanalyse wissen. Ich bin aber durch den Wortlaut meiner An- 
kündigung ^ Elementare Einführung in die Psychoanalyse — ver- 
pflichtetj Sie so zu behandeln, als wüßten Sie nichts imd bedürften 
einer ersten Unterweisung. • ' " 

Soviel darf ich allerdings voraussetzen, daß Sie wässen, die Psycho- 
analyse sei ein Verfahren, wie man nervös Kranke ärztlich behandelt, 
und da kann ich Ihnen gleich ein Beispiel dafür geben, wie auf diesem 
Gebiet so manches anders, oft geradezu verkehrt, vor sich geht als 
sonst in der Medizin. Wenn wir sonst einen Kranken einer ihm 
neuen ärztlichen Technik unterziehen, so werden wir in der Regel 
die Beschwerden derselben vor ihm herabsetzen und ihm zuversicht- 
liche Versprechungen v\-egen des Erfolges der Behandlung geben. Ich 
meine, wir sind berechtigt dazu, denn wir steigern durch solches Be- 
nehmen die Wahrscheinlichkeit des Erfolges. Wenn wir aber einen 
Neurotiker in psychoanalytische Behandlung nehmen, so verfahren AP^ 

wir anders. Wir hallen ihm die Schwierigkeiten der Methode vor, 
ihre Zeitdauer, die Anstrengungen und die Opfer, die sie kostet, und 
was den Erfolg anbelangt, so_jagen^wiivmr Jcönnen..ihn iiicht_sicher_ (fi/^'^ 
versprechen, er hänge von seinem Benehmen ab, von seinem Ver- 
ständnis, seiner Gefügigkeit, seiner Ausdauer. Wir haben natürlich 



l 



Vorlesungen zur Eiriführung m die Psychoanalyse 



gute Motive für ein anscheinend so verkehrtes Benehmen, in welche 
sie vielleicht später einmal Einsicht gewinnen werden. 

i Seien Sie nun nicht böse, wenn ich Sie zunächst ähnlich behandle wie 
diese neurotischen Kranken. Ich rate Ihnen eigenthch ab, mich ein 
zweites Mal anzuhören. Ich werde Ihnen iu dieser Absicht vorführen, 
welche Unvollkommenheiten notwendigerweise dem Unterricht in der 
Psychoanalyse anhaften, und welche Schwierigkeiten der Erwerbung 
eines eigenen Urteils entgegenstehen. Ich werde Ihnen zeigen, wie die 
ganze Richtung Ihrer Vorbildung und alle Ihre Denkgewohnheiten 
Sie unvermeidlich zu Gegnern der Psychoanalyse machen müßten, 
und wieviel Sie in sich zu überwinden hätten, um dieser instinktiven 
Gegnerschaft Herr zu werden. Was Sie an Verständnis für die Psycho- 
analyse aus meinen Mitteilungen gewinnen werden, kann ich Ihnen 
natürlich nichtvorhersageujabersoviel kann ich Ihnen versprechen, daß 
Sie durch das Anhören derselben nicht erlernt haben werden, eine 
psychoanalytische Untersuchung vorzunehmen oder eine solche Be- 
handlungdurchzuführen. Sollte sich aber gar jemand unter Ihnen fin- 
den, der sich nicht durch eine flüchtige Bekanntschaft mit der Psycho- 
analyse befriedigt fühlte, sondern in eine dauernde Beziehung zu ihr 
treten möchte, so werde ich ihm nicht nur abraten, sondern ihn direkt 
davor warnen. Wie die Dinge derzeit stehen, würde er sich durch eine 
solche Berufswahl jede MögUchkeit eines Erfolges an einer Universität 
zerstören, und wenn er als ausübender Arzt ins Leben geht, wird er sich 
in einer Gesellschaft finden, welche seine Bestrebungen nicht versteht, 
ihn mißtrauisch und feindselig betrachtet und alle bösen, in ihr lauern- 
den Geister gegen ihn losläßt. Vielleicht können Sie gerade aus den 
Begleiterscheinungen des heute in Europa wütenden Krieges eine un- 
gefähre Schätzung ableiten, wieviele Legionen das sein mögen. 
Es gibt immerhin Personen genug, für welche etwas, was ein 
f^. neues Stück Erkenntnis werden kann, trotz solcher Unbequemlich- 

keiten seine Anziehung behält. Sollten einige von Ihnenvon dieser Art 
sein und mit Hinwegsetzung über meine Abmahnungen das nächste 
Mal hier v\äeder erscheinen, so werden Sie mir willkommen sein. 



/. Einleitung 



Sie haben aber alle ein Anrecht darauf zu erfahren, welches die an- 
gedeuteten Schwierigkeiten der Psychoanalyse sind. 

Zunächst die der Unterweisung, des Unterrichts iu der Psycho- 
analyse. Sie sind im medizinischen Unterricht daran gewöhnt worden 
zu sehen. Sie sehen das anatomische Präparat, den Niederschlag bei 
der chemischen Reaktion, die Verkürzung des Muskels als Erfolg der 
Reizung seiner Nerven. Später zeigt man Ihren Sinnen den Kranken, 
die Symptome seines Leidens, die Produkte des krankhaften Prozesses, 
ja in zahlreichen Fällen die Erreger der Krankheit in isoliertem Zu- 
stande. In den chirurgischen Fächern werden Sie Zeugen der Ein- 
griffe, durch welche man dem Kranken Hilfe leistet, und dürfen die 
Ausführung derselben selbst versuchen. Selbst in der Psychiatrie führt 
Ihnen die Demonstration des Kranken an seinem veränderten Mienen- 
spiel, seiner Redeweise und seinem Benehmen eine Fülle von Beob- 
achtungen zu, die Ihnen tiefgehende Eindrücke hinterlassen. So spielt 
der medizinische Lehrer vorwiegend die Rolle eines Führers und Er- 
klärers, der Sie durch ein Museum hegleitet, während Sie eine un- 
mittelbare Beziehung zu den Objekten gewinnen und sich durch 
eigene Wahrnehmung von der Existenz der neuen Tatsachen über- 
zeugt zu haben glauben. 

Das ist leider alles anders in der Psychoanalyse. In der analyti- 
schen Behandlung geht nichts anderes vor als ein Austausch von 
Worten zwischen dem Analysierten und dem Arzt. Der Patient spricht, 
erzählt von vergangenen Erlebnissen und gegenwärtigen Eindrücken, 
klagt, bekennt seine Wünsche und Gefühlsregungen. Der Arzt hört 
zu, sucht die Gedankengänge des Patienten zu dirigieren, mahnt, 
drängt seine Aufmerksamkeit nach gewissen Richtungen, gibt ihm 
Aufklärungen und beobachtet die Reaktionen von Verständnis oder 
von Ablehnung, welche er so beim Kranken hervorruft. Die unge- 
bildeten Angehörigen unserer Kranken — denen nur Sichtbares und 
Greifbares imponiert, am liebsten Handlungen, wie man sie im 
Kiuotheater sieht -^ versäumen es auch nie, ihre Zweifel zvi äußern, 
wie man „durch bloße Reden etwas gegen die Krankheit ausrichten 



^ A; 



Oil. 



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10 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

kann". Das ist natürlich ebenso kurzsinnig wie inkonsequent gedacht. 
Es sind ja dieselben Leute, die so sicher wissen, daß sich die Kranken 
ihre Symptome „bloß einbilden". Worte waren ursprünglich Zauber/ 
und das Wort, hat noch heute viel von seiner alten Zauberkraft be- ( 
wahrt. Durch Worte kann ein Mensch den anderen selig machen oder\ >o 
zur Verzweiflung treiben, durch Worte überträgt der Lehrer sein 
Wissen auf die Schüler, durch Worte reißt der Redner die Versamm- 
lung der Zuhörer mit sich fort und bestimmt ihre Urteile und Ent- 
scheidvingen. Worte rufen Affekte hervor und sind das allgemeine 
Mittel zur Beeinflussung der Menschen untereinander. Wir werden 
also die Verwendung der Worte in der Psychotherapie nicht gering- 
schätzen und werden zufrieden sein, wenn wir Zuhörer der Worte 
sein können, die zwischen dem Analytiker und seinem Patienten ge- 
wechselt werden. 

Aber auch das können wir nicht. Das Gespräch, in dem die psycho- 
analytische Behandhuig besteht, verträgt keinen Zuhörer; es läßt sich 
nicht demonstrieren. Man kann natürlich auch einen Neurastheniker 
oder Hysteriker in einer psychiatrischen Vorlesung den Lernenden 
vorstellen. Er erzählt dann von seinen Klagen und Symptoinen, aber 
auch von nichts anderem. Die Mitteilungen, deren die Analyse be- 
darf, macht er nur unter der Bedingung einer besonderen Gefühls- 
bindung a.n den Arzt; er \vürde verstummen, sobald er einen einzigen, 
ihm indifferenten Zeugen bemerkte. Denn diese Mitteilungen be- 
treffen das Intimste seines Seelenlebens, alles was er als sozial selb- 
ständige Person vor anderen verbergen muß, und im weiteren alles, 
was er als einheitliche Persönlichkeit sich selbst nicht eingestehen ^'vill. 

Sie können also eine psychoanalytische Behandlung nicht initan- 
hören. Sie können nur von ihr hören und werden die Psychoanalyse 
im strengsten Sinne des Wortes nur vom Hörensagen kennen lernen. 
Durch diese Unterweisung gleichsam aus zweiter Hand kommen Sie 
in ganz ungewohnte Bedingungen für eine Urteilbildung. Es hängt 
offenbar das meiste davon ab, welchen Glauben Sie dem Gewährs- 
mann schenken können. 



/. Einleitung \\ 



Nehmen Sie einmal an, Sie wären nicht in eine psychiatrische, 
sondern in eine historische Vorlesung gegangen, und der Vortragende 
erzählte Ihnen vom Leben und von den Kriegstaten Alexanders des 
Großen. Was für Motive hätten Sie, an die Wahrhaftigkeit seiner 
Mitteilungen zu glauben? Zunächst scheint die Sachlage noch un- 
günstiger zu sein als im Falle der Psychoanalyse, denn der Geschichts- 
professor war so wenig Teilnehmer an den Kriegszügen Alexanders 
wie Sie; der Psychoanalytiker benchtet Ihnen doch wenigstens von 
Dingen, bei denen er selbst eine Rolle gespielt hat. Aber dann kommt 
die Reihe an das, was den Historiker beglaubigt. Er kann Sie auf die 
Berichte von alten Schriftstellern ver-w^eisen, die entweder selbst zeit- 
genössisch waren oder den fraglichen Ereignissen doch näher standen, 
also auf die Bücher des Diodor, Plutarch, Arrian u. a.; er kann 
Ihnen Abbildungen der erhaltenen Münzen und Statuen des Königs 
vorlegen und eine Photographie des pompejanischen Mosaiks der 
Schlacht bei Issos durch Ihre Reihen gehen lassen. Strenge genommen 
beweisen alle diese Dokumente doch nur, daß schon frühere Gene- 
ralionen an die Existenz Alexanders und an die Realität seiner Taten 
geglaubt haben, und Ihre Kritik dürfte hier von neuem einsetzen. 
Sie wird dann finden, daß nicht alles über Alexander Berichtete glaub- 
würdig oder in seinen Einzelheiten sicherzustellen ist, aber ich kann 
doch nicht annehmen, daß Sie den Vorlesungssaal als Zweifler au der 
Realität Alexanders des Großen verlassen werden. Ihre Entscheidung 
wird hauptsächlich durch zwei Erwägungen bestimmt werden, erstens, 
daß der Vortragende kein denkbares Motiv hat, etwas vor Ihnen als 
real auszugeben, was er nicht selbst dafür hält, und zweitens, daß alle 
erreichbaren Geschichtsbücher die Ereignisse in ungefähr ähnlicher 
Art darstellen. Wenn Sie dann auf die Prüfung der älteren Quelleu 
eingehen, werden Sie dieselben Momente berücksichtigen, die mög- 
lichen Motive der Gewährsmänner und die Übereinstimmung der 
Zeugnisse imtereinander. Das Ergebnis der Prüfung ^vird im Falle 
Alexanders sicherlich beruhigend sein, wahrscheinlich anders ausfallen, 
wenn es sich um Persönlichkeiten wie Moses oder Nimrod handelt. 



j a Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 






Welche Zweifel Sie aber gegen die Glaubwürdigkeit des psychoana- 
lytischen Berichterstatters erheben können, werden Sie bei späteren 
Anlässen deuthch genug erkennen. 

Nun werden Sie ein Recht zu der Frage haben: Wenn es keine 
objektive Beglaubigung der Psychoanalyse gibt und keine Möglich- 
keit, sie zu demonstrieren, wie kann man überhaupt Psychoanalyse 
erlernen und sich von der Wahrheit ihrer Behauptungen überzeu- 
gen? Dies Erlernen ist wirklich nicht leicht, und es haben auch nicht 
viele Menschen die Psychoanalyse ordentlich gelernt, aber es gibt 
natürlich doch einen gangbaren Weg. Psychoanalyse erlernt man zu- / 
nächst am eigenen Leib, durch das Studium der eigenen Persönlich- ] 
keit. Es ist das nicht ganz, was man Selbstbeobachtung heißt, aber n 
man kann es ihr zur Not subsumieren. Es gibt eine ganze Reihe von 
sehr häufigen und allgemein bekannten seelischen Phänomenen, die 
man nach einiger Unterweisung in der Technik an sich selbst zu 
Gegenständen der Analyse machen kann. Dabei höh man sich die ge- 
suchte Überzeuginig von der Realität der Vorgänge, welche die 
Psychoanalyse beschreibt, und von der Richtigkeit ihrer Auffassungen. 
Allerdings sind dem Fortschritte auf diesem Wege bestimmte Grenzen 
gesetzt. Man kommt viel weiter, wenn man sich selbst von einem 
kundigen Analytiker analysieren läßt, die Wirkungen der Analyse 
am eigenen Ich erlebt und dabei die Gelegenheit benützt, dem an- 
deren die feinere Technik des Verfahrens abzulauschen. Dieser aus- 
gezeichnete Weg ist natürlich immer nur für eine einzelne Person, 
niemals für ein ganzes Kolleg auf einmal gangbar. 

Für eine zweite Schwierigkeit in Ihrem Verhältnis zur Psycho- 
analyse kann ich nicht mehr diese, muß ich Sie selbst, meine Hörer, 
verantworthch machen, wenigstens insoweit Sie bisher medizinische 
Studien betrieben haben. Ihre Vorbildung hat Ihrer Denktätigkeit 
eine bestimmte Richtung gegeben, die weit von der Psychoanalyse 
abführt. Sie sind darin geschult worden, die Funktionen des Organis- r'')\ 
mus und ihre Störungen anatomisch zu begründen, chemisch und 
physikalisch zu erklären und biologisch zu erfassen, aber kein Anteil 



/. Einleitung 



15 



Ihres Interesses ist auf das psychische Leben gelenkt woi-den, in dem 
doch die Leistung dieses wunderbar komplizierten Organismus gipfelt. 
Darum ist Ihnen eine psychologische Denkweise fremd geblieben, 
und Sie haben sich gewöhnt eine solche mißtrauisch zu betrachten, 
ihr den Charakter der Wissenschaftlichkeit abzusprechen und sie den 
Laien, Dichtern, Naturphilosophen und Mystikern zu überlassen. 
Diese Einschränkung ist gewiß ein Schaden für Ihre ärztliche Tätig- 
keit, denn der Kranke wird Ihnen, wie es bei allen menschlichen Be- ^A^-^^ 
Ziehungen Regel ist, zunächst seine seelische Fassade entgegenbringen, 
und ich fürchte, Sie werden zur Strafe genötigt sein, einen Anteil 
des therapeutischen Einflusses, den sie anstreben, den von Ihnen so 
verachteten Laienärzten, Naturheilküustlern und Mystikern zu über- 
lassen. 

Ich verkenne nicht, welche Entschuldigung man für diesen Mangel 
Ihrer Vorbildung gelten lassen muß. Es fehlt die philosophische Hilfs- 
wissenschaft, welche für Ihre ärztlichen Absichten dienstbar gemacht 
werden könnte. Weder die spekulative Philosophie noch die deskrip- . 
tive Psychologie oder die an die Sinnesphysiologie anschließende so- 
genannte experimentelle Psychologie, ivie sie in den Schulen gelehrt 
w^erden, sind imstande, Ihnen über die Beziehung zwischen dem Kör- 
perlichen und Seelischen etwas Brauchbares zu sagen, und Ihnen die 
Schlüssel zum Verständnis einer möglichen Störung der seelischen 
Funktionen in die Hand zu geben. Innerhalb der Medizin beschäftigt ) /i^ 
sich zwar die Psychiatrie damit, die beobachteten Seelenstörungen zu 
beschreiben und zu klinischen Krankheitsbilderu zusammenzustellen, 
aber in guten Stunden zweifeln die Psychiater selbst daran, ob ihre 
rein deskriptiven Aufstellungen den Namen einer Wissenschaft ver- 
dienen. Die Symptome, welche diese Krankheitsbilder zusammen- 
setzen, sind nach ihrer Herkunft, ihrem Mechanismus und in ihrer 
gegenseitigen Verknüpfung unerkannt; es entsprechen ihnen ent- 
weder keine nachweisbaren Veränderungen des anatomischen Organs 
der Seele, oder solche, aus denen sie eine Aufklärung nicht finden 
können. Einer therapeutischen Beeinflussung sind diese Seelenstö- 



\ 



14 



Vorlesungen 2itr Einführung in die Psychoanalyse 



rungen nur dann zugänglich, wenn sie sich als Nebenwirkungen 
einer sonstigen organischen Affektion erkennen lassen. 

Hier ist die Lücke, welche die Psychoanalyse auszufüllen bestrebt 
ist. Sie will der Psychiatrie die vermißte psychologische Grundlage 
geben, sie hofft, den gemeinsamen Boden aufzudecken, von dem aus 
das Zusammentreffen körperlicher mit seelischer Störung verständhch 
wird. Zu diesem Zweck muß sie sich von jeder ihr fremden Voraus- 
setzung anatomischer, chemischer oder physiologischer Natur frei 
halten, durchaus mit rein psychologischen Hilfsbegriffen arbeiten, 
und gerade darum, fürchte ich, wird sie Ihnen zunächst fremdartig 
erscheinen. 

An der nächsten Schwierigkeit will ich Sie, Ihre Vorbildung oder 
Einstellung, nicht mitschuldig machen. Mit zweien ihrer Aufstel- 
lungen beleidigt die Psychoanalyse die ganze Welt und zieht sich 
deren Abneigung zu^ die eine davon verstößt gegen ein intellektuelles, 
die andere gegen ein ästhetisch-moralisches Vorurteil. Lassen Sie uns 
nicht zu gering von diesen Vorurteilen denkenj es sind machtvolle 
Dmge, Niederschläge von nützlichen, ja notwendigen Entwicklungen 
der Menschheit. Sie werden durch affektive Kräfte festgehalten und 
der Kampf gegen sie ist ein schwerer. 

Die erste dieser unliebsamen Behauptungen der Psychoanalyse be- 
sagt, daß die seelischen Vorgänge an und für sich unbewußt sind 
und die bewußten bloß einzelne Akte und Anteile des ganzen Seelen- 
lehens. Erinnern Sie sich, daß wir im Gegenteile gewöhnt sind. Psy- 
chisches und Bewußtes zu identifizieren. Das Bewußtsein gilt uns 
geradezu als der definierende Charakter des Psychischen, Psychologie 
als die Lehre von den Inhalten des Bewußtseins. Ja, so selbstverständ- 
lich erscheint uns diese Gleichstellung, daß wir einen Widerspruch 
gegen sie als offenkundigen Widersinn zu empfinden glauben, und 
doch kann die Psychoanalyse nicht umhin, diesen Widerspruch zu 
erheben, sie kann die Identität von Bewußtem und Seelischem nicht 
annehmen. Ihre Definition des Seelischen lautet, es seien Vorgänge 
von der Art des Fühlens, Denkens, Wollens, und sie muß vertreten 



I. Einleitung je 



daß es unbewußtes Denken und ungewußtes Wollen gibt. Damit 
hat sie aber von vornherein die Sympathie aller Freunde nüchterner 
Wissenschaftlichkeit verscherzt und sich in den Verdacht einer phan- 
tastischen Geheimlehre gebracht, die im Dunkeln bauen, im Trüben 
fischen möchte. Sie aber, meine Hörer, können natürlich noch nicht 
verstehen, mit welchem Recht ich einen Satz von so abstrakter Natur 
wie: „Das Seelische ist das Bewußte" für ein Vorurteil ausgeben 
kann, können auch nicht erraten, welche Entwicklung zur Verleug- 
nung des Unbewußten geführt haben kann, wenn ein solches exi- 
stieren sollte, und welcher Vorteil sich bei dieser Verleiignung er- 
geben haben mag. Es klingt wie ein leerer Wortstreit, ob man das 
Psychische mit dem Bewußten zusammenfallen lassen oder es darüber 
hinaus erstrecken soll, und doch kann ich Ihnen versichern, daß mit 
der Annahme unbewußter Seelenvorgänge eine entscheidende Neu- 
orientierung in Welt und Wissenschaft angebahnt ist. 

Ebensowenig können Sie ahnen, ein wie inniger Zusammenhang 
diese erste Kühnheit der Psychoanalyse mit der nun zu erwähnen- 
den zweiten verknüpft. Dieser andere Satz, den die Psychoanalyse / 
als eines ihrer Ergebnisse verkündet, enthält nämhch die Behaup- 
tung, daß Triebregungen, welche man nur als sexuelle im engeren 
wie im weiteren Sinn bezeichnen kann, eine ungemein große und 
bisher nie genug gewürdigte Rolle in der Verursachung der Nerven- 
und Geisteskrankheiten spielen. Ja noch mehr, daß dieselben sexu- 
ellen Regungen auch mit nicht zu unterschätzenden Beiträgen an 
den höchsten kulturellen, künstlerischen und sozialen Schöpfungen 
des Menschengeistes beteiligt sind. 

Nach meiner Erfahrung ist die Abneigung gegen dieses Resultat 
der psychoanalytischen Forschung die bedeutsamste Quelle des Wider- 
standes, auf den sie gestoßen ist. Wollen Sie wissen, wie wir uns das 
erklären? Wir glauben, die Kultur ist unter dem Antrieb der Lebens- 
not auf Kosten der Triebbefriedigung geschaffen worden, und sie 
wird zum großen Teil immer wieder von neuem erschaffen, indem 
der Einzelne, der neu in die menschliche Gemeinschaft eintritt, die 



i6 Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Opfer an Triebbefriedigung zu Gunsten des Ganzen wiederholt. Unter 
den so verwendeten Triebkräften spielen die der Sexualreguugen eine 
bedeutsame Rolle; sie werden dabei sublimiert, d. h. von ihren sexxi- 
ellen Zielen abgelenkt und auf sozial höherstehende, nicht mehr sexu- 
elle, gerichtet. Dieser Aufbau ist aber labil, die Sexualtriebe sind 
schlecht gebändigt, es besteht bei jedem Einzelnen, der sich dem 
Kulturwerk anschließen soll, die Gefahr, daß sich seine Sexualtriebe 
dieser Verwendung weigern. Die Gesellschaft glaubt an keine stär- 
kere Bedrohung ihrer Kultur, als ihr durch die Befreiung der Sexual- 
triebe und deren Wiederkehr zu ihren ursprüngliclien Zielen er- 
wachsen würde. Die Gesellschaft liebt es also nicht, an dieses heikle 
Stück ihrer Begründung gemahnt zu werden, sie hat gar kein Inter- 
esse daran, daß die Stärke der Sexualtriebe anerkannt und die Be- 
deutung des Sexuallebens für den Einzelnen klargelegt werde, sie 
hat vielmehr in erziehlicher Absicht den Weg eingeschlagen, die 
Aufmerksamkeit von diesem ganzen Gebiet abzulenken. Darum ver- 
trägt sie das genannte Forschungsresultat der Psychoanalyse nicht, 
möchte es am liebsten als ästhetisch abstoßend, moralisch verwerflich 
oder als gefährlich brandmarken. Aber mit solchen Einwürfen kann 
man einem angeblich objektiven Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit 
nichts anhaben. Der Widerspruch muß aufs intellektuelle Gebiet über- 
setzt werden, wenn er laut werden soll. Nun liegt es in der mensch- 
lichen Natur, daß man geneigt ist, etwas für unrichtig zu halten, 
wenn man es nicht mag, und dann ist es leicht, Argumente dagegen 
zu finden. Die Gesellschaft macht also das Unliebsame zum Unrich- 
tigen, bestreitet die Wahrheiten der Psychoanalyse mit logischen 
und sachlichen Argumenten, aber aus affektiven Quellen, und hält 
diese Einwendungen als Vorurteile gegen alle Versuche der Wider- 
legung fest. 

Wir aber dürfen behaupten, meine Damen und Herren, daß wir 
bei der Aufstellung jenes beanständeten Satzes überhaupt keine Ten- 
denz verfolgt haben. Wir wollten nur einer Tatsächlichkeit Ausdruck 
geben, die wir in mühseliger Arbeit erkannt zu haben glaubten. Wir 



I. Einleitujig 1 7 



nehmen auch jetzt das Recht in Anspruch, die Einmengung solclier 
praktischer Rücksichten in die wissenschaftliche Arbeit unbedingt 
zurückzuweisen, auch ehe wir untersucht haben, ob die Refürchtung, 
welche uns diese Rücksichten diktieren will, berechtigt ist oder nicht. 
Das wären nun einige der Schwierigkeiten, welche Ihrer Reschäf- 
tigung mit der Psychoanalyse entgegenstehen. Es ist vielleiclit melir 
als genug für den Anfang. Wenn Sie deren Eindruck überwinden 
können, wollen wir fortsetzen. 



Freud, VH. 



II. VORLESUNG 

DIE FEHLLEISTUNGEN 

Meine Damen und Herren ! Wir beginnen nicht mit Voraussetzun- 
gen, sondern mit einer Untersuchung. Zu deren Objekt wählen wir 
gewisse Phänomene, die sehr häufig, sehr bekannt und sehr wenig 
gewürdigt sind, die insofern nichts mit Krankheilen zu tun haben, 
als sie bei jedem Gesunden beobachtet werden können. Es sind dies 
die sogenannten Fehlleistungen des Menschen, wie wenn jemand 
etwas sagen will und dafür ein anderes Wort sagt, das Versprechen, 
oder ihm dasselbe beim Schreiben geschieht, was er entweder be- 
merken kann oder nicht; oder wenn jemand im Druck oder in der 
Schrift etwas anderes liest, als was da zu lesen ist, das Verlesen- 
ebenso wenn er etwas falsch hört; was zu ihm gesagt wird, das Ver- 
hören, natürlich ohne daß eine organische Störung seines Hörver- 
mögens dabei in Betracht kommt. Eine andere Reihe solcher Erschei- 
nungen hat ein Vergessen zur Grundlage, aber kein dauerndes, son- 
dern ein nur zeitweiHges, z. B. wenn jemand einen Namen nicht 
finden kann, den er doch kennt und regelmäßig wiedererkennt, oder 
wenn er einen Vorsatz auszuführen vergißt, den er doch später er- 
innert, also nur für einen gewissen Zeitpunkt vergessen hatte. In einer 
dritten Reihe enttällt diese Bedingung des nur Zeitweiligen, z. B. 
beim Verlegen, wenn jemand einen Gegenstand irgendwo unter- 
bringt und ihn nicht mehr aufzufinden weiß, oder beim ganz ana- 
logen Verlieren. Es liegt da ein Vergessen vor, welches man anders 



II. Die Fehlleistungen la 



behandelt als anderes Vergessen^ über das man sich wundert oder 
ärgert, anstatt es begreiflich zu finden. Daran schließen sich gewisse 
Irrtümerjbei denen wieder die Zeitweiligkeit zum Vorschein kommt, 
indem man eine Zeitlang etwas glaubt, wovon man doch vorher und 
später weiß, daß es anders ist, und eine Anzahl von ähnlichen Er- 
scheinungen unter verschiedenen Namen. 

Es sind das alles Vorfälle, deren innere Verwandtschaft durch die 
gleiche Bezeichnung mit der Vorsilbe „ver-" zum Ausdruck kommt, fast 
alle von unwichtiger Natur, meist von sehr flüchtigem Bestand, ohne 
viel Bedeutung im Leben der Menschen. Nur selten erhebt sich eines 
davon w^ie das Verlieren von Gegenständen zu einer gewissen prak- 
tischen Wichtigkeit. Sie finden darum auch nicht viel Aufmerksam- 
keit, erregen nur schwache Affekte usw^. 

Für diese Phänomene will ich also jetzt Ihre Aufmerksamkeit 
in Anspruch nehmen. Sie aber werden mir unmutig entgegenhal- 
ten: „Es gibt soviel großartige Rätsel in der Welt wie in der enge- 
ren des Seelenlebens, so viele Wunder auf dem Gebiet der Seelen- 
störungen, die Aufklärung fordern und verdienen, daß es wirk- 
lich mutwillig scheint, Arbeit und Interesse an solche Kleinigkeiten 
zu vergeuden. Wenn Sie uns verständlich machen könnten, wieso 
ein Mensch mit gesunden Augen und Ohren bei lichtem Tag Dinge 
sehen und hören kann, die es nicht gibt, warum ein anderer sich 
plötzlich von denen verfolgt glaubt, die ihm bisher die Liebsten 
waren, oder mit der scharfsinnigsten Begründung Wahngebilde ver- 
tritt, die jedem Kinde als unsinnig erscheinen müssen, dann wür- 
den wir etwas von der Psychoanalyse halten, aber wenn sie nichts 
anderes kann als uns damit zu beschäftigen, warum ein Festredner 
einmal ein Wort für ein anderes sagt, oder warum eine Hausfrau 
ihre Schlüssel verlegt hat und ähnliche Nichtigkeiten, dann werden 
auch wir mit unserer Zeit und unserem Interesse etwas Besseres an- 
zufangen wissen." 

Ich würde Ihnen antworten: Geduld, meine Damen und Herren! 
Ich meine, Ihre Kritik ist nicht auf der richtigen Spur. Es ist wahr, 



30 P'orlesungen zur EhifiihTuii^ in die Psychoanalyse 

die Psychoanalyse kann nicht von sich rühmen, daß sie sich nie 
mit Kleinigkeiten abgegeben hat. Im Gegenteil, ihren Beobachtungs- 
stoff bilden gewöhnlich jene unscheinbaren Vorkommnisse, die von 
den anderen Wissenschaften als allzu geringfügig hei Seile geworfen 
werden, sozusagen der Abhub der Erscheinungswelt. Aber verwech- 
seln Sie in Ihrer Kritik nicht die Großartigkeit der Probleme mit der 
Auffälligkeit der Anzeichen ? Gibt es nicht sehr bedeutungsvolle Dinge, 
die sich unter gewissen Bedingungen und zu gewissen Zeiten nur 
dinrch ganz schwache Anzeichen verraten können? Ich könnte Ihnen 
mit Leichtigkeit mehrere solche Situationen anführen. Aus welchen 
geringfügigen Anzeichen schließen Sie, die jungen Männer unter 
Ihnen, daß Sie die Neigung einer Dame gewonnen haben? Warten 
Sie dafür eine ausdrückliche Liebeserklärung, eine stürmische Um- 
armung ab, oder reicht Ihnen nicht ein von anderen kaum bemerkter 
Blick, eine flüchtige Bewegung, eine Verlängerung des Händedrucks 
um eine Sekunde aus? Und w^enn Sie als Kiüminalbeamter an der 
Untersuchung einer Mordtat beteiligt sind, erwarten Sie dann wirk- 
lich ZU finden, daß der Mörder seine Photographie samt beigefügter 
Adresse an dem Tatorte zurückgelassen hat, oder werden Sie sich 
nicht notwendigerweise mit schwächeren und undeutlicheren Spuren 
der gesuchten Persönlichkeit begnügen? Lassen Sie uns also die kleinen 
Anzeichen nicht unterschätzen; vielleicht gelingt es, von ihnen aus 
Größerem auf die Spur zu kommen. Und dann, ich denke wie Sie, 
daß die großen Probleme in Welt und Wissenschaft das erste Anrecht 
an unser Interesse haben. Aber es nützt meistens nur sehr wenig, 
wenn man den lauten Vorsatz faßt, sich jetzt der Erforschung dieses 
oder jenes großen Problems zuzuwenden. Man weiß dann oft nicht, 
wohin man den nächsten Schritt richten soll. In der w issenschaftlichen 
Arbeit ist es_ aussichtsreicher, das anzugreifen, was man gerade vor 
sich hat und zu dessen Erforschun g sich ein Weg ergibt. Macht . 
nian das recht gründlich, voranssetzungs- und erwartungslos und hat 
man Glück, so kann sich infolge des Zusammenhanges, der alles mit. 
alleni verknüpft, auch das Kleine mit dem Großen, auch aus so an- 



■\ - 



//, Die Fehlleistungen 21 



spruchsloser Arbeit ein Zugang^^um_SmdiyKLÄ^r^roßea Probleme 
ergebeiij^ 

So würde ich also sprechen, um Ihr Interesse bei der Behandlung 
der anscheinend so nichtigen Fehlleistungen der Gesunden festzu- 
halten. Wir wollen jetzt irgend jemanden, dem die Psychoanalyse 
fremd ist, heranziehen und ihn fragen, wie er sich das Vorkommen 
solcher Dinge erklärt. 

Er wird gewiß zuerst antworten; O, das ist keiner Erklärung wert; 
das sind kleine Zufälligkeiten. Was meint der Mann damit? Will er 



behaupten, daß es nocli so kleine Geschehnisse gibt, die aus der Ver- 
kettuiig des Weltgeschehens herausfallen, die ebensogut nicht sein 
konn ten, wie sie sind? Wenn jemand so den natürlichen Determinis- 
mus an einer einzigen Stelle durchbricht, hat er die ganze wissen- 
schaftlidieWeltanschauung über den Haufen geworfen. Man darf ihm 
dann vorhalten, um wie vieles konsequenter sich selbst die religiöse 
Weltanschauung benimmt, wenn sie nachdrücklicli versichert, es falle 
kein Sperling vom Dach ohne Gottes besonderen Willen. Ich meine, 
unser Freund wird die Konsequenz aus seiner ersten Antwort nicht 
ziehen wollen, er wird einlenken und sagen, wenn er diese Dinge 
studiere, finde er allerdings Erklärungen für sie. Es handle sich um 
kleine Entgleisungen der Funktion, Ungenauigkeiteh der seelischen 
Leistung, deren Bedingiuagen sich angeben ließen. Ein Mensch, der 
sonst richtig sprechen kann, mag sich in der Rede versprechen, 1 . wenn 
er leicht unwohl und ermüdet ist, 2. wenn er aufgeregt, 5. wenn er 
von anderen Dingen überstark in Anspruch genommen ist. Es ist 
leicht, diese Angaben zu bestätigen. Das Versprechen tiitt wirklich 
besonders häufig auf, wenn man ermüdet ist, Kopfschmerzen hat oder 
vor einer Migräne steht. Untei* denselben Umständen ereignet sich 
leicht das Vergessen von Eigennamen. Manche Personen sind daran 
gewöhnt, an diesem Entfallen der Eigennamen die herannahende 
Migräne zu erkennen. Auch in der Aufregung verwechselt man oft 
die Worte, aber auch die Dinge, mau '^, vergreift sich , und das Ver- 
gessen von Vorsätzen, sowie eine Menge von anderen unbeabsichtigten 



23 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Handlungen wird auffällig, wenn man zerstreut^ d. h. eigentlich auf 
etwas anderes konzentriert ist. Ein bekanntes Beispiel solcher Zer- 
streutheit ist der Professor der „Fliegenden Blätter", der seinen Schirm 
stehen läßt und seinen Hut verwechselt, weil er an die Probleme 
denkt, die er in seinem nächsten Buch behandeln wird. Beispiele dafür, 
wie man Vorsätze, die man gefaßt, Versprechungen, die man gemacht 
hat, vergessen kann, weil man inzwischen etwas erlebt hat, wovon 
man stark in Anspruch genommen wurde, kennt jeder von uns aus 
eigener Erfahrung. 

Das klingt so ganz verständig und scheint auch gegen Widerspruch 
gefeit zu sein. Es ist vielleicht nicht sehr interessant, nicht so, wie 
wir es erwartet haben. Fassen wir diese Erklärungen der Fehlleistungen 
näher ins Auge. Die Bedingungen, die für das Zustandekommen dieser 
Phänomene angegeben werden, sind unter sich nicht gleichartig. Un- 
wohlsein und Zirkulationsstörung geben eine physiologische Begrün- 
dung für die Beeinträchtigung der normalen Funktion; Erregung, Er- 
müdung, Ablenkung sind Momente anderer Art, die man psycho- 
physiologische nennen könnte. Diese letzteren lassen sich leicht in 
Theorie übersetzen. Sowohl durch die Ermüdung wie durch die Ab- 
lenkung, vielleicht auch durch die allgemeine Erregung, wird eine 
Verteilung der Aufmerksamkeit hervorgerufen, die zur Folge haben 
kann, daß sich der betreffenden Leistung zu wenig Aufmerksamkeit 
zuwendet. Diese Leistung kann dann besonders leicht gestört, un- 
genau ausgeführt werden. Leichtes Kranksein, Abänderungen der 
Blutversorgung im nervösen Zentralorgan können dieselbe Wirkung 
haben, indem sie das maßgebende Moment, die Verteilung der Auf- 
merksamkeit in ähnlicher Weise beeinflussen. Es würde sich also in 
allen Fällen um die Effekte einer Aufmerksamkeitsstörung handeln, 
entweder aus organischen oder aus psychischen Ursachen. 

Dabei scheint nicht viel für unser psychoanalytisches Interesse 
herauszuschauen. Wir könnten uns versucht fühlen, das Thema wieder 
aufzugeben. Allerdings, wenn-wir näher auf die Beobachtungen ein- 
gehen, stimmt nicht alles zu dieser Aufmerksamkeitstheorie der Fehl- 



1 



II. Die Fehlleistungen 25 



leistungen oder leitet sich wenigstens nicht natürhch aus ihr ab. Wir 
machen die Erfahrung, daß solche Fehlhandlungen und solches Ver- 
gessen auch hei Personen vorkommen, die nicht ermüdet, zerstreut 
oder aufgeregt sind, sondern sich nach jeder Richtung in ihrem Nor- 
malzustand befinden, es sei denn, man. wolle den Betreffenden gerade 
wegen der Fehlleistung nachträglich eine Aufgeregtheit zuschreiben, 
zu welcher sie sich aber selbst nicht bekennen. Es kann auch nicht 
so einfach zugehen, daß eine Leistung durch die Steigerung der auf 
sie gerichteten Aufmerksamkeit garantiert, durch die Herabsetzung 
derselben gefährdet wird. Es gibt eine große Menge von Verrich- 
tungen, die man rein automatisch, mit sehr geringer Aufmerksam- 
keit vollzieht, und dabei doch ganz sicher ausführt. Der Spazier- 
gänger, der kaum weiß, wo er geht, hält doch den richtigen Weg 
ein und macht am Ziele halt, ohne sich vergangen zu haben. 
Wenigstens in der Regel trifft er es so. Der geübte Klavierspieler 
greift, ohne daran zu denken, die richtigen Tasten. Er kann sich 
natürlich auch einmal vergreifen, aber wenn das automatische Spie- 
len die Gefahr des Vergreifens steigerte, müßte gerade der Vir- 
tuose, dessen Spiel durch große Übung ganz und gar automatisch 
geworden ist, dieser Gefahr am meisten ausgesetzt sein. Wir sehen 
im Gegenteil, daß viele Verrichtungen ganz besonders sicher geraten, 
wenn sie nicht Gegenstand einer besonders hohen Aufmerksamkeit 
sind, und daß das Mißgeschick der Fehlleistung gerade dann auf- 
treten kann, wenn an der richtigen Leistung besonders viel gelegen 
ist, eine Ablenkung der nötigen Aufmerksamkeit also sicherlich 
nicht stattfindet. Man kann dann sagen, das sei der Effekt der „Auf- 
regung", aber wir verstehen nicht, warum die Aufregung die Zu- 
wendung der Aufmerksamkeit zu dem mit soviel Interesse Beab- 
sichtigten nicht vielmehr steigert. Wenn jemand in einer wichtigen 
Rede oder mündlichen Verhandlung durch ein Versprechen das 
Gegenteil von dem stigt, was er zu sagen beabsichtigt, so ist das nach 
der psycho-physiologischen oder Aufmerksamkeitstheorie kaum zu 
erklären. 



24 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Es gibt auch bei den Fehlleistungen so viele kleine Nebenerschei- 
nungen, die man nicht versteht, und die uns durch die bisherigen 
Aufklärungen nicht näher gebracht werden. Wenn man z. B. einen 
Namen zeitweilig vergessen hat, so ärgert man sich darüber, will 
ihn durchaus erinnern und kann von der Aufgabe nicht ablassen. 
Warum gelingt es dem Geärgerten so überaus selten, seine Aufmerk- 
samkeit, wie er doch mächte, auf das Wort zu lenken, das ihm, ^vie 
er sagt, „auf der Zunge liegt", und das er sofort erkennt, wenn es 
vor ihm ausgesprochen wird? Oder: es kommen Fälle vor, in denen 
die Fehlleistungen sich vervielfältigen, sich miteinander verketten, 
einander ersetzen. Das erste Mal hatte man ein Rendezvous vergessen; 
das nächste Mal, für das man den Vorsatz, ja nicht zu vergessen, ge- 
faßt hat, stellt es sich heraus, daß man sich irrtümlich eine andere 
Stunde gemerkt hat. Man sucht sich auf Umwegen auf ein verges- 
senes Wort zu besinnen, dabei entfällt einem ein zweiter Name, der 
beim Aufsuchen des ersten hätte behilflich sein können. Geht man 
jetzt diesem zweiten Namen nach, so entzieht sich ein dritter usw. 
Dasselbe kann sich bekanntlich auch bei Druckfehlern ereignen, die 
ja als Fehlleistungen des Setzers aufzufassen sind. Ein solcher hart- 
näckiger Druckfehler soll sich einmal in ein sozialdemokratisches 
Blatt eingeschlichen haben. In dem Berichte über eine gewisse Fest- 
lichkeit war zu lesen: Unter den Anwesenden bemerkte man auch 
seine Hoheit, den Kornprinzen. Am nächsten Tag wurde eine Kor- 
rektur versucht. Das Blatt entschuldigte sich und schrieb: Es hätte 
natürlich heißen sollen: den Knorprinzen. Man spricht in solchen 
Fällen gerne vom Druckfehlerteufel, vom Kobold des Setzkastens und 
dergleichen, Ausdrücke, die jedenfalls über eine psycho-physiologische 
Theorie des Druckfehlers hinausgehen. 

Ich weiß auch nicht, ob Ihnen bekannt ist, daß man das Ver- 
sprechen provozieren, sozusagen durch Suggestion hervorrufen kann. 
Eine Anekdote berichtet hiezu : Als einmal ein Neuling auf der Bühne 
mit der wichtigen Rolle betraut war, in der „Jungfrau von Orleans" 
dem König zu melden, daß der Conndtable sein Schwert zurückschickt, 



IL Die Fehlleistungen 25 



machte sich ein Heldendarsteller den Scherz, während der Prohe dem 
schüchternen Anfänger wiederholt anstatt dieses Textes vorzusagen; 
Der Komfortabel schickt sein Pferd zurück, und er erreichte seine 
Absicht. In der Vorstellung debütierte der Unglückliche wirklich mit 
dieser abgeänderten Meldung, obwohl er genug gewarnt war oder 
vielleicht gerade darum. 

Alle diese Ideinen Züge der Fehlleistxmgen werden durch die 
Theorie der Aufmerksamkeitsentziehung nicht gerade aufgeklärt. 
Aber darum braucht diese Theorie noch nicht falsch zu sein. Es fehlt 
ihr vielleicht an etTvas, an einer Ergänzung, damit sie voll befriedigend 
werde. Aber auch manche der Fehlleistungen selbst können noch von 
einer anderen Seite betrachtet werden. 

Greifen wir als die für unsere Absichten geeignetste unter den 
Fehlleistungen, das Versprechen heraus. Wir könnten ebensogut 
das Verschreiben oder Verlesen wählen. Da müssen wir uns denn 
einmal sagen, daß wir bisher ntu- danach gefragt haben, wann, unter 
welchen Bedingungen man sich verspricht, und auch nur darauf eine 
Antwort bekommen haben. Mau kann aber auch sein Interesse anders 
richten und wissen wollen, warum man sich gerade in dieser Weise 
verspricht und in keiner anderen; man kann das in Betracht ziehen, 
was beim Versprechen herauskommt. Sie sehen ein, solange man nicht 
diese Frage beantwortet, den Effekt des Versprechens aufklärt, bleibt 
das Phänomen nach seiner psychologischen Seite eine Zufälligkeit, 
mag es auch eine physiologische Erklärung gefunden haben. Wenn 
sich mir ein Versprechen ereignet, könnte ich mich offenbar in un- 
endlich vielen Weisen versprechen, für das eine richtige Wort eines 
von tausend anderen sagen, ungezählt viele Entstellungen an dem 
richtigen Wort vornehmen. Gibt es nun irgend etwas, was mir im 
besonderen Falle von allen möglichen gerade die eine Weise des Ver- 
sprechens aufdrängt, oder bleibt das Zufall, Willkür und läi3t sich zu 
dieser Frage vielleicht überhaupt nichts Vernünftiges vorbringen? 

Zwei Autoren, Meringer und Mayer (ein Philologe und ein Psy- 
chiater), haben denn auch im .Tahre 1895 den Versuch gemacht, die 



F 



26 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Frage des Versprechens von dieser Seite hei' anzugreifen. Sie haben 
Beispiele gesammelt und zunächst nach rein deskriptiven Gesichts- 
punkten beschrieben. Das gibt natürlich noch keine Erklärung, kann 
aber den Weg zu ihr finden lassen. Sie unterscheiden die Entstel- 
lungen, welche die intendierte Rede durch das Versprechen erfährt, 
ais: Vertauschungen, Vorklänge, Nachklänge, Vermengungen (Kon- 
tan:iinationen) und Ersetzungen (Substitutionen). Ich werde Ihnen 
von diesen Hauptgruppen der beiden Autoren Beispiele vorführen. 
Ein Fall von Vertauschung ist es, wenn jemand sagt: Die Milo von 
Venus anstatt: Die Venus von Milo (Vertauschung in der Reihen- 
folge der Worte); ein Vorklang: Es war mir auf der Schwest . . . 
auf der Brust so schwer; ein Nachklang wäre der bekannte verun- 
glückte Toast: Ich fordere Sie auf, auf das Wohl unseres Chefs auf- 
zustoßen. Diese drei Formen des Versprechens sind nicht gerade 
häufig. Weit zahlreicher werden Sie die Beobachtung finden, in denen 
das Versprechen durch eine Zusammeuziehung oder Vermengung 
entsteht, z. B. wenn ein Herr eine Dame auf der Straße mit den 
Worten anspricht: Wenn Sie gestatten, mein Fräulein, möchte ich 
Sie gerne begleit — digen. In dem Mischwort steckt außer dem Be- 
gleiten offenbar auch das Beleidigen, (Nebenbei, der junge Mann 
wird bei der Dame nicht viel Erfolg gehabt haben.) Als eine Erset- 
zung führen M. und M. den Fall an, daß einer sagt: Ich gebe die 
Präparate in den Briefkasten anstatt Brütkasten u, dgl. 

Der Erklärungsversuch, den die beiden Autoren auf ihre Samm- 
lung von Beispielen gründen, ist ganz besonders unzulänglich. Sie 
meinen, daß die Laute und Silben eines Wortes verschiedene Wertig- 
keit haben, und daß die Innervation des hochwertigen Elements die 
der minderwertigen störend beeinflussen kann. Dabei fußen sie offen- 
bar auf den an sich gar nicht so häufigen Vor- und Nachklängen; 
für andere Erfolge des Versprechens kommen diese Lautbevorzu- 
gungen, wenn sie überhaupt existieren, gar nicht in Betracht. Am 
häufigsten verspricht man sich doch, indem man anstatt eines Wortes 
ein anderes, ihm sehr ähnliches sagt, und diese Ähnlichkeit genügt 



II. Die Fehlleistungen 27 



vielen zur Erklärung des Versprechens. Zum Beispiel ein Professor 
in seiner Antrittsrede: Ich bin nicht geneigt (geeignet), die Ver- 
dienste meines sehr geschätzten Vorgängers zu würdigen. Oder ein 
anderer Professor: Beim weiblichen Genitale hat man trotz vieler 
Versuchungen . . . Pardon: Versuche . . . 

Die gewöhnlichste und auch die auffalligste Art des Versprechens 
ist aber die zum genauen Gegenteil dessen, w^as man zu sagen be- 
absichtigt. Dabei kommt man natürlich von den Lautbeziehungen 
und ÄhnHchkeitswirkungen weit ab und kann sich zum Ersatz dafür 
darauf berufen, daß Gegensätze eine starke begriffliche Verwandt- 
schaft miteinander haben und einander in der psychologischen Asso- 
ziation besonders nahestehen. Es gibt historische Beispiele dieser 
Art: Ein Pi'äsident unseres Abgeordnetenhauses eröffnete einmal 
die Sitzung mit den Worten: Meine Herren, ich konstatiere die 
Anwesenheit von . . . Mitgliedern und erkläre somit die Sitzung für 
geschlossen. 

Ähnlich verführerisch wie die Gegensatzbeziehung wirkt dann 
irgendeine andere geläufige Assoziation, die unter Umständen recht 
unpassend auftauchen kann. So wird z. B. erzählt, daß bei einer Fest- 
lichkeit zu Ehren der Heirat eines Kindes von H. Helmholtz 
mit einem Kinde des bekannten Entdeckers und Großindustriellen 
W. Siemens der berühmte Physiologe Dubois-Reymond die Fest- 
rede zu halten hatte. Er schloß seinen sicherlich glänzenden Toast 
mit den Worten: Also es lebe die neue Firma: Siemens und — 
Halske! Das war natürlich der Namen der alten Firma. Die Zusam- 
menstellung der beiden Namen mußte dem Berliner ebenso geläufig 
sein wie etwa dem Wiener die: Riedel und Beutel. 

So müssen wir also zu den Lautbeziehungen und zur Wortähnlich- 
keit noch den Einfluß der Wortassoziationen hinzunehmen. Aber damit 
nicht genug. In einer Reihe von Fällen scheint die Aufklärung des beo- 
bachteten Versprechens nicht eher zu gelingen, als bis wir mit in 
Betracht gezogen haben, was einen Satz vorher gesprochen oder auch 
nur gedacht wurde. Also wiederum ein Fall von Nachklingen, wie 



28 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



der von Meringer betonte, nur von größerer Ferne her. — Ich muß 
gestehen, ich habe im ganzen den Eindruck, als wären wir jetzt einem 
Verständnis der Fehlleistung des Versprechens ferner gerückt denn jel 
Indes, ich hoffe nicht irre zu gehen, wenn ich es ausspreche, daß 
wir alle während der eben angestellten Untersuchung einen neuen 
Eindruck von den Beispielen des Versprechens bekommen haben, bei 
dem zu verweilen sich doch lohnen könnte. Wir hatten die Bedin- 
gungen untersucht, unter denen ein Versprechen überhaupt zustande 
kommt, dann die Einflüsse, welche die Art der Entstellung durch 
das Versprechen bestimmen, aber den Effekt des Versprechens für 
sich allein, ohne Rücksicht auf seine Entstehung, haben wir noch 
gar nirht ins Auge gefaßt. Entschließen wir uns auch dazn, so müssen 
wir endlich den Mut finden zu sagen: In einigen der Beispiele hat 
ja auch das einen Sinn, was beim Versprechen zustande gekommen 
ist. Was heißt das, es hat einen Sinn? Nun, es will sagen, daß der 
Effekt des Versprechens vielleicht ein Recht darauf hat, seilast als ein 
vollgültiger psychischer Akt, der auch sein eigenes Ziel verfolgt, als 
eine Äußerung von Inhalt und Bedeutung aufgefaßt zu werden. Wir 
haben bisher immer von Fehlhandlungen gesprochen, aber ietzt I 

scheint es, als oh manchmal die Fehlhandlung selbst eine »anz 
ordentliche Handlung wäre, die sich nur an die Stelle der anderen 
erwarteten oder beabsichtigten Handlung gesetzt hat. 

Dieser eigene Sinn der Fehlhandlung scheint ja in einzelnen Fällen 
greifbar und unverkennbar zu sein. Wenn der Präsident die Sitzung 
des Abgeordnetenhauses mit den ersten Worten schließt, anstatt sie 
zu eröffnen, so sind wir infolge unserer Kenntnis der Verhältnisse, 
unter denen sich dies Versprechen vollzog, geneigt, diese Fehlhand- 
lung sinnvoll zu finden. Er erwartet sich nichts Gutes von der Sit- 
zung und wäre froh, sie sofort ^vieder abbrechen zu können. Das Auf- 
zeigen dieses Sinnes, also die Deutung dieses Versprechens macht uns 
gar keine Schwierigkeiten. Oder wenn eine Dame anscheinend an- 
erkennend eine andere fragt: Diesen reizenden neuen Hut haben Sie 
sich wohl selbst aufgepatzt? — so wird keine Wissenschaftlichkeit 



IT, Die Fe)illei.iiim߀n 39 



der Welt uns abhalten können, aus diesem Versprechen eine Äuße- 
rung herauszuhören: Dieser Hut ist eine Patzei-ei. Oder -wenn eine 
als energisch bekannte Dame erzählt: Mein Mann hat den Doktor 
gefragt, welche Diät er einhalten soll. Der Doktor hat aber gesagt, 
er braucht keine Diät, er kann essen und trinken, was ich will, so 
ist dies Versprechen doch anderseits der unverkennbare Ausdruck 
eines konsequenten Programms. 

Meine Damen und Herren, wenn es sich herausstellen sollte, daß 
nicht nur einige wenige Fälle von Versprechen und von Fehlleistungen 
überhaupt einen Sinn haben, sondern eine größere Anzahl von ihnen, 
so wird unvenneidUch dieser Sinn der Fehlleistungen, von dem bis- 
her noch nicht die Rede war, für uns das Interessanteste werden und 
alle anderen Gesichtspunkte mit Recht in den Hintergrund drängen. 
VVir können dann alle physiologischen oder psycho-physiologischen 
Momente bei Seite lassen und dürfen uns rein psychologischen Unter- 
suchungen über den Sinn, d. i. die Bedeutung, die Absicht der Fehl- 
leistung hingeben. Wir werden es also nicht verabsäumen, demnächst 
öin größeres Beobachtungsmaterial auf diese Erwartung zu prüfen. 

Ehe wir aber diesen Vorsatz ausfuhren, möchte ich Sie einladen, 
mit mir eine andere Spur zu verfolgen. Es ist wiederholt vorgekommen, 
daß ein Dichter sich des Versprechens oder einer anderen Fehlleistung 
als Mittels der dichterischen Darstellung bedient hat. Diese Tatsache 
muß uns für sich allein beweisen, daß er die Fehlleistung, das Ver- 
sprechen z. B-, für etwas Sinnvolles hält, denn er produziert es ja 
absichtlich. Es geht doch nicht so vor, daß der Dichter sich zufällig 
verschreibt und dann sein Verschreiben bei seiner Figur als ein Ver- 
sprechen bestehen läßt. Er will uns durch das Versprechen eLwas 
zum Verständnis bringen, und wir können ja nachsehen, was das 
sein mag, ob er uns etwa andeuten will, daß die betreffende Person 
zerstreut und ermüdet ist oder eine Migräne zu erwarten hat. Natür- 
lich wollen wir es nicht überschätzen, wenn das Versprechen vom 
Dichter als sinnvoll gebraucht wird. Es könnte doch in Wirklichkeit 
sinnlos sein, eine psychische Zufälligkeit oder nur in ganz seltenen 



go Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Fällen sinnreich, und der Dichter behielte das Recht, es durch die 
Ausstattimg mit Sinn zu vergeistigen, um es für seine Zwecke zu 
gebrauchen. Zu verwundern wäre es aber auch nicht, wenn wir über 
das Versprechen vom Dichter mehr zu erfahren hätten als vom Philo- 
logen und vom Psychiater. 

Ein solches Beispiel von Versprechen findet sich in Wallenstein 
(Piccolomini, erster Aufzug, fünfter Auftritt). Max Piccolomini hat 
in der vorhergehenden Szene aufs leidenschaftlichste für den Herzog 
Partei genommen und dabei von den Segnungen des Friedens ge- 
schwärmt, die sich ihm auf seiner Reise enthüllt, während er die 
Tochter Wallensteins ins Lager begleitete. Er läßt seinen Vater und 
den Abgesandten des Hofes, Questenberg, in voller Bestürzung zurück. 
Und nun geht der fünfte Auftritt weiter: 

QUESTENBERG: O weh uns! Steht es so? 
Freund, und wir lassen ihn in diesem Wahn 
Dahingehn, rufen ihn nicht gleich ! 

Zurück, daß wir die Augen auf der Stelle 
Ihm öffnen? 

OCTAViO (am linem tiefen Nat^denJan zu sich h>mmcnJ): 

Mir hat er sie jetzt geöffnet, 

Und mehr erblick ich, als mich freut. 
QUESTENBERG: Was ist es, Freund? 
OCTAVIO: Fluch über diese Reise I 

QUESTENBERG: Wieso? Was ist es? 
OCTAVIO: Kommen Sie! Ich muß 

Sogleich die unglückselige Spur verfolgen. 

Mit meinen Augen sehen — kommen Sie 

(will ihn fortführen) 

QUESTENBERG: Was denn? Wohin? 
OCTAVIO (prcsiicri).- Zu ihr! 
QUESTENBERG: Zu — 
OCTAVIO (korrigiirt sich); Zum Herzog! Gehen wir 

usw. 

Octavio wollte sagen „zu ihm", zum Herzog, verspricht sich aber 
und verrät durch seine Worte „zu ihr" uns wenigstens, daß er den 



//. Die Fehlleistungen 7.\ 

Einfliaß, welcher den jungen Kriegshelden für den Frieden schwärmen 
macht, sehr wohl erkannt hat. 

Ein noch eindrucksvolleres Beispiel hat 0. Rank bei Shakespeare 
entdeckt. Es findet sich im „Kaufmann von Venedig" in der berühmten 
Szene der Wahl des glücklichen Liebhabers zwischen den drei Käst- 
chen, und ich kann vielleicht nichts Besseres tun, als Ihnen die kurze 
Darstellung von Rank hier vorlesen. 

„Ein dichterisch überaus fein motiviertes und technisch glänzend 
verwertetes Versprechen, welches wie das von Freud im Wallen- 
stein aufgezeigte verrät, daß die Dichter Mechanismus und Sinn 
dieser Fehlleistung wohl kennen und deren Verständnis auch beim 
Zuhörer voraussetzen, findet sich in Shakespeares „Kaufmann 
von Venedig" (dritter Aufzug, zweite Szene). Die durch den Willen 
ihres Vaters an die Wahl eines Galten durch das Los gefesselte Porzia 
ist bisher allen ihren unliebsamen Freiern durch das Glück des Zu- 
falls entronnen. Da sie endlich in Bassanio den Bewerber gefunden 
hatj dem sie wirklich zugetan ist, mui3 sie fürchten, daß auch er das 
falsche Los ziehen werde. Sie möchte ihm nun am liebsten sagen, 
daß er auch in diesem Falle ihrer Liebe sicher sein könne, ist aber 
durch ihr Gelübde daran gehindert. In diesem inneren Zwiespalte 
läßt sie der Dichter zu dem willkommenen Freier sagen: 
Ich bitt Euch, wartet; ein, zwei Tage noch. 
Bevor Ihr wagt: denn wählt Ihr falsch, so büße 
Ich Euem Umgang ein; darum verzieht. 
Ein Etwas sagt mir (doch es ist nicht Liebe), 
Ich möcht Euch nicht verlieren; — — — 

Ich könnt Euch leiten 

Zur rechten Wahl, dann brach ich meinen Eid; 

Das will ich nicht; so könnt Ihr mich verfehlen. 

Doch wenn Ihr's tut, macht Ihr mich sündlich wünschen, 

Ich hält' ihn nur gebrochen. O, der Äugen, 

Die mich so iibersehn und mich geteilt I 

Halb bin ich Euer, dieandre HalfteEuer — 

Mein wollt ich sagen; doch wenn mein, dann Euer, 

Und so ganz Euer. (Nach der Übrrtetxung von Schlegel und Tieck.) 



52 Vorlesunf^en zur Einführung in die Psychoanalyse 



Gerade das, was sie ihm also bloß leise andeuten möchte, weil sie 
es eigentlich ihm überhaupt verschweigen sollte, daß sie nämlich 
schon vor der Wahl ganz die Seine sei und ihn liebe, das läßt der 
Dichter mit bewundernswertem psychologischen Feingefühl in dem 
Versprechen sich offen durchdrängen und weiß durch diesen Kunst- 
griff die unerträgliche Ungewißheit des Liebenden sowie die gleich 
gestimmte Spannung des Zuhörers über den Ausgang der Wahl zu 
beruhigen." 

Wollen Sie noch bemerken, wie fein Porzia zwischen den beiden 
Aussagen, die in dem Versprechen enthahen sind, am Ende vermit- 
telt, wie sie den zwischen ihnen bestehenden Widerspruch aufhebt 
und schließlich doch dem Versprechen Recht gibt: 

Doch, wenn mein, dann Euer, 
Und so ganz Euer. 

Gelegentlich hat auch ein der Medizin fernestehender Denker den 
Sinn einer Fehlleistung mit einer Bemerkung aufgedeckt und uns 
die Bemühung um dei'en Auf kläning vorweggenommen. Sie kennen 
alle den geistreichen Satiriker Lichtenberg (174a — 1799), von dem 
Goethe gesagt hat: Wo er einen Spaß macht, liegt ein Problem ver- 
borgen. Nun gelegentlich kommt durch den Spaß auch die Lösung 
des Problems zu Tage. Lichtenberg notiert in seinen witzigen und [■ 

satirischen Einfällen den Satz: Er las inmier Agamemnon anstatt 
„angenommen", so sehr hatte er den Homer gelesen. Das ist wirk- 
lich die Theorie des Verlesens. . \ 

Das nächstemal wollen wir prüfen, ob wir in der Auffassung der 

Fehlleistungen mit den Dichtern gehen können. J 

i 
\ 



in. VORLESUNG 

DIE FEHLLEISTUNGEN 

(Fortsetzung) 

Meine Damen und Herren! Wir sind das vorigemal auf den Ein- 
fall gekommen, die Fehlleistung nicht im Verhältnis zu der von ihr 
gestörten, beabsichtigten Leistung zu betrachten, sondern an und 
für sich, haben den Eindruck empfangen, daß sie in einzelnen Fällen 
ihren eigenen Sinn zu verraten scheint, und haben ims gesagt, wenn 
es in größerem Umfange zu bestätigen wäre, daß die Fehlleistxmg 
einen Sinn hat, so würde uns dieser Sinn bald interessanter werden 
als die Untersuchung der Umstände, unter denen die Fehlleistung 
zustande kommt. 

Einigen wir uns noch einmal darüber, was wir unter dem „Sinn" 
eines psychischen Vorganges verstehen wollen. Nichts anderes als die 
Absicht, der er dient, und seine Stellung in einer psychischen Reihe. 
Für die meisten unserer Untersuchungen können wir „Sinn" auch 
durch „Absicht", „Tendenz" ersetzen. War es also nur ein täuschen- 
der Schein oder eine poetische Erhöhung der Fehlleistung, wenn wir 
in ihr eine Absicht zu erkennen glaubten? 

Bleiben wir den Beispielen des Versprechens treu und überblicken 
eine größere Anzahl solcher Beobachtungen. Da finden wir denn 
ganze Kategorien von Fällen, in denen die Absicht; der Sinn des Ver- 
sprechens klar zu Tage liegt. Vor allem die, in denen das Gegenteil 
an die Stelle des Beabsichtigten tritt. Der Präsident sagt in der Er- 
Freud, Vit. , 



54 



Vorlesungen zw Einführung in die Psychoanalyse 



fV/ 



(\^ 1 



l^ 



Öffnungsrede: „Ich erkläre die Sitzung für geschlossen". Das ist doch 
unzweideutig. Sinn und Absicht seiner Fehlrede ist, daß er die Sit- 
zung schließen will. „Er sagt es ja selbst", möchte man dazu zitierenj 
wir brauchen ihn ja nur beim Wort zu nehmen. Stören Sie mich 
jetzt nicht mit der Einrede, daß dies nicht möglich ist, daß wir ja 
wissen er wollte die Sitzung nicht schließen, sondern eröffnen, und 
daß er selbst, den wir eben als oberste Instanz anerkannt haben, be- 
stätigen kann, daß er eröffnen wollte. Sie vergessen dabei, daß wir 
übereingekommen sind, die Fehlleistung zunächst an und für sich zu 
' betrachten; ihr Verhältnis zur Intention, die sie stört, soll erst später 
' zur Sprache kommen. Sie machen sich sonst eines logischen Fehlers 
schuldig, durch den Sie das in Behandlung stehende Problem glatt 
wegeskamotieren, was im Englischen begging the question heißt. 

In anderen Fällen, wo man sicli nicht gerade zum Gegenteil ver- 
sprochen hat, kann doch durch das Versprechen ein gegensätzlicher 
Sinn zum Ausdruck kommen. „Ich bin nicht geneigt, die Verdienste 
meines Vorgängers zu würdigen." Geneigt ist nicht das Gegenteil 
Ton geeignet, aber es ist ein offenes Geständnis, in scharfem Gegen- 
satz zur Situation, in welcher der Redner sprechen soll. 

In noch anderen Fällen fügt das Versprechen zu dem beabsichtig- 
ten Sinne einfach einen zweiten hinzu. Der Satz hört sich dann an 
wie eine Zusammenziehung, Verkürzung, Verdichtung aus mehreren 
Sätzen. So die energische Dame: Er kann essen und trinken, was ich 
will. Das ist gerade so, als ob sie erzählt hätte: Er kann essen und 
trinken, was er will; aber was hat er denn zu wollen? An seiner statt 
will ich. Die Versprechen machen oft den Eindruck solcher Verkür- 
zungen, z. B. wenn ein Anatoniieprofessor nach seinem Vortrag über 
die Nasenhöhle fragt, ob die Hörer es auch verstanden haben, und 
ob der alleenieinen Bejahung fortsetzt: Ich glaube kaum, denn die 
Leute welche die Nasenhöhle verstehen, kann man selbst in einer 
Millionenstadt an einem Finger . . . Pardon, an den Fingern einer 
Hand abzählen. Die verkürzte Rede hat auch ihren Sinn; sie sagt, 
es gibt nur einen Menschen, der das versteht. 



///. Die Fehlleistungen 



35 



Diesen Gruppen von Fällen^ in denen die Fehlleistung ihren Sinn 
selbst zum Vorschein bringt, stehen andere gegenüber, in denen das 
Versprechen nichts an sich Sinnreiches geliefert hat, die also unseren 
Erwartungen energisch widersprechen. Wenn jemand durch Ver- 
sprechen einen Eigennamen verdreht oder ungebräuchliche Laut- 
folgen zusammenstellt, so scheint durch diese sehr häufigen Vor- 
kommnisse die Frage, ob alle Fehlhandlvingen etwas Sinnreiches 
leisten, bereits im ablehnenden Sinne entschieden zu sein. Allein bei 
näherem Eingehen auf solche Beispiele zeigt es sich, daß ein Ver- 
ständnis dieser Entstellungen leicht möglich wird, ja daß der Unter- 
schied zwischen diesen dunkleren und früheren klaren Fällen gar 
nicht so groß ist. 

Ein Herr, nach dem Befinden seines Pferdes befragt, antwortet: 
Ja, das draut . . . Das dauert vielleicht noch einen Monat. Befragt, 
was er eigentlich sagen wollte, erklärt er, er habe gedacht, das sei 
eine traurige Geschichte, der Zusammenstoß von „dauert" und 
„traurig" habe jenes „draut" ergeben. (Meringer und Mayer.) 

Ein anderer erzählt von irgendwelchen Vorgängen, die er bean- 
ständet, und setzt fort: Dann aber sind Tatsachen zum Vorschwein 
gekommen . . . Auf Anfragen bestätigt er, daß er diese Vorgänge als 
Schweinereien bezeichnen wollte. „Vorschein" und „Schweinerei" 
haben mitsammen das sonderbare „Vorschwein" entstehen lassen. 
(M. u. M.) 

Erinnern Sie sich an den Fall des jungen Mannes, der die ihm 
unbekannte Dame begleitdigen wollte. Wir hatten uns die Frei- 
heit genommen, diese Wortbildung in begleiten und beleidigen 
zu zerlegen, und fühlten uns dieser Deutung sicher, ohne für sie Be- 
stätigung zu fordern. Sie ersehen aus diesen Beispielen, daß auch 
diese dunkleren Falle des Versprechens sich durch das Zusammen- 
treffen, die Interferenz, zweier verschiedener Redeabsichten er- 
klären lassen; die Unterschiede entstehen nur dadurch, daß einmal 
die eine Absicht die andere völlig ersetzt (substituiert), so bei den Ver- 
sprechen zum Gegenteil, während sie sich ein andermal damit be- 



jg Vorlesungen zur Einfuhrung in die Psychoanalyse 



gnügen muß, sie zu entstellen oder zu modifizieren, so daß Misch- 
bildungen Zustandekommen, die an sich mehr oder minder sinnreich 
erscheinen. 

Wir glauben jetzt das Geheimnis einer großen Anzahl von Ver- 
sprechen erfaßt zu haben. Halten wir an dieser Einsicht fest, so 
werden wir noch andere bisher rätselhafte Gruppen verstehen kön- 
nen. Beim Namenentstellen können wir z. B. nicht annehmen, daß 
es sich immer um die Konkurrenz zweier ähnlicher und doch ver- 
schiedener Namen handelt. Aber die zweite Absicht ist doch un- 
schwer zu erraten. Die Entstellung eines Namens kommt außerhalb 
des Versprechens häufig genug vor; sie versucht den Namen übel- 
klingend oder an etwas Niedriges anklingend zu machen und ist eine 
bekannte Art oder Unart der Schmähung, auf die der gebildete Mensch 
bald verzichten lernt, aber nicht gerne verzichtet. Er gestattet sich 
dieselbe noch oft als „Witz" von allerdings sehr geringer Würde. 
Um nur ein grelles und häßliches Beispiel dieser Namensentstellung 
anzuführen, erwähne ich, daß man den Namen des Präsidenten der 
französischen Republik, Poincar^, in diesen Zeiten in „Schwems- 
karr^" umgewandelt hat. Es liegt also nahe, auch beim Versprechen 
eine solche schmähende Absicht anzunehmen, die sich in der Ent- 
stellung des Namens durchsetzt. Ähnhche Aufklärungen drängen sich 
uns in Fortführung unserer Auffassung für gewisse Fälle des Ver- 
sprechens mit komischem oder absurdem Effekt auf. „Ich fordere Sie 
auf, auf das Wohl unseres Chefs aufzustoßen." Hier wird eine feier- 
liche Stimmung unerwarteterweise durch das Eindringen eines Wortes 
gestört, das eine unappetitliche Vorstellung erweckt, und wir können 
nach dem Vorbild gewisser Schimpf- und Trutzreden kaum anderes 
vermuten, als daß sich eine Tendenz zum Ausdruck bringen will, die 
der vorgeschobenen Verehrung energisch widerspricht und etwa sagen 
will: Glaubt doch nicht daran, das ist nicht mein Ernst, ich pfeif auf 
den Kerl u. dgl. Ganz Ähnliches gilt für Versprechen, die aus harm- 
losen Worten unanständige und obszöne machen, wie Apopos für 
Apropos, oder Eischeißweibchen für Eiweißscheibchen. (M.u.M.) 



III. Die Fehlleistungen v.f 



Wir kennen bei vielen Menschen eine solche Tendenz, einem ge- 
wissen Lustgewimi zuliebe harmlose Worte absichtlich in obszöne 
zu entstellen; sie gilt für witzig, und in Wirklichkeit müssen wir 
bei einem Menschen, von dem wir solches hören, erst erkunden, ob 
er es absichtlich als Witz geäußert hat, oder ob es ihm als Versprechen 
passiert ist. 

Nun, da hätten wir ja mit verhältnismäßig geringer Mühe das 
Rätsel der Fehlleistungen gelöst! Sie sind nicht Zufälligkeiten, son- 
dern ernsthafte seelische Akte, sie haben ihren Sinn, sie entstehen 
durch das Zusammenwirken — vielleicht besser : Gegeneinanderwir- 
ken zweier verschiedener Absichten. Aber nun kann ich auch ver- 
stehen, daß Sie mich mit einer Fülle von Fragen und Zweifeln über- 
schütten wollen, die zu beantworten und zu erledigen sind, ehe wir 
uns dieses ersten Resultats unserer Arbeit fi-euen dürfen. Ich will Sie 
gewiß nicht zu voreiligen Entscheidungen antreiben. Lassen Sie uns 
alles der Reihe nach, eines nach dem anderen, in kühle Erwägung 
ziehen. 

Was wollen Sie mir wohl sagen? Ob ich meine, daß diese Auf- 
klärung für alle Fälle von Versprechen gilt oder nur für eine gewisse 
Anzahl? Ob man dieselbe Auffassung auch auf die vielen anderen 
Arten von Fehlleistungen ausdehnen darf, auf das Verlesen, Ver- 
schreiben, Vergessen, Vergreifen, Verlegen usw.? Was denn die Mo- 
mente der Ermüdung, Erregung, Zerstreutheit, die Aufmerksamkeits- 
störung angesichts der psychischen Natur der Fehlleistungen noch 
zu bedeuten haben? Ferner, man sieht ja wohl, daß von den beiden 
konkurrierenden Tendenzen der Fehlleistungen die eine immer offen- 
kundig ist, die andere aber nicht immer. Was man dann tut, um 
diese letztere zu erraten, und wenn man glaubt, sie erraten zu haben, 
wie man den Nachweis führt, daß sie nicht bloß wahrscheinHch, son- 
dern die einzig richtige ist? Haben Sie noch etwas zu fragen? Wenn 
nicht, so setze ich selbst fort. Ich erinnere Sie daran, daß uns eigent- 
lich an den Fehlleistungen selbst nicht viel gelegen ist, daß wir aus 
ihrem Studium nur etwas für die Psyclaoanalyse Verwertbares lernen 



g8 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

wollten. Darum stelle ich die Frage auf: was sind das für Absichten 
oder Tendenzen, die andere in solcher Weise stören können, und 
welche Beziehungen bestehen zwischen den störenden Tendenzen 
und den gestörten? So fängt unsere Arbeit erst nach der Lösung des 
Problems von neuem an. 

Also, ob dies die Aufklärung aller Fälle von Versprechen ist? Ich 
bin sehr geneigt, dies zu glauben, und zwar darum, weil sich jedes- 
mal, so oft man einen Fall von Versprechen untersucht, eine derar- 
tige Auflösung finden läßt. Aber es läßt sich auch nicht beweisen, 
daß ein Versprechen ohne solchen Mechanismus nicht vorfallen kann. 
Es mag so sein ; für uns ist es theoretisch gl eichgültig, denn die Schlüsse, 
welche wir für die Einführung in die Psychoanalyse ziehen wollen, 
bleiben bestehen, wenn auch nur, was gewiß nicht der Fall ist, eine 
Minderzahl von Fällen des Versprechens unserer Aulfassung unter- 
liegen sollte. Die nächste Frage, ob wir auf die anderen Arten der 
Fehlleistungen das ausdehnen dürfen, was sich uns für das Verspre- 
chen ergeben hat, will ich vorgreifend mit ja beantworten. Sie werden 
sich selbst davon überzeugen, wenn wir uns dazu wenden, Beispiele 
des Verschreibens, Vergreifens usw. in Untersuchung zu ziehen. Ich 
schlage Ihnen aber aus technischen Gründen vor, diese Arbeit auf- 
zuschieben, bis wir das Versprechen selbst noch gründlicher behan- 
delt haben. 

Die Frage, was die von den Autoren in den Vordergrund gerückten 
Momente der Zirkulationsstörung, Ermüdung, Erregung, Zerstreut- 
heit, die Theorie der Aufmerksamkeitsstörung uns noch bedeuten 
können, wenn wir den beschriebenen psychischen Mechanismus des 
Versprechens annehmen, verdient eine eingehendere Beantwortung. 
Bemerken Sie wohl, wir bestreiten diese Momente nicht. Es kommt 
überhaupt nicht so häufig vor, daß die Psychoanalyse etwas bestreitet, 
was von anderer Seite behauptet wird; sie fügt in der Regel nur 
etwas Neues hinzu, und gelegentlich trifft es sich freilich, daß dies 
bisher Übersehene und nun neu Dazugekommene gerade das Wesent- 
liche ist. Der Einfluß der physiologischen Dispositionen, die durch 



in. Die Fehlleistungen 59 



leichtes Unwohlsein, Zirkulationsstörungen, Erschöpfungszustände 
gegehen werden, ist für das Zustandekommen des Versprechens ohne 
weiteres anzuerkennen^ täghche und persönliche Erfahrung kann Sie 
davon Überzeugen. Aber wie wenig ist damit erklärt! Vor allem sind 
es nicht notwendige Bedingungen der FehUeistung. Das Versprechen 
ist ebensowohl bei voller Gesundheit und normalem Befinden mög- 
lich. Diese körperlichen Momente haben also nur den Wert von Er- 
leichterungen und Begünstigungen für den eigentümlichen seelischen 
Mechanismus des Versprechens. Ich habe für diese Beziehung einmal 
ein Gleichnis gebraucht, das ich nun wiederholen werde, weil ich es 
durch kein besseres zu ersetzen weiß. Nehmen Sie an, ich ginge in 
dunkler Nachtstunde an einem einsamen Orte, würde dort von einem 
Strolch überfallen, der mir Uhr und Börse wegnimmt, und trüge 
dann, weil ich das Gesicht des Räubers nicht deutlich gesehen habe, 
meine Klage auf der nächsten Polizeistatiou mit den Worten vor: 
Einsamkeit und Dunkelheit haben mich soeben meiner Kostbarkeiten 
beraubt. Der Pohzeikommissär kann mir darauf sagen: Sie scheinen 
da mit Unrecht einer extrem mechanistischen Auffassung zu hul- 
digen. Stellen wir den Sachverhalt lieber so dar: Unter dem Schutz 
der Dtmkelheit, von der Einsamkeit begünstigt, hat Ihnen ein un- 
bekannter Räuber Ihre Wertsachen entrissen. Die wesentliche Auf- 
gabe an Ihrem Falle scheint mir zu sein, daß wir den Räuber aus- 
findig machen. Vielleicht können wir ihm dann den Raub wieder 
abnehmen. 

Die psychophysiologischen Momente wie Aufregung, Zerstreut- 
heit, Aufmerksamkeitsslörung leisten uns offenbar sehr wenig für die 
Zwecke der Erklärung. Es sind nur Redensarten, spanische Wände, 
hinter welche zu gucken wir uns nicht abhalten lassen sollen. Es 
fragt sich vielmehr, was hier die Erregung, die besondere Ablenkung 
der Aufmerksamkeit hervorgerufen hat. Die Lauteiuflüsse, Wort- 
ähnhchkelten und die von den Worten auslaufenden gebräuchlichen 
Assoziationen sind wiedermn als bedeutsam anzuerkennen. Sie er- 
leichtern das Versprechen, indem sie ihm die Wege weisen, die es 



4» Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 






wandeln kann. Aber wenn ich einen Weg vor mir habe, ist damit 
auch wie selbstverständlich entschieden, daß ich ihn gehen werde? 
Es bedarf noch eines Motivs, damit ich mich zu ihm entschließe, und 
überdies einer Kraft, die mich auf diesem Wege vorwärts bringt. 
Diese Laut- und Wortbeziehungen sind also auch nur wie die körper- 
lichen Dispositionen Begünstigungen des Versprechens und können 
seine eigentliche Aufklärung nicht geben. Denken Sie doch daran, 
in einer Ungeheuern Überzahl von Fällen wird meine Rede nicht 
durch den Umstand gestört, daß die von mir gebrauchten Worte 
durch Klangähuhchkeit an andere erinnern, daß sie mit ihren Gegen- 
teilen innig verknüpft sind, oder daß gebräuchliche Assoziationen 
von ihnen ausgehen. Man könnte noch mit dem Philosophen Wundt 
die Auskunft finden, daß das Versprechen zustande kommt, wenn 
infolge von körperlicher Erschöpfung die Assoziationsneigungen die 
Oberhand über die sonstige Redeintention gewinnen. Das ließe sich 
sehr gut hören, wenn dem nicht die Erfahrung widerspräche, nach 
deren Zeugnis in einer Reihe von Fällen die körperlichen, in einer 
anderen die Assoziationsbegünstigungen des Versprechens vermißt 
werden. 

Besonders interessant ist mir aber Ihre nächste Frage, auf welche 
Weise man die beiden miteinander in Interferenz tretenden Tendenzen 
feststellt, Sie ahnen wahrscheinlich nicht, wie folgenschwer sie ist. 
Nicht wahr, die eine der beiden, die gestörte Tendenz, ist immer 
unzweifelhaft: die Person, welche die Fehlleistung begeht, kennt sie 
und bekennt sich zu ihr. Anlaß zu Zweifeln und Bedenken kann nur 
die andere, die störende, geben. Nun wir haben schon gehört und 
Sie haben es gewiß nicht vergessen, daß in einer Reihe von Fällen 
diese andere Tendenz ebenso deutlich ist. Sie wird durch den Effekt 
des Versprechens angezeigt, wenn wir nur den Mut haben, diesen 
Effekt für sich gelten zu lassen. Der Präsident, der sich zum Gegen- 
teil verspricht — es ist klar, er will die Sitzung eröffnen, aber ebenso 
klar, er möchte sie auch schließen. Das ist so deutlich, daß zum Deuten 
1 nichts übrig bleibt. Aber die anderen Fälle, in denen die störende 



///. Die Fehlleistungen 41 



Tendenz die ursprüngliche nur entstellt, ohne sich selbst ganz zum 
Ausdruck zu bringen, wie errät man bei ihnen die störende Tendenz 
aus der Entstellung? 

In einer ersten Reihe von Fällen auf sehr einfache und sichere 
Weise auf dieselbe Weise nämlich, wie man die gestörte Tendenz 
feststellt. Diese läßt man sich ja vom Redner unmittelbar mitteilen; 
nach dem Versprechen stellt er den ursprünglich beabsichtigten Wort- 
laut sofort wieder her. „Das draut, nein, das dauert vielleicht noch 
einen Monat." Nun, die entstellende Tendenz läßt man gleichfalls 
von ihm aussprechen. Man fragt ihn; Ja, warum haben Sie denu zu- 
erst „draut" gesagt? Er antwortet: Ich wollte sagen: Das ist eine 
traurige Geschichte, und im anderen Falle, beim Versprechen „Vor- 
schwein", bestätigt er Ihnen ebenso, daß er zuerst sagen wollte: Das 
ist eine Schweinerei, sich aber dann mäßigte und in eine andere 
Aussage einlenkte. Die Feststellung der entstellenden Tendenz ist 
hier also ebenso sicher gelungen wie die der entstellten. Ich habe 
auch nicht ohne Absicht hier Beispiele herangezogen, deren Mittei- 
lung und Auflösung weder von mir noch von einem meiner Anhänger 
herrühren. Doch war in diesen beiden Fällen ein gewisser Eingriff 
notwendig, um die Lösung zu fördern. Man mußte den Redner fragen, 
warum er sich so versprochen habe, was er zu dem Versprechen zu 
sagen wisse. Sonst wäre er vielleicht an seinem Versprechen vorbei- 
gegangen, ohne es aufklären zu wollen. Befragt, gab er aber die Er- 
klärung mit dem ersten Einfall, der ihm kam. Und nun sehen Sie, 
dieser kleine Eingriff und sein Erfolg, das ist bereits eine Psychoana- 
lyse und das Vorbild jeder psychoanalytischen Untersuchung, die wir 
im weiteren anstellen werden. 

Bin ich nun zu mißtrauisch, wenn ich vermute, daß in demselben 
Moment, da die Psychoanalyse vor Ihnen auftaucht, auch der Wider- 
stand gegen sie bei Ihnen sein Haupt erhebt? Haben Sie nicht Lust, 
mir einzuwenden, daß die Auskunft der befragten Person, die das 
Versprechen geleistet, nicht völlig beweiskräftig sei? Er habe natür- 
hch das Bestreben, meinen Sie, der Aufforderung zu folgen, das Ver- 



I 



+2 VorlesuTif^en zur Einführung in die Psychoanalyse 



Sprechen zu erklären, und da sage er eben das erste beste, was ihm 
einfalle, wenn es ihm zu einer solchen Erklärung tauglich erscheine. 
Ein Beweis, daß das Versprechen wirklich so zugegangen, sei damit 
nicht gegeben. Ja es könne so sein, aber ebensowohl auch anders. Es 
hätte ihm auch etwas andereseinfallen können, w^as ebenso gut und 
vielleicht besser gepaßt hätte. 

Es ist merkwürdig, wie wenig Respekt Sie im Grunde vor einer 
psychischen Tatsache haben! Denken Sie sich, jemand habe die che- 
mische Analyse einer gewissen Substanz vorgenommen und von einem 
Bestandteil derselben ein gewisses Gewicht, so und soviel Milligramm, 
gewonnen. Aus dieser Gewichtsmenge lassen sich bestimmte Schlüsse 
ziehen. Glauben Sie nun, daß es je einem Chemiker einfallen wird, 
diese Schlüsse mit der Motivierung zu bemängeln: die isolierte Sub- 
stanz hätte auch ein anderes Gewicht haben können? Jeder beugt 
sich vor der Tatsache, daß es eben dies Gewicht und kein anderes 
war, und baut auf ihr zuversichtlich seine weitereu Schlüsse auf. 
Nur wenn die psychische Tatsache vorhegtj daß dem Befragten ein 
bestimmter Einfall gekommen ist, dann lassen Sie das nicht gelten 
und sagen, es hätte ihm auch etwas anderes einfallen können! Sie 
haben eben die Illusion einer psychischen Freiheit in sich und mögen 
auf sie nicht verzichten. Es tut mir leid, daß ich mich hierin in schärf- 
stem Widerspruch zu Ihnen befinde. 

Nun werden Sie hier abbrechen, aber nur um den Widerstand an 
einer anderen Stelle wiederaufzunehmen. Sie fahren fort: Wir ver- 
stehen, daß es die besondere Technik der Psychoanalyse ist, sich die 
Lösung ihrer Probleme von den Analysierten selbst sagen zu lassen. 
Nun nehmen wir ein anderes Beispiel her, jenes, in dem der Fest- 
redner die Versammlung auffordert, auf das Wohl des Chefs aufzu- 
stoßen. Sie sagen, die störende Intention ist in diesem Falle die der 
Schmähung: sie ist es, die sich dem Ausdruck der Verehrung wider- 
setzt. Aber das ist bloße Deutung von Ihrer Seite, gestützt auf Beob- !i 
achtungen außerhalb des Versprechens. Wenn Sie in diesem Falle 
den Urheber des Versprechens befragen, wird er Ihnen nicht bestä- 



III, Die Fehlleistungen 45 



tigerij daß er eine Schmähung beabsichtigte j er wird es viehnehr 
energisch in Abrede stellen. Warum geben Sie Ihre unbeweisbare 
Deutung nicht gegen diesen klaren Einspruch auf? 

Ja, diesmal haben Sie etwas Starkes herausgefunden. Ich stelle mir 
den unbekannten. Festredner vor; er ist wahrsclieiuiich ein Assistent 
des gefeierten Chefs, vielleicht schon Privatdozent, ein junger Mann 
mit den besten Lebenschancen. Ich will in ihn drängen, ob er nicht 
doch etwas verspürt hat, was sich der Aufforderung zur Verehrung 
des Chefs widersetzt haben mag. Da komme ich aber schön an. Er 
wird ungeduldig und fährt plöLzlich auf mich los: „Sie, jetzt hören's 
einmal auf mit Ihrer Ausfragerei, sonst werd' ich ungemütlich. Sie 
verderben mir noch die ganze Karriere durch Ihre Verdächtigungen. 
Ich hab' einfach aufstoßen anstatt anstoßen gesagt, weil ich im selben 
Satz schon zweimal vorher auf ausgesprochen habe. Das ist das, was 
der Meringer einen Nachklang heißt, und weiter ist daran nichts 
zu deuteln. Verstehen Sie mich? Basta." Hm, das ist eine überraschende 
Reaktion, eine wirklich energische Ablehnung. Ich sehe, bei dem 
jungen Manu ist nichts auszurichten, denke mir aber auch, er verrät 
ein starkes persönliches Interesse daran, daß seine Fehlleistung keinen 
Sinn haben soll. Sie werden vielleicht auch finden, es ist nicht recht, 
daß er gleich so grob wird bei einer rein theoretischen Untersuchung, 
aber schließlich, werden Sie meinen, muß er doch eigentHch wissen, 
was er sagen wollte und was nicht. 

So, muß er das? Das wäre vielleicht noch die Frao-e. 

Jetzt glauben Sie mich aber in der Hand zu haben. Das ist also 
Ihre Technik, höre ich Sie sagen. Wenn der Betreffende, der ein 
Versprechen von sich gegeben hat, etwas dazu sagt, was Ihnen paßt, 
dann erklären Sie ihn für die letzte entscheidende Autorität darüber. 
„Er sagt es ja selbst!" Wenn Ihnen aber das, was er sagt, nicht in 
Ihren Kram paßt, dann behaupten Sie auf einmal, der gilt nichts, 
dem braucht man nicht zu glauben. 

Das stimmt allerdings. Ich kann Ihnen aber einen ähnlichen Fall 
vorstellen, indem es ebenso ungeheuerlich zugeht. Wenn ein Ange- 



r 



44 Vorlesungen zur Einßihrung in die Piychoanalyse 

klagter vor dem Richter sich zu einer Tat bekennt, so glaubt der 
Richter dem Geständnis^ wenn er aber leugnet, so glaubt ihm der 
Richter nicht. Wäre es anders, so gäbe es keine Rechtspflege, und 
trotz gelegentlicher Irrtümer müssen Sie dieses System doch wohl 
gelten lassen. 

Ja, sind Sie denn der Richter, und der, welcher ein Versprechen 
begangen hat, ein vor Ihnen Angeklagter? Ist denn ein Versprechen 
ein Vergehen? 

Vielleicht brauchen wir selbst diesen Vergleich nicht abzulehnen. 
Aber sehen Sie nur, zu welchen tiefgreifenden Differenzen wir bei 
einiger Vertiefung in die scheinbar so harmlosen Probleme der Fehl- 
leistungen gekommen sind. Differenzen, die wir derzeit noch gar 
nicht auszugleichen verstehen. Ich biete Ihnen ein vorläufiges Kom- 
promiß an auf Grund des Gleichnisses vom Richter und vom Ange- 
klagten. Sie sollen mir zugeben, daß der Sinn einer Fehlleistung j 
keinen Zweifel zuläßt, wenn der Analysierte ihn selbst zugibt. Ich | 
will Ihnen dafür zugestehen, daß ein direkter Beweis des vermuteten 
Sinnes nicht zu erreichen ist, wenn der Analysierte die Auskunft ver- 
weigert, natürlich ebenso, wenn er nicht zur Hand ist, um uns Aus- | 
kunft zu geben. Wir sind dann, wie im Falle der Rechtspflege, auf 
Indizien angewiesen, welche uns eine Entscheidung einmal mehr, 
ein andermal weniger wahrscheinlich machen können. Bei Gericht 
muß man aus praktischen Gründen auch auf Indizienbeweise hin 
schuldig sprechen. Für uns besteht eine solche Nötigung nicht; wir 
sind aber auch nicht gezwungen, auf die Verwertung solcher Indizien / 
zu verzichten. Es wäre ein Irrtum zu glauben, daß eine Wissenschaft f 
aus lauter streng bewiesenen Lehrsätzen besteht, und ein Unrecht, i 
solches zu fordern. Diese Forderung erhebt nur ein autoritätsüchtiges 
Gemüt, welches das Bedürfnis hat, seinen religiösen Katechismus 
durch einen anderen, wenn auch wissenschaftlichen, zu ersetzen. | 
Die Wissenschaft hat in ihrem Katechismus nur wenige apodiktische ' 
Sätze, sonst Behauptungen, die sie bis zu gewissen Stufengraden von 
Wahrscheinlichkeit gefördert hat. Es ist geradezu ein Zeichen voni 



i 



III. Die Fehlleistungen 45 



wissenschaftlicher Denkungsartj wenn man an diesen Annäherungen 
an die Gewißheit sein Genüge finden und die konstruktive Arbeit 
trotz der mangelnden letzten Bekräftigungen fortsetzen kann. 

Woher nehmen wir aber die Anhaltspunkte für unsere Deutungen, 
die Indizien für unseren Beweis im Falle, daß die Aussage des Ana- 
lysierten den Sinn der Fehlleistung nicht selbst aufklärt? Von ver- 
schiedenen Seiten her. Zunächst aus der Analogie mit Phänomenen 
außerhalb der Fehlleistungen, z, B. wenn wir behaupten, daß das 
Namenentstellen als Versprechen denselben schmähenden Sinn hat 
wie das absichtliche Namenverdrehen. Sodann aber aus der psychi- 
schen Situation, in welcher sich die Fehlleistung ereignet, aus unserer 
Kenntnis des Charakters der Person, welche die Fehlhandlung be- 
geht, und der Eindrücke, welche diese Person vor der Fehlleistung 
betroffen haben, auf die sie möglicherweise mit dieser Fehlleistung 
reagiert. In der Regel geht es so vor sich, daß wir nach allgemeinen 
Grundsätzen die Deutung der Fehlleistung vollziehen, die also zu- 
nächst nur eine Vermutung, ein Vorschlag zur Deutung ist, imd uns 
dann die Bestätigung aus der Untersuchung der psychischen Situation 
holen. Manchmal müssen wir auch kommende Ereignisse abwarten, 
welche sich durch die Fehlleistung gleichsam angekündigt haben, 
um unsere Vermutung bekräftigt zu finden. 

Ich kann Ihnen die Belege hiezu nicht leicht erbringen, wenn ich 
mich auf das Gebiet des Versprechens einschränken soll, obwohl sich 
auch hier einzelne gute Beispiele ergeben. Der junge Mann, der eine 
Dame begleildigeu möchte, ist gewiß ein Schüchterner; die Dame, 
deren Mann essen und trinken darf, was sie will, kenne ich als eine 
der energischen Frauen, die das Regiment im Hause zu führen ver- 
stehen. Oder nehmen Sie folgenden Fall: In einer Generalversamm- 
lung der „Concordia" hält ein junges Mitglied eine heftige Oppo- 
sitionsrede, in deren Verlauf er die Vereinsleitung als die Herren 
„Vorschußmitglieder" anredet, was aus Vorstand und Ausschuß 
zusammengesetzt erscheint. Wir werden vermuten, daß sich bei ihm 
eine störende Tendenz gegen seine Opposition regte, die sich auf 



46 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

etwaSj was mit einem Vorschuß zu tun hatte, stützen konnte. In der 
Tat erfahren wir von unserem Gewährsmann, daß der Redner in 
steten Geldnöten war und gerade damals ein Darlehensgesuch ein- 
gebracht hatte. Als störende Intention ist also wirklicli der Gedanke 
einzusetzen: mäßige dich in deiner Opposition; es sind dieselben 
Leute, die dir den Vorschuß bewilligen sollen. 

Ich kann Ihnen aber eine reiche Auswahl solcher Indizienbeweise 
vorlegen, wenn ich auf das weite Gebiet der anderen Fehlleistungen 
übergreife. 

Wenn jemand einen ihm sonst vertrauten Eigennamen vergißt 
oder ihn trotz aller Mühe nur schwer behalten kann, so liegt uns die 
Annahme nahe, daß er etwas gegen den Träger dieses Namens hat, 
so daß er nicht gerne an ihn denken mag; nehmen Sie die nach- 
stehenden Aufdeckungen der psychischen Situation, in welcher diese 
Fehlleistung eintrat, hiezu: 

„Ein Herr Y verliebte sich erfolglos in eine Dame, welche bald 
darauf einen Herrn X heiratete. Trotzdem nun Herr Y den Herrn X 
schon seit geraumer Zeit kennt und sogar in geschäftlichen Verbin- 
dungen mit ihm steht, vergißt er immer und immer wieder dessen 
Namen, so daß er sich mehrere Male bei anderen Leuten danach er- 
kundigen mußte, als er. mit Herrn X korrespondieren wollte."' 

Herr Y will offenbar nichts von seinem glücklichen Rivalen wissen. 
„Nicht gedacht soll seiner w^erden." 

Oder: Eine Dame erkundigt sich bei dem Arzt nach einer gemein- 
samen Bekannten, nennt sie aber bei ihrem Mädchennamen. Den in 
der Heirat angenommenen Namen hat sie vei'gessen, Sie gesteht dann 
zu, daß sie mit dieser Heirat sehr unzufrieden war und den Mann 
dieser Freundin nicht leiden mochte.* 

Wir werden vom Namenvergessen noch in anderen Hinsichten 
manches zu sagen haben; jetzt interessiert uns vorwiegend die psy- 
chische Situation, in welche das Vergessen fällt. 

i) Nach C.G.Jung. 
2) Nach A. A. Brill. 



///. Die Fehlleistungen 47 



Das Vergessen von Vorsätzen läßt sich ganz allgemein auf eine 
gegensätzliche Strömung zurückführen, welche |den Vorsatz nicht 
ausführen will. So denken aber nicht nur wir in der Psychoanalyse 
sondern es ist die allgemeine Auffassung der Menschen, der sie im 
Leben alle anhängen, die sie erst in der Theorie verleugnen. Der 
Gönner, der sich vor seinem Schützling entschuldigt, er habe dessen 
Bitte vergessen, ist vor ihm nicht gerechtfertigt. Der Schützling denkt 
sofort: Dem liegt nichts darauj er hat es zwar versprochen, aber er 
will es eigentlich nicht tun. In gewissen Beziehungen ist daher auch 
im Leben das Vergessen verpönt, die Differenz zwischen der popu- 
lären und der psychoanalytischen Atiffassung dieser Fehlleistungen 
scheint aufgehoben. Stellen Sie sich eine Hausfrau vor, die den Gast 
mit den Worten empiängt: Was, heute kommen Sie? Ich habe ja 
ganz vergessen, daß ich Sie für heute eingeladen hatte. Oder den 
jungen Mann, welcher der Geliebten gestehen sollte, daß er vergessen 
hatte, dasletzthesprochene Rendezvous einzuhalten. Er wird es gewiß 
nicht gestehen, lieber aus dem Stegreife die unwahrscheinlichsten 
Hindernisse erfinden, die ihn damals abgehalten haben zu kommen, 
und es ihm seither unmöglich gemacht haben, davon Nachricht zu 
geben. Daß in militärischen Dingen die Entschuldigung, etwas ver- 
gessen zu haben, nichts nützt und vor keiner Strafe schützt, wissen 
wir alle und müssen es bereclitigt finden. Hier sind mit einem Male 
alle Menschen darin einig, daß eine bestimmte Fehlhandlung sinn- 
reich ist, und welchen Sinn sie hat. Warum sind sie nicht konsequent 
genug, diese Einsicht auf die anderen Fehlleistungen auszudehnen 
und sich voll zu ihr zu bekennen? Es gibt natürlich auch hierauf eine 
Antwort. 

Wenn der Sinn dieses Vergessens von Vorsätzen auch den Laien 
so wenig zweifelhaft ist, so werden Sie um so weniger überrascht 
sein zu finden, daß Dichter diese Fehlleistung in demselben Sinne 
verwerten. Wer von Ihnen „Cäsar und Kleopatra" von B. Shaw 
gesehen oder gelesen hat, wird sich erinnern, daß der scheidende 
Cäsar in der letzten Szene von der Idee verfolgt wird, er habe sich 



48 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

noch etwas vorgenommen, was er aber ietzt vergessen habe. Endlict 
stellt sich heraus, was das ist: von der Kleopatra Abschied zu nehmen. 
Diese kleine Veranstaltung des Dichters will dem großen Cäsar eine 
Überlegenheit zuschreiben, die er nicht besaß und nach der er gar 
nicht strebte. Sie können aus den geschichtlichen Quellen erfahren, 
daß Cäsar die Kleopatra nach Rom nachkommen ließ, und daß sie 
dort mit ihrem kleinen Cäsarion weilte, als Cäsar ermordet wurde, 
worauf sie flüchtend die Stadt verließ. 

Die Fälle des Vergessens von Vorsätzen sind im allgemeinen so klar, 
daß sie für unsere Absicht, Indizien für den Sinn der Fehlleistung 
aus derpsychischen Situation abzuleiten, wenigbrauchbarsind. Wenden 
wir uns darum zu einer besonders vieldeutigen und undurchsichtigen 
Fehlhandlung, zum Verlieren und Verlegen. Das beim Verlieren, einer 
oft so schmerzlich empfundenen Zuiälligkeit, wir selbst mit einer Ab- 
sicht beteiligt sein sollten, werden Sie gewiß nicht glaubwürdig finden. 
Aber es gibt reichlich Beobachtungen wie diese: Ein junger Mann 
verliert seinen Crayon, der ihm sehr lieb gewesen war. Tags zuvor 
hatte er einen Brief von seinem Schwager erhalten, der mit den Worten 
schloß: Ich habe vorläufig weder Lust noch Zeit, Deinen Leichtsinn 
und Deine Faulheit zu unterstützen.^ Der Bleistift war aber gerade 
ein Geschenk dieses Schwagers. Ohne dieses Zusammentreffen könnten 
wir natürlich nicht behaupten, daß an diesem Verlieren die Absicht 
beteiligt war, sich der Sache zu entledigen. Ähnliche Fälle sind sehr 
häufig. Man verliert Gegenstände, wenn man sich mit dem Geber 
derselben verfeindet hat und nicht mehr an ihn erinnert werden will, 
oder auch, wenn man sie selbst nicht mehr mag und sich einen Vor- 
wand schaffen will, sie durch andere und bessere zu ersetzen. Derselben 
Absicht gegen einen Gegenstand dient natürlich auch das Fallenlassen, 
Zerbrechen, Zerschlagen. Kanu man es für zulällig halten, wenn ein 
Schulkind gerade vor seinem Geburtstag seine Gebrauchsgegenstände 
verliert, ruiniert, zerbricht, z. B. seine Schultasche und seine Taschen- 
uhr? 

i) Nach B. Dattner. 



///. Die Fehlleistungen .g 



Wer genug oft die Pein erlebt hat, etwas nicht auffinden zu können 
was er selbst weggelegt hat, wird auch an die Absicht beim Verleben 
nicht glauben wollen. Und doch sind die Beispiele gar nicht selten 
in denen die Beglcitun:istiinde des Verlegens auf eine Tendenz hin- 
weisen, den Gegenstand zeitweilig oder dauernd zu beseitigen. Viel- 
leicht das schönste Beispiel dieser Art ist folgendes; 

Ein jüngerer Manu erzählt mir: „Es gab vor einigen Jahren Miß- 
verständnisse in meiner Ehe, ich fand meine Frau zu kühl, und obwohl 
ich ihre vortrefflichen Eigenschaften gerne anerkannte, lebten wir 
ohne Zärtlichkeit nebeneinander. Eines Tages brachte sie mir von 
einem Spaziergange ein Buch mit, daß sie gekauft hatte, weil es mich 
interessieren dürfte. Ich dankte für dieses Zeichen von „Aufmerksam- 
keit", versprach das Buch zu lesen, legte es mh- zurecht und fand es 
nicht wieder. Monate vergingen so, in denen ich mich gelegemlich 
au dies verschollene Buch erinnerte und es auch vergebUch aufzufinden 
versuchte. Etwa ein halbes Jahr später erkrankte meine, getrennt von 
uns wohnende, geliebte Mutter. Meine Frau verließ daß Haus, um 
ihre Schwiegermutter zu pflegen. Der Zustand der Kranken wurde 
ernst und gab meiner Frau Gelegenheit, sich von ihren besten Seiten 
zu zeigen. Emes Abends komme ich begeistert von der Leistung meiner 

Frauunddankerfülltgegensienach Hause. Ich trete zu meinem Schreib- 
tisch, öffne ohne bestimmte Absicht, aber wie mit somnambuler Sicher- 
heit eine bestimmte Lade desselben, und zu oberst in ihr finde ich das 
so lange vermißte, das verlegte Buch." 

Mit dem Erlöschen des Motivs fand auch das Verlegtseiu des Gegen- 
standes ein Ende. 

Meine Damen und Herren! Ich könnte diese Sammlung von Bei- 
spielen ins Ungemessene vermehren. Ich will es aber hier nicht tun. 
In meiner „Psychopathologie des Alltagslebens" (i go i zuerst erschie- 
nen) finden Sie ohnedies eine überreiche Kasuistik zum Studium der 
Fehlleistungen.^ Alle diese Beisjiiele ergeben immer wieder das näni- 

i) Ebenso in den Sammlungen von A. Maeder (franz.), A. A. Brill (engl,), E.Jones 
.(engl.) J. Stärcke (liolländ.) u. a. 

Fread.Vll. . 



go Forlem neen zur Einführung in die Psychoanalyse 

liehen sie machen Ihneu wahrscheinlich, daß Fehlleistungen einen 
Sinn haben, und zeigen Ihnen, wie man diesen Sinn aus den Begleit- 
umständen errät oder bestätigt. Ich fasse mich heute kürzer, weil wir 
uns ja auf die Absicht eingeschränkt haben, aus dem Studium dieser 
Phänomene Gewinn für eine Vorbereitung zur Psychoanalyse zu 
ziehen. Nur auf zwei Gruppen von Beobachtungen muß ich hier noch 
eingehen, auf die gehäuften und kombinierten Fehlleistungen und 
auf die Bestätigung unserer Deutungen durch später eintreffende 

Ereignisse. 

Die gehäuften und kombinierten Fehlleistungen sind gewiß die 
höchste Blüte ihrer Gattung. Käme es uns nur darauf an, zu beweisen, 
daß Fehlleistungen einen Sinn haben können, so hätten wir uns von 
vorneherein auf sie beschränkt, denn bei ihnen ist der Sinn selbst für 
eine stumpfe Einsicht unverkennbar und weiß sich dem kritischesten 
Urteil aufzudrängen. Die Häufung der Äußerungen verrät eine Hart- j 

näckigkeit, wie sie dem Zufall fast niemals zukommt, aber dem Vor- t 

satz gut ansteht. Endlich die Vertauschung der einzelnen Arten von 
Fehlleistung miteinander zeigt uns, was das Wichtige und Wesent- \ 

liehe der FehlleisLung ist: nicht die Form derselben oder die Mittel, i 

deren sie sich bedient, sondern die Absicht, der sie selbst dient und 
die auf den verschiedensten Wegen erreicht werden soll. So will ich 
Ihnen einen Fall von wiederholtem Vergessen vorführen: E. Jones 
erzähh, daß er einmal aus ihm unbekannten Motiven einen Brief 
mehrere Tage lang auf seinem Schreibtisch hatte liegen lassen. End- 
lich entschloß er sich dazu, ihn aufzugeben, erhielt ihn aber vom 
„Dearf letter ofßce'' zurück, denn er hatte vergessen, die Adresse zu 
schreiben. Nachdem er ihn adressiert hatte, brachte er ihn zur Post, 
aber diesmal ohne Briefmarke. Und nun mußte er sich die Abneigung, 
den Brief überhaupt abzusenden, endlich eingestehen. ■ j 

In einem anderen Falle kombiniert sich ein Vergreifen mit einem 
Verlegen. Eine Dame reist mit ihrem Schwager, einem berühmten 
KünsÜer, nach Rom. Der Besucher wird von den in Rom lebenden 
Deutschen sehr gefeiert und erhält unter anderem eine goldene Me- 



III. Die Fehlleistungen 51 



daille antiker Herkunft zum Geschenk. Die Dame kränkt sich dar- 
über, dal3 ihr Schwager das schöne Stück nicht genug zu schätzen 
weiß. Nachdem sie, von ihrer Schwester abgelöst, wieder zu Hause 
angelangt ist, entdeckt sie beim Auspacken, daß sie die Medaille — 
sie weiß nicht wie — mitgenommen hat. Sie teilt es sofort dem Schwa- 
ger brieflich mit und kündigt ihm an, daß sie das Entführte am 
nächsten Tage nach Rom^ zurückschicken wird. Am nächsten Tage 
aber ist die MedaiUe so geschickt verlegt, daß sie unauffindbar und 
unabsendbar ist, und dann dämmert der Dame, was ihre „Zerstreut- 
heit" bedeute, nämlich, daß sie das Stück für sich selbst behalten wolle. ' 
Ich habe Ihnen schon früher ein Beispiel der Kombination eines 
Vergessens mit einem Irrtum berichtet, wie jemand ein erstesmal ein 
Rendezvous vergißt und das zweitemal mit dem Vorsatz, gewiß nicht 
zu vergessen, zu einer anderen als der verabredeten Stunde erscheint. 
Einen ganz analogen Fall hat mir aus seinem eigenen Erleben ein 
Freund erzählt, der außer wissenschaftlichen auch literarische Inter- 
essen verfolgt. Er sagt; „Ich habe vor einigen Jahren die Wahl in 
den Ausschuß einer bestimmten literarischen Vereinigung angenom- 
men, weil ich vermutete, die Gesellschaft könnte mir einmal behilf- 
lich sein, eine Aufführung meines Dramas durchzusetzen, und nahm 
regelmäßig, wenn auch ohne viel Interesse, an den jeden Freitag statt- 
findenden Sitzungen teil. Vor einigen Monaten erhielt ich nun die 
Zusicherung einer Aufführung am Theater in F. und seither passierte 
es mir regelmäßig, daß ich die Sitzungen jenes Vereins vergaß. 
Als ich Ihre Schrift über diese Dinge las, schämte ich mich meines 
Vergessens, machte mir Vorwürfe, es sei doch eine Gemeinheit, daß 
ich jetzt ausbleibe, nachdem ich die Leute nicht mehr brauche, und 
beschloß, nächsten Freitag gewiß nicht zu vergessen. Ich erinnerte 
mich an diesen Vorsatz immer wieder, bis ich ihn ausführte und vor 
der Tür des Sitzungssaales stand. Zu meinem Erstaunen war sie ge- 
schlossen, die Sitzung war schon vorüber^ ich hatte mich nämlich im 
Tage geirrt: es war schon Samstag!" 

i) Nach R. R eitler. 



52 ForUsimgen zur Einfiili rtm^ in die Psychoanalyse 

Es wäre reizvoll gemig, iihnlichc BeoLaclitungen zu sammeln, aber 
ich gehe weiter; ich will Sie einen Blick auf jene Fälle werfen lassen, in 
denen unsere DeuLimg auf Bestätigung durch die Zukunft warten muß. 

Die Hauptbedingung dieser Fälle ist begreifh eher weise, daß die 
gegenwärtige psychische Situation uns unbekannt oder unserer Er-^ 
kundigung unzugänglich ist. Dann hat unsere Deutung nur den Wert 
einer Vermutung, der wir selbst nicht zuviel Gewicht beilegen wollen. 
Später ereignet sich aber etwas, was iius zeigt, wie berechtigt unsere 
Deutung schon damals war. Einst war ich als Gast bei einem jung- 
verheirateten Paare und hörte die jmige Frau lachend ihr letztes Er- 
lebnis erzählen, wie sie am Tage nach der Rückkehr von der Reise 
wieder ihre ledige Schwester aufgesucht habe, um mit ihr, \vie in 
früheren Zeiten, Einkäufe zu machen, während der Ehemann seinen 
Geschäften nachging. Plötzlich sei ihr ein Herr auf der anderen Seite 
der Straße aufgefallen und sie habe, ihre Schwester anstoßend, ge- 
rufen: Schau, dort geht ja der HerrL. Sie hatte vergessen, daß dieser 
Herr seit einigen Wochen ihr Ehegemahl war. Mich schauerte bei 
dieser Erzählung, aber ich getraute mich der Folgerung nicht. Die 
kleine Geschichte fiel mir erst Jahre später wieder ein, nachdem diese 
Ehe den unglücklichsten Ausgang genommen hatte. 

A. M a e d e r erzählt von einer Dame, die am Tage vor ihrer Hoch- 
zeit ihr Hochzeitskleid zu probieren vergessen hatte und sich zur Ver- 
zweiflung der Schneiderin erst spät abends daran erinnerte. Er bringt 
es in Zusammenhang mit diesem Vergessen, daß sie bald nachher von 
ihrem Manne geschieden war. — Ich kenne eine jetzt von ihrem 
Manne geschiedene Dame, die bei der Verwaltung ihres Vermögens 
Dokumente häufig mit ihrem Mädchennamen unterzeichnet l^at, viele 
Jahre vorher, ehe sie diesen wirklich annahm. — Ich weiß von anderen 
Frauen, die auf der Hochzeitsreise ihren Ehering verloren haben, und I 

weiß auch, daß der Verlauf der Ehe diesem Zufall Sinn verliehen hat. J 

Und nun noch ein grelles Beispiel mit besserem Ausgang. Man er- | 

zähh von einem berühmten deutschen Chemiker, daß seine Ehe darum | 

nicht zustande kam, weil er die Stunde der Trauung vergessen liatte 



III. Die FfhlleJstunßen 53 



und anstatt in die Kirche ins Laboratorium gegangen war. Er war 
so klugj es bei dem einen Versuch, bewenden zu lassen^ und starb 
unverehelicht in hohem Alter. 

Vielleicht ist Ihnen auch der Einfall gekommen, daß in diesen Bei- 
spielen die Fehlhandlungen an die Stelle der Omina oder Vorzeichen 
der Alten getrcLen sind. Und wirklich, ein Teil der Omina waren 
nichts anderes als Fehlleistungen, z. B. wenn jemand stolperte oder 
niederfiel. Ein anderer Teil trug allerdings die Charaktere des objek- 
tiven Geschehens, nicht die des subjektiven Tuns. Aber sie würden 
nicht glauben, wie schwer es manchmal wird, bei einem bestimmten 
Vorkommnis zu entsclieiden, ob es zu der einen oder zu der anderen 
Gruppe gehört. Das Trin versteht es so häufig, sich als ein passives 
Erleben zu maskieren. 

Jeder von ims, der auf längere Lebenserfahrung zurückblicken kann, 
wird sich wahrscheinlich sagen, daß er sich viele Enttäuschungen 
und schmerzliche Überraschungen erspart hätte, wenn er den Mut 
und Entschluß gefunden, die kleinen Fehlhaudlungen im Verkehr 
der Menschen als Vorzeichen zu deuten und als Anzeichen ihrer noch 
geheimgehaltenen Absichten zu verwerten. Man wagt es meist nicht;^ 
man käme sich so vor, als würde man auf dem Umwege über die 
Wissenschaft wieder abergläubisch werden. Es treffen ja auch nicht 
alle Vorzeichen ein, und Sie werden aus unseren Theorien verstehen, 
daß sie nicht alle einzutreffen brauchen. 



IV. VORLESUNG 

DIE FEHLLEISTUNGEN 

(Scliluß) 

Meine Damen und Herren! Daß die Felilleistungen einen Sinn 
haben, dürfen wir doch als daß Ergebnis unserer bisherigen Bemühun- 
gen hinstellen und zur Grundlage unserer weiteren Untersuchungen 
nehmen. Nochmals sei betont, daß wir nicht behaupten, — und für 
unsere Zwecke der Behauptung nicht bedüi'fen, — daß jede einzelne 
vorkommende Fehlleistung sinnreich sei, wiewohl ich das für wahr- 
scheinlich halte. Es genügt uns, wenn wir einen solchen Sinn relativ 
häufig bei den verschiedenen Formen der Fehlleistung nachweisen. 
Diese verschiedenen Formen vorhalten sich übrigens in dieser Hin- 
sicht verschieden. Beim Versprechen, Verschreiben usw. mögen Fälle 
mit rein physiologischer Begründung vorkommen, bei den auf Ver- 
gessen beruhenden Arten (Namen und Yorsatzvergessen, Verlegen 
usw.) kann ich an solche nicht glauben, ein Verlieren gibt es sehr 
wahrscheinlich, das als unbeabsichtigt zu erkennen ist; die im Leben 
vorfallenden Irrtümer sind überhaupt nur zu einem gewissen Anteil 
unseren Gesichtspunkten unterworfen. Diese Einschränkungen wollen 
Sie imi Auge behalten, wenn wir fortan davon ausgehen, daß Fehl- 
leistungen psychische Akte sind und durch die Interferenz zweier 
Absichten entstehen. 

Es ist dies das erste Resultat der Psychoanalyse. Von dem Vorkommen 
solcher Interferenzen und der Möglichkeit, daß dieselben derartige 



IV. Die Fehlleistungen 55 



Erscheinungen zur Folge haben, hat die Psychologie bisher nichts 
gewußt. Wir haben das Gebiet der psychischen Erscheinungswelt um 
ein ganz ansehnliches Stück erweitert und Phänomene für die Psycho- 
logie erobert, die ihr früher nicht zugerechnet wurden. 

Verweilen wir noch einen Moment bei der Behauptung, die Fehl- 
leistungen seien „psychische Akte". Enthält sie mehr als unsere sonstige 
Aussage, sie hätten einen Sinn? Ich glaube nicht; sie ist vielmehr eher 
unbestimmter und mißverständlicher. Alles, was man am Seelenleben 
beobachten kann, wird man gelegentlich als seelisches Phänomen be- 
zeichnen. Es wird bald darauf ankommen, ob die einzelne seelische 
Äußerung direkt aus körperlichen, organischen, materiellen Ein- 
wirkungen hervorgegangen ist, in welchem Falle ihre Untersuchung 
nicht der Psychologie zufällt, oder ob sie sich zunächst aus anderen 
seelischen Vorgängen ableitet, hinter denen dann irgendwo die Reihe 
der organischen Einwirkungen anfängt. Den letzteren Sachverhalt 
haben wir im Auge, wenn wir eine Erscheinung als einen seelischen 
Vorgang bezeichnen, und darum ist es zweckmäßiger, unsere Aussage 
in die Form zu kleiden: die Erscheinung sei sinnreich, habe einen 
Sinn. Unter Sinn verstehen wir Bedeutung, Absicht, Tendenz und 
Stellung in einer Reihe psychischer Zusammenhänge. 

Es gibt eine Anzahl andei-er Erscheinungen, welche den Fehl- 
leistungen sehr nahestelien, auf welche aber dieser Name nicht mehr 
paßt. Wir nennen sie Zufalls- und Symptomhandlungen. Sie 
haben gleichfalls den Charakter des Unmotivierten, Unscheinbaren 
und Unwichtigen, überdies aber deutlicher den des Überflüssigen. 
Von den Fehlhandlungen unterscheidet sie der Wegfall einer anderen 
Intention, mit der sie zusammenstoßen, und die durch sie gestört wird. 
Sieübergehen andererseilsohneGrenzeindieGestenundßewegungen, 

welche wir zum Ausdruck der Gemütsbewegungen rechnen. Zu diesen 
Zufallshandlungengehörenallewiespielendausgeführten,anscheinend 

zwecklosenVemchtungenanunsererKleidung,TeilenunseresKorpers, 
an Gegenständen, die uns erreichbar sind, sowie die Unterlassungen 
derselben, ferner die Melodien, die wir vor uns hinsummen. Ich ver- 



I 



56 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



trete vor Ihnen die Behauptung, daß alle diese Phänomene sinnreich 
und deutbar sind in derselben Weise wie die Feh]lmndh.mgen, 
kleine Anzeichen von anderen wichtigeren seelischen Vorgängen, 
vollgültige psychiscl]e Akte. Aber ich gedenke bei dieser neuen Er- 
weiterung des Gebiets seelischer Erscheinungen nicht zu verweilen, 
sondern zu den Fehlleistungen zurückzukehren, an denen sich die 
für die Psychoanalyse wichtigen Fragestellungen niit weit größerer 
Deutlichkeit herausai-beiten lassen. 

Die interessantesten Fragen, die wir bei denFehlleislungen gestellt 
und noch nicht beantwortet haben, sind wohl die folgenden: Wir 
haben gesagt, daß die Fehlleistungen Ergebnisse der Interferenz von 
zwei verschiedenen Intentionen sind, von denen die eine die gestörte, 
diö andere die störende heißen kann. Die gestörten Intentionen geben 
zu weiteren Fragen keinen Anlaß, aber von den anderen wollen wir 
wissen, erstens, was sind das für Intentionen, die als Störung anderer 
auftreten, und zweitens, wie verhalten sich die störenden zu den ge- 
störten? 

Gestatten Sie, daß ich wiederum das Versprechen zum Repräsen- 
tanten der ganzen Gattung nehme, und daß ich die zweite Frage eher 
beantworte als die erste. 

Die störende Intention beim Versprechen kann in inhaltlicher Be- 
ziehung zur gestörten stehen, dann enthält sie einen Widerspruch 
gegen sie, eine Berichtigung oder Ergänzung zu ihr. Oder, der dunklere 
und interessantere Fall, die störende Intention hat inhaltlich nichts 
mit der gestörten zu tun. 

Belege für die erstere der beiden Beziehungen können wir in den 
uns bereits bekannten und in ähnlichen Beispielen mühelos finden. 
Fast in allen Fällen von Versprechen zum Gegenteil drückt die störende 
Intention den Gegensatz zur gestörten aus, ist die Fehlleistung die 
Darstellung des Konflikts zwischen zwei unvereinbaren Strebungeu. 
Ich erkläre die Sitzung für eröffnet, möchte sie aber lieber schon ge- 
schlossen haben, ist der Sinn des Versprechens des Präsidenten. Eine 
politische Zeitung, die der Bestechlichkeit beschuldigt worden ist,,. 



IV. Die Fehlleistungen 57 



verteidigt sich in einem Artikel, der in den Worten gipfeln soll : Unsere 
Leser werden uns das Zeugnis ausstellen, daß wir immer inuneigen- 
nützigster Weise für das Wohl der Allgemeinheit eingetreten sind. 
Der mit der Abfasstmg der Verteidigung betraute Redakteur schreibt 
aber: in eigennützigster Weise. Das heißt, er denkt: So muß ich 
zwar schreiben, aber ich weiß es anders. Ein Volksvertreter, der dazu 
auffordert, dem Kaiser rückhaltlos die Wahrheit zu sagen, muß eine 
Stimme in seinem Innern anhören, die ob seiner Kühnheit -erschrickt, 
und durch ein Versprechen das rückhaltlosin rückgratlos verwandelt.' 

In den Ihnen bekannten Beispielen, die den Eindruck von Zti- 
sammenziehungen und Verkürzungen machen, handelt es sich um 
Berichtigungen, Zusätze oder Fortsetzungen, mi t denen sich eine zweite 
Tendenz neben der ersten zur Geltung bringt. Es sind da Dinge zum 
Vorschein gekommen, aber sag' es lieber gerad' heraus, es waren 
Schweinereien; also: es sind Dinge zum Vorschwein gekommen. 
— Die Leute, die das verstehen, kann man an den Fingern einer 
Hand abzählen; aber nein, es gibt doch eigentlich nur einen, der 
das versteht, also: an einem Finger abzählen. — Oder, mein Mann 
kann essen und trinken, was er will. Aber Sie wissen ja, ich dulde 
es überhaupt nicht, daß er etwas will; also; er darf essen und trinken, 
was ich will. In all diesen Fällen geht also das Versprechen aus dem 
Inhalt der gestörten Intention selbst hervor oder es knüpft an ihn an. 

Die andere Art der Beziehung zwischen den beiden interferierenden 
Intentionen wirkt befremdend. Wenn die störende Intention nichts 
mit dem Inhalt der gestörten zu tim hat, woher kommt sie denn und 
woher rührt es, daß sie sich gerade an solcher Stelle als Störung be- 
merkbar macht? Die Beobachtung, die hier allein Antwort geben kann, 
läßt erkennen, daß die Störung von einem Gedankengang herrührt, 
der die betreffende Person kurz vorher beschäftigt hatte, und der nun 
in solcher Weise nachwirkt, gleichgültig ob er bereits Ausdruck in 
der Rede gefunden hat oder nicht. Sie ist also wirklich als Nachklang 
zu bezeichnen, aber nicht notwendig als Nachklang von gesprochenen 



i) Im deutschen Reichstag, Nov. 1908. 



58 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

I 

Worten. Es fehlt auch hier nicht, an einem assoziativen Zusammen- 
hang zwischen dem Störenden und dem Gestörten, aber er ist nicht , 
im Inhalt gegeben, sondern künstlich, oft auf sehr gezwungenen Ver- ! 
Ijindungswegen hergestellt. 

Hören Sie ein einfaches Beispiel hiefür an, daß ich selbst beobachtet ". 

habe. Ich treffe einmal in unseren schönen Dolomiten mit zwei Wiener 
Damen zusammen, die als Touristinnen verkleidet sind. Ich begleite 
sie ein Stück weit und wir besprechen die Genüsse, aber auch die 
Beschwerden der touristischen Lebensweise. Die eine der Damen gibt 
zuj daß diese Art den Tag zu verbringen manches Unbequeme hat. 
Es ist w^ahr, sagt sie, daß es gar nicht angenehm ist, wenn man so 
in der Sonne den ganzen Tag marschiert ist, und Bluse und Hemd 
ganz durchgeschwitzt sind. In diesem Satze hat sie einmal eine kleine . 

Stockung zu überwinden. Dann setzt sie fort: Wenn man aber dann 
nach Hose kommt und sich umkleiden kann . . . Wir haben dies 
Versprechen nicht analysiert, aber ich meine, Sie können es leicht 
verstehen. Die Dame hatte die Absicht gehabt, die Aufzählung voll- 1 

ständiger zu halten und zu sagen: Bluse, Hemd und Hose. Aus Mo- j 

tiven der Wohlanständigkeit war die Erwähnung der Hose unter- \ 

blieben, aber in dem nächsten, inhaltlich ganz unabhängigen Satz | 

kam das nicht ausgesprochene Wort als Verunstaltung des ähnhch 
lautenden „nach Hause" zum Vorschein. 

Nun können wir uns aber der lange aufgesparten Hauptfrage zu- 
wenden, was für Intentionen es sind, die sich in ungewöhnlicher 
Weise als Störungen anderer zum Ausdruck bringen. Nun selbstver- 
ständlich sehr verschiedene, in denen wir aber das Geiiielnsame finden 
wollen. Untersuchen wir eine Reihe von Beispielen daraufhin, so 
w^erden sie sich uns alsbald in drei Gruppen sondern. Zur ersten 
Gruppe gehören die Fälle, in denen die störende Tendenz dem Redner 
bekannt ist, überdies aber vor dem Versprechen von ihm verspürt 
wurde. So gibt beim Versprechen „Vorschwein" der Sprecher nicht 
nur zu, daß er das Urteil „Schweinereien" über die betreffenden 
Vorgänge gefällt hat, sondern auch, daß er die Absicht hatte, von der 



IV, Die Fehlleistungen 59 



er später zurücktrat, ihm auch wörtlichen Ausdruck zu geben. Eine 
zweite Gruppe bilden andere Fälle, in denen die störende Tendenz 
vom Sprecher gleichfalls als die seinige anerkannt wird, aber er weiß 
nichts davon, daß sie gerade vor dem Versprechen bei ihm aktiv war. 
Er akzeptiert also unsere Deutung seines Versprechens, bleibt aber doch 
in gewissem Maße verwundert über sie. Beispiele für dieses Verhalten 
lassen sich von anderen Fehlleistungen vielleicht leichter geben als 
gerade vom Versprechen. In einer dritten Gruppe wird die Deutung 
der störenden Intention vom Sprecher energisch abgelehnt^ er be- 
streitet nicht nur, daß sie sich vor dem Versprechen in ihm geregt, 
sondern er will behaupten, daß sie ihm überhaupt völlig fremd ist. 
Erinnern Sie sich an das Beispiel vom „Aufstoßen" und an die ge- 
radezu unhöfliche Abweisung, die ich mir durch die Aufdeckung der 
störenden Intention von diesem Sprecher geholt habe. Sie wissen, 
daß wir in der Auffassung dieser Fälle noch keine Einigung erzielt 
haben. Ich würde mir aus dem Widerspruch des Toastredners nichts 
machen und unbeirrbar an meiner Deutung festhalten, während Sie, 
meine ich, doch unter dem Eindrucke seines Sträuhens stehen und 
in Erwägung ziehen, ob man nicht auf die Deutung solcher Fehl- 
leistungen verzichten und sie als rein physiologische Akte im vor- 
analytischen Sinne gelten lassen soll. Ich kann mir denken, was Sie 
abschreckt. Meine Deutung schließt die Annahme ein, daß sich bei 
dem Sprecher Intentionen äußern können, von denen er selbst nichts 
weiß, die ich aber aus Indizien erschließen kann. Vor einer so neu- 
artigen und folgenschweren Annahme machen Sie halt. Ich verstehe 
das und gebe Ihnen insoweit recht. Aber stellen wir das eine fest: 
Wenn Sie die an so vielen Beispielen erhärtete Auffassung der Fehl- 
leistungen konsequent durchführen wollen, müssen Sie sich zu der 
genannten befremdenden Annahme entschließen. Können Sie das 
nichtj so müssen Sie auf das kaum, erworbene Verständnis der Fehl- 
leistungen wiederum verzichten. 

Verweilen wir noch bei dem, was die drei Gruppen einigt, was 
den drei Mechanismen des Versprechens gemeinsam ist. Das ist zum 



6o Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Glück unverkennbar. In den beiden ersten Gruppen wird die störende 
Tendenz vom Sprecher anerkannt; in der ersten kommt noch hinzu, 
daß sie sich unmittelbar vor dem Versprechen gemeldet hat. In beiden 
Fällen ist sie aber zurückgedrängt worden. Der Sprecher 
hat sich entschlossen, sie nicht in Rede umzusetzen, und 
dann passiert ihm das Versprechen, d. li. dann setzt sich 
die zurückgedrängte Tendenz gegen seinen Willen in 
eine Äußerung um, indem sie den Ausdruck der von ihm 
zugelassenen Intention abändert, sich mit ihm vermengt 
oder sich geradezu an seine Stelle setzt. Dies ist also der 
Mechanismus des Versprechens. 

Ich kann von meinem Standpunkt auch den Vorgang in unserer 
dritten Gruppe in den schönsten Einklang mit dem hier beschrie- 
benen Mechanismus bringen. Ich brauche nur anzunehmen, daß diese 
drei Gruppen durch die verschieden weit reichende Zurückdrängung 
einer Intention unterschieden werden. In der ersten ist die Intention 
vorhanden und macht sich vor der Äußerung des Sprechers ihm be- 
merkbar; erst dann erfährt sie die Zurückweisung, für welche sie 
sich im Versprechen entschädigt. In der zweiten Gruppe reicht die 
Zurückweisung weiter; die Intention wird bereits vor der Redeäuße- 
rung nicht mehr bemerkbar. Merkwürdig, daß sie dadurch keines- 
wegs abgehalten ^vird, sich an der Verursachung des Versprechens 
zu beteiligen! Durch dies Verhalten wird uns aber die Erklärung für 
den Vorgang bei der dritten Gruppe erleichtert. Ich werde so kühn j 

sein, anzunehmen, daß sich in der Fehlleistung auch noch eine Ten- i 

denz äußern kann, welche seit längerer Zeit, vielleicht seit sehr langer 
Zeit, zurückgedrängt ist, nicht bemerkt wird und darum vom Sprecher 
direkt verleugnet werden kann. Aber lassen Sie selbst das Problem .: 

der dritten Gruppe beiseite^ Sie müssen aus den Beobachtungen an 
den anderen Fällen den Schluß ziehen, daß die Unterdrückung 
der vorhandenen Absicht, etwas zu sagen, die unerläß- 
liche Bedingung dafür ist, daß ein Versprechen zustande 
kommt. 



[V. Die Fehlleistungen 61 



Wir dürfen nun behaupten, daß wir im. Verständnis der Fehl- 
leistungen weitere Fortschritte gemacht haben. Wir wissen nicht nur, 
daß sie seeUsche Akte sind, au denen mau Simi und Absicht erkennen 
kann, nicht nur, daß sie durch die luierfereuz von zwei verschiedenen 
Intentionen entstehen, sondern außerdem noch, daß die eine dieser In- 
tentionen eine gewisse Zurückdrängung von der Ausführung" eriahren 
haben muß, um sich durch die Störung der anderen äußern zu können. 
Sie muß selbst erst gestört worden sein, ehe sie zur störenden werden 
kann. Eine vollständige Erkläruijg der Phänomene, die wir Fehl- 
leistungen nennen, ist damit ualürlich noch nicht gewonnen. Wir sehen 
sofort weitere Fragen auftauchen und ahnen überhaupt, daß sich mn 
so mehr Anlässe zu neuen Fi'ogen ergeben werden, je ^veiter wir im 
Verständnis kommen. Wir können z. ö. fragen, warum es nicht viel 
einfacher zugeht. Wenn die Absicht besteht, eine gewisse Tendenz 
zurückzudrängen anstatt sie auszuführen, so sollte diese Zurückdrän- 
gung so gelingen, daß eben nichts von jener zum Ausdruck kommt, 
oder sie könnte auch mißlingen^ so daß die zurückgedrängte Tendenz 
sich vollen Ausdruck schafft. Die Fehlleistungen sind aber Kompro- 
miß ergebnisse, sie bedeuten ein halbes Gelingen und ein halbes Miß- 
lingen für jede der beiden Absichten, die gefährdete Intention wird 
weder ganz rmterdrücki, noch setzt sie sich — von EinzeliaUen ab- 
gesehen — ganz unversehrt durch. Wir können uns denken, daß 
besondere Bedingungen für das Zustandekommen solcher Interferenz- 
oder Kompromißergebnisse vorhanden sein müssen, aber wir können 
auch nicht einmal ahnen, welcher Art sie sein können. Ich glaube 
auch nicht, daß wir diese uns unbekannten Verhältnisse durch wei- 
tere Vertiefung in das Studium der Fehlleistungen aufdecken könnten. 
Es wird vielmehr notwendig sein, vorher noch andere dunkle Gebiete 
des Seelenlebens zu durchforschen; erst die Analogien, die uns dort 
begegnen, können uns den Mut gehen, jene Annahmen aufzustellen, 
die für eine tiefer reichende Auf kläi'ung der Fehlleistungen erforder- 
lich sind. Und noch eines! Auch das Arbeiten mit kleinen Anzeichen, 
wie wir es auf diesem Gebiete beständig üben, bringt seine Gefahren 



62 Vorlesungen zw Einführung in die Psychoanalyse 

mit sich. Es gibt eine seelische Erkrankungj die kombinatorischePara- 
noia, bei welcher die Verwertung solcher kleiner Anzeichen in un- 
eingeschränkter Weise betrieben wird, und ich werde mich natür- 
lich nicht dafür einsetzen, daß die auf dieser Grundlage aufgebauten 
Schlüsse durchwegs richtig sind. Vor solchen Gefahren kann uns nur 
die breite Basis unserer Beobachtungen bewahren, die Wiederholung 
ähnlicher Eindrücke aus den verschiedensten Gebieten des Seelen- 
lebens. 

Wir werden also die Analyse der Fehlleistungen hier Yerlassen, 
An eines darf ich Sie aber noch mahnen^ wollen Sie die Art, wie wir 
diese Phänomene behandelt haben, als vorbildlich im Gedächtnis be- 
halten. Sie können an diesem Beispiel ersehen, welches die Absichten 
unserer Psychologie sind. Wir wollen die Erscheinungen nicht bloß 
beschreiben und klassifizieren, sondern sie als Anzeichen eines Kräfte- 
spiels in der Seele begreifen, als Äußerung von zielstrebigen Ten- 
denzen, die zusammen oder gegeneinander arbeiten. Wir bemühen 
uns um eine dynamische Auffassung der seelischen Erschei- 
nungen. Die wahrgenommenen Phänomene müssen in unserer Auf- 
fassung gegen die nur angenommenen Strebungen zurücktreten. 

Wir wollen also bei den Fehlleistungen nicht weiter in die Tiefe 
gehen, aber wir können noch einen Streifzug durch die Breite dieses 
Gebiets unternehmen, auf dem wir Bekanntes wiederfinden und einiges 
Neiie aufspüren werden. Wir halten uns dabei an die Einteilung in 
die bereits eingangs aufgestellten drei Gruppen des Versprechens mit 
den beigeordneten Formen des Verschreibens, Verlesens, Verhörens, 
des Vergessens mit seinen Unterteilungen je nach dem vergessenen 
Objekte (Eigennamen, Fremdworten, Vorsätzen^ Eindrücken) und des 
Vergreifens, Verlegens, Verlierens. Die Irrtümer, soweit sie für uns 
in Betracht kommen, schließen sich teils dem Vergessen, teils dem 
Vergreifen an. 

Vom Versprechen haben wir bereits so eingehend gehandelt und 
doch noch einiges hinzuzufügen. Es knüpfen sich an das Versprechen 
kleinere affektive Phänomene, die nicht ganz ohne Interesse sind. Es 



IF. Die Fehlleistungen 



63 



will niemand sich gerne versprochen haben; man überhört auch oft 
das eigene Versprechen, niemals das eines anderen. Das Versprechen 
ist auch in gewissem Sinne ansteckend; es ist gar nicht leicht, über 
das Versprechen zu reden, ohne dabei selbst in Versprechen zu ver- 
fallen. Die geringfügigsten Formen des Versprechens, die gerade keine 
besonderen Aufklärungen über versteckte seelische Vorgänge zu geben 
haben, sind doch in ihrer Motivierung unschwer zu durchschauen. 
Wenn jemand 2. ß. einen langen Vokal kurz gesprochen hat infolge 
einer beliebig motivierten, bei diesem Wort eingetretenen Störung, 
so dehnt er dafür einen bald darauf folgenden kurzen Vokal und 
begeht ein neues Versprechen, indem, er das frühere kompensiert. 
Dasselbe, wenn er einen Doppelvokal unrein und nachlässig ausge- 
sprochen hat, z. B. ein eu oder oi wie ei} er suclit es gutzumachen, 
indem er ein nachfolgendes ei zu eu oder oi verändert. Dabei scheint 
eine Rücksicht auf den. Zuhörer maßgebend zu sein, der nicht glauben 
soll, es sei dem Redner gleichgültig, wie er die Mutlersprache be- 
handle. Die zweite kompensierende Entstellung hat geradezu die Ab- 
sicht, den Hörer auf die erste aufmerksam zu rnacheu und ihm zti 
versichern, daß sie auch dem Redner nicht entgangen ist. Die häufig- 
sten, einfachsten und geringfügigsten Fälle des Versprechens bestehen 
in Zusammenziehungen und Vorklängen, die sich an unscheinbaren 
Redeteilen äußern. Man verspricht sich in einem längeren Satz z. B. 
derart, daß das letzte Won der beabsichtigten Redeintention vorklingt. 
Das macht den Eindruck einer gewissen Ungeduld, mit dem Satze 
fertig zu werden, und bezeugt im allgemeinen ein gewisses Wider- 
streben gegen die Mitteilung dieses Satzes oder gegen die Rede über- 
haupt. Wir kommen so zu Grenzfällen, in denen sich die Unterschiede 
zwischen der psychoanalytischen und der gemeinen physiologischen 
Auffassung des Versprechens vermischen. Wir nehmen an, daß in 
diesen Fällen eine die Redeintention störende Tendenz vorhanden 
ist; sie kann aber nur anzeigen, daß sie vorhanden ist, und nicht, was 
sie selbst beabsichtigt. Die Störung, die sie hervorruft, folgt dann 
irgendwelchen Lautbeeinflussungen oder Assoziationsanziehungen 



64. Vorlesungen zur Einführung in tJie Psychoan alyse 

und kann als Ablenkung der Auiinerksamkeit von der Redeintention 
aufgefaßt werden. Aber weder diese Aufmerksamkeitsstörung noch 
die wirksam gewordeneu Assoziationsneigungen treffen das Wesen 
des Vorgangs. Dies bleibt doch der Hin^^'eis auf die Existenz einer 
die Redeabsicht störenden Intention, deren Natur nur diesmal nicht 
aus ihren Wirkungen erraten werden kann, wie es in allen besser aus- 
geprägten Fällen des Versprechens möglich ist. 

Das Verschreiben, zu dem ich nun übergehe, stimmt mit dem Ver- 
sprechen soweit überein, daß wir keine neuen Gesichtspunkte zu er- 
warten haben. Vielleicht wird uns eine kleine Nachlese beschieden 
sein. Die so verbreiteten kleinen Verschreibungen, Zusannnen- 
ziehungen, Vorwegnahmen späterer, besonders der letzten Worte 
deuten wiederum auf eine allgemeine Schreibunlust und Ungeduld 
fertig zu werden j ausgeprägtere Effekte des Versclireibens lassen Natur 
und Absicht der störenden Tendenz erkennen, hn allgemeinen weiß 
man, wenn man in einem Brief ein Verschreiben findet, daß beim 
Schreiber nicht alles in Ordnung war; was sich bei ihm geregt hat, 
kann man nicht immer feststellen. Das Verschreiben wird häufig von 
dem, der es begeht, ebensowenig bemerkt wie das Versprechen. Auf- 
fällig ist dann folgende Beobachtung: Es gibt ja Menschen, welche 
die Gewohnheit üben, jeden Brief, den sie geschrieben haben, vor 
der Abseuduug nochmals durchzulesen. Andere pflegen dies nichtj 
wenn sie es aber ausnahmsweise einmal tun, haben sie dann immer 
Gelegenheit, ein auffälliges Verscln-eiben aufzufinden und zu korri- 
gieren. Wie ist das zu erklären? Das sieht so aus, als wüßten diese 
Leute doch, daß sie sich bei der Abfassung des Briefes verschrieben 
haben. Sollen wir das wirklich glauben? 

An die praktische Bedeutung des Verschreibens knüpft sich ein 
interessantes Problem. Sie erinnern sich vielleicht an den Fall eines 1 

Mörders H., der sich Kulturen von höchst gefährlichen Krankheils- '* 

erregern von wissenscliaft liehen Instituten zu verschaffen wußte, in- j 

dem er sich für einen Bakterienforscher ausgab, der aber diese Kul- j 

turen dazu gebrauchte, um ihm nahestehende Personen auf diese 



IV. Die Fehlleistungen 6g 

modernste Weise aus dem Wege zu räumea. Dieser Mann beklagte 
sich nun einmal bei der Leitung eines solchen Instituts über die Un- 
wirksamkeit der ihm geschickten Kukuren, verschrieb sich aber da- 
bei, und an Stelle der Worte „bei meinen Versuchen an Mäusen oder 
Meerschweinchen" stand deutlich zu lesen, „bei meinen Versuchen 
an Menschen." Dies Verschreiben fiel auch den Ärzten des Instituts 
auf; sie zogen aber, soviel ich weiß, keine Konsequenzen daraus. Nun, 
was meinen Sie? Hätten die Ärzte nicht vielmehr das Verschreiben 
als Geständnis annehmen und eine Untersuchung anregen müssen, 
durch welche dem Mörder rechtzeitig das Handwerk gelegt worden 
wäre? Ist in diesem Falle nicht die Unkenntnis unserer Auffassung 
der Fehlleistungen die Ursache eines praktisch bedeutsamen Versäum- 
nisses geworden? Nun, ich meine, ein solches Verschreiben erschiene 
mir gewiß als sehr verdächtig, aber seiner Verwendung als Geständ- 
nis steht etwas sehr Gewichtiges im Wege. So einfach ist die Sache 
nicht. Das Verschreiben ist sicherlich ein Indizium, aber für sich allein 
hätte es zur Einleitung einer Untersuchung nicht hingereicht. Daß 
der Mann von dem Gedanken beschäftigt ist, Menschen zu infizieren, 
das sagt das Verschreiben allerdings, aber es läßt nicht entscheiden, 
ob dieser Gedanke den Wert eines klaren schädlichen Vorsatzes oder 
den einer praktisch belanglosen Phantasie hat. Es ist sogar möglich, 
daß der Mensch, der sich so verschrieben hat, mit der besten subjek- 
tiven Berechtigung diese Phantasie verleugnen und sie als etwas ihm 
gänzlich Fremdes von sich weisen wird. Wenn wir später den Unter- 
schied zwischen psychischer und materieller Realität ins Atige fassen, 
werden Sie diese Möglichkeiten noch besser verstehen können. Es 
ist dies aber wieder ein Fall, in dem eine Fehlleistung nachträglich 
zu ungeahnter Bedeutung gekommen ist. 

Beim Verlesen treffen wir auf eine psychische Situation, die sich 
von der des Versprechens und Verschreibens deutlich unterscheidet. 
Die eine der beiden miteinander konkurrierenden Tendenzen ist hier 
durch eine sensorische Anregung ersetztund vielleicht darum weniger 
resistent. Was man zu lesen hat, ist ja nicht eine Produktion des 

Freud, VII. , 



66 Forlesungen zur Einführung i?i die Psychoanalyse 

eigenen Seelenlebens wie etwas, was man zu schreiben vorhat. In 
einer großen Mehrzahl besteht daher das Verlesen in einer vollen 
Substitution. Man ersetzt das zu lesende Wort durch ein anderes, 
ohne daß eine inhaltliche Beziehung zwischen dem Text und dem 
Effekt des Verlesens zu bestehen braucht, in der Regel in Anlehnung 
an eine Worlähnlichkeit. Lichtenbergs Beispiel: Agamemnon 
anstatt angenommen ist das beste dieser Gruppe. Will man die 
störende, das Verlesen erzeugende Tendenz kennenlernen, so darf 
man den verlesenen Text ganz beiseite lassen und kann die analytische 
Untersuchung mit den beiden Fragen einleiten, welcher Einfall sich 
als der nächste zum Effekt des Verlesens ergibt und in welcher Situa- 
tion das Verlesen vorgefallen ist. Mitunter reicht die Kenntnis der 
letzteren für sich allein zur Aufklärung des Verlesens hin, z. B. wenn 
jemand in gewissen Nöten in einer ihm fremden Stadt herumwandert 
und auf einer großen Tafel eines ersten Stockes das Wort Kloset- 
haus liest. Er hat gerade noch Zeit, sich darüber zu verwundern, 
daß die Tafel so hoch angebracht ist, ehe er entdeckt, daß dort streng 
genommen Korsethaus zu lesen steht. In anderen Fällen bedarf 
gerade das vom Inhalt des Textes unabhängige Verlesen einer ein- 
gehenden Analyse, die ohne Übung in der psychoanalytischen Tech- 
nik und ohne Zutrauen zu ihr nicht durchzuführen ist. Meist ist es 
aber leichter, sich die Aufklärung eines Verfesens zu schaffen. Das 
substituierte Wort verrät nach dem Beispiel Agamemnon ohne 
weiteres den Gedankenkreis, aus welchem die Störung hervorgeht. 
In diesen Kriegszeiten ist es z. B. sehr gewöhnlich, daß man die 
Namen der Städte und Heerführer und die militärischen Ausdrücke, 
die einen beständig umschwirren, überall hineinliest, wo einem ein 
ähnliches Wortbild entgegenkommt. Was einen interessiert und 
beschäftigt, das setzt sich so an Stelle des Fremden und noch Un- 
interessanten. Die Nachbilder der Gedanken trüben die neue Wahr- 
nehmung. 

Es fehlt auch beim Verlesen nicht an Fällen von anderer Art, in 
denen der Text des Gelesenen selbst die störende Tendenz erweckt, 



IF. Die FeUleiitungen ft« 



durch welche er dann meist in sein Gegenteil verwandelt wird. Man 
solhe etwas Unerwünschtes lesen und überzeugt sich durch die Ana- 
lyse, daß ein intensiver Wunsch zur Ablehnung des Gelesenen für 
dessen Abänderung verantwortlich zu machen ist. 

Bei den ersterwälmten häufigeren Fällen des Verlesens kommen 
zwei Momente zu kurz, denen wir im Mechanismus der Fehlleistun- 
gen eine wichtige Rolle zugeteilt haben: der Konflikt zweier Ten- 
denzen und die Zurückdrängung der einen, die sich durch den Effekt 
der Fehlleistung entschädigt. Nicht daß beim Verlesen etwas dem 
Gegensätzliches aufzufinden wäre, aber die Vordringlichkeit des zum 
Verlesen führenden Gedankeninhalts ist doch weit auffalliger als die 
Zurückdrängung, die dieser vorher erfahren haben mag. Gerade diese 
beiden Momente treten uns bei den verschiedenen Situationen der 
Fehlleistung durch Vergessen am greifbarsten entgegen, 

Das Vergessen von Vorsätzen ist geradezu eindeutig, seine Deu- 
tung wird, wie wir gehört haben, auch vom Laien nicht bestritten. 
Die den Vorsatz störende Tendenz ist jedesmal eine Gegenabsicht, 
ein Nichtwollen, von dem uns nur zu wissen erübrigt, warum es 
sich nicht anders und nicht uuverhüllter zum Ausdruck bringt. Aber 
das Vorhandensein dieses Gegenwillens ist unzweifelhaft. Manchmal 
gelingt es auch, etwas von den Motiven zu erraten, die diesen Gegen- 
willen nötigen sich zu verbergen, und allemal hat er durch die Fehl- 
leistung aus dem Verborgenen seine Absicht erreicht, während ihm 
die Abweisung sicher wäre, wenn er als offener Widerspruch auf- 
träte. Wenn zwischen dem Vorsatz und seiner Ausführung eine wich- 
tige Veränderung der psychischen Situation eingetreten ist, derzufolge 
die Ausführung des Vorsatzes nicht in Frage käme, dann tritt das 
Vergessen des Vorsatzes aus dem Rahmen der Fehlleistung lieraus. 
Man wundert sich nicht mehr darüber imd sieht ein, daß es über- 
flüssig gewesen wäre, den Vorsatz zu erinnern^ er war dann dauernd 
oder zeitweihg erloschen. Eine Fehlleistung kann das Vergessen des 
Vorsatzes nur dann heißen, wenn wir an eine solche Unterbrechung 
desselben nicht glauben können. 



68 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Die Fälle von Vorsatzvergessen sind im allgemeinen so einförmig 
und durchsichtig, daß sie eben darum für unsere Untersuchung kein 
Interesse haben. An zwei Stellen können wir aber doch aus dem 
Studium dieser Fehlleistung etwas Neues lernen. Wir haben gesagt, 
das Vergessen, also Nichtausführen eines Vorsatzes, weist auf einen 
ihm feindlichen Gegenwillen hin. Das bleibt wohl bestehen, aber der 
Gegenwille kann nach der Aussage unserer Untersuchungen von 
zweierlei Art sein, ein direkter oder ein vermittelter. Was unter dem 
letzteren gemeint ist, läßt sich am besten an ein oder zw^ei Beispielen 
erläutern. Wenn der Gönner vergißt, bei einer dritten Person ein 
Fürwort für seinen Schützling einzulegen, so kann dies geschehen, 
weil er sich für den Schützling eigentlich nicht sehr interessiert und 
darum auch zur Fürsprache keine große Lust hat. In diesem Sinne 
wird jedenfalls der Schützling das Vergessen des Gönners verstehen. 
Es kann aber auch komplizierter zugehen. Der Gegenwille gegen 
die Ausführung des Vorsatzes kann beim Gönner von anderer Seite 
kommen und an ganz anderer Stelle angreifen. Er braucht mit dem 
Schützling nichts zu tun zu haben, sondern richtet sich etwa gegen 
die dritte Person, bei welcher die Fürsprache erfolgen soll. Sie sehen 
also, welche Bedenken auch hier der praktischen Verwendung unserer 
Deutungen entgegenstehen. Der Schützling gerät trotz der richtigen 
Deutung des Vergessens in Gefahr, allzu mißtrauisch zu werden und 
seinem Gönner schweres Unrecht zu tun. Oder: wenn jemand das 
Rendezvous vergißt, das einzuhalten er dem anderen versprochen 
und sich selbst vorgenommen hat, so wird die häufigste Begründung 
wohl die direkte Abneigung gegen das Zusammentreffen mit dieser 
Person sein. Aber die Analyse könnte hier den Nachweis erbringen, 
daß die störende Tendenz nicht der Person gilt, sondern sich gegen 
den Platz richtet, an welchem das Zusammentreffen stattfinden soll, 
und der infolge einer an ihn geknüpften peinlichen Erinnerung ge- 
mieden wird. Oder : wenn jemand einen Brief aufzugeben vergißt, so 
kann sich die Gegentendenz auf den Inhalt des Briefes selbst stützen; 
es ist aber keineswegs ausgeschlossen, daß der Brief an sich harmlos 



IV. Die Fehlleistungen Qo 

ist und der Gegentendenz nur darum verlallt, weil irgend etwas an 
ihm an einen anderen, früher einmal geschriebenen Brief erinnert 
der dem Gegen willen allerdings einen direkten Angriffspunkt geboten 
hat. Man kann dann sagen, der Gegenwille hat sich hier von jenem 
früheren Brief, wo er berechtigt war, auf den gegenwärtigen über- 
tragen, bei dem er eigentlich nichts zu wollen hat. Sie sehen also, 
daß man bei der Verwertung unserer berechtigten Deutungen doch 
Zurückhaltung und Vorsicht üben muß^ was psychologisch gleich- 
wertig ist, kann praktisch doch recht vieldeutig sein. 

Phänomene wie diese werden Ihnen sehr ungewöhnlich erscheinen. 
Vielleicht sind Sie geneigt anzunehmen, daß der „indirekte" Gegeu- 
wille den Vorgang als einen bereits pathologischen charakterisiert. 
Ich kann Ihnen aber versichern, daß er auch im Rahmen der Norm 
und der Gesundheit vorkommt. Mißverstehen Sie mich übrigens 
nicht. Ich will keineswegs selbst die Unzuverlässigkeit unserer ana- 
lytischen Deutungen zugestehen. Die besprochene Vieldeutigkeit des 
Vorsatzvergessens besteht ja nur, solange wir keine Analyse des Falles 
vorgenommGU haben und nur auf Grund unserer allgemeinen Vor- 
aussetzungen deuten. Wenn wir die Analyse mit der betreffenden 
Person ausführen, erfahren wir jedesmal mit genügender Sicherheit, 
ob es ein direkter Gegenwille ist, oder woher er sonst rührt. 

Ein zweiter Punkt ist der folgende: Wenn wir in einer Überzahl 
von Fällen bestätigt finden, daß das ^'■e^gessen eines Vorsatzes auf 
einen Gegenwillen zurückgeht, so bekommen wir Mut, diese Lösung 
auch auf eine andere Reihe von Fällen auszudehnen, in denen die 
analysierte Person den von uns erschlossenen Gegenwillen nicht be- 
stätigt, sondern verleugnet. Nehmen Sie als Beispiele hierfür die 
überaus häufigen Vorkommnisse, daß man vergißt, Bücher, die man 
entlehnt hat, zurückzustellen, Rechnungen oder Schulden zu bezahlen. 
Wir werden so kühn sein, dem Betreffenden vorzuhalten, daß bei 
ihm die Absicht besieht, die Bücher zu behalten und die Schulden 
nicht zu bezahlen, während er diese Absicht leugnen, aber nicht im- 
stande sein wird, uns für sein Benehmen eine andere Erklärung zu 



70 Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

geben. Daraufhin setzen wir fort, er habe die Absicht, nur wisse er 
nichts von ihr; es genüge uns aber, daß sie sich durch den Effekt des 
Vergessens bei ihm verrate. Jener kann uns wiederholen, er habe 
eben vergessen. Sie erkennen jetzt die Situation als eine, in welcher 
wir uns bereits früher einmal befunden haben. Wenn wir unsere so 
vielfältig als berechtigt erwiesenen Deutungen der Fehlleistungen 
konsequent fortführen wollen, werden wir unausweichlich zu der 
Annahme gedrängt, daß es Tendenzen beim Menschen gibt, welche 
wirksam werden können, ohne daß er von ihnen weiß. Damit setzen 
wir uns aber in Widerspruch zu allen das Leben und die Psychologie 
beherrschenden Anschauungen. 

Das Vergessen von Eigen- und Fremdnanien sowie Fremdworten 
läßt sich in gleicherweise auf eine Gegenabsicht zurückführen, welche 
sich entweder direkt oder indirekt gegen den betreffenden Namen 
richtet. Von solcher duekter Abneigung habe ich Ihnen bereits früher 
eininal mehrere Beispiele vorgeführt. Die indirekte Verursachung ist 
aber hier besonders häufig und erfordert meist sorgialtige Analysen zu 
ihrer Feststellung. So z. E. hat in dieser Kriegszelt, die uns gezwun- 
gen hat, so viele unserer fi'üheren Neigungen aufzugeben, auch die Ver- 
fügung über das Erinnern von Eigennamen infolge der sonderbarsten 
Verknüpfimgen sehr gelitten. Vor kurzem ist es mir geschehen, daß ich 
denNamenderharinlosenmährischenStadtBisenz nicht reproduzieren 

konnte, und die Analyse ergab, daß keine direkte Verfeindung Schuld 
daran trug, sondern der Anklang an den Namen des Palazzo Bisenzi 
in Orvieto, in dem ich sonst zu wiederholten Malen gerne gewohnt 
hatte. Als Motiv der gegen dies Namenerinnern gerichteten Tendenz 
tritt uns hier zum erstenmal ein Prinzip entgegen, welches uns später 
seine ganze großartige Bedeutung für die Verursachung neurotischer 
Symptome enthüllen wird: die Abneigung des Gedächtnisses, etwas 
zu erinnern, was mit Unlustempfindungen verknüpft war und bei 
der Reproduktion diese Unlust erneuern würde. Diese Absicht zur 
Vermeidung von Unlust aus der Erinnerung oder anderen psychischen 
Akten, die psychische Flucht vor der Unlust, dürfen wir als das letzte 



IV. Die Fehlleistungen 71 



wirksame Motiv nicht nur fürs Nameiivergessen, sondern auch für 
viele andere Fehlleistungen^ wie Unterlassungen, Irrtümer u. a. an- 
erkennen. 

Das Namenvergessen scheint aber psycho-physiologisch besonders 
erleichtert zu sein und stellt sich daher auch in Fällen ein, welche 
die Einmengung eines Unlustmotivs nicht bestätigen lassen. Wenn 
einer einmal zum Namenvergessen neigt, so können Sie bei ihm durch 
analytische Untersuchung feststellen, daß ihm nicht nur darum Namen 
entfallen, weil er sie selbst nicht mag oder weil sie ihn an Unlieb- 
sames mahnen, sondern auch darum, weil derselbe Name bei ihm 
einem anderen Assozialionskreis angehört, zu dem er innigere Be- 
ziehungen hat. Der Name wird dort gleichsam festgehalten und den 
anderen momentan aktivierten Assoziationen verweigert. Wenn Sie 
sich an die Kunststücke der Mnemotechnik erinnern, so werden Sie 
niit einigem Befremden feststellen, daß man Namen infolge derselben 
Zusammenhänge vergißt, die man sonst absichtlich herstellt, um sie 
vor dem Vergessen zu schützen. Das auffälligste Beispiel hierfür geben 
Eigennamen von Personen, die begreiflicherweise für verschiedene 
Leute ganz verschiedene psychische Wertigkeit besitzen müssen. 
Nehmen Sie z. B. einen Vornamen wie Theodor. Dem einen von Ihnen 
wird er nichts Besonderes bedeuten^ für den anderen ist es der Name 
seines Vaters, Bruders, Freundes oder der eigene. Die analytische Er- 
fahrung wird Ihnen dann zeigen, daß der erstere nicht in Gefahr ist 
zu vergessen, daß eine gewisse fremde Person diesen Namen führt, 
während die anderen beständig geneigt sein werden, dem Fremden 
einen Namen vorzu enthalten, der ihnen für intime Beziehungen re- 
serviert erscheint. Nehmen Sie nun an, daß diese assoziative Hemmung 
mit der Wirkung des Unlustprinzips und überdies mit einem in- 
direkten Mechanismus zusammentreffen kann, so werden Sie erst 
imstande sein, sich von der Komphkation der Verursachung des zeit- 
weiligen Namenvergessens eine zutreffende Vorstellung zu macheu. 
Eine sachgerechte Analyse deckt Ihnen aber alle diese Verwicklun- 
gen restlos aui'. 



72 



Vorleiungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Das Vergessen von Eindrücken und Erlebnissen zeigt die Wirkung 
der TendenZj Unangenehmes von der Erinnerung fernzuhalten, noch 
viel deutlicher und ausschließlicher als das Namenvergessen. Es ge- 
hört natürhch nicht in seinem vollen Umfang zu den Fehlleistungen, 
sondern nur insoferne es uns, am Maßstabe unserer gewohnten Er- 
fahrung gemessen, auffällig und unberechtigt erscheint, also z. B. 
wenn das Vergessen zu frische oder zu wichtige Eindrücke betrifft 
oder solche, deren Ausfall eine Lücke in einen sonst gut erinnerten 
Zusammenhang reißt. Warum und wieso wir überhaupt vergessen 
können, darunter Erlebnisse, welche uns gewiiB den tiefsten Eindruck 
hinterlassen haben, wie die Ereignisse unserer ersten Kindheitsjahre, 
das ist ein ganz anderes Problem, bei welchem die Abwehr gegen 
Unlustregungen eine gewisse Rolle spielt, aber lange nicht alles er- 
klärt. Daß unangenehme Eindrücke leicht vergessen werden, ist eine 
nicht zu bezweifelnde Tatsache. Verschiedene Psychologen haben sie 
bemerkt und der große Dar win empfing einen so starken Eindruck von 
ihr, daß er sich die „goldene Regel" aufstellte, Beobachtungen, welche 
seiner Theorie ungünstig schienen, mit besonderer Sorgfalt zu notieren, 
da er sich überzeugt hatte, daß gerade sie in seinem Gedächtnisse 
nicht haften wollten. 

Wer von diesem Prinzip der Abwehr gegen die Erinnerungsunlust 
durch das Vergessen zuerst hört, versäumt selten den Einwand zu 
erheben, daß er vielmehr die Erfahrung gemacht hat, daß gerade 
Peinhches schwer zu vergessen ist, indem es gegen den Willen der 
Person immer wiederkehrt, um sie zu quälen z. B. die Erinnerung 
an Kränkungen und Demütigungen. Auch diese Tatsache ist richtig, 
aber der Einwand trifft nicht zu. Es ist wächtig, daß man rechtzeitig 
beginne mit der Tatsache zu rechnen, das Seelenleben sei ein Kampf- 
und Tummelplatz entgegengesetzter Tendenzen, oder nicht dynamisch 
ausgedrückt, es besiehe aus Widersprüchen und Gegensatzpaaren. Der ' 
Nachweis einer bestimmten Tendenz leistet nichts für den Ausschluß 
einer ihr gegensätzlichen; es ist Raum für beide vorhanden. Es 
kommt nur darauf an, wie sich die Gegensätze zueinander steilen, 



IV. Die Fehlleistungen yg 



welche Wirkungen von dem einen und welche von dem anderen 
ausgehen. 

Das Verlieren und Verlegen sind uns besonders interessant durch 
ihre Vieldeutigkeit, also durch die Mannigfaltigkeit der Tendenzen, 
in deren Dienst diese Fehlleistungen treten können. Allen Fällen ge- 
meinsam istj daß man etwas verlieren wollte, verschieden aber, aus 
welchem Grund und zu welchem Zweck. Man verliert eine Sache, 
wenn sie schadhaft geworden ist, wenn man die Absicht hat, sie durch 
eine bessere zu ersetzen, wenn sie aufgehört hat einem lieb zu sein, 
vvenn sie von einer Person herrührt, zu der sich die Beziehungen ver- 
schlechtert haben, oder wenn sie unter Umständen erworben wurde, 
deren man nicht mehr gedenken will. Demselben Zweck kann auch 
das Fallenlassen, Beschädigen, Zerbrechen der Sache dienen. Im Leben 
der Gesellschaft soll die Erfahrung gemacht worden sein, daß auf- 
gezwungene und uneheliche Kinder weit hinfälliger sind als die recht- 
mäßig empfangenen. Es bedarf für dies Ergebnis nicht der groben 
Technik der sogenannten Engelmacherinnen; ein gewisser Nachlaß 
in der Sorgfalt der Kinderpflege soll voll ausreichen. Mit der Bewahrung 
der Dinge könnte es ebenso zugehen wie mit der der Kinder. 

Dann aber können Dinge zum Verlieren bestimmt werden, ohne 
daß sie etwas an ihrem Wert eingebüßt haben, wenn nämlich die 
Absicht besteht, etwas dem Schicksal zu opfern, um einen anderen 
gefürchteten Verlust abzuwehren. Solche Schicksalsbeschwörungen 
sind nach der Aussage der Analyse unter uns noch sehr häufig, unser 
Verlieren ist darum oft ein freiwilhges Opfern. Ebenso kann sich das 
Verlieren in den Dienst des Trotzes und der Selbstbeslrafuug stellen j 
kurz, die entfernteren Motivierungen der Tendenz, ein Ding durch 
Verlieren von sich zu tun, sind unübersehbar. 

Das Vergreifen wird wie andere Irrtümer häufig dazu benützt, um 
Wünsche zu erfüllen, die man sich versagen soll. Die Absicht mas- 
kiert sich dabei als glücklicher Zufall. So z. B. wenn man, wie es einem 
unserer Freunde geschah, unter deutlichem Gegen willen einen Besuch 
mit der Eisenbahn in der Nähe der Stadt machen soll und dann in. 



74 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

der Uinsteigestation irrtümlich in den Zug einsteigt, der einen wieder 
zur Stadt zurückführt, oder wenn man auf der Reise durchaus einen 
längeren Aufenthalt in einer Zwischenstalion nehmen möchte, aber 
wegen bestimmter Verpflichtungen nicht nehmea soll und man dann 
einen gewissen Anschluß übersieht oder versäumt, so daß man zu 
der gewünschten Unterbrechung gezwungen ist. Oder wie es bei einem 
meiner Patienten zuging, dem ich untersagt hatte, seine Geliebte tele- 
phonisch anzurufen, der aber „irrtümlich", „in Gedanken", eine 
falsche Nummer aussprach, als er mit mir telephonieren wollte, so 
daß er plötzlich mit seiner Geliebten verbunden war. Ein hübsches, 
auch praktisch bedeutsames Beispiel von direktem Fehlgreifen bringt 
die Beobachtung eines Ingenieurs zur Vorgeschichte einer Sach- 
beschädigung: 

„Vor einiger Zeit arbeitete ich mit mehreren Kollegen im Labora- 
torium der Hochschule an einer Reihe komplizierter Elastizitätsver- 
suche, eine Arbeit, die wir freiwillig übernommen hatten, die aber 
begann, mehr Zeit zu beanspruchen, als wir erwartet hatten. Als ich 
eines Tages wieder mit meinem Kollegen F. ins Laboratorium ging, 
äußerte dieser, wie unangenehm es ihm gerade heute sei, so viel Zeit 
zu verlieren, er hätte zu Hause so viel anderes zu tun; ich konnte 
ihm nur beistimmen und äußerte noch halb scherzhaft, auf einen Vor- 
fall der vergangenen Woche anspielend: ,Hoffentlich wird wieder die 
Maschine versagen, so daß wir die Arbeit abbrechen und früher weg- 
gehen können!*^ 

Bei der Arbeitsteilung trifft es sich, daß Kollege F. das Ventil der 
Presse zu steuern bekommt, d. h., er hat die Druckflüssigkeit aus dem 
Akkumulator durch vorsichtiges Öffnen des Ventils langsam in den 
Zylinder der hydraulischen Presse einzulassen; der Leiter des Ver- 
suches steht beim Manometer und ruft, wenn der richtige Druck er- 
reicht ist, ein lautes ,Halt'. Auf dieses Kommando faßt F. das Ventil 
und dreht es mit aller Kraft — nach links (alle Ventile werden aus- 
nahmslos nach rechts geschlossen!). Dadurch wird plötzlich der volle 
Druck des Akkumulators in der Presse wirksam, worauf die Rohr- 



IV. Die Fehlleistungen 



75 



leitung nicht eingerichtet ist, so daß sofort eine Rohrverbindung 
platzt — ein ganz harmloser Maschinendefekt, der uns jedoch zwingt, 
für heute die Arbeit einzustellen und nach Hause zu gehen. 

Charakteristisch ist übrigens, daJ3 einige Zeit nachher, als wir diesen 
Vorfall besprachen, Freund F. sich an meine von mir mit Sicherheit 
erinnerte Äußerung absolut nicht erinnern wollte. 

Von hier können Sie auf die Vermutung kommen, daß es nicht 
immer der harmlose Zufall ist, der die Hände Ihres Dienstpersonals 
zu so gefährlichen Feinden Ihres Hausbesitzes macht. Sie können aber 
auch die Frage aufwerfen, ob es jedesmal Zufall ist, wenn man sich 
selbst beschädigt und seine eigene Integrität in Gefahr bringt. An- 
regungen, die Sie gelegentlich an der Hand der Analyse von Beob- 
achtungen auf ihi-eu Wert prüfen mögen. 

Meine geehrten Zuhörer! Das ist lange nicht alles, was über die 
Fehlleisluugen zu sagen wäre. Es gibt da noch viel zu erforschen und 
zu diskutieren. Aber ich bin zufrieden, wenn sie aus unseren bisherigen 
Erörterungen darüber eine gewisse Erschütterung Ihrer bisherigen 
Anschauungen und einen Grad von Bereilschaft für die Annahme 
neuer gewonnen haben. Im übrigen bescbeide ich mich, Sie vor einer 
ungeklärten Sachlage zu belassen. Wir können aus dem Studium der 
Fehlleistungen nicht alle unsere Lehrsätze beweisen und sind auch 
mit keinem Beweis auf dieses Material allein angewiesen. Der große 
Wert der Fehlleistungen für unsere Zwecke liegt darin, daß es sehr 
häufige, auch an der eigenen Person leicht zu beobachtende Erschei- 
nungen sind, deren Zustandekommen das Kranksein durchaus nicht 
zur Voraussetzung hat. Nur eine Ihrer unbeantw^orletenFragen möchte 
ich am Schlüsse noch zu Worte kommen lassen: Wenn die Menschen 
sich, wie wir's an vielen Beispielen gesehen haben, dem Verständnis 
der Fehlleistungen so sehr annähern und sich oft so benehmen, als 
ob sie deren Sinn durchschauen würden, wie ist es möglich, daß sie 
dieselben Phänomene doch ganz allgemein als zufällig, sinn- und be- 
deutungslos hinstellen und der psychoanalytischen Aufklärung der- 
selben so energisch widerstreben können? 



7^ Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Sie haben recht, das ist auffällig und fordert eine Erklärung. Aber 
ich werde sie Ihnen nicht geben, sondern Sie langsam zu den Zu- 
sammenhängen hinführen, aus denen sich Ihnen die Erklärung ohne 
mein Dazutun aufdrängen wird. 



I 



I 



Z W EITE R TE I L 



DER TRAUM 



I \ .: :'' 






, .... - . ;: . V. VORLESUNG ,■ '., 

SCHWIERIGKEITEN UND ERSTE 
ANNÄHERUNGEN 

Meine Damen und Herren! Eines Tages machte m^an die Ent- 
deckung, daß die Leidenssymptone gewisser Nervöser einen Sinn 
haben.' Daraufhin wurde das psychoanalytische Heilverfahren be- 
gründet. In dieser Behandlung ereignete es sich, daß die Kranken an 
Stelle ihrer Symptome auch Träume vorbrachten. Somit entstand 
die Vermutung, daß auch diese Träume einen Sinn haben. 

Wir werden aber nicht diesen historischen Weg gehen, sondern 
den umgekehrten einschlagen. Wir wollen den Sinn der Träume 
nachweisen, als Vorbereitung zum Studium der Neurosen. Diese Ver- 
kehrung ist gerechtfertigt, denn das Studium des Traumes ist nicht 
nur die beste Vorbereitung für das der Neurosen, der Traum selbst 
ist auch ein neurotisches Symptom, und zwar eines, das den für uns 
unschätzbaren Vorteil hat, bei allen Gesunden vorzukommen. Ja, 
wenn alle Menschen gesund wären und nur träumen würden, so 
könnten wir aus ihren Träumen fast alle die Einsichten gewinnen, 
zu denen die Untersuchung der Neurosen geführt hat. 

So wird also der Traum zum Objekt der psychoanalytischen For- 
schung. Wieder ein gewöhnliches, gering geschätztes Phänomen, 
scheinbar ohne praktischen Wert wie die Fehlleistungen, mit denen 

i) Josef Breuer in den Jahren 1880—1882. Vgl. liiezu meine in Amerika 1909 ge- 
haltenen Vorksungen „Über Psychoanalyse" und „Zur Gescliichte der psychoanalytischen 
Bewegung". (Beide Arbeiten in Bd. IV dieser Gesamtausgabe.) 



8o 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



er ja das Vorkommen bei Gesunden gemein hat. Aber sonst sind die 
Bedingungen für unsere Arbeit eher ungünstiger. Die Fehlleistungen 
waren nur von der Wissenschaft vernachlässigt worden, man hatte 
sich wenig um sie bekümmert; aber schließlich war es keine Schande, 
sich mit ihnen zu beschäftigen. Man sagte, es gibt zwar Wichtigeres, 
aber vielleicht kann auch dabei etwas herauskommen. Die Beschäf- 
tigung mit dem Traum ist aber nicht bloß unpraktisch und überflüssig, 
sondern direkt schimpflich; sie bringt das Odium der Un Wissenschaft- 
hchkeitmitsichjWecktdenVerdacht einerpersönlichen Hinneigungzum 
Mystizismus. Daß ein Mediziner sich mit dem Traume abgeben sollte, 
wo es selbst in der Neuropathologie und Psychiatrie soviel Ernsthaf- 
teres gibt: Tumoren bis zu Apfelgröße, die das Organ des Seelenlebens 
komprimieren, Blutergüsse, chronische Entzündungen, bei denen man 
die Veränderungen der Gewebsteiie unter dem Mikroskop demonstrie- 
ren kann ! Nein, der Traum ist ein allzu geringfügiges und der Erfor- 
schung unwürdiges Objekt. 

Noch dazu eines, dessen Beschaffenheit selbst allen Anforderungen 
exakter Forderung trotzt. Man ist ja in der Traumforschung nicht 
einmal des Objekts sicher. Eine Wahnidee z. B. tritt einem klar und 
bestimmt umrissen entgegen. Ich bin der Kaiser von China, sagt der. 
Kranke laut. Aber der Traum? Er ist meist überhaupt nicht zu er- 
zählen. Wenn jemand einen Traum erzählt, hat er eine Garantie, 
daß er ihn richtig erzählt hat, und nicht vielmehr während der Er- 
zählung verändert, etwas dazu erfindet, durch die Unbestimmtheit 
seiner Erinnerung gezwungen? Die meisten Träume können über- 
haupt nicht erinnert werden, sind bis auf kleine Fragmente vergessen. 
Und auf die Deutung dieses Materials soll eine wissenschaftliche Psy- 
chologie oder eine Methode der Behandlung von Kranken begründet 
werden? 

Ein gewisses Übermaß in einer Beurteilung darf uns mißtrauisch 
machen. Die Einwendungen gegen den Traum als Objekt der For- 
schung gehen offenbar zu weit. Mit der Unwichtigkeit haben wir 
schon bei den Fehlleistungen zu tun gehabt. Wir haben uns gesagt, 



V. Schwierigheiten und erste Annäherungen 8i 

große Dinge können sich auch in kleinen Anzeichen äußern. Was 
die Unbestimmtheit des Traumes betrifft, so ist sie eben ein Charakter 
wie ein anderer; man kann den Dingen ihren Charakter nicht vor- 
schreiben. Es gibt übrigens auch klare und bestimmte Träume. Es 
gibt auch andere Objekte der psychiatrischen Forschung, die an dem- 
selben Charakter der Unbestimmtheit leiden, z. ß. in vielen Fällen 
die Zwangsvorstellungen, mit denen sich doch respektable, angesehene 
Psychiater beschäftigt haben. Ich will mich an den letzten Fall er- 
innern, der in meiner ärztlichen Tätigkeit vorgekommen ist. Die 
Kranke stellte sich mir mit den Worten vor: Ich habe ein gewisses 
Gefühl, als ob ich ein lebendes Wesen — ein Kind? — doch nicht 
eher einen Hund — beschädigt hätte oder beschädigen gewollt hätte, 
vielleicht es von einer Brücke heruntergestoßen — oder etwas anderes. 
Dem Schaden der unsicheren Erinnerung an den Traum können wir 
abhelfen, werin wir festsetzen, eben das, was der Träumer erzählt, 
habe als sein Traum zu gelten, ohne Rücksicht auf alles, was er ver- 
gessen oder in der Erinnerung verändert haben mag. Endlich kann 
man nicht emmal so allgemein behaupten, daß der Traum etwas Un- 
wichtiges sei. Es ist uns aus eigener Erfahrung bekannt, daß die Stim- 
mung, in der man aus einem Traum erwacht, sich über den ganzen 
Tag fortsetzen kann ; es sind Fälle von den Ärzten beobachtet worden, in 
denen eine Geisteskrankheit mit einem Traum beginnt und eine aus 
diesem Traum stammende Wahnidee festhält; es wird von historischen 
Personen berichtet, daß sie die Anregung zu wichtigen Taten aus 
Träumen geschöpft haben. Wir werden darum fragen, woher kommt 
eigentlich die Verachtung der wissenschaftlichen Kreise für den Traum? 
Ich meine, sie ist die Reaktion auf die Überschätzung früherer 
Zeiten. Die Rekonstruktion der Vergangenheit ist bekanntlich nicht 
leicht, aber dies dürfen wir mit Sicherheit annehmen, — gestatten 
Sie mir den Scherz, — daß bereits unsere Vorfahren vor 3000 Jahren 
und mehr in ähnlicher Weise wie wir geträumt haben. Soviel wir 
wissen, haben die alten Völker alle den Träumen große Bedeutung 
beigelegt und sie für praktisch verwertbar gehalten. Sie haben ihnen 

Freud, VII, « 



82 - Vorlesungen zur Einführun g in die Psychoanalyse 

Anzeichen für die Zukunft entnommen, Vorbedeutungen in ihnen 
gesucht. Für die Griechen und andere Orientalen mag zuzeiten ein 
Feldzug ohne Traumdeuter so unmöghch gewesen sein wie heut- 
zutage ohne Fhegeraufklärer. Als Alexander der Große seinen Er- 
oberungszug unternahm, befanden sich die berühmtesten Traum- 
deuter in seinem Gefolge. Die Stadt Tyrus, die damals noch auf einer 
Insel lag, leistete dem König so heftigen Widerstand, daß er sich mit 
dem Gedanken trug, ihre Belagerung aufzugeben. Da träumte er 
eines Nachts einen wie im Triumph tanzenden Satyrn, und als er 
diesen Traum seinen Traumdeutern vortrug, erhielt er den Bescheid, 
es sei ihm der Sieg über die Stadt verkündet worden. Er befahl den 
Angriff und nahm Tyrus ein. Bei Etruskern und Römern waren 
andere Methoden zur Erkundung der Zukunft in Gebrauch, aber 
die Traumdeutung wurde während der ganzen hellenistisch-römi- 
schen Zeit gepflegt und hochgehalten. Von der damit beschäftigten 
Literatur ist uns wenigstens das Hauptwerk erhalten, das Buch des 
Artemidoros aus Daldis, den man in die Lebenszeit des Kaisers 
Hadrian versetzt. Wie es dann kam, daß die Kunst der Traimideu- 
tung verfiel und der Traum in Mißkredit geriet, weiß ich Ihnen 
nicht zu sagen. Die Aufklärung kann nicht viel Anteil daran gehabt 
haben, denn das dunkle Mittelalter hat weit absurdere Dinge als die 
antike Traumdeutung getreu bew^ahrt. Tatsache ist es, daß das Inter- 
esse am Traum alhnählich zum Aberglauben herabsank und sich nur 
bei den Ungebildeten behaupten konnte. Der letzte Mißbrauch der 
Traumdeutung noch in unseren Tagen sucht aus den Träumen die 
Zahlen zu erfahren, die zur Ziehung im kleinen Lotto prädestiniert 
sind. Dagegen hat die exakte Wissenschaft der Jetztzeit sich wieder- 
holt mit dem Traume beschäftigt, aber immer nur in der Absicht, 
ihre physiologischen Theorien auf ihn anzuwenden. Den Ärzten galt 
der Traum natürhch als ein nicht psychischer Akt, als die Äußerung 
somatischer Reize im Seelenleben. Binz erklärt 1876 den Traum 
„für einen körperlichen, in allen Fällen unnützen, in vielen Fällen 
geradezu krankhaften Vorgang, über welchem Weltseele und Un- 



V^. Schiüierigkeiten und erste Annäherungen 



Sterblichkeit so hoch erhaben stehen, wie der blaue Äther über einer 
unkrautbewaclisenen Sandfläche in tiefster Niederung". Maury ver- 
gleicht ihn mit den ungeordneten Zuckungen des Veitstanzes im 
Gegensatz zu den koordinierten Bewegungen des normalen Menschen; 
ein alter Vergleich setzt den Inhalt des Traumes in Parallele zu den 
Tönen, welche „die zehn Finger eines der Musik unkundigen Men- 
schen, die über die Tasten des Instrumentes hinlaufen", hervor- 
bringen würden. 

Deuten heißt einen verborgenen Sinn finden; davon kann bei dieser 
Einschätzung der Traumleistung natürlich keine Rede sein. Sehen 
Sie die Beschreibung des Traumes bei Wundt, Jodl und anderen 
neueren Philosophen nach; sie begnügt sich mit der Aufzählung der 
Abweichungen des Traumlebens vom wachen Denken in einer den 
Traum herabsetzenden Absicht, hebt den Zerfall der Assoziationen, 
die Aufhebung der Kritik, die Ausschaltung alles Wissens und andere 
Zeichen geminderter Leistung hervor. Der einzig wertvolle Beitrag 
zur Kenntnis des Traumes, den wir der exakten Wissenschaft ver- 
danken, bezieht sich auf den Einfluß körperlicher, während des Schlafes 
einwirkender Reize auf den Trauminhalt. Wir besitzen von einem 
kürzhch verstorbenen norwegischen Autor J. Mourly Vold zwei 
dicke Bände experimentaler Traumforschungen (1910 und 1912 ins 
Deutsche übersetzt), welche sich fast nur mit den Erfolgen der Stel- 
lungsveränderungen der Gliedmaßen beschäftigen. Sie werden uns 
als Vorbilder der exakten Traumforschuug angepriesen. Können Sie 
sich nun denken, was die exakte Wissenschalt dazu sagen würde, 
wenn sie erführe, daß wir den Versuch machen wollen, den Sinn 
der Träume zu finden? Vielleicht, daß sie es sogar schon gesagt 
hat. Aber wir wollen uns nicht abschrecken lassen. Wenn die Fehl- 
leistungen Sinn haben konnten, kann es der Traum auch, und die 
Fehlleistungen haben in sehr vielen Fällen einen Sinn, der der exak- 
ten Forschung entgangen ist. Bekennen wir uns nur zum Vorurteil 
der Alten und des Volkes und treten wir in die Fußstapfen der antiken 
Traumdeuter. 

6« 



84 Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse ^^ 

Vor allem müssen wir uns über unsere Aufgabe orientieren, im 
Gebiet der Träume Umschau halten. Was ist denn ein Traum? Es 
ist schwer, dies in einem Satz zu sagen. Wir wollen aber doch keine 
Definition versuchen, wo der Hinweis auf den jedermann bekannten 
Stoff genügt. Aber wir sollten das Wesentliche des Traumes heraus- 
heben. Wo ist das zu finden? Es gibt so ungeheure Verschiedenheiten 
innerhalb des Rahmens, der unser Gebiet umschließt, Verschieden- 
heiten nach jeder Richtung. Wesentlich wird wohl sein, was wir als 
allen Traum^en gemeinsam aufzeigen können. 

Ja, das erste allen Träumen Gemeinsame wäre, daß wir dabei 
schlafen. Das Träumen ist offenbar das Seelenleben während des 
Sclilafes, das mit dem des Wachens gewisse Ähnlichkeiten hat und 
sich durch große Unterschiede dagegen absetzt. Das war schon die 
Definition des Aristoteles. Vielleicht bestehen zwischen Traum und 
Schlaf noch nähere Beziehungen. Man kanndurcheinenTraumgew eckt 

werden, man hat sehr oft einen Traum, wenn man spontan erwacht 
oder w^enn man gewaltsam aus dem Schlafe gestört w^ird. Der Traum 
scheint also ein Zwischenzustand zwischen Schlafen und Wachen zu 
sein. So werden wir auf den Schlaf hingewiesen. Was ist nun der Schlaf? 
Das ist ein physiologisches oder biologisches Problem, an dem noch 
vielffi strittig ist. Wir können da nichts entscheiden, aber ich meine, 
wir dürfen eine psychologische Charakteristik des Schlafes versuchen. 
Der Schlaf ist ein Zustand, in welchem ich nichts von der äußeren 
Welt wiäsen will, mein Interesse von ihr abgezogen habe. Ich ver- 
setze mich in den Schlaf, indem ich mich von ihr zurückziehe und 
ihre Reize von mir abhalte. Ich schlafe auch ein, wenn ich von ihr 
ermüdet bin. Beim Einschlafen sage ich also zur Außenwelt: Laß 
mich in Ruhe, denn ich will schlafen. Umgekehrt sagt das Kind: Ich 
geh' noch nicht schlafen, ich bin nicht müde, will noch etwas erleben. 
Die biologische Tendenz des Schlafes scheint also die Erholung zu 
sein, sein psychologischer Charakter das Aussetzen des Interesses an 
der Welt. Unser Verhältnis zur Welt, in die wir so ungern gekommen 
sind, scheint es mit sich zu bringen, daß wir sie nicht ohne Unter- 






V. Schwierigkeite?! und erste Annäherwigen • , . 8r 

brechung aushalten. Wir ziehen uns darum zeitweise in den vorwelt- 
lichen Zustand zurück, in die Mutterleibsexistenz also. Wir schaffen 
uns wenigstens ganz ähnliche Verhältnissej wie sie damals bestanden: 
warm, dunkel und reizlos. Einige von uns rollen sich noch zu einem 
engen Paket zusammen und nehmen zum Schlafen eine ähnliche 
Körperhaltung wie im Mutterleibe ein. Es sieht so aus, als hätte die 
Welt auch uns Erwachsene nicht ganz, nur zu zwei Dritteilen; zu 
einem Drittel sind wir überhaupt noch ungeboren. Jedes Erwachen 
am Morgen ist dann wie eine neue Gebmt. Wir sprechen auch vom 
Zustand nach dem Schlaf mit den \'\^orten : wir sind wie neugeboren, 
w^übei wir über das Allgemeingefühl des Neugeborenen eine wahr- 
scheinlich sehr falsche Voraussetzung machen. Es ist anzunehmen, 
daß dieser sich vieiraehr sehr unbehaglich fühlt. Wir sagen auch vom 
Geborenwerden : das Licht der Welt erblicken. 

Wenn das der Schlaf ist, so steht der Traum überhaupt nicht auf 
seinem Programm, scheint vielmehr eine unwillkommene Zutat. Wir 
meinen auch, daß der traumlose Schlaf der beste, der einzig richtige 
ist. Es soll keine seelische Tätigkeit im Schlaf geben^ rührt sich diese 
doch, so ist uns eben die Herstellung des fötalen Ruhezustandes nicht 
gelungen; Reste von Seelentätigkeit haben sich nicht ganz vermeiden 
lassen. Diese Reste, das wäre das Träumen. Dann scheint es aber 
wirklich, daß der Traum keinen Sinn zu haben braucht. Bei den Fehl- 
leistungen lag es anders^ es waren doch Tätigkeiten während des 
Wachens. Aber wenn ich schlafe, die seelische Tätigkeit ganz ein- 
gestellt habe und nur gewisse Reste derselben nicht unterdrücken 
konnte, so ist es gar nicht notwendig, daß diese Reste einen Sinn 
haben. Ich kann diesen Sinn sogar nicht brauchen, da ja das übrige 
meines Seelenlebens schläft. Es kann sich da wirklich nur um 
zuckungsartige Reaktionen handeln, nur um solche seelische Phäno- 
mene, die direkt auf somatischen Anreiz hin erfolgen. Die Träume 
wären also die den Schlaf störenden Reste der seelischen Tätigkeit 
des Wachens, und wir dürfen den Vorsatz fassen, das für die Psycho- 
analyse ungeeignete Thema alsbald wieder zu -verlassen. 



86 



Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Indes, wenn der Traum auch überflüssig ist, er existiert doch, und 
wir können versuchen, uns von dieser Existenz Rechenschaft zu 
geben. Warum schläft das Seelenleben nicht ein? Wahrscheinlich, 
weil etwas der Seele keine Ruhe läßt. Es wirken Reize auf sie ein, 
und sie muß darauf reagieren-. Der Traum ist also die Art, wie die 
Seele auf die im Schlafzustand einwirkenden Reize reagiert. Wir 
merken hier euien Zugang zum Verständnis des Traumes. Wir können 
nun bei verschiedenen Träumen danach suchen, welches die Reize 
sind, die den Schlaf stören wollen, und auf die mit Träumen reagiert 
wird. Soweit hätten wir das erste Gemeinsame aller Traume aufge- 
arbeitet. 

Gibt es noch ein anderes Gemeinsames? Ja, es ist unverkennbar, 
aber viel schwieriger zu erfassen urid zu beschreiben. Die seeUschen 
Vorgänge im Schlaf haben auch einen ganz anderen Charakter als 
die des Wachens. Man erlebt vielerlei im Traum und glaubt daran, 
während man doch nichts erlebt als vielleicht den einen störenden 
Reiz. Man erlebt es vorwiegend in visuellen Bildern; es können auch 
Gefühle dabei sein, auch Gedanken mittendurch, es können auch die 
anderen Sinne etwas erleben, aber vorwiegend sind es doch Rüder. 
Ein Teil der Schwierigkeit des Traumerzählens kommt daher, daß wir 
diese Bilder in Worte zu übersetzen haben. Ich könnte es zeichnen, sagt 
uns der Träumer oft, aber ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Das ist 
nun eigentlich keine reduzierte seelische Tätigkeit wie die des Schwach- 
sinnigen im Vergleich zum Genialen ; es ist etwas qualitativ anderes, 
aber schwer zu sagen, worin der Unterschied liegt. G. Th. Fechner 
äußert einmal die Vermutung, der Schauplatz, auf dem sich die Träume 
(in der Seele) abspielen, sei ein anderer als der des wachen Vorstellungs- 
lebens. Das verstehen wir zwar nicht, wissen nicht, was wdr uns dabei 
denken sollen, aber den Eindruck der Fremdai-tigkeit, den uns die 
meisten Träume machen, gibt es wirklich wieder. Auch der Vergleich 
der Traumtätigkeit mit den Leistungen einer unmusikalischen Hand 
versagt hier. Das K]a\'ier wird doch jedenfalls mit denselben Tönen 
antworten, wenn auch nicht mit Melodien, sobald der Zufall über 



{ 






f, Schwierigkeiten und erste Annäherungen 87 

seine Tasten fährt. Diese zweite Gemeinsamkeit aller Träume wollen 
wir, wenn sie auch unrerstanden sein mag, sorgiältig im Auge behalten. 

Gibt es noch weitere Gemeinsamkeiten ? Ich finde keine, sehe überall 
nur Verschiedenheiten, und zwar in allen Hinsichten. Sowohl was 
die scheinbare Dauer, als auch was die Deutlichkeit, die Affektbetei- 
ligung, die Haltbarkeit u. a. betrifft. Das alles ist eigentlich nicht so, 
wie wir es bei der notgedrungenen, dürftigen, zuckungsartigen Ab- 
wehr eines Reizes erwarten könnten. Was die Dimension der Träume 
anbelangt, so gibt es sehr kurze, die nur ein Bild oder wenige, einen 
Gedanken, ja nur ein Wort enthalten; andere, die ungemein reich an 
Inhalt sind, ganze Romane aufführen und lange zu dauern scheinen. 
Es gibt Träume, die so deutlich sind wie das Erleben, so deutlich, 
daß wir sie eine Zeitlang nach dem Erwachen noch nicht als Träume 
erkennen; andere, die unsäglich schwach sind, schattenhaft und ver- 
schwommen; ja in einem und demselbenTraum können die überstarken 
und die kaum faßbar undeutlichen Partien miteinander abwechseln. 
Träume können ganz sinnvoll sein oder wenigstens kohärent, ja sogar 
geistreich, phantastisch schön; andere wiederum sind verworren, wie 
schwachsinnig, absurd, oft geradezu toll. Es gibt Träume, die uns ganz 
kalt lassen, andere, in denen alle Affekte laut werden, ein Schmerz 
bis zum Weinen, eine Angst bis zum Erwachen, Verwunderung, Ent- 
zücken usw. Träume werden meist nach dem Erwachen rasch ver- 
gessen, oder sie halten sich einen Tag lang in der Weise, daß sie bis 
zum Abend immer mehr blaß und lückenhaft erinnert werden; andere 
erhalten sich so gut, z. B. Kindheitsträume, daß sie 50 Jahre später 
wie frisches Erleben vor dem Gedächtnis stehen. Träume können wie 
die Individuen ein einziges Mal auftreten, niemals wieder, oder sie 
wiederholen sich bei derselben Person unverändert oder mit kleinen 
Abweichungen. Kurz, dies bißchen nächtliche Seelentätigkeit verfügt 
über ein riesiges Repertoire, kann eigentlich noch alles, was die Seele 
bei Tag schafft, aber es ist doch nie dasselbe. 

Man' könnte versuchen, von diesen Mannigfaltigkeiten des Traumes 
Rechenschaft zu geben, indem man annimmt, sie entsprechen ver- 



4 



88 Vorlesungen zur Einführung in die Psychnannlyse 



schiedeuen Zwischenstadien zwischen dem Schlafen und dem Wachen 
verschiedenen Stufen des unvollständigen Schlafes. Ja, aber dann müßte 
mit Wert, Inhalt und Deutlichkeit der Traumleistung auch die Klar- 
heit, daß es ein Traum ist, zunehmen, da sich die Seele bei solchem 
Träumen dem Erwachen nähert, und es dürfte nicht vorkommen, daß 
unmittelbar neben ein deutliches und vernünftiges Traumstückchen 
ein unsinniges oder undeutliches gesetzt wird, worauf dann wieder 
ein gutes Stück Arbeit folgt. So rasch könnte die Seele ihre Schlaf- 
tiefe gewiß nicht wechseln. Diese Erklärung leistet also nichts; es geht 
überhaupt nicht kurzerhand. 

Wir wollen vorläufig auf den „Sinn" des Traumes verzichten und 
dafür versuchen, uns von dem Gemeinsamen der Träume aus einen Weg 
zum besseren Verständnis derselben zu bahnen. Aus der Beziehung 
der Träume zum Schlafzustand haben wir geschlossen, daß der Traum 
die Reaktion auf einen den Schlaf störenden Reiz ist. Wie wir gehört 
haben, ist dies auch der einzige Punkt, an dem uns die exakte experi- 
mentelle Psychologie zu Hilfe kommen kann ^ sie erbringt den Nachweis, 
daß während des Schlafes zugeführte Reize im Traume erscheinen. Es 
sind viele solche Untersuchungen bis auf die des bereits genannten 
Mourly Vold angesteUt worden; jeder von uns ist auch wohl selbst 
in die Lage gekommen, dies Ergebnis durch gelegentliche persönUche 
Beobachtung zu bestätigen. Ich will zur Mitteilung einige ältere Experi- 
mente auswählen. Mau ry ließsolche Versuche an seiner eigenen Pei-son 
ausführen. Man heß ihn im Traum Kölnerwasser riechen. Er träumte, 
daß er in Kairo im Laden von Johann Maria Farina sei, und daran 
schlössen sich weitere tolle Abenteuer. Oder : man kneifte ihn leicht in 
den Nacken; er träumte von einem aufgelegten Blasenpflaster und 
von einem Arzt, der ihn in seiner Kindheit behandelt hatte. Oder: 
man goß ihm einen Tropfen Wasser auf die Stirne. Er war dann in 
Italien, schwitzte heftig und trank den weißen Wein von On^ieto. 
Wasunsandiesen experimentell erzeugten Träumen auffällt, werden 
wir vielleicht noch deutlicher an einer anderen Reihe von Reizträumen 
erfassen können. Es sind di-ei Träume, von einem geistreichen Be- 



K, Schwierigheiten und erste Annäherungen 89 

obachter, Hildebrandt; mitgeteilt, sämtlich Reaktionen auf den Lärm 
eines Weckers: 

„Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren und schlendre 
dvirch die grünenden Felder weiter bis zu einem benachbarten Dorfe, 
dort sehe ich die Bewohner in Fei er kl eidern, das Gesangbuch unter 
dem Arme, zahlreich der Kirche zuwandern. Richtig! es ist ja Sonn- 
tag und der Frühgottesdienst wird bald beginnen. Ich beschheße, an 
diesem teilzunehmen, zuvor aber, weil ich etwas echauffiert bin, auf 
dem die Kirche umgebenden Friedhofe mich abzukühlen. Während 
ich hier verschiedene Grabschriften lese, höre ich den Glöckner den 
Turm hinansteigen und sehe nun in der Höhe des letzteren die kleine 
Dorfglocke, die das Zeichen zum Beginn der Andacht geben wird. 
Noch eine ganze Weile hängt sie bewegungslos da, dann fängt sie an 
zu schwingen — und plötzHch ertönen ihre Schläge hell nnd durch- 
dringend — so hell und durchdringend, daß sie meinem Schlafe ein 
Ende machen. Die Glockentöne aber kommen von dem Wecker." 

„Eine zweite Kombination. Es ist heller Wintertag; die Straßen 
sind hoch mit Schnee bedeckt. Ich habe meine Teilnahme an einer 
Schlittenfahrt zugesagt, muß aber lange warten, bis die Meldung er- 
folgt, der Schlitten stehe vor der Tür. Jetzt erfolgen die Vorbereitungen 
zum Einsteigen — der Pelz wird angelegt, der Fußsack hervorgeholt— 
und endlich sitze ich auf meinem Platze. Aber noch verzögert sich 
die Abfahrt, bis die Zügel den harrenden Rossen das fühlbare Zeichen 
geben. Nun ziehen diese an; die kräftig geschüttelten Schellen be- 
ginnen ihre wohlbekannte Janitscharenmusik mit einer Mächtigkeit, 
die augenblickhch das Spinngewebe des Traumes zerreißt. Wieder 
ist's nichts anderes als der schrille Ton der Weckerglocke." 

„Noch das dritte Beispiel! Ich sehe ein Küchenmädchen mit einigen 
Dutzend aufgetürmter Teller den Korridor entlang zum Speisezimmer 
schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen scheint mir in Gefahr, 
das Gleichgewicht zu verlieren. ,Nimm dich in acht,' warne ich, ,die 
ganze Ladung wird zur Erde fallen.' Natürlich bleibt der obligate 
Widerspruch nicht aus: man sei dergleichen schon gewohnt usw.. 



go Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

währenddessen ich immer noch mit Blicken der Besorgnis die Wan- 
delnde begleite. Richtig, an der Türschwelle erfolgt ein Straucheln — 
das zerbrechliche Geschirr fällt und rasselt und prasselt in hundert 
Scherben auf dem Fußboden umher. Aber — das endlos sich fort- 
setzende Getön ist doch, wie ich bald merke, kein eigentliches Rasseln, 
sondern ein richtiges Klingeln; — und mit diesem Klingeln hat, wie 
nunmehr der Erwachende erkennt, nur der Wecker seine Schuldig- 
keit getan." 

Diese Träume sind recht hübsch, ganz sinnvoll, gar nicht so inko- 
härent, wie Träume sonst zu sein pflegen. Wir wollen sie deswegen 
nicht beanständen. Das Gemeinsame an ihnen ist, daß die Situation 
jedesmal in einen Lärm ausgeht, den man beim Erwachen als den 
des Weckers agnosziert. Wir sehen also hier, wie ein Traum erzeugt 
wird, aber erfahren auch noch etwas anderes. Der Traum erkennt 
den Wecker nicht, — dieser kommt auch im Traum nicht vor — , 
sondern er ersetzt das Weckergeräusch durch ein anderes, er deutet 
den Reiz, der den Schlaf aufhebt, deutet ihn aber jedesmal in einer 
anderen Weise. Warum das? Daraufgibt es keine Antwort, das scheint 
willkürlich zu sein. Den Traum verstehen, hieße aber angeben können, 
warum er gerade diesen Lärm und keinen anderen zur Deutung des 
Weckerreizes gewählt hat. In ganz analoger Weise muß man gegen 
die Maury sehen Experimente einwenden, man sehe wohl, daß der 
zugeführte Reiz im Traume auftritt, aber warum gerade in dieser 
Form, das erfahre man nicht, und das scheint aus der Natur des schlaf- 
störenden Reizes gar nicht zu folgen. Auch schließt in den Maury- 
schen Versuchen an den direkten Reizerfolg meist eine Unmenge von 
anderem Traummaterial an, z. B. die tollen Abenteuer im Kölner- 
wassertraum, für die man keine Rechenschaft zu geben weiß. 

Nun wollen Sie bedenken, daß die Weckträume noch die besten 
Chancen bieten, den Einfluß äußerer schlafstörender Reize festzu- 
stellen. In den meisten anderen Fällen wird es schwieriger werden. 
Man wacht nicht aus allen Träumen auf, und wenn man des Morgens 
einen Traum der Nacht erinnert, wie soll man dann einen störenden 



V. Schwierigkeiten und erste Annäherungen 91 

Reiz auffinden, der vielleicht zur Nachtzeit eingewirkt hat? Mir ge- 
lang es einmal, einen solchen Schallreiz nachträglich zu konstatieren, 
natürlich nur infolge besonderer Umstände. Ich erwachte eines Mor- 
gens in einem Tiroler Höhenort mit dem Wissen, ich habe geträumt, 
der Papst sei gestorben. Ich konnte mir den Traum nicht erklären, 
aber dann fragte mich meine Frau: Hast du heute gegen Morgen das 
entsetzliche Glockengeläute gehört, das von allen Kirchen und Ka- 
pellen losgelassen w^urde? Nein, ich hatte nichts gehört, mein Schlaf 
ist resistenter, aber ich verstand dank dieser Mitteilung meinen Traum. 
Wie oft mögen solche Reizungen den Schläfer zum Träumen anregen, 
ohne daß er nachträgliche Kunde von ihnen erhält? Vielleicht sehr 
oft, vielleicht auch nicht. Wenn der Reiz nicht mehr nachweisbar 
ist, läßt sich auch keine XJberzeugung davon gewinnen. Wir sind 
ohnedies von der Schätzung der schlafstörenden äußeren Reize zurück- 
gekommen, seitdem wir wissen, daß sie uns nur ein Stückchen des 
Traumes und nicht die ganze Traumreaktion erklären können. 

Wir brauchen darum diese Theorie nicht ganz aufzugeben. Sie ist 
außerdem einer Fortsetzung fähig. F^ ist offenbar gleichgültig, wo- 
durch der Schlaf gestört und die Seele zum Träumen angeregt werden 
soll. Wenn es nicht jedesmal ein von außen kommender Sinnesreiz 
sein kann, so mag dafür ein von den inneren Organen ausgehender, 
sogenannter Leibreiz eintreten. Diese Vermutung liegt sehr nahe, 
sie entspricht auch der populärsten Ansicht über die Entstehung der 
Träume. Träume kommen vom Magen, hört man. oft sagen. Leider 
wird auch hier der Fall als häufig zu vermuten sein, daß ein Leibreiz, 
der zur Nachtzeit eingewirkt hat, nach dem Erwachen nicht mehr 
nachweisbar und somit unbeweisbar geworden ist. Aber wir wollen 
nicht übersehen, wieviel gute Erfahrungen die Ableitung der Träume 
vom Leibreiz unterstützen. Est ist im allgemeinen unzweifelhaft, daß 
der Zustand der inneren Organe den Traum beeinflussen kann. Die 
Beziehung manches Trauminhalts zu einer Überfüllung der Harn- 
blase oder zu einem Erregungszustand der Geschlechtsorgane ist so 
deutlich, daß sie nicht verkannt werden kann. Von diesen durch- 



f)^ Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

sichtigen Fällen her kommt man zu anderen, in denen sich aus dem 
Inhalt der Träume wenigstens eine berechtigte Vermutung ableiten 
läßtj daß solche Leibreize eingewirkt haben, indem sich in diesem 
Inhalt etwas findet, was als Verarbeitung, Darstellung, Deutung dieser 
Reize aufgefaßt werden kann. Der Traumforscher Scherner (1861) 
hat die Herleitung des Traumes von Organreizen besonders nach- 
drücklich vertreten und einige schöne Beispiele für sie erbracht. W^enn 
er z. B. in einem Traum „zwei Reihen schöner Knaben blonden Haares 
und zarter Gesichtsfarbe, in Kampflust einander gegenüberstehen, auf- 
einander losgehen, sich gegenseitig greifen, voneinander wieder los- 
lassen, die alte Stellung wieder einnehmen und den ganzen Vorgang 
von neuem machen" sieht, so ist die Deutung dieser Knabenreihen 
als der Zähne an und für sich ansprechend, und sie scheint ihre volle 
Bekräftigung zu finden, wenn nach dieser Szene der Träumer „sich 
einen langen Zahn aus dem Kiefer herauszieht". Auch die Deutung 
von „langen, schmalen, gewundenen Gängen" auf Darmreiz, scheint 
stichhaltig und bestätigt die Aufstellung von Scherner, daß der 
Traum vor allem das den Reiz ausschickende Organ durch ihm ähn- 
liche Gegenstände darzustellen sucht. 

Wir müssen also bereit sein zuzugeben, daß innere Reize für den 
Traum dieselbe Rolle spielen können wie äußere. Leider unterliegt 
ihre Schätzung auch denselben Einwendungen. In einer großen An- 
zahl von Fällen bleibt die Deutung auf Leibreiz unsicher oder un- 
beweisbar; nicht alle Träume, sondern nur ein gewisser Anteil der- 
selben erweckt den Verdacht, daß innere Organreize bei ihrer Ent- 
stehung beteiligt waren, und endlich wird der innere Leibreiz so 
wenig wie der äußere Sinnesreiz imstande sein, vom Traum mehr 
zu erklären, als was der direkten Reaktion auf den Reiz entspricht. 
Woher dann das übrige des Traumes kommt, bleibt dunkel. 

Merken wir uns aber eine Eigentümlichkeit des Traumlebens, 
die bei dem Studium dieser Reizeinwirkungen zum Vorschein kommt. 
Der Traum bringt den Reiz nicht einfach wieder, sondern er verar- 
beitet ihn, er spielt auf ihn an, reiht ihn in einen Zusammenhang 



V. Sduvierigkeiten und erste Annälierungen gx 

ein, ersetzt ihn durch etwas anderes. Das ist eine Seite der Traum- 
arbeit, die uns interessieren muß, weil sie vielleicht näher an das 
Wesen des Traumes heranführt: Wenn iemand auf eine Anregung 
hin etwas macht, so braucht diese Anregung darum das Werk nicht 
zu erschöpfen. Der Macbeth Shakespeares z, B. ist ein Gelegen- 
heitsstück, zur Thronbesteigung des Königs gedichtet, der zuerst die 
Kronen der drei Länder auf seinem Haupt vereinigte. Aber deckt 
diese historische Veranlassung den Inhalt des Dramas, erklärt sie uns 
dessen Größen und Rätsel? Vielleicht sind die auf den Schlafenden 
wirkenden Außen- und Innenreize auch nur die Anreger des Traumes, 
von dessen Wesen uns damit nichts verraten wird. 

Das andere Gemeinsame des Traumes, seine psychische Besonder- 
heit, ist einerseits schwer faßbar und gibt anderseits keinen Anhalts- 
punkt zur weiteren Verfolgung. Im Traum erleben wir zumeist etwas 
in visuellen Formen. Können dafür die Reize einen Aufschluß geben? 
Ist es in Wirklichkeit der Reiz, den wir erleben? Warum ist dann 
das Erleben visuell, wenn Augenreizung nur in den seltensten Fällen 
den Traum angeregt hat? Oder läßt sich, wenn wir Reden träumen, 
nachweisen, daß während des Schlafes ein Gespräch oder ihm ähn- 
hche Geräusche an unser Ohr gedrungen sind? Diese Möglichkeit 
getraue ich mich mit Entsclnedenheit abzuweisen. 

Wenn wir von den Gemeinsamkeiten der Träume nicht weiter 
kommen, so wollen wir's vielleicht mit ihren Verschiedenheiten ver- 
suchen. Die Träume sind ja oft sinnlos, verworren, absurd; aber es 
gibt sinnvolle, nüchterne, vernünftige. Sehen wir zu, ob uns die 
letzteren, sinnvollen, etwas Aufschluß über die unsinnigen geben 
können. Ich teile Ihnen den lezten vernünftigen Traum mit, der mir 
erzählt worden ist, den Traum eines jungen Mannes: „Ich bin in der 
Kärntnerstraße spazieren gegangen, habe dort den Herrn X. getroffen, 
dem ich mich für eine Weile angeschlossen habe, dann bin ich ins 
Restaurant gegangen. Zwei Damen und ein Herr haben sich an meinen 
Tisch gesetzt. Ich habe mich zuerst darüber geärgert und wollte sie 
nicht anschauen. Dann habe ich hingeschaut und gefunden, daß sie 



g^ Vorlesungen zur Einführung in ilie Psychoanalyse 



ganz nett sind." Der Träumer bemerkt dazu, daß er am Abend vor 
dem Traum wirklich in der Kärntnei-straße gegangen, was sein ge- 
wohnter Weg ist, und dort den Herrn X. getroffen hat. Der andere 
Teil des Traumes ist keine direkte Reminiszenz, sondern hat nur eine 
gewisse Ähnlichkeit mit einem Erlebnis vor längerer Zeit. Oder ein 
anderer nüchterner Traum, der einer Dame: „Ihr Mann fragt: Soll 
man das Klavier nicht stimmen lassen? Sie: F& lohnt nicht, es muß 
ohnedies neu beledert werden." Dieser Traum wiederholt ein Ge- 
spräch, welches sich ohne viel Veränderung am Tage vor dem Traum 
zwischen ihrem Mann und ihr abgespielt hat. Was lernen wir aus 
diesen beiden nüchternen Träumen? Nichts anderes, als daß sich 
Wiederholungen aus dem Leben des Tages oder Anknüpfungen an 
dasselbe in ihnen finden. Das wäre schon etwas, wenn es sich von 
den Träumen allgemein aussagen ließe. Aber davon ist keine Rede, 
auch dies gilt nur für eine Minderzahl; in den meisten Träumen ist 
von einer Anknüpfung an den Vortag nichts zu finden, und auf die 
iinsinnigen und absurden Träume fällt von hier aus kein Licht. 
Wir wissen nur, daß wir auf eine neue Aufgabe gestoßen sind. Wir 
wollen nicht nur wissen, was ein Traum sagt, sondern wenn er es, 
wie in unseren Beispielen, deutlich sagt, wollen wir auch wissen, 
warum und wozu man dies Bekannte, erst kürzlich Erlebte, im Traum 
wiederholt. 

Ich glaube, Sie werden wie ich müde sein. Versuche wie unsere 
bisherigen fortzusetzen. Wir sehen eben, alles Interesse für ein Pro- 
blem ist unzureichend, wenn man nicht auch einen Weg kennt, den 
man einschlagen kann, daß er zur Lösung hinführe. Wir haben diesen 
Weg bis jetzt nicht. Die experimentelle Psychologie hat uns nichts 
gebracht als einige sehr schätzbare Angaben über die Bedeutung der 
Reize als Traumanreger. Von der Philosophie haben wir nichts zu 
erwarten, als daß sie uns neuerdings hochmütig die intellektuelle 
Minderwertigkeit unseres Objekts vorhalte; bei den okkulten Wissen- 
schaften wollen wir doch keine Anleihe machen. Geschichte und 
Volksmeinung sagen uns, der Traum sei sinnreich und bedeutungsvoll, 



V. Schwierigkeiten und erste jinyiäherungen gc 



er blicke in die Zukunft; das ist doch schwer anzunehmen und gewiß 
nicht beweisbar. So läuft unsere erste Bemühung in volle Ratlosig- 
keit aus. 

Unerwarteterweise kommt uns ein Wink von einer Seite zu, nach 
der wir bisher nicht geblickt haben. Der Sprachgebrauch, der ja nichts 
Zufälliges, sondern der Niedei-schlag alter Erkenntnis ist, der freilich 
nicht ohne Vorsicht verwertet werden darf — unsere Sprache also 
kennt etwas, was sie merkwürdigerweise „Tagträumen" heißt. Tag- 
träume sind Phantasien (Produktionen der Phantasie); es sind sehr 
allgemeine Phänomene, wiederum bei Gesunden ebenso zu beobachten 
wie bei Kranken und bei der eigenen Person dem Studium leicht zu- 
gänglich. Das Auffälligste an diesen phantastischen Bildungen ist, daß 
sie den Namen „Tagträume" erhalten haben, denn von beiden Ge- 
meinsamen der Träume haben sie nichts an sich. Der Beziehung zum 
Schlafzustande widerspricht schon ihr Name, und was das zweite Ge- 
meinsame betrifft, so erlebt, halluziniert man in ihnen nichts, sondern 
stellt sich etwas vor; man weiß, daß man phantasiert, sieht nicht, 
sondern denkt. Diese Tagträume treten in der Vorpubertät, oft schon 
in der späteren Kinderzeit auf, halten bis in die Jahre der Reife an, wer- 
den dann entweder aufgegeben oder bis ins späteste Alter festgehalten. 
Der Inhalt dieser Phantasien wird von einer sehr durchsichtigen Mo- 
tivierung beherrscht. Es sind Szenen und Begebenheiten, in denen 
die egoistischen, Ehrgeiz- und Machtbedürfnisse, oder die erotischen 
Wünsche der Person Befriedigung finden. Bei jungen Männern stehen 
meist die ehrgeizigen Phantasien voran, bei den Frauen, die ihren Ehr- 
geiz auf Liebeserfolge geworfen haben, die erotischen. Aber oft ge- 
nug zeigt sich auch bei den Männern die erotische Bedürftigkeit im 
Hintergrunde; alle Heldentaten und Erfolge sollen doch nur um die 
Bewunderung und Gunst der Frauen werben. Sonst sind diese Tag- 
träume sehr mannigfaltig und erfahren wechselvolle Schicksale. Sie 
werden entweder, ein jeder von ihnen, nach kurzer Zeit fallen ge- 
lassen und durch einen neuen ersetzt, oder sie werden festgehalten, 
zu langen Geschichten ausgesponnen und passen sich den Verände- 



96 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



rungen der Lebensverhältnisse an. Sie gehen sozusagen mit der Zeit 
und empfangen von ihr eine „Zeilmarke", die den Einfluß der neuen 
Situation bezeugt. Sie sind das Rohmateria! der poetischen Produktion, 
denn aus seinen Tagträumen macht der Dichter durch gewisse Um- 
formungen, Verkleidungen und Vei-zichte die Situationen, die er in 
seine Novellen, Romane, Theaterstücke einsetzt. Der Held der Tag- 
träumie ist aber immer die eigene Person, entweder direkt oder in 
einer durchsichtigen Identifizierung mit einem anderen. 

Vielleicht tragen die Tagträume diesen Namen wegen der gleichen 
Beziehung zur Wirklichkeit^ um anzudeuten, daß ihr Inhalt ebenso- 
wenig real zu nehmen sei wie der der Träume. Vielleicht aber ruht 
diese Namensgemeinschaft doch auf einem uns noch unbekannten 
psychischen Charakter des Traumes, einem der von uns gesuchten. 
Es ist auch möglich, daß wir überhaupt unrecht tun, wenn wir diese 
Gleichheit der Bezeichnung als bedeutungsvoll verwerten wollen. Das 
kann ja erst später geklärt werden. 



VI. VORLESUNG 

VORAUSSETZUNGEN UND TECHNIK 
DER DEUTUNG 

Meine Damen und Herren! Also wir bedürfen eines neuen Weges, 
einer Methode, um in der Erforschung des Traumes von der Stelle 
zu kommen. Ich mache Ihnen nun einen naheliegenden Vorschlag. 
Nehmen wir als Voraussetzung für alles Weitere an, daß der 
Traum kein somatisches, sondern ein psychisches Phä- 
nomen ist. Was das bedeutet, wissen Sie, aber was berechtigt uns 
zu dieser Annahme? Nichts, aber wir sind auch nicht gehindert, sie 
zu machen. Die Sache hegt so: Wenn der Traum ein somatisches 
Phänomea jst, geht er uns nichts an; er kann uns nur unter der Vor- 
aussetzung, daß er ein seelisches Phänomen ist, interessieren. Wir 
arbeiten also unter der Voraussetzung, er sei es wirklich, um zu sehen, 
was dabei herauskommt. Das Ergebnis unserer Arbeit wird darüber 
entscheiden, ob wir an der Annahme festhalten und sie nun ihrer- 
seits als ein Resultat vertreten dürfen. Was wollen wir denn eigent- 
lich erreichen, wozu arbeiten wir? Wir wollen, was man in der 
Wissenschaft überhaupt anstrebt, ein Verständnis der Phänomene, 
die Herstellung eines Zusammenhanges zwischen ihnen, und in letzter 
Ferne, wo es möglich ist, eine Erweiterung unserer Macht über sie. 

Wir setzen also die Arbeit unter der Annahme fort, daß der Traum 
ein psychisches Phänomen ist. Dann ist er eine Leistung und Äuße- 
nmg des Träumers, aber eine solche, die uns nichts sagt, die wir 

Freud, vir. 



98 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



nicht verstehen. Was tun Sie nun in dem Falle, daß ich eine Ihnen 
unverständliche Äußerung von mir gebe? Mich fragen, nicht wahr? 
Warum sollen wir nicht dasselbe tun dürfen, den Träumer be- 
fragen, was sein Traum bedeutet? 

Erinnern Sie sich, wir befanden uns schon einmal in dieser Situa- 
tion. Es war bei der Untersuchung gewisser Fehlleistungen, eines 
Falles von Versprechen. Jemand hatte gesagt: Da sind Dinge zum 
Vorschwein gekommen, und darauf fragten wir — nein, zum Glück 
nicht wir, sondern andere, die der Psychoanalyse ganz fernstehen, 
da fragten ihn diese anderen, was er mit dieser unverständlichen Rede 
wolle. Er antwortete sofort, daß er die Absicht gehabt hatte zu sagen : 
das waren Schweinereien, daß er aber diese Absicht zurücligedi'ängt 
gegen die andere, gemilderte : da sindDinge zum. Vorschein gekommeu. 
Ich erklärte Ihnen schon damals, diese Erkundigung sei das Vorbild 
jeder psychoanalytischen Untersuchung, und Sie verstehen jetzt, daß 
die Psychoanalyse die Technik befolgt, sich soweit es nur angeht, 
die Lösung ihrer Rätsel von den Untersuchten selbst sagen zu lassen. 
So soll uns auch der Träumer selbst sagen, was sein Traum bedeutet. 

Aber so einfach geht das bekanntlich beim Traum nicht. Bei den 
Fehlleistungen ging es in einer Anzahl von Fällen; dann kamen wir 
zu anderen, in denen der Befragte nichts sagen wollte, ja sogar die 
Antwort, die wir ihm nahelegten, entrüstet zurückwies. Beim Traum 
fehlen uns die Fälle der ersten Art völlige der Träumer sagt immer, 
er weiß nichts. Zurückweisen kann er unsere Deutung nicht, da wir 
ihm keine vorzulegen haben. So sollten wir also unseren Versuch 
wieder aufgeben? Da er nichts weiß und wir nichts wissen und ein 
Dritter erst recht nichts wissen kann, gibt's wohl keine Aussicht, es 
zu erfahren. Ja, wenn Sie wollen, geben Sie den Versuch auf. Wenn 
Sie aber anders wollen, so können Sie den Weg mit mir fortsetzen. 
Ich sage Ihnen nämlich, es ist doch sehr wohl möglich, ja sehr wahr- 
scheinlich, daß der Träumer es doch weiß, was sein Traum bedeutet, 
nur weiß er nicht, daß er es weiß, und glaubt darum, 
daß er es nicht weiß. 



^/. Vor aussetzungen und Technik der Deutung qq 

Sie werden mich aufmerksam machen, daß ich da wiederum eine 
Annahme einführe, schon die zweite in diesem kurzen Zusammen- 
hange, und den Anspruch meines Verfahrens auf Glaubwürdigkeit 
enorm herabsetze. Unter der Voraussetzung, daß der Traum ein psy- 
chisches Phänomen ist, unter der weiteren Voraussetzung, daß es 
seelische Dinge im Menschen gibt, die er weiß, ohne zu wissen, 
daß er sie weiß, usw. Dann braucht man nur die innere Unwahr- 
scheinlichkeit jeder dieser beiden Voraussetzungen ins Auge zu fas- 
sen, um bemhigt sein Interesse von den Schlüssen aus ihnen abzu- 
wenden. 

Ja, meine Damen und Herren, ich habe Sie nicht hieher kommen 
lassen, um Ihnen etwas vorzuspiegeln oder zu verhehlen. Ich habe 
zwar „Elementare Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" 
angekündigt, aber damit habe ich keine DarsLellung in usum delphini 
beabsichtigt, die Ihnen einen glatten Zusammenhang zeigen soll mit 

sorgfältigem Verstecken allerSchwierigkeiten, Ausfüllung der Lücken, 
Übermalen der Zweifel, damit Sie ruhigen Gemüts glauben sollen, 
Sie haben etwas Neues gelernt. Nein, gerade darum, weil Sie Anfänger 
sind, wollte ich Ihnen unsere Wissenschaft zeigen, wie sie ist, mit 
ihren Unebenheiten und Härten, Anforderungen und Bedenken. Ich 
weiß nämlich, daß es in keiner Wissenschaft anders ist und besonders 
in ihren Anfängen gar nicht anders sein kann. Ich weiß auch, daß 
der Unterricht sich sonst bemüht, diese Schwierigkeiten und Unvoll- 
kommenheiten dem Lernenden zunächst zu verbergen. Aber das 
geht bei der Psychoanalyse nicht. Ich habe also wirklich zwei Vor- 
aussetzungen gemacht, die eine innerhalb der anderen, und wem das 
Ganze zu mühselig und zu unsicher ist, oder wer au höhere Sicher- 
heilen und elegantere Ableitungen gewöhnt ist, der braucht nicht 
weiter mitzugehen. Ich meine nur, der soll psychologische Probleme 
überhaupt in Ruhe lassen, denn es ist zu besorgen, daß er die exakten 
und sicheren Wege, die er zu begehen bereit ist, hier nicht gangbar 
findet. Es^ist auch ganz überflüssig, daß eine Wissenschaft, die etwas 
zu bieteji hat, imi Gehör und um Anhänger werbe. Ihre Ergebnisse^^ 



100 



Vorlewngen zur Einß'/hrung in die PfjcJwanalyse 



müssen für sie Stimmung machen, und sie kann abwarten, bis diese 
sich Aufmerksamkeit erzwungen haben. 

Diejenigen von Ihnen aber, die bei der Sache verbleiben wollen, 
kann ich daran mahnen, daß meine beiden Annahmen nicht gleich- 
wertig sind. Die erste, der Traum sei ein seelisches Phänomen, ist 
die Voraussetzung, die wir durch den Erfolg unserer Arbeit erweisen 
wollen; die andere ist bereits auf einem anderen Gebiete erwiesen, 
und ich nehme mir bloß die Freiheit, sie von dorther auf unsere 
Probleme zu übertragen. 

Wo, auf welchem Gebiet sollte der Beweis erbracht worden sein, 
daß es ein Wissen gibt, von dem der Mensch doch nichts weiß, wie 
wir es hier für den Träumer annehmen wollen? Das wäre doch eine 
merkwürdige, überraschende, unsere Auffassung des Seelenlebens 
verändernde Tatsache, die sich nicht zu verbergen brauchte. Neben- 
bei eine Tatsache, die sich in ihrer Benennung selbst aufhebt und 
doch etwas Wirldiches sein will, eine contradictio in adjecto. Nun,, 
sie verbirgt sich auch gar nicht. Es liegt nicht an ihr, wenn man 
nichts von ihr weiß oder sich nicht genügend um sie kümmert. So 
wenig, wie es unsere Schuld ist, daß alle diese psychologischen Pro- 
bleme von Personen abgeurteilt werden, die sich von all den hie- 
für entscheidenden Beobachtungen und Erfahrungen ferngehalten 
haben. 

Der Beweis ist auf dem Gebiet der hypnotischen Erscheinungen 
erbracht worden. Als ich im Jahre 1889 die ungemein eindrucks- 
vollen Demonstrationen von Li^bault und Bernheim in Nancy 
mitansah, war ich auch Zeuge des folgenden Versuches. Wenn man 
einen Mann in den somnambulen Zustand versetzt hatte, ihn in diesem 
alles mögliche halluzinatorisch erleben ließ und ihn dann aufweckte, 
so schiea er zunächst von den Vorgängen während seines hypnotischen 
Schlafes nichts zu wissen. Bernheim forderte ihn dann direkt auf 
zu erzählen, was sich mit ihm während der Hypnose zugetragen. 
Er behauptete, er wisse sich an nichts zu erinnern. Aber Bernheim 
bestand darauf, er drang in den Mann, versicherte ihm, er wisse es, 



VI. Voraussetzungen und Technik der Deutung joi 



müsse sich daran erinnern, und siehe da, der Mann wurde schwan- 
kend, begann sich zu besinnen, erinnerte zuerst wie schattenhaft eines 
der ihm suggerierten Erlebnisse, dann ein anderes Stück, die Erinne- 
rung wurde immer deutlicher, immer vollständiger und endlich war 
sie lückenlos zu Tage gefördert. Da er es aber nachher wußte und 
inzwischen von keiner anderen Seite etwas erfahren hatte, ist der 
Schluß berechtigt, daß er um diese Erinnerungen auch vorher gewußt 
hat. Sie waren ihm nur unzugänglich, er wußte nicht, daß er sie 
wisse, er glaubte, daß er sie nicht wisse. Also ganz der Fall^ deu "wir 
beim Träumer vermuten. 

Ich hoffe, Sie werden von der Feststellung dieser Tatsache überrascht 
sein und mich fragen: Warum haben Sie sich auf diesen Beweis nicht 
schon früher, bei den Fehlleistungen berufen, als wir dazu kamen, 
dem Manu, der sich versprochen hatte, Redeabsichten zuzuschreiben, 
von denen er nichts wußte und die er verleugnete? Wenn jemand 
von Erlebnissen nichts zu wissen glaubt, deren Erinnerung er doch 
in sich trägt, so ist es nicht mehr so unwahrscheinlich, daß er auch 
von anderen seelischen Vorgängen in seinem Innern nichts weiß. 
Dies Argument hätte uns gewiß Eindruck gemacht und uns im Ver- 
ständnis der Fehlleistungen gefördert. Gewiß hätte ich mich schon 
damals darauf berufen können, aber ich sparte es auf bis zu einer 
anderen Stelle, an der es notwendiger wäre. Die Fehlleistungen haben 
sich zum Teil selbst aufgeklärt, zum anderen Teil hinterließen sie 
uns die Mahnung, dem Zusammenhang der Erscheinungen zuliebe 
die Existenz solcher seelischer Vorgänge, von denen man nichts weiß 
doch anzunehmen. Beim Traum sind wir gezwungen, Erklärungen 
von anderswoher heranzuziehen, und überdies rechne ich damit, daß 
Sie hier eine Übertragung von der Hypnose her leichter zulassen 
werden. Der Zustand, in dem wir eine Fehlleistung vollziehen, muß 
Ihnen als der normale erscheinen, er hat mit dem hypnotischen keine 
Ähnlichkeit. Dagegen besteht eine deutliche Verwandtschaft zwischen 
dem hypnotischen Zustand und dem Schlafzustand, welcher die Be- 
dingung des Träuraens ist. Die Hypnose heißt ja ein künstlicher Schlaff 



102 Forlesungen zur- Einführung in die Psychoanalyxe 

wir sagen der Person, die wir hypnotisieren: schlafen Sie, und die 
Suggestionen, die wir erteilen, sind den Träumen des natürlichen 
Schlafes vergleichbar. Die psychischen Situationen sind in beiden 
Fällen wirklich analoge. Im natürlichen Schlaf ziehen wir unser In- 
teresse von der ganzen Außenwelt zurück, im hypnotischen wiederum 
von der ganzen Welt, aber mit Ausnahme der einen Person, die uns 
hypnotisiert hat, mit welcher wir im Rapport bleiben. Übrigens ist 
der sogenannte Ammenschlaf, bei dem die Amme im Rapport mit 
dem Kind bleibt und nur vou diesem zu erwecken ist, ein normales 
Seitenstück zum hypnotischen. Die Übertragung eines Verhältnisses 
von der Hypnose auf den natürlichen Schlaf scheint also kein so kühnes 
Wagnis. Die Annahme, daß auch beim Träumer ein Wissen um seinen 
Traum vorhanden ist, das ihm nur unzugänglich ist, so daß er es 
selbst nicht glaubt, ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Merken 
wir uns übrigens, daß sich an dieser Stelle ein dritter Zugang zum 
Studium des Traumes eröffnet^ von den schlafstörenden Reizen aus, 
von den Tagtraumen und jetzt noch von den suggerierten Träumen 
des hypnotischen Zustandes. 1 

Nun kehren wir vielleicht mit gesteigertem Zutrauen zu unserer 
Aufgabe zurück. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß der Träumer 
um seinen Travun weiß; es handelt sich nur darum, ihm möglich zu 
machen, daß er sein Wissen auffindet und es uns miUeilt. Wir ver- 
langen nicht, daß er uns sofort den Sinn seines Traumes sage, aber 
die Herkunft desselben, den Gedanken und Interessen kreis, aus dem 
er stammt, wird er auffinden können. Im Falle der Fehlleistung, er- 
innern Sie sich, wurde er gefragt, ^vie er zu dem Fehlwort „Vor- 
schwein" gekommen war, und sein nächster Eiufall gab uns die Auf- 
klärung. Unsere Technik beim Traume ist nun eine sehr einfache, 
diesem Beispiel nachgeahmte. Wir werden ihn wiederum fragen, 
wie er zu dem Traume gekommen ist und seine nächste Aussage soll 
wieder als Aufklärung angesehen werden. Wir setzen uns also über 
den Unterschied, ob er etwas zu wissen glaubt oder nicht glaubt, 
hinaus und beliaiideln beide Fälle wie einen einzigen. 



l 



FL Foraussetzunßen und Technik der Deutuns 105 

. Diese Technik ist gewiß sehr einfach, aber ich fürchte, sie wird 
Ihre schärfste Opposition hervorrufen. Sie werden sagen: Eine neue 
Annahme, die dritte! Und die unwahrscheinhchste von allen! Wenn 
ich den Träumer frage, was ihm zum Traum einfällt, soll gerade sein 
nächster Einfall die gewünschte Aufklärung bringen? Aber es braucht 
ihm ja gar nichts einzufallen, oder es kann ihm Gott weiß was ein- 
fallen. Wir können nicht einsehen, worauf sich eine solche Erwar- 
tung stützt. Das heißt wirklich zuviel Gottvertrauen zeigen an einer 
Stelle, wo etwas mehr Kritik besser passen würde. Überdies ist ja ein 
Traum nicht ein einzelnes Fehlwort, sondern besteht aus vielen Ele- 
menten. An welchen Einfall soll man sich da halten? 

Sie haben in allem Nebensächlichen recht. Ein Traum imterscheidet 
sich von einem Versprechen auch in der Vielheit seiner Elemente. 
Dem inuß die Technik Rechnung tragen. Ich schlage Ihnen also vor, 
daß wir den Traum in seine Elemente zerteilen und die Untersuchung 
für jedes Element gesondert anstellen; dann ist die Analogie mit dem 
Versprechen wieder hergestellt. Auch darin haben Sie recht, daß der 
zu den einzelnen Traumelementen Befragte antworten kann, es falle 
ihm nichts ein. Es gibt Fälle, in denen wir diese Antwort gelten lassen, 
und Sie werden später hören, welche. Es sind bemerkenswerterweise 
solche Fälle, in denen wir selbst bestimmte Einfälle haben können. 
Aber im allgemeinen werden wir dem Träumer, wenn er keinen Ein- 
fall zu haben behauptet, widersprechen, wir werden in ihn drängen, 
werden ihm versichern, daß er einen Einfall haben müsse und — 
werden Recht bekommen. Er wird einen Einfall dazu bringen, irgend- 
einen, uns gleichgültig, welchen. Gewisse Auskünfte, die man histo- 
rische nennen kann, wird er besonders leicht erteilen. Er wird sagen: 
Das ist etw^as, was gestern vorgefallen ist (wie in den beiden uns be- 
kannt gewordenen „nüchternen Träumen"), oder; Das erinnert mich 
an etwas, was sich vor kurzer Zeit ereignet hat — und auf diese 
Art werden wir bemerken, daß die Anknüpfungen der Träume 
an Eindrücke der letzten Tage weit häufiger sind, als wir zuerst 
geglaubt haben. Endlich wird er sich auch vom Traum aus an ferner 



104 Vorlesungen zur Einführung in die Psychonnalyse 



liegende, eventuell sogar an weit zurückliegende Begebeniieiten err 
innern. . : 

In der Hauptsache aber haben Sie unrecht. Wenn Sie meinen, es 
sei willkürlich anzunehmen, daß der nächste Einfall des Träumers 
gerade das Gesuchte bringen oder zu ihm führen müsse, der Einfall 
könne vielmehr ganz beliebig und außer Zusammenhang mit dem 
Gesuchten sein, es sei nur eine Äußerung meines Gottvertrauens, 
wenn ich es anders erwarte, so irren Sie groß. Ich habe mir schon 
einmal die Freiheit genommen, Ihnen vorzuhalten, daß ein tief wur- 
zelnder Glaube an psychische Freiheit und Willkürlichkeit in Ihnen 
steckt, der aber ganz unwissenschaftlich ist und vor der Anfordenmg 
eines auch das Seelenleben beherrschenden Determinismus die Segel 
streichen muß. Ich bitte Sie, es als eine Tatsache zu respektieren, 
daß dem Gefragten dies eingefallen ist und nichts anderes. Aber ich 
setze nicht dem einen Glauben einen anderen entgegen. Es läßt sich 
beweisen, daß der Einfall, den der Gefragte produziert, nicht will- 
kürlich, nicht unbestimmbar ist, nicht außer Zusammenhang mit dem 
von uns Gesuchten steht. Ja, ich habe unlängst erfahren — ohne 
übrigens zuviel Wert darauf zu legen — , daß auch die experimentelle 
Psychologie solche Beweise vorgebracht hat. 

Bei der Bedeutung des Gegenstandes bitte ich um Ihre besondere 
Aufmerksamkeit. Wenn ich jemand auffordere zu sagen, was ihm zu 
einem bestimmten Element des Traumes einfällt, so verlange ich von 
ihm, daß er sich der freien Assoziation unter Festhaltung einer 
Ausgangsvorstellung überlasse. Dies erfordert eine besondere 
Emstellung der Aufmerksamkeit, die ganz anders ist als beim Nach- 
denken und das Nachdenken ausschheßt. Manche treffen eine solche 
Einstellung leicht^ andere zeigen bei dem Versuch ein unglaublich 
hohes Maß von Ungeschicklichkeit. Es gibt nun einen höheren Grad 
von Freiheit der Assoziation, wenn ich nämlich auch diese Ausgangs- 
vorstellung fallen lasse und etwa nur Art und Gattung des Einfalles 
festlege, z. B. bestimme, daß mau sich einen Eigennamen oder eine 
Zahl frei einfallen lassen solle. Dieser Einfall müßte noch willkür- 



I 



VI. Voraussetzungen und Technik Her Deutung 



105 



lieber, noch unberechenbarer sein als der bei unserer Technik ver- 
wendete. Es läßt sich aber zeigen, daß er jedesmal strenge determi- 
niert wird durch wichtige innere Einstellungen, die im Moment, da 
sie wirken, uns nicht bekannt sind, ebensowenig bekannt wie die 
störenden Tendenzen der Fehlleistungen und die provozierenden der 
Zufallshandlungen. 

Ich und viele andere nach mir haben wiederholt solche Unter- 
suchungen für Namen und Zahlen, die man sich ohne jeden Anhalt 
einfallen läßt, augestellt, einige derselben auch veröffentlicht. Man 
verfährt dabei in der Weise, daß man zu dem aufgetauchten Namen 
fortlaufende Assoziationen weckt, die also nicht mehr ganz frei, son- 
dern wie die Einfalle zu den Traumelementen einmal gebunden sind 
und dies so lange, bis man den Antrieb dazu erschöpft findet. Dann 
hat man aber auch Motivierung und Bedeutung des freien Namen- 
einfalls aufgeklärt. Die Versuche ergeben immer wieder das namhche, 
ihre Mitteilung erstreckt sich oft über reiches Material und macht 
weitläufige Ausführungen notwendig. Die Assoziationen der frei auf- 
getauchten Zahlen sind vielleicht die beweisendsten; sie laufen so 
schnell ab und gehen mit so unbegreiflicher Sicherheit auf ein ver- 
hülltes Ziel los, daß sie wirkhch verblüffend wirken. Ich will Ihnen 
nur ein Beispiel einer solchen Namenanalyse mitteilen, weil es sich 
günstigerweise mit wenig Material erledigen läßt. 

Im Laufe der Behandlung eines jungen Mannes komme ich auf 
dieses Thema zu sprechen und erwähne den Satz, daß man sich trotz 
der anscheinenden Willkür doch keinen Namen einfallen lassen kann, 
der sich nicht als enge bedingt durch die nächstliegenden Verhält- 
nisse, die Eigentümlichkeiten der Versuchsperson und ihre momen- 
tane Situation erwiese. Da er zweifelt, schlage ich ihm vor, ohne Auf- 
schub selbst einen solchen Versuch zu machen. Ich weiß, daß er 
besonders zahlreiche Beziehungen jeder Art zu Frauen und Mädchen 
unterhält, und meine darum, er wei-de eine besonders große Auswahl 
haben, wenn er sich gerade einen Frauennamen einfallen lasse. Er ist 
damit einverstanden. Zu meinem, oder vielleicht zu seinem Erstaunen 



io6 Vorlesungen, JSlir Einjührun^ in die Psychoanalyse 

bricht aber jetzt keineswegs eine Lawine von Frauennamen über 
mich los, sondern er bleibt eine Weile stumm und gesteht dann, daß 
ihm ein einziger Name in den Sinn gekommen sei, kein anderer 
daneben: Alb ine. — Wie merkwürdig, aber was knüpft sich für 
Sie an diesen Namen? Wieviel Albinen kennen Sie? Sonderbar, er 
kannte keine Albine, und es fiel ihm zu diesem Namen auch weiter 
nichts ein. So konnte man annehmen, die Analyse sei mißlungen; 
aber nein, sie war nur liereits vollendet, es war kein weiterer Einfall 
erforderlich. Der Mann hatte selbst ungewöhnlich helle Farben, in 
den Gesprächen der Kur hatte ich ihn wiederholt scherzhaft einen 
Albino genannt; wir waren eben damit beschäfligl, den weiblichen 
Anteil an seiner Konstitution festzustellen. Er war also selbst diese 
Albine, das derzeit interessanteste Frauenzimmer. 

Ebenso erweisen sich Melodien, die einem unvermittelt einfallen, 
als bedingt durch und zugehörig zu einem Gedankenzug, der ein 
Recht hat, einen zu beschäftigen, ohne daß man um diese Aktivität 
weiß. Es ist dann leicht zu zeigen, daß die Beziehung zm- Melodie an 
deren Text oder an ihre Herkunft anknüpft; ich muß aber so vorsichtig 
sein, diese Behauptung nicht auf wirklich musikahsche Menschen aus- 
zudehnen, über,die ich zufällig keine Erfahrung habe. Bei solchen mag 
der musikalische Gehalt der Melodie für ihr Auftauclien maßgebend 
sein. liäufiger ist gewiß der erstere Fall. So weiß ich von einem 
jungen Manne, der von der allerdings reizenden Melodie des Paris- 
liedes aus der „Schönen Helena" eine Zeitlaug geradezu verfolgt 
wurde, bis ihn die Analyse auf die derzeitige Konkurrenz einer „Ida" 
mit einer „Helene" in seinem Interesse aufmerksam machte. 

Wenn also die ganz frei auftauchenden Einfälle in solcher Weise 
bedingt und in einen bestimmten Zusammenhang eingeordnet sind, 
so werden wir wohl mit Recht schließen, daß Einfälle mit einer ein- 
zigen Gebundenheit, der an eine Ausgangsvorstellung, nicht minder 
bedingt sein können. Die Untersuchung zeigt wirklich, das sie außer 
der Gebundenheit, die wir ihnen durch die Ausgangsvorstellung mit- 
gegeben liaben, eine zweite Abhängigkeit von affektmächtigen Ge- 



T^I. Voraussetzungen und Technik der Deutung 107 

dauken- und Interessenkreiseiij Komplexen, erkennen lassen, deren 
Mitwirkung im Moment nicht bekannt, also unbewußt ist. 

Einfälle von solcher Gebundenheit sind Gegenstand sehr lehrreicher 
experimenteller Untersuchungen gewesen, die in der Geschichte 
der Psychoanalyse eine bemerkenswerte Rolle gespielt haben. Die 
Wundtsche Schule hatte das sogenannte Assoziationsexperiment an- 
gegeben, bei welchem der Versuchsperson der Auftrag erteilt wird, 
auf ein ihr zugerufenes Reizwort möglichst rasch mit einer behe- 
bigen Reaktion zu antworten. Man kann dann das Intervall studieren, 
das zwischen Reiz und Reaktion verläuft, die Natur der als Reaktion 
gegebenen Antwort, den etwaigen Irrtum bei einer späteren Wieder- 
holung desselben Versuches und ähnliches. Die Züricher Schuf e unter 
der Führung von Bleuler und Jung hat die Erklärung der beim 
Assoziationsexperiment erfolgenden Reakti(men gegeben, indem sie 
die Versuchsperson aufforderte, die von ihi- erhaltenen Reaktionen 
durch nachträgliche Assoziationen zu erläutern, wenn sie etwas Auf- 
fälliges an sich trugen. Es stellte sich dann heraus, daß diese auffälligen 
Reaktionen in der schärfsten Weise durch die Komplexe der Versuchs- 
person determiniert waren. Bleuler und Jung hatten damit die 

erste Brücke von der Experimeutalpsychologie zur Psychoanalyse 
geschlagen. 

In solcher Weise belehrt, werden Sie sagen können : Wir anerkennen 
jetzt, daß freie Einfälle determiniert sind, nicht willkürlich, wie wir 
geglaubt haben. Wir geben dies auch für die Einfälle zu den Ele- 
menten des Traumes zu. Aber das ist es ja nicht, worauf es uns an- 
kommt. Sie behaupten ja, daß der Einfall zum Traumelement durch 
den uns nicht bekannten psycliischen Hintergrund eben dieses Ele- 
ments determiniert sein wird. Das scheint uns nicht erwiesen. Wir 
erwarten schon, daß sich der Einfall zum Traumelement durch einen 
der Komplexe des Träumers bestimmt zeigen wird, aber was nützt 
uns das? Das führt uns nicht zum Verständnis des Traumes, sondern 
väie das Assoziationsexperiment zur Kenntnis dieser sogenannten Kom- 
plexe. Was haben diese aber mit dem Traum zu tun? . •■- ; 



lo8 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Sie haben recht, aber Sie übersehen ein Moment. Übiigens gerade 
jenes, wegen dessen ich das Assoziationsexperiment nicht zum Aus- 
gangspunkt für diese Darstellung gewählt habe. Bei diesem Experi- 
ment wird die eine Determinante der Reaktion, nämlich das Reizwort, 
von uns willkürlich gewählt. Die Reaktion ist dann eine Vermittlung 
zwischen diesem Reizwort und dem eben geweckten Komplex der 
Versuchsperson. Beim Traum ist das Reizwort ersetzt durch etwas, 
was selbst aus dem Seelenleben des Träumers, aus ihm unbekannten 
Quellen, stammt,also sehr leicht selbst ein „Kotnplexabkömmliug" sein 
könnte. Es ist darum die Erwartung nicht gerade phantastisch, daß 
auch die an die Traumelemente angeknüpften weilereu Einfälle durch 
keinen anderen Komplex als den des Elements selbst bestimiiit sein 
und auch zu dessen Aufdeckung führen werden. 

Lassen Sie mich an einem anderen Falle zeigen, daß es tatsächlich 
so ist, wie wir es für unseren Fall erwarten. Das Entfallen von Eigen- 
namen ist eigentlich ein ausgezeichnetes Vorbild für den Fall der 
Traumanalyse; nur ist hier in einer Person beisammen, was bei der 
Traumdeutung auf zwei Personen verteilt ist. Wenn ich einen Namen 
zeitweilig vergessen habe, so habe ich doch die Sicherheit in mir, daß 
ich den Namen weiß; jene Sicherheit, die wir uns für den Träumer 
erst auf dem Umwege über das B e rn h e i m sehe Experiment aneignen 
konnten. Der vergessene und doch gewußte Name ist mdr aber nicht 
zugängUch. Nachdenken, wenn auch noch so angestrengtes, hilft da- 
bei nichts, das sagt mir bald die Erfahrung. Ich kann mir aber jedes- 
mal an Stelle des vergessenen Namens einen oder mehrere Ersatz- 
namen einfallen lassen. Wenn mir ein solcher Ersatzname spontan 
eingefallen ist, dann wird erst die Übereinstimmung dieser Situation 
mit der der Traumanalyse evident. Das Traumeiement ist ja auch 
nicht das Richtige, nur ein Ersatz für etwas anderes, für das Eigent- 
Uche, das ich nicht kenne und durch die Traumafnalyse auffinden soll. 
Der Unterschied liegt wiederum nur darin, daß ich beim Namen- 
vergessen den Ersatz unbedenklich als das Uneigenthche erkenne, 
während wir diese Auffassung für das Traumelement erst mühselig 



^I. Vo raussetzungen und Technik der Deutung \ 09 

erwerben mußten. Nun gibt es auch beim Namenvergessen einen Weg 
vom Ersatz zum unbewußten Eigentlichen, zum vergessenen Namen 
KU kommen. Wenn ich meine Aufmerksamkeit auf diese Ersatznamen 
richte und weitere Einfälle zu ihnen kommen lasse, so gelange ich 
nach kürzeren oder längeren Umwegen zum vergessenen Namen und 
finde dabei, daß die spontanen Ersatznamen wie die von mir hervor- 
gerufenen mit dem vergessenen in Beziehung standen, durch ihn 
determiniert waren. 

Ich will Ihnen eine Analyse dieser Art vorführen: Eines Tages be- 
merke ich, daß ich über den Namen jenes Ländchens an der Riviera, 
dessen Hauptort Monte Carlo ist, nicht verfüge. Es ist zu ärgerlich, 
aber es ist so. Ich versenke mich in all mein Wissen um dieses Land, 
denke an den Fürsten Albert aus dem Hause Lusignan, an seine Ehen, 
seine Vorliebe für Tiefseeforschungen, und was ich sonst zusammen- 
tragen kann, aber es hilft mir nichts. Ich gebe also das Nachdenken 
auf und lasse mir an Stelle des verlorenen Ersatznamen einfallen. 
Sie kommen rasch. MonteCarlo selbst, dann Piemont, Albanien, 
Montevideo, Colico. Albanien fällt mir in dieser Reihe zuerst auf, 
es ersetzt sich alsbald durch Montenegro, wohl nach dem Gegen- 
satze von Weiß und Schwarz. Dann sehe ich, das vier dieser Ersatz- 
namen die nämliche Silbe mon enthalten^ ich habe plötzlich das ver- 
gessene Wort und rufe laut; Monaco. Die Ersatznamen sind also 
wirklich vom vergessenen ausgegangen, die vier ersten von der ersten 
Silbe, der letzte bringt die Silbenfolge und die ganze Endsilbe wieder. 
Nebenbei kann ich auch leicht finden, was mir den Namen für eine 
Zeit weggenommen hat. Monaco gehört auch zu M ü n c h e n als dessen 
italienischer Name; diese Stadt hat den hemmenden Einfluß ausgeübt. 

Das Beispiel ist gewiß schön, aber zu einfach. In anderen Fällen 
müßte man zu den ersten Ersatznamen eine größere Reihe von Einfäl- 
len nehmen, dann wäre die Analogie mit der Traumanalyse deutli- 
cher. Ich habe auch solche Erfahrungen gemacht. Als mich einmal ein 
Fremder einlud, italienischen Wein mit ihm zu trinken, ergab es sich 
im Wirtshause, das er den Namen jenes Weines vergessen hatte, den 



1 1 Vorlesungen zur EmßJhrung in die Psychoannlyse 



er, weil er ihm im besten Gedenken geblieben war, zu bestellen be- 
absichtigte. Aus einer Fülle von disparaten Ersatzeinfällen, die dem 
Anderen an Stelle des vergessenen Namens kamen, konnte ich den 
Schluß ziehen, daß die Rücksicht auf irgend eine Hedwig ihm den 
Namen des Weines weggenommen hatte, und wirklich bestätigte er 
nicht nur, das er diesen Wein zuerst in Gesellschaft einer Hedwig 
verkostet, sondern fand auch durch diese Auideckuiig seinen Namen 
wieder. Er war zu der Zeit glücklich verheiratet, und jene Hedwig 
gehörte früheren, nicht gerne erinnerten Zeiten an. 

Was beim Namenvergessen möglich ist, muß auch in der Traum- 
deutung gelingen können, vom Ersatz aus durch aniaiüpfende Asso- 
ziationen das verhaltene Eigentliche zugänglich zu machen. Von den 
Assoziationen zum Traumelement dürfen wir nach dem Beispiel des 
Namenvergessens annehmen, daß sie sowohl durch das Traumelement 
als durch das unbewußte Eigentliche desselben determiniert sein wer- 
den. Somit hätten wir einiges zur Rechtfertigung unserer Technik 
vorgebracht. 



VII. VORLESUNG 

MANIFESTER TRAUMINHALT 
UND LATENTE TRAUMGEDANKEN 

Meine Damen und Herren! Sie sehen, wir haben die Fehlleistun- 
gen nicht ohne Nutzen studiert. Dank diesen Bemiihungen haben 
wir — unter den Ihnen bekannten Voraussetzungen — zweierlei er- 
w(jrbeu, eine Auffassung des Traumelements und eine Technik der 
Traumdeutung. Die Auffassung des Traumelements geht dahin, es 
sei ein Uneigeutliches, ein Ersatz für etwas anderes, dem Träumer 
Unbekanntes, ähnlich wie die Tendenz der Fehlleistung, ein Ersatz 
für etwas, wovon das Wissen im Träumer vorhanden, aber ihm un- 
zugänglich ist. Wir hoffen, dieselbe Auffassung auf den ganzen Traum, 
der aus solchen Elementen besteht, übertragen zu können. Unsere 
Technik besteht darin, durch freie Assoziation zu diesen Elementen 
andere Ersatzbildungen auftauchen zu lassen, aus denen wir das Ver- 
borgene erraten können. 

Ich schlage Ihnen jetzt vor, eine Abänderung unserer Nomenklatur 
eintreten zu lassen, die unsere Beweghchkeit erleichtern soll. Anstatt M 

verborgen, unzugänglich, uneigeutlich sagen wir, indem wir die 
richtige Beschreibung geben, dem Bewußtsein des Träumers unzu- 
gänglich oder unbewußt. Wir meinen damit nichts anderes, als 
was Ihnen die Beziehung auf das entfallene Wort oder auf die 
störende Tendenz der Fehlleistung vorhalten kann, nämlich der- 
zeit unbewußt. Natürlich dürfen wir im Gegensatz hiei'zu die 



1 1 2 ForJe^ungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Traumelemente selbst und die durch Assoziation neu gewonnenen 
ErsatzvorstelluKgen bewußte heißen. Irgendeine theoretische Kon- 
struktion ist mit dieser Namengebung noch nicht verbunden. Der 
Gebrauch des Wortes „unbewußt" als einer zutreffenden und leicht 
verständlichen Beschreibung ist tadellos. 

Übertragen wir unsere Auffassung vom einzelnen Element auf den 
ganzen Traum, so ergibt sich also, daß der Traum als Ganzes der ent- 
stellte Ersatz für etwas anderes, Unbewußtes, ist, und als die Aufgabe 
der Traumdeutung, dieses Unbewußte zu finden. Daraus leiten sich 
aber sofort drei wichtige Regeln ab, die wir während der Arbeit an 
der Traumdeutung befolgen sollen; 

i) Man kümmere sich nicht um das, was der Traum zu besagen 
scheint, sei er verständig oder absurd, klar oder verworren, da es doch 
auf keinen Fall das von uns gesuchte Unbewußte ist (eine nahe- 
liegende Einschränkung dieser Regel wird sich uns aufdrängen): 
2) man beschränke die Arbeit darauf, zu jedem Element die Ersatz- 
Öl. 1 Vorstellungen zu erwecken, denke nicht über sie nach, prüfe sie nicht, 
ob sie etwas Passendes enthalten, kümmere sich nicht darum, wie 
weit sie vom Traumelement abführen; 5) man warte ab, bis sich das 
verborgene, gesuchte Unbewußte von selbst einstellt, genau so wie 
das entfallene Wort Monaco bei dem beschriebenen Versuch. 

Wir verstehen jetzt auch, inwiefern es gleichgültig ist, wie viel, 
wie wenig, vor allem aber wie getreu oder wie unsicher man den 
Traum erinnert. Der erinnerte Traum ist ja doch nicht das Eigent- 
liche, sondern ein entstellter Ersatz dafür, der uns dazu verhelfen soll, 
durch Erweckung von anderen Ersatzbildungen dem Eigentlichen 
näherzukommen, das Unbewußte des Traumes bewußt zu machen. 
War also unsere Erinnerung ungetreu, so hat sie einfach an diesem 
Ersatz eine weitere Entstellung vorgenommen, die übrigens auch 
nicht unmotiviert sein kann. 

Man kann die Deutungsarbeit an eigenen Träumen wie an denen 
anderer vollziehen. An eigenen lernt man sogar mehr, der Vorgang 
fällt beweisender aus. Versucht man dies also, so bemerkt man, daß etwas 



i 



4 



rll. Manifester Trauminhalt, und latente Traumsedanhen 



ll: 



sich der Arbeit widersetzt. Man bekommt zwar Einfälle, läßt sie aber 
nicht alle gewähren. Es machen sich prüfende nnd auswählende Ein- 
flüsse geltend. Bei dem einen Einfall sagt man sich: Nein, das paßt 
nicht dazu, gehört nicht hierher, bei einem anderen: das ist zu un- 
sinnig, bei einem dritten: das ist ganz nebensächlich, und man kann 
ferner beobachten, wie man mit solchen Einwendungen die Einfälle, 
noch ehe sie ganz klar geworden sind, erstickt und endlich auch ver- 
treibt. Also einerseits hängt man sich zu sehr an die Ausgangsvor- 
stellung, ans Traumelement selbst, anderseits stört man durch eine 
Auswahl das Ergebnis der freien Assoziation. Ist man bei der Traum- 
deutung nicht allein, läßt man seinen Traum von einem anderen 
deuten, so wird man sehr deutlich noch ein anderes Motiv bemerken 
welches man für diese unerlaubte Auswahl verwendet. Man sagt sich 
dann gelegenthch: Nein, dieser Einfall ist zu unangenehm, den will 
oder kann ich nicht mitteilen. -..-=:,. ^. ,. ■ , - 

Diese Einwendungen drohen offenbar den Erfolg unserer Arbeit 
zu stören. Man muß sich gegen sie schützen, und man tut dies bei 
der eigenen Person durch den festen Vorsatz, ihnen nicht nachzu- 
geben; wenn man den Traum eines anderen deutet, indem man ihm 
als unverbrüchliche Regel angibt, er dürfe keinen Einfall von der 
Mitteilung ausschließen, auch wenn sich eine der vier Einwen- 
dungen gegen ihn erhebe; er sei zu unwichtig, zu unsinnig, gehöre 
nicht hierher, oder er sei zu peinlich für die Mitteilung. Er verspricht 
diese Regel zu befolgen, und man darf sich dann darüber ärgern, 
wie schlecht er vorkomm ende nfalls dies Versprechen hält Man wird 
sich dafür zuerst die Erklärung geben, daß ihm trotz der autoritativen 
Vei-sicherung die Berechtigung der freien Assoziation nicht einge- 
leuchtet hat, und wird vielleicht daran denken, ihn zuerst theoretisch 
zu gewinnen, indem man ihm Schriften zu lesen gibt oder ihn in 
Vorlesungen schickt, durch welche er zum Anhänger unserer An- 
schauungen über die freie Assoziation umgewandelt werden kann. 
Aber von solchen Mißgriffen wird man durch die Beobachtung ab- 
gehalten, daß bei der eigenen Person, deren Überzeugung man doch 

Freud, VII. . 



114 



Vorlesungen zur Eiiiführung in die Psychoanalyse 



sicher sein darf, die nämlichen kritisclien Einwendungen gegen ge- 
wisse Einfälle auftauchenj die erst nachträglich, gewissermaßen in 
zweiter Instanz, beseitigt werden. 

Anstatt sich übei- den Ungehorsam des Träumers zu ärgern, kann 
man diese Erfahrungen verwerten, um etwas Neues aus ihnen zu 
lernen, etwas, was umso wichtiger ist, je weniger man darauf vor- 
bereitet war. Man versteht, die Arbeit der Traumdeutung vollzieht 
sich gegen einen Widerstand, der ihr entgegengesetzt wird, und 
dessen Äußerungen jene kritischen Einwendungen sind. Dieser Wider- 
stand ist unabhängig von der theoretischen Überzeugung des Träumers. 
Ja, man lernt noch mehr. Man macht die Erfahrung, daß eine solche 
kritische Einwendung niemals recht behält. Im Gegenteile, die Ein- 
fälle, die man so unterdrücken möchte, erweisen sich ausnahmslos 
als die wichtigsten, für das Auffinden des Unbewußten entscheidenden. 
Es ist geradezu eine Auszeichnung, wenn ein Einfall von einer solchen 
Einwendung begleitet wird. 

Dieser Widerstand ist etwas völlig Neues, ein Phänomen, welches 
wir auf Grund unserer Voraussetzungen gefunden haben, ohne daß 
es in diesen enthalten gewesen wäre. Wir sind von diesem neuen 
Faktor in unserer Rechnung nicht gerade augenehm überrascht. Wir 
ahnen schon, er wird unsere Arbeit nicht erleichtern. Er könnte uns 
dazu verführen, die ganze Bemühung um den Traum stehenzulassen. 
Etwas so Unwichtiges wie der Traum und dazu solche Schwierig- 
keiten anstatt einer glatten Technik! Aber anderseits könnten uns 
gerade diese Schwierigkeiten reizen und vermuten lassen, daß die 
Arbeit der Mühe wert sein wird. Wir stoßen regelmäßig auf Wider- 
stände, wenn wir vom Ersatz, den das Traumelement bedeutet, zu 
seinem versteckten Unbewußten vordringen wollen. Also dürfen wir 
denken, es muß hinter dem Ersatz etwas Bedeutsames versteckt sein. 
Wozu sonst die Schwierigkeiten, die das Verbergen aufrecht erhalten 
wollen? Wenn ein Kind die geballte Hand nicht aufmachen will, um 
zu zeigen, was es in ihr hat, dann ist es gewiß etwas Uhrechtes, was 
es nicht haben soll. 



/■TJ. Mnnifester Traiiiidnhnlt und latente Traurngeclankeii ii^ 

Im Augenblick, da wir die dynamische Vorstellung eines Wider- 
standes in unseren Sachverhalt einführen, müssen wir auch daran 
denken, daß dieses Moment etwas quantitativ Variables ist. Es kann 
größere und kleinere Widerstände geben, und wir sind darauf vor- 
bereitet, daß sich diese Unterschiede auch während unserer Arbeit 
zeigen werden. Vielleicht bringen wir damit eine andere Erfahrung 
zusammen, die wir auch bei der Arbeit der Traumdeutung machen. 
Es bedarf nämlich manchmal nur eines einzigen oder einiger weniger 
Einfälle, um uns vom Traumelement zu seinem Unbewußten zu 
bringen, während andere Male lange Ketten von Assoziationen und 
die Überwindung vieler kritischer Einwendungen dazu erfordert wird. 
Wir werdeu uns sagen, diese Verschiedenheiten hängen mit den 
wechselnden Größen des Widerstandes zusammen, und werden wahr- 
scheinhth recht behalten. Wenn der Widerstand gering ist, so ist 
auch der Ersatz vom Unbewußten nicht weit entfernt; ein großer 
Widerstand bringt aber große Entstellungen des Unbewußten und 
damit einen langen Rückzug vom Ersatz zum Unbewußten mit sich. 
Jetzt wäre es vielleicht an der Zeit, einen Traum herzunehmen 
und unsere Technik an ihm zu versuchen, ob sich unsere an sie ge- 
knüpften Erwartungen bestätigen. Ja, aber welchen Traum sollen 
wir dazu wählen? Sie glauben nicht, wie schwer mir diese Ent- 
scheidung fällt, und ich kann Ihnen auch noch nicht begreiflich 
machen, worin die Schwierigkeiten liegen. Es muß offenbar Träume 
geben, die im ganzen wenig Entstellung erfahren haben, und es wäre 
das beste, mit solchen anzufangen. Aber welche Träume sind die am 
wenigsten entstellten? Die verständigen und nicht verworrenen, von 
denen ich Ihnen bereits zwei Beispiele vorgelegt habe? Da würden 
wir sehr irregehen. Die Untersuchung zeigt, daß diese Träume einen 
außerordentlich hohen Grad von Entstellung erfahren haben. Wenn 
ich aber unter Verzicht auf eine besondere Bedingung einen beliebigen 
Traum herausgreife, so werden Sie wahrscheinlich sehr enttäuscht 
werden. Es kann sein, daß wir eine solche Fülle von Einfällen zu 
den einzelnen Traumelementeu zu merken oder zu verzeichnen haben, 



8« 



ii6 Vorlegungen zur FÄnflihrung in die Pxychonnalys.e 

daß die Arbeit vollkommen unübersichtlich wird. Schreiben wir uns 
den Traum nieder und halten die Niederschrift aller dazu sich er- 
gebenden Einfälle dagegen, so können diese leicht ein Vielfaches des 
Traumtextes ausmachen. Am zweckmäßigsten schiene es also, mehrere 
fcurzeTräumezurAnalyse auszusuchen, von denenjeder uns wenigstens 
etwas sagen oder bestätigen kann. Dazu werden wir uns auch ent- 
schließen, wenn die Erfahrung uns nicht etwa anzeigen sollte, wo 
wir die wenig entstellten Traume wirklich finden können. 

Ich weiß aber noch eine andere Erleichterung, die überdies auf un- 
serem Wege liegt. Anstatt die Deutung ganzer Träume in Angriff zu 
nehmen, wollen wir uns auf einzelne Traumelemente beschränken 
und an einer Reihe von Beispielen verfolgen, wie diese durch die An- 
wendung unserer Technik Aufklärung finden. 

a) Eine Dame erzählt, sie habe als Kind sehr oft geträumt, der 
liebe Gott habe einen spitzen Papierhut auf dem Kopf. Wie wollen 
Sie das ohne die Hilfe der Träumerin verstehen? Es klingt ja ganz 
unsinnig. Es ist nicht mehr unsinnig, wenn uns die Dame berichtet, 
daß man ihr als Kind bei Tische einen solclieu Hut aufzusetzen 
pflegte, weil sie es nicht unterlassen konnte, auf die Teller der Ge- 
schwister zu schielen, ob eines von ihnen mehr bekommen habe als 
sie. Der Hut sollte also wie ein Scheuleder wirken. Übrigens eine 
historische Auskunft und ohne jede Schwierigkeit gegeben. Die Deu- 
tung dieses Elements und damit des ganzen kurzen Traumes ergibt 
sich leicht mit HUfe eines weiteren Einfalls der Träumerin. „Da ich 
gehört hatte, der liebe Gott sei allwissend und sehe alles," sagt sie, 
„so kann der Traum nur bedeuten, daß ich alles weiß und alles sehe 
v/ie der liebe Gott, auch wenn man mich daran hindern will." Dieses 
Beispiel ist vielleicht zu einfach. 

b) Eine skeptische Patientin hat einen längeren Traum, in dem es vor- 
kommt, daß ihr gewisse Personen von meinem Buch über den „Witz" 1 
erzählen und es sehr loben. Dann wird etwas erwähnt von einem ^ 
„ÄflnaZ", vielleicht ein anderes Buch^ in dem Kanal vorkommt, oder J 
sonst etwas mit Kanal . . . sie weiß es nickt . > . es ist ganz unklar. 



te 



.« 



VIT. Manifester Tiamnmhalt und latente Trüumgedankeii 



117 



Nun werden Sie gewiß zu glauben geneigt sein, daß das Element 
„Kanal" sich der Deutung entziehen wird, weil es selbst so unbe- 
stimmt ist. Sie haben mit der vermuteten Schwierigkeit recht, aber 
es ist nicht darum schwer, weil es undeutlich ist, sondern es ist un- 
deutlich aus einem anderen Grund, demselben, der auch die Deu^ 
tung schwer macht. Der Träumerin fällt zu Kanal nichts ein; ich 
weiß natürlich auch nichts zu sagen. Eine Weile später, in Wahrheit 
am nächsten Tage, erzählt sie, es sei ihr eingefallen, was vielleicht 
dazugehört. Auch ein Witz nämlich, den sie erzählen gehört hat. 
Auf einem Schiff zwischen Dover und Calais unterhält sich ein be- 
kannter Schriftsteller mit einem Engländer, welcher in einem ge- 
wissen Zusammenhange den Satz zitiert: Du sublime au ridicule ü 
n'y a qu'un pas. Der Schriftsteller ant^^^o^tet: Oui, le pas de Calais, 
— womit er sagen will, daß er Frankreich großartig und England 
lächerlich findet. Der P a s de Calais ist aber doch ein Kanal, der Ärmel- 
kanal nämlich, Canal la manche. Ob ich meine, daß dieser Einfall 
etwas mit dem Traum zu tun hat? Gewiß, meine ich, er gibt wirk- 
lich die Lösung des rätselhaften Traumelement^. Oder wollen Sie 
bezweifeln, daß dieser Witz bereits vor dem Traum als das Unbe- 
wußte des Elements „Kanal" vorhanden war, können Sie annehmen 
daß er nachträglich hinzugefunden wurde? Der Einfall bezeugt näm- 
hch die Skepsis, die sich bei ihr hinter aufdringlicher Bewunderung- 
verbirgt, und der Widerstand ist wohl der gemeinsame Grund für 
beides, sowohl, daß ihr der Einfall so zögernd gekommen, als auch 
dafür, daß das entsprechende Traumelement so unbestimmt ausge- 
fallen ist. Blicken Sie hier auf das Verhältnis des Traumelements zu 
seinem Unbewußten. Es ist wie ein Stückchen dieses Unbewußten, 
wie eine Anspielung darauf^ durch seine Isolierung ist es ganz un- 
verständlich geworden. 

c) Em Patient träumt in längerem Zusammenhange: Um einen 
Tisch von besonderer Form sitzen mehrere Mitglieder seiner Familie 
usw. Zu diesem Tisch fällt ihm ein, daß er ein solches Möbelstück 
bei einem Besuch bei einer bestimmten Familie gesehen hat. Dann 



1 1 8 F'orlesimgen zur Einführung in die Psychoanalyse 

setzen sich seine Gedanken fort: In dieser Familie hat es ein be- , 

sonderes Verhältnis zwischen Vater und Sohn gegeben, und bald j| 

setzt er hinzu, daß es eigentlich zwischen ihm und seinem Vater fl 

ebenso steht. Der Tisch ist also in den Traum aufgenommen, um ^ 

diese Parallele zu bezeichnen. .& 

Dieser Träumer war mit den Anforderungen der Traumdeutung fl 

längst vertraut. Ein anderer hätte vielleicht Anstoß daran genommen, 1 

daß ein so geringfügiges Detail wie die Form eines Tisches zum 
Objekt der Nachforschung genommen wird. Wir erklären wirklich 
nichts im Traum für zufällig oder gleichgültig und erwarten uns 
Aufschluß gerade von der Aufklärung so geringfügiger unmoti\'ierter 
Details. Sie werden sich vielleicht noch darüber verwundern, daß 
die Traumarbeit den Gedanken „bei uns geht es ebenso zu wie bei 
denen" gerade durch die Auswahl des Tisches zum Ausdruck bringt. 
Aber auch das erklärt sich, wenn Sie hören, daß die betreffende 
Familie den Namen: Tischler trägt. Indem der Träumer seine 
Angehörigen an diesem Tisch Platz nehmen läßt, sagt er, sie seien 
auch Tischler. Bemerken Sie übrigens, wie man notgedrungen bei 
der Mitteilung solcher Traumdeutungen indiskret werden muß. Sie 
haben damit eine der Ihnen angedeuteten Schwierigkeiten in der 
Auswahl von Beispielen erraten. Ich hätte dieses Beispiel leicht durch 
ein anderes ersetzen können, aber wahrscheinlich hätte ich diese In- 
diskretion nur um den Preis vermieden, daß ich an ihrer Statt eine 

andere begehe. 

Es scheint mir an der Zeit, zwei Termini einzuführen, die wir 
längst hätten verwenden können. Wir wollen das, was der Traum 
erzählt, den manifesten Trauminhalt nennen, das Verborgene, 
zu dem wir durch die Verfolgung der Einfälle kommen sollen, die 
latenten Traumgedanken. Wir achten dann auf die Be- 
ziehungen zwischen manifestem Traurainhalt und latenten Traum- 
gedanken, wie sie sich in diesen Beispielen zeigen. Es können sehr 
verschiedene solche Beziehungen bestehen. In den Beispielen a) und 
b) ist das manifeste Element aucli ein Bestandteil der latenten Ge- 



VII. Manifester Trauminhalt und latente Traumgedanken iig 

danken, aber nur ein kleines Stück davon. Von einem großen zu- 
sammengesetzten psychischen Gebilde in den unbewußten Traum- 
gedanken ist ein Stückchen auch in den manifesten Traum gelangt, 
wie ein Fragment davon oder in anderen Fällen wie eine Anspielung 
darauf, wie ein Stichwort, eine Verkürzung im Telegraphenstil. 
Die Deutungsarbeit hat diesen Brocken oder diese Andeutung zum 
Ganzen zu vervollständigen, wie es besonders schön im Beispiel b) 
gelungen ist. Die eine Art der Entstellung, in welcher die Traum- 
arbeit besteht, ist also der Ersatz durch ein Bruchstück oder eine 
Anspielung. In c) ist überdies ein anderes Verhältnis zu erkennen, 
welches wir in den nachfolgenden Beispielen reiner und deutlicher 
ausgedrückt sehen. 

d) Der Träumer zieht eine (bestimmte, ihm bekannte) Dame hinter 
dem Bett hervor. Er findet selbst durch den ersten Einfall den Sinn 
dieses Traumelements. Es heißt: er gibt dieser Dame den Vorzug. 
. e) Ein anderer träumt, sei7i Bruder stecke in einejn Kasten. Der 
erste Einfall erseLzt Kasten durch Schrank, und der zweite gibt 
darauf die Deutung: der Bruder schränktsichein. . . 

f) Der Träumer steigt auf einen Berg, von dem er eine außer- 
ordentliche, weite .Aussicht hat. Das klingt ja ganz rationell, es ist 
vielleicht nichts zu deuten daran, sondern nur zu erkunden, an 
welche Reminiszenz der Traum rührt, und aus welchem Motiv sie 
hioT geweckt wurde. Allein Sie irren; es zeigt sich, daß dieser Traum 
gerade so deutungsbedürftig war wie irgend ein anderer, ver- 
worrener. Dem Träumer fällt dazu nämlicli nichts von eigenen 
Bergbesteigungen ein, sondern er gedenkt des Umstandes, daß ein 
Bekannter von ihm eine „Rundschau" herausgibt, die sich mit 
unseren Beziehungen zu den fernsten Erdteilen beschäftigt. Der 
latente Traumgedanke ist also hier eine Identifizierung des Träumers 
mit dem „Rundschauer". 

Sie finden hier einen neuen Typus der Beziehung zwischen mani- 
festem und latentem Traumelement. Das erstere ist nicht so sehr 
eine Entstellung des letzteren als eine Darstellung desselben, eine 



120 Vorleiwigen zur Einführung in die Psychoanalyse 

plastische, konkrete Verbildlichung, die ihren Ausgang vom Wort- 
laute nimmt. Allerdings gerade dadurch wieder eine Entstellung, 
denn wir haben beim Wort längst vergessen, aus welchem konkreten 
Bild es hervorgegangen ist, und erkennen es darum in seiner Er- 
setzung durch das Bild nicht w^ieder. Wenn Sie daran denken, daß 
der manifeste Traum vorwiegend aus visuellen Bildern, seltener aus i 

Gedanken und Worten besteht, können Sie erraten^ daß dieser Art l 

der Beziehung eine besondere Bedeutung für die Traumbildung | 

zukommt. Sie sehen auch, daß es auf diesem Wege möglich wird, \ 

für eine große Reihe abstrakter Gedanken Ersatzbilder im mani- 
festen Traum zu schaffen, die doch der Absicht des Verbergens 
dienen. Es ist dies die Technik unseres Bilderrätsels. Woher der 
Anschein des Witzigen kommt, den solche Darstellungen an sich 
tragen, das ist eine besondere Frage, die wir hier nicht zu berühren 
brauchen. 

Eine vierte Art der Beziehung zwischen manifestem und latentem 
Element muß ich Ihnen noch verschweigen, bis ihr Stichwort in 
der Technik gefallen ist. Ich werde Ihnen auch dann keine voll- 
ständige Aufzählung gegeben haben, aber es reicht so für unsere 
/wecke aus. 

Haben Sie nun den Mut, die Deutung eines ganzen Traumes zu 
wagen? Machen wir den Ver.such, ob wir für diese Aufgabe gut 
genug ausgerüstet sind. Ich werde natürlich keinen der dunkelsten 
wählen, aber doch einen, der die Eigenschaften eines Traumes in 
guter Ausprägung zeigt. 

Also eine junge, aber schon seit vielen Jahren verheiratete Dame 
ti-äumt: Sie sitzt mit ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parketts 
ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und ihr Bräu- 
tigam, hätten auch gehen wollen, hätten aber nur schlechte Sitze be- 
kommen, ß für I ß. 50 kr., und die konnten sie ja nicht nehmen. 
Sie meint, es wäre auch kein Unglück gewesen. 

Das erste, was uns die Träumerin berichtet, ist, daß der Anlaß 
zum Traum im manifesten Inhalt desselben berührt wird. Ihr Mann 



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VII. Manifester Trauminhalt und latente Traumgedahken i s i 

hatte ihr wirkUch erzähh, daß Elise L., eine ungefähr gleichaltrige 
Bekannte, sich jetzt verlobt hat. Der Traum ist die Reaktion auf 
diese Mitteilung. Wir wissen bereits, daß es für viele Träume leicht 
wird, einen solchen Anlaß vom Vortag für sie nachzuweisen, und 
daß diese Herleitungen vom Träumer oft ohne Schwierigkeiten an- 
gegeben werden. Auskünfte derselben Art stellt uns die Träumerin 
auch für andere Elemente des manifesten Traumes zur Verfügung. 
Woher das Detail, daß eine Seite des Parketts unbesetzt ist? Es ist 
eine Anspielung auf eine reale Begebenheit der vorigen Woche. Sie 
hatte sich vorgenommen, in eine gewisse Theatervorstellung zu 
eehen, und darum frühzeitig Karten genommen, so früh, daß sie 
Vorverkaufsgebühr zahlen mußte. Als sie ins Theater kamen, zeigte 
es sich, wie überflüssig ihre Sorge gewesen war, denn eine Seite 
des Parketts war fast leer. Es wäre Zeit gewesen, wenn sie 
die Karten am Tage der Vorstellung selbst gekauft hätte. Ihr Mann 
unterließ es auch nicht, sie wegen dieser Voreiligkeit zu necken. 
— Woher die i fl. 50 kr.? Aus einem ganz anderen Zusammen- 
hange, der mit dem vorigen nichts zu tun hat, aber gleichfalls auf 
eine Nachricht vom letzten Tage anspielt. Ihre Schwägerin hatte 
von ihrem Mann die Summe von igo fl. zum Geschenk bekommen 
und hatte nichts Eiligeres zu tun, die dumme Gans, als zum Juwelier 
zu laufen und das Geld gegen ein Schmuckstück einzutauschen. — 
Woher die 5? Dazu weiß sie nichts, wenn man nicht etwa den Ein- 
fall gelten lassen will, daß die Braut, Elise L., nur um 5 Monate 
jünger ist als sie, die seit fast zehn Jahren verheiratete Frau. Und 
der Unsinn, daß man drei Karten nimmt, wenn man nur zu zweien 
ist? Dazu sagt sie nichts, verweigert überhaupt alle weiteren Ein- 
fälle und Auskünfte. 

Sie hat uns aber doch soviel Material in ihren wenigen Einfallen 
zugetragen, daß daraus das Erraten der latenten Traumgedanken mög- 
lich wird. Es muß uns auffallen, daß in ihren Mitteilungen zum 
Traum an mehreren Stellen Zeitbestimmungen hervortreten, die eine 
Gemeinsamkeit z\\dschen verschiedenen Partien des Materials begrün- 



122 rorlemngeii zur Einführung in die Psychoanafyse 



den. Sie hal die Eintrittsicarten ins Theater zu früh besorgt, vor- 
eilig genonimerij so daß sie sie überzahlen mußte^ die Schwägerin 
hat sich in ähnlicher Weise beeilt, ihr Geld zum Juwelier zu tragen, 
um, sich einen Schmuck dafür zu kaufen, als ob sie es versäumen 
würde. Nehmen wir zu dem so betonten „zu früh", „voreilig" die 
Veranlassung des Traumes hinzu, die Nachricht, daß die nur um 3 Mo- 
nate j üngere Freundin jetzt doch einen tüchtigen Mann bekommen 
hat, und die in dem Schimpf auf die Schwägerin ausgedrückte Kri- 
tik: es sei unsinnig, sich so zu übereilen, so tritt uns wie spontan 
folgende Konstruktion der latenten Traumgedanken entgegen, für 
welche der manifeste Traum ein arg entstellter Ersatz ist: 

„Es war doch ein Unsinn von mir, mich mit der Heirat so zu 
beeilen! An dem Beispiel der Elise sehe ich, daß ich auch noch später 
einen Mann bekommen hätte. " (Die Übereilung dargestellt durch ihr 
Benehmen beim Kartenkauf und das der Schwägerin beim Schmuck- 
einkauf. Für das Heiraten LritL als Ersatz das Instheatergehen ein.) 
Das wäre der Hauptgedanke^ vielleicht können wir fortsetzen, ob- 
wohl mit geringerer Sicherheit, weil die Analyse, an diesen Stellen 
auf Äußerungen der Träumerin nicht hätte verzichten sollen: „Und 
einen 1 oomal besseren hätte ich für das Geld bekommen!" (igo fl. 
ist 1 oomal mehr als 1 fl. 50.) Wenn wir für das Geld die Mitgift 
einsetzen dürften, so hieße es, daß man sich den Mann durch die 
Mitgilt erkauft; sowohl der Schmuck wie auch die schlechten Kar- 
ten stünden an Stelle des Mannes. Noch erwünschter wäre es, 
wenn gerade das Element „5 Karten" etwas mit einem Mann zu 
tun hätte. Aber soweit reicht unser Verständnis noch nicht. Wir 
haben nur erraten, der Traum drückt die Geringschätzung 
ihres eigenen Mannes und das Bedauern, so früh geheiratet zu 
haben, aus. 

Mein Urteil ist, daß wir von dem Ergebnis dieser ersten Traum- 
deutung mehr überrascht und verwirrt als befriedigt sein werden. in 
Zuviel auf einmal dringt da auf uns ein, niehi-, als yv'iv jetzt schon ^B 
bewältigen können. Wir merken schon, daß wir die Lehren dieser ^1 



*! 



VII. Manifester Trauminhalt und latente Trauntgedanken 125 

Traumdeutung uicht erschöpfen werden. Beeilen wir uns heraus- 
zugreifen, was wir als gesicherte neue Einsicht erkennen. 

Erstens: Es ist merkwürdig, in den latenten Gedanken fällt der 
Hauptakzent auf das Element der Voreiligkeit; im manifesten Traum 
ist gerade davon nichts zu finden. Ohne die Analyse hätten wir keine 
Ahnung haben können, daß dieses Moment irgendeine Rolle spielt. 
Es scheint also möglich, daß gerade die Hauptsache, das Zentrale der 
unbewußten Gedanken, im manifesten Traum ausbleibt. Dadurch 
muß der Eindruck des ganzen Traumes gründlich verwandelt werden. 
Zweitens; Im Traum findet sich eine unsinnige Zusammenstellung, 
5", für 1 fl. 50; in den Traumgedanken erraten wir den Satz: Es war 
ein Unsinn (so früh zu heiraten). Kann man es abweisen, daß dieser 
Gedanke „es war ein Unsinn" gerade durch die Aufnahme eines ab- 
surden Elements in den manifesten Traum dargestellt wird? Drittens: 
Ein vergleichender Blick lehn, daß die Beziehung zwischen mani- 
festen und latenten Elementen keine einfache ist, keinesfalls von der 
Art, daß immer ein manifestes Element ein latentes ersetzt. Es muß 
vielmehr eine Massenbeziehung zwischen beiden Lagern sein, inner- 
halb deren ein manifestes Element mehrere latente vertreten oder 
ein latentes durch mehrere manifeste ersetzt sein kann. 

Was den Sinn des Traumes und das Verhalten der Träumerin zu 
ihm betrifft, wäre gleichfalls viel Überraschendes zu sagen. Sie an- 
erkennt wohl die Deutung, aber sie wundert sich über sie. Sie hat 
nicht gewußt, daß sie ihren Mann so geringschätzt j sie weiß auch 
nicht, warum sie ihn so geringschätzen sollte. Daran ist also noch 
vieles unverständlich. Ich glaube wirklich, wir sind noch nicht für 
eine Traumdeutung ausgerüstet und müssen uns erst weitere Unter- 
weisung und Vorbereitung holen. 



VIII. VORLESUNG 

KINDERTRÄUME 

Meine Damen und Herren! Wir stehen unter dem Eindrucke, 
daß wir zu rasch vorgegangen sind. Greifen wir um ein Stück zu- 
rück. Ehe wir den letzten Versuch unternahmen, die Schwierigkeit 
der Traumentstellung durch unsere Technik zu bewältigen, hatten 
wir uns gesagt, es wäre das Beste, sie zu umgehen, indem wir uns 
an Träume halten, bei denen die Entstellung weggefallen oder sehr 
geringfügig ausgefallen ist, wenn es solche gibt Wir weichen dabei 
wiederum von der Entwicklungsgeschichte unserer Erkenntnis ab, 
denn in Wirklichkeit ist man erst nach konsequenter Anwendung 
der Deutungstechnik und nach vollzogener Analyse der entstellten 
Träume auf die Existenz solcher von Entstellung freier aufmerksam 
geworden. 

Die Träume, die wir suchen, finden sich bei Kindern. Sie sind 
kurz, klar, kohärent, leicht zu verstehen, unzweideutig und doch un- 
zweifelhafte Träume. Glauben Sie aber nicht, daß alle Träume von 
Kindern dieser Art sind. Auch die Traumentstellnng setzt sehr früh 
im Kindesalter ein, und es sind Träume von fünf- bis achtjährigen 
Kindern verzeichnet worden, die bereits alle Charaktere der späteren 
an sich tragen. Wenn Sie sich aber auf das Alter vom Beginn der 
kenntlichen seehschen Tätigkeit bis zum vierten oder fünften Jahr 
beschränken, werden Sie eine Reihe von Träumen aufbringen, die 
den infantil zu nennenden Charakter haben, und dann in späteren 



VIII. Kinderträume * 13k 

Kinderjahren einzelne derselben Art finden JtÖnnen. Ja auch bei er- 
wachsenen Personen fallen unter gewissen Bedingungen Träume 
vor, die ganz den tj-pisch infantilen gleichen. 

Au diesen Kinderträumen können wir nun mit großer Leichtig- 
keit und Sicherheit Aufschlüsse über das Wesen des Traumes ge- 
winnen, von denen wir hoffen wollen, daß sie sich als entscheidend 
und allgemein gültig erweisen werden. 

1. Man bedarf zum Verständnis dieser Träume keiner Analyse, 
keiner Anwendung einer Technik. Man braucht das Kind, welches 
seinen Traum erzählt, nicht zu befragen. Aber man muß ein Stück 
Erzählung aus dem Leben des Kindes dazu geben. Es gibt jedesmal 
ein Erlebnis vom Tage vorher, welches uns den Traum erklärt. Der 
Traum ist die Reaktion des Seelenlebens im Schlafe auf dieses Er- 
lebnis des Tages. 

Wir wollen uns einige Beispiele anhören, um unsere weiteren 
Schlüsse an sie anzulehnen. 

a) Ein ICnabe von 33 Monaten soll als Gratulant einen Korb mit 
Kirschen verschenken. Er tut es offenbar sehr ungern, obwohl man 
ihm verspricht, daß er einige davon selbst bekommen wird. Am 
nächsten Morgen erzählt er als seinen Traum: Hf:(r)niann alle Kir- 
schen aufgessen. 

b) Ein Mädchen von s'/* Jahren wird zum erstenmal über den 
See gefahren. Beim Aussteigen will sie das Boot nicht verlassen und 
weint bitterlich. Die Zeit der Seefahrt scheint ihr zu rasch vergangen 
zu sein. Am nächsten Morgen: Heute, nachts hin ich auf dem See 
gefahren. Wir dürfen wohl ergänzen, daß diese Fahrt länger ange- 
dauert hat. 

c) Ein 5'/* jähriger Knabe wird auf einen Ausflug ins Eschern- 
tal bei Hallstatt mitgenommen. Er hatte gehört, Hallstatt liege am 
Fuße des Dachsteins. Für diesen Berg hatte er viel Interesse be- 
zeugt. Von der Wohnung in Aussee war der Dachstein schön zu 
sehen und mit dem Fernrohr konnte man die Simonyhütte auf 
demselben ausnehmen. Das Kind hatte sich wiederholt bemüht, sie 



126 Vorlesungen zw Eiriführiing in die Psychoanalyse 

durchs Fernrohr zu erblicken; es war unbekannt geblieben, mit ! 

welchem Erfolge. Der Ausflug begann in erwartungsvoll heiterer 
Stimmung. So oft ein neuer Berg in Sicht kam, fragte der Knabe: 
Ist das der Dachstein? Er wurde immer mehr verstimmt, je Öfter 
mian ihm diese Frage verneint hatte, verstummte später ganz und 
w^ollte einen kleinen Steig zum Wasserfall nicht mitmachen. Man 
hielt ihn für übermüdet, aber am nächsten Morgen erzählte er 
ganz selig: Heute nachts habe ich geträumt, daß wir auf der 
Simonyhütte gewesen sind. In dieser Erwartung hatte er sich also 
an dem Ausflug beteiligt, Von Einzelheiten gab er nur au, was 
er vorher gehört hatte: Man geht sechs Stunden lang auf Stufen 
hinauf. 

Diese drei Träume werden für alle gew^ünschten Auskünfte hin- 
reichen. 

ö. Wir sehen, diese Kinderträume sind nicht sinnlosj es sind ver- 
ständliche, vollgültige, seelische Akte. Erinnern Sie sich an 
das, was ich Ihnen als das medizinische Urteil über den Traum vor- 
gestellt habe, an das Gleichnis von den musikunkundigen Fingern, 
die über die Tasten des Klaviers hinfahren. Es wird Ihnen nicht 
entgehen, wie scharf sich diese Kinderträume dieser Auffassimg 
widersetzen. Es wäre aber auch zu sonderbar, wenn gerade das 
Kind im Schlafe volle seelische Leistungen zustande brächte, wo 
sich der Erwachsene im gleichen Falle mit zuckungsartigen Reak- 
tionen begnügt. Wir haben auch allen Grund, dem Kinde den 
besseren und tieferen Schlaf zuzutrauen. 

5. Diese Träume entbehren der Traumentstellung; bedürfen 
darum auch keiner Deutungsarbeit. Manifester und latenter Traum 
fallen hier zusammen. Die Traumentstellung gehört also 
nicht zum Wesen des Traumes. Ich darf annehmen, daß 
Ihnen damit ein Stein vom Herzen fällt. Aber ein Stückchen 
Traumentstellung, eine gewisse Differenz zwischen dem manifesten 
Trauminhalt und den latenten Traumgedanken werden wir bei 
näherer Überlegung auch diesen Träumen zugestehen. 



VIII. Kinäerträume lay 



4. Der Kindertraiim ist die Reaktion auf ein Erlebnis des Tages, 
welches ein Bedauern, eine Sehnsucht, einen unerledigten Wunsch 
zurückgelassen hat. Der Traum bringt die direkte, unver- 
hüllte Erfüllung dieses Wunsches. Denken Sie nun an 
unsere Erörterungen über die Rolle körperlicher Reize von außen 
oder von innen als Schlafstörer und Anreger der Träume. Wir sind 
mit ganz sicheren Tatsachen darüber bekannt geworden, konnten 
uns aber nur eine kleine Anzahl von Träumen auf solche Art er- 
klären. In diesen Kiuderträumen deutet nichts auf die Einwirkung 
solcher somatischer Reize; wir können darin nicht irre gehen, denn 
die Träume sind voll verständlich und leicht zu übersehen. Aber 
darum brauchen wir die Reizätiologie des Traumes nicht aufzugeben. 
Wir können nur fragen, warum haben wir von Anfang an vergessen, 
daß es außer den körperlichen auch seelische schlafstörende Reize 
gibt? Wir wissen doch, daß es diese Erregungen sind, welche die 
Schlafstörung der Erwachsenen zumeist verschLÜden, indem sie ihn 
daran verhindern, die seelische Verfassung des Einschlafens, die Ab- 
ziehung des Interesses von der Welt, bei sich herzustellen. Er 
möchte das Leben nicht unterbrechen, sondern lieber die Arbeit an 
den Dingen, die ihn beschäftigen, fortsetzen, und darum schläft er 
nicht. Ein solcher seelischer, den Schlaf störender Reiz ist also für 
das Kind der unerledigte Wunsch, auf welchen es mit dem Traum 
reagiert. 

5. Von hier erhalten wir auf dem kürzesten Wege Aufschluß über 
die Funktion des Traumes. Der Traum als Reaktion auf den psychi- 
schen Reiz muß den W^ert einer Erledigung dieses Reizes haben, so 
daß er beseitigt ist und der Schlaf fortgesetzt werden kann. Wie 
diese Erledigung durch den Traum dynamisch ermöglicht wird, 
wissen wir noch nicht, aber wir merken bereits, daß der Traum 
nicht der Schlafstörer ist, als den man ihn schilt, sondern 
der Schlafhüter, der Beseitiger von Schlafstörungen. 
Wir finden zwar, wir liätten besser geschlafen, wenn nicht der 
Traum gewesen wäre, aber wir haben unrecht; in Wirklichkeit 



128 Vorlesungen zur Kinfi'ihrung in die PsYchoantilyse 

hätten wir ohne die Hilfe des Traumes überhaupt nicht geschlafen. 
Es ist sein Verdienst, daß wir soweit gut geschlafen haben. Er konnte 
es nicht vermeiden, uns etwas zu stören, sowie der Nachtwächter oft 
nicht umhin kann, einigen Lärm zu machen, während er die Ruhe- 
störer verjagt, die uns durch den Lärm wecken wollen. 

6. Daß ein Wunsch der Erreger des Traumes ist, die Erfüllung 
dieses Wunsches der Inhalt des Traumes, das ist der eine Haupt- 
charakter des Traumes. Der andere ebenso konstante ist, daß der 
Traum nicht einfach einen Gedanken zum Ausdruck bringt, sondern 
als halluzinatorisches Erlebnis diesen Wunsch als erfüllt darstellt. 
Ich möchte auf dem See fahren, lautet der Wunsch, der den 
Traum anregt; der Traum selbst hat zum Inhalt: ich fahre auf 
dem See. Ein Unterschied zwischen latentem und manifestem 
Traum, eine Entstellung des latenten Traumgedankens bleibt also 
auch für diese einfachen Kinderträume bestehen, die Umsetzung 
des Gedankens in Erlebnis. Bei der Deutung des Traumes 
muß vor allem dieses Stück Veränderung rückgängig gemacht 
werden. Wenn sich dies als ein allgemeinster Charakter des Traimies 
herausstellen sollte, dann ist das vorhin mitgeteilte Traumfragment 
„ich sehe meinen Bruder in einem Kasten" also nicht zu 
übersetzen „mein Bruder schränkt sich ein", sondern „ich möchte, 
daß mein Bruder sich einschränke, mein Bruder soll sich ein- 
schränke n". Von den beiden hier aufgeführten allgemeinen 
Charakteren des Traumes hat offenbar der zweite mehr Aussicht auf 
Anerkennung ohne Widerspruch als der erstere. Wir werden erst 
durch weitausgreifende Untersuchungen sicherstellen können, daß 
der Erreger des Traumes immer ein Wunsch sein muß, und nicht 
auch eine Besorgnis, ein Vorsatz oder Vorwurf sein kann, aber davon 
wird der andere Charakter unberührt bleiben, daß der Traum diesen 
Reiz nicht einfach wiedergibt, sondern ihn durch eine Art von Er- 
leben aufhebt, beseitigt, erledigt. 

7. In Anknüpfung an diese Charaktere des Traumes können wir 
auch die Vergleichung des Traumes mit der Fehlleistung wieder auf 



T 



fe 



1^" 




V. Schwind : Der Traum des Gefangenen 



y^III. Kinderträume 



nehmen. Bei letzterer unterscheiden wir eine störende Tendenz und 
eine gestörte, und die Fehlleistung war ein Kompromiß zwischen 
beiden. In dasselbe Schema fügt sich auch der Traum. Die gestörte 
Tendenz kann bei ihm keine andere sein als die zu schlafen. Die 
störende ersetzen wir durch den psychischen Reiz, sagen wir also 
durch den Wunsch, der auf seine Erledigung dringt, weil wü- bisher 
keinen anderen schlafstörendeu seelischen Reiz kennen gelernt haben . 
Der Traum ist auch hier ein Kompromißergebnis. Man schlaft, aber 
man erlebt doch die Aufhebungeines Wunsches; man befriedigt einen 
Wunsch, setzt dabei aber den Schlaf fort. Beides ist zum Teil durch- 
gesetzt und zum Teil aufgegeben. 

8. Erinnern Sie sich, wir erhofften uns einmal einen Zugang zum 
Verständnis der Traumprobleme aus der Tatsache, daß gewisse iür 
uns sehr durchsichtige Phantasiebildungeu „Tagträume" genannt 
werden. Diese Tagträume sind nun wirklich Wunscherfüllungen, 
Erfüllungen von ehrgeizigen und erotischen Wünschen, die uns wohl- 
bekannt sind, aber es sind gedachte, wenn auch lebhaft vorgestellte, 
niemals halluzinatorisch erlebte. Von den beiden Hauptcharakteren 
des Traumes wird also hier der minder gesicherte festgehalten, wäh- 
rend der andere als vom Schlafzustand abhängig und im Wachleben 
nicht reahsierbar ganz entfäUt. Im Sprachgebrauch liegt also eine 
Ahnung davon, daß die Wunscherfüllung ein Hauptcharakter des 
Traumes ist. Nebenbei, wenn das Erleben im Traum nur ein durch 
die Bedingungen des Schlafzustandes ermöglichtes, umgewandeltes 
Vorstellen, also ein „nächtliches Tagträumen" ist, so verstehen wir 
bereits, daß der Vorgang der Traumbildung den nächtlichen Reiz 
aufheben und Befriedigung bringen kann, denn auch das Tagträumen 
ist eine mit Befriedigung verbundene Tätigkeit und wird ja nur dieser 
wegen gepflegt, 

Ater nicht nur dieser, auch anderer Sprachgebrauch äußert sich 
in demselben Sinne. Bekannte Sprichwörter sagen: das Schwein 
träumt von Eicheln, die Gans vom Mais; oder fragen: wovon träumt 
das Huhn? von Hirse. Das Sprichwort steigt also noch weiter hinab 

Freud, VII. 



1 ^o 



Forlesurigen zur Einführung in die Psychoanalyse 



als wir, vom Kind zum Tier, und behauptet, der Inhalt des Traumes 
sei die Befriedigung eines Bedürfnisses. So viele Redewendungen 
scheinen dasselbe anzudeuten wie: „traumhaft schön", „das wäre mir 
im Traum nicht eingefallen", „das habe ich mir in meinen kühnsten 
Träumen nicht vorgestellt". Es liegt da eine offenbare Parteinahme 
des Sprachgebrauchs vor. Es gibt ja auch Augstträume und Träume 
mit peinlichem oder indifferentem Inhalt, aber sie haben den Sprach- 
gebrauch nicht angeregt. Er kennt zwar „böse" Träume, aber der 
Traum schlechtweg ist ihm doch nur die holde Wunscherfüllung, 
Es gibt auch kein Sprichwort, das uns versichern würde, das Schwein 
oder die Gans träumen vom Geschlachtetwerden. 

Es ist natürlich undenkbar, daß der wunscherfülleude Charakter 
des Traumes von den Autoren über den Traum nicht bemerkt worden 
wäre. Dies ist vielmehr sehr oft der Fall gewesen, aber es ist keinem 
von ihnen eingefallen, diesen Charakter als allgemeinen anzuerkennen 
und zum Angelpunkt der Traumerklärung zu nehmen. Wir können 
uns wohl denken und werden auch darauf eingehen, was sie davon 
abgehalten haben mag. 

Sehen Sie nun aber, welche Fülle von Aufklärungen wir aus der 
Würdigung der Kinderträume gewonnen haben, und dies fast mühe- 
los! Die Funktion des Traumes als Hüter des Schlafes, seine Ent- 
stehung aus zwei konkurrierenden Tendenzen, von denen die eine 
konstant bleibt, das Schlafverlangen, die andere einen psychischen 
Reiz zu befriedigen strebt, der Beweis, das der Traum ein sinnreicherj 
psychischer Akt ist, seine beiden Hauptcharaktere: Wunscherfüllung 
und halluzinatorisches Erleben. Und dabei konnten wir fast vergessen, 
daß wir Psychoanalyse treiben. Außer der Anknüpfung an die Fehl- 
leistungen hatte unsere Arbeit kein spezifisches Gepräge. Jeder Psycho- 
loge, der von den Voraussetzungen der Psychoanalyse nichts weiß, 
hätte diese Aufklärung der Kinderträume geben können. Warum 
hat es keiner getan? 

Gäbe es nur solche Träume wie die intantilen, so wäre das Problem 
gelöst, unsere Aufgabe erledigt, und zwar ohne den Träumer aus- 



VIII. Kinderträume , _ , 



zufragen, ohne das Unbewußte heranzuziehen, und ohne die freie 
Assoziation in Anspruch zu nehmen. Nun hier hegt offenbar die 
Fortsetzung unserer Aufgabe. Wir haben schon wiederhoU die Er- 
fahrung gemacht, daß Charaktere, die für allgemein gültig ausgegeben 
waren; sich dann nur für eine gewisse Art und Anzahl von Träumen 
bestätigt haben. Es handelt sich also für uns darum, ob die aus den 
Kinderträumen erschlosseneu allgemeinen Charaktere haltbarer sind, 
ob sie auch für jene Träume gelten, die nicht durchsichtig sind, deren 
manifester Inhalt keine Beziehung zu einem erübrigten Tageswunsch 
erkennen läßt. Wir haben die Auffassung, daß diese anderen Träume 
eine weitgehende Entstellung erfahren haben und darum zunächst 
nicht zu beurteilen sind. Wir ahnen auch, zur Aufklärung dieser 
Entstellung werden wir der psychoanalytischen Technik bedürfen, 
die wir für das eben gewonnene Verständnis der Kinderträume ent- 
behren konnten. 

Es gibt jedenfalls noch eine Klasse von Träumen, die unentstellt 
sind und sich wie die Kinderträume leicht als Wunscherfüllungen 
erkennen lassen. Es sind jene, die das ganze Leben hindurch durch 
die imperativen Körperbedürfnisse hervorgerufen werden, den Hunger, 
den Durst, das Sexualbedürfnis, also Wunscherfüllungen als Reak- 
tionen auf innere Körperreize. So habe ich von einem 19 Monate 
alten Mädchen einen Traum notiert, der aus einem Menü unter Hin- 
zufügung ihres Namens bestand (Amia F. . . ., Kr(d)beer, Hochbeer^ 
Eirr(s)pris, Papp) als Reaktion auf einen Hungertag wegen gestörter 
Verdauung, welche Erkrankung gerade auf die im Traum zweimal 
auftretende Frucht zurückgeführt worden war. Gleichzeitig mußte 
auch die Großmutter, deren Alter das der Enkelin eben zu siebzig 
ergänzte, infolge der Unruhe ihrer Wanderniere einen Tag lang 
fasten, und sie träumte in derselben Nacht, daß sie ausgebeten (zu 
Gaste) sei und die besten Leckerbissen vorgesetzt erhalte. Beobach- 
tungen an Gefangenen, die man hungern läßt, und au Personen, die 
auf Reisen und Expeditionen Entbehrungen zu ertragen haben lehren 
daß unter diesen Bedingungen regelmäßig von der Befriedigung dieser 



133 Vorlesungen zur Ewfuhruug in die Psychoanalyse 

Bedürfnisse geträumt wird. So berichtet Otto Nordenskjöld in 
seinem Buche „Antarctic" (1904) über die mit ihm überwinterte 
Mannschaft (Bd. I, p. 556) : „Sehr bezeichnend für die Richtung unserer 
innersten Gedanken waren unsere Träurne, die nie lebhafter und 
zahlreicher waren als gerade jetzt. Selbst diejenigen unserer Kame- 
raden, die sonst nur ausnahmsweise träumten, hatten jetzt des Morgens^ 
wenn wir unsere letzten Erfahrungen aus dieser Phantasiewelt mit- 
einander austauschtenj lange Geschichten, zu erzählen. Alle handelten 
sie von jener äuIBeren Weh, die uns jetzt so fern lag, waren aber oft 
unseren jetzigen Verhältnissen angepaßt . . . Essen und Trinken 
waren übrigens die Mittelpunkte, um die sich unsere Träume am 
häufigsten drehten. Einer von uns, der nächtlich erweise darin exzel- 
lierte, auf große Mittagsgesellschaften zu gehen, war seelenfroh, wenn 
er des Morgens berichten konnte, ,daß er ein Diner von drei Gängen 
eingenommen habe'; ein andex-er träumte von Tabak, von ganzen 
Bergen Tabak; wieder andere von dem Schiff, das mit vollen Segeln 
auf dem offenen Wasser daherkam. Noch ein anderer Traum verdient 
der Erwähnung: Der Briefträger kommt mit der Post und gibt eine 
lange Erklärung, warum diese so lange habe auf sich warten lassen, 
er habe sie verkehrt abgeliefert und erst nach großer Mühe sei es 
ihm gelungen, sie wieder zu erlangen. Natürlich beschäftigte man 
sich im Schlaf mit noch unmöglicheren Dingen, aber der Mangel an 
Phantasie in fast allen Träumen, die ich selbst träumte oder erzählen 
hörte, war ganz auffallend. Es würde sicher von großem psycholo- 
gischen Interesse sein, wenn alle diese Träume aufgezeichnet würden. 
Mau wird aber leicht verstehen können, wie ersehnt der Schlaf war, 
da er uns alles bieten konnte, was ein jeder von uns am glühendsten 
begehrte." Nach Du Prel zitiere ich noch: „Mungo Park, auf einer 
Reise in Afrika dem Verschmachten nahe, träumte ohne Aufhören 
von wasserreichen Tälern und Auen seiner Heimat. So sah sich auch 
der von Hunger gequälte Trenck in der Sternschanze zu Magde- 
burg von üppigen Mahlzeiten umgeben, und Geoi'ge Back, Teil- 
nehmer der ersten Expedition Franklins, als er infolge furchtbarer 



Pill. Kinder iräuttie j,. 



Entbehrungen dem Hungertode nalie war, träumte stets und gleich- 
mäßig von reichen Mahlzeiten." 

Wer sich durch den Genuß scharf gewürzter Speisen zur Abend- 
mahlzeit nächtlichen Durst erzeugt, der träumt dann leicht, daß er 
trinke. Es ist natürhch unmöglich^ ein stärkeres Eß- oder Trinkbe- 
dürfnis durch den Traum zu erledigen ^ man wacht ans solchen Trämnen 
durstig auf und muß nun reales Wasser zu sich nehmen. Die Leistung 
des Traumes ist in diesem Falle praktisch geringfügig, aber es ist 
nicht minder klar, daß sie zu dem Zweck aufgeboten wurde, den 
Schlaf gegen den zum Erwachen und zur Handkmg drängenden 
Reiz festzuhalten. Über geringere Intensitäten dieser Bedürfnisse helfen 
die Befriedigungsträume oftmals hinweg. 

Ebenso schafft der Traum unter dem Einfluß der Sexualreize Be- 
friedigungen, die aber erwähnenswerte Besonderheiten zeigen. Infolge 
der Eigenschaft des Sexualtriebs, von seinem Objekt um einen Grad 
weniger abhängig zu sein als Hunger und Durst, kann die Befrie- 
digung im Pollutionstraum eine reale sein, und infolge gewisser 
später zu erwähnender Schwierigkeiten in der Beziehung zum Objekt 
kommt es besonders häufig vor, daß sich die reale Befriedigung doch 
mit einem undeuthchen oder entsteUten Trauminhalt verbindet. Diese 
Eigentümlichkeit der Pollutionsträume macht sie, wie O. Rank be- 
merkt hat, zu günstigen Objekten für das Studium der Traument- 
stellung. Alle Bedürfnisträume Erwachsener pflegen übrigens außer 
der Befriedigung noch anderes zu enthalten, was rein psychischen 
Reizquellen entstammt und zu seinem Verständnis der Deutung 
bedarf. 

Wir wollen übrigens nichl beliaupten, daß die nach infantiler Art 
gebildeten Wunsch orfüllungsträume der Erwachsenen nur als Reak- 
tionen auf die genannten imperativen Bedürfnisse vorkommen. Wir 
kennen ebensowohl kurze und klare Träume dieser Art unter dem 
Einfluß gewisser dominierender Situationen, die aus unzweifelhaft 
psychischen Reizquellen herrühren. So z. B. die Ungeduldsträume, 
wenn jemand die Vorbereitungen zu einer Reise, zu einer für ihn 



1 34 Vorlesungen zur Einführung m die Psychoanalyse 

bedeutsamen Schaustellung, zu einem Vortrag, Besuch getroffen hat 
und nun die verfrühte Erfüllung seiner Erwartung träumt, sich 
also in der Nacht vor dem Erlebnis an seinem Ziel angekommen 
im Theater, im Gespräch mit dem Besuchten sieht. Oder, die mit 
Recht so genannten Bequemlichkeitsträume, wenn jemand, der gerne 
den Schlaf verlängert, träumt, daß er bereits aufgestanden ist, sich 
wäscht, oder sich in der Schule befindet, während er in Wirklichkeit 
weiterschläft, also heber im Traum aufsteht als in Wirklichkeit. Der 
Wunsch zu schlafen, den wir als regelmäßig an der Traumbildung 
beteiligt erkannt haben, wird in diesen Träumen laut und zeigt sich 
in ihnen als der wesentliche Traumbildner. Das Bedürfnis zu schlafen 
stellt sich mit gutem Recht den anderen großen körperlichen Be- 
dürfnissen zur Seite. 

Ich zeige Ihnen hier an der Reproduktion eines Schwind sehen Bil- 
des aus der S c h a c k galerie in München, wie richtig der Maler die Ent- 
stehung eines Traumes aus einer dominierenden Situation erfaßt hat.' 
Es ist der „Traum eines Gefangenen", der nichts anderes als seine 
Befreiung zum Inhalt haben kann. Es ist sehr hübsch, daß die Be- 
freiung durch das Fenster erfolgen soll, denn durch das Fenster ist 
der Lichtreiz eingedrungen, der dem Schlaf des Gefangenen ein Ende 
macht. Die übereinander stehenden Gnomen repräsentieren wohl die 
eigenen sukzessiven Stellungen, die er beim Emporklettern zur Höhe 
des Fensters einzunehmen hätte, und irre ich nicht, lege ich dem 
Künstler dabei nicht zuviel Absichtlichkeit unter, so trägt der oberste 
der Gnomen, welcher das Gitter durchsägt, also das tut, was der Ge- 
fangene selbst mächte, die nämlichen Züge wie er selbst. 

Bei allen anderen Träumen außer den Kinderträumen und denen 
von infantilem Typus tritt uns, wie gesagt, die Traumentstellung 
hindernd in den Weg. Wir könnfen zunächst nicht sagen, ob auch sie 
Wunscherfüllungen sind, wie wir vermuten^ wir erraten aus ihrem 
manifesten Inhalt nicht, welchem psychischen Reiz sie ihren Ursprung 
verdanken, und wir können nicht erweisen, daß sie sich gleichfalls 

i) S. Beilage. 






■ 



VIII. Kinderträume 



135 



um die Wegschaffung oder Erledigung dieses Reizes bemühen. Sie 
müssen wohl gedeutet, d. h. übersetzt werden, ihre Entstellung rück- 
gängig gemacht, ihr manifester Inhalt durch den latenten ersetzt, 
ehe wir ein Urteil darüber fällen können, ob das an den infantilen 
Träumen gefundene für alle Träume Gültigkeit beanspruchen darf. 



■■■'}- 



7- 



IX. VORLESUNG 

DIE TRAUMZENSUR 



Meine Damen und Herren! Entstellung, Wesen und Funktion des 
Traumes haben wir aus dem Studium der Kinderträume kennen ge- 
lernt. Die Träume sind Beseitigungen schlafstörender 
(psychischer) Reize auf dem Wege der halluzinierten 
Befriedigung. Von den Träumen der Erwachsenen haben wir 
allerdings nur eine Gruppe aufklären können, jene, die wir als Träume 
von infantilem Typus bezeichnet haben. Was es mit den anderen ist, 
wissen wir noch nicht, aber wir verstehen sie auch nicht. Wir haben 
vorläufig ein Resultat gewonnen, dessen Bedeutung wir nicht unter- 
schätzen wollen. Jedesmal, wenn uns ein Traum voll verständlich ist, 

erweistersichalseinehalluzinierleWunscheriüllung.DiesZusamraen- 
treffen kann nicht zufällig und nicht gleicligültig- sein. 

Von einem Traum anderer Art nehmen wir auf Grund verschie- 
dener Überlegungen und in Analogie zur Auffassung der Fehlleistun- 
gen an, daß er ein entstellter Ersatz für einen unbekannten Inhalt 
ist und erst auf diesen zurückgeführt werden muß. Die Untersuchung, 
das Verständnis dieser Traument.tel lung ist nun unsere nächste 
Aufgabe. 

Die Traumentstellung ist dasjenige, was uns den Traum fremd- 
artig und unverständlich erscheinen läßt. Wir wollen mehrerlei von 
ihr wissen; erstens, wovon sie herrührt, ihren Dynamismus, zweitens, 
was sie macht, und endlich, wie sie es macht. Wir können auch 



IX. Die Traum Zensur 



sagen, die Traurtientstellung ist das Werk der Traumarbeit. Wir 
wolleu die Traumarbeit beschreiben und auf die in ihr wirkenden 
Kräfte zurückführen. 

Und nun hören Sie folgenden Traum an. Er ist von einer Dame 
unseres Kreises' verzeichnet worden, stammt nach ihrer Auskunft 
von einer hochangesehenen, feiugebildeten älteren Dame her. Eine, 
Analyse dieses Traumes ist nicht angestellt worden. Unsere Refe- 
rentin bemerkt, dai3 es für Psychoanalytiker keiner Deutung be- 
dürfe. Die Träumerin selbst hat ihn auch nicht gedeutet, aber sie 
hat ihn beurteilt und so verurteilt, als ob sie ihn zu deuten verstünde. 
Denn sie äußerte über ihn: Und solches abscheuliche, dumme Zeug 
träumt einer Frau von 50 Jahren, die Tag tuid Nacht keinen anderen 
Gedanken hat als die Sorge um ihr Kind! 

Und nun der Traum von den „Liebesdiensten". „Ä'c geht 
ins Garnisonsspital Nr. I und sagt dem Posten beim Tor, sie müsse 
den Oberarzt .... (sie nennt einen ihr unbekannten Namen) sprechen, 
da sie im Spitale Dienst tun wolle. Dabei betont sie das Wort ,Die/ist' 
.vo, daß der Unteroffizier sofort merkt, es handle sich um ,Liebes'- 
dienste. Da sie eine alte Frau isty läßt er sie nach einigem Zögern 
passieren. Statt aber zum Oberarzt zu kommen, gelangt sie in ein 
großes, düsteres 7Ammer, in dem viele Offiziere und Militärärzte an 
einem langen Tisch stehen und sitzen. Sie wendet sich mit ihrem An- 
trag on einen Stabsarzt, der sie nach wenigen Worten, schon versteht. 
Der Wortlaut ihrer Rede im Traum ist: ,Ich und zahlreiche andere 
Frauen und junge Mädchen Wiens sind bereit, den. Soldaten, Mann- 
schaft und Offiziere ohne Unterschied, ' Hier folgt im Traum, ein 

Gemurmel. Daß dasselbe aber von. allen Anwesenden richtig verstanden 
wird, zeigen ihr die teils verlegenen, teils hämischen Mienen der Offi- 
ziere. Die Dame fährt fort: ,Ich weiß, daß unser Entschluß be- 
fremdend klingt, aber es ist uns bitterernst. Der Soldat im Feld wird 
auch nicht gefragt, oh er sterben will oder nicht.' Ein minutenlanges 
peinliches Schweigen folgt. Der Stabsarzt legt ihr den Arm um die 

1) Frau Dr. von Hug-Hellmuth. 



158 Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Mitte und sagt: ^Gnädige Frau, nehmen sie den Fall, es würde tat- 
sächlich dazu kormncn, . . / (Gemurmel). Sie entzieht sich seinem Arm 
mit dem Gedanken: Es ist doch einer wie der andere, und erwidert: 
fMein Gott, ich bin eine alte Frau und werde vielleicht gar nicht in 
die Lage kommen. Übrigens eine Bedingung müßte eingehalten werden: 
die Berücksichtigung des Alters^ daß nicht eine ältere Frau einem 
ganz jungen Burschen . . . (Gemurmel) j das wäre entsetzlich.' — 
Der Stabsarzt: ,Ich verstehe vollkommen.' Einige Offiziere, darunter 
einer, der sich in jungen Jahren um sie beworben hatte, lachen hell 
auf, und die Dame wünscht zu dem ihr bekannten Oberarzt geführt 
zu werden, damit alles ins reine gebracht werde. Dabei fällt ihr zur 
größten Bestürzung ein, daß sie seinen Namen nicht kennt. Der 
Stabsarzt weist sie trotzdem sehr höflich und respektvoll an, über 
eine sehr schmale eiserne Wendeltreppe, die direkt von dem Zimmer 
aus in die oberen Stockwerke führt, in den zweiten Stock zu gehen. 
Im Hinaufsteigen hört sie einen Offizier sagen: ,Das ist ein kolossaler 
Entschluß, gleichgültig, ob eine jung oder alt ist} alle Achtung!' 

Mit dem Gefühle, einfach ihre Pflicht zu tun, geht sie eine end- 
lose Treppe hinauf. 

Dieser Traum wiederholt, sich innerhalb weniger Wochen noch 
zweimal mit — wie die Dame bemerkt — ganz unbedeutenden 
und recht sinnlosen Abänderungen," 

Der Traum entspricht in seinem Fortlauf einer Tagesphantasie j 
er hat nur wenige Bruchstellen, und manche Einzelheit in seinem 
Inhalt hätte durch Erkundigung geklärt werden können, was, wie 
Sie wissen, unterblieben ist. Das Auffällige und für uns Interessante 
ist aber^ daß der Traum mehrere Lücken zeigt, Lücken, nicht der 
Erinnerung, sondern des Inhaltes. An drei Stellen ist der Inhalt wie 
ausgelöscht^ die Reden, in denen diese Lücken angebracht sind, wer- 
den durch ein Gemurmel unterbrochen. Da wir keine Analyse an- 
gestellt haben, steht uns strenge genommen auch kein Recht zu, etwas 
über den Sinn des Traumes zu äußern. Allein es sind Andeutungen 
gegeben, aus denen sich etwas folgern läßt, z. B. im Worte „Liebes- 



l! 



i 



IX. Die Traumzensur xjg 



dienste", und vor allem nötigen die Stücke der Reden, welche dem 
Gemurmel unmittelbar rorhergehen, zu Ergänzungen, welche nicht 
anders als eindeutig ausfallen können. Setzen wir diese ein, so er- 
gibt sich eine Phantasie des Inlialts, daß die Träumerin bereit ist, in 
Erfüllung einer patriotischen Pfliclit, ihre Person zur Befriedigung 
der Liebesbedürfnisse des Militärs, Offiziere wie Mannschaft, zur Ver- 
fügung zu stellen. Das ist gewiß höchst anstößig, ein Muster einer 
frech libidinösen Phantasie, aber — es kommt im Traume gar nicht 
vor. Gerade dort, wo der Zusammenhang dieses Bekenntnis fordern 
würde, findet sich im manifesten Traume ein undeutliches Gemurmel, 
ist etwas verloren gegangen oder unterdrückt worden. 

Ich hoffe, Sie erkennen es als naheliegend, daß eben die Anstößig- 
keit dieser Stellen das Motiv zu ihrer Unterdrückung war. Wo finden 
Sie aber eine Parallele zu diesem Vorkommnis? Sie brauchen in un- 
seren Tagen nicht weit zu suchen. Nehmen Sie irgend eine politische 
Zeitung zur Hand, Sie w^erden finden, daß von Stelle zu Stelle der 
Text weggeblieben ist und an seiner Statt die Weiße des Papiers 
schimmert. Sie wissen, das ist das Werk der Zeitungszensur. An 
diesen leer gewordenen Stellen stand etwas, was der hohen Zensur- 
behörde mißliebig war, und darum wurde es entfernt. Sie meinen, 
es ist schade darum, es wird wohl das Interessanteste gewesen sein, 
es war „die beste Stelle". 

Andere Male hat die Zensur nicht auf den fertigen Satz gewirkt. 
Der Autor hat vorhergesehen, welche Stellen die Beanstandung durch 
die Zensur zu erwarten haben, und hat sie darum vorbeugend ge- 
mildert leicht modifiziert, oder sich mit Annäherungen und An- 
spielungen an das, was ihm eigentlich aus der Feder fließen wollte, 
begnügt Dann hat auch das Blatt keine leeren Stellen, aber aus ge- 
wissen Umschweifen und Dunkelheiten des Ausdrucks werden Sie die 
im vorhinein geübte Rücksicht auf die Zensur erraten können. 

Nun wir halten diese Parallele fest. Wir sagen, auch die ausge- 
lassenen, durch ein Gemurmel verhüllten Traumreden sind einer 
Zensur zum Opfer gebracht worden. Wir sprechen direkt von einer 



1 40 Vorlesungen zur Einß'ihnmg in die Psychöiwtilyse 



Traumzensur, der ein Stück Anteil an der Traumentstellung zu- 
zuschreiben ist. Überall, wo lÄicken im manifesten Traum sind, 
hat die Traumzensur sie verschuldet. Wir sollten auch weitergehen 
und eine Äußerung der Zensur jedesmal dort erkennen, wo ein Traum- 
element besonders schwach, unbestimmt und zweiielhaft, unter an- 
deren deutlicher ausgebildeten erinnert wird. Aliei- nur selten äußert 
sich diese Zensur so imverhohlen, so naiv, möchte man sagen, wie 
in dem Beispiel des Traumes von den „Liebesdiensten". Weil öfter 
bringt sich die Zensur nach dem zweiten Typus zur Geltung, durch 
die Produktion von Abschwächnngen, Annäherungen, Anspielungen 
an Stelle des Eigentlichen. 

Für eine dritte Wirkungsweise der Traumzensur weiß icli keine 
Parallele aus dem Wallen der Zeituugszensur; ich kann aber gerade 
diese an dem einzigen bisher analysierten Tranmbeispiel demon- 
strieren. Sie erinnern sich an den Traum von den „drei schlechten 
Theaterkarten für i 11. 50". In den latenten Gedanken dieses "JVau- 
mes stand das Element „voreihg, zu früh" im Vordergrunde. Es hieß : 
Es war ein Unsinn, so früh zu heiraten, — es war auch unsinnig, 
sich so früh Theaterkarten zu besorgen, ^ es war lächerlich von 
der Schwägerin, ihr Geld so eilig auszugeben, um sich dafür einen 
Schmuck zu kaufen. Von diesem zentralen Element der Traumge- 
danken ist nichts in den manifesten Traum üliergegangen; hier ist 
das Ins-Theater- Gehen und Karten-Bekommen in den Mittelpunkt 
gerückt. Durch diese Verschiebung des Akzents, diese Uingruppie- 
rung der Inhaltselemente, wird der manifeste Traum den latenten 
Traumgedanken so unähnlich, daß niemand diese letzteren hinter 
dem erstereu vermuten würde. Diese Akzentverschiebung ist ein 
Hauptmittel der Traumentstellung und gibt dem Traum jene Fremd- 
artigkeit, deren wegen ihn der TrÜnmer selbst nicht als seine eigene 
Produktion anerkennen möchte. 

Auslassung, Modifikation, Umgruppierung des Materials sind also 
die Wirkungen der Traumzensur und die Mittel der Traumeutstel- 
lung. Die Traumzensur selbst ist der Urheber oder einer der Urheber 



IX. Die Traumzensur j jj 



der Traumentstelluiig, deren Untersuchung uns jetzt beschäftigi. 
Modifikation und Umorduung sind wir auch gewohnt als „Ver- 
schiebung" zusammenzufassen. 

Nach diesen Bemerkungen über die Wirkungen der Traumzensur 
wenden wir uns nun ihrem Dynamismus zu. Ich hoffe, Sie nehmen 
den Ausdruck nicht allzu anthropomorph und stellen sich unter dem 
Traumzensor nicht ein kleines gestrenges Männlein oder einen Geist 
vor^ der in einem Gehirnkämmerlein wohnt und dort seines Amtes 
waltet, aber auch nicht allzu lokalisatorisch, so daß Sie an ein „Ge- 
hirnzentrum" denken, von dem ein solcher zensurierender Einfluß 
ausgeht, welcher mit der Beschädigung oder Entfernung dieses Zen- 
trums aufgehoben wäre. Es ist vorläufig nichts weiter als ein gut 
brauchbarer Terminus für eine dynamische Beziehung. Dieses Wort 
hindert uns nicht zu fragen, von welchen Tendenzen solcher Einfluß 
geübt wird und auf welche; wir werden auch nicht überrascht sein 
zu erfahren, daß wir schon früher einmal auf die Traumzensur ge- 
stoßen sind, vielleicht ohne sie zu erkennen. 

Das ist nämlich wirklich der Fall gewesen. Erinnern Sie sich, daß 
wir eine überraschende Erfahrung machten, als wir unsere Technik 
der freien Assoziation anzuwenden begannen. Wir bekamen da zu 
spüren, daß sich unseren Bemühungen, vom Traumelement zum un- 
bewußten Element zu gelangen, dessen Ersatz es ist, ein Wider- 
stand entgegenstellte. Dieser Widerstand, sagten wir, kann ver- 
schieden groß sein, das eine Mal riesig, das andere Mal recht gering- 
fügig. Im letzteren Falle brauchen wir für unsere Deutungsarbeit 
nur wenige Zwischenglieder zu passieren; wenn er aber groß ist, 
dann haben wir lange Assoziationsketten vom Element her zu durch- 
messen, werden weit von diesem weggeführt und müssen unterwegs 
alle die Schwierigkeiten überwinden, die sich als kritische Einwen- 
dungen gegen den Einfall ausgeben. Was uns bei der Deutuugsarbeit 
als Widerstand entgegentritt, das müssen wir nun als Traumzensur 
in die Traumarbeit eintragen. Der Deutungswiderstand ist nur die 
Objektivierung der Traumzensur. Er beweist uns auch, daß die Kraft 



142 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoatialyse 

der Zensur sich nicht damit erschöpft hat, die Traumentstellung 
herbeizuführen, und seither erloschen ist, sondern, daß diese Zensur 
als dauernde Institution mit der Absicht; die Entstellung aufrecht zu 
halten, fortbesteht. Übrigens wie der Widerstand bei der Deutung 
für jedes Element in seiner Stärke wechselte, so ist auch die durch 
Zensur herbeigeführte Entstellung in demselben Traume iür jedes 
Element verschieden groß ausgefallen. Vergleicht man manifesten und 
latenten Traum, so sieht man, einzelne latente Elemente sind völlig 
eliminiert worden, andere mehr oder weniger modifiziert, und noch 
andere sind unverändert, ja vielleicht verstärkt in den manifesten 
Trauminhalt hinübergenommen worden. 

Wir wollten aber untersuchen, welche Tendenzen die Zensur aus- 
üben und gegen welche. Nun diese für das Verständnis des Traumes, 
ja vielleicht des Menschenlebens, fundamentale Frage ist, wenn wir 
die Reihe der zur Deutung gelangten Träume überblicken, leicht 
zu beantworten. Die Tendenzen, welche die Zensur ausüben, sind 
solche, welche vom wachen Urteilen des Träumers anerkannt wer- 
den, mit denen er sich einig fühlt. Seien Sie versichert, wenn Sie 
eine korrekt durchgeführte Deutung eines eigenen Traumes ab- 
lehnen, so tun Sie es aus denselben Motiven, mit denen die Traum- 
zensur geübt, die Traumentstellung produziert und die Deutung not- 
wendig gemacht wurde. Denken Sie an den Traum unserer 50- 
jährigen Dame. Sie findet ihren Traum, ohne ihn gedeutet zu haben, 
abscheulich, würde noch entrüsteter gewesen sein, wenn ihr Frau 
Dr. v. Hug etwas von der unerläßlichen Deutung mitgeteilt hätte, 
und eben dieser Verurteilung wegen haben sich in ihrem Traum die 
anstößigsten Stellen durch ein Gemurmel ersetzt. 

Die Tendenzen aber, gegen welche sich die Traumzensur richtet, 
muß man zunächst vom Standpunkt dieser Instanz selbst beschreiben. 
Dann kann man nur sagen, sie seien durchaus verwerflicher Natur, 
anstößig in ethischer, ästhetischer, sozialer Hinsicht, Dinge, an die 
man gar nicht zu denken wagt oder nur mit Abscheu denkt. Vor 
allem sind diese zensurierten und im Traum zu einem entstellten 



i 



IX. Die Traumzensur lAZ 



Ausdruck gelangten Wünsche Äußerungen eines schranken- und 
rücksichtslosen Egoismus. Und zwar kommt das eigene Ich in jedem 
Traum vor und spielt in jedem die Hauptrolle, auch wenn es sich 
für den manifesten Inhalt gut zu verbergen weiß. Dieser „sacro 
egoismo'^ des Traumes ist gewiß nicht außer Zusammenhang mit 
der Einstellung zum Schlafen, die ja in der Abziehung des Interesses 
von der ganzen Außenwelt besteht. 

Das aller ethischen Fesseln entledigte Ich weiß sich auch einig mit 
allen Ansprüchen des Sexualstrebens, solchen, die längst von unserer 
ästhetischen Erziehung verurteilt worden sind, und solchen, die allen 
sittlichen Beschränkungsforderungen widersprechen. Das Lustbe- 
streben — die Libido, wie wir sagen — wählt seine Objekte hem- 
mungslos, und zwar die verbotenen am liebsten. Nicht nur das Weib 
des anderen, sondern vor allem, inzestuöse, durch menschliche Über- 
einkunft geheiligte Objekte, die Mutter und die Schwester beim 
Manne, den Vater und den Bruder beim Weibe. (Auch der Traum 
unserer sojährigen Dame ist ein inzestuöser, seine Libido unver- 
kennbar auf den Sohn gerichtet.) Gelüste, die wir ferne von der 
menschlichen Natur glauben, zeigen sich stark genug, Träume zu 
erregen. Auch der Haß tobt sich schrankenlos aus. Rache- und Todes- 
wünsche gegen die nächststehenden, im Leben geliebtesten Personen, 
die Eltern, Geschwister, den Ehepartner, die eigenen Kinder sind 
nichts Ungewöhnliches. Diese zensurierten Wünsche scheinen aus 
einer wahren Hölle aufzusteigen; keine Zensur scheint uns nach der 
Deutung im Wachen Hart genug gegen sie zu sein. 

Machen Sie aber aus diesem bösen Inhalt dem Traum selbst keinen 
Vorwurf. Sie vergessen doch nicht, daß er die harmlose, ja nützliche 
Funktion hat, den Schlaf vor Störung zu bewahren. Solche Schlechtig- 
keit liegt nicht im Wesen des Traumes. Sie wissen ja auch, daß es 
Träume gibt, die sich als Befriedigung berechtigter Wünsche und 
dringender körperlicher Bedürfnisse erkennen lassen. Diese haben 
allerdings keine Traumen tstellung; sie brauchen sie aber auch nicht, 
sie können ihrer Funktion genügen, ohne die ethischen und ästheti- 



1 44 Vorlesungen zu?- Ehifiihriinß in die Psychoanalyse 



sehen Tendenzen des Ichs zu beleidigen. Auch haken Sie sich vor, 
daß die Traumentstellung zwei Faktoren proportional ist. Einer- 
seits wird sie um so größer, je ärger der zu zensurierende AVunsch 
ist, anderseits aber auch, je strenger derzeit die Anforderungen der 
Zensur auftreten. Ein jnnges, strenge erzogenes und sprödes Mädchen 
wird darum mit unerbittlicher Zensin- Traumregungen entstellen, 
welche wir Ärzte z. B. als gestattete, harmlos libidinöse Wünsche an- 
erkennen müßten, und die die Träumerin selbst ein Dezennium später 
so beurteilen wird. 

Im übrigen sind wir noch lange nicht so weit, uns über dies Er- 
gebnis unserer Deutungsarbeit entrüsten zn dürfen. Ich glaube, daß 
wir es noch nicht recht verstehen^ vor allem aber obliegt uns die 
Aufgabe, es gegen gewisse Anfechtungen sicherzustellen. Es ist gar 
nicht schwer, einen Haken daran zu finden. Unsere Traumdeutungen 
sind unter den Voraussetzungen gemacht, die wir vorhin einbekannt 
haben, daß der Traum überhaupt einen Sinn habe, daß man die Exi- 
stenz derzeit unbewußter seelischer Vorgänge vom hypnotischen auf 
den normalen Schlaf übertragen dürfe und daß alle Einfalle deter- 
miniert seien. Wären wir auf Grund dieser Voraussetzungen zu 
plausiblen Resultaten der Traumdeutung gekommen, so hätten wir 
mit Recht geschlossen, diese Voraussetzungen seien richtig gewesen. 
Wie aber, wenn diese Ergebnisse so aussehen, wie ich es eben ge- 
schildert habe? Dann liegt es doch nahe zu sagen: Es sind unmög- 
liche, unsinnige, zum mindesten sehr unwahrscheinliche Resultate, 
also war etwas an den Voraussetzungen falsch. Entweder ist der 
Traum doch kein psychisches Phänomen, oder es gibt nichts Unbe- 
wußtes im Normalzustand, oder unsere Technik hat irgendwo ein 
Leck. Ist das nicht einfacher und befriedigender anzunehmen als 
alle die Scheußlichkeiten, die wir auf Grund unserer Voraussetzungen 
angeblich aufgedeckt haben? 

Beides! Sowohl einfacher als auch befriedigender, aber darum nicht 
notwendig richtiger. Lassen wir uns Zeit, die Sache ist noch nicht 
spruchreif. Vor allem können wir die Kritik gegen unsere Traum- 



IX. Die Traumzensur , ,. 
1+5 



deutungen noch verstärken. Daß die Ergebnisse derselben so uner- 
freulich und unappetitlich sind, fiele vielleicht nicht so schwer ins 
Gewicht. Ein stärkeres Argument ist es, daß die Träumer, denen wir 
aus der Deutung ihrer Träume solche Wunsch tendenzen zuschieben, 
diese aufs nachdrücklichste und mit guten Gründen von sich weisen. 
Was? sagt der eine, Sie wollen mir aus dem Traume nachweisen, 
dai3 es mir leid um die Summen tut, die ich für die Ausstattung 
meiner Schwester und die Erziehung meines Bruders aufgewendet 
habe? Aber das kann ja nicht sein; ich arbeite ja nur für meine Ge- 
schwister, ich habe kein anderes Interesse im Leben, als meine Pflich- 
ten gegen sie zu erfüllen, wie ich es als Ältester unserer seligen 
Mutter versprochen habe. Oder eine Träumerin sagt: Ich soll meinem 
Manne den Tod wünschen. Das ist ja ein empörender Unsinn! Nicht 
nur, daß wir in der glücklichsten Ehe leben — das werden Sie mir 
wahrscheinlich nicht glauben — , sein Tod würde mich auch um 
alles bringen, was ich sonst in der Welt besitze. Oder ein anderer 
wird uns erwidern: Ich soll sinnliche Wünsche auf meine Schwester 
richten? Das ist lächerlich; ich mache mir gar nichts aus ihr; wir 
stehen schlecht miteinander und ich habe seit Jahren kein Wort mit 
ihr gewechselt. Wir würden es vielleicht noch leicht nehmen, wenn 
diese Träumer die ihnen zugedeuteten Tendenzen nicht bestätigten 
oder verleugneten; wir könnten sagen, das sind eben Dinge, die sie 
von sich nicht wissen. Aber daß sie das genaue Gegenteil eines sol- 
chen gedeuteten Wunsches in sich verspüren und uns die Vorherr- 
schaft dieses Gegensatzes durch ihre LebensMhrung beweisen können, 
das muß uns doch endlich stutzig machen. Wäre es jetzt nicht an 
der Zeit, die ganze Arbeit an der Traumdeutung als etwas, was durch 
seine Resultate ad absurdum geführt ist, bei Seite zu werfen? 

Nein, noch immer nicht. Auch dieses stärkere Argument zerbricht, 
wenn wir es kritisch angreifen. Vorausgesetzt, daß es unbewußte 
Tendenzen im Seelenleben gibt, so hat es gar keine Beweiskraft, wenn 
die ihnen entgegengesetzten im bewußten Leben als herrschend nach- 
gewiesen werden. Vielleicht gibt es im Seelenleben auch Raum für 

Freud, VlI. 



146 Vorlesungen zur Einführun g in die Psychoanalyse 

gegensätzliche Tendenzen, für Widersprüche, die nebeneinander be- 
stehen; ja möghcherweise ist gerade die Vorherrschaft der einen Re- 
gung eine Bedingung für das Unhewußtsein ihres Gegensatzes. Es 
bleibt also doch bei den zuerst erhobenen Einwendungen, die Resul- 
tate der Traumdeutung seien nicht einfach und sehr unerfreulich, 
Aufs erste ist zu erwidern, daß Sie mit aller Schwärmerei für das 
Einfache nicht eines der Traumprobleme lösen können; Sie müssen 
sich da schon zur Annahme komplizierter Verhältnisse bequemen. 
Und zum zweiten, daß Sie offenbar unrecht daran tun, ein Wohl- 
gefaUen oder eine Abstoßung, die Sie verspüren, als Motiv für ein 
wissenschaftliches Urteil zu verwenden. Was macht es, daß Ihnen 
die Resultate der Traumdeutung unerfreulich, ja beschämend und 
widerwärtig erscheinen? fa rCcmpeche pas d'pxistrr, habe ich als 
junger Doktor meinen Meister Charcot in ähnlichem Falle sagen 
gehört. Es heißt demütig sein, seine Sympathien und Antipathien 
fein zurücksteUen, wenn man erfahren will, was in dieser Welt real 
ist. Wenn Ihnen ein Physiker beweisen kann, daß das organische 
Leben dieser Erde binnen kurzer Frist einer völligen Erstarrung 
weichen muß, getrauen Sie sich auch ihm zu entgegnen: Das kann 
nicht sein; diese Aussicht ist zu unerfreulich? Ich meine, Sie werden 
schweigen, bis ein anderer Physiker kommt und dem ersten einen 
Fehler in seinen Voraussetzungen oder Berechnungen nachweist. 
Wenn Sie von sich weisen, was Ihnen unangenehm ist, so wieder- 
holen Sie vielmehr den Mechanismus der Traumbildung, anstatt ihn 
zu verstehen und ihn zu überwinden. 

Sie versprechen dann vielleicht, von dem abstoßenden Charakter 
der zensurierten Traumwünsche abzusehen, und ziehen sich auf das 
Argument zurück, es sei doch unwahrscheinlich, daß man dem Bösen 
in der Konstitution des Menschen einen so breiten Raum zugestehen 
solle. Aber berechtigen Sie Ihre eigenen Erfahrungen dazu, das zu 
sagen? Ich will nicht davon sprechen, wie Sie sich selbst erscheinen 
mögen, aber haben Sie so viel Wohlwollen bei Ihren Vorgesetzten 
und Konkurrenten gefunden, so viel Ritterlichkeit bei Ihren Feinden, 



IX. Die Traumzensur j^y 



und SO wenig Neid in Ihrer Gesellschaft, daß Sie sich verpflichtet 
fühlen müssen, gegen den Anteil des egoistisch Bösen an der mensch- 
lichen Natur aufzutreten? Ist Ihnen nicht bekannt, wie unbeherrscht 
und unzuverlässig der Durchschnitt der Menschen in allen Ange- 
legenheiten des Sexuallebens ist? Oder wissen Sie nicht, daß alle 
Übergriffe und Ausschreitungen, von denen wir nächtlich träumen, 
alltäglich von wachen Menschen als Verbrechen wirklich begangen 
werden? Was tut die Psychoanalyse hier anders als das alte Wort von 
Plato bestätigen, daß die Guten diejenigen sind, welche sich be- 
gnügen, von dem zu träumen, was die anderen, die Bösen wirklich 
tun? 

Und nun blicken Sie vom Individuellen weg auf den großen Krieg, 
der noch immer Europa verheert, denken Sie an das Unmaß von 
Brutalität, Grausamkeit und Verlogenheit, das sich jetzt in der Kultur- 
welt breitmachen darf. Glauben Sie wirklich, daß es einer Handvoll 
gewissenloser Streber und Verführer geglückt wäre, all diese bösen 
Geister zu entfesseln, wenn die Millionen von Geführten nicht mit- 
schuldig wären? Getrauen Sie sich auch unter diesen Verhältnissen, 
für den Ausschluß des Bösen aus der seelischen Konstitution des Men- 
schen eine Lanze zu brechen? 

Sie werden mir vorhalten, ich beurteile den Krieg einseitig; er 
habe auch das Schönste und Edelste der Menschen zum Vorschein ge- 
bracht, ihren Heldenmut, ihre Selbstaufopferung, ihr soziales Fühlen. 
Gewiß, aber machen Sie sich hier nicht mitschuldig an der Unge- 
rechtigkeit, die mau so oft an der Psychoanalyse begangen hat, indem 
man ihr vorgeworfen, das eine zu leugnen, weÜ sie das andere be- 
hauptet. Es ist nicht unsere Absicht, die edlen Strebungen der mensch- 
lichen Natur abzuleugnen, noch haben wir je etwas dazu getan, sie 
in ihrem Wert herabzusetzen. Im Gegenteile; ich zeige Ihnen nicht 
nur die zensurierten bösen Traumwünsche, sondern auch die Zensur, 
welche sie unterdrückt und unkenntlich macht. Bei dem Bösen im 
Menschen verweilen wir nur darum mit stärkerem Nachdruck, weil 
die anderen es verleugnen, wodurch das menschliche Seelenleben 



1 48 Vorlesungen zur Einfiihrunß; in die P^ychoaimlyse 

zwar nicht besser, aber unverständlich wird. ^Venn wir dann die ein- 
seitig ethische Wertung aufgeben, werden wir für das Verhältnis des 
Bösen zum Guten in der menschlichen Natur gewiß die richtigere 

Formel finden können. 

Es bleibt also dabei. Wir brauchen die Ergebnisse unserer Arbeit 
an der Traumdeutung nicht aufzugeben, wenn wir sie auch befrem- 
dend finden müssen. Vielleicht können wir uns später auf anderem 
Wege ihrem Verständnis nähern. Vorläufig halten wir fest; Die 
Traumentstellung ist eine Folge der Zensur, welche von anerkannten 
Tendenzen des Ichs gegen irgendwie anstößige Wunschregungen 
ausgeübt wird, die sich nächtlicherweile, während des Schlafes, in 
uns rühren. FreiUch, warum gerade nächtlicherweile, und woher 
diese verwerflichen Wünsche stammen, daran bleibt noch viel zu 
fragen und zu erforschen. 

Es wäre aber Unrecht, wenn wir Jetzt versäumten, ein anderes 
Ergebnis dieser Untersuchungen gebührend hervorzuheben. Die 
Traumwünsche, die uns im Schlafe stören wollen, sind uns unbe- 
kannt, wir erfahren von ihnen ja erst durch die Traumdeutung; sie 
sind also als derzeit unbewußte im besprochenen Sinne zu bezeichnen. 
Aber wir müssen uns sagen, sie sind auch mehr als derzeit unbewußt. 
Der Träumer verleugnet sie ja auch, wie wir in so vielen Fällen er- 
fahren haben, nachdem er sie durch die Deutung des Traumes kennen 
gelernt hat. Es wiederholt sich dann der Fall, dem wir zuerst bei 
der Deutung des Versprechens „Aufstoßen" begegnet sind, als der 
Toastredner empört versicherte, daß ihm weder damals noch je zu- 
vor eine uu ehrerbietige Regung gegen seinen Chef bewußt geworden. 
Wir hatten schon damals au dem Wert einer solchen Versicherung 
gezweifelt und dieselbe durch die Annahme ersetzt, daß der Redner 
dauernd nichts von dieser in ihm vorhandenen Regung weiß. Solches 
wiederholt sich nun bei jeder Deutung eines siark entstellten Traumes 
und gewinnt somit an Bedeutung für unsere Auffassung. Wir sind 
nun bereit anzunehmen, daß es im Seelenleben Vorgänge, Tendenzen 
gibt, von denen man überhaupt nichts weiß, seit langer Zeit nichts 



I 






IX. Die Traurnzensur 



»49 



weiß, vielleicht sogar niemals etwas gewußt hat. Das Unbewußte er- 
halt damit für uns einen neuen Sinnj das „derzeit" oder „zeitweilig" 
schwindet aus seinem Wesen, es kann auch dauernd unbewußt 
bedeuten, nicht bloß „derzeit latent". Natürlich werden wir auch 
darüber ein anderes Mal mehr hören müssen. 



X. VORLESUNG 

DIE SYMBOLIK IM TRAUM 

Meine Damen und Herren! Wir haben gefunden, daß die Traum- 
entstelluug, welche uns im Verständnis des Traumes stört, Folge 
einer zensurierenden Tätigkeit ist, die sich gegen die unannehm- 
baren, unbewußten Wunschregungen richtet. Aber wir haben natür- 
lich nicht behauptet, daß die Zensur der einzige Faktor ist, der die 
Traumentstellung verschuldet, und wirklich können wir bei weiterem 
Studium des Traumes die Entdeckung machen, daß an diesem Effekt 
noch andere Momente beteiligt sind. Das ist soviel, als sagten wir, 
auch wenn die Traumzensur ausgeschaltet wäre, wären wir doch 
nicht imstande, die Träume zu verstehen, wäre der manifeste Traum 
noch nicht mit den latenten Traumgedanken identisch. 

Dieses andere Moment, das den Traum undurchsichtig macht, 
diesen neuen Beitrag zur Traumentstellung entdecken wir, indem 
wir auf eine Lücke in unserer Technik aufmerksam werden. Ich habe 
Ihnen schon zugestanden, daß den Analysierten zu einzelnen Ele- 
menten des Traumes mitunter wirklich nichts einfällt. Freilich ge- 
schieht dies nicht so oft, wie diese es beliaupteuj in sehr vielen Fällen 
läßt sich der Einfall doch noch durch Beharrlichkeit erzwingen. Aber 
es bleiben doch Falle übrig, in denen die Assoziation versagt, oder, 
wenn erzwungen, nicht liefert, was wir von ihr erwarten. Geschieht 
dies während einer psychoanalytischen Behandlung, so kommt ihm 
eine besondere Bedeutung zu, mit welcher wir es hier nicht zu tun 



I 



. 



X. Die Symbolik im Traujn igi 

haben. E^ ereignet sich aber auch bei der Traumdeutung mit nor- 
malen Personen oder bei der Deutung eigener Träume. Überzeugt 
man sich, daß in solchen Fällen alles Drängen nichts nützt, so macht 
man endlich die Entdeckung, daß der unerwünschte Zufall regel- 
mäßig bei bestimmten Traumelementen eintrifft, und fängt an, eine 
neue Gesetzmäßigkeit dort zu erkennen, wo man zuerst nur ein aus- 
nahmsweises Versagen der Technik zu erfahren glaubte. 

Man kommt auf solche Weise zur Versuchung, diese „stummen" 
Traumelemente selbst zu deuten, aus eigenen Mitteln eine Über- 
setzung derselben vorzunehmen. Es drängt sich einem auf, daß man 
jedesmal einen befriedigenden Sinn erhält, wenn man sich dieser 
Ersetzung getraut, während der Traum sinnlos bleibt und der Zu- 
sammenhang unterbrochen ist, solange man sich zu solchem Eingriff 
nicht entschließt. Die Häufung vieler durchaus ähnlicher Fälle über- 
nimmt es dann, unserem zunächst schüchternen Versuch die ge- 
forderte Sicherheit zu geben. 

Ich stelle das alles ein bißchen schematisch dar, aber zu Unter- 
richtszwecken ist es doch gestattet, und es ist auch nicht verfälscht, 
sondern bloß vereinfacht. 

Auf diese Weise erhält man für eine Reihe von Traum elementen 
konstante Übersetzungen, also ganz ähnlich, wie man es in unseren 
populären Traumbüchern für alle geträumten Dinge findet. Sie ver- 
gessen doch nicht, daß bei unserer Assoziationstechnik niemals kon- 
stante Ersetzungen der Traumelemente zu Tage kommen. 

Sie werden nun sofort, sagen, dieser Weg zur Deutung erscheine 
Ihnen noch weit unsicherer und angreifbarer als der frühere mittels 
der freien Einfälle. Aber es kommt doch noch etwas anderes hinzu. 
Wenn man nämlich durch die Erfahrung genug solcher konstanter 
Ersetzungen gesammelt hat, dann sagt man sich einmal, daß man 
diese Stücke der Traumdeutung tatsächlich aus eigener Kenntnis 
hätte bestreiten sollen, daß sie wirklich ohne die Einfälle des Träumers 
verständlich sein konnten. Woher man ihre Bedeutung kennen müßte, 
daswirdsich in der zweitenHälfteunserer Auseinandersetzung ergeben. 



Tl$S Vorlesufi^en zw Ehtfnhruvg in die Psychoanalyse 



Eine solche konstante Beziehung zwischen einem Traumelement 
und seiner Übersetzung heißen wir eine symbolische, dasTiaum- 
element selbst ein Symbol des unbewußten Traumgedankens. Sie 
erinnern sich, daß ich früher, bei der Untersuchung der Beziehungen 
zwischen Traumelementen und ihren Eigentlichen drei solcher Be- 
ziehungen unterschieden habe, die des Teils vom Ganaen, die der 
Anspielung und die der Verbildlicliung. Eine vierte habe ich Ihnen 
damals angekündigt, aber nicht genannt. Diese vierte ist nun die hier 
eingeführte symbolische. An sie knüpfen sich sehr interessante Dis- 
kussionen, denen wir uns zuwenden wollen, ehe wir unsere speziellen 
Beobachtungen über Symbolik darlegen. Die Symbolik ist vielleicht 
das merkwürdigste Kapitel der Traumlehre. 

Vor allem : Indem die Symbole feststehentle Übersetzungen sind, 
realisieren sie im. gewissen Ausmaße das Ideal der antiken wie der 
populären Traumdeutung, von dem wir uns durch unsere Technik 
weit entfernt hatten. Sie gestatten uns unter Umständen, einen Traum 
zu deuten, ohne den Träumer zu befragen, der ja zum Symbol ohne- 
dies nichts zu sagen weiß. Kennt man die gebräuchlichen Traum- 
symbole und dazu die Person des Träumers, die Verhältnisse, unter 
denen er lebt, und die Eindrücke, nach welchen der Traum vorge- 
fallen ist, so ist man oft in der Lage, einen Traum ohne weiteres zu 
deuten, ihn gleichsam vom Blatt weg zu übersetzen. Ein solches 
Kunststück schmeichelt dem Traumdeuter und imponiert dem 
Träumer^ es sticht wohltuend von der mühseligen Arbeit beim Aus- 
fragen des Träumers ab. Lassen Sie sich aber hierdurch nicht ver- 
führen. Es ist nicht unsere Aufgabe, Kunststücke zu macheu. Die 
auf Symbolkenntnis beruhende Deutung ist keine Technik, welche 
die assoziative ersetzen oder sich mit ihr messen kann. Sie ist eine 
Ergänzung zu ihr und liefert nur in sie eingefügt brauchbare Resul- 
tate. Was aber die Kenntnis der psychischen Situation des Träumers 
betrifft, so wollen Sie erwägen, daß Sie nicht nur Träume von gxit 
Bekannten zur Deutung bekommen, daß Sie in der Regel die Tages- 
ereignisse, welche die Traumerreger sind, nicht kennen, und daß die 



X Die Sy-mhoUk im Traum 155 



Einfälle des Analysierten Ihnen gerade die Kenntnis dessen, was man 
die psychische Situation heißt, zutragen. 

Es ist ferner ganz besonders merkwürdig, auch mit Rücksicht auf 
später zu erwähnende Zusammenhänge, daß gegen die Existenz der 
Symbolbeziehung zwischen Traum und Unbewußtem wiederum die 
heftigsten Widerstände laut geworden sind. Selbst Personen von Ur- 
teil und Ansehen, die sonst ein weites Stück Weges mit der Psycho- 
analyse gegangen sind, haben hier die Gefolgschaft versagt. Um so 
merkwürdiger aber ist dies Verhalten, als erstens die Symbolik nicht 
allein dem Traum eigentümlich oder für ihn charakteristisch ist, und 
zweitens die Symbolik im Traume gar nicht von der Psychoanalyse 
entdeckt wurde, wiewohl diese sonst nicht arm an überraschenden Ent- 
deckungen ist. Als Entdecker der Traumsymbolik ist, wenn man ihr 
überhaupt einen Anfang in modernen Zeiten zuschreiben will, der 
Philosoph K. A. Scherner (1861) zu nennen. Die Psychoanalyse 
hat die Funde Scherners bestätigt und in allerdings einschneidender 
Weise modifiziert. 

Nun werden Sie etwas vom Wesen der Traumsymbolik und Bei- 
spiele für sie hören wollen. Ich will Ihnen gerne mitteüen, was ich 
weiß, aber ich gestehe Ihnen, daß unser Verständnis nicht so weit 
reicht, wie wir gerne möchten. 

Das Wesen der Symbolbeziehung ist ein Vergleich, aber nicht 
ein beliebiger. Man ahnt für dieseu Vei-gleich eine besondere Bedingt- 
heit, kann aber nicht sagen, worin diese besteht. Nicht alles, womit 
wir einen Gegenstand oder einen Vorgang vergleichen können, tritt 
auch im Traum als Symbol dafür auf. Anderseits symbolisiert der 
Traum auch nicht alles Beliebige, sondern nur bestimmte Elemente 
der latenten Traumgedanken. Es gibt also hier Beschränkungen nach 
beiden Seiten hin. Man muß auch zugeben, daß der Begriff des Sym- 
bols derzeit nicht scharf abzugrenzen ist, er verschwimmt gegen die 
Ersetzung, Darstellung u. dgl., nähert sich selbst der Anspielung. 
Bei einer Reihe von Symbolen ist der zu Grunde liegende Vergleich 
sinnfällig. Daneben gibt es andere Symbole, bei denen wir uns die 



154 Vorlesungen zur Einfuhrung in die Psychoanalyse 

Frage stellen müssenj wo denn das Gemeinsame^ das Tertiura, com- 
parationis dieses vermutlichen Vergleichs zu suchen sei. Dann mögen 
wir es bei näherer Überlegung auffinden, oder es kann uns wirklich 
verborgen bleiben. Es ist ferner sonderbar, wenn das Symbol eine Ver- 
gleichung ist^ daß dieser Vergleich sich nicht durch die Assoziation 
bloßlegen laßt, auch daß der Träumer den Vergleich nicht kennt, 
sich seiner bedient, ohne um ihn zu wissen. Ja noch mehr, daß der 
Träumer nicht einmal Lust hat, diesen Vergleich anzuerkennen, 
nachdem er ihm vorgeführt worden ist. Sie sehen also, eine Symbol- 
beziehung ist eine Vergleichung von ganz besonderer Art, deren Be- 
gründung von uns noch nicht klar erfaßt wird. Vielleicht lassen sich 
später Hinweise auf dieses Unbekannte finden. 

Der Umfang der Dinge, die im Traume symbolische Darstellung 
finden, ist nicht groß. Der menschliche Leib als Ganzes, die Eltern, 
Kinder, Geschwister, Geburt, Tod, Nacktheit — - und dann noch eines. 
Die einzig typische, d. h. regelmäßige Darstellung der menschlichen 
Person als Ganzes ist die als Haus, wie Scherner erkannt hat, der 
diesem Symbol sogar eine überragende Bedeutung, die ihm nicht zu- 
kommt, zuteilen wollte. Es kommt im Traume vor, daß man, bald 
lustvoll, bald ängstlich von Häuserfassaden herabklettert. Die mit 
ganz glatten Mauern sind Männer^ die aber mit Vorsprüngen und 
Baikonen versehen sind, an welchen man sich anhalten kann, das 
sind Frauen. Die Eltern ersclieinen im Traum als Kaiser und 
Kaiserin, König und Königin oder als andere Respektspersonen j 
der Traum ist also hier sehr pietätsvoll. Minder zärtlich verfährt er 
gegen Kinder und Geschwister^ diese werden als kleine Tiere, 
Ungeziefer symbolisiert. Die Geburt findet fast regelmäßig eine 
Darstellung durch eine Beziehung zum Wasser; entweder man 
stürzt ins ^'^asser oder man steigt aus ihm heraus, man rettet eine 
Person aus dem Wasser oder wird von ihr gerettet, d. h. man hat 
eine mütterliche Beziehung zu ihr. Das Sterben wird im Traum 
durch Abreisen, mit der Eisenbahn Fahren ersetzt, das Tot- 
sein durch verschiedene dunkle, wie zaghafte Andeutungen, die Nackt- 



I 



1 



4 



X. Die Symbolik i/n Traum igg 

heit duich Kleider und Uniformen. Sie sehen, wie hier die Grenzen 
zwischen symbolischer und anspielungsartiger Darstelltmg ver- 
schwimmen. 

Im Vergleich zur Armseligkeit dieser Aufzälilung muB es auffallen, 
daß Objekte und Inhalte eines anderen Kreises durch eine außer- 
ordentlich reichhaltige Symbolik dargestellt werden. Es ist dies der 
Kreis des Sexuallebens, der Genitalien, der Geschlechtsvorgänge, des 
Geschlechtsverkehrs. Die übergroße Mehrzahl der Symbole im Traum 
sind Sexualsymbole. Es stellt sich dabei ein merkwürdiges Mißver- 
hältnis heraus. Der bezeichneten Inhalte sind nur wenige, der Sym- 
bole für sie ungemein viele, so daß jedes dieser Dinge durch zahl- 
reiche, nahezu gleichwertige Syraibole ausgedrückt werden kann. 
Bei der Deutung ergibt sich dann etwas, was allgemein Anstoß er- 
regt. Die Symboldeutungen sind im Gegensatze zur Mannigfaltigkeit 
der Tranmdarstellungeii sehr monoton. Das mißfällt jedem, der davon 
erfährt; aber was ist dagegen zu tun? 

Da es das erstemal ist, daß in dieser Vorlesung von Inhalten des 
Sexuallebens gesprochen wird, bin ich Ihnen Rechenschaft über die 
Art schuldig, wie ich dieses Thema zu behandeln gedenke. Die Psycho- 
analyse findet keinen Anlaß zu Verhüllungen und Andeutungen, hält 
es nicht für nötig, sich der Beschäftigung mit diesem wichtigen Stoff 
zu schämen, meint, es sei korrekt luid anständig, alles bei seinem 
richtigen Namen zu nennen, und hofft, auf solche Weise störende 
Nebengedanken am ehesten ferne zu halten. Daran kann der Um- 
stand, daß man vor einem aus beiden Geschlechtern gemischten Zu- 
hörerkreis spricht, nichts ändern. So wie es keine Wissenschaft in 
usum delphini gibt, so auch keine für Backfischchen, und die Damen 
xmter Ihnen haben durch ihr Erscheinen in diesem Hörsaal zu ver- 
stehen gegeben, daß sie den Männern gleichgestellt werden wollen. 

Für das männliche Genitale also hat der Traum eine Anzahl von 
symbolisch zu nennenden Darstellungen, bei denen das gemehisame 
der Vergleichung meist sehr einleuchtend ist. Vor allem ist für das 
männliche Genitale im ganzen die heilige Zahl 5 symboUsch bedeut- 



156 Forlesnn^eii zur Einf'ührunf^ in die Psychouneilyse 

sam. Der auffälligere und beiden Geschlechtern interessante Bestand- 
teil des Genitales, das männliche Ghed, findet symbolischen Ersatz 
erstens durch Dinge, die ihm in der Form ähnlich, also lang und hoch- 
ragend sind, wie: Stöcke, Schirme, Stangen, Bäume und dgl. 
Femer dui-ch Gegenstände, die die Eigenschaft des Tn-den-Körper- 
Eindringens und Verletzens mit dem Bezeichneten gemein haben, 
also spitzige Waffen jeder Art, Messer, Dolche, Lanzen, 
Säbel, aber ebenso durch Schießwalfen: Gewehre, Pistolen 
und den durch seine Form so sehr dazu tauglichen Revolver. In 
den ängstlichen Träumen der Mädchen spielt die Verfolgung durch 
einen Manu mit einem Messer oder einer Schußwaffe eine große 
Rolle. Es ist dies der vielleicht häufigste Fall der Traumsymbolik, 
den Sie sich nun leicht übersetzen können. Ohne weiteres verständ- 
lich ist auch der Ersatz des männlichen Gliedes durch Gegenstände, 
aus denen Wasser fließt: Wasserhähne, Gießkannen, Spring- 
brunnen, und durch andere Objekte, die einer Verlängerung fähig 
sind, wie Hängelampen, vorschiebbaro Bleistifte usw. Daß 
Bleistifte, Federstiele, Nagelfeilen, Hämmer und andere 
Instrumente unzweifelhafte männliche Sexualsymbole sind, hängt 
mit einer gleichfalls nicht ferne liegenden Auffassung des Organs 
zusammen. 

Die merkwürdige Eigenschaft des Gliedes, sich gegen die Schwer- 
kraft aufrichten zu können, eine Teilerscheinung der Erektion, führt 
zur Symboldarstellung durch Luftballone, Flugmaschinen und 
neuesten Datums durch das Z e p p e 1 i n s c h e L u f t s ch i f f. Der Traum 
kennt aber noch eine andere, weit ausdrucksvollere Art, die Erektion 
zu symbolisieren. Er macht das Geschleclitsglied zum Wesentlichen 
der ganzen Person und läßt diese selbst fliegen. Lassen Sie sich's 
nicht nahe gehen, daß die oft so schönen Flugträume, die wir alle 
kennen, als Träume von allgemeiner sexueller Erregung, als Erektions- 
träume gedeutet werden müssen. Unter den psychoanalytischen 
Forschern hat P. Federn diese Deutung gegen jeden Zweifel sicher- 
gestellt, aber auch der für seine Nüchternheit vielbelobte Mourly 



1 



X Die Symbolik im Traum lerr 

Vold, der jene Traumexperimeute mit künstlichen Stellungen der 
Arme und Beine durchgeführt hat, und der der Psychoanalyse wirk- 
lich ferne stand, vielleicht nichts von ihr wußte, ist durch seine 
Untersuchungen zu demselben Schluß gekommen. Machen Sie auch 
keinen Einwand daraus, daß Frauen dieselben Flugträume haben 
können. Erinnern Sie sich vielmehr daran, daß unsere Träume 
Wunsch erfüllungen sein wollen, und daß der Wunsch, ein Mann zu 
sein, sich bei der Frau so häufig, bewußt oder unbewußt, findet. 
Auch daß es der Frau möglich ist, diesen Wunsch durch dieselben 
Sensationen wie der Mann zu realisieren, wird keinen der Anatomie 
Kundigen irremachen können. Das Weib besitzt in seinen Genitalien 
eben auch ein kleines Glied in der Ähnlichkeit des männlichen, und 
dieses Ideine Glied, die Clitoris, spielt sogar im Kindesalter und im 
Alter vor dem Geschlechtsverkehr die nämliche Rolle wie das große 
Glied des Mannes. 

Zu den weniger gut verständlichen männlichen Sexualsymbolen 
gehören gewisse Reptilien und Fische, vor allem das berühmte 
Symbol der Schlange. Warum Hut und Mantel dieselbe Ver- 
wendung gefunden haben, ist gewiß nicht leicht zu erraten, aber 
deren Symbolbedeutung ist ganz unzweifelhaft. Endlich kann man 
sich noch fragen, ob man den Ersatz des männlichen Gliedes durch 
ein anderes Glied, den Fuß oder die Hand, als einen symbohschen 
bezeichnen darf. Ich glaube, man wird durch den Zusammenhang 
und durch die weiblichen Gegenstücke dazu genötigt. 

Das weibliche Genitale wird symbolisch dargestellt durch alle jene 
Objekte, die seine Eigenschaft teilen, einen Hohlraum einzuschließen, 
der etwas in sich aufnehmen kann. Also durch Schachte, Gruben 
undHöhlen, durch Gefäße und Flaschen, durch Schachteln, 
Dosen, Koffer, Büchsen, Kisten, Taschen usw. Auch das 
Schiff gehört in diese Reihe. Manche Symbole haben mehr Be- 
ziehung auf den Mutterleib als auf das Genitale des Weibes, so: 
Schränke, Öfen und vor allem das Zimmer. Die Zimmer- 
symbülik stößt hier an die Haussymbolik, Türe und Tor werden 



158 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

wiederum zu Symbolen der GenitalÖffnung. Aber auch Stoffe sind 
Symbole des Weibes, das Holz, das P api er, und Gegenstände, die 
aus diesen Stoffen bestehen, wie der Tisch und das Buch. Von 
Tieren sind wenigstens Schnecke und Muschel als unverkenn- 
bare weibhche Symbole anzuführenj von Körperteilen der Mund zur 
Vertretung der Genitalöffnung, von Bauwerken Kirche und Kapelle. 
Wie Sie sehen, sind nicht alle Symbole gleich gut verständlich. 

Zu den Genitalien müssen die Brüste gerechnet werden, die wie 
die größeren Hemisphären des weiblichen Körpers ihre Darstellung 
finden in Äpfeln, Pfirsichen, Früchten überhaupt. Die 
Genitalbehaarung beider Geschlechter beschreibt der Traum als 
Wald und Gebüsch. Die komplizierte Topographie der weiblichen 
Geschlechtsteile macht es begreiflich, daß diese sehr häufig als Land- 
schaft mit Fels, Wald und Wasser dargestellt werden, während der 
imposante Mechanismus des männlichen Geschlechtsapparates dazu 
führt, daß alle Arten von schwer zu beschreibenden komplizierten 
Maschinen Symbole desselben werden. 

Ein erwähnenswertes Symbol des weiblichen Genitales ist noch 
das Schmuckkästchen^ Schmuck und Schatz sind Bezeich- 
nungen der geliebten Person auch im Traume; Süßigkeiten eine 
häufige Darstellung des Geschlechtsgenusses. Die Befriedigung am 
eigenen Genitale wird durch jede Art von Spielen angedeutet, auch 
durch das Klavier spiel. Exquisit symbolische Darstellungen der 
Onanie sind das Gleiten und Rutschen sowie das Abreißen 
eines Astes. Ein besonders merkwürdiges Traumsymbol ist der 
Zahnausfall oder das Zahnausziehen. Es bedeutet sicherlich 
zunächst die Kastration als Bestrafung für die Onanie. Besondere 
Darstellungen für den Verkehr der Geschlechter findet man im 
Traume weniger zahlreich, als man nach den bisherigen Mitteilungen 
erwarten konnte. Rhythmische Tätigkeiten wie Tanzen, Reiten 
und Steigen sind hier zu nennen, auch gewaltsame Erlebnisse wie 
das Überfahrenwerden, Dazu gewisse Hand wer kstätig- 
keiten und natürlich die Bedrohung mit Waffen. 



X. Die Symbolik im Traum igo 

Sie müssen sich die Verwendimg wie die Übersetzung dieser Sym- 
bole nicht ganz einfach vorstellen. Es kommt dabei allerlei vor, was 
unserer Erwartung widerspricht. So scheint es zum Beispiel kaum 
glaublich, daß in diesen symbolischen Darstellungen die Geschlechts- 
unterschiede oft nicht scharf auseinandergehalten werden. Manche 
Symbole bedeuten ein Genitale überhaupt, gleichgültig oh ein männ- 
Uches oder weibhches, z. B. das kleine Kind, der kleine Sohn oder 
die kleine Tochter. Ein andermal kann ein vorwiegend männliches 
Symbol für ein weibliches Genitale gebraucht werden oder um- 
gekehrt. Man versteht das nicht, ehe man Einsicht in die Entwicklung 
der Sexualvorstellungen der Menschen gewonnen hat. In manchen 
Fällen mag diese Zweideutigkeit der Symbole eine nur scheinbare 
seinj die eklatantesten unter den Symbolen wie Waffen, Tasche, 
Kiste sind auch von dieser bisexuellen Verwendung ausgenommen. 

Ich will nun nicht von dem Dargestellten, sondern vom Symbol 
ausgehen, eine Übersicht geben, aus welchen Gebieten die Sexual- 
symbole zumeist entnommen werden, und einige Nachträge anfügen 
mit besonderer Rücksicht auf die Symbole mit unverstandenem 
Gemeinsamen. Solch ein dunkles Symbol ist der Hut, vieUeicht die 
Kopfbedeckung überhaupt, in der Regel mit männlicher Bedeutung, 
doch auch der weiblichen fähig. Ebenso bedeutet der Mantel einen 
Mann, vielleicht nicht immer mit Genitalbeziehung. Es steht Ihnen 
frei, zu fragen, warum. Die herabhängende und vom Weib nicht 
getragene Krawatte ist ein deutlich männliches Symbol. Weiße 
Wäsche, Leinen überhaupt ist weiblich; Kleider, Uniformen 
sind, wie wir schon gehört haben, Ersatz für Nacktheit, Körper- 
formen; der Schuh, Pantoffel, ein weibliches Genitale, Tisch 
und Holz wurden als rätselhafte, aber sicherlich weibliche Symbole 
bereits erwähnt. Leiter, Stiege, Treppe, respektive das Gehen 
auf ihnen, sind sichere Symbole des Geschlechtsverkehres. Bei näherer 
Überlegung wird uns die Rhythmik dieses Gehens als Gemeinsames 
auffallen, vielleicht auch das Anwachsen der Erregung, Atemnot, je 
höher man steigt. 



i6o Vorlesungen zur Kinführung in rlie Psychoannlyse 



Die Landschaft haben wir als Darstellung des weiblichen 
Genitales schon gewürdigt. Berg und Fels sind Symbole des männ- 
lichen Gliedes; der Garten ein häufiges Symbol des weiblichen 
Genitales. Die Frucht steht nicht für das Kind, sondern für die 
Brüste. Wilde Tiere bedeuten sinnlich erregte Menschen, des 
weiteren böse Triebe, Leidenschaften. Blüten und Blumen be- 
zeichnen das Genitale des Weibes oder spezieller die Jungfräulich- 
keit. Sie vergessen nicht, daß die Blüten wirklich die Genitalien der 

Pflanzen sind. 

Das Zimmer kennen wir bereits als Symbol. Die Darstellung 
kann sich hier fortsetzen, indem die Fenster, Ein- und Ausgänge des 
Zimmers die Bedeutung der Körperöffnungen übernehmen. Auch 
das Offen- oder Verschlossensein des Zimmers fügt sich dieser 
Symbohk, und der Schlüssel, der öffnet, ist ein sicheres männ- 
liches Symbol. 

Das wäre nun Material zur Traumsymbolik. Es ist nicht voll- 
ständig und könnte sowohl vertieft als auch verbreitert werden. Aber 
ich meine, es wird Ihnen mehr als genug scheinen, vielleicht Sie 
unwillig machen. Sie werden fragen: Lebe ich also wirklich inmitten 
von Sexualsymbolen? Sind alle Gegenstände, die mich umgeben, alle 
Kleider, die ich anlege, alle Dinge, die ich in die Hand nehme, immer 
wieder Sexualsymbole und nichts anderes? Es gibt wirklich Anlaß 
genug zu verwunderten Fragen, und die erste derselben lautet: Woher 
wir denn eigentlich die Bedeutung dieser Traurasymbole kennen 
sollen, zu denen uns der Träumer selbst keine oder nur unzureichende 
Auskunft gibt? 

Ich antworte: aus sehr verschiedenen Quellen, aus den Märchen und 
Mythen, Schwänken und Witzen, aus dem Folklore, d. i. der Kunde 
von den Sitten, Gebräuchen, Sprüchen und Liedern der Völker, aus 
dem poetischen und dem gemeinen Sprachgebrauch. Überall hier 
findet sich dieselbe Symbolik vor, und an manchen dieser Stellen 
verstehen wir sie ohne weitere Unterweisung. Wenn wir diesen 
Quellen im einzelnen nachgehen, werden wir so viele Parallelen zur 



Traumsymbolik finden, daß wir unserer Deutungen sicher werden 



müssen. 



Der menschliche Leib, sagten wir, findet nach Scherner im 
'l'raum häufig eine Darstellung durch das Symbol des Hauses. In der 
Fortfülirung dieser Darstellung sind dann Fenster, Türen und Tore, 
die Eingänge in die Körperhöhlen, die Fassaden glatt oder mit Balkonon 
und Vorsprüngen zum Anhalten versehen. Dieselbe Symbolik findet 
sich aber in unserem Sprachgebrauch, wenn wir einen gut Bekannten 
vertraulich als „altes Haus" begrüßen, wenn wir davon sprechen, 
einem eins a u f s D a c h 1 zu geben, oder von einem anderen behaupten, 
es sei bei ihm nicht richtig im Oberstübchen. In der Anatomie 
heißen die Körperöffnungen direkt die Leibespforten. 

Daß wir die Eltern im Traume als kaiserliche und königliche 
Paare antreffen, ist ja zunächst überraschend. Aber es findet seine 
Parallele in den Märchen. Dämmert uns nicht die Einsicht, daß die 
vielen Märchen, die anheben; Es war einmal ein König und eine 
Königin, nichts anderes sagen wollen als: Es waren einmal ein 
Vater und eine Mutter? In der Familie heißen wir die Kinder 
scherzhaft Prinzen, den ältesten aber den Kronprinzen. Der König 
..elbst nennt sich Landesvater. Kleine Kinder bezeichnen wir 
scherzhaft als Würmer und sagen mitleidig; das arme Wurm. j 

Kehren wir zur Haussymbolik zurück. Wenn wir die Vorsprünge 
der Häuser im Traume zum Anhalten benützen, mahnt das nicht an 
die bekannte Volksrede auf einen stark entwickelten Busen: Die hat 
etwas zum Anhalten? Das Volk äußert sich in solchem Falle noch 
anders, es sagt: Die hat viel Holz vor dem Haus, als wollte es unserer 
Deutung zu Hilfe kommen, daß Holz ein weibhches, mütterhches 
Symbol ist. 

Zu Holz noch anderes. Wir werden nicht verstehen, wie dieser 
Stoff zur Vertretung des Mütterlichen, Weiblichen, gelangt ist. Da 
mag uns die Sprachvergleichung an die Hand gehen. Unser deut- 
sches Wort Holz soll gleichen Stammes sein wie das griechische lU,;, 
was Stoff, Rohstoff bedeutet. Es würde da der nicht gerade seltene 

Freud, Vn. 



i62 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Fall vorliegen, daß ein allgemeiner Stoffname scliließlich für einen 
besonderen Stoff reserviert worden ist. Nun gibt es eine Insel im 
Ozean, die den Namen Madeira führt. Diesen Namen haben ihr 
die Portugiesen bei der Entdeckung gegeben, weil sie damals über 
und über bewaldet war. Madeira heißt nämlich in der Sprache der 
Portugiesen; Holz. Sie erkennen aber, daß madeira nichts anderes 
ist, alsdas wenig veränderte lateinische Wort materia, das wiederum 
Stoff im allgemeinen bedeutet. Materia ist nun von mat er, Muttei', 
abgeleitet. Der Stoff aus dem etwas besteht, ist gleichsam sein mütter- 
licher Anteil. In dem symbolischen Gebrauch von T-folz für Weib, 
Mutter, lebt also diese alte Auffassung fort. 

Die Geburt wird im Traume regelmäßig durch eine Beziehung 
zum Wasser ausgedrückt; man stürzt ins Wasser odei- kommt aus 
dem Wasser, das heißt: man gebärt oder man wird geboren. Nun 
vergessen wir nicht, daß sich dies Symbol in z\veifacher Weise auf 
entwicklungsgeschichtliche Wahi'heiL berufen kann. Niclit nur, daß 
alle Landsäugetiere, auch die Vorahnen des Menschen, aus Wasser- 
tieren her^^orgegangen sind, — das wäre die ferner liegende Tat- 
sache, - — auch jedes einzelne Säugetier, jeder Mensch, hat die erste 
Phase seiner Existenz im Wasser zugebracht, nämlich als Embryo im 
Fruchtwasser im Leib seiner Mutter gelebt und ist mit der Geburt 
aus dem Wasser gekommen. Ich will nicht behaupten, daß der 
Träiuner dies weiß, dagegen vertrete ich, daß er es nicht zu wissen 
braucht. Etwas anderes weiß der Träumer wahrscheinlich daher, 
daß man es ihm in seiner Kindheit gesagt hat, und selbst dafür will 
ich behaupten, daß ihm dies Wissen nichts zur Symbolbildung bei- 
getragen hat. Mau hat ilim in der Kinderstube erzählt, daß der 
Storch die Kinder bringt, abei- woher holt er sie? Aus dem Teich, 
aus dem Brunnen, also wiederum aus dem Wasser. Einer meiner 
Patienten, dem diese Auskunft gegeben worden w^ar, damals ein 
kleines Gräfleiu, war hernach einen ganzen Nachmittag lang ver- 
schollen. Man fand ihn endlicli am Rande des Schloßleichs liegend, 
das Gesichtchen über den Wasserspiegel gebeugt und eifrig spä- 




X. Die Symbolik im Traum .fi- 

— — - o 



hendj ob er die Kindlein auf dem Grunde des Wassers erschauen 
könnte. 

In den Mythen von der Gebuit des Helden, die O. Rank einer 
vergleichenden Untersuchung unterzogen hat, — der älteste ist der 
des Königs Sargon von Agade, etwa 2800 v.Chr. — spielt die 
Aussetzung ins Wasser und die Rettung aus dem Wasser eine über- 
w^egende Rolle. Rank hat erkannt, daß dies Darstellungen der 
Geburt sind, analog der im Traume üblichen. Wenn mau im Traum 
eine Person aus dem Wasser rettet, macht man sie zu seiner Mutter 
oder zur Mutter schlechtweg^ im Mythus bekennt sich eine Person, 
die ein Kind aus dem Wasser rettet, als die richtige Mutter des 
Kindes. In einem bekannten Scherz wird der intelligente Juden- 
knabe gefragt, wer denn die Mutter des Moses war. Er antwortet 
unbedenklich: die Prinzessin. Aber nein, wird ihm vorgehalten, die 
hat ihn ja nur aus dem Wasser gezogen. So sagt sie, repliziert er 
und beweist damit, daß er die richtige Deutung des Mythus ge- 
funden hat. 

Das Abreisen bedeutet im Traum Sterben. Es ist auch der Brauch 
der Kinderstube, wenn sich das Kind nach dem Verbleib eines Ver- 
storbenen erkundigt, den es vermißt, ihm zu sagen, er sei verreist. 
Wiederum möchte ich dem Glauben widersprechen, daß das Traum- 
symbol von dieser gegen das Kind gebrauchten Ausrede stammt. 
Der Dichter bedient sich derselben Symbolbeziehung, wenn er vom 
Jenseits als vom unentdeckten Land spricht, von dessen Bezirk kein 
Reisender (no t raveller) wiederkehrt. Auch im Alltag ist es uns 
durchaus gebräuchlich, von der letzten Reise zu sprechen. Jeder 
Kenner des alten Ritus weiß, wie ernst z. B. im allägyptischen Glau- 
ben die Vorstellung von einer Reise ins Land des Todes genommen 
wurde. In vielen Exemplaren ist uns das ToLenbuch erhalten, wel- 
ches wie ein Bädeker der Mumie auf diese Reise mitgegeben wurde. 
Seitdem die Begräbnisstätten von den Wohnstätten abgesondert wor- 
den sind, ist ja auch die letzte Reise des Verstorbenen eine Realität 
geworden. 



II« 



i64 Vorlesungen zur Einfährung in die Psychoanalyse 

Ebensowenig ist etwa die Genitalsymbolik etwas, was dem Traume 
allein zukommt. Jeder von Ihnen wird wohl einmal so unhöflich 
gewesen sein, eine Frau eine „alte Schachtel" zu nennen, viel- 
leicht ohne zu wissen, daß er sich dabei eines Genitalsymhols bedient. 
Im Neuen Testament heißt es: Das Weib ist ein schwaches Gefäß. 
Die heiligen Schriften der Juden sind in ihrem dem poetischen so 
angenäherten Stil erfüllt von sexualsyml)olischen Ausdrücken, die 
nicht immer richtig verstanden worden sind, und deren Auslegung 
z. B. im Hohen Lied zu manchen Mißverständnissen geführt hat. In 
der si^äteren hebräischen Literatur ist die Darstellung des Weibes als 
Haus, wobei die Tür die Geschlechtsöffnung vertritt, eine sehr ver- 
breitete. Der Mann beklagt sich z. B. im Falle der fehlenden Jung- 
fräulichkeit, daß er die Tür geöffnet gefunden hat. Auch das 
Symbol Tisch für Weib ist in dieser Literatur bekannt. Die Frau sagt 
von ihrem Manne: Ich ordnete ihm. den Tisch, er aber wendete 
ihn um. Lahme Kinder sollen dadurch entstehen, daß der Mann 
den Tisch umwendet. Ich entnehme diese Belege einer Abhand- 
lung von L. Levy in Brunn: Die Sexualsymbolik der Bibel und 
des Talmuds. 

Daß auch die Schilfe des Traumes Weiber bedeuten, machen uns 
die Etymologen glaubwürdig, die behaupten, Schiff sei ursprünglich 
der Name eines tönernen Gefäßes gewesen und sei dasselbe Wort wie 
Schaff. Daß der Ofen ein Weib und Mutterleib ist, wird uns durch 
die griechische Sage von Periander von Korinth und seiner Frau 
Melissa bestätigt. Als nach Herodots Bericht der Tyrann den 
Schatten seiner heißgeliebten, aber aus I^'ifersucht von ihm ermorde- 
ten Gemahlin beschwor, um eine Auskunft von ihr zu bekommen, 
beglaubigte sich die Tote durch die Mahnung, daß er. Periander, 
sein Brot in einen kalten Ofen geschoben, als Verhüllung 
eines Vorganges, der keiner anderen Person bekannt sein konnte. In 
der von F. S. Krauß herausgegebenen „Anthropophyteia", einem 
unersetzlichen Quellenwerk für alles, was das Gesclilechtsleben der 
Völker betrifft, lesen wir, daß man in einer bestimmten deutschen 





I 



_^_^^^^^^^^^ X. Die Symbolik im Traum ,c, 

L,aadschaft von einer Frau, die entbunden hat, sagt; Der Ofen ist 
bei ihr zusammengebrochen. Die Feuerbereitung und alles 
was mit ihr zusammenhängt, ist auf das innigste von SexualsjmboHk 
durchsetzt. Stets ist die Flamme ein männliches Genitale, und die 
Feuerstelle, der Herd, ein weiblicher Schoß. 

Wenn Sie sich vielleicht darüber verwundert haben, wie häufig 
. Landschaften im Traum zur Darstellung des weiblichen Genitales 
verwendet werden, so lassen Sie sich von den Mythologen belehren, 
welche Rolle Mutter Erde in den Vorstellungen und Kulten der 
alten Zeit gespielt hat, und wie die Auffassung des Ackerbaues von 
dieser Symbolik bestimmt wurde. Daß das Zimmer im Traum ein 
Frauenzimmer vorstellt, werden Sie geneigt sein aus unserem Sprach- 
gebrauch ab7A.leiten, der Frauenzimmer anstatt Frau setzt, also die 
menschliche Person durch die für sie bestimmte Räumlichkeit ver- 
treten werden läßt. So ähnlich sprechen wir von der „Hohen Pforte" 
und meinen damit den Sultan und seine Regierung^ auch der Name 
des altägyptischen Herrschers Pharao bedeutete nichts anderes als 
„großer Hofraum". (Im alten Orient sind die Höfe zwischen den 
Düppeltoren der Stadt Orte der Zusammenkunft wie in der klassischen 
Welt die Marktplätze.) Allein ich meine, diese Ableitung ist eine ■ 
allzu oberflächliche. Es ist mir wahrscheinlicher, daß das Zimmer 
als der den Menschen umschließende Raum zum Symbol des Weibes 
geworden ist. Das Haus kennen wir ja schon in solcher Bedeutung; aus 
der Mythologie und aus dem poetischen Stil dürfen wir Stadt, 
Burg, Schloß, Festung als weitere Symbole für das Weib hin- 
zunehmen. Die Frage wäre an Träumen solcher Personen, die nicht 
Deutsch sprechen, und es nicht verstehen, leicht zu entscheiden. Ich 
habe in den letzten Jahren vorwiegend fremdsprachige Patienten 
behandelt und glaube mich zu erinnern, daß in deren Träumen das 
Zimmer gleichfalls ein Frauenzimmer bedeutete, obwohl sie keinen 
analogen Sprachgebrauch in ihren Sprachen hatten. Rs sind noch 
andere Anzeichen dafür vorhanden, daß die Symbolbeziehuug über 
die Sprachgrenzen hinausgehen kann, was übrigens schon der alte 



l66 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Traumforscher Schubert(i862) behauptet hat. Indes, keiner meiner 
Träumer war des Deutschen völlig unkundig, so daß ich diese Unter- 
scheidung jenen Psychoanalytikern überlassen muß, die in anderen 
Ländern an einsprachigen Personen Erfahrungen sammeln können. 
Unter den Symboldarstellungen des männlichen Genitales ist kaum 
eine die nicht im scherzhaften, vulgären oder im poetischen Spracli- 
gebrauch, zumal bei den altklassischen Dichtern, wiederkehrte. Es 
kommen hierfür aber nicht nur die im Traume auftretenden Sym- 
bole in Betracht, sondern auch neue, z. B. die Werkzeuge verschiedener 
Verrichtungen, in erster Reihe der Pflug. Im übrigen nahen wir 
mit der Symboldarstellung des Männlichen einem sehr ausgedehnten 
und vielumstrittenen Gebiet, von dem wir uns aus ökonomischen 
Motiven fernehalten wollen. Nur dem einen, gleichsam aus der Reihe 
fallenden Symbol der 5 mächte ich einige Bemerkungen widmen. 
Ob diese Zahl nicht etwa ihre Heihgkeit dieser Symbolbeziehung 
verdankt, bleibe dahingestellt. Gesichert scheint aber, daß manche 
in der Natur vorkommende dreiteilige Dinge ihre Verwendung zu 
Wappen und Emblemen von solcher Symbolbedeutung ableiten, z. B. 
das Kleeblatt. Auch die dreiteilige sogenannte französische Lilie und 
das sonderbare Wappen zweier so weit voneinander entfernten Inseln 
wie Sizilien und die Isle of Man, das Triskeles (drei halbgebeugte 
Beine von einem Mittelpunkt ausgehend) sollen nur Umstilisierungen 
eines männlichen Genitales sein. Ebenbilder des männlichen Gliedes 
galten im Altertum als die kräftigsten Abwehrmittel (Apotropaea) 
gegen böse Einflüsse, und es steht im Zusammenhange damit, daß 
die glückbringenden Amulette unserer Zeit sämtlich leichl als Genital- 
oder Sexualsymbole zu erkennen sind. Betrachten wir eine solche 
Sammlung, wie sie etwa in Form kleiner silberner Anhängsel ge- 
tragen wird: ein vierblättriges Kleeblatt, ein Schwein, ein Pilz? ein 
Hufeisen, eine Leiter, ein Rauchfangkehrer. Das vierblätlrige Klee- 
blatt ist an die Stelle des eigentlich zum Symbol geeigneten dreir 
blättrigen getreten; das Schwein ist ein altes Fruchtbarkeitssymbol ^ 
der Pilz ist ein unzweifelhaftes Penissymbol, es gibt Pilze, die ihrer 



X. Die Symbolik im Traum iß-r 

unverkennbaren Ähnlichkeit mit dem männlichen Glied ihren syste- 
matischen Namen verdanken (Phallus impudicus)^ das Hufeisen 
wiederholt den Umriß der weiblichen Geschlechtsöffnung, und der 
Rauchfangkehrer, der die Leiter trägt, taugt iü diese Gemeinschaft, 
weil er eine jener Hantierungen übt, mit denen der Geschlechts- 
verkehr vulgärerweise verglichen wird (S. die Anthropophyteia). 
Seine Leiter haben wir im Traume als Sexualsymbol kennen gelernt^ 
der deutsche Sprachgebrauch kommt uns hier zu Hilfe, der uns zeigt, 
wie das Werl „steigen" in exquisit sexuellem Sinn angewendet wird. 
Man sagt: ,jDen Frauen nachsteigen" und „ein alter Steiger". 
Im Französischen, wo die Stufe h marche heißt, finden w^ir ganz 
analog für einen alten Lebemann den Ausdruck „«//. vieux mar- 
cheur". Daß der Geschlechtsverkehr vieler grußer Tiere ein Steigen, 
Besteigen des Weibchens, zur Voraussetzung bat, ist diesem Zu- 
sammenhang wahrscheinlich nicht fremd. 

Das Abreißen eines Astes als symbolische Darstellung der Onanie 
stimmt nicht nur zu vulgären Bezeichnungen des onanistischen Aktes, 
.sondern hat auch weitgehende mythologische Parallelen. Besonders 
merkwürdig ist aber die Daretellung der Onanie oder besser der 
Strafe dafür, der Kastration, durch Zahnausfall und Zahnausreißen, 
weil sich dazu ein Gegenstück aus der Völkerkunde findet, das den 
wenigsten Träumern bekannt sein dürfte. Es scheint mir nicht 
zweifelhaft, daß die bei so vielen Völkern geübte Beschneidung ein 
Äquivalent und eine Ablösung der Kastration ist. Und nun wird uns 
berichtet, daß in Australien gewisse primitive Stämme die Beschhei- 
dung als Pubertätsritus ausführen (zur Mannbarkeitsfeier der Jugend), 
während andere, ganz nahewohnende, an Stelle dieses Aktes das Aus- 
schlagen eines Zahnes gesetzt haben. 

Ich beende meine Darstellung mit diesen Proben. Es sind nur Pro- 
"benj wir wissen mehr darüber, und Sie mögen sich vorstellen, um 
wie viel reichhaltiger und interessanter eine derartige Sammlung aus- 
fallen würde, die nicht von Dilettanten wie wir, sondern von den 
richtigen Fachleuten in der Mythologie, Anthropologie, Sprachwisseu- 



1 68 yorlesuttgeii zur EinfüJirung in die Psychoanalyse 

schaftj im Folklore angeslelll wäre. Es drangt, uns zu einigeu Folge- 
rungen, die nicht erschöpfend sein können, aber uns viel zu denken 
geben werden. 

Fürs erste sind wir vor die Tatsache gestellt, daß dem Träumer 
die symbolische Ausdrucks weise zu Gebote steht, die er im Wacheu 
nicht kennt und nicht wiedererkennt. Das ist so verwunderlich, wie 
wenn Sie die Entdeckung machen würden, daß Ihr Suibcnmädchen 
Sanski'it versieht, obwohl Sie wissen, daß sie in einem böhmischen 
Dorf geboren ist und es nie gelernt hat. Es ist nicht leicht, diese 
Tatsache mit unseren psychologischen Anschauungen zu bewältigen. 
Wir können nur sagen, die Kenntnis dej- Symbolik Ist dem Träumer 
unbewußt, sie gehört seinem unbewußten Geistesleben an. Wir 
kommen aber auch mit dieser Annahme nicht nach. Bisher hatten 
wir nur notwendig, unbewußte Strebuugen anzunehmen, solche, 
von denen man zeitweilig oder dauernd nichts weiß. Jetzt aber han- 
delt es sich um mehr, geradezu um unbewußte Kenntnisse, um Denk- 
beziehungen, Vergleichungen zwischen verschiedenen Objekten, die 
dazu führen, daß das eine konstant an Stelle des anderen gesetzt 
werden kann. Diese Vergleichungen werden nicht jedesmal neu an- 
gestellt, sondern sie liegen bereit, sie sind ein- für allemal feiljgj das 
geht ja aus ihrer Übereinstimmung bei verschiedenen Personen, ja 
vielleicht Übereinstimmung trotz der Sprachverschiedenheit, hervor. 

Woher soll die Kenntnis dieser Symbolbeziehungen kommen? 
Der Sprachgebranch deckt nur einen kleinen Teil derselben. Die viel- 
fältigen Parallelen aus anderen Gebieten sind dem Träumer zumeist 
unbekannt; auch wir mußten sie erst mühsam zusammensuchen. 

Zweitens sind diese Symbolbeziehungen nichts, was dem Träumer 
oder derTraumarbeiL, durch die sie zum Ausdruck kommen, eigen- 
tümlich wäre. Wir haben ja erfahren, derselben Symbolik bedienen 
sich Mythen und Märchen, das Volk in seinen Sprüchen und Liedern, 
der gemeine Sprachgebrauch und die dichterische Phantasie. Das 
Gebiet der Symbolik ist ein ungemein großes, die Traumsymbolik 
ist nur ein kleiner Teil davon; es ist nicht einmal zweckmäßig, das 



X. Die Symbolik im Traum igg 



ganze Problem vom Traum aus in Angriff zu nehmen. Viele der 
anderswo gebräuchlichen Symbole kommen im Traum nicht oder 
nur sehr selten vorj manche der Traumsymbole finden sich nicht 
auf allen anderen Gebieten wieder, sondern, "wie Sie gesehen haben, 
nur hier oder dort. Man bekommt den Eindruck, daß hier eine alte, 
aber untergegangene Ausdrucksweise vorliegt, von welcher sich auf 
verschiedenen Gebieten Verschiedenes erhalten hat, das eine nur hier, 
das andere nur dort, ein drittes vielleicht in leicht veränderten Formen 
auf mehreren Gebieten. Ich muß hier der Phantasie eines interes- 
santen Geisteskranken gedenken, welcher eine „Grundsprache" 
imaginiert hatte, von welcher all diese Symbol beziehungen dieÜber- 
7'este wären. 

Drittens muß Ihnen auffallen, daß die Symbolik auf den genannten 
anderen Gebieten keineswegs nur Sexualsymbolik ist, während im 
Traume die Symbole fast ausschließend zum Ausdruck sexueller Ob- 
jekte und Beziehungen verwendet werden. Auch das ist nicht leicht 
erklärlich. Sollten ursprünglich sexuell bedeutsame Symbole später 
eine andere Anwendung erhalten haben, und hinge damit etwa noch 
die Abschwächung von der symbolischen zur andersartigen Darstel- 
lung zusammen? Diese Fragen sind offenbar nicht zu beantworten, 
^venn man sich nur mit der Traumsymbolik beschäftigt hat. Man 
darf nur an der Vermutung festhalten, daß eine besonders innige Be- 
ziehung zwischen den richtigen Symbolen und dem Sexuellen besteht. 

Ein wichtiger Fingerzeig ist uns hier in den letzten Jahren ge- 
geben worden. Ein Sprachforscher, H. Sperber (Upsala), der unab- 
hängig von der Psychoanalyse arbeitet, hat die Behauptung aufge- 
stellt, daß sexuelle Eedürliiisse an der Entstehung und Weiterbildung 
der Sprache den größten Anteil gehabt haben. Die anfänglichen 
Sprachlauie haben der Mitteilung gedient und den sexuellen Partner 
herbeigerufen: die weitere Entwicklung der Sprach wurzeln habe die 
Arbeitsverrichtungen der Urmenschen begleitet. Diese Arbeiten seien 
gemeinsame gewesen und unter rhythmisch wiederholten Sprach- 
äußerungen vor sich gegangen. Dabei sei ein sexuelles Interesse auf 



1 70 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

die Arbeit verlegt \\'ordeu. Der Umaensch habe sich gleiclisam die 
Arbeit annehmbar gemacht, indem er sie als Äquivalent und Ersatz 
der Geschlechtstätigkeit behandelte. Das bei der gemeinsamen Arbeit 
hervorgestoßene Wort habe so zwei Bedeutungen gehabt, den Ge- 
schlechtsakt bezeichnet wie die ihm gleichgesetzte Arbeits Lutigkeit. 
Mit der Zeit habe sich das Wort von der sexuellen Bedeutung los- 
gelöst und an diese Arbeit fixiert. Generationen spater sei es mit einem 
neuen Wort, das nun die Sexualbedeutung hatte imd auf eine neue 
Art von Arbeit angewendet wurde, ebenso ergangen. Auf solche 
Weise hätte sich eine Anzahl von Sprachwurzoln gebildet, die alle 
sexueller Herkunft waren und ihre sexuelle Bedeutung abgegeben 
hatten. Wenn die hier skizzierte Aufstellung das Richtige trifft, er- 
öffnet sich uns allei-dings eine Möglichkeit des Verständnisses für die 
Traumsymbolik. Wir würden begreifen, warum es im Traum, der 
etwas von diesen ältesten Verhältnissen bewahrt, so außerordentlich 
viele Symbole für das Geschlechtliche gibt, warum allgemein Waffen . 
und Werkzeuge immer für das Männliche, die Stoffe und das Be- 
arbeitete fürs Weibliche stehen. Die Symbol beziehung wäre der 
Überrest der alten Wortitlentitäti Dinge, die einmal gleich geheißen 
haben wie das Genitale, könnten jetzt im Traum als Symbole für das- 
selbe eintreten. 

Aus unseren Parallelen zur Traumsynibolik können Sie aber auch 
Schätzung für den Charakter der Psychoanalyse gewinnen, der sie 
befähigt, Gegenstand düs allgemeinen Interesses zu werden, wie weder 
die Psychologie noch die Psychiatrie es konnten. Es spinnen sich bei 
der psychoanalytischen Arbeit Beziehungen zu so vielen anderen 
Geisteswissenschaften an, deren Untersucliung die wertvollsten Auf- ., 

Schlüsse verspricht, zur Mythologie wie zur Sprachwissenschaft, zum 
Folklore, zur Völkerpsychologie und zur Religionslehre. Sie werden 
es verständlich finden, daß auf psychoanalytischem Boden eine Zeil- 
schrift erwachsen ist, welche sich die Pflege dieser Beziehungen zur 
ausschließlichen Aufgabe gemacht hat, die 1912 gegründete, von 
Hanns Sachs und Otto Rank geleitete „Image". Tn all diesen Be- 



X. Die Symbolik im Traum ij-i 

Ziehungen ist die Psychoanalyse zunächst der gebende^ weniger der 
empfangende Teil. Sie hat zwar den Vorteil davon, diiß uns ihre 
fremdartigen Ergebnisse durch das Wiederfinden auf anderen Ge- 
bieten vertrauter werden, aber im ganzen ist es die Psychoanalyse, 
welche die technischen Methoden und die Gesichtspunkte beistellt, 
deren Anwendung sich auf jenen anderen Gebieten fruchtbar erweisen 
soll. Das seehsche Leben des menschlichen Einzelwesens ergibt uns 
bei psychoanalytischer Untersuchung die Aufklärungen, mit denen 
wir manches Rätsel im Leben der Menschen massen lösen oder doch 
ins rechte Licht rücken können. 

Übrigens habe ich Ihnen noch gar nicht gesagt, unter welchen 
Umständen wir die tiefste Einsicht in jene supponierte „Grundsprache" 
nehmen können, auf welchem Gebiet am meisten von ihr erhalten 
ist. Solange Sie dies nicht wissen, können Sie auch die ganze Bedeu- 
tung des Gegenstandes nicht würdigen. Dies Gebiet ist nämlich die 
Neurotik, sein Material die Symptome und andere Äußerungen der 
Nervösen, zu deren Aufklärung und Behandlung ja die Psychoanalyse 
geschaffen worden ist. 

Mein vierter Gesichtspunkt kehrt nun ^^ieder zu unserem Aus- 
gang zurück und lenkt in die uns vorgezeichuete Bahn ein. V\^ir 
sagten, auch wenn es keine Traumzensur gäbe, würde der Traum 
uns doch noch nicht leicht verständlich sein, denn dann landen wir 
uns vor der Aufgabe, die Symbolsprache des Traumes in tue unseres 
wachen Denkens zu übersetzen. Die Symbolik ist also ein zweites 
und unabhängiges Moment der Traumenlstellung neben der Traum- 
zensur. Es liegt aber nahe anzunehmen, daß es der Traumzensur 
bequem ist, sich der Symbolik zu bedienen, da diese zu demsel- 
ben Ende, zur Frenidartigkeit und Unverstäudlichkeit des Traumes, 
führt. 

Ob wir bei weiterem Studium des Traumes nicht auf ein neues 
Moment, welches zur Traumentstellung beiträgt, stoßen werden, 
muß sich ja alsbald zeigen. Das Thema der Traumsymbolik möchte 
ich aber nicht verlassen, ohne nochmals das Rätsel zu berühren, daß 



! \ 



~ ffü^gflf;;^£ ^üArüng in die Psychoamilyse '_ 

wo die Verb^ ^^^^ Widerstand bei den Gebildeten stoßen konnte, 

Sprache so unr^^^elhrftt" nf '" ^^'^"^' ""^"«^"^^ ''""' ''*' 
»«Qualität die Schuld dlT^r^'" ""'""" """ ^'"'"^"^ '" 



XI. VORLESUNG 

DIE TRAUMARBEIT 

Meine Damen und Herren! Wenn Sie die Traumzensur und die 
Symboldarstellung bewältigt haben, haben Sie die Traumentstellung 
zwar noch nicht gänzlich überwunden, aber Sie sind doch imstande, 
die meisten Träume zu verstehen. Sie bedienen sich dabei der beiden 
einander ergänzenden Techniken, rufen Einfälle des Träumers auf, 
bis Sie vom Ersatz zum Eigentlichen vorgedrungen sind, und setzen 
für die Symbole deren Bedeutung aus eigener Kenntnis ein. Von 
gewissen Unsicherheiten, die sich dabei ergeben, werden wir später 

handeln. 

Wir können nun eine Arbeit wieder aufnehmen, die wir seinerzeit 
mit unzureichenden Mitteln versuchten, als wir die Beziehungen 
zwischen den Traumelementen und ihren Eigenthchen studierten 
und dabei vier solcher Hauptbeziehungen feststellten, die des Teils 
vom Ganzen, die der Annäherung oder Anspielung, die symbolische 
Beziehung und die plastische Wortdarstellung. Dasselbe wollen wir 
im größeren Maßstabe unternehmen, indem wir den manifesten 
Trauminhalt im ganzen mit dem durch Deutung gefundenen laten- 

ten Traum vergleichen. 

Ich hoffe, Sie werden diese beiden nie wieder mitemander ver- 
wechseln. Wenn Sie das zustande bringen, haben Sie im Verständ- 
nis des Traumes mehr erreicht als wahrscheinlich die meisten Leser 
meiner Traumdeutung". Lassen Sie sich auch noch einmal vor- 



' 



174. Forlesungen zur Einführung in die Psychounalyse 

halten, daß jene Arbeit, welche den latenleu Traum in den mani- 
festen umsetzt, die Traumarbeit heißt. Die iu entgegengesetzter 
Richtung fortschreitende Arbeit, welche vom manifesten Traum zum 
latenten gelangen will, ist unsere D e u t u n g s a r b e i t. Die Deutungs- 
arbeit will die Traumarbeit aufheben. Die als evidente Wunsch- 
erfüllungen erkannten Träume vom infantilen Typus haben doch 
ein Stück der Traumarbeit an sich erfahren, nämiich die Umsetzung 
der Wunschform in die Realität und zumeist auch die der Gedankeu 
in visuelle Bilder, ffier bedarf es keiner Deutung, nur der Rück- 
bildung dieser beiden Umsetzungen. Was bei den anderen Träumen 
anTraumarbeit noch hinzugekommen ist, das heißen wir die Traum- 
entstellung, und diese ist durch unsere Deutungsarbeit rückgängig 

zu machen. 

Durch die Vergleichung vieler Traumdeutungen bin ich in die 
Lage versetzt, Ihnen in zusammenfassender Darstellung anzugeben, 
was die Traumarbeit mit dem Material der latenten Traumgedanken 
macht. Ich bitte Sie aber, davon nicht zuviel verstehen zu wollen. | 

Es ist ein Stück Deskription, welches mit ruliigei- Aufmerksamkeit 
angehört werden soll. 

Die ei'ste Leistung der Traumarbeit ist die Verdichtung. Wir 
verstehen darunter die Tatsache, daß der inanifeste Traum weniger 
Inhalt hat als der laLenLe, also eine An von abgekürzter Übersetzung 
des letzteren ist. Die Verdichtung kann eventuell einmal fehlen, sie 
ist in der Regel vorhanden, sehr häufig enorm, Sie schlägt niemals 
ins Gegenteil um, d. h. es kommt nicht vor, daß der mimifeste Traum 
umfang- und inhaltsreicher ist als der latente. Die Verdichtung kommt 
dadurch zustande, daß i. gewisse latente Elemente überhaupt ausge- 
lassen werden, 2. daß von manchen Komplexen des latenten Traumes 
nur ein Brocken in den manifesten übergeht, 5. daß latente Elemente, 
die etwas Gemeinsames haben, für den manifesten Traum zusammen- 
gelegt, zu einer Einheit verschmolzen werden. 

Wenn Sie wollen, können Sie den Namen „Verdich tung" für diesen 
letzten Vorgang allein reservieren. Seine Effekte sind besonders leicht 



XI, Die Traumarbeit 17g 



zu demonstrieren. Aus ihren eigenen Träumen werden Sie sich mühe- 
los an die Verdichtung verschiedener Personen zu einer einzigen er- 
innern. Eine solche Mischperson sieht etwa aus wie A^ ist aber ge- 
kleidet wie B, tut eine Verrichtung, wie man sie von C erinnert, und 
dabei ist noch ein Wissen, daß es die Person D ist. Durch diese Miscji- 
bildung wird natürhch etwas den vier Personen Gemeinsames beson- 
dershervorgehoben. Kbenso wie ans Personen kann man aus Gegenstän- 
den oder aus Örtlichkeiten eine Mischbildung herstellen, wenn die Be- 
dingung erfüllt ist, daß die einzelnen Gegenstände und Örtlichkeiten 
etwasj was der latente Traum betont^ miteinander gemein haben. 
Es ist das wie eine neue und llüchtige Begriffsbildung mit diesem 
Gemeinsamen als Kern. Durch das Überein anderfallen der mitein- 
ander verdichteten Einzelnen entsieht in der Regel ein unscharfes, 
verschwommenes Bild, so ähnlich, wie wenn Sie mehrere Aufnahmen 
auf die nämliche Pkite bringen. 

Der Traumarbeit muß an der Herstellung solcher Mischbildungen 
viel gelegen sein, denn wir können nachweisen, daß die hierzu erfor- 
derten Gemeinsamkeiten absichtlich hergestellt werden, wo sie zunächst 
vermißt wurden, z. B. durch die Wahl des wörtlichen Ausdrucks für 
einen Gedanken. Wir haben solche Verdichtungen und Mischbii- 
dungen schon kennen gelerntj sie spielten in der Entstehung man- 
cher Fälle von Versprechen eine Rolle. Erinnern Sie sich an den jungen 
Mann, der eineDamebegleitdigen wollte. Außerdem gibt es Witze, 
deren Technik sich auf eine solche Verdichtung zurückführt. Davon 
abgesehen, darf man aber behaupten, daß dieser Vorgang etwas ganz 
Ungewöhnliches und Befremdliches ist. Die Bildung der Mischpersonen 
des Traumes findet zwar Gegenstücke in manchen Schöpfungen un- 
serer Phantasie, die leicht Bestandteile, welche in der Erfahrung nicht 
zusammengehören, zu einer Einheit zusammensetzt, also z. B. in den 
Centauren und Fabeltieren der alten Mythologie oder der Böck- 
linschen Bilder. Die „schöpferische" Phantasie kann ja überhaupt 
nichts erfinden, sondern nur einander fremde Bestandteile zusammen- 
setzen. Aber das Sonderbare an dem Verfahren der Traumarbeit ist 



1 76 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

folgendes: Das Material^, das der Traumarbeit vorliegt, sind ja Ge- 
danken, Gedanken, von denen einige anstößig und unannehmbar 
sein mögen, die aber korrekt gebildet und ausgedrückt sind. Diese 
Gedanken werden durch die Traumarbeit in eine andere Form über- 
geführt und es ist merkwürdig und unverständlich, daß bei dieser 
Übersetzung, Übertragung wie in eine andere Schrift oder Sprache, 
die Mittel der Verschmelzung und Kombination Anwendung finden. 
Eine Übersetzung ist doch sonst bestrebt, die im Text gegebenen 
Sonderungen zu achten und gerade Ähnlichkeiten auseinander zu 
halten. Die Traionarbeit bemüht sich ganz im Gegenteile, zwei ver- 
schiedene Gedanken dadurch zu verdichten, daß sie ähnlich me der 
Witz ein mehrdeutiges Wort heraussucht, in dem sich die beiden Ge- 
danken treffen können. Man muß diesen Zug nicht sofort verstehen 
wollen, aber er kann füi- die Auffassung der Traumarbeit bedeutungs- 
voll werden. 

Obwohl die Verdichtung den Traum undurchsichlig macht, be- 
kommt man doch nicht den Eindruck, daß sie eine Wirkung der 
Traunizensur sei. Eher möchte man sie auf mechanische oder öko- 
nomische Momente zuiückführeuj aber die Zensur findet jedenfalls 
ihre Rechnung dabei. 

Die Leistungen der Verdichtung können ganz außerordentliche 
sein. Mit ihrer Hilfe wird es gelegentlich möglich, zwei ganz ver- 
schiedene latente Gedankengänge in einem manifesten Traum zu 
vereinigen, so daß man eine anscheinend zureichende Deutung eines 
Traumes erhalten und dabei doch eine mögliche Überdeutung über- 
sehen kann. 

Die Verdichtung hat auch für das Verhältnis zwischen dem latenten 
und dem manifesten Traum die Folge, daß keine einfache Beziehung 
zwischen den Elementen hier und dort bestehenbleibt. Ein manifestes j 

Element entspricht gleichzeitig mehreren latenten, und umgekehrt ; 

kann ein latentes Element an mehreren manifesten beteiligl sein, I 

also nach Art einer Verschränkung. Bei der Deutung des Traumes \ 

zeigt es sich auch, daß die Einfälle zu einem einzelnen manifesten ; 



XI, Die 2^raumarbeit i 

^77 



Element nicht der Reihe nach zu kommen brauchen. Man muß oft 
abwarten, bis der ganze Traum gedeutet ist. 

Die Traumarbeit besorgt also eine sehr imgewöhnliche An von 
Transkription der Traumgedanken, nicht eine Übersetzung Wort für 
Wort oder Zeichen für Zeichen, auch nicht eine Auswahl nach be- 
stimmter Regel, wie wenn nur die Konsonanten eines Wortes wieder- 
gegeben, die Vokale aber ausgelassen würden, auch nicht, was man 
eine Vertretung heißen könnte, daß immer ein Element an Stelle 
mehrerer herausgegriffen wird, sondern etwas anderes und weit 
Komphzierteres. 

Die zweite Leistung der Traumnrbeit ist die Verschiebung. Für 
diese haben war zum Glück schon vorgearbeitet; wir wissen ja, sie 
ist ganz das Werk der Truumzensur. Ihre beiden Äußerungen sind 
erstens, daß ein latentes Element nicht durch einen eigenen Bestand- 
teil, sondern durch etwas Entfernteres, also durch eine Anspielung 
ersetzt wird, und zweitens, daß der psychische Akzent von einem 
wichtigen Element auf ein anderes, unwichtiges übergeht, so daß der 
Traum anders zentriert und fremdartig erscheint. 

Die Ersetzung durch eine Anspielung ist auch in unserem wachen 
Denken bekannt, aber es ist ein Unterschied dabei. Im wachen Denken 
muß die Anspielung eine leicht verständliche sein, und der Ersatz 
muß m mhaltlicher Beziehung ^u seinem EigentHchen stehen. Auch 
der Witz bedient sich häufig der Anspielung, er läßt die Bedingung 
der inhaltlichen Assoziation fallen und ersetzt diese durch ungewohnte 
äußerliche Assoziationen wie Gleichklang und Wortvieldeutigkeit u. a. 
Die Bedingung der Verständhchkeit hält er aber fest; der Witz käme 
um jede Wirkung, wenn der Rückweg von der Anspielung zum 
Eigentlichen sich nicht mühelos ergeben würde. Von beiden Ein- 
schränkungen hat sich aber die Verschiebungsanspielung des Traumes 
irei gemacht. Sie hängt durch die äußerlichsten und entlegensten 
Beziehungen mit dem Element, das sie ersetzt, zusammen, ist darum 
unverständlich, und wenn sie rückgängig gemacht wird, macht ihre 
Deutung den Eindruck eines mißratenen Witzes oder einer gewalt- 



Prond, Vn. 



it 



1 



178 Vorlesungen zur Einführung in die Psy choanalyse 

Samen, gezwungenen, an den Haaren herbeigezogenen Auslegung. Die 
Traumzeusur hat eben nur dann ihr Ziel erreicht, wenn es ihr ge- 
lungen ist, den Rückweg von der Anspiekmg zum Eigenthchen unauf- 
findbar zu machen. 

Die Akzentverschiebung ist als Mittel des Gedankenausdrucks un- 
erhört. Wir lassen sie im wachen Denken manchmal zu, um einen 
komischen Effekt zu erzielen. Den Eindruck der Verirrung, den sie 
macht, kann ich etwa bei Ihnen hervorrufen, wenn ich Sie an die 
Anekdote erinnere, daB es in einem Dorf einen Schmied gab, der sich 
einestodeswürdigenVerbrechensschuldiggemachthatte. Der Gerichts- 
hof beschloß, daß die Schuld gesühnt werde, aber da der Schmied 
allein im Dorfe und unentbehrlich war, dagegen drei Schneider im 
Dürfe wohnten, wurde einer dieser drei an seiner Statt gehängt. 

Die dritte Leistung derTrauniarbeit ist die psychologisch interessan- 
teste. Sie besteht in der Umsetzung von Gedanken in visuelle Bilder. 
Hallen wir fest, daß nicht alles in den Traumgedanken diese Umsetzung 
erlährt; manches behält seine Form und erscheint auch im manifesten 
Traum als Gedanke oder als Wissen; auch sind visuelle Bilder nicht 
die einzige Form, in welche die Gedanken umgesetzt werden. Aber 
sie sind doch das Wesentliche an der Traumbildung^ dieses Stück der 
Traumarbeit ist das zweitkonstanteste, wie wir schon wissen, und füj- 
einzelne Traumelemente haben wir die „plastische Wortdarstelkmg 
bereits kennen gelernt. 

Es ist klar, daß diese Leistung keine leichte ist. Um sich einen 
Begriff von ihren Schwierigkeiten zu machen, müssen Sie sich vor- 
stellen, Sie hätten die Aufgabe übernommen, einen politischen Leit- 
artikel einer Zeitung durch eine Reihe von Illustrationen zu ersetzen, 
Sie wären also von der Buchstabenschrift zur Bilderschrift zurück- 
geworfen. Was in diesem Artikel von Personen und konkreten Gegen- 
ständen genannt wird, das werden Sie leicht und vielleicht selbst mit 
Vorteil durch Bilder ersetzen, aber die Schwierigkeiten erwarten Sie 
bei der Darstellung aller abstrakten Worte und aller Redeteile, die 
Denkbeziehungen anzeigen wie der Partikeln, Konjunktionen u. dgl. 



XI. Die Traumarbeit j-« 



Bei den abstrakten Worten werden Sie sich durch allerlei Kunstgriffe 
helfen können. Sie werden z. B. bemüht sein, den Text des Artikels 
in anderen Wortlaut umzusetzen, der vielleicht ungewohnter klingt, 
aber mehr konkrete und dei- Darstellung fähige Bestandteile enthält. 
Dann werden Sie sich erinnern, daß die meisten abstrakten Worte 
abgeblaßte konkrete sind, und werden darum, so oft Sie können, auf 
die ursprüngliche konkrete Bedeutung dieser Worte zurückgreifen. 
Sie werden also froh sein, daß Sie ein „Besitzen" eines Objekts als 
ein wirkliches körperhches Daraufsitzen darstellen können. So macht 
es auch die Traumarbeit. Große Anspmche an die Genauigkeit der 
Darstellung werden Sie imter solchen Umständen kaum machen 
können. Sie werden es also auch der Trauraarbeit hingehen lassen, 
daß sie z. B. ein so schwer bildlich zu bewältigendes Element wie 
Ehebruch durch einen anderen Bruch, einen Beinbruch, ersetzt.' Auf 

1) Der ZufaU führt mir walirend der Korrektur dieser Bogen eine Zeilungsnotiz 2u 
die ich als unerwartete Erläuterung zu den obigen Sätzen hier abdrucke- 

„DIE STRAFE GOTTES. (Armhrt.ch für Ehebruch.) Frau Anna M„ die Gattin 
emes Landsturmers, verklagte Frau Klementine K. wegen £h e b r u c h c s . In der Klage heißt 
es, daß die K mit Karl M. ein strafbares Verhältnis gepflogen habe, wahrend ihr eigener 
Mann im Felde steht, von wo er ihr sogar siebzig Kronen monatlich schickt. Die K. habe 
von dem Gatten der Klägerin schau ziemlich viel Geld erhalten, während sie mit ihrem 
Kinde m Hunger und Elend leben müsse. Kameraden ihres Mannes hatten ihr hinter- 
bracht daß die K. mit M. Weinstuben besucht und dort bis in die späte Nacht hinein- 
gezecht habe. Emmal habe che Angeklagte den Manu der Klägerin vor mehreren Infante- 
risten sogar gefragt, ob er sich denn nicht von seiner „Alten" schon bald scheiden lasse, 
um zu ihr an ziehen. Auch die Hausbesorgerin der K. habe den Mann der Klägerin wieder- 
holt im tiefsten Negligee in der Wohnung der K. gesehen. 

Die K. leugnete gestern vor einem Richter der Leopoldstadt, den M. zu kennen, von 
intimen Beziehungen könne schon gar keine Rede sein. 

Die Zeugin Albertine M. gab jedoch an, daß die K. den Gatten der Klägerin geküßt 
habe luid dabei von ihr überrascht iviirde. 

Der schon in einer früheren Verhandlung als Zeuge vernommene M. hatte damals die 
mtimen Beziehungen zur Angeklagten in Abrede geslellt. Gestern lag dem Richter ein 
Brief vor, worin der Zeuge seine in der ersten Verhandlung gemachten Aussagen wider- 
rief und zugibt, bis vorigen Juni mit der K. ein Liebesverhältnis unterhalten au haben. 
Er habe in der früheren Verhandlung seine Beziehungen zur Beschuldigten bloO deswegen 
m Abrede gestellt, weil diese vor der Verhandlung bei ihm erschienen sei und ihn knie- 
fällig gebeten habe, er möge sie doch retten und nichts aussagen. „Heute" — schrieb 
der Zeuge — „ruhle ich mich dazu gedrängt, dem Gerichte ein volles Geständnis abzu- 
legen, daich meinen linken Arm gebrocheuhabeund mir diesalseine Straf e Gottes 
für mein Vergehen erscheint." 

Der Richter stellte fest, daß die strafbare Handlung bereits verjährt ist, worauf die 
Klägerin ihre Klage zurückzog und der Freispruch der Angeklagten erfolgte. 



12» 



1 8o Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

solche Weise werden Sie es dazu bringen, die Ungeschicklichkeiten 
der Bilderschrift, wenn sie die Buchstabenschrift ersetzen soll, einiger- 
maßen auszugleichen. 

Bei der Darstellung der Redeteile, welche Denki-elationen anzeigen, 
des weil darum, aber" usw., haben Sie keine derartigen Hilfsmittel; 
diese Bestandteile des Textes werden also für ihre Umsetzung in Bilder 
verloren gehen. Ebenso wird durch die Traumarbeit der Inhalt der 
Traumgedanken in sein Rohmaterial von Obiekten und Tätigkeiten 
aufgelöst. Sie können zufrieden sein, wenn sich Ihnen die Möglich- 
keit ergibt, gewisse an sich nicht darstellbare RelaLionen in der fei- 
neren Ausprägung der Bilder irgendwie anzudeuten. Ganz so geUngt 
es der Traumarbeit, manches vom Inhalt der latenten Traumgedanken 
informalen Eigentümlichkeiten des manifestenTraumesauszudrücken, 
in der Klarheit oder Dunkelheit desselben, in seiner Zerteiluug in 
mehrere Stücke u. ä. Die Anzahl der Partialträume, in welche ein 
Traum zerlegt ist, korrespondiert in der Regel mit der Anzahl der 
Hauptthemen, der Gedankenreihen im latenten Traum; ein kurzer 
Vortraum steht zum nachfolgenden ausführlichen Haupttraum oft 
in der Beziehung einer Einleitung oder einer Motivierung^ ein Neben- 
satz in den Traumgedanken wird durcli einen eingeschalteten Szenen- 
wechsel im manifesten Traum ersetzt usw. Die Form der Traume 
ist also an sich keineswegs bedeutungslos und fordert selbst zur Deu- 
tung heraus. Mehrfache Träume derselben Nacht haben oft die näm- 
hche Bedeutung und zeigen die Bemühung an, einen Reiz von an- 
steigender Dringlichkeit immer besser zu bewältigen. Im einzelnen 
Traum selbst kann ein besonders schwieriges Element eine Darstellung 
durch „Doubletten", mehrfache Symbole, finden. 

Bei fortgesetzten Vergleichungen der Traumgedanken mit den sie 
ersetzenden manifesten Träumen erfahren wir allerlei, worauf wir 
nicht vorbereitet sein konnten, z. B. daß auch der Unsinn und die 
Absurdität der Träume ihre Bedeutung haben. Ja, in diesem Punkte 
spitzt sich der Gegensatz der medizinischen und derpsychoaualytischen 
Auffassung des Traumes zu einer sonst nicht erreichten Schärfe zu. 



_ 



XI. Die Traumarheit ,6, 



Nach ersterer ist der Traum unsinnig, weil die träumende Seelen- 
tätigkeit jede Kritik eingebüßt hat; nach unserer dagegen wird der 
Traum dann unsinnig, wenn eine in den Traumgedanken enthaltene 
Kritikj das Urteil „es ist unsinnig", zur Darstellung gebracht werden 
soll. Der Ihnen bekannte Traum vom Theaterbesuch (drei Karten 
für 1 fl. 50 kr.) ist ein gutes Beispiel dafür. Das so ausgedrückte Ur- 
teil lautet: Es war ein Unsinn, so früh zu heiraten. 

Ebenso erfahren wir bei der Deutungsarbeit, was den so häufig 
vom Träumer mitgeteilten Zweifeln und Unsicherheiten entspricht, 
ob ein gewisses Element im Travune vorgekommen, ob es dies oder 
nicht vielmehr etwas anderes gewesen sei. Diesen Zweifeln und Un- 
sicherheiten entspricht in der Regel in den latenten Traumgedanken 
nichts; sie rühren durchwegs von der Wirkung der Traumzensur her 
und sind einer versuchten, nicht voll gelungenen Ausmerzung gleich- 
zusetzen. 

Zu den überraschendsten Funden gehört die Art, wie die Traum- 
arheit Gegensätzlichkeiten des latenten Traumes behandelt. Wir wissen 
schon, daß Übereinstimmungen im latenten Material durch Verdich- 
tungen im manifesten Traum ersetzt werden. Nun, Gegensätze werden 
ebenso behandelt wie Übereinstimmungen, mit besonderer Vorliebe 
durch das nämliche manifeste Element ausgedrückt. Ein Element im 
manifesten Traum, welches eines Gegensatzes fähig ist, kann also eben- 
sowohl sich selbst bedeuten wie seinen Gegensatz oder beides zugleich^ 
erst der Sinn kann darüber entscheiden, welche Übersetzung zu wäh- 
leuist. Damithängt esdanuzusammen, daß eineDarstellungdes „Nein" 
im Traume nicht zu finden ist, wenigstens keine unzweideutige. 

Eine willkommene Analogie für dies befremdende Benehmen der 
Traumarbeit hat uns die Sprachentwicklung geliefert. Manche 
Sprachforscher haben die Behauptung aufgestellt, daß in den ältesten 
Sprachen Gegensätze wie stark^schwach, licht — dunkel, groß — klein 
durch das nämhche Wurzelwort ausgedrückt wurden. („Der Gegen- 
sinn der Urworte".) So hieß im Altägyptischen ken ursprünglich 
stark und schwach. In der Rede schützte man sich vor Mißvei-ständ- 



l8a forlesufißen zur Einführung in die Psychoanalyse 

nissen beim Gebrauch so ambivalenter AVorte durch den Ton und 
die beigefügte Geste^ in der Schrift durch die Ilinzufügung eines so- 
genannten Determinativs, d. h. eines Bildes, das selbst nicht zur Aus- 
sprache bestimmt war. Ken — stark wurde also geschrieben, indem 
nach den Buchstahenzeichen das Bild eines aufrechten Männchens 
hingesetzt wurde; wenn ken — schwach gemeint war, so folgte das 
Bild eines nachlässig hockenden Mannes nach. Erst später wurden 
durch leichte Modifikationen des gleichlautenden Urwortes zwei Be- 
zeichnungen für die darin enthaltenen Gegensätze gewonnen. So 
entstand aus ken stark — schwach, ein ken stark und ein kan schwach. 
Nicht nur die ältesten Sprachen in ihren letzten Entwicklungen, son- 
dern auch weit jüngere und selbst heute noch lebende Sprachen 
sollen reichlich Überreste dieses alten Gegensinnes bewahrt haben. 
Ich will Ihnen einige Belege hierfür nach K. Abel (1884) mit- 
teilen. 

Im Lateinischen sind solche immer noch ambivalente Worte: altus 
(hoch — tief) und sacer (heilig — verrucht). 

Als Beispiele für Modifikationen derselben Wurzel erwähne ich: 
clamare — schreien, dam — leise, still, geheim; siccus — trocken, 
succus — - Saft. Dazu aus dem Deutschen: Stimme — stumm. 

Bezieht man verwandte Sprachen aufeinander, so ergeben sich 
reichliche Beispiele. Englisch lock — schließen; deutsch: Loch, Lücke. 
Englisch: cleave — spalten; deutsch: kleben. 

Das englische without eigentlich mit— ohne wird heute für ohne 
verwendet; daß with außer seiner zuteilenden auch eine entziehende 
Bedeutung hatte, geht noch aus den Zusammensetzungen withdraw — 
withhold hervor. Ähnlich das deutsche wieder. 

Noch eine andere Eigentümlichkeit der Traumarbeit findet in der 
Sprachentwicklung ihr Gegenstück. In der altägyptischen kam es wie 
in anderen späteren Sprachen vor, daß die Lautfolge der Worte für 
denselben Sinn umgekehrt wurde. Solche Beispiele zwischen dem Eng- 
lischen und dem Deutschen sind; Topf — pot; boat — tub^ hurry 
(eilen) — Ruhc^ Balken — Kloben, club; wait (warten) — täuwen. 



XI. Die Traumarheit i8g 



Zwischen dem Lateinischen und dem Deutschen: capere — packen} 
ren — Niere. 

Solche Umkehrungen, wie sie hier am einzelnen Wort genommen 
werden, kommen durch die Traumarbeit in verschiedener Weise zu- 
stande. Die Umkehrung des Sinnes, Ersetzung durch das Gegenteil, 
kennen wir bereits. Außerdem finden sich in Träumen Umkehrungen 
der Situation, der Beziehung zwischen zwei Personen, also wie in der 
„verkehrten Welt". Im Traum schießt häufig genug der Hase auf den 
Jäger. Ferner Umkehrung in der Reihenfolge der Begebenheiten, so 
daß die kausal vorangehende der ihr nachfolgenden im Traume nach- 
gesetzt wird. Das ist dann wie in der Aufführung eines Stückes in 
einer schlechten Schmiere, wo zuerst der Held hinfällt und erst nach- 
her aus der Kulisse dei' Schuß abgefeuert wird, der ihn tötet. Oder 
es gibt Träume, in denen die ganze Ordnung der Elemente verkehrt 
ist, so daß man in der Deutung ihr letztes zuerst und ihr erstes zu- 
letzt nehmen muß, um einen Sinn herauszubekommen. Sie erinnern 
sich auch aus unseren Studien über die Traumsymbolik, daß ins 
Wasser gelien oder fallen dasselbe bedeutet wie aus dem Wasser 
kommen, nämlich gebären oder geboren werden, und daß eine Treppe, 
Leiter, hinaufsteigen dasselbe ist wie sie heruntergehen. Es ist unver- 
kennbar, welchen Vorteil die Traumentstellung aus solcher Darstel- 
lungsfreiheit ziehen kann. 

DieseZügederTraumarbeit darf man als archaische bezeichnen. 
Sie haften ebenso den alten Ausdruckssy steinen, Sprachen und Schrif- 
ten au, und bringen dieselben Ei-schweruugen mit sich, von denen 
in einem kritischen Zusammenhange noch die Rede sein wird. 

Nun noch einige andere Gesichtspunkte. Bei der Traumarbeit 
handelt es sich offenbar dai-um, die in Worte gefaßten latenten Ge- 
danken in sinnliche Bilder, meist visueller Natur, umzusetzen. Nun 
sind unsere Gedanken aus solchen Sinnesbildern hervorgegangen j 
ihr erstes Material und ihre Vorstufen waren Sinneseindrücke, rich- 
tiger gesagt, die Erinnerungsbilder von solchen. An diese wurden 
erst später Worte geknüpft und diese dann zu Gedanken verbunden. 



184 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Die Traumarbeit läßt also die Gedanken eine regressive Behand- 
lung erfahreUj macht deren Entwicklung rückgängig, und bei dieser 
Regression muß all das wegiallen, was bei der Fortentwicklung der 
Erinnerungsbilder zu Gedanken als neuer Erwerb dazugekommen ist. 

Dies wäre also die Traumarbeit. Gegen die Vorgänge, die wir bei 
ihr kennengelernt haben, mußte das Interesse am manifesten Traum 
weit zurücktreten. Ich will aber diesem letzteren, der doch das einzige 
uns unmittelbar bekannte ist, noch einige Bemerkungen widmen. 

Es ist natürlich, daß der manifesLe Traum für uns an Bedeutung 
verliert. Es muß uns gleichgültig erscheinen, ob er gut komponierl. 
oder in eine Reihe von Einzelbildern ohne Zusammenhang aufgelöst 
ist. Selbst wenn er eine anscheinend sinnvolle Außenseite hat, wissen 
wir doch, daß diese durch Traumentstellung entstanden sein und 
zum inneren Gehalt des Traumes so wenig organische Beziehung 
haben kann wie die Fassade einer italienischen Kirche zu deren Struk- 
tur und Grundriß. Andere Male hat auch diese Fassade des Traumes 
ihre Bedeutung, indem sie einen wichtigen Bestandteil der latenten 
Traumgedanken wenig oder gar nicht entstell t wiederbringt. Aber 
wir können das nicht wissen, ehe wir den Traum der Deutung unter- 
zogen und dadurch ein Urteil gewonnen haben, welches Maß von 
Entstellung Platz gegriffen hat. Ein ähnlicher Zweifel gilt für den 
Fall, daß zwei Elemente im Traum in nahe Beziehung zueinander 
gebracht scheinen. Es kann darin ein wertvoller Wink eathalten 
sein, daß man auch das diesen Elementen im latenten Traum Ent- 
sprechende zusammenfügen darf, aber andere Male kann man sich 
überzeugen, daß, was in Gedanken zusammengehört, im Traum aus- 
einandergerissen worden ist. 

Im allgemeinen muß man sich dessen enthalten, einen Teil des 
manifesten Traumes aus einem anderen erklären zu wollen, als ob 
der Traum kohärent konzipiert und eine pragmatische Darstellung 
wäre. Er ist vielmehr zumeist einem Brecciagestein vergleichbar, 
aus verschiedenen Gesteinsbrocken mit Hilfe eines Bindemittels her- 
gestellt, so daß die Zeichnungen, die sich dabei ergeben, nicht den 



XI. Die Traumarheit ig« 



ursprünglicilen Gesteinseinschlüssen angehören. Es gibt wirklich ein 
Stück der Traumarbeit, die sogenannte Sekunda reBearbeitung, 
dem daran gelegen ist, aus den nächsten Ergebnissen der Traumar- 
heit etwas Ganzes, ungefähr Zusammenpassendes herzustellen. Dabei 
wird das Material nach einem oft ganz mißverständlichen Sinn an- 
geordnet und^ wo es nötig scheint, Einschübe vorgenommen. 

Anderseits darf man auch die Trauniarbeit nicht überschätzen, ihr 
nicht zuviel zutrauen. Mit den aufgezählten Leistungen ist ihre 
Tätigkeil erschöpft^ mehr als verdichten, verschieben, plastisch dar- 
stellen und das Ganze dann einer sekundären Bearbeitung unter- 
ziehen, kann sie nicht. Was sich im Traum von Urteilsäußerungen, 
von Kritik, Verwunderung, Folgerung findet, das sind nicht Lei- 
stungen der Traumarheit, niu- sehr selten Äußerungen des Nach- 
denkens über den Traum, sondern zumeist Stücke der latenten Traum - 
gedanken, die mehr oder weniger modiiiziert und dem Zusammen- 
hange angepaßt in den manifesten Traum übergetreten sind. Auch 
Reden komponieren kann die Traumarbeit nicht. Bis auf wenige an- 
gebbare Ausnahmen sind die Traumreden Nachbildungen und Zu- 
sammensetzungen von Reden, die man am Traumtag gehört oder 
selbst gehalten hat, und die als Material oder als Traumanreger in 
die latenten Gedanken eingetragen worden sind. Ebensowenig kann 
die Traumarbeit Rechnungen anstellen; was sich davon im mani- 
festen Traum findet, sind zumeist Zusammenstellungen von Zahlen, 
Scheinrechniuigen, als Rechnungen ganz unsinnig und wiederum 
nur Kopien von Rechnungen in den latenten Traumgedanken. Bei 
diesen Verhältnissen ist es auch nicht zu verwundern, daß das In- 
teresse, welches sich der Traumarbeit zugewendet hai, bald von ihr 
weg zu den latenten Traumgedanken strebt, die sich mehr oder we- 
niger entstellt durch den mauifesLen Traum verraten. Es ist aber 
nicht zu rechtfertigen, wenn dieser Wandel so weit geht, daß man 
in der theoretischen Betrachtung die latenten Traumgedanken an 
Stelle des Ti-aumes überhaupt setzt und von letzterem etwas aussagt, 
was nur für die ersteren gelten kann. Es Ist sondei'bar, daß die Er- 



1 86 Vorlesungen zur Einfülirung in die Psychoanalyse 



gebnisse der Psychoanalyse für eine solche Verwechslung mißbraucht 
werden konnten. „Traum" kann man nichts anderes nennen als das 
Ergebnis der Traumarbeit, d. h. also die Form, in welche die laten- 
ten Gedanken durch die Traumarbeit überführt worden sind. 

Die Traumarbeit ist ein Vorgang ganz singulärer Art, dessen- 
gleichen bisher im Seelenleben nicht bekannt geworden ist. Derartige 
Verdichtungen, Verschiebungen, regressive Umsetzungen von Ge- 
danken in Bilder sind Neuheiten, deren Erkenntnis die psychoanaly- 
tischen Bemühungen bereits reichlich entlohnt. Sie entnehmen auch 
wiederum aus den Parallelen zur Traumarbeit, welche Zusammen- 
hänge der psychoanalytischen Studien mit anderen Gebieten, speziell 
mit der Sprach- und Denkenlwicklung, aufgedeckt werden. Die 
weitere Bedeutung dieser Einsichten können Sie erst ahnen, wenn 
Sie erfahren, daß die Mechanismen der Traumbildung vorbildlich 
für die Entstehungsweise der neurotischen Symptome sind. 

Ich weiß auch, daß wir den ganzen Neuerwerb, der aus diesen 
Arbeiten für die Psychologie resultiert, noch nicht übersehen können. 
Wir wollen nur darauf hinweisen, welche neuen Beweise sich für 
die Existenz unbewußter seelischer Akte — das sind ja die latenten 
Traumgedanken — ergeben haben, und wie uns die Traumdeutung 
einen ungeahnt breiten Zugang zur Kenntnis des unbewußten Seelen- 
lebens verspricht. 

Nun wird es aber wohl an der Zeit sein, daß ich Ihnen an ver- 
schiedenen kleinen Traumbeispielen einzeln vorführe worauf ich 
Sie im Zusammenhange vorbereitet habe. 



XII. VORLESUNG 

ANALYSEN VON TRAUMBEISPIELEN 

Meine Damen und Herren ! Seien Sie niin nicht enttäuscht, wenn 
ich Ihnen wiederum Bruchstücke von Traumdeutungen vorlege, 
anstatt Sie zur Teilnahme an der Deutung eines schönen großen 
Traumes einzuladen. Sie werden sagen, nach so vielen Vorbereitungen 
hätten Sie ein Recht darauf, und werden Ilirer Überzeugung Aus- 
druck geben, daß es nach gelungener Deutung von soviel tausend 
Träumen längst hätte möglich werden müssen, eine Sammlung von 
ausgezeichneten Traumbeispielen zusammenzutragen, an welcher sich 
alle unsere Behauptungen über Traumarbeit und Traumgedanken 
demonstrieren ließen. Ja, aber der Schwierigkeiten, welche der Er- 
füllung Ihres Wunsches im Wege stehen, sind zu viele. 

Vor allem muß ich Ihnen gestehen, daß es niemand gibt, der die 
Traumdeutung als seine Hauptbeschäftigung betreibt. Wann kommt 
man denn dazu, Träume zu deuten? Gelegentlich kann man sich 
ohne besondere Absicht mit den Träumen einer befreundeten Person 
beschäftigen, oder man arbeitet eine Zeitlang seine eigenen Träume 
durch, um sich für psychoanalytische Arbeit zu schulen^ zumeist hat 
man es aber mit den Träumen nervöser Personen zu tun, die in ana- 
lytischer Behandlung stehen. Diese letzteren Träume sind ausgezeich- 
netes Material und stehen in keiner Weise hinter denen Gesunder 
zurück, aber man ist durch die Technik der Behandlung genötigt, die 
Traumdeutung den theiapeutischen Absichten unterzuordnen und 



^88 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



eine ganze Anzahl von Träumen stehen zu lassen, nachdem man 
ihnen etwas für die Behandlung Brauchbares entnommen hat. Manche 
Träume, die in den Kuren vorfallen, entziehen sich überhaupt einer 
vollständigen Deutung. Da sie aus der Gesamtmenge des uns noch 
unbekannten psychischen Materials erwachsen sind, wird ihr Ver- 
ständnis erst nach Abschluß der Kur möglich. Die Mitteilung solcher 
Träume würde auch die Aufdeckung aller Geheimnisse einer Neurose 
notwendig machen; das geht also nicht bei uns, die wir den Traum 
als Vorbereitung für das Studium der Neurosen in Angriff genommen 
haben. 

Nun würden Sie gerne auf dieses Material verzichten und wollten 
lieber Träume von gesunden Menschen oder eigene Träume erläutert 
hören. Das geht aber wegen des Inhalts dieser Träume nicht an. Man 
kann weder sich selbst noch einen anderen, dessen Vertrauen man 
in Anspruch genommen hat, so rücksichtslos bloßstellen, wie es die 
eingehende Deutung seiner Träume mit sich bräcllte, die, wie Sie 
bereits wissen, das Intimste seiner Persönhchkeit betreffen. Außer 
dieser Schwierigkeit der Materialbeschaffung kommt für die Mit- 
teilung eine andere in Betracht. Sie wissen, der Traum erscheint dem 
Träumer selbst fremdartig, geschweige demi einem anderen, dem 
die Person des Träumers unbekannt ist. Unsere Literatur ist nicht 
arm an guten und ausführlichen Traumanalysen; ich selbst habe 
einige im Rahmen von Krankongeschichten veröffentlicht; vielleicht 
das schönste Beispiel einer Traumdeutung ist das von O. Rank mit- 
geteilte, zwei aufeinander bezüghche Träume eines jungen Mädchens, 
die im Druck etwa zwei Seiten einnehmen; die Analyse dazu um- 
faßt aber 76 Seiten. Ich brauchte etwa ein ganzes Semester, um Sie 
durch eine solche Arbeit hindurch zu geleiten. Wenn man irgend 
einen längeren und stärker entstellten Traum vornimmt, so muß 
man soviel Aufklärungen dazugeben, soviel Material von Einfällen 
und Erinnerungen heranziehen, auf so viele Seitenwege eingehen, 
daß ein Vortrag darüber ganz unübersichtlich und unbefriedigend 
ausfallen würde. Ich muß Sie also bitten, sich mit dem zu begnügen, 



XII. Analysen von Traumheispieleii 189 

was leichter zu haben ist, mit der Mitteilung von kleinen Stücken 
aus Träumen von neiirotischen Personen, an denen man dies oder 
jenes isoliert erkennen kann. Am leichtesten lassen sich die Traum-r 
Symbole demonstrieren^ dann noch gewisse Eigentümlichkeiten der 
regressiven Traumdarstellung. Ich werde Ihnen von jedem der nun 
folgenden Träume angeben, weshalb ich ihn für mitteilenswert er- 
achtet habe. 

1) Ein Traum besteht nur aus zwei, kurzen Bildern: Sein Onkel 
raucht eine Zigarette, obwohl es Samstag ist, — Eine Frau streichelt 
und liebkost ihn wie ihr Kind. 

Zum ersten Bild bemerkt der Träumer (Jude)^ sein Onkel sei ein 
frommer Mann, der etwas derart Sündhaftes nie getan hat und nie 
tun würde. Zur Frau im zweiten Bild fällt ihm nichts anderes ein als 
seine Mutter. Diese beiden Bilder oder Gedanken sind offenbar in 
Beziehung zueinander zu setzen. Aber wie? Da er die Realität für das 
Tun des Onkels ausdrücklich abgestritten hat, so liegt es nahe, ein 
„Wenn" einzufügen. „Wenn mein Onkel, der heilige Mann, am 
Samstag eine Zigarette rauchen würde, dann dürfte ich mich auch 
von der Mutter liebkosen lassen." Das heißt offenbar, das Kosen mit 
der Mutter sei auch etwas Unerlaubtes wie das Rauchen am Sams- 
tag für den frommen Juden. Sie erinnern sich, daß ich Ihnen sagte, 
bei der Traumarbeit fielen alle Relationen zwischen den Traum- 
gedanken weg; diese werden in ihr Rohmaterial aufgelöst, und es ist 
Aufgabe der Deutung, die weggelassenen Beziehungen wieder einzu- 
setzen. 

2) Durch meine Veröffentlichungen über den Traum bin ich in 
gewisser Hinsicht öffentlicher Konsulent für Traumangelegenheiten 
geworden und erhalte seit vielen Jahren Zuschriften von den ver- 
schiedensten Seiten, in denen mir Träume mitgeteilt oder zur Beur- 
teilung vorgelegt werden. Ich bin natürlich allen jenen dankbar, die 
zum Traum soviel Material hinzufügen, daß eine Deutung möglich 
vvird, oder die selbst eine solche Deutung geben. In diese Kategorie 
gehört nun der folgende Traum eines Mediziners aus München vom 



igo Vorlpsun^en zur Einführung in die Psyc/ioanalyse 

Jahre 1910. Ich bringe ihn vor, weil er Ihnen beweisen kann, wie 
unzugänglich im allgemeinen ein Traum dem Verständnis ist, ehe 
der Träumer uns seine Auskünfte dazu gegeben hat. Ich vermute 
nämlich, daß Sie im Grunde die Traumdeutung durch Einsetzen der 
Symbolbedeutung für die ideale halten, die Technik der Assoziation 
zum Traum aber beiseite schieben möchten, und will Sie von diesem 
schädlichen Irrtum freimachen. 

1 5. Juli 1 9 1 o : Gegen morgen träume ich : Ich fahre mit dem Rad 
in Tübingen die Straße herunter, als ein brauner Dachshund hinter 
mir dreinrast und mich an einer Ferse faßt. Ein Stück weiter steige 
ich ab, setze mich auf eine Staffel und fange an, auf das Vieh loszu- 
trommeln, das sich fest verbissen hat. (Unangenehme Gefühle habe 
ich von dem Beißen und der ganzen Szene nicht.) Gegenüber sitzen 
ein paar ältere DameUj die mir grinsend zusehen. Dann wache ich 
auf und, wie schon öfter, ist mir in diesem Moment des Übergangs 
zum Wachen der ganze Traum klar. 

Mit Symbolen ist hier wenig auszurichten. Der Träumer berichtet 
uns aber: „Ich habe mich in der letzten Zeit in ein Mädchen verliebt, 
nur so vom Sehen auf der Straße, habe aber keinerlei Anknüpfungs- 
punkte gehabt. Dieser Anknüpfungspunkt hätte für mich am anr 
genehmsten der Dachshund sein können, zumal ich ein großer Tier- 
freund bin und diese Eigenschaft auch bei dem Mädchen sympathisch 
empfunden habe." Er fügt auch hinzu, daß er wiederholt mit großem 
Geschick und oft zum Erstaunen der Zuschauer in die Kämpfe mit- 
einander raufender Hunde eingegriffen habe. Wir erfahren also, daß 
das Mädchen, welches ihm gefiel, stets in Begleitung dieses besonderen 
Hundes zu sehen war. Dies Mädchen ist aber für den manifesten 
Traum beseitigt worden, nur der mit ihr assoziierte Hund ist ge- 
blieben. Vielleicht sind die älteren Damen, die ihn angrinsen, an die 
Stelle des Mädchens getreten. Was er sonst noch mitteilt, reicht zur 
Aufklärung dieses Punktes nicht aus. Daß er im Traume auf dem Rade 
fährt, ist direkte Wiederholung der erinnerten Situation. Er war dem 
Mädchen mit dem Hunde immer nur, wenn er zu Rade war, begegnet. 



XII. Analysen von Traumheispielen 1 9 1 

g) Wenn jemand einen seiner teueren Angehörigen verloren hat, 
so produziert ei- durch längere Zeit nachher Träume von besonderer 
Art, in denen das Wissen um den Tod mit dem Bedürfnis, den Toten 
wiederzubeleben, die merkwürdigsten Kompromisse abschließt. Bald 
ist der Verstorbene tot und lebt dabei doch weiter, weil er nicht weiß, 
daß er tot ist, und wenn er es wüßte, stürbe er erst ganz; bald ist er 
halb tot und halb lebendig, und jeder dieser Zustände hat seine be- 
sonderen Anzeichen. Man darf diese Träume nichb einfach unsinnige 
nennen denn das Wiederbelebtwerden ist für den Traum nicht un- 
annehmbarer als z.B. für das Märchen, indem es als ein sehr gewöhn- 
liches Schicksal vorkommt. Soweit icli solche Träume analysieren 
konnte, ergab es sich, daß sie einer vernünftigen Lösung fähig sind, 
aber daß der pietätvolle Wunsch, den Toten ins Leben zurückzu- 
rufen mit den seltsamsten Mitteln zu arbeiten versteht. Ich lege Ihnen 
hier einen solchen Traum vor, der sonderbar und unsinnig genug 
klingt, und dessen Analyse Ihnen vieles von dem vorführen wird, 
worauf Sie durch unsere theoretischen Ausführungen vorbereitet sind. 
Der Traum eines Mannes, der seinen Vater vor mehreren Jahren 
verloren hatie: 

Der Vater ist gestorben, aber exhumiert worden und sieht schlecht 
au!^. ^f iebt seitdem fort, und der Träum.rr tut alles, damit er es nicht 
merkt. (Dann übergeht der Traum auf andere, scheinbar sehr fern- 
liegende Dinge.) 

Der Vater ist gestorben, das wissen wir. Daß er exhumiert worden, 
entspricht nicht der Wirklichkeil, die ja auch für alles weitere nicht 
in Betracht kommt. Aber der Träumer erzählt: Nachdem er vom 
Begräbnis des Vaters zurückgekommen war, begann ihn ein Zahn zu 
schmerzen. Er wollte diesen Zahn nach der Vorschrift der jüdischen 
Lehre behandeln: Wenn dich dein Zahn ärgert, so reiße ihn aus, und 
begab sich zum Zahnarzt. Der aber sagte: Einen Zahn reißt mau nicht, 
man muß Geduld mit ihm haben. Ich werde etwas einlegen, um ihn 
zu töten; nach drei Tagen kommen Sie wieder, dann werde ich's 
herausnehmen. 



19^ f'^orlesungen zur- Einführung in die Psychoanalyse 

Dies „Herausnehmen", sagt der Träumer plötzlich, das ist das 
Exhumieren. 

Sollte der Träumer Recht haben? Es stimmt zwar nicht ganz, nur 
so ungefähr^ denn der Zahn wird ja nicht herausgenommen^ sondern 
etwas, das Abgestorbene, aus ihm. Aber dergleichen Ungenauigkeiten 
darf man der Traumarbeit nach anderen Erfahrungen wohl zutrauen. 
Dann hätte der Träumer den verstoibenen Vater mit dem getöteten 
und doch erhaltenen Zahn verdichtet, zu einer Einheit verschmolzen. 
Kein Wunder dann, daß im manifesten Traum etwas Sinnloses zu- 
stande kommt, denn es kann doch nicht alles auf den Vater passen, 
was vom Zahn gesagt wird. Wo wäre überhaupt das Tertium com- 
parationis zwischen Zahn und Vater, welches diese Verdichtung er- 
möglicht? 

Es muß aber doch wohl so sein, denn der Träumer fährt fort, es 
sei ihm bekannt, wenn man von einem ausgefallenen Zahn träumt, 
so bedeutet es, daß man ein Familienmitglied verlieren werde. 

Wir wissen, daß diese populäre Deutung unrichtig oder wenigstens 
nur in einem skurillen Sinne richtig ist. Umsomelir wird es uns 
Überraschen, das so angeschlagene Thema doch hinter den anderen 
Stücken des Trauminhalts aufzufinden. 

Ohne weitere Aufforderung beginnt nun der Träumer von dei- 
Krankheit und dem Tode des Vaters sowie von seinem Verhältnis zu 
ihm zu erzählen. Der Vater war lange krank, die Pflege und Behand- 
lung des Kranken kostete ihn, den Sohn, viel Geld. Und doch war 
es ihm nie zuviel, er wurde nie ungeduldig, hatte nie den Wunsch, 
es möge doch schon zu Ende sein. Er rühmt sich echt jüdischer Pietät 
gegen den Vater, der strengen Befolgung des jüdischen Gesetzes. Fällt 
uns da nicht ein Widerspruch in den zum Traum gehörigen Gedanken 
auf? Er hatte Zahn und Vater identifiziert. Gegen den Zahn wollte 
er nach dem jüdischen Gesetz verfahren, welches das Urteil mit sich 
brachte, ihn auszureißen, wenn er Schmerz und Ärgernis bereitete. 
Auch gegen den Vater wollte er nach der Vorschrift des Gesetzes 
verfahren sein, welches aber hier lautet, Aufwand und Ärgernis nicht 



Xn. Analysen von TrmimheiapifJen ini 

ZU achten, alles Schwere auf sich zu nehmen und keine feindliche 
Absicht gegen das Schmerz bereitende Objekt aufkommen zu lassen. 
Wäre die Übereinstimmung nicht weit zwingender, wenn er wirk- 
lich gegen den kranken Vater ähnliche Gefühle entwickelt hätte wie 
gegen den kranken Zahn, d. h. gewünscht hätte, ein baldiger Tod 
möge seiner überflüssigen, schmerzlichen und koslspiehgen Existenz 
ein Ende setzen? 

Ich zweifle nicht, daß dies wirklich seine Einstellung gegen den 
Vater während dessen langwieriger Krankheit war, und daß die prahle- 
rischen Versicherungen seiner frommen Pietät dazu bestimmt sind, 
von diesen Erinnerungen abzulenken. Unter solchen Bedingungen 
pflegt der Todeswunsch gegen den Erzeuger rege zu werden und sich 
mit der Maske einer mitleidigen Erwägung wie: es wäre nur eine 
Erlösung für ihn, zu decken. Bemerken Sie aber wohl, daß wir hier 
in den latenten Traumgedanken selbst eine Schranke überschritten 
haben. Der erste Anteil derselben war gewiß nur zeitweilig, d. h. 
während der Traumbildung, unbewußt, die feindseligen Regungen 
gegen den Vater dürften aber dauernd unbewußt gewesen sein, viel- 
leicht aus Kinderzeiten stammen und sich während der Krankheit 
des Vaters gelegentlich schüchtern und verkleidet ins Bewußtsein 
geschlichen haben. Mit noch größerer Sicherheit können wir dies 
von anderen latenten Gedanken behaupten, die unverkennbare Bei- 
träge an den Trauminhalt abgegeben haben. Von den feindseligen 
Regungen gegen den Vater ist ja nichts im Traum zu entdecken. 
Indem wir aber der Wurzel solcher Feindsehgkeit gegen den Vater 
im Kinderleben nachforschen, erinnern wir uns, daß sich die Furcht 
vor dem Vater herstellt, weil dieser sich schon in frühesten Jahren 
der Sexualbetätigung des Knaben entgegensetzt, wie er es in der Regel 
im Alter nach der Pubertät aus sozialen Motiven wiederholen muß. 
Diese Beziehung zum Vater trifft auch für unseren Träumer zu j seiner 
Liebe zu ihm war genug Respekt und Angst beigemengt gewesen, 
die aus der Quelle der frühzeitigen Sexualeinschüchterung geflossen 



waren. 

Freud, VU. 



»3 



194 Vorlesungen zur Ev>f i!hr,tnß in die Psychonnnlyxe 

Aus dem Onaniekomplex erklären sich nun die weiteren Sätze des 
manifesten Traumes. Er sieht schleckt aus spielt zwar auf eine 
weitere Rede des Zahnarztes an, daß es schlecht aussieht, wenn man 
einen Zahn an dieser Stelle eingebüßt Imt; es bezieht sich aber gleich- 
zeitig auf das schlechte Aussehen, durch welches der junge Mann in 
der Pubertät seine übermäßige Sexualbetätigung verrät oder zu ver- 
raten fürchtet. Nicht ohne eigene Erleichterung hat der Träumer im 
manifesten Inhalt das schlechte Aussehen von sich weg auf den Vater 
geschoben, eine der Ihnen bekannten Umkehrungen der Traumarbeit. 
Er lebt seitdem fort deckt sich mit dem Wiederbelebungs wünsch 
wie mit dem Versprechen des Zahnarztes, daß der Zahn erhalten 
bleiben wird. Ganz raffiniert ist aber der Satz „der Träumer tut 
alles, damit er (der Vater) es nicht merkt'\ darauf hergerichtet, uns 
zur Ergänzung zu verleiten, daß er gestorben ist. Die einzig sinn- 
reiclie Ergänzung ergibt sich aber wieder aus dem Onaniekomplex, 
wo es selbstverständlich ist, daß der Jüngling alles tut, um sein Sexual- 
leben vor dem Vater zu verbergen. Erinnern Sie sich nun zum Schluß, 
daß wir die sogenannten Zahnreizträume stets auf Onanie und auf die 
gefürchtete Bestrafung für sie deuten mußten. 

Siesehen nun, wiedieserunverständlicheTraum zustande gekommen 

ist. Durch die Herstellung einer sonderbaren imd irreführenden Ver- 
dichtung, durch die Übergehung aller Gedanken aus der Mitte des 
latenten Gedankenganges, und durch die Schaffung von mehrdeutigen 
Ersatzbildungen für die tiefsten und zeitlich entlegensten dieser Ge- 
danken. 

4) Wir haben schon wiederholt versucht, jenen nüchternen und 
banalen Träumen beizukommen, die nichts Unsinniges oder ßefrena- 
dendes an sich tragen, bei denen sich aber die Frage erhebt: Wozu 
träumt man so gleichgültiges Zeug? Ich will also ein neues Beispiel 
dieserArtvorleo^en, drei zusammengehörige, in einer Nachtvorgefallene 

Träume einer jungen Dame. 

a) Sic geht durch die. Uallv ihrrs Hausrs und stößt sich den Kopf 
blutig- an dim tief kirabliäng endin Lustcr. 



XII. /4naly.';en von Traumhi-i spielen iqs 

Keine Reminiszenz, nichts, was wirklich vorgefallen ist. Ihre Aus- 
kunft dazu leitet auf ganz andere Wege. „Sie wissen, wie stark mir 
die Haare ausgehen. Kind, hat die Mutter gestern zu mir gesagt, wenn 
das so weitergeht, wirst du einen Kopf bekommen wie einen Popo." 
Der Kopf steht also hier für das andere Körperende. Den Luster können 
wir ohne Nachhilfe symbolisch verstehen; alle der Verlängerung 
fähigen Gegenstände sind Symbole des männlichen Gliedes. Also 
handelt es sich um eine Blutung am unteren Körperende, die durch 
den Zusammenstoß mit dem Penis entsteht. Das könnte noch mehr- 
deutig sein; ihre weiteren Einfälle zeigen, daß es sich um den Glauben 
handelt, die Menstruationsblutung entstehe durch den Geschlechts- 
verkehr mit dem Mann, ein Stück der Sexualtheorie, das viele Gläubige 
unter den unreifen Mädchen hat. 

b) Sie sieht im JVi ingartcn eine tiefe. Grübe, von der sie weiß, daß 
sie durch Ausreißen eines Baumes entstanden ist. Dazu ihre Bemer- 
kung, der Baum fehle ihr dabei. Sie meint, sie habe im Traum den 
Baum nicht gesehen, aber derselbe Wortlaut dient dem Ausdruck 
eines anderen Gedankens, der nun die symbolische Deutung vollends 
sicherstellt. Der Traum bezieht sich auf ein anderes Stück der in- 
fantilen Sexuahheorien, auf den Glauben, daß die Mädchen ursprüng- 
lich dasselbe Genitale hatten wie die Knaben, und daß dessen spätere 
Gestaltung durch Kastration (Ausreißen eines Baumes) entstanden ist. 

c) Sie steht vor ihrer Schreibtischlade, in der sie sich so gut aus- 
kennt, daß sie sofort weiß, wenn jemand darüber gekommen ist. Die 
Schreibtischlade ist wie jede Lade, Kiste, Schachtel, ein weibliches 
Genitale. Sie weiß, daß man die Anzeichen des Sexualverkehrs (wie 
sie meint, auch der Berührung) am Genitale erkennen kann, und hat 
sich lange vor solcher Überführung gefürchtet. Ich meine, der Akzent 
ist in all diesen drei Träumen auf das Wissen zu legen. Sie gedenkt 
der Zeit ihrer kindlichen Sexualforschung, auf deren Ergebnisse sie 
damals recht stolz war. 

5) Wiederum ein Stückchen Symbolik. Aber diesmal muß ich die 
psychische Situation in einem kurzen Vurbericht voranstellen. Ein 



'3' 



1 96 Vnrlemvßen zur FAnßikrung in die Psychonnnlyse 

Herr, der mit einer Frau eine Liebesnacht verbracht hat, schildert 
seine Partnerin als eine jener mütterUchen Naturen, bei denen im 
Liebesverkehre mit dem Manne der Wunsch nach dem Kinde un- 
widerstehlich durchdringt. Die Verhältnisse jenes Zusammentreffens 
nötigen aber zu einer Vorsicht, durch welche der befruchtende Samen- 
erguß vom weiblichen Schoß ferngehalten wird. Beim Erwachen aus 
dieser Nacht erzählt die Frau nachstehenden Traum: 

Ein Offizier mit einer roten Kappe läuft ihr auf der Straße nach, 
Sie ßieht vor ihm, läuft die Stiege hinauf er immer nach. Atemlos 
erreicht sie ihre Wuhnung und wirft die Türe hinter sich ins Schloß. 
Er bleibt draußen, und wie sie durclis G ucklock schaut^ sitzt er draußen 
auf einer Bank und weint. : - . . 

Sie erkennen wohl in der Verfolgung durch den Offizier mit der 
roten Kappe und in dem atemlosen Steigen die Darstellung des Ge- 
schlechtsaktes. Daß die Träumerin sich vor dem Verfolger verschließt, 
mag Ihnen als Beispiel der im Traum so häufig augewendeten Um- 
kehrungen gelten, denn in Wirklichkeit hatte sich ja der Mann der 
Beendigung des Liebesaktes entzogen. Ebenso ist ihre Trauer auf den 
.Panner verschoben, er ist es ja, der im Traume weint, womit gleich- 
zeitig der Samenerguß angedeutet ist. 

Sie werden gewiß einmal gehört haben, in der Psychoanalyse werde 
behauptet, daß alle Träume sexuelle Bedeutung haben. Nun sind Sie 
selbst in die Lage gekommen, sich über die Unkorrektheit dieses Vor- 
wurfs ein Urteil zu bilden. Sie haben die Wunschträume kennenge- 
lernt, die von der Befriedigung der klarliegendsten Bedürfnisse, des 
Hungers, des Durstes, der Sehnsucht nach Freiheit handeln, die Be- 
quemlichkeils- und Ungeduldsträume und ebenso rein habsüchtige 
und egoistische. Aber daß die stark entstellten Träume vorwiegend 
— wiederum nicht ausschließlich — sexuellen Wünschen Ausdruck 
geben, dürfen Sie allerdings als Ergebnis der psychoanalytischen 
Forschung im Gedächtnis behalten. 

6) Ich habe ein besonderes Motiv, die Beispiele für die Symbol- 
verwendung im Traume zu häufen. Ich habe mich bei unserem ersten 



XIT. Analysen von Traumhfispielen xqw 

Zusammentreffen darüber beklagt, wie schwierig die Demonstration 
und damit das Erwecken von Überzeugungen in der Unterweisung 
der Psychoanalyse sei, und Sie haben mir seither gewiß beigestimmt. 
Nun hängen aber die einzelnen Behauptungen der Psychoanalyse 
doch so innig zusammen, daß die Überzeugung sich leicht von einem 
Punkt her auf einen größeren Teil des Ganzen fortsetzen kann. Man 
könnte von der Psychoanalyse sagen, wer ihr den kleinen Finger gibt, 
den hält sie schon bei der ganzen Hand. Schon wem die Aufklärung 
der Fehlleistungen eingeleuchtet hat, der kann sich logisch erweise 
dem Glauben an alles andere nicht mehr entziehen. Eine zweite 
ebenso zugängliche Stelle ist in der Traumsymbolik gegeben. Ich 
werde Ihnen den bereits publizierten Traum einer Frau aus dem Volke 
vorlegen, deren Mann Wachmann ist, und die gewiß niemals etwas 
von Traumsymbolik und Psychoanalyse gehört hat. Urteilen Sie dann 
selbst, ob dessen Auslegung mit Hilfe von Sexualsymbolen willkürlich 
und gezwungen genannt werden kann, 

„ . . . Dannsei jemandindieWohnungeingebrochen undsie habeangst- 
vollnach einem Wachmann gerufen. Dieser aber sei mit zwei „Pülchern" 
einträchtig in eine Kirche gegangen, zu der mehrere Stufen emporführ- 
ten. Hinter der Kirche sei ein Berg gewesen und oben ein dichter Wald. 
Der Wachmann sei mit einem Beim., Ringkragen und Mantel versehen 
gewesen. Er habe einen braunen Vollbart gehabt. Die beiden Vaganten^ 
die friedlich mit dem Wachmann gegangen seien^ hätten sackartig auf- 
gebundene Schürzen um die Lenden geschlungen gehabt. Von der 
Kirche habe zum Berge ein Weg geführt. Dieser sei beiderseits mit 
Gras und Gestrüpp verwachsen gewesen, das immer dichter wurde 
und auf der Höhe des Berges ein ordentlicher Wald geworden sei.'' 
- Die verwendeten Symbole erkennen Sie ohne Mühe. Das männ- 
liche Genitale ist durch eine Dreiheit von Personen dargestellt, das 
weibliche durch eine Landschaft mit Kapelle, Berg und Wald. Wieder- 
um begegnen Sie den Stufen als Symbol des Sexualaktes. Was im 
Traume ein Berg genannt wird, heißt auch in der Anatomie so, 
nämlich Mons Veneris, Schamberg. . , 



ig8 



Vorlesungen zur Kinß'ihrung in die Psychoannlyse 



7. Wiederum ein mittels Symboleinsetzung zu lösender Traum, 
dadurch bemerkenswert und beweiskräftig, daß der Träumer selbst 
alle Symbole übersetzt hat, obwohl er keinerlei theoretische Vor- 
kenntnisse für die Traumdeutung mitbrachte. Dies Verhalten ist recht 
ungewöhnlich, und die Bedingungen dafür sind nicht genau bekannt. 

„Er geht mit seinem Vater an einem Ort spazieren, der gewiß der 
Prater ist, denn man sieht die Rotunde, vor dieser einen kleineren 
Vorbau, an dem. ein Fesselballon angebracht ist, der aber ziemlich 
schlaff scheint. Sein Val er fragt ihn, wozu das alles ist^ er wundert 
sich darüber, erklärt es ihm aber. Dann kommen sie in einen Hof, in 
dem eine große Platte von Blech ausgebreitet liegt. Sein Vater will 
sich ein großes Stück davon abreißen, sieht sich aber vorher um, ob 
es nicht jemand bemerken kann. Er sagt ihm, er braucht es doch nur 
dem Aufseher zu sagen, dann kann er sich ohne weiteres davon nehmen. 
j4us diesem Hof führt eine Treppe in einen Schacht herunter, dessen 
Wände weich ausgepolstert sind, etwa wie ein Lederfauteuil. Am 
Ende dieses Schachtes ist eine längere Plattform und dann beginnt 
ein neuer Schacht ..." 

Der Träumer deutet selbst: Die Rotunde ist mein Genitale, der 
Fesselballon davor mein Penis, über dessen Schlaffheit ich zu klagen 
habe. Man darf also eingehender übersetzen, die Rotunde sei das — 
Tom Kind regelmäßig zum Genitale gerechnete — Gesäß, der kleinere 
Vorbau der Hodensack. Im Traum fragt ihn der Vater, was das alles 
ist, d. h. nach Zweck und Verrichtung der Genitalien. Es liegt nahe, 
diesen Sachverhalt umzukehren, so daß er der fragende Teil wird. 
Da eine solche Befragung des Vaters in Wirklichkeit nie stattgefunden 
hat, muß man den Traumgedanken als Wunsch auffassen oder ihn 
etwa konditionell nehmen: „Wenn ich den Vater um sexuelle Auf- 
klärung gebeten hätte." Die Fortsetzung dieses Gedankens werden 
wir bald an anderer Stelle finden. 

Der Hof, in dem das Blech ausgebreitet liegt, ist nicht in erster 
Linie symbolisch zu fassen, sondern stammt aus dem Geschäftslokal 
des Vaters. Aus Gründen der Diskretion habe ich das „Blech" für 



XU. Analysen von Traumheispielen igg 

das andere Material, mit dem der Vater handelt, eingesetzt, ohne 
sonst etwas am Wortlaut des Traumes zu ändern. Der Träumer ist 
in das Geschäft des Vaters eingetreten und hat an den eb er unkorrekten 
Praktiken, auf denen der Gewinn zum guten Teil beruht, gewaltigen 
Anstoß genommen. Daher dürfte die Fortsetzung des obigen Traum- 
gedankens lauten: („Wenn ich ihn gefragt hätte), würde er mich 
betrogen haben, wie er seine Kunden betrügt." Für das Abreißen, 
welches der Darstellung der geschäftlichen Unredhchkeit dient, gibt 
der Träumer selbst die zweite Erklärung, es bedeute die Onanie. Dies 
ist uns nicht nur längst bekannt^ sondern stimmt auch sehr gut dazu, 
daß das Geheimnis der Onanie durch das Gegenteil ausgedrückt ist 
(man darf es ja offen tun). Es entspricht dann allen Erwartungen, 
daß die onanistische Tätigkeit wieder dem Vater zugeschoben w^ird, 
wie die Befragung in der ersten Traumszene. Den Schacht deutet 
er sofort unter Berufung auf die weiche Polsterung der Wände als 
Vagina. Daß das Herabsteigen wie sonst das Aufsteigen den Koitus- 
verkehr in der Vagina beschreiben will, setze ich eigenmächtig ein. 

Die Einzelheiten, daß auf den ersten Schacht eine längere Platt- 
form folgt und dann ein neuer Schacht, erklärt er selbst biographisch. 
ErhateineZeitlangkoitiert, dann den Verkehr infolge vonHemmungen 
aufgegeben und hofft ihn jetzt mit Hilfe der Kur wieder aufnehmen 
zu können. 

8) Die beiden nachstehenden Träume eines Fremden mit sehr 
polygamer Veranlagung teile ich Ihnen als Beleg für die Behauptung 
mit, daß das eigene Ich in jedem Traume vorkommt, auch wo es sich 
für den manifesten Inhalt verborgen hat. Die Koffer in den Träumen 
sind Weibsymbole. 

a) Er reist ab, sein Gepäck wird auf einem Wagen zur Bahn 
gebracht, viele Koffer aufgehäuft, darunter zwei große schwarze, 
wie Musterkoffer. Er sagt tröstend zu jemand: Nun, die fahren ja 
nur bis zum Bahnhof mit. 

Er reist in Wirklichkeit mit sehr viel Gepäck, bringt aber auch 
sehr viel Geschichten von Frauen mit in die Behandlung. Die zwei 



200 VorhfttiTipfin zur Eiiiflthrimg in die Psychoanalyse 



schwarzen Koffer entsprechen zwei schwarzen Frauen, die gegen- 
wärtig in seinem Leben die Hauptrolle spielen. Eine von ihnen 
wollte ihm nach Wien nachreisen; er hatte ihr auf meinen Rat 
telegraphisch abgesagt. ■:■:, '<._-'■ ■■ ■ ■ . 

b) Eine Szene bei der Douane: Ein Mitreisender macht seinen 
K-offer auf und sagt, gleichgültig eine Zigarette rauchend: Da ist 
nichts drin. Der Zollbeamte scheint ihm zu glauben, greift aber noch 
einmal hineinund findet etwas ganzhesonders Verbotenes. Der Reisende 
sagt dann resig/iiert: Da ist nichts zu machen. Er ist selbst der 
Reisende, ich der Zollbeamte. Er ist sonst sehr aufrichtig in seinen 
Bekenntnissen, hatte sich abervorgenommen, mireine neu angeknüpfte 
Beziehung zu einer Dame zu verschweigen, weil er mit Recht an- 
nehmen konnte, daß sie mir nicht unbekannt sei. Die peinliche 
Situation des Überführtwerdens verschiebt er auf eine fremde Person, 
so daß er selbst in diesem Traum nicht vorzukommen scheint. 

9) Hier ein Beispiel für ein Symbol, das ich noch nicht erwähnt habe ; 
Er begegnet seiner Schwester in Begleitung von zwei Freundinnen, 

die selbst Schwestern sind. Er gibt beiden die Hand, der Schwester 
aber nicht. 

Keine Anknüpfung an eine wirkliche Begebenheit. Seine Gedanken 
führen ihn vielmehr in eine Zeit, zu welcher ihm die Beobachtung 
zu denken gab, daß sich der Busen der Mädchen so spät entwickelt. 
Die beiden Schwestern sind also die Brüste, er möchte sie gerne mit 
der Hand begreifen, wenn es nur nicht seine Schwester wäre. 

10) Hier ein Beispiel für die Todessymbolik im Traum: 

Er geht mit zwei Personen, deren Namen er weiß, aber heim Erwachen 
vergessen hat, über einen sehr hohen, steilen eisernen Steg. Plötzlich 
sind die beiden weg und er sieht einen gespenstischen Mann mit Kappe 
und im Leinenanzug. Erfragt ihn, ob er der Telegraphenbote sei. . . 
Nein. Ob er der Fuhrmann sei? Nein. Er geht dann weiter, hat noch 
im Traume große Angst und setzt den Traum nach dem Erwachen 
mit der Phantasie fort, daß die eiserne Brücke plötzlich abbricht und 
er in den Abgrund stürzt. 



XII. Analysen von Traumheispiclen 201 



Personen, bei denen man betont, daß sie unbekannt sind, dai3 man 
ihre Namen vergessen hat, sind meist sehrnahesteliende. Der Träumer 
hat zwei Geschwister; wenn er diesen beiden den Tod gewünscht 
haben soUte, so wäre es nur gerecht, wenn ihn dafür die Todesangst 
heimsuchte. Zum Telegraphenboten bemerkt er, daß solche Leute 
immer Unheilsposten bringen. Es könnte auch nach der Uniform 
ein Laternenanzünder gewesen sein, der aber auch die Laternen aus- 
löscht, also wie der Genius des Todes die Fackel verlöscht. Zum 
Fuhrmann assoziiert er das Uhlandsche Gedicht von König Karls 
Meerfahrt und erinnert an eine gefahrvolle Seefahrt mit zwei Genossen, 
auf welcher er die Rolle des Königs im Gedicht spielte. Zur Eisen- 
brücke fällt ihm ein Unfall der letzten Zeit ein und die dumme 
Redensart: Das Leben ist eine Kettenbrück'. 

11) Als anderes Beispiel der Todesdarstellung mag der Traum 
gelten: Ein unbekannter Herr gibt eine schwarzgeränderte Visit- 
karte für ihn ab. ■ 

1 2) In mehrfacher Hinsicht wird Sie der folgende Traum inter- 
essieren, zu dessen Voraussetzungen allerdings auch ein neurotischer 
Zustand gehört. 

Er fährt im Eisenbahnzug. Der Zug hält auf offenem Felde. Er 
meint, es steht ein Unfall bevor, man muß daran denken, sich zu 
flüchten, geht durch alle Abteile des Zuges und erschlägt alle, die 
ihm begegnen, Schaffner, Lokomotivführer usw. 

Dazu die Erinnerung an die Erzählung eines Freundes. Auf einer 
Strecke in Italien wurde ein Wahnsinniger in einem Halbcoup^ 
transportiert, aber aus Versehen ein Reisender zu ihm eingelassen. 
Der Verrückte erschlug den Mitreisenden. Er identifiziert sich also 
mit diesem Verrückten und begründet seia Anrecht darauf mit der 
Zwangsvorstellung, die ihn zeitweilig quält, daß er alle „Mitwisser 
beseitigen" müsse. Dann findet er aber selbst eine bessere Motivierung, 
die zum Anlaß des Traumes führt. Er hat gestern im Theater das 
Mädchen wiedergesehen, das er heiraten wollte, von der er sich aber, 
weü sie ihm Grund zur Eifersucht gegeben, zurückgezogen hat. Bei 



Qoa, 



Vi'rles7iT}ß:en zur Einführung in die Psychoanalyse 



der Intensität, zu welcher die Eifersucht bei ihm ansteigt, wäre er 
wirkhch verrückt, wenn er die heiraten wollte. Das heißt: Er hält 
sie für so uuverläßlich, daß er alle Leute, die ihm in den Weg 
kommen, aus Eifersucht erschlagen müßte. Das Gehen durch eine 
Reihe von Zimmern, hier von Abteilen, haben wir als Symbol des 
Verheiratetseins (Gegensatz zur Einehe) bereits kennengelernt. 

Zum Halten des Zuges auf offenem Felde und zur Befürchtung 
eines Unfalles erzählt er: Als sich einmal auf einer Eisenbahnfahrt ein 
solches plötzliches Stehenbleiben außerhalb einer Station ereignete, 
erklarte eine mitreisende junge Dame, es stehe vielleicht ein Zu- 
sammenstoß bevor, und da sei die zweckmäßigste Vorsicht, die Beine 
hoch zu heben. Dieses „die Beine hoch" hatte aber auch eine Rolle 
in den vielen Spaziergängen und Ausflügen in die freie Natur gespielt, 
die er in der glücklichen ersten Liebeszeit mit jenem Mädchen unter- 
nommen hatte. Ein neues Argument dafür, daß er verrückt sein 
müßte, um sie jetzt zu heiraten. Daß ein Wunsch, so verrückt zu sein, 
bei ihm dennoch bestand, durfte ich nach meiner Kenntnis der Situation 
als gesichert annehmen. 



'!■ 



1., 



XIH. VORLESUNG 

ARCHAISCHE ZÜGE 
UND INFANTILISMUS DES TRAUMES 

Meine Damen und Herren! Lassen Sie uns wieder an unser Resul- 
tat anknüpfen, daß die Traumarbeit die latenten Traumgedanken 
unter dem Einfluß der Traumzensur in eine andere Ausdrucksweise 
überführt. Die latenten Gedanken sind nicht anders als die uns be- 
kannten bewußten Gedanken unseres Wachlebensj die neue Aus- 
drucksweise ist uns durch vielfältige Züge unverständlich. Wir haben 
gesagt, daß sie auf Zustände unserer intellektuellen Entwicklung 
zurückgreift, die wir längst überwunden haben, auf die Bilder- 
sprache, die Symbolbeziehung, vielleicht auf Verhältnisse, die vor der 
Entwicklung unserer Denksprache bestanden haben. Wir nannten 
die Ausdrucks weise der Traumarbeit darum eine archaische oder 
regressive. ■ . , - ; "i 

Sie können daraus den Schluß ableiten, daß es durch das vertieftere 
Studium der Traumarbeit gelingen müßte, wertvolle Aufschlüsse über 
die nicht gut gekannten Anfänge unserer intellektuellen Entwicklung 
zu gewinnen. Ich hoffe, es wird so sein, aber diese Arbeit ist bisher 
noch nicht in Angriff genommen worden. Die Vorzeit, in welche die 
Traumarbeit uns zurückführt, ist eine zweifache, erstens die in- 
dividuelle Vorzeit, die Kindheit, anderseits, insofern jedes Individuum 
in seiner Kindheit die ganze Entwicklung der Menschenart irgendwie 
abgekürzt wiederholt, auch diese Vorzeit, die phylogenetische. Ob es 



204 P'orlfsun/ten zur Einfiihriin^ in die Psychannnlyse 

gelingen wird zu unterscheiden, welcher Anteil der latenten seelischen 
Vorgänge aus der individuellen, und welcher aus der phylogenetischen 
Urzeit stammt, — ich halte es nicht für unmöglich. So erscheint mir 
z. B. die Symbolbeziehung, die der Einzelne niemals erlernt hat, zum 
Anspruch berechtigt, als phylogenetisches Erbe betrachtet zu werden. 
. Indes ist dies nicht der einzige archaische Charakter des Traumes. 
Sie kennen alle wohl aus der Erfahrung an sich die merkwürdige 
Amnesie der Kindheit. Ich meine die Tatsache, daß die ersten Lebens- 
jahre, bis zum fünften, sechsten oder achten, nicht die Spuren im Ge- 
dächtnis hinterlassen haben wie das spätere Erleben. Man trifit zwar 
auf einzelne Menschen, welche sich einer kontinuierlichen Erinnerung 
vom frühen Anfang bis auf den heutigen Tag rühmen können, aber 
das- andere Verhalten, das der Gedächtnislücke, ist das ungleich 
häufigere. Ich meine, über diese Tatsache hat man sich nicht genug 
verwundert. Das Kind kann mit zwei Jahren gut sprechen, es zeigt 
bald, daß es sich in komplizierten seelischen Situationen zurechtfindet, 
und gibt Äußerungen von sich, die ihm viele Jahre später wieder- 
erzählt werden, die es selbst aber vergessen hat. Und dabei ist das 
Gedächtnis in frühen Jahren leistungsfähiger, weil weniger überladen 
als in späteren. Auch hegt kein Anlaß vor, die Gedäch Inisfunktion 
für eine besonders hohe oder schwierige Seelenleistung zu halten; 
man kann im Gegenteile ein gutes Gedächtnis noch bei Personen 
finden, die intellektuell sehr niedrig stehen. * 

Als zweite Merkwürdigkeit, die dieser ersten aufgesetzt ist, muß 
ich aber anführen, daß aus der Erinnerungsleere, welche die ersten 
Klndheitsiahre umfaßt, sich einzelne gut erhabene, meist plastisch 
empfundene Erinnerungen herausheben, welche diese Erhaltung nicht 
rechtfertigen können. Mit dem Material von Eindrucken, welche uns 
im späteren Leben treffen, verfährt unser Gedächtnis so, daß es eine 
Auslese vornimmt. Es behält das irgend Wichtige und läßt Unwich- 
tiges fallen. Mit den erhaltenen Kindheitserinnerungen ist es anders. 
Sie entsprechen nicht notwendig wichtigen Erlebnissen der Kinder- 
jahre, nicht einmal solchen, die vom Standpunkt des Kindes hätten 






XIII. Archaische 7,if{re und Infiintilixmus iJex Traumes ßo« 

wichtig erscheinen müssen. Sie sind oft so banal und an sich be- 
deutungslos, daß wir uns nur verwundert fragen, warum gerade diese 
Einzelheit dem Vergessen entgangen ist. Ich habe seinerzeit versucht, 
das Rätsel der Kindheitsamnesie und der sie unterbrechenden Erinne- 
rungsreste mit Hilfe der Analyse anzugreifen, und bin zu dem Er- 
gebnis gekommen, daß doch auch beim Kinde nur das Wichtige in 
der Erinnerung übriggeblieben ist. Nur daß durch die Ihnen bereits 
bekannten Prozesse der Verdichtung und ganz besonders der Ver- 
schiebung dies Wichtige durch anderes, was unwichtig erscheint, in 
der Erinnerung vertreten ist. Ich habe diese Kindheitserinnerungen 
darum Deckerinnerungen genannt^ man kann durch gründhche 
Analyse alles Vergessene aus ihnen entwickeln. 

In den psychoanalytischen Behandlungen ist ganz regelmäßig die 
Aufgabe gestellt, die infantile Erinnerungslücke auszufüllen, und in- 
soferne die Kur überhaupt einigermaßen gelingt, also überaus häufig, 
bringen wir es auch zustande, den Inhalt jener vom Vergessen be- 
deckten Kindheitsjahre wieder ans Licht zu ziehen. Diese Eindrücke 
sind niemals wirklich vergessen gewesen, sie waren nur unzugänglich, 
latent, haben dem Unbewußten angehört. Es kommt aber auch spontan 
vor, daß sie aus dem Unbewußten auftauchen, und zwar geschieht 
es im Anschluß an Träume. Es zeigt sich, daß das Traumleben den 
Zugang zu diesen latenten, infantilen Erlebnissen zu finden weiß. Es 
sind schöne Beispiele hierfür in der Literatur verzeichnet und ich 
selbst habe einen solchen Beitrag leisten können. Ich träumte einm^al 
in einem gewissen Zusammenhange von einer Person, die mir einen 
Dienst geleistet haben mußte, und die ich deutlich vor mir sah. Es 
war ein einäugiger Mann von kleiner Gestalt, dick, den Kopf tief in 
den Schultern steckend. Ich entnahm aus dem Zusammenhang, daß 
er ein Arzt .war. Zum Glück konnte ich meine noch lebende Mutter 
befragen, wie der Arzt meines Geburtsortes, den ich mit drei Jahren 
verlassen, ausgesehen, und erfuhr von ihr, daß er einäugig war, kurz, 
dick, den Kopf tief in den Schultern steckend, lernte auch, bei welchem 
von mir vergessenen Unfall er mir Hilfe geleistet hatte. Diese Ver- 



2o6 Vorlesungen zur FAnführung in die Psychoanalyse 

fügung über das vergessene Material der ersten Kindheits jähre ist also 
ein weiterer archaischer Zug des Traumes. 

Dieselbe Auskunft setzt sich nun auf ein anderes der Rätsel, auf 
die wir bisher gestoßen sind, fort. Sie erinnern sich, mit welchem 
Staunen es aufgenommen wurde, als wir zur Einsicht kamen, die 
Erreo"er der Träume seien energisch böse und ausschweifend sexuelle 
Wünsche, welche Traumzensur und Traumentstellung notwendig 
gemacht haben. Wenn wir einen solchen Traum dem Träumer ge- 
deutet haben und er im günstigsten Falle die Deutung selbst nicht 
angreift, so stellt er doch regelmäßig die Frage, woher ihm ein solcher 
Wunsch komme, da er ihn doch als fremd empfinde und sich des 
Gegenteils davon bewußt sei. Wir brauchen nicht zu verzagen, diese 
Herkunft nachzuweisen. Diese bösen Wunsch regungen stammen aus 
der Vergangenheit, oft aus einer Vergangenheit, die nicht allzuweit 
zurückliegt. Es läßt sich zeigen, daß sie einmal bekannt und bewußt 
waren, wenn sie es auch heute nicht mehr sind. Die Frau, deren 
Traum bedeutet, daß sie ihre einzige, jetzt 1 7 jährige Tochter tot vor 
sich sehen möchte, findet unter unserer Anleitung, daß sie diesen 
Todeswunsch doch zu einer Zeit genährt hat. Das Kind ist die Frucht 
einer verunglückten, bald getrennten Ehe. Als sie die Tochter noch 
im Mutterleibe trug, schlug sie einmal nach einer heftigen Szene mit 
ihrem Manne im Wutanfall mit den Fäusten auf ihren Leib los, um 
das Kind darin zu töten. Wie viele Mütter, die ihre Kinder heute 
zärtlich, vielleicht überzärtlich lieben, haben sie doch ungerne emp- 
fangen und damals gewünscht, das Leben in ihnen möge sich nicht 
weiter entwickeln^ ja sie haben auch diesen Wunsch in verschiedene, 
zum Glück unschädliche Handlungen umgesetzt. Der später so rätsel- 
hafte Todeswunsch gegen die geliebte Person stammt also aus der 
Frühzeit der Beziehung zu ihr. 

Der Vater, dessen Traum zur Deutung berechtigt, er wünsche den 
Tod seines bevorzugten ältesten Kindes, muß sich ebenso daran er- 
innern lassen, daß ihm dieser Wunsch einmal nicht fremd war. Als 
dieses Kind noch Säugling war, dachte der mit seiner Ehewahl un- 



XIII. Archaische Züge und ItifanfiHsmus des Traumes aoy 

zufriedene Mann oft, wenn das kleine Wesen, das ihm nichts be- 
deute, sterben sollte, dann wäre ei- wieder frei und würde von seiner 
■ Freiheit einen besseren Gebrauch machen. Die gleiche Herkunft laßt 
sich für eine große Anzahl ähnlicher Haßregungen erweisen; sie sind 
Erinnerungen an etwas, was der Vergangenheit angehörte, einmal 
bewußt war und seine Rolle im Seelenleben spielte. Sie werden dar- 
aus den Schluß ziehen wollen, daß es solche Wünsche und solche Träume 
nicht geben darf, wenn derartige Wandlungen im Verhältnis zu einer 
Person nicht vorgekommen sind, wenn dies Verhältnis von Anfang 
an gleichsinnig war. Ich bin bereit, Ihnen diese Folgerung zuzugeben, 
will Sie nur daran mahnen, daß Sie nicht den Wortlaut des Traumes 
sondern den Sinn desselben nach seiner Deutung in Betracht ziehen. 
Es kann vorkommen, daß der manifeste Traum vom Tode einer ge- 
liebten Person nur eine schreckhafte Maske vorgenommen hat, aber 
etwas ganz anderes bedeutet, oder daß die geliebte Person zum täu- 
schenden Ersatz für eine andere bestimmt ist. 

Derselbe Sachverhalt wird aber eine andere, weit ernsthaftere Frage 
bei Ihnen wecken. Sie werden sagen; Wenn dieser Todeswunsch auch 
einmal vorhanden war und von der Erinnerung bestätigt wird, so 
ist das doch keine Erklärung. Er ist doch längst überwunden, er kann 
heute doch nur als bloße effektlose Erinnerung im Unbewußten vor- 
handen sein, aber nicht als kräftige Regung. Für letzteres spricht 
doch nichts. Wozu wird er also überhaupt vom Traumeerinnert? Diese 
Frage ist wirklich berechtigt; der Versuch, sie zu beantworten, würde 
uns zu weit führen und zur Stellungnahme in einem der bedeutsam- 
sten Punkte der Traumlehre nötigen. Aber ich bin genötigt, im Rahmen 
unserer Erörterungen zu bleiben und Enthaltung zu üben. Bereiten 
Sie sich auf den einstweiligen Verzicht vor. Begnügen wir uns mit dem 
tatsächlichen Nachweis, daß dieser überwundene Wunsch als Traumer- 
reger nachweisbar ist und setzen wir die Untersuchung fort, ob auch an- 
dere böse Wünsche dieselbe Ableitung aus der Vergangenheit zulassen. 

Bleiben wir bei den ßeseitigungswünschen, die wir ja zumeist auf 
den uneingeschränkten Egoismus des Träumers zurückführen dürfen. 



2o8 VorlesJtn{2:en zttr fÜnführung in die Psychoannlyxe 



Ein solcher Wunsch ist als Traumbildner sehr häufig nachzuweisen. 
So oft uns irgend jemand im Leben in den Weg getreten ist, und wie 
häufig muß dies bei der Komplikation der Lebensbeziehungen der 
Fall sein, sofort ist der Traum bereit, ihn totzumachen, sei er auch 
der Vater, die Mutter, ein Geschwister, ein Ehepartner u. dgl. Wir 
hatten uns über diese Schlechtigkeit der menschlichen Natur genug 
"verwundert und w^aren gewiß nicht geneigt, die Richtigkeit dieses 
Ergebnisses der Traumdeutung ohne weiteres anzunehmen. Wenn 
wir aber einmal darauf gewiesen werden, den Ursprung solcher 
Wünsche in der Vergangenheit zu suchen, so entdecken wir alsbald 
die Periode der individuellen Vergangenheit, in welcher solcher Egois- 
mus und solche Wunschregungen auch gegen die Nächsten nichts 
Befremdendes mehr haben. Es ist das Kind gerade in jenen ersten 
Jahren, welche später von der Amnesie verhüllt werden, das diesen 
Egoismus häufig in extremer Ausprägung zeigt, regelmäßig aber 
deutliche Ansätze dazu oder richtiger Überreste davon erkennen läßt. 
Das Kind liebt eben, sich selbst zuerst und lernt erst später andere 
lieben, von seinem Ich etwas an andere opfern. Auch die Personen, 
die es von Anfang an zu lieben scheint, liebt es zuerst darum, weil 
es sie braucht, sie nicht entbehren kann, also wiederum aus egoisti- 
schen Motiven. Erst später macht sich die Liebesregung vom Egois- 
mus unabhängig. Es hat tatsächlich am Egoismus lieben ge- 
lernt. 

Es wird in dieser Beziehung lehrreich sein, die Einstellung des 
Kindes gegen seine Geschwister mit der gegen seine Eltern zu ver- 
gleichen. Seine Geschwister liebt das kleine Kind nicht notwendiger- 
weise, oft offenkundig nicht. Es ist unzweifelhaft, daß es in ihnen 
seine Konkurrenten haßt, und es ist bekannt, wie häufig diese Ein- 
stellung durch lange Jahre bis zur Zeit der Reife, ja noch späterhin 
ohne Unterbrechung anhält. Sie wird ja häufig genug durch eine 
zärtlichere abgelöst oder sagen wir lieber; überlagert, aber die feind- 
selige scheint sehr regelmäßig die frühere zu sein. Am leichtesten 
kann man sie an Kindern von 2 Va bis 4 und 5 Jahren beobachten. 



r 



XIII. Archaische Züge und In/antilixmus fies Traumes 200 

wenn ein neues Geschwisterchen dazu kommt. Das hat meist einen 
sehr unfreundhchen Empfang. Äußerungen wie „ich mag es nicht 
der Storch soll es wieder mitnehmen" sind recht gewöhnhch. In der 
Folge wird jede Gelegenheit benützt, um den Ankömmling herab- 
zusetzen, und selbst Versuche ihn zu schädigen, direkte Attentate, 
sind nichts Unerhörtes. Ist die Altersdifferenz geringer, so findet das 
Kind beim Erwachen intensiverer Seelentätigkeit den Konkurrenten 
bereits vor und richtet sich mit ihm ein. Ist sie größer, so kann das 
neue Kind von Anfang an als ein interessantes Objekt, als eine Art 
von lebender Puppe, gewisse Sympathien erwecken, und bei einem 
Altersunterschied von acht Jahren und mehr können bereits, beson- 
ders bei den Mädchen, vorsorgliche, mütterliche Regungen ins Spiel 
treten. Aber aufrichtig gesagt, wenn man den Wunsch nach dem Tode 
der Geschwister hinter einem Traume aufdeckt, braucht man ihn 
selten rätselhaft zu finden und weist sein Vorbild mühelos im frühen 
Kindesalter, oft genug auch iu spateren Jahren des Beisammenseins 
nach. 

Es gibt wahrscheinlich keine Kinderstube ohne heftige Konflikte 
zwischen deren Einwohnern. Motive sind die Konkurrenz um die 
Liebe der Eltern, um den gemeinsamen Besitz, um den Wohnraum. 
Die feindseligen Regungen richten sich gegen ältere wie gegen jüngere 
Geschwister. Ich glaube, es war Bern ard Shaw, der das Wort aus- 
gesprochen hat; Wenn es jemand gibt, den eine junge englische Dame 
mehr haßt als ihre Mutter, so ist es ihre ältere Schwester. An diesem 
Ausspruch ist aber etwas, was uüs befremdet. Geschwisterhaß und 
Konkurrenz fänden wir zur Not begreiflich, aber wie sollen sich Haß- 
empfindungen in das Verhältnis zwischen Tochter und Mutter, Eltern 
und Kinder, eindrängen können? 

Dies Verhältnis ist ohne Zweifel auch von Seite der Kinder be- 
trachtet das günstigere. So fordert es auch unsere Erwartung; wir 
finden es weit anstößiger, wenn die Liebe zwischen Eltern und Kin- 
dern, als wenn sie zwischen Geschwistern mangelt. Wir haben so- 
zusagen im ersten Falle etwas geheiligt, was wir im andern Falle 

Freud, VU. 



210 Forlesungen zur Einßihrung in die Psychomialyse 

profan gelassen haben. Doch kann nns die tägliche Beobachtung zeigen, 
■wie häufig die Gefühlsbeziehungen zwischen Eltern und erwachsenen 
Kindern hinter dem von der Gesellschaft aufgestellten Ideal zurück- 
bleiben, wieviel Feindseligkeit da bereitliegt und sich äußern würde, 
wenn nicht Zusätze von Pietät und von zärtlichen Regungen sie zu- 
rückhielten. Die Motive hierfür sind allgemein bekannt und zeigen 
eine Tendenz, die gleichen Geschlechter voneinander zu trennen, 
die Tochter von der Mutter, den Vater vom Sohn. Die Tochter findet 
in der Mutter die Autorität, welche ihren Willen beschränkt und 
mit der Aufgabe betraut ist, den von der Gesellschaft geforderten 
Verzicht auf Sexualfreiheit bei ihr durchzusetzen, in einzelnen Fällen 
auch noch die Konkurrentin, die der Verdrängung widerstrebt. Das- 
selbe wiederholt sich in noch grellerer Weise zwischen Sohn und 
Vater. Für den Sohn verkörpert sich im Vater jeder widerwillig er- 
tragene soziale Zwange der Vater versperrt ihm den Zugang zur 
Willensbetätigungj zum frühzeitigen Sexualgenuß und, wo gemein- 
same Familiengüter bestehen, zum Genuß derselben. Das Lauern auf 
den Tod des Vaters wächst im Falle des Thronfolgers zu einer das 
Tragische streifenden Höhe. Minder gefährdet erscheint das Verhält- 
nis zwischen Vater und Tochter, Mutter und Sohn. Das letztere gibt 
die reinsten Beispiele einer durch keinerlei egoistische Rücksicht ge- 
störten, unwandelbaren Zärtlichkeit. 

Wozu ich von diesen Dingen spreche, die doch banal und allgemein 
bekarmt sind? Weil eine unverkennbare Neigung besteht, ihre Be- 
deutung im Leben zu verleugnen ifhd das sozial geforderte Ideal weit 
öfter für erfüllt auszugeben, als es wirklich erfüllt wird, Es ist aber 
besser, daß der Psychologe die Wahrheit sagt, als daß diese Aufgabe 
dem Zyniker überlassen bleibt. Allerdings bezieht sich diese Verleug- 
nung nur auf das reale Leben. Der Ktmst der erzählenden und der 
dramatischen Dichtung bleibt es freigestellt, sicli der Motive zu be- 
dienen, die aus der Störung dieses Ideals hervorgehen. 

Bei einer großen Anzahl von Menschen brauchen wir uns also 
nicht zu verwundern, wenn der Traum ihren Wunsch nach Beseiti- 



XIII. Archaische Züge und liifantUismus des Traumes a\i 



gung der Eltern, speziell des gleichgeschlechtlichen Elternteiles, auf- 
deckt. Wir dürfen annehmen, er ist auch im Wachleben vorhfinden 
und wird sogar manchmal bewußt, wenn er sich durch ein anderes 
Motiv maskieren kann, wie im Falle unseres Träumers im Beispiele 5 
durch das Mitleid mit dem unnützen Leiden des Vaters. Selten be- 
herrscht die Feindseligkeit das Verhältnis allein, weit häufiger tritt 
sie hinter zärtlicheren Regungen zurück, von denen sie unterdrückt 
wird, und muß warten, bis ein Traum sie gleichsam isoliert. Was uns 
der Traum infolge solcher Isolierung übergroß zeigt, das schrumpft 
dann wieder zusammen, wenn es nach der Deutung von uns in den 
Zusammenhang des Lebens eingereiht wird (H. Sachs). Wir finden 
diesen Traumwunsch aber auch dort, wo er im Leben keinen Anhalt 
hat, und wo der Erwachsene sich im Wachen nie zu ihm bekennen 
müßte. Dies hat seinen Grund darin, daG das tiefste und regelmäßigste 
Motiv zur Entfremdung, besonders zwischen den gleichgeschlecht- 
lichen Personen, sich bereits im frühen Kindesalter geltend gemacht hat. 
Ich meine die Liebeskonkurrenz mit deutlicher Betonung des Ge- 
schlechtscharakters. Der Sohn beginnt schon als kleines Kind eine 
besondere Zärtlichkeit für die Mutter zu entwickeln, die er als sein 
eigen betrachtet, und den Vater als Konkurrenten zu empfinden, der 
ihm diesen Alleinbesitz streitig macht, und ebenso sieht die kleine 
Tochter in der Mutter eine Person, die ihre zärtliche Beziehung zum 
Vater stört und einen Platz eirmimmt, den sie sehr gut selbst aus- 
füllen könnte. Man muß aus den Beobachtungen erfahren, in vrie 
frühe Jahre diese Einstellungen zurückreichen, die wir als Ödipus- 
komplex bezeichnen, weil diese Sage die beiden extremen Wünsche, 
welche sich aus der Situation des Sohnes ergeben, den Vater zu töten, 
und die Mutter zum Weib zu nehmen, mit einer ganz geringfügigen 
Abschwächung realisiert. Ich will nicht behaupten, daß der Ödipus- 
komplex die Beziehung der Kinder zu den Eltern erschöpft; diese kann 
leicht viel komplizierter sein. Auch ist der Ödipuskomplex mehr oder 
weniger stark ausgebildet, er kann selbst eine Umkehrung erfahren, 
aber er ist ein regelmäßiger imd sehr bedeutsamer Faktor des kind- 



212 Vorlesungen zur Einfuhrung in die Psychofinolyse 

liehen Seelenlebens, und man läuft eher Gefahr, seinen Einfluß und 
den der aus ihm hervorgehenden Entwicklungen zu unterschätzen, 
als ihn zu überschätzen. Übrigens reagieren die Kinder mit der Ödipus- 
einstellung häufig auf eine Anregung der Eltern, die sich in ihrer 
Liebeswahl oft genug vom Geschlechtsunterschied leiten lassen, so 
daß der Vater die Tochter, die Mutter den Sohn bevorzugt oder im 
Falle von Erkaltung in der Ehe zum Ersatz für das entwertete Liebra- 
objekt nimmt. 

Man kann nicht behaupten, daß die Welt der psychoanalytischen 
Forschung für die Aufdeckung des Ödipuskomplexes sehr dankbar ge- 
wesen ist. Diese hat im Gegenteile das heftigste Sträuben der Er- 
wachsenen hervorgerufen, und Personen, die es versäumt hatten, an 
der Ableugnung dieser verpönten oder tabuierten Gefühlsbeziehung 
teilzunehmen, haben ihr Verschulden später gutgemacht, indem sie 
dem Komplex durch Umdeutungen seinen Wert entzogen. Nach meiner 
unveränderten Ü berzeugung ist dahier nichts zu verleugnen und nichts 
zu beschönigen. Man befreunde sich mit der Tatsache, die von der 
griechischen Sage selbst als unabwendbares Verhängnis anerkannt 
wird. Interessant ist es wiederum, daß der aus dem Leben heraus- 
geworfene Ödipuskomplex der Dichtung überlassen, gleichsam zur 
freien Verfügung abgetreten wurde. O.Rank hat in einer sorgfältigen 
Studie gezeigt, wie gerade der Ödipuskomplex der dramatischen 
Dichtung reiche Motive in unendlichen Abänderungen, Abschwä- 
chungen und Verkleidungen geliefert hat, in solchen Entstellungen 
also, wie wir sie bereits als Werk einer Zensur erkennen. Diesen Ödipus- 
komplex dürfen wir also auch jenen Träumern zuschreiben, die so 
glücklich waren, im späteren Leben den Konflikten mit ihren Eltern 
zu entgehen, und an ihn innig geknüpft finden wir, was wir den 
Kastrationskomplex heißen, die Reaktion auf die dem Vater 
zugeschriebene Sexuaieinschüchterung oder Eindämmung der früh- 
infantilen Sexualtätigkeit. 

Durch die bisherigen Ermittlungen auf das Studium des kindlichen 
Seelenlebens verwiesen, dürfen wir nun auch die Erwartung hegen, 



I 

1 



XIII. yfrch/iifche Züge und Infnntilismus des Traumes 215 

daß die Herkunft des anderen Anteils der verbotenen Traumwünsche, 
der exzessiven Sexualregungen, auf ähnliche Weise Aufklärung finden 
wird. Wir empfangen also den Antrieb, auch die Entwicklung des 
kindlichen Sexuallebens zu studieren und erfahren hierbei aus mehreren 
Quellen folgendes; Es ist vor allem ein unhaltbarer Irrtum, dem Kind 
ein Sexualleben abzusprechen und anzunehmen, daß die Sexualität 
erst zur Zeit der Pubertät mit der Reifung der Genitalien einsetze. 
Das Kind hat im Gegenteile von allem Anfang an ein reichhaltiges 
Sexualleben, welches sich von dem später als normal geltenden in 
vielen Punkten unterscheidet. Was wir im Leben der Erwachsenen 
pervers" nennen, weicht vom Normalen in folgenden Stücken ab: 
erstens durch das Hinwegsetzen über die Artschranke (die Kluft zwischen 
Mensch und Tier), zweitens durch die Übei-sch reitung der Ekel- 
schranke, drittens der Inzestschranke (des Verbots, Sexualbefriedigung 
an nahen Blutsverwandten zu suchen), viertens der Gleichgeschlecht- 
lichkeit, und fünftens durch die Übertragung der Genitalrolle an andere 
Organe und Körperstellen. Alle diese Schranken bestehen nicht von 
Anfang an, sondern werden erst allmählich im Laufe der Entwicklung 
und der Erziehung aufgebaut. Das kleine Kind ist frei von ihnen. Es 
kennt noch keine arge Kluft zwischen Mensch imd Tier; der Hoch- 
naut, mit dem sich der Mensch vom Tier absondert, wächst ihm erst 
später zu. Es zeigt anfänglich keinen Ekel vor dem Exkrementellen, 
sondern erlernt diesen langsam unter dem Nachdruck der Erziehung^ 
es legt keinen besonderen Wert auf den Unterschied der Geschlechter, 
niutet vielmehr beiden die gleiche Genitalbildung zuj es richtet seine 
ersten sexuellen Gelüste und seine Neugierde auf die ihm nächsten und 
aus anderen Gründen liebsten Personen, Eltern, Geschwister, Pflege- 
personen, und endlich zeigt sich bei ihm, was späterhin auf der Höhe 
einer Liebesbeziehung wieder durchbricht, daß esnichtnurvonden Ge- 
schlechtsteilen Lust erwartet, sondern daß viele andere Körperstellen 
dieselbe Empfindlichkeit für sich in Anspruch nehmen, analoge Lust- 
empfindungen vermitteln und somit die Rolle von Genitalien spielen 
können. Das Kind kann also „polymorph pervers" genannt werden, 



214 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

und wenn es alle diese Regungen nur spur weise betätigt, so kommt dies 
einerseits von deren geringer Intensität im Vergleiche zu späteren 
Lebenszeiten, anderseits daher, daß die Erziehung alle sexuellen Äuße- 
rungen des Kindes sofort energisch unterdrückt. Diese Unterdrückung 
setzt sich sozusagen in die Theorie fort, indem die Erwachsenen sich 
bemühen, einen Anteil der kindlichen Sexualäußerungen zu über- 
sehen und einen anderen durch Umdeutung seiner sexuellen Natur 
zu entkleiden, his sie dann das Ganze ableugnen können. Es sind oft 
dieselben Leute, die erst in der Kinderstube hart gegen alle sexuellen 
Unarten der Kinder wüten und dann am Schreibtisch die sexuelle 
Reinheit derselben Kinder verteidigen. Wo Kinder sich selbst über- 
lassen werden oder unter dem Einfluß der Verführung, bringen sie 
oft ganz ansehnliche Leistungen perverser Sexualbetätigung zustande. 
Natürlich haben die Erwachsenen recht, dies als „Kinderei" und 
„Spielerei" nicht schwer zu nehmen, denn das Kind ist weder vor 
dem Richterstuhl der Sitte noch vor dem Gesetz als vollwertig und 
verantwortlich zu beurteilen, aber diese Dinge existieren doch, sie 
habenihreBedeutung sowohl als Anzeichen mitgebrachter Konstitution 
sowie als Ursachen und Förderungen späterer Entwicklungen, sie geben 
uns Aufschlüsse über das kindliche Sexualleben und somit über das 
menschliche Sexualleben überhaupt. Wenn wir also hinter unseren 
entstellten Träumen alle diese perversen Wunschregungen wieder- 
finden, so bedeutet es nur, daß der Traum auch auf diesem Gebiet 
den Rückschritt zum infantilen Zustand vollzogen hat. 

Eine besondere Hervorhebung unter diesen verbotenen Wünschen 
verdienen noch die inzestuösen, d. h. die auf Geschlechtsverkehr mit 
Eltern und Geschwistern gerichteten. Sie wissen, welcher Abscheu 
in der menschlichen Gemeinschaft gegen solchen Verkehr verspürt 
oder wenigstens vorgegeben wird, und welcher Nachdruck auf den 
dagegen gerichteten Verboten ruht. Es sind die ungeheuerlichsten 
Anstrengungen gemacht worden, diese Inzestscheu zu erklären. Die 
einen haben angenommen, daß es Züchtungsrücksichten der Natur 
sind, welche sich psychisch durch dieses Verbot repräsentieren lassen, 



XI 11. Archaische Züse und Infantäismus des Traumes 215 



weil Inzucht die Rassencharaktere verschlechtern würde, die anderen 
haben behauptet, daß durch das Zusammenleben von früher Kind- 
heit an die sexuelle Begierde von den in Betracht kommenden Per- 
sonen abgelenkt wird. In beiden Fällen wäre übrigens die Inzest- 
vermeidung automatisch gesichert, und man verstünde nicht, wozu 
es der strengen Verbote bedürfte, die eher auf das Vorhandensein 
eines starken Begehrens deuten. Die psychoanalytischen Unter- 
suchungen haben unzweideutig ergeben, daß die inzestuöse Liebes- 
wahl vielmehr die erste und die regelmäßige ist, und daß erst später 
ein Widerstand gegen sie einsetzt, dessen Herleitung aus der individu- 
ellen Psychologie wohl abzulehnen ist. 

Stellen wir zusammen, was uns die Vertiefung in die Kinder- 
psychologie für das Verständnis des Traumes gebracht hat. Wir fanden 
nicht nur, daß das Material der vergessenen Kindererlebnisse dem 
Traum zugänglich ist, sondern wir sahen auch, daß das Seelenleben 
der Kinder mit all seinen Eigenheiten, seinem Egoismus, seiner inzes- 
tuösen Liebeswahl usw. für den Traum, also im Unbewußten, noch 
fortbesteht, und daß uns der Traum allnächtlich auf diese infantile 
Stufe zurückführt. Es wird uns so bekräftigt, daß das Unbewußte 
des Seelenlebens das Infantile ist. Der befremdende Ein- 
druck, daß soviel Böses im Menschen steckt, beginnt nachzulassen. 
Dieses entsetzlich Böse ist einfach das Anfängliche, Primitive, Infantile 
des Seelenlebens, das wir beim Kinde in Wirksamkeit finden können, 
das wir aber bei ihm zum Teil wegen seiner kleinen Dimensionen 
übersehen, zum Teil nicht schwer nehmen, weil wir vom Kinde keine 
ethische Höhe fordern. Indem der Traum auf diese Stufe regrediert, 
erweckt er den Anschein, als habe er das Böse in uns zum Vorschein 
gebracht. Es ist aber nur ein täuschender Schein, von dem wir uns 
haben schrecken lassen. Wir sind nicht so böse, wie wir nach der 
Deutung der Träume annehmen wollten. 

Wenn die bösen Regungen der Träume nur Infantilismen sind, 
eine Rückkehr zu den Anfängen unserer ethischen Entwicklung, indem 
der Traum uns einfacli wieder zu Kindern hn Denken und Fühlen 



^^fi Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

machtj so brauchen wir uns vernünftigerweise dieser bösen Träume 
nicht zu schämen. Allein das Vernünftige ist nur ein Anteü des Seelen- 
lebens, es geht außerdem in der Seele noch mancherlei vor, was nicht 
vernünftig ist, und so geschieht es, daß wir uns unvernünftigerweise 
doch solcher Träume schämen. Wir unterwerfen sie der Traumzensur, 
schämen und ärgern uns, wenn es einem dieser Wünsche ausnahms- 
weise gelungen ist, in so unentstellter Form zum Bewußtsein zu 
dringen, daß wir ihn erkennen müssen, ja wir schämen uns gelegent- 
lich der entstellten Träume genau so, als ob wir sie verstehen würden. 
Denken Sie nur an das entrüstete Urteil jener braven alten Dame 
über ihren nicht gedeuteten Traum von den „Liebesdiensten". Das 
Problem ist also noch nicht erledigt, und es bleibt möglich, daß wir 
bei weiterer Beschäftigung mit dem Bösen im Traum zu einem 
anderen Urteil und zu einer anderen Schätzung der menschlichen 
Natur gelangen. 

Als Ergebnis der ganzen Untersuchung erfassen wir zwei Ein- 
sichten, die aber nur den Anfang von neuen Rätseln, neuen Zweifeln 
bedeuten. Erstens: Die Regression der Traumarbeit ist nicht nur ein*» 
formale, sondern auch eine materielle. Sie übersetzt nicht nur unsere 
Gedanken in eine primitive Ausdrucksform, sondern sie weckt auch 
die Eigentümlichkeiten unseres primitiven Seelenlebens wieder auf 
die alte Übermacht des Ichs, die anfänglichen Regungen unseres 
Sexuallebens, ja selbst unseren alten intellektuellen Besitz, wenn wir 
die Symbolbeziehung als solchen auffassen dürfen. Und zweitens: All 
dies alte Infantile, was einmal herrschend und alleinherrschend war, 
müssen wir heute dem Unbewußten zurechnen, von dem unsere Vor- 
stellungen sich nun verändern und erweitern. Unbewußt ist nicht 
mehr ein Name für das derzeit Latente, das Unbewußte ist ein be- 
sonderes seehsches Reich mit eigenen Wunschregungen, eigener Aus- 
drucksweise und ihm eigentümlichen seelischen Mechanismen, die 
sonst nicht in Kraft sind. Aber die latenten Traumgedanken, die wir 
durch die Traumdeutung erraten haben, sind doch nicht von diesem 
Reichj sie sind vieiraehr so, wie wir sie auch im Wachen hätten 



XIII. Archaische Züge und Infantilismus des Traumes 317' 

denken können. Unbewußt sind sie aber dochj wie löst sich also dieser 
Widerspruch? Wir beginnen zu ahnen, daß hier eine Sonderung vor- 
zunehmen ist. EtwaSj was aus unserem bewußten Leben stammt 
und dessen Charaktere teilt — wir heißen es: die Tagesreste — tritt 
mit etwas anderem aus jenem Reich des Unbewußten zur Traum- 
bildung zusammen. Zwischen diesen beiden Anteilen vollzieht sich 
die Traumarbeit. Die Beeinflussung der Tagesreste durch das hinzu- 
tretende Unbewußte enthält wohl die Bedingung für die Regression. 
Es ist dies die tiefste Einsicht über das Wesen des Traumes, zu 
welcher wir hier, ehe wir weitere seelische Gebiete durchforscht 
haben gelangen können. Es wird aber bald an der Zeit sein, den 
unbewußten Charakter der latenten Traumgedanken mit einem 
anderen Namen zu belegen, zur Unterscheidung von dem Unbewußten 
aus jenem Reich des Infantilen. 

Wir können natürlich auch die Frage aufwerfen: Was nötigt die 
psychische Tätigkeit während des Schlafens zu solcher Regression? 
Warum erledigt sie die schlafstörenden seelischen Reize nicht ohne 
diese? Und wenn sie aus Motiven der Traumzensur sich der Ver- 
kleidung durch die alte, jetzt unverständliche Ausdrucksform bedienen 
jnuß, wozu dient ihr die Wiederbelebung der alten, jetzt überwundenen 
Seelenregungen, Wünsche und Charakterzüge, also die materielle 
Regression, die zu der formalen hinzukommt? Die einzige Antwort, 
die uns befriedigen würde, wäre, daß nur auf solche Weise ein Traum 
gebildet werden kann, daß dynamisch die Aufhebung des Traum- 
reizes nicht anders möglich ist. Aber wir haben vorläufig nicht das 
Recht, eine solche Antwort zu geben. 



XIV. VORLESUNG 

DIE WUNSCHERFÜLLUNG 

Meine Damen und Herren! Soll ich Ihnen nochmals vorhalten, 
welchen Weg wir bisher zurückgelegt haben? Wie wir bei der An- 
wendung unserer Technik auf die Traumentstellung gestoßen sind, 
uns besonnen haben, ihr zunächst auszuweichen, und uns die ent- 
scheidenden Auskünfte über das Wesen des Traumes an den infantilen 
Träumen geholt haben? Wie wir dann, mit den Ergebnissen dieser 
Untersuchung ausgerüstet, die Traumentstellung direkt angegriffen 
und sie, ich hoffe es, auch schrittweise überwunden haben? Nun aber 
müssen wir uns sagen, was wir auf dem einen und auf dem anderen 
Weg gefunden, trifft nicht ganz zusammen. Es wird uns zur Auf- 
gabe, beiderlei Ergebnisse zusammenzusetzen und gegeneinander 
auszugleichen. 

Von beiden Seiten her hat sich uns ergeben, die Traumarbeit be- 
stehe wesentlich in der Umsetzung von Gedanken in ein halluzina- 
torisches Erleben. Wie das geschehen kann, ist rätselhaft genug, aber 
es ist ein Problem der allgemeinen Psychologie, das uns hier nicht 
beschäftigen soll. Aus den Rinderträumen haben wir erfahren, die 
Traumarbeit beabsichtige die Beseitigung eines den Schlaf störenden 
seehschen R_eizes durch eine Wunscherfüllung. Von den entstellten 
Träumen konnten wir nichts Ähnliches aussagen, ehe wir sie zu 
deuten verstanden. Unsere Erwartung ging aber von Anfang au dahin, 
die entstellten Träume unter dieselben Gesichtspunkte bringen zu 



XI f^. Die TVunscherfüllung 219 

können wie die infantilen. Die erste Erfüllung dieser Erwartung 
brachte uns die Einsicht, daß eigentlich alle Träume — die Träume 
von Kindern sind, mit dem infantilen Material, den kindlichen Seelen- 
regungen und Mechanismen arbeiten. Nachdem wir die Traum- 
entstellung für überwunden halten, müssen wir an die Untersuchung 
gehen, ob die Auffassung als Wunscherfüllungen auch für die ent- 
stellten Träume Geltung hat. 

Wir haben erst kürzlich eine Reihe von Träumen der Deutung 
imterzogenj aber die Wunscherfüllung ganz außer Betracht gelassen. 
Ich bin überzeugt, daß sich Ihnen dabei wiederholt die Frage auf- 
gedrängt hat : Wo bleibt denn die Wunscherfüllung, die angebüch das 
Ziel der Traumarbeit ist? Diese Frage ist bedeutsam^ sie ist nämlich die 
Freige unserer Laienkritiker geworden. Wie sie wissen, hat die Mensch- 
heit ein instinktives Abwehrbestreben gegen intellektuelle Neuheiten. 
Zu den Äußerungen desselben gehört, daß eine solche Neuheit sofort 
auf den geringsten Umfang reduziert, womöglich in ein Schlagwort 
komprimiert wird. Für die neue Traumlehre ist die Wunscherfüllung 
dies Schlagwort geworden. Der Laie stellt die Frage: Wo ist die 
Wunscherfüllung? Sofort, nachdem er gehört hat, daß der Traum 
eine Wunscherfüllung sein soll, und indem er sie stellt, beantwortet 
er sie ablehnend. Es fallen ihm sofort ungezählte eigene Traum- 
erfahrungen ein, in denen sich Unlust bis zu schwerer Angst an das 
Träumen geknüpft hat, so daß ihm die Behauptung der psycho- 
analytischen Traumlehre recht unwahrscheinlich wird. Wir haben 
es leicht, ihm zu antworten, daß bei den entstellten Träumen die 
Wunscherfüllung nicht offenkundig sein kann, sondern erst gesucht 
werden muß, so daß sie vor der Deutung des Traumes nicht anzugeben 
ist. Wir wissen auch, daß die Wünsche dieser entstellten Träume 
verbotene, von der Zensur abgewiesene Wünsche sind, deren Existenz 
eben die Ursache der Traumentstellung, das Motiv für das Eingreifen 
der Traumzensur geworden ist. Aber dem Laienkritiker ist es schwer 
beizubringen, daß man vor der Deutung des Traumes nicht nach 
dessen WunscherfüUuug fragen darf. Er wird es doch immer wieder 



220 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



vergessen. Seine ablehnende Haltung gegen die Theorie der Wunsch- 
erfüllung ist eigentlich nichts anderes als eine Konsequenz der Traum- 
zensur, ein Ersatz und ein Ausfluß der Ablehnung dieser zensurierten 
Traum wünsche. 

Natürlich werden auch wir das Bedürfnis haben, uns zu erklären, 
daß es so viele Träume mit peinlichem Inhalt und besonders, daß es 
Angstträume gibt. Wir stoßen dabei zum erstenmal auf das Problem 
der Affekte im Traum, welches ein Studium für sich verdiente, uns 
aber leider nicht beschäftigen darf. Wenn der Traum eine Wunsch- 
erfüllung ist, so sollten peinliche Empfindungen im Traume unmög- 
lich sein ; darin scheinen die Laienkritiker recht zu haben. Es kommen 
aber dreierlei Komplikationen in Betracht, an welclie diese nicht 
gedacht haben. 

Erstens: es kann sein, daß es der Traumarbeit nicht voll gelungen 
ist, eine Wunscherfüllung zu schaffen, so daß von dem peinlichen 
Affekt der Traumgedanken ein Anteil für den manifesten Traum er- 
übrigt wird. Die Analyse müßte dann zeigen, daß diese Traum- 
gedanken noch weit peinlicher waren, als der aus ihnen gestalteteTraum. 
Soviel läßt sich auch jedesmal nachweisen. Wir geben dann zu, die 
Traumarbeit hat ihren Zweck nicht erreicht, so wenig wie der Trink- 
traum auf den Durstreiz seine Absicht erreicht, den Durst zu löschen. 
Man bleibt durstig und muß erwachen, um zu trinken. Aber es war 
doch ein richtiger Traum, er hatte nichts von seinem Wesen aufge- 
geben. Wir müssen sagen: Ut desint vires, tarnen est laudanda vo- 
luntas. Die klar zu erkennende Absicht wenigstens bleibt lobenswert. 
Solche Fälle des Mißlingens sind kein seltenes Vorkommnis. Es wirkt 
dazu mit, daß es der Traumarbeit soviel schwerer gelingt, Affekte 
als Inhalte in ihrem Sinne zu verändern; die Affekte sind manchmal 
sehr resistent. So geschieht es denn, daß die Traumarbeit den pein- 
lichen Inhalt der Traumgedauken zu einer Wunscherfüllung umge- 
arbeitet hat, während sich der peinliche Affekt noch unverändert 
durchsetzt. In solchen Träumen paßt der Affekt dann gar nicht zum 
Inhalt, und unsere Kritiker können sagen, der Traum sei so wenig 



XIV. Die WunscherßilJunpi 221 

eine Wunscherfüllung, daß in ihm selbst ein harmloser Inhalt pein- 
lich empfunden werden kann. Wir werden gegen diese unverstän- 
dige Bemerkung einwenden, daß die Wunscherfüllungstendenz der 
Traumarbeit gerade an solchen Träumen am deutlichsten^ weil iso- 
liert zum Vorschein kommt. Der Irrtum kom^mt daher, daß, wer die 
Neurosen nicht kennt, sich die Verknüpfung von Inhalt und Affekt 
als eine zu innige vorstellt und darum^ nicht fassen kann, daß ein In- 
halt abgeändert wird, ohne daß die dazu gehörige Affektäußerung 
mitverändert werde. 

Ein zweites, weit wichtigeres und tiefer reichendes Moment, welches 
der Laie gleichfalls vernachlässigt, ist das folgende. Eine Wunscher- 
füllung müßte gewiß Lust bringen, aber es fragt sich auch, wem? 
Natürlich dem, der den Wunsch hat. Vom Träumer ist uns aber be- 
kannt, daß er zu seinen Wünschen ein ganz besonderes Verhältnis 
Hinterhalt. Er verwirft sie, zensuriert sie, kurz er mag sie nicht. Eine 
Erfüllung derselben kann ihm also keine Lust bringen, sondern nur 
das Gegenteil davon. Die Erfahrung zeigt dann, daß dieses Gegenteil, 
was noch zu erklären ist, in der Form der Angst auftritt. Der Träumer 
kann also in seinem Verhältnis zu seinen Traumwünschen nur einer 
Summatiou von zwei Personen gleichgestellt werden, die doch durch 
eine starke Gemeinsamkeit verbunden sind. Anstatt aller weiteren 
Ausführungen biete ich Ihnen ein bekanntes Märchen, in welchem 
Sie die nämlichen Beziehungen wiederfinden werden. Eine gute Fee 
verspricht einem armen Menschenpaar, Mann und Frau, die Erfül- 
lung ihrer drei ersten Wünsche. Sie sind selig und nehmen sich vor, 
diese drei Wünsche sorgfältig auszuwählen. Die Frau läßt sich aber 
durch den Duft von Bratwürstchen aus der nächsten Hütte verleiten, 
sich ein solches Paar Würstchen herzu wünschen. Flugs sind sie auch 
da; das ist die erste Wunscherfüllung. Nun wird der Mann böse und 
wünscht in seiner Erbitterung, daß die Würste der Frau an der Nase 
hängen mögen. Das vollzieht sich auch, und die Würste sind von 
ihrem neuen Standort nicht wegzubringen, das ist nun die zweite 
WimscherfüUung, aber der Wunsch ist der des Mannes^ der Frau ist 



522 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

diese Wunscherfüllung sehr unangenehm. Sie wissen, wie es im 
Märchen weitergeht. Da die beiden im Grunde doch eines sind, Mann 
und Frau, muß der dritte Wunsch lauten, daß die Würstchen von 
der Nase der Frau weggehen mögen. Wir könnten dieses Märchen 
noch mehrmals in anderem Zusammenhange verwerten^ hier diene 
es uns nur als Illustration der Möglichkeit, daß die Wunscherfüllung 
des einen zur Unlust für den anderen führen kann, wenn die beiden 
miteinander nicht einig sind. 

Es wird uns nun nicht schwer werden, zu einem noch besseren Ver- 
ständnis der Angstträume zu kommen. Wir werden nur noch eine 
Beobachtung verwerten und uns dann zu einer Annahme entschließen, 
für die sich mancherlei anführen laßt. Die Beobachtung ist, daß die 
Angstträume häufig einen Inhalt haben, welcher der Entstellung völlig 
entbehrt, sozusagen der Zensur entgangen ist. Der Angsttraum ist 
oft eine unverhüllte Wunscherfüllung, natürlich nicht die eines ge- 
nehmen, sondern eines verworfenen Wunsches. An Stelle der Zensur 
ist die Angstentwicklung getreten. Während man vom infantUen 
Traum aussagen kann, er sei die offene Erlüllung eines zugelassenen 
Wunsches, vom gemeinen entstellten Traum, er sei die verkappte 
Erfüllung eines verdrängten Wunsches, taugt für den Angsttraum 
nur die Formel, daß er die offene Erfüllung eines verdrängten Wunsches 
sei. Die Angst ist das Anzeichen dafür, daß der verdrängte Wunsch 
sich stärker gezeigt hat als die Zensur, daß er seine Wunscherfüllung 
gegen dieselbe durchgesetzt hat oder durchzusetzen im Begriffe war. 
Wir begreifen, daß, was für ihn Wunsch erfüllung ist, für uns, die 
wir auf der Seite der Traumzensur stehen, nur Anlaß zu peinlichen 
Empfindungen und zur Abwehr sein kann. Die dabei im Traum auf- 
tretende Angst ist, wenn Sie so wollen, Angst vor der Stärke dieser 
sonst niedergeh altenen Wünsche. Warum diese Abwehr in der Form der 
Angst auftritt, das kann man aus dem Studium des Traumes allein 
nicht erraten ; man muß die Angst offenbar an anderen Stellen studieren. 

Dasselbe, was für die unentstellten Angstträume gdt, dürfen wir 
auch für diejenigen annehmen, die ein Teil Entstellung erfahren 









XIV. Die TVunscherß'dlung sag 

haben, und für die sonstigen Unlustträume, deren peinliche Emp- 
findungen wahrscheinlich Annäherungen an die Angst entsprechen. 
Der Angsttraum ist gewöhnlich auch ein Wecktraum; wir pflegen 
den Schlaf zu unterbrechen, ehe der verdrängte V\'^unsch des Traumes 
seine volle Erfüllung gegen die Zensur durchgesetzt hat. In diesem 
Falle ist die Leistung des Traumes mißglückt, aber sein "Wesen ist 
darum nicht verändert. Wir haben den Traum mit dem Nachtwächter 
oder Schlafwächter verglichen, der unseren Schlaf vor Störung be- 
hüten will. Auch der Nachtwächter kommt in die Lage, die Schlafenden 
zu wecken, wenn er sich nämlich zu schwach fühlt, die Störung oder 
Gefahr allein zu verscheuchen. Dennoch gelingt es uns manchmal, 
den Schlaf festzuhalten, selbst wenn der Traum bedenklich zu werden 
und sich zur Angst zu wenden beginnt. Wir sagen uns im Schlaf: 
Es ist doch nur ein Traum und schlafen weiter. 

Wann sollte es geschehen, daß der Traumwunsch in die Lage 
kommt, die Zensur zu überwältigen? Die Bedingung hierfür kann 
ebensowohl von Seiten des Traumwunsches wie der Traumzensur 
erfüllt werden. Der Wunsch mag aus unbekannten Gründen einmal 
überstark werden; aber m,an gewinnt den Eindruck, daß häufiger das 
Verhalten der Traumzensur die Schuld an dieser Verschiebung des 
Kräfteverhältnisses trägt. Wir haben schon gehört, daß die Zensur 
in jedem einzelnen Falle mit verschiedener Intensität arbeitet, jedes 
Element mit einem anderen Grade von Strenge behandelt; jetzt 
möchten wir die Annahme hinzufügen, daß sie überhaupt recht 
variabel ist und gegen das nämliche anstößige Element nicht jedes- 
mal die gleiche Strenge anwendet. Hat es sich so gefügt, daß sie sich 
einmal ohnmächtig gegen einen Traumwunsch fühlt, der sie zu über- 
rumpeln droht, so bedient sie sich anstatt der Entstellung des letzten 
Mittels, das ihr bleibt, den Schlafzustand unter Angstentwicklung 
aufzugeben. 

Dabei fällt uns auf, daß wir ja überhaupt noch nicht wissen, war- 
um diese bösen, verworfenen Wünsche sich gerade zur Nachtzeit 
regen, um uns im Schlafe zu stören. Die Antwort kann kaum anders 



324 Vorlesungen zur Einfühffinfr in d''e P^ychoannlrse 

als in einer Annahme bestehen, die auf die Natur des Schlafzustandes 
zurückgreift. Bei Tage lastet der schwere Druck einer Zensur auf 
diesen Wünschen, der es ihnen in der Regel unmöglich macht, sich 
durch irgendeine Wirkung zu äußern. Zur Nachtzeit wird diese Zen- 
sur wahrscheinlich wie alle anderen Interessen des seelischen Lebens 
zu Gunsten des einzigen Schlafwunsches eingezogen oder wenigstens 
stark herabgesetzt. Diese Herabsetzung der Zensur zur Nachtzeit ist 
es dann, der die verbotenen Wünsche es verdanken, daß sie sich wie- 
derum regen dürfen. Es gibt schlaflose Nervöse, die uns gestehen, 
daß ihre Schlaflosigkeit anfänghch eine gewollte war. Sie getrauten 
sich nicht einzuschlafen, weil sie sich vor ihren Träumen, also vor 
den Folgen dieser Verminderung der Zensur fürchteten. Daß diese 
Einziehung der Zensur darum doch keine grobe Unvorsichtigkeit be- 
deutet, sehen Sie wohl mit Leichtigkeit ein. Der Schlafzustand lähmt 
unsere Motilität^ unsere bösen Absichten können, wenn sie sich auch 
zu rühren beginnen, doch nichts anderes machen als eben einen 
Traum, der praktisch unschädlich ist, und an diesen beruhigenden 
Sachverhalt mahnt die höchst vernünfLige, zwar der Nacht, aber duch 
nicht dem Traumleben angehörige Bemerkung des Schläfers: Es ist 
ja nur ein Traum. Also lassen wir ihn gewähren und schlafen wir 
weiter. 

Wenn Sie drittens sich an die Auffassung erinnern, daß der gegen 
seine Wünsche sich sträubende Träumer gleichzusetzen ist einer 
Summation von zwei gesonderten^ aber irgendwie innig verbundenen 
Personen, so werden Sie eine andere Möglichkeit begreiflich finden, 
wie durch Wunscherfüllung etwas zustande kommen kann, was höchst 
unlustig ist^ nämlich eine Bestrafung. Hier kann uns wiederum das 
Märchen von den drei Wünschen zur Erläuterung dienen: die Brat- 
würstchen auf dem Teller sind die direkte Wuuscherfüllung der ersten 
Person, der Frau; die Würstchen an ihrer Nase sind die Wunscher- 
füllung der zweiten Person, des Mannes, aber gleichzeitig auch die 
Strafe für den törichten Wunsch der Frau. Bei den Neurosen werden 
wir dann die Motivierung des dritten Wunsches, der im Märchen 



%- 



XTl^. Die WunscherfüHung „„- 

allein noch übrig bleibt, wiederfinden. Solcher Straftendenzeu gibt 
es nun viele im Seelenleben des Menschen; sie sind sehr stark und 
mau darf sie für einen Anteil der peinlichen Träume verantwortlich 
machen. Vielleicht sagen Sie jetzt^ auf diese Weise bleibt von der 
gerühmten Wunsch erfüllung nicht viel übrig. Aber bei näherem Zu- 
sehen werden Sie zugeben, daß Sie unrecht haben. Entgegen der 
später anzuführenden Mannigfaltigkeit dessen, was der Traum sein 
könnte, — und nach manchen Autoren auch ist, — ist die Lösung 
Wunscherfüllung— Angsterfüllung — Straferfiillung doch eine recht 
eingeengte. Dazu kommt, daß die Angst der direkte Gegensatz des 
Wunsches ist, daß Gegensätze einander iu der Assoziation besonders 
nahe stehen und im Unbewußten, wie wir gehört haben, zusammen- 
fallen. Ferner, daß die Strafe auch eine Wunscherfüllung ist, ^e der 
anderen, zensurierenden Person. 

Im ganzen habe ich also Ihrem Einspruch gegen die Theorie der 
WunscherfüUung keine Konzession gemacht. Wh- sind aber ver- 
pflichtet, an jedem beliebigen entstellten Traum die Wunscherfül- 
lung nachzuweisen, und wollen uns dieser Aufgabe gewiß nicht ent- 
ziehen. Greifen wir auf jenen bereits gedeuteten Traum von den 
drei schlechten Theaterkarten für i fl. 50 zurück, an dem wir schon 
so manches gelernt haben. Ich hoffe, Sie erinnern sich noch an ihn. 
Eine Dame, der ihr Mann am Tage mitgeieilt, daß ihre nur um drei 
Monate jüngere Freundin Elise sich verlobt hat, träumt, daß sie mit 
ihrem Manne im Theater sitzt. Eine Seite des Parketts ist fast leer. 
Ihr Mann sagt ihr, die Elise und ihr Bräutigam hätten auch ins 
Theater gehen wollen, konnten aber nicht, da sie nur schlechte Kar- 
ten bekamen, drei um einen Gulden fünfzig. Sie meint, es wäre auch 
kein Unglück gewesen. Wir hatten erraten, daß sich die Traumge- 
danken auf den Ärger, so früh geheiratet zu haben und auf die Un- 
zufriedenheit mit ihrem Mann beziehen. Wir dürfen neugierig sein, 
wie diese trüben Gedanken zu einer WunscherfüUung umgearbeitet 
worden sind, und wo sich deren Spur im manifesten Inhalt findet. 
Nun wissen wir schon, daß das Element „zu früh, voreilig" durch 

Frond, Vn. _, 



226 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



die Zensur aus dem Traum eUminiert wurde. Das leere Parkett ist 
eine Anspielung darauf. Das rätselhafte „5 um einen Gulden fünf- 
zig" wird uns jetzt mit Hilfe der Symbolik, die wir seither gelernt 
haben, besser verständlich.' Die 3 bedeutet wirklich einen Mann und 
das manifeste Element ist leicht zu übersetzen: sich einen Mann für 
die Mitgift kaufen. („Einen zehnmal besseren hätte ich mir für meine 
Mitgift kaufen können.") Das Heiraten ist offenbar ersetzt durch das 
Ins-Theater-Gehen. Das „zu früh Theaterkarten besorgen" steht ja 
direkt an Stelle des zu früh Heiratens. Diese Ersetzung ist aber das 
Werk der Wunscherfüllung. Unsere Träumerin war nicht immer so 
unzufrieden mit ihrer frühen Heirat wie am Tage, da sie die Nach- 
richt von der Verlobung ihrer Freundin erhielt. Sie war seinerzeit 
stolz darauf und fand sich vor der Freundin bevorzugt. Naive Mäd- 
chen sollen häufig nach ihrer Verlobung ihre Freude darüber ver- 
raten haben, daß sie nun bald zu allen bisher verbotenen Stücken 
ins Theater gehen, alles mitansehen dürfen. Das Stück Schaulust 
oder Neugierde, das hier zum Vorschein kommt, war gewiß anfäng- 
lich sexuelle Schaulust, dem Geschlechtsleben, besonders der Eltern, 
zugewendet, und wurde dann zu einem starken Motiv, das die Mäd- 
chen zum frühen Heiraten drängte. Auf solche Art wird der Theater- 
besuch zu einem naheliegenden Andeulungsersatz für das Verheiratet- 
sein. In dem gegenwärtigen Ärger über ihre frühe Heirat greift sie 
also auf jene Zeit zurück, in welcher ihr die frühe Heirat Wunsch- 
erfüllung war, weil sie ihre Schaulust befriedigte, und ersetzt von 
dieser alten Wunschregung geleitet das Heiraten durch das Ins- 
Theater-Gehen. 

Wir können sagen, daß wir uns für den Nachweis einer versteck- 
ten Wunscherfüllung nicht gerade das bequemste Beispiel herausge- 
sucht haben. In analoger Weise müßten wir bei anderen entstellten 
Träumen verfahren. Ich kann das vor Ihnen nicht tun und will bloß 
die Überzeugung aussprechen, daß es überall gehngen wird. Aber 

1) Eine andere naheliegende Deutung dieser 5 bei der kinderlosen Frau erwähne ich 
nicht, weil diese Analyse kein Material hierfür brachte. 



XIV. Die Wumcherfüllung 



1227 



ic'h will bei diesem Punkte der Theorie noch länger verweilen Die 
Erfahrung hat mich belehrt, daß er einer dergefährdetsten der ganzen 
Traumlehre ist, und daß viele Widersprüche und Mißverständnisse 
an ihn anknüpfen. Außerdem werden Sie vielleicht noch unter dem 
Eandruck stehen, daß ich bereits ein Stück meiner Behauptung zu- 
rückgenommen, indem ich äußerte, der Traum sei ein erfülher 
Wunsch oder das Gegenteil davon, eine verwirkhchte Angst oder Be- 
strafung, \m^ werden meinen, es sei die Gelegenheit, mir weitere 
Einschränkungen abzunötigen. Ich habe auch den Vorwurf gehört, 
daß ich Dinge, die mir selbst evident scheinen, zu knapp und darum 
nicht überzeugend genug darstelle. 

Wenn jemand in der Traumdeutung so weit mit uns gegangen 
ist und alles angenommen hat, was sie bisher gebracht, so macht er 
nicht selten bei der Wunscherfüllung halt und fragt; Zugegeben, daß 
der Traum jedesmal einen Sinn hat, und daß dieser Sinn durch die 
psychoanalytische Technik aufgedeckt werden kann, warum muß 
dieser Sinn aller Evidenz zum Trotze immer wieder in die Formel 
der Wunscherfüllung gepreßt werden? Warum soll der Sinn dieses 
nächtlichen Denkens nicht so mannigfaUig sein können wie der des 
Denkens bei Tage, also der Traum das eine Mal einem erfüllten Wunsch 
entsprechen, das andere Mal, wie Sie selbst sagen, dem Gegenteil davon, 
einer verwirklichten Befürchtung, dann aber auch einen Voi^atz aus- 
drücken können, eine Warnung, eine Überlegung mit ihrem Für und 
Wider, oder einen Vorwurf, eine Gewissensmahaung, einen Versuch, 
sich für eine bevorstehende Leistung vorzubereiten usw? Warum 
gerade immer nur einen Wunsch oder höchstens noch sein Gegenteil? 
Man könnte meinen, eine Differenz in diesem Punkte sei nicht 
wichtig, wenn man sonst einig ist. Genug, daß wir den Sinn des 
Traumes und die ^e^^^ ihn zu erkennen, aufgefunden^ es tritt da- 
gegen zurück, wenn wir diesen Sinn zu enge bestimmt haben sollten; 
aber es ist nicht so. Ein Mißverständnis in diesem Punkte trifft das 
Wesen unserer Erkenntnis vom Traum und gefährdet dessen Wert 
für das Verständnis der Neurose. Auch ist jene Art von Entgegen- 



"5* 



rJ^^-- - - 



<228 VorlesuTjfren zur Einführung in die Psych oanalyse 

kommen, die im kaufmännischen Leben als „Kulanz" geschätzt wird, 
im wissenschaftlichen Betrieb nicht an ihrem Platze und eher schädhch. 

Meine erste Antwort auf die Frage, warum der Traum nicht im 
angegebeneu Sinn vieldeutig sein soll, lautet wie gewöhnlich in solchen 
Fällen: Ich weiß nicht, warum es nicht so sein soll. Ich hätte nichts 
dagegen. Meinetwegen sei es so. Nur eine Kleinigkeit widersetzt 
sich dieser breiteren und bequemeren Auffassung des Traumes, daß 
es nämlich in Wirklichkeit nicht so ist. Meine zweite Antwort wird 
betonen, daß die Annahme, der Traum entspreche mannigfaltigen 
Denkformen und intellektuellen Operationen, mir selbst nicht fremd 
ist. Ich habe einmal in einer Krankengeschichte einen Traum be- 
richtet, der drei Nächte hintereinander auftrat und dann nicht mehr, 
und habe dies Verhalten damit erklärt, daß der Traum einem Vor- 
satz entsprach, der nicht wiederzukehren brauchte, nachdem er aus- 
ffeführt worden war. Später habe ich einen Traum veröffentlicht, der 
einem Geständnis entsprach- Wie kann ich also doch widersprechen 
und behaupten, daß der Traum immer nur ein erfüllter Wunsch sei? 

Ich tue das, weil ich ein einfältiges Mißverständnis nicht zulassen 
will, welches uns die Frucht unserer Bemühung um den Traum 
kosten kann, ein Mißverständnis, das den Traum mit den latenten 
Traumgedanken verwechselt und von ihm etwas aussagt, was einzig 
und allein zu den letzteren gehört. Es ist närahch ganz richtig, daß 
der Traum all das vertreten und durch das ersetzt werden kann, was 
wir vorhin aufgezählt haben: einen Vorsatz, eine Warnung, Über- 
legung, Vorbereitung, einen Lösungsversuch einer Aufgabe usw. Aber 
wenn Sie richtig zusehen, erkennen Sie, daß dies alles nur von den 
latenten Traumgedanken gilt, die in den Traum umgewandelt worden 
sind. Sie erfahren aus den Deutungen der Träume, daß das unbewußte 
Denken der Menschen sich mit solchen Vorsätzen, Vorbereitungen, 
Überlegungen usw. beschäftigt, aus denen dann die Traumarbeit die 
Träume macht. Wenn Sie sich für die Traumarbeit derzeit nicht 
interessieren, für die unbewußte Denkarbeit des Menschen aber sehr 
interessieren, dann eliminieren Sie die Traumarbeit und sagen von 



XIF. Die Wunscherfiillung 229 

dem Traum praktisch ganz richtig aus, er entspreche einer Warntmg 
einem Vorsatz u. dgl. In der psychoanalytischen Tätigkeit trifft dieser 
Fall oft zu: Man strebt meist nur danach, die Traumform wieder zu 
zerstören und die latenten Gedanken, aus denen der Traum geworden 
ist, an seiner statt in den Zusammenhang einzufügen. 

So ganz nebenbei erfahren wir also aus der Würdigung der latenten 
Traumgedanken, daß alle die genannten, hoch komplizierten seelischen 
Akte iTnbewußt vor sich gehen können, ein ebenso großartiges wie 
verwirrendes Resultat! 

Aber um zurückzukehren, Sie haben nur recht, wenn Sie sich klar- 
machen, daß Sie sich einer abgekürzten Redeweise bedient haben, 
und wenn Sie nicht glaulien, daß Sie jene angeführte Mannigfaltig- 
keit auf das Wesen des Traumes beziehen müssen. Wenn Sie vom 
„Traum" sprechen, so müssen Sie entweder den manifesten Traum 
meinen, d. i. das Produkt der Traumarbeit, oder höchstens noch die 
Traumarbeit selbst, d. i. jenen psychischen Vorgang, der aus den latenten 
Traumgedanken den manifesten Traum formt. Jede andere Ver- 
" Wendung des Wortes ist Begriffsverwirrung, die nur Unheil stiften 
kann. Zielen Sie mit Ihren Behauptungen auf die latenten Gedanken 
hinter dem Traum, so sagen Sie es direkt und verhüllen Sie nicht 
das Problem des Traumes durch die lockere Ausdrucks weise, deren 
Sie sich bedienen. Die latenten Traumgedanken sind der Stoff, den 
die Traumarbeit zum manifesten Traum umbildet. Warum wollen 
Sie durchaus den Stoff mit der Arbeit verwechseln, die ihn formt? 
Haben Sie dann etwas vor jenen voraus, die nur das Produkt der 
Arbeit kannten und sich nicht erklären Iconnten, woher es stammt 
und wie es gemacht wird? 

Das einzig Wesentliche am Traum ist die Traumarbeit, die auf 
den Gedankenstoff eingewirkt hat. Wir haben kein Recht, uns in der 
Theorie über sie hinwegzusetzen, wenn wir sie auch in gewissen 
praktischen Situationen vernachlässigen dürfen. Die analytische Be- 
obachtung zeigt denn auch, daß die Traumarbeit sich nie darauf 
beschränkt, diese Gedanken in die Ihnen bekannte archaische oder 



050 /Vorlesungen zur Einführu»g in die Psychoanalxse 



regressive Ausdrucksweise zu übersetzen. Sondern sie nimmt regel- 
mäßig etwas hinzu, was nicht zu den latenten Gedanken des Tages 
gehört, was aber der eigentliche Motor der Traumbildung ist. Diese 
unentbehrliche Zutat ist der gleichfalls unbewußte Wunsch, zu dessen 
EriüUung der Tranminhalt umgebildet wird. Der Traum mag also 
alles mögliche sein, insoweit Sie nur die durch ihn vertretenen 
Gedanken berücksichtigen, Warnung, Vorsatz, Vorbereitung usw.; 
er ist immer auch die Erfüllung eines unbewußten Wunsches, und 
er ist nur dies, wenn Sie ihn als Ergebnis der Traumarbeit betrachten. 
Ein Traum ist also auch nie ein Vorsatz, eine Warnung schlechtweg, 
sondern stets ein Vorsatz u. dgl., mit Hilfe eines unbewußten Wunsches 
In die archaische Ausdrucks weise übersetzt und zur Erfüllung dieser 
Wünsche umgestaltet. Der eine Charakter, die Wunsch erfüllung, ist 
der konstante; der andere mag variieren; er kann seinerseits auch em 
Wunsch sein, so daß der Traum einen latenten Wunsch vom Tage 
mit Hilfe eines unbewußten Wunsches als erfüllt darstellt. 

Ich verstehe das alles sehr gut, aber ich weiß nicht, ob es mir 
gelungen ist, es auch für Sie verständlich zu machen. Auch habe ich 
Schwierigkeiten, es Ihnen zu beweisen. Das geht einerseits nicht ohne 
die sorgfältige Analyse vieler Träume, und anderseits ist dieser heikelste 
und bedeutsamste Punkt unserer Auffassung des Traumes nicht ohne 
Beziehung auf Späteres Überzeugend darzustellen. Können Sie es über- 
haupt glauben, daß man hei dem innigen Zusammenhang aller Dmge 
sehr tief in die Natur des einen eindringen kann, ohne sich um andere 
Dinge von ähnlicher Natur bekümmert zu haben? Da wir von den 
nächsten Ver\vandten des Traumes, von den neurotischen Symptomen, 
noch nichts wissen, müssen wir uns auch hier bei dem Erreichten 
bescheiden. Ich will nur noch ein Beispiel vor Ihnen erläutern und 
eine neue Betrachtung anstellen. 

Nehmen wir wieder jenen Traum vor, zu dem wir schon mehr- 
mals zurückgekehrt sind, den Traum von den 3 Theaterkarten für 
1 fl. 50. Ich kann Ihnen versichern, daß ich ihn zuerst absichtslos 
als Beispiel aufgegriffen habe. Die latenten Traumgedanken kennen 



XIV. Die WuTi scher füllung 251 

Sie. Ärger, daß sie sich mit dem Heiraten so beeilt hatte bei der 
Nachricht, daß ihre Freundin sich erst jetzt verlobt hatj Gering- 
schätzung ihres Mannes, die Idee, daß sie einen besseren bekommen, 
wenn sie nur gewartet hätte. Den Wunsch, der aus diesen Gedanken 
einen Traum gemacht hat, kennen wir auch bereits, es ist die Schau- 
lust ins Theater gehen zu können, sehr wahrscheinlich eine Ab- 
zweigung der alten Neugierde, endlich einmal zu erfahren, was denn 
vorgeht, wenn man verheiratet ist. Diese Neugierde richtet sich bei 
Kindern bekanntlich regelmäßig auf das Sexualleben der Eltern, ist 
also eine infantile, \m.d soweit sie später noch vorhanden ist, eine mii 
ihren Wurzeln ins Infantile reichende Triebregung. Aber zur Er- 
weckung dieser Schaulust gab die Nachricht vom Tage keinen An- 
laß bloß zum Ärger und zur Reue. Zu den latenten Traumgedanken 
gehörte diese ^¥unschregung zunächst nicht, und wir konnten das 
Ergebnis der Traumdeutung in die Analyse einreihen, ohne auf sie 
Rücksicht zu nehmen. Der Ärger war auch an sich nicht traumfähig; 
ein Traum konnte aus den Gedanken: Es war ein Unsinn, so früh 
zu heiraten, nicht eher werden, als bis von ihnen aus der alte Wunsch, 
endlich einmal zu sehen, was beim Heiraten vorgeht, erweckt worden 
war. Dann formte dieser Wunsch den Trauminhalt, indem er das 
Heiraten durch Ins-Theater-Gehen ersetzte, und gab ilim die Form 
einer früheren Wunscherfüllung: So, ich darf ins Theater gehen und 
alles Verbotene ansehen und du darfst es nicht; ich bin verheiratet, 
und du mußt warten. Auf solche Weise wurde die gegenwärtige 
Situation in ihr Gegenteil verwandelt, ein alter Triumph an die Stelle 
der rezenten Niederlage gesetzt. Nebenbei eine Schaulustbefriedigung 
mit einer egoistischen Ronkurrenzbefriedigung verquickt. Diese Be- 
friedigung bestimmt nun den manifesten Trauminhalt, in dem es 
wirklich heißt, daß sie im Theater sitzt, während die Freundin nicht 
Einlaß finden konnte. Als unpassende und unverständliche Modifikation 
sind dieser Befriedigungssituation jene Stücke des Trauminhalts auf- 
gesetzt, hinter welchen sich die latenten Traumgedanken noch ver- 
bergen. Die Traumdeutung hat von allem abzusehen, was zur Dar- 



232 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Stellung der Wunscherfüllung dient, und aus jenen Andeutungen die 
peinlichen latenten Traumgedanken wiederherzustellen. 

Die eine Betrachtung^ die ich vorbringen will, soll Ihre Aufmerk- 
samkeit auf die jetzt in den Vordergrund gerückten latenten Traum- 
gedanken einstellen. Ich bitte Sie, nicht zu vergessen, daß sie erstens 
dem Träumer unbewußt, zweitens vollkommen verständig und zu- 
sammenhängend sind, so daß sie sich als begreifliche Reaktionen auf 
den Traumanlaß verstehen lassen, drittens, daß sie den Wert einer 
beliebigen seelischen Regung oder intellektuellen Operation haben 
können. Ich werde diese Gedanken jetzt strenger als vorhin „Tages- 
reste" heißen, der Träumer mag sich zu ihnen bekennen oder nicht. 
Ich sondere jetzt Tagesreste und latente Traum gedenken, indem ich 
im Einklang mit unserem früheren Gebrauch als latente Traumge- 
danken alles bezeichne, was wir bei der Deutung des Traumes er- 
fahren, während die Tagesreste nur ein Teil der latenten Traumge- 
danken sind. Dann geht unsere Auffassung eben dahin, zu den Tages- 
resten ist etwas hinzugekommen, etwas, was auch dem Unbewußten 
angehörte, eine starke, aber verdrängte Wunschregung, und diese 
allein ist es, die die Traumbildung ermöglicht hat. Die Einwirkung 
dieser Wunschregung auf die Tagesreste schafft den weiteren Anteil 
der latenten Traumgedanken, jenen, der nicht mehr rationell und 
aus dem Wachleben begreiflich erscheinen muß. 

Für das Verhältnis der Tagesreste zu dem unbewußten Wunsch 
habe ich mich eines Vergleiches bedient, den ich hier nur wieder- 
holen kann. Bei jeder Unternehmung bedarf es eines Kapitalisten, der 
den Aufwand bestreitet, und eines Unternehmers, der die Idee hat 
und sie auszuführen versteht. Die Rolle des Kapitalisten spielt für die 
Traumbildung immer nur der unbewußte Wunsch; er gibt die psy- 
chische Energie für die Traumbildung abj der Unternehmer ist der 
Tagesrest, der über die Verwendung dieses Aufwandes entscheidet. 
Nun kann der Kapitahst selbst die Idee und die Sachkenntnis haben 
oder der Unternehmer selbst Kapital besitzen. Das vereinfacht die 
praktische Situation, erschwert aber ihr theoretisches Verständnis. In 



XIP'. Die Wunscherfiillun^ 



233 



der Volkswirtschaft "wird man immer wieder die eine Person in ihre 
beiden Aspekte als Kapitalist und als Unternehmer zerlegen und so- 
mit die Grundsituation, von der unser Vergleich ausgegangen ist 
wiederherstellen. Bei der Traumbildung kommen dieselben Varia- 
tionen vor, deren weitere Verfolgung ich Ihnen überlasse. 

Weiter können wir hier nicht gehen, denn Sie sind wahrschein- 
lich schon längst durch ein Bedenken gestört worden, das angehört 
zu werden verdient. Sind die Tagesreste, fragen Sie, wirklich in dem- 
selben Sinne unbewußt wie der unbewußte Wunsch, der hinzu- 
kommen muß, urai sie traumfähig zu machen? Sie ahnen richtig. 
Hier liegt der springende Punkt der ganzen Sache. Sie sind nicht un- 
bewußt in demselben Sinne. Der Traumwunsch gehört einem anderen 
Unbewußten an, jenem, das wir als infantiler Herkunft, mit beson- 
deren Mechanismen ausgestattet, erkannt haben. Es wäre durchaus 
angebracht, diese beiden Weisen des Unbewußten durch verschiedene 
Bezeichnungen voneinander zu sondern. Aber wir wollen doch lieber 
damit warten, bis wir uns mit dem Erscheinungsgebiet der Neurosen 
vertraut gemacht haben. Hält man uns doch das eine Unbewußte als 
phantastisch vor^ was wird man erst sagen, wenn wir bekennen, daß 
wir erst bei zweierlei Unbewußtem unser Auslangen finden? 

Brechen wir hier ab. Sie haben wiederum nur Unvollständiges ge- 
hört; aber ist es nicht hoffnungsvoll zu denken, daß dieses Wissen 
eine Fortsetzung hat, die entweder wir selbst oder andere nach uns 
zutage fördern werden? Und haben wir selbst nicht Neues und 
Überraschendes genug erfahren? 



XV. VORLESUNG 

UNSICHERHEITEN UND KRITIKEN 

Meine Damen und Herren! Wir wollen das Gebiet des Traumes 
doch nicht verlassen, ohne die gewöhnlichsten Zweifel und Unsicher- 
heiten zu behandeln, die sich an unsere bisherigen Neuheiten und 
Auffassungen geknüpft haben. Einiges Material hierzu werden auf- 
merksame Hörer unter Ihnen bei sich selbst zusammengetragen haben. 
1 . Es mag ihr Eindruck geworden sein, daß die Resultate unserer 
Deutungsarbeit am Traume trotz korrekter Einhaltung der Technik 
so viel Unbestimmtheiten zulassen, daß dadurch eine sichere Über- 
setzung des manifesten Traumes in die latenten Traumgedanken doch 
vereitelt wird. Sie werden dafür anführen, daß man erstens nie weiß, 
ob ein bestimmtes Element des Traumes im eigentlichen Sinne oder 
symbolisch zu verstehen ist, denn die als Symbole verwendeten Dinge 
hören darum doch nicht auf, sie selbst zu sein. Hat man aber keinen 
objektiven Anhalt, um^ dies zu entscheiden, so bleibt die Deutung in 
diesem Punkte der Willkür des Traumdeuters überlassen. Ferner ist 
es infolge des Zusammenfallens von Gegensätzen bei der Traumarbeit 
jederzeit unbestimmt gelassen, ob ein gewisses Traumelement im 
positiven oder im negativen Sinne, als es selbst oder als sein Gegen- 
teil verstanden werden soll. Eine neue Gelegenheit zur Betätigung 
der Willkür des Deutenden. Drittens steht es dem Traumdeuter in- 
folge der im Traume so beliebten Umkehrungen jeder Art frei, an 



X^, Unsicherheiten und Kritiken 325 



ihm beliebigen Stellen des Traumes eine solche Umkehrung vorzu- 
nehmen. Endlich werden Sie sich darauf berufen, gehört zu haben, 
daß man selten sicher ist, die gefundene Deutung des Traumes sei 
die einzig mögliche. Man läuft Gefahr, eine durchaus zulässige Über- 
deutung desselben Traumes zu übersehen. Unter diesen Umständen, 
werden Sie schließen, bleibt der Willkür des Deuters ein Spielraum 
eingeräumt, dessen Weite mit der objektiven Sicherheit der Resul- 
tate unverträglich scheint. Oder sie können auch annehmen, der 
Fehler liege nicht am Traume, sondern die Unzulänglichkeiten un- 
serer Traumdeutung ließen sich auf Unrichtigkeiten unserer Auf- 
fassungen und Voratissetzungen zurückführen. 

All Ihr Material ist untadelig gut, aber ich glaube, es rechtfertigt 
nicht Ihre Schlüsse nach den beiden Richtungen, daß die Traum- 
deutung, wie wir 'sie betreiben, der Willkür preisgegeben ist, und 
daß die Mängel der Ergebnisse die Berechtigung unseres Verfahrens 
in Frage stellen. Wenn Sie anstatt der Willkür des Deuters einsetzen 
wollen: der Geschicklichkeit, der Erfahrung, dem Verständnis des- 
selben, so pflichte ich Ihnen bei. Ein solches persönliches Moment 
werden wir freilich nicht entbehren können, zumal nicht bei schwie- 
rigeren Aufgaben der Traumdeutung. Das ist aber bei anderen wissen- 
schaftlichen Betrieben auch nicht anders. Es gibt kein Mittel, um 
hintanzuhalten, daß der eine eine gewisse Technik nicht schlechter 
handhabe oder nicht besser ausnütze als ein anderer. Was sonst, z. B. 
hei der Deutung der Symbole, als Willkür imponiert, das wird da- 
durch beseitigt, daß in der Regel der Zusammenhang der Traumge- 
danken untereinander, der des Traumes mit dem Leben des Träumers 
und die ganze psychische Situation, in welche der Traum fällt, von 
den gegebenen Deutungsmöglichkeiten die eine auswählt, die anderen 
als unbrauchbar zurückweist. Der Schluß aus den UnvoUkommen- 
heiten der Traumdeutung auf die Unrichtigkeit unserer Aufstellungen 
wird aber durch eine Bemerkung entkräftet, welche die Mehrdeutig- 
keit oder Unbestimmtheit des Traumes vielmehr als eine notwendig 
zu erwartende Eigenschaft desselben erweist. 



236 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Erinnern wir uns daran, daß wir gesagt haben, die Traumarbeit 
nehme eine Übersetzung der Traumgedanken in eine primitive, der 
Bilderschrift analoge Ausdrucksweise vor. Alle diese primitiven Aus- 
druckssysteme sind aber mit solchen Unbestimmtheiten und Zwei- 
deutigkeiten behaftet, ohne daß wir darum ein Recht hätten, deren 
Gebrauchsfähigkeit anzuzweifeln. Sie wissen, das Zusammenfallen der 
Gegensätze bei der Traumarbeit ist analog dem sogenannten „Gegen- 
sinn der Urworte" in den ältesten Sprachen. Der Sprachforscher 
K, Abel (1884), dem wir diesen Gesichtspunkt verdanken, ersucht 
uns, ja nicht zu glauben, daß die Mitteilung, welche eine Person der 
anderen mit Hilfe so ambivalenter Worte machte, darmn eine zwei- 
deutige gewesen sei. Ton und Geste müssen es vielmehr im Zu- 
sarmnenhang der Rede ganz unzweifelhaft gemacht haben, welchen 
der beiden Gegensätze der Sprecher zur Mitteilung im Sinne hatte. 
In der Schrift, wo die Geste entfällt, wurde sie durch ein hinzu- 
gesetztes, zur Aussprache nicht bestimmtes Bildzeichen ersetzt, z. B. 
durch das Bild eines lässig hockenden oder eines stramm dastehenden 
Männchens, je nachdem das zweideutige ken der Hieroglyphenschnft 
„schwach" oder „stai'k" bedeuten sollte. So wurde trotz der Mehrdeu- 
tigkeit der Laute und der Zeichen das Mißverständnis vermieden. 

Die alten Ausdruckssysteme, z. B. die Schriften jener ältesten 
Sprachen, lassen uns eine Anzahl von Unbestinimtheiten erkennen, die 
wir in unserer heutigen Schrift nicht dulden würden. So werden in 
manchen semitischen Schriften nur die Konsonanten der Worte be- 
zeichnet. Die weggelassenen Vokale hat der Leser nach seiner Kenntnis 
und nach dem Zusammenhange einzusetzen. Nicht ganz so, aber recht 
ähnlich verfährt die Hieroglyphenschrift, weshalb uns die Aussprache 
des Altäg}'ptischen unbekannt geblieben ist. Die heilige Schrift der 
Ägypter kennt noch andre Unbestimmtheiten. So ist es z.B. der Will- 
kür des Schreibers überlassen, ob er die Bilder von rechts nach links 
oder von links nach rechts aneinanderreihen will. Um lesen zu können, 
muß man sich an die Vorschrift halten, daß man auf die Gesichter 
der Figuren, Vögel u. dgl. hin zu lesen hat. Der Schreiber konnte 



XV. Unsicherheilen und Kritiken 357 



aber auch die Bilderzeicheu iu Vertikalreihen anordnen, und bei In- 
schriften an kleineren Objekten heß er sich durch Rücksichten der 
Gefälligkeit und der Raumausfüllung bestimmen, die Folge der Zeichen 
noch anders abzuändern. Das Störendste an der Hieroglyphenschrift 
ist wohl, daß sie eine Worttrennung nicht kennt. Die Bilder laufen 
in gleichen Abständen voneinander über die Seite, und man kann 
im allgemeinen nicht wissen, ob ein Zeichen noch zum vorstehenden 
geliört oder den Anfang eines neuen Wortes macht. In der persischen 
Keilschrift dient dagegen ein schräger Keil als „Wortteiler". 

Eine überaus alte, aber heute noch von 400 Millionen gebrauchte 
Sprache und Schrift ist die chinesische. Nehmen Sie nicht an, daß ich 
etwas von ihr verstehe; ich habe mich nur über sie instruiert, weil 
ich Analogien zu den Unbestimmtheiten des Traumes zu finden hoffte. 
Meine Erwartung ist auch nicht getäuscht worden. Die chinesische 
Sprache ist voll von solchen Unbestimmtheiten, die uns Schrecken 
einjagen können. Sie besteht bekanntlich aus einer Anzahl von SU- 
benlauten, die für sich allein oder zu zweien kombiniert gesprochen 
werden. Einer der Hauptdialekte hat etwa 400 solcher Laute. Da nun 
der Wortschatz dieses Dialekts auf etwa 4000 Worte berechnet wird, 
ergibt sich, daß jeder Laut im Durchschnitt zehn verschiedene Be- 
deutungen hat, einige davon weniger, aber andere dafür um so mehr. 
Es gibt dann eine ganze Anzahl von Mitteln, um der Vieldeutigkeit 
zu entgehen, da man nicht aus dem Zusammenhang allein erraten 
kann, welche der zehn Bedeutungen des Silbenlautes der Sprecher 
beim Hörer zu erwecken beabsichtigt. Darunter ist die Verbindung 
zweier Laute zu einem zusammengesetzten Wort und die Vervt-^en- 
dung von vier verschiedenen „Tönen", mit denen diese Silben ge- 
sprochen werden. Für unsere Vergleichung ist der Umstand noch 
interessanter, daß es in dieser Sprache so gut wie keine Grammatik 
gibt. Mau kann von keinem der einsilbigen Worte sagen, ob es Haupt-, 
Zeit-, Eigenschaftswort ist, und es fehlen alle Abänderungen der Worte, 
durch welche man Geschlecht, Zahl, Endung, Zeit oder Modus er- 
kennen könnte. Die Sprache besteht also sozusagen nur aus dem Roh- 



238 Vorlesungen zur Einführunf^ in die Ps^ychonnalyse 

material, ähnlich wie unsere Denksprache durch die Traumarbeit in 
ihr Rohmaterial unter Hinweglassung des Ausdrucks der Relationen 
aufgelöst wird. Im Chinesischen wird in allen Fällen von Unbestimmt- 
heit die Entscheidung dem Verständnis des Hörers überlassen, der sich 
dabei vom Zusammenhange leiten läßt. Ich habe mir ein Beispiel eines 
chinesischen Sprichwortes notiert, das wörtlich übersetzt lautet; 

Wenig was sehen viel was wunderbar. 
Das ist nicht schwer zu verstehen. Es mag heißen: Je weniger einer 
gesehen hat, desto mehr findet er zu bewiuidern, oder: Vieles gibt's 
zu bewundern für den, der wenig gesehen hat. Eine Entscheidung 
zwischen diesen nur grammatikalisch verschiedenen Übersetzungen 
kommt natürlich nicht in Betracht. Trotz dieser Unbestimmtheiten, 
wird uns versichert, ist die chinesische Sprache ein ganz ausgezeich- 
netes Mittel des Gedankenausdrucks. Die Unbestimmtheit muß also 
nicht notwendig zur Vieldeutigkeit führen. 

Nun müssen wir freilich zugestehen, daß die Sachlage für das Aus- 
druckssystem^ des Traumes weit ungünstiger liegt als für alle diese 
alten Sprachen und Schriften. Denn diese sind doch im Grunde zur 
Mitteilung bestimmt, d. h. darauf berechnet, auf welchen Wegen und 
mit welchen Hilfsmitteln immer verstanden zu werden. Gerade dieser 
Charakter geht aber dem Traume ab. Der Traum will niemandem et- 
was sagen, er ist kein Vehikel der Mitteilung, er ist im Gegenteile 
darauf angelegt, unverstanden zu bleiben. Darum dürften wir uns 
nicht verwundern und nicht irre werden, wenn sich herausstellen 
sollte, daß eine Anzahl von Vieldeutigkeiten und Unbestimmtheiten 
des Traunnes der Entscheidung entzogen bleibt. Als sicherer Gewmo 
unserer Vergleichung bleibt uns nur die Einsicht, daß solche Unbe- 
stimmtheiten, wie man sie als Einwand gegen die Triftigkeit unserer 
Traumdeutungen verwerten wollte, vielmehr regelmäßige Charak- 
tere aller primitiven Ausdruckssysteme sind. 

Wie weit die Verständlichkeit des Traumes in Wii-klichkeit reicht, 
läßt sich nur durch Übung und Erfahrung feststellen. Ich meine, sehr 
weit, und die Vergleichung der Resiütate, welche sich korrekt ge- 



XF". Unsicherheiten und Kritihen ^^q 



schulten Analytikern ergeben, bestätigt meine Ansicht. Das Laien- 
publikunij aiich das wissenschaftliche Laienpublikum, gefällt sich be- 
kanntlich darin, angesichts der Schwierigkeiten und Unsicherheiten 
einer wissenschaftlichen Leistung mit übei-legenei' Skepsis zu prunken. 
Ich meine, mit Unrecht. Es ist Ihnen vielleicht nicht allen bekannt, 
daß sich eine ähnliche Situation in der Geschichte der Entzifferung 
der babylonisch-assyrischen Inschriften ergeben hat. Da gab es eine 
Zeit, zu welcher die öffentliche Meinung weit darin ging, die Keil- 
schriftentzifferer für Phantasten und diese ganze Forschung für einen 
„Schwindel" zu erklären. Im Jahre 1857 machte aber die Royal Asiatic 
Society eine entscheidende Probe. Sie forderte vier der angesehensten 
Keilschriftforscher, Rawlinson, Hincks, Fox Talbot und Op- 
pert, auf, ihr von einer neugefundenen Inschrift unabhängige Über- 
setzungen im versiegelten Kuvert einzusenden, und konnte nach der 
Vergleichung der vier Lesungen verkünden, die Übereinstimmung 
derselben gehe weit genug, um das Zutrauen in das bisher Erreichte 
und die Zuversicht auf weitere Fortschritte zu rechtfertigen. Der Spott 
der gelehrten Laienwelt nahm dann allmählich ein Ende, und die 
Sicherheit in der Lesung der Keilschriftdokumente ist seither aui3er- 
ordentlich gewachsen. 

2. Eine zweite Reihe von Bedenken hängt tief an dem Eindruck, 
von dem wohl auch Sie nicht frei geblieben sind, daß eine Anzahl 
von Lösungen der Traumdeutung, zu denen wir uns genötigt sehen, 
gezwungen, erkünstelt, an den Haaren herbeigezogen, also gewaltsam 
oder selbst komisch und witzelnd erscheinen. Diese Äußerungen sind 
so häufig, daß ich aufs Geratewohl die letzte, von der mir Kunde ge- 
worden ist, herausgreifen will. Hören Sie also: In der freien Schweiz 
ist kürzlich ein Seminardirektor wegen Beschäftigung mit der Psycho- 
analyse seiner Stellung enthoben worden. Er hat Einspruch erhoben, 
und eine Berner Zeitung hat das Gutachten der Schulbehörde über 
ihn zur Öffentlichen Kenntnis gebracht. Aus diesem Schriftstück ziehe 
ich einige Sätze, die sich auf die Psychoanalyse beziehen, aus; „Ferner 
überrascht das Gesuchte und Gekünstelte in vielen Beispielen, die sich 



340 Forlesu-n^en zur Einführung in die Psychoanalyse 

auch in dem angeführten Buche von Dr. Pfister in Zürich vorfinden 

Es müßte also eigenthch übexTaschen, daß ein Semiuardirektor alle 
diese Behauptungen und Scheinbeweise kritiklos entgegennimmt." 
Diese Sätze werden als die Entscheidung eines „ruhig Urteilenden" 
hingestellt. Ich meine vielmehr, diese Ruhe ist „erkünstelt". Treten 
wir diesen Äußerungen in der Erwartung näher, daß etwas Nach- 
denken und etwas Sachkenntnis auch einem ruhigen Urteil keinen 
Nachteil bringen kann. 

Es ist wahrhaft erfrischend zu sehen, wie rasch und unbeirrt je- 
mand in einer heiklen Frage der Tiefenpsychologie nach seinen ersten 
Eindrücken urteilen kann. Die Deutungen erscheinen ihm gesucht 
und gezwungen, sie gefallen ihm nicht, also sind sie falsch und die 
ganze Deuterei taugt nichts ^ nicht einmal ein flüchtiger Gedanke 
streift an die andere Möglichkeit, daß diese Deutungen aus guten 
GiTinden so erscheinen müssen, woran sich die weitere Frage knüpfen 
w^rde, welches diese guten Gründe sind. 

Der beurteilte Sachverhalt bezieht sich wesentlich auf die Ergeb- 
nisse der Verschiebung, die Sie als das stärkste Mittel der Traumzen- 
sur kennengelernt haben. Mit Hilfe der Verschiebung schafft die 
Traumzensur Ersatzbildungen, die wir als Anspielungen bezeichnet 
haben. Es sind aber Anspielungen, die als solche nicht leicht zu er- 
kennen sind, von denen der Rückweg zum Eigentlichen nicht leicht 
auffindbar ist, und die mit diesem Eigentlichen durch die sonderbarsten, 
ungebräuchlichsten, äußerlichen Assoziationen in Verbindung stehen. 
In all diesen Fällen handelt es sich aber um Dinge, die versteckt 
werden sollen, die zur Verheimlichung bestimmt sind; dies will ja 
die Traumzensur erreichen. Etwas, das versteckt worden ist, darf man 
aber nicht an seinem Orte, an der ihm zukommenden Stelle, zu finden 
erwarten. Die heute amtierenden Grenzüberwachungskommissionen 
sind in dieser Hinsicht schlauer als die Schweizer Schulbehörde. Sie 
begnügen sich bei der Suche nach Dokumenten und Aufzeichnungen 
nicht damit, in Mappen und Brieftaschen nachzusehen, sondern sie 
ziehen die Möglichkeit in Betracht, daß die Spione und Schmuggler 



r^TTKr^rr^TT 



XF. Unsicherheiten und Kriiikeii 241 



solche verpöriLe Dinge an den verborgensten Stellen ihrer Kleidune- 
tragen könnten, wo sie entschieden nicht hingehören^ wie z. B. zwi- 
schen den. doppelten Sohlen ihrer Stiefel. Finden sich die verheim- 
lichten Dinge dort, so waren sie allerdings sehr gesucht, aber auch 
sehr — gefunden. 

Wenn wir die entlegensten, sonderbarsten, bald komisch, bald 
witzig erscheinenden Verknüpfungen zwischen einem latenten Traum- 
element und seinem manifesten Ersatz als möglich anerkennen, so 
folgen wir dabei reichlichen Erfahrungen an Beispielen, deren Auf- 
lösung wir in der Regel nicht selbst gefunden haben. Es ist oft nicht 
möglich, solche Deutungen aus Eigenem zu geben^ kein sinniger 
Mensch könnte die vorliegende Verknüpfung erraten. Der Träumer 
gibt uns die Übersetzung entweder mit einem Schlage durch seinen 
direkten Einfall — er kann es ja, denn bei ihm hat sich diese Ersatz- 
bildung hergestellt, — oder er liefert uns so viel Material, daß die 
Lösung keinen besonderen Scharfsinn mehr fordert, sondern sich wie 
notwendig aufdrängt. Hilft uns der Träumer nicht auf eine dieser beiden 
Weisen, so bleibt uns das betreffende manifeste Element auch ewig un- 
verständlich. Gestatten Sie, daß ich Ihnen noch ein solches kürzlich er- 
lebtes Beispiel nachtrage. Eine meiner Patientinnen hat während der 
Behandlung ihren Vater verloren. Sie bedient sich seitdem jedes An- 
lasses, um ihn im Traume wieder zu beleben. In einem ihrer Träume 
kommt der Vater in einem gewissen, weiter nicht verwertbaren Zusam- 
menhange vor und sagt : Es ist ein Viertel zwölf, es ist halb zwölf, 
es ist drei Viertel zwölf. Zur Deutung dieser Sonderbarkeit stellte 
sich nur der Einfall ein, daß der Vater es gerne gesehen hatte, wenn 
die erwachsenen Kinder die gemeinschaftliche Speisestunde pünktHch 
einhielten. Das hing gewiß mit dem Traumelement zusammen, ge- 
staltete aber keinen Schluß auf dessen Herkunft. Es bestand ein durch 
die damalige Situation der Kur gerechtfertigter Verdacht, daß eine 
sorgfältig unterdrückte, kritische Auflehnung gegen den geliebten 
und verehrten Vater ihren Anteil an diesem Traum hätte. In weiterer 
Verfolgung ihrer Einfälle, anscheinend weit vom Traum entfernt, 

Freud, VII. . ,5 



343 Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



erzählt die Träumerin, gestern sei in ihrer Gegenwart viel Psycho- 
logisches besprochen worden, und ein Verwandter habe die Äußerung 
getan: Der Urmensch lebt in uns allen fort. Jetzt glauben wir zu 
verstehen. Das gab eine ausgezeichnete Gelegenheit für sie, den ver- 
storbenen Vater wieder einmal fortleben zu lassen. Sie machte ihn 
also im Traum zum Uhr menschen, indem sie ihn die Viertelstunden 
der Mittagszeit ansagen heß. 

Sie werden an diesem Beispiel die Ähnlichkeit mit einem Witz 
nicht von sich weisen können, und es ist wirklich oft genug vorge- 
kommen, daß man den Witz des Träumers für den des Deuters ge- 
halten hat. Es gibt noch andere Beispiele, in denen es gar nicht leicht 
wird zu entscheiden, ob man es mit einem Witz oder einem Traum 
zu tun hat. Sie erinnern sich aber, daß uns der nämliche Zweifel bei 
manchen Fehlleistungen des Versprechens gekommen ist. Ein Mann 
erzählt als seinen Traum, sein Onkel habe ihm, während sie in dessen 
Auto (mobU) saßen, einen Kuß gegeben. Er fügt selbst sehr rasch 
die Deutung hinzu. Es bedeutet: Autoerotismus (ein Terminus 
aus der Libidolehre, der die Befriedigung ohne fremdes Objekt be- 
zeichnet). Hat sich nun der Mann einen Scherz mit uns erlaubt und 
einen Witz, der ihm eingefallen ist, für einen Traum ausgegeben? 
Ich glaube es nicht; er hat wirklich so geträumt. Woher kommt aber 
diese verblüffende Ähnlichkeit? Diese Frage hat mich seinerzeit ein 
Stück von meinem Wege abgeführt, indem sie mir die Notwendig- 
keit auferlegte, den Witz selbst einer eingehenden Untersuchung zu 
unterziehen. Es hat sich dabei für die Entstehung des Witzes ergeben, 
daß ein vorbewußter Gedankengang für einen Moment der unbe- 
wußten Bearbeitung überlassen wird, aus welcher er dann als Witz 
auftaucht. Unter dem Einfluß des Unbewußten erlahrt er die Ein- 
wirkung der dort waltenden Mechanismen, der Verdichtung und der 
Verschiebung, also derselben Vorgänge, die wir bei der Traumarbeit 
beteihgt fanden, und dieser Gemeinsamkeit ist die Ähnlichkeit von 
Witz und Traum, wo sie zustande kommt, zuzuschreiben. Vom Lust^ 
gewinn des Witzes bringt der unbeabsichtigte „Traumwitz aber 



XF. Unsicherheiten und Kritiken „ . , 
^4o 



nichts mit. Warum, mag Sie die Vertiefung in das Studium des Witzes 
lehren. Der ,,Traumvvitz" erscheint uns als schlechter Witz, er macht 
uns nicht lachen, läßt uns kalt. 

Wir treten dabei aber auch in die Fußstapfen der antiken Traum- 
deutung, die uns neben vielem Unbrauchbaren manches gute Beispiel 
einer Traumdeutung hinterlassen hat, welches wir selbst nicht zu 
übertreffen wüßten. Ich erzähle Ihnen nun einen historisch bedeut- 

samenTraum, den mit gewissen Abweichungen PI utarch und Art e- 
midorus aus Daldis von Alexander dem Großen berichten. Als der 
König mit der Belagerung der hartnäckig verteidigten Stadt Tyrus 
beschäftigt war (520 v. Chr.), träumte er einmal, er sehe einen tan- 
zenden Satyr. Der Traumdeuter Aristandros, der sich beim Heere 
befand, deutete ihm diesen Traum, indem er das Wort „Satyros" in 
ad TvQog (dein ist Tyrus) zerlegte und ihm darum den Triumph über 
die Stadt versprach. Alexander ließ sich durch diese Deutung be- 
stimmen, die Belagerung fortzusetzen, und nahm endlich Tyrus ein. 
Die Deutung, die gekünstelt genug aussieht, war unzweifelhaft die 
richtige. 

5. Ich kann mir vorstellen, daß es Ihnen einen besonderen Ein- 
druck machen wird zu hören, daß Einwendungen gegen unsere Auf- 
fassung des Traumes auch von solchen Personen erhoben worden sind, 
die sich selbst längere Zeit als Psychoanalytiker mit der Deutung von 
Träumen beschäftigt haben. Es wäre zu ungewöhnlich gewesen, daß 
ein so reichhaltiger Anreiz zu neuen Irrtümern ungenützt geblieben 
wäre, und so haben sich durch begriffliche Verwechslungen und un- 
berechtigte Verallgemeinemngen Behauptungen ergeben, die hinter 
der medizinischen Auffassung des Traumes au Unrichtigkeit nicht 
weit zurückstehen. Die eine davon kennen Sie bereits. Sie sagt aus, 
daß sich der Traum mit Anpassungsversuchen an die Gegenwart und 
Lösungsversuchen der Zukunftsaufgaben beschäftige, also eine „pro- 
spektive Tendenz" verfolge (A. Maeder). Wir haben bereits ange- 
führt, daß diese Behauptung auf Verwechslung des Traumes mit den 
latenten Traumgedanken beruht, also das Übersehen der Traumarbeit 



■6' 



344 Forlesungen zur Einführung in die P':ychoanalyse 



zur Voraussetzung hat. Als Charakteristik der unbewußten Geistes- 
tätigkeit, der die latenten Traumgedanken angehören, ist sie einerseits 
keine Neuheit, anderseits nicht erschöpfend, denn die unbewußte 
Geisteslätigkeit beschäftigt sich mit vielem anderen neben der Vor- 
bereitung der Zukunft. Eine weit ärgere Verwechslung scheint der 
Versicherung zugrunde zu liegen, daß man hinter jedem Traum die 
„Todesklausel" finde. Ich weiß nicht genau, was diese Formel besagen 
will, aber ich vermute, hinter ihr steckt die Verwechslung des Traumes 
mit der ganzen Persönlichkeit des Träumers. 

Eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung aus wenigen guten Bei- 
spielen liegt in dem Satze, daß jeder Traum zwei Deutungen zulasse, 
eine solche, wie wir sie aufgezeigt haben, die sogenannte psychoana- 
lytische, und eine andere, die sogenannte anagogische, welche von 
den Triebregnngen absieht und auf eine Darstellung der höheren 
Seelenleistungen hinzielt (H. Silb erer.) Es gibt solche Träume, aber 
Sie werden diese Auffassung vergcbUch auch nur auf eine Mehrzahl 
der Träume auszudehnen versuchen. Ganz unbegreiflich wird Ihnen 
nach allem, was Sie gehört haben, die Behauptung erscheinen, daß 
alle Träume bisexuell zu deuten seien, als Zusammentreffen einer 
männhchen mit einer weibhch zu nennenden Strömung (A. Adler). 
Es gibt natülich auch einzelne solche Träume, und Sie könnten später 
erfahren, daß diese so gebaut sind wie gewisse hysterische Symptome. 
Ich erwähne alle diese Entdeckungen neuer allgemeiner Charaktere 
des Traumes, um Sie vor ihnen zu warnen oder um Sie wenigstens 
nicht im Zweifel zu lassen, wie ich darüber urteile. 

4. Eines Tages schien der objektive Wert der Traumforschung 
durch die Beobachtung in Frage gestellt, daß die analytisch bebandel- 
ten Patienten den Inhalt ihrer Träume nach den Lieblingstheorien 
ihrer Ärzte einrichten, indem die einen vorwiegend von sexuellen 
Triebregungen träumen, die anderen vom Machtstreben und noch 
andere sogar von der Wiedergeburt (W. Stekel). Das Geweicht dieser 
Beobachtung wird durch die Erwägung verringert, daß die Menschen 
bereits geträumt haben, ehe es eine psychoanalytische Behandlung 



XV. Unsicherheiten und Kritihen 3 -_t 



gab, die ihre Träume lenken konnte, und daß die jelzt in Behandlimg 
Stehenden auch zur Zeit vor der Behandlung zu träumen pflegten. 
Das Tatsächliche dieser Neuheit läßt sich tald als selbstverständlich 
und für die Theorie des Traumes belanglos erkennen. Die den Traum 
anregenden Tagesreste erübrigen Ton den starken Interessen des Wach- 
lebens. Wenn die Reden des Arztes und die Anregungen, die er gibt, 
für den Analysierten bedeutungsvoll geworden sind, so treten sie in 
den Kreis der Tagesreste ein, können die psychischen Reize für die 
Traumbildung abgeben wie die anderen affektbetonten unerledigten 
Interessen des Tages und wirken ähnlich wie die somatischen Reize, 
die während des Schlafes auf den Schläfer einwirken. Wie diese anderen 
Anreger des Traumes können auch die vom Arzt angeregten Gedanken- 
gänge im manifesten Trauminhalt erscheinen oder im latenten nach- 
gewiesen werden. Wir wissen ja, daß man Träume experimentell 
erzeugen, richtiger gesagt, einen Teil des Traummaterials in den 
Traum einführen kann. Der Analytiker spielt also bei diesen Beein- 
flussungen seiner Patienten keine andere Rolle als der Experimentator, 
der wieMourly Vold den Gliedern seiner Versuchspersonen gewisse 
Stellungen erteilt. 

Man kann oftmals den Träumer beeinflussen, worüber erträumen 
soll, nie aber darauf einwirken, was er träumen wird. Der Mechanis- 
mus der Traumarbeit und der unbewußte Traumwunsch sind jedem 
fremden Einfluß entzogen. Wir haben bereits bei der Würdigung der 
somatischen Reizträume erkannt, daß die Eigenart und Selbständig- 
keit des Traumlebens sich in der Reaktion erweist, mit welcher der 
Traum auf die zugeführten körperlichen oder seelischen Reize ant- 
wortet. Der hier besprochenen Behauptung, welche die Objektivität 
der Traumforschung in Zweifel ziehen will, liegt also wiederum eine 
Verwechslung, die des Traumes mit dem Traummaterial zugrunde. 

Soviel, meine Damen und Herren, wollte ich Ihnen von den Pro- 
blemen des Traumes erzählen. Sie ahnen, daß ich vieles übergangen 
habe, und haben selbst erfahren, daß ich fast in allen Punkten unvoll- 
ständig sein mußte. Das liegt aber am Zusammenhang der Traum- 



246 Vo]-lemngen zur Einführimg in die Psychoanalyse 



Phänomene mit denen der Neurosen. Wir haben den Traum als Ein- 
führung in die Neurosenlelire studiert und das war gewiß richtiger, 
als wenn wir das Umgekehrte getan hätten. Aber wie der Traum für 
das Verständnis der Neurosen vorbereitet, so kann anderseits die richtige 
Würdigung des Traumes erst nach der Kenntnis der neurotischen Er- 
scheinungen gewonnen werden. 

Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken werden, aber ich mixß 
versichern, daß ich nicht bereue, soviel von Ihrem Interesse und von 
der für uns verfügbaren Zeit für die Probleme des Traumes in Anspruch 
genommen zu haben. An keinem anderen Objekt kann man sich so 
rasch die Überzeugung von der Richtigkeit der Behauptungen holen, 
mit denen die Psychoanalyse steht und fällt. Esbedarf der angestrengten 
Arbeit von vielen Monaten und selbst Jahren, um zu zeigen, daß die 
Symptome eines Falles von neurotischer Erkrankung ihren Sinn haben, 
einer Absicht dienen und aus den Schicksalen der leidenden Person 
hervorgehen. Dagegen kann es einer Bemühung von wenigen Stunden 
gelingen, denselben Sachverhalt für eine zunächst unverständlich ver- 
worrene Traumleistung zu erweisen und damit alle die Voraussetzungen 
der Psychoanalyse zu bestätigen, die Unbewußtheit seelischer Vor- 
gänge, die besonderen Mechanismen, denen sie gehorchen, und die 
Triebkräfte, die sich in ihnen äußern. Und wenn wir die durch- 
greifende Analogie im Aufbau von Traum und neurotischem Symptom 
mit der Raschheit der Verwandlung zusammenhalten, die aus dem 
Träumer einen wachen und vernünftigen Menschen macht, gewinnen 
wir die Sicherheit, daß auch die Neurose nur auf verändertem Kräfte- 
spiel zwischen den Mächten des Seelenlebens beruht. 



DRITTER TEIL 



ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 



/ 



I 






XVI. VORLESUNG 

PSYCHOANALYSE UND PSYCHIATRIE 

Meine Damen und Herreu! Ich freue mich, Sie nach Jahresfrist 
zur Fortsetzung unsererBesprechimgen wiederzusehen. Ich habe Ihnen 
im Vorjahre die psychoanalytische Behandhing der Fehlleistungen und 
des Traumes vorgetragen; ich möchte Sie heuer in das Verständnis 
der neurotischen Erscheinungen einführen, die, wie Sie bald entdecken 
-werden, mit beiden vielerlei Gemeinsiimes haben. Aber ich sage es 
■Ihnen vorher, ich kann Ihnen diesmal nicht dieselbe Stellung mir 
gegenüber einräumen wie im Vorjahre. Damals lag mir daran, keinen 
Schritt zu tun, ohne mit Ihrem Urteil im EinvernehiTien zu bleiben; 
ich diskutierte viel mit Ihnen, unterwarf mich Ihren Einwendungen, 
anerkannte eigentlich Sie und Ihren „gesunden Menschenverstand" 
als entscheidende Instanz. Das geht jetzt nichi länger, und zwar wegen 
eines einfachen Sachverhaltes. Fehlleistungen undTräume waren Ihnen 
als Phänomene nicht fremd; mau konnte sagen, Sie besaßen ebensoviel 
Erfahrung wie ich oder hatten es leicht, sich ebensoviel Erfahrung 
zu verschaffen. Das Erscheinungsgehiet der Neurosen ist Ihnen aber 
fremd; insofern Sie nicht selbst Ärzte sind, haben Sie keinen anderen 
Zugang dahin als eben meine Mitteilungen, und was hilft das beste 
Urteil, wenn die Vertrautheit mit dem zu beurteilenden Material nicht 
mit dabei ist. 

Fassen Sie aber meine Ankündigung nicht in der Weise auf, als 
ob ich dogmatische Vorträge hallen und Ihren unbedingten Glauben 



250 Vorlesungen zur Einjlthrung in die Psychoanalyse 

heischen würde. Das Mißverständnis täte mir grob Unrecht. Ich will 
keine Überzeugungen erwecken — ich will Anregungen geben und 
Vorurteile erschüttern. Wenn Sie infolge materieller Unkenntnis nicht 
in der Lage sind zu urteilen, so sollen Sie weder glauben noch ver- 
werfen. Sie sollen anhören und auf sich wirken lassen, was ich 
Ihnen erzähle. Überzeugungen erwirbt man sich nicht so leicht, oder 
wenn man so mühelos zu ihnen gekommen ist, erweisen sie sich bald 
als wertlos und widerstandsunfähig. Ein Anrecht auf Überzeugung 
hat erst derjenige, der ähnlich wie ich viele Jahre lang an demselben 
Material gearbeitet und dabei dieselben neuen und überraschenden 
Erfahrungen selbst erlebt hat. Wozu denn überhauin auf intellek- 
tuellem Gebiet diese raschen Überzeugungen, blitzähnlichen Be- 
kehrungen, momentanen Abstoßungen? Merken sie nicht, daß der 
„coup de foudre", die Liebe auf den ersten Blick, von einem ganz 
verschiedenen, affektiven Gebiet hergenommen sind? Wir verlangen 
nicht einmal von unseren Patienten, daß sie eine Überzeugung oder 
Anhängerschaft an die Psychoanalyse mitbringen. Das macht sie uns 
oft verdächtig. Eine wohlwollende Skepsis ist uns die erwünschteste 
Einstellung bei ihnen. Versuchen Sie also auch, die psychoanalytische 
Auffassung neben der populären oder der psychiatrischen ruhig in 
sich aufwachsen zu lassen, bis sich die Gelegenheiten ergeben, bei 
denen die beiden sich beeinflussen, sich messen und sich zu einer 
Entscheidung vereinigen können. 

Anderseits sollen Sie aber auch keinen Augenblick meinen, daß das, 
was ich Ihnen als psychoanalytische Auffassung vortrage, ein speku- 
latives System ist. Es ist vielmehr Erfahrung, entweder direkter Aus- 
druck der Beobachtung oder Ergebnis einer Verarbeitung derselben. 
Ob diese Verarbeitung auf zureichende und auf berechtigte Weise 
erfolgt ist, das wird sich im weiteren Fortschritt der Wissenschaft 
herausstellen, und zwar darf ich, nach Ablauf von fast zweieinhalb 
Dezennien und im Leben ziemlich weit vorgerückt, ohne Ruhm- 
redigkeit behaupten, daß es besonders schwere, intensive und vertiefte 
Arbeit war, welche diese Beobachtimgen geliefert hat. Ich habe oft den 



r 



XVI. Psychoanalyse und Psychiatrie sei 

Eindruck empfangen, als ob unsere Gegner diese Herkunft unserer 
Behauptungen gar nicht in Rücksicht ziehen wollten, als meinten sie, 
es handle sich um nur subjektiv bestimmte Einlälle, denen ein anderer 
sein eigenes Beheben entgegensetzen kann. Ganz verständüch ist mir 
dieses gegnerische Benehmen nicht. Vielleicht kommt es daher, daß 
man sich als Arzt sonst so wenig mit den Nervösen einläßt, so unauf- 
merksam zuhört, was sie zu sagen haben, daß man sich der Möglichkeit 
entfremdet hat, aus ihren Mitteilungen etwas Wertvolles zu entnehmen, 
also an Ihnen eingehende Beobachtungen zu machen. Ich verspreche 
Ihnen bei dieser Gelegenheit, daß ich im Verlaufe meiner Vorträge 
wenig polemisieren werde, am wenigsten mit einzelnen Personen. 
Ich habe mich von der Wahrheit des Satzes, daß der Streit der Vater 
aller Dinge sei, nicht überzeugen können. Ich glaube, er stammt von 
der griechischen Sophistik her und fehlt, wie diese, durch Überschät- 
2UDg der Dialektik. Mir schien es im Gegenteil, als ob die sogenannte 
wissenschafthche Polemik im ganzen recht unfruchtbar sei, abgesehen 
davon, daß sie fast immer höchst persönlich betrieben wird. Bis vor 
einigen Jahren konnte ich auch von mir rühmen, daß ich nur mit 
einem einzigen Forscher (Löwenfeld in München) einmal einen 
regelrechten wissenschaftlichen Streit eingegangen bin. Das Ende war, 
daß wir Freunde geworden und bis auf den heutigen Tag so geblieben 
sind. Aber ich habe den Versuch lange nicht wiederholt, weil ich 
des gleichen Ausganges nicht sicher war. 

Sie werden nun gewiß urteilen, daß eine solche Ablehnung litera- 
rischer Diskussion einen besonders hohen Grad von Unzugänglichkeit 
gegen Einwürfe, von Eigensinn, oder wie man es in der liebenswür- 
digen, wissenschaftlichen Umgangssprache ausdrückt, von „Verrannt- 
heit bezeugt. Ich möchte Ihnen antworten, wenn Sie einmal eine 
Überzeugung mit so schwerer Arbeit erworben haben werden, wird 
Ihnen auch ein gewisses Recht zufallen, mit einiger Zähigkeit an dieser 
Überzeugung festzuhalten. Ich kann ferner geltend machen, daß ich 
im Laufe meiner Arbeiten meine Ansichten über einige wichtige 
Punkte modifiziert, geändert, durch neue ersetzt habe, wovon ich 



A 



aga rorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

natürlich jedesmal öffentlich Mitteilung machte. Und der Erfolg dieser 
Aufrichtigkeit? Die einen haben von meinen Selbstkorrekturen über- 
haupt nicht Kenntnis genommen und kritisieren mich noch heute 
wegen Aufstellungen, die mir längst nicht mehr dasselbe bedeuten. 
Die anderen halten mir gerade diese Wandlungen vor und erklären 
mich darum für unzuverlässig. Nicht wahr, wer einige Male seine 
Ansichten geändert hat, der verdient überhaupt keinen Glauben, denn 
er legt es zu nahe, daß er sich auch mit seinen letzten Behauptungen 
geirrt haben kann? Wer aber an dem einmal Geäußerten unbeirrt 
festhält oder sich nicht rasch genug davon abbringen läßt, der heißt 
eigensinnig und verrannt. Was kann man angesichts dieser einander 
entgegengesetzten Einwirkungen der Kritik anderes tun als bleiben, 
wie man ist, und sich benehmen, wie das eigene Urteil es billigt? 
Dazu bin ich auch entschlossen und ich lasse mich nicht abhalten, 
an all meinen Lehren zu modeln und zurechtzurücken, wie es meine 
fortschreitende Erfahrung erfordert. An den gi-undlegenden Einsichten 
habe ich bisher nichts zu ändern gefunden und hoffe, es wird auch 
weiterhin so bleiben. . • , ■ 'i , ■ 

Ich soll Ihnen also die psychoanalytische Auffassung der neuro- 
tischen Erscheinungen vorführen. Es liegt mir dabei nahe, an die 
bereits behandelten Phänomene anzuknüpfen, sowohl der Analogie als 
auch des Kontrastes wegen. Ich greife eine Symptomhandlung auf, die ich 
viele Personen in meiner S^jrechstunde begehen sehe. Mit den Leuten, 
die uns in der ärztlichen Ordination besuchen, um in einer Viertel- 
stunde den Jammer ihres langen Lebens vor uns auszubreiten, weiß 
ja der Analytiker nicht viel anzufangen. Sein tieferes Wissen macht 
es ihm schwer, wie ein anderer Arzt das Gutachten von sich zu geben: 
Es fehlt ihnen nichts, — und den Rat zu erteilen; Gebrauchen Sie 
eine leichte Wasserkur. Einer unserer Kollegen hat denn auch auf 
die Frage, was er mit seinen Ordinationspatienten anstelle, achsel- 
zuckend geantwortet: Er lege ihnen eine Mutwillensstrafe von sound- 
soviel Kronen auf. Es wird Sie also nicht verwundern zu hören, daß 
selbst bei beschäftigten Psychoanalytikern die Sprechstunde nicht sehr 



XVJ. Psychoanalyse und Psychiatrie q;:-i 

belebt zu sein pflegt. Ich habe die einfache Tür zwischen meinem 
Warte- und meinem Behandlungs- und Orilinationszimmer verdoppeln 
und durch einen Filzüberzug verstärken lassen. Die Absicht dieser 
kleinen Vorrichtung leidet ja keinen Zweifel. Nun geschieht es immer ■ 
wieder, daß Personen, die ich aus dem Wartezimmer einlasse, es ver- 
säumen, die Türe hinter sich zu schließen, und zwar lassen sie fast 
immer beide Türen offen stehen. So wie ich das bemerke, bestehe 
ich in ziemlich unfreundlichem Ton darauf, daß der oder die Ein- 
tretende zurückgehe, um das Versäumte nachzuholen, mag es auch 
ein eleganter Herr oder eine sehr geputzte Dame sein. Das macht 
den Eindruck von unangebrachter Pedanterie. Ich habe mich auch 
gelegentlich mit solcher Forderung blamiert, da es sich um Personen 
handelte, die selbst keine Türklinke anfassen können und es gern 
sehen, wenn ihre Begleitung ihnen diese Berührung erspart. Aber in 
der Überzahl der Falle hatte ich recht, denn wer sich so benimmt, 
wer die Türe vom Wartezimmer zum Sprechzimmer des Arztes offen 
stehen laßt, der gehört zum Pöbel und verdient, unfreundlich emp- 
fangen zu werden. Nehmen Sie jetzt nicht Partei, ehe Sie auch dais 
Weitere angehört haben. Diese Nachlässigkeit des Patienten ereignet 
sich nämlich nur dann, wenn er sich allein im Wartezimmer befunden 
hat und also ein leeres Zimmer hinter sich zurücldäßt, niemals wenn 
andere, Fremde, mit ihm gewartet haben. In diesem letzteren Falle 
versteht er sehr wohl, daß es in seinem Interesse liegt, nicht belauscht 
zu werden, während er mit dem Arzt spricht, und versäumt es nie, 
beide Türen sorgfältig zu schließen. 

So determiniert ist das Versäumnis des Patienten weder zufällig 
noch sinnlos, ja nicht einmal unwichtig, denn wir werden sehen, es 
beleuchtet das Verhältnis des Eintretenden zum Arzt. Der Patient 
ist von der großen Menge jener, die weltliche Autorität verlangen^ 
die geblendet, eingeschüchtert werden wollen. Er hat vielleicht durchs 
Telephon anfragen lassen, um welche Zeit er am leichtestenvor kommen 
kann, er hat sich auf ein Gedränge von Hilfesuchenden gefaßt ge- 
macht, etwa wie vor einer Filiale von Julius Meinl. Nun tritt er im 



25-1, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



einen leeren, überdies höchst bescheiden ausgestatteten Warteraum 
und ist erschüttert. Er muß es den Arzt entgelten lassen, daß er ihm 
einen so überflüssigen Aufwand von Respekt entgegenbringen wollte, 
und da — unterläßt er es, die Türe zwischen Warte- und Ordinations- 
zimmer zu schließen. Er will dem Arzt damit sagen: Ach, hier ist 
ja niemand und wahrscheinlich wird auch, so lange ich hier bin, 
niemand kommen. Er würde sich auch während der Besprechung 
ganz unmanierlich und respektlos benehmen, wenn man seine Über- 
hebung nicht gleich anfangs durch eine scharfe Zurechtweisung ein- 
dämmen würde. 

Sie finden an der Analyse dieser kleinen Symptomhandlung nichts, 
was Ihnen nicht bereits bekannt wäre: Die Behauptung, daß sie nicht 
zufällig ist, sondern ein Motiv hat, einen Sinn und eine Absicht, daß 
sie in einen angebbaren seelischen Zusammenhang gehört, imd daß 
sie als ein kleines Anzeichen von einem wichtigeren seehschen Vor- 
gang Kunde gibt. Vor allem anderen aber, daß dieser so angezeigte 
Vorgang dem Bewußtsein dessen, der ihn vollzieht, unbekannt ist, 
denn keiner der Patienten, welche die beiden Türen offen gelassen 
haben, würde zugeben können, daß er mir durch dieses Versäumnis 
seine Geringschätzung bezeugen wollte. Auf eine Regung von Ent- 
täuschung beim Betreten des leeren Wartezimmers würde sich wahr- 
scheinlich mancher besinnen, aber der Zusammenhang zwischen diesem 
Eindruck und der darauffolgenden Symptomhandlung ist seinem Be- 
wußtsein sicherlich unerkannt geblieben. ' • 
Nun wollen wir dieser kleinen Analyse einer Symptomhandlung 
eine Beobachtung an einer Kranken an die Seite stellen. Ich wähle 
eine solche, die mir in frischer Erinnerung ist, auch darum, weil sie 
sich verhältnismäßig kurz darstellen läßt. Ein gewisses Maß von Aus- 
führlichkeit ist bei jeder solchen Mitteilung unerläßlich. 
• Ein auf kurzen Urlaub heimgekehrter junger Offizier bittet mich, 
seine Schwiegermutter in Behandlung zu nehmen, die in den glück- 
lichsten Verhältnissen sich und den Ihrigen das Leben durch eine 
unsinnige Idee vergällt. Ich lerne eine 5 3 jährige, wohlerhaltene Dame 



XVI. Psychoanalyse und Psychiatrie 255 

von freundlichem, einfachem Wesen kennen, die ohne Widei-streben 
folgenden Bericht gibt. Sie lebt in glücklichster Ehe auf dem Lande 
mit ihrem Manne, der eine große Fabrik leitet. Sie weiß die liebens- 
würdige Sorgfalt ihres Mannes nicht genug zu loben. Liebesheirat 
vor 50 Jahren, seither nie eine Trübung, Zwist oder Anlaß zur Eifer- 
sucht. Ihre beiden Kinder gut verheiratet, der Mann und Vater will 
sich aus Pflichtgefühl noch nicht zur Ruhe setzen. Vor einem Jahre 
ereignete sich das Unglaubliche, ihr selbst Unverständliche, daß sie 
einem anonymem Briefe, welcher ihren ausgezeichneten Mann des 
Liebesverhältnisses mit einem jungen Mädchen bezichtigte, sofortigen 
Glauben schenkte, und seither ist ihr Glück zerstört. Der nähere 
Hergang y^^x etwa der folgende: sie hatte ein Stubenmädchen, mit 
dem sie vielleicht zu oft Intimes besprach. Dieses Mädchen verfolgte 
ein anderes mit einer geradezu gehässigen Feindschaft, weil diese es 
irn Leben soviel weiter gebracht hatte, obwohl sie von nicht besserer 
Herkunft war. Anstatt Dienst anzunehmen, hatte das Mädchen sich 
eine kommerzielle Ausbildung verschafft, war in die Fabrik eingetreten 
und infolge des Personalmangels durch die Einberufungen von Be- 
amten zu einer guten Stellung vorgerückt. Sie wohnte jetzt in der 
Fabrik selbst, verkehrte mit allen Herren und hieß sogar Fräulein. 
Die im Leben Zurückgebliebene war natürlich bereit, der ehemaligen 
Schulkameradin alles mögliche Böse nachzusagen. Eines Tages unter- 
hielt sich unsere Dame mit dem Stubenmädchen über einen alten 
Herrn, der zu Gast gewesen war, von dem man wußte, daß er nicht 
mit seiner Frau lebte, sondern ein Verhältnis mit einer anderen 
unterhielt. Sie weiß nicht, wie es kam, daß sie plötzlich äußerte : Für 
mich wäre es das Schrecklichste, wenn ich erfahren würde, daß mein 
guter Mann auch ein Verhältnis hat. Am nächsten Tage erhielt sie 
von der Post einen anonymen Brief, der ihr in verstellter Schrift 
diese gleichsam heraufbeschworene Mitteilung machte. Sie schloß 
— wahrscheinlich mit Recht —, daß der Brief das Werk ihres bösen 
Stubenmädchens sei, denn als Gehebte des Mannes war eben jenes 
Fräulein bezeichnet, das die Dienerin mit ihrem Haß verfolgte. Aber 



256 Vorlesungen zur Einführung in die Psychominlyse 



obwohl sie die Intrige sofort durchschaute und an ihrem Wohnorte 
Beispiele genug erlebt hatte, wie wenig Glauben solche feige Denun- 
ziationen verdienten, geschah es, daß jener Brief sie augenblicklich 
niederwarf. Sie geriet in eine schreckliche Aufregung und schickte 
sofort um ihren Mann, um ihm die heftigsten Vorwürfe zu machen. 
Der Mann wies die Beschuldigung lachend ab und tat das Beste, was 
zu tun war. Er ließ den Haus- und Fabrikarzt kommen, der sein 
Bemühen dazutat, um die unglückliche Fraii zu beruhigen. Auch 
das weitere Vorgehen der beiden war durchaus verständig. Das Stuben- 
mädchen wurde entlassen, die angebliche Nebenbuhlerin aber nicht. 
Seither will sich die Kranke wiederholt soweit beruhigt haben, daß 
sie an den Inhalt des anonymen Briefes nicht mehr glaubte, aber nie 
gründlich und nie für lange Zeit. Es reichte hin, den Namen des 
Fräuleins aussprechen zu hören oder ihr auf der Straße zu begegnen, 
vjn einen neuen Aufall von Mißtrauen, Schmerz und Vorwürfen bei 
ihr auszulösen. 

Das ist nun die Krankengeschichte dieser braven Frau. Es gehörte 
nicht viel psychiatrische Erfahrung dazu, um zu verstehen, daß sie 
im Gegensalz zu anderen Nervösen ihren Fall eher zu milde dar- 
stellte, also wie wir sagen: dissimuherte, und daß sie den Glauben 
an die Beschuldigung des anonymen Briefes eigentlich niemals über- 
wunden hatte. 

Welche Stellung- nimmt nun der Psychiater zu einem solchen 
Krankheitsfalle ein? Wie er sich gegen die Symptombehandlung des 
Patienten benehmen würde, der die Türen zum Wartezimmer nicht 
schließt, das wissen wir bereits. Er erklart sie für eine Zufälligkeit 
ohne psychologisches Interesse, die ilin weiter nichts angeht. Aber 
dies Verhalten läßt sich auf den Krankheitsfall der eifersüchtigen Frau 
nicht fortsetzen. Die Symptomhandlung scheint etwas Gleichgültiges 
zu sein, das Symptom aber drängt sich als etwas Bedeutsames auf. Es ist 
mit intensivem subjektiven Leiden verbunden, es bedroht objektiv das 
Zusammenleben einer Familie; es ist also ein unabweisbarer Gegen- 
stand des psychiatrischen Interesses. Der Psychiater versucht zunächst 



XFI. Psychoanalyse und Psychiatrie 21^7 



das Symptom durch eine wesentliche Eigenschaft zu charakterisieren 
Die Idee, mit welcher diese Frau sich quält, ist nicht an sich un- 
sinnig zu nennen; es kommt ja vor, daß ältere Ehemänner Liebes- 
beziehungen zu jungen Mädchen unterhalten. Aber etwas anderes 
daran ist unsinnig und unbegreiflich. Die Patientin hat gar keinen 
anderen Grund daran zu glauben, daß ihr zärtlicher und treuer Gatte 
zu dieser sonst nicht so seltenen Kategorie von Ehemännern gehört, 
als die Behauptung des anonymen Briefes. Sie weiß, daß diesem Schrift- 
stück keine Beweiskraft zukommt, sie kann sich dessen Herkunft be- 
friedigend aufklären; sie sollte sich also sagen können, daß sie gar 
keinen Grund für ihre Eifersucht hat, sie sagt es sich auch, aber sie 
leidet trotzdem ebenso, als ob sie diese Eifersucht als vollberechtigt 
anerkennen würde. Ideen dieser Art, die logischen imd aus der Realität 
geschöpften Argumenten zugänglich sind, ist man übereingekommen, 
Wahnideen zu heißen. Die gute Dame leidet also an Eifersuchts- 
wahn. Das ist wohl die wesentliche Charakteristik dieses Krankheits- 
falles. 

Nach dieser ersten Feststellung wird unser psychiatrisches Interesse 
sich noch lebhafter regen wollen. Wenn eine Wahnidee durch den 
Bezug auf die Realität nicht abzutun ist, so wird sie wohl auch nicht 
aus der Realität stammen. Woher stammt sie sonst? Es gibt Wahn- 
ideen des verschiedenartigsten Inhaltes; warum ist der Inhalt des 
Wahnes in unserem Falle gerade Eifersucht? Bei welchen Personen 
bilden sich Wahnideen oder besonders Wahnideen der Eifersucht? 
Hier möchten wir nun dem Psychiater lauschen, aber hier läßt er 
uns im Stiche. Er geht überhaupt nur auf eine einzige unserer Frage- 
stellungen ein. Er wird in der Familiengeschichte dieser Frau nach- 
forschen und uns vielleicht die Antwort bringen: Wahnideen kom- 
men bei solchen Personen vor, in deren Familien ähnliche und andere 
psychische Störungen wiederholt vorgekommen sind. Mit anderen 
Worten, wenn diese Frau eine Wahnidee entwickelt hat, so war sie 
durch erbliche Übertragung dazu disponiert. Das ist gewiß etwas, 
aber ist das alles, was wir wissen wollen? Alles, was zur Verursachung 

Freud, VD. 



'7 



258 Forlesungen zur Einführung in die Ps ychoanalyse 

dieses Krankheitsfalles mitgewirkt hat? Sollen wir uns damit begnügen 
anzunehmen, daß es gleichgültig, willkürlich oder unerklärlich ist, 
wenn sich ein Eifersuchtswahn entwickelt hat an Stelle irgendeines 
anderen? Und dürfen wir den Satz, der die Vorherrschaft des erb- 
lichen Einflusses verkündet, auch im negativen Sinne dahin verstehen, 
es sei ffleichgültig, welche Erlebnisse an diese Seele herangetreten 
sind sie war dazu bestimmt, irgendeinmal einen Wahn zu produ- 
zieren? Sie werden wissen wollen, warum uns die wissenschaftliche 
Psychiatrie keine weiteren Aufschlüsse geben will. Aber ich antworte 
Ihnen; Ein Schelm, wer mehr gibt, als er hat. Der Psychiater kennt 
eben keinen W^, der in der Aufklärung eines solchen Falles weiter- 
führt. Er muß sich mit der Diagnose und einer trotz reichlicher Er- 
fahrung unsicheren Prognose des weiteren Verlaufes begnügen. 

Kanu aber die Psychoanalyse hier mehr leisten? Ja doch; ich hoffe 
Ihnen zu zeigen, daß sie selbst in einem so schwer zugänglichen 
Falle etwas aufzudecken vermag, was das nächste Verständnis ermög- 
licht. Zunächst bitte ich Sie, das unscheinbare Detail zu beachten, 
daß die Patientin den anonymen Brief, der nun ihre Wahnidee stützt, 
geradezu provoziert hat, indem sie tags zuvor gegen das intrigante 
Mädchen die Äußerung tat, es wäre ihr größtes Unglück, wenn dir 
Mann ein Liebesverhältnis mit einem jungen Mädchen hätte. Da- 
durch brachte sie das Dienstmädchen erst auf die Idee, ihr den ano- 
nym.en Brief zu schicken. Die Wahnidee gewinnt so eine gewisse 
UnabhäDgigkeit von dem Briefe; sie ist schon vorher als Befürchtung 
- — oder als Wunsch? — in der Kranken vorhanden gewesen. Nehmen 
Sie nun weiter hinzu, was nur zwei Stunden Analyse an weiteren 
kleinen Anzeichen ergeben haben. Die Patientin verhielt sich zwar 
sehr ablehnend, als sie aufgefordert wurde, nach der Erzählung ihrer 
Geschichte ihre weiteren Gedanken, Einfälle und Erinnerungen mit- 
zuteilen. Sie behauptete, es fiele ihr nichts ein, sie habe schon alles 
gesagt, und nach zwei Stunden mußte der Versuch mit ihr wirklich 
abgebrochen werden, weil sie verkündet hatte, sie fühle sich bereits 
gesund und sei sicher, daß die krankhafte Idee nicht wiederkommen 



XP^l. Psychoanalyse und Psychiatrie qcq 

werde. Das sagte sie natürlich nur aus Widerstand und aus Angst vor 
der Fortsetzung der Analyse. Aber in diesen zwei Stunden hatte sie 
doch einige Bemerkungen fallen lassen, die eine bestimmte Deutung 
gestatteten, ja unabweisbar machteUj und diese Deutung wirft ein 
helles Licht auf die Genese ihres Eifersuchtswahnes. Es bestand bei 
ihr selbst eine intensive Verliebtheit in einen juugen Mann, in den- 
selben Schwiegersohn, auf dessen Drängen sie mich als Patientin auf- 
gesucht hatte. Von dieser Verliebtheit wußte sie nicht)? oder vielleicht 
nur sehr wenigj bei dem bestehenden Verwaudtschaftsverhältnis hatte 
diese verliebte Neigung es leicht, sich als harmlose Zärtlichkeit zu 
maskieren. Nach all unseren sonstigen Erfahrungen wird es uns nicht 
schwer, uns in das Seelenleben dieser anständigen Frau und braven 
Mutter von 53 Jahren einzufühlen. Eine solche Verliebtheit konnte 
als etwas Ungeheuerliches, Unmögliches nicht bewußt werden; sie 
blieb aber bestehen und übte als unbewußte einen schweren Druck 
aus. Irgend etwas mußte mit ihr geschehen, irgendeine Abhilfe ge- 
sucht werden, und die nächste Linderung bot wohl der Verschiebungs- 
mechanismus, der an der Entstehung der wahnhaften Eifersucht so 
regelmäßig Anteil hat. Wenn nicht nur sie alte Frau in einen jungen 
Mann verliebt war, sondern auch ihr alter Mann ein Liebesverhält- 
nis mit einem jungen Mädchen unterhielt, dann war sie ja vom Ge- 
■vvissensdruck der Untreue entlastet. Die Phantasie von der Untreue 
des Mannes war also ein kühlendes Pflaster aufihre brennende Wunde. 
Ihre eigene Liebe war ihr nicht bewußt geworden, aber die Spiege- 
lung derselben, die ihr solche Vorteile brachte, wurde nun zwangs- 
artig, wahnhaft, bewußt. Alle Argumente dagegen konnten natür- 
lich nichts fruchten, denn sie richteten sich nur gegen das Spiegel-, 
nicht gegen das Urbild, dem jenes seine Stärke verdankte, und das 
unantastbar im Unbewußten geborgen lag. 

Stellen wir nun zusammen, was eine kurze und erschwerte psycho- 
analytische Bemühung zum Verständnis dieses Krankheitsfalles ge- 
bracht hat. Vorausgesetzt natürlich, daß unsere Ermittlungen korrekt 
zustande gekommen sind, was ich hier Ihrem Urteil nicht unter- 



17- 



36o Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

werfen kann. Fürs erste: Die Wahnidee ist nichts Unsinniges oder 
Unverständhches mehr, sie ist sinnreich, gut motiviert, gehört in den 
Zusammenhang eines affektvollen Erlebnisses der Kranken. Zweitens : 
Sie ist notwendig als Reaktion auf einen aus anderen Anzeichen er- 
ratenen unbewußten seelischen Vorgang und verdankt gerade dieser 
Beziehung ihren wahnhaften Charakter, ihre Resistenz gegen logische 
und reale Angriffe. Sie ist selbst etwas Erwünschtes, eine Art von 
Tröstung. Drittens: Es ist durch das Erlebnis hinter der Erkrankung 
unzweideutig bestimmt, daß es gerade eine eifersüchtige Wahnidee 
wurde und keine andere. Sie erinnern sich doch, daß sie tags zuvor 
gegen das intrigante Mädchen die Äußerung tat, es wäre ihr das 
Schrecklichste, wenn ihr Mann ihr untreu würde. Sie übersehen 
auch nicht die beiden wichtigen Analogien mit der von uns analy- 
sierten Symptomhandlung in der Aufklärung des Sinnes oder der Ab- 
sicht und in der Beziehung auf ein in der Situation gegebenes Un- 
bewußtes. 

Natürlich sind damit nicht alle Fragen beantwortet, die wir aus 
Anlaß dieses Falles stellen durften. Der Krankheitsfall starrt vielmehr 
von weiteren Problemen, solchen, die überhaupt noch nicht lösbar 
geworden sind, und anderen, die sich wegen der Ungunst der beson^ 
deren Verhältnisse nicht lösen ließen. Z. B. warum erliegt diese in 
glücklicher Ehe lebende Frau einer Verliebtheit in ihren Schwieger- 
sohn, und warum erfolgt die Erleichterung, die auchauf andere Weise 
möglich wäre, in der Form einer solchen Spiegelung, einer Projektion 
ihres eigenen Zustandes auf ihren Mann? Glauben Sie nicht, daß es 
müßig und mutwillig ist, solche Fragen aufzuwerfen. Es steht uns 
bereits manches Material für eine mögliche Beantwortung derselben 
zu Gebote. Die Frau befindet sich in dem kritischen Alter, das dem 
weiblichen Sexualbedürfnis eine unerwünschte plötzliche Steigerung 
bringt; das mag für sich allein hinreichen. Oder es mag hinzukommen, 
daß ihr guter und treuer Ehemann seit manchen Jahren nicht mehr 
im Besitze jener sexuellen Leistungstähigkeit ist, deren die wohler- 
haltene Frau zu ihrer Befriedigung bedürfte. Die Erfahrung hat uns 



XFI. Psychoanalyse und Psychiatrie 2Ö1 

darauf aufmerksam gemacht^ daß gerade solche Manner, deren Treue 
dann selbstverständlich ist, sich durch besondere Zartheit in der Be- 
handlung ihrer Frauen und durch ungewöhnliche Nachsicht mit deren 
nervösen Beschwerden auszeichnen. Oder es ist weiters nicht gleich- 
gültig, daß es gerade der junge Ehemann einer Tochter ist^ welcher 
zum Objekt dieser pathogenen Verliebtheit wurde. Eine starke ero- 
tische Bindung an die Tochter, die im letzten Grunde auf die Sexual- 
konstitution der Mutter zurückführt, findet oft den Weg dazu, sich 
in solcher Umwandlung fortzusetzen. Ich darf Sie vielleicht in diesem 
Zusammenhange daran erinnern, daß das Verhältnis zwischen Schwie- 
germutter und Schwiegersohn den Menschen von jeher als ein be- 
sonders heikles gegolten und bei den Primitiven Anlaß zu sehr mäch- 
tigen Tabuvorschriften und „Vermeidungen" gegeben hat.' Es geht 
häufig nach der positiven wie nach der negativen Seite über das kul- 
turell erwünschte Maß hinaus. Welches dieser drei Momente nun 
in unserem Falle zur Wirkung gekommen ist, ob zwei davon, ob sie 
alle zusammengetroffen sind, das kann ich Ihnen freilich nicht sagen, 
aber nur darum nicht, weil es mir nicht gestattet war, die Analyse 
des Falles über die zweite Stunde hinaus fortzusetzen. 

Ich merke jetzt, meine Herren, daß ich von lauter Dingen ge- 
sprochen habe, für die Ihr Verständnis noch nicht vorbereitet ist. Ich 
tat es, um die Vergleichung der Psychiatrie mit der Psychoanalyse 
durchzuführen. Aber eines darf ich Sie jetzt fragen : Haben Sie irgend 
etwas von einem Widerspruch zwischen den beiden bemerkt? Die 
Psychiatrie wendet die technischen Methoden der Psychoanalyse nicht 
an sie unterläßt es, etwas an den Inhalt der Wahnidee anzuknüpfen, 
und sie gibt uns im Hinweis auf die Heredität eine sehr allgemeine 
und entfernte Ätiologie, anstatt zuerst die speziellere und näher- 
liegende Verursachung aufzuzeigen. Aber liegt darin ein Wider- 
spruch, ein Gegensatz? Ist's nicht vielmehr eine Vervollständigung? 
Widerspricht denn das hereditäre Moment der Bedeutung des Erleb- 
nisses, setzen sich nicht vielmehr beide in der wn-ksamsten Weise zu- 

1) Vgl. „Totem und Tabu", 1915. 



203 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

sammen? Sie werden mir zugeben^ daß im Wesen der psychiatri- 
schen Arbeit nichts liegt, was sich gegen die psychoanalytische For- 
schung sträuben könnte. Die Psychiater sind's also, die sich der 
Psychoanalyse widersetzen^ nicht die Psychiatrie. Die Psychoanalyse 
verhält sich zur Psychiatrie etwa wie die Histologie zur Anato- 
mie; die eine studiert die äußeren Formen der Organe^ die andere 
den Aufbau derselben aus den Geweben und Elementarteilen. Ein 
Widerspruch zwischen diesen beiden Arten des Studiums, von denen 
das eine das andere fortsetzt, ist nicht gut denkbar. Sie wissen, die 
Anatomie gilt uns heute als die Grundlage einer wissenschaftlichen 
Medizin, aber es gab eine Zeit, in der es ebenso verboten war, mensch- 
hche Leichen zu zerlegen, um den inneren Bau des Körpers kennen 
zu lernen, wie es heute verpönt erscheint, Psychoanalyse zu üben, 
um das innere Getriebe des Seelenlebens zu erkunden. Und voraus- 
sichtlich bringt uns eine nicht zu ferne Zeit die Einsicht, daß eine 
wissenschaftlich vertiefte Psychiatrie nicht möglich ist ohne eine gute 
Kenntnis der tieferliegenden, der unbewußten Vorgänge im Seelen- 
leben. 

Vielleicht hat nun die viel befehdete Psychoanalyse auch Freunde 
unter Ihnen, welche es gern sehen, wenn sie sich auch von anderer, 
von der therapeutischen Seite her rechtfertigen ließe. Sie wissen, daß 
unsere bisherige psychiatrische Therapie Wahnideen nicht zu beein- 
flussen vermag- Kann es vielleicht die Psychoanalyse dank ihrer Ein- 
sicht in den Mechanismus dieser Symptome? Nein, meine Herren, 
sie kann es nicht; sie ist gegen diese Leiden — vorläufig wenigstens — 
ebenso ohnmächtig wie jede andere Therapie. Wir können zwar ver- 
stehen, was in dem Kranken vor sich gegangen ist, aber wir haben 
kein Mittel, um es den Kranken selbst verstehen zu machen. Sie 
haben ja gehört, daß ich die Analyse dieser Wahnidee nicht über die 
ersten Ansätze hinaus fördern konnte. Werden sie darum behaupten 
wollen, daß die Analyse solcher Fälle verwerflich ist, weil sie un- 
fruchtbar bleibt? Ich glaube doch nicht. Wir haben das Recht, ja 
die Pflicht, die Forschung ohne Rücksicht auf einen unmittelbaren 



XVI. Psychoanalyse und Psychiatrie 363 



Nutzeffekt zu betreiben. Am Ende — wir wissen nicht, wo und 
wann — wird sich jedes Stückchen Wissen in Können umsetzen, 
auch in therapeutisches Können. Zeigte sich die Psychoanalyse bei 
allen anderen Formen nervöser und psychischer Erkrankung ebenso 
erfolglos wie bei den Wahnideen, so bliebe sie doch als unersetzliches 
Mittel der mssenschaftlichen Forschung voll gerechlferligt. Wir 
würden dann allerdings nicht in die Lage kommen, sie auszuüben; 
das Menschenmaterial, an dem wir lernen wollen, das lebt, semen 
eigenen Willen hat und seiner Motive bedarf, um bei der Arbeit mit- 
zutun, würde sich uns verweigern. Lassen Sie mich darum für heute 
mit der Mitteilung schließen, daß es umfassende Gruppen von ner- 
vösen Störungen gibt, bei denen sich die Umsetzung unseres besseren 
Verstehens in therapeutisches Können tatsächlich erwiesen hat, und 
daß wir bei diesen sonst schwer zugängüchen Erkrankungen unter 
gewissen Bedingungen Erfolge erzielen, die hinter keinen anderen 
auf dem Gebiete der internen Therapie zurückstehen. 



\ 



■ XVII. VORLESUNG - -- 

DER SINN DER SYMPTOME 

Meine Damen und Herren! Ich habe Ihnen im vorigen Vortrag 
auseinandergesetzt, daß die klinische Psychiatrie sich um die Er- 
scheinungsform und den Inhalt des einzelnen Symptoms wenig be- 
kümmert, daß aber die Psychoanalyse gerade hier angesetzt und zu- 
nächst festgestellt hat, das Symptom sei sinnreich und hänge mit dem 
Erleben des Kranken zusammen. Der Sinn der neurotischen Symptome 
ist zuerst von J. Breuer aufgedeckt worden durch das Studium und 
die glückliche Herstellung eines seither berühmt gewordenen Falles 
von Hysterie (1880—82). Es ist richtig das P. Janet unabhängig 
denselben Nachweis erbracht hat; dem französischen Forscher gebührt 
sogar die literarische Priorität, denn Breuer hat seine Beobachtung 
erst mehr als ein Dezennium später (1895—95) wahrend der Mit- 
arbeiterschaft mit mir veröffentlicht. Es mag uns übrigens ziemlich 
gleichgültig sein, von wem diese Entdeckung herrührt, denn Sie 
wissen, jede Entdeckung wird mehr als einmal gemacht, und keine 
wird auf einmal gemacht, und der Erfolg geht ohnedies nicht mit 
dem Verdienst. Amerika heißt nicht nach Kolumbus. Vor Breuer 
und Janet hat der große Psychiater Leuret die Meinung ausge- 
sprochen, selbst die Dehrieu der Geisteskranken müßten sich als sinn- 
voll erkennen lassen, wenn wir erst verstünden, sie zu übersetzen. 
Ich gestehe, daß ich lange Zeit bereit war, das Verdienst P. Janets 
an der Aufklärung der neurotischen Symptome sehr hoch anzuschlagen. 



XVII. Der Sinn der Symptome 263 



weil er sie als Äußerungen von idees inconscientes auffaßte, welche 
die Kranken beherrschten. Aber Janet hat sich seitdem in über- 
großer Zurückhaltung so geäußert, als ob er bekennen wollte, daß 
das Unbewußte für ihn weiter nichts gewesen sei als eine Redensart, ein 
Behelf, une fagon de parier-^ er habe an nichts Reales dabei gedacht. 
Seither verstehe ich Janets Ausführungen nicht mehr, ich meine 
aber, daß er sich überflüssigerweise um viel Verdienst geschädigt hat. 

Die neurotischen Symptome haben also ihren Sinn wie die Fehl- 
leistungen, wie die Träume, und so wie diese ihren Zusammenhang 
mit dem Leben der Personen, die sie zeigen. Ich miächte Ihnen nun 
diese wichtige Einsicht durch einige Beispiele näher bringen. Daß 
es immer und in allen Fällen so ist, kann ich ja nur behaupten, nicht 
beweisen. Wer selbst Erfahrungen sucht, wird sich davon die Über- 
zeugung verschaffen. Ich werde aber diese Beispiele aus gewissen 
Motiven nicht der Hysterie entnehmen, sondern einer anderen, höchst 
merkwürdigen, ihr im Grunde sehr nahestehenden Neurose, von der 
ich Ihnen einige einleitende Worte zu sagen habe. Diese, die soge- 
nannte Zwangsneurose, ist nicht so populär wie die allbekannte Hy- 
steriej sie ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, nicht so aul"dringhch 
lärmend, benimmt sich mehr wie eine Privatangelegenheit des 
Kranken, verzichtet fast vöUig auf Erscheinungen am Körper und 
schafft alle ihre Symptome auf seelischem. Gebiet. Die Zwangsneu- 
rose und die Hysterie sind diejenigenFormen neurotischer Erkrankung, 
auf deren Studium die Psychoanalyse zunächst aufgebaut wurde, in 
deren Behandlung unsere Therapie auch ihre Triumphe feiert. Aber 
die Zwangsneurose, welcher jener rätselhafte Sprung aus dem See- 
lischen ins Körperliche abgeht, ist uns durch die psychoanalytische 
Bemühung eigenlhch durchsichtiger und heimlicher geworden als 
die Hysterie, und wir haben erkannt, daß sie gewisse extreme Cha- 
raktere der Neurotik weit greller zur Erscheinung bringt. 

Die Zwangsneurose äußert sich darin, daß die Kranken von Ge- 
danken beschäftigtwerden,für die sie sich eigentlich nicht interessieren, 
Impulse in sich verspüren, die ihnen sehr fremdartig vorkommen, 



266 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

und zu Handlungen veranlaßt werden, deren Ausführung ihnen zwar 
kein Vergnügen bereitet, deren Unterlassung ihnen aber ganz un^ 
möglich ist. Die Gedanken (Zwangsvorstellungen) können an sich 
unsinnig sein oder auch nur für das Individuum gleichgültig, oft sind 
sie ganz und gar läppisch, in allen Fällen sind sie der Ausgang einer 
angestrengten Denktätigkeit, die den Kranken erschöpft^ und der er 
sich nur sehr ungern hingibt. Er muß gegen seinen Willen grübeln 
und spekulieren, als ob es sich um seine wichtigsten Lebensaufgaben 
handelte. Die Impulse, die der Kranke in sich verspürt, können gleich- 
falls einen kindischen und unsinnigen Eindruck machen, meist haben 
sie aber den schreckhaftesten Inhalt wie Versuchungen zu schweren 
Verbrechen, so daß der Kranke sie nicht nur als fremd verleugnet, 
sondern entsetzt vor ihnen flieht und sich durch Verbote, Verzichte 
und Einschränkungen seiner Freiheit vor ihrer Ausführung schützt. 
Dabei dringen sie niemals, aber wirklich kein einziges Mal, zur Aus- 
führung durch i der Erfolg ist immer, daß die Flucht und die Vorsicht 
siegen. Was der Kranke wirklich ausfülirr, die sogenannten Zwangs- 
handlungen, das sind sehr harmlose, sicherlich geringfügige Dinge, 
meist Wiederholungen, zeremoniöse Verzierungen an Tätigkeiten des 
gewöhnlichen Lebens, wodurch aber diese notwendigen Verrichtungen, 
das Zubettegehen, das Waschen, Toilettemachen, Spazierengehen zu 
höchst langwierigen und kaum lösbaren Aufgaben werden. Die krank- 
haften Vorstellungen, Impulse und Handlungen sind in den einzelnen 
Formen und Fällen der Zwangsneurose keineswegs zu gleichen An- 
teilen vermengt; vielmehr ist es R-egel, daß das eine oder das andere 
dieser Momente das Bild beherrscht rmd der Krankheit den Namen 
gibt, aber das Gemeinsame all dieser Formen ist unverkennbar genug. 
Das ist doch gewiß ein tolles Leiden. Ich glaube, der ausschwei- 
fendsten psychiatrischen Phantasie wäre es nicht gelungen, etwas der- 
gleichen zu konstruieren, und wenn man es nicht alle Tage vor sich 
sehen könnte, würde man sich nicht entschließen, daran zu glauben. 
Nim denken Sie aber nicht, daß Sie dem Kranken etwas leisten, wenn 
Sie ihm zureden sich abzulenken, sich nicht mit diesen dummen Ge- 



XKII. Der Sinn der Symptome 267 

danken zu beschäftigen und an Stelle seiner Spielereien etwas Ver- 
nünftiges zu tun. Das möchte er selbst, denn er ist vollkommen klar, 
teilt ihr Urteil über seine Zwangssymptome, ja er trägt es Ihnen ent- 
gegen. Er kann nur nicht anders^ was sich bei der Zwangsneurose zur 
Tat durchsetzt, das wird von einer Energie getragen, für die uns 
wahrscheinlich der Vergleich aus dem normalen Seelenleben abgeht. 
Er kann nur eines : verschieben, vertauschen, anstatt der einen dummen 
Idee eine andere, irgendwie abgeschwächte setzen, von einer Vorsicht 
oder Verbot zu einem anderen fortschreiten, anstatt des einen Zere- 
moniells ein anderes ausführen. Er kann den Zwang verschieben, aber 
nicht aufheben. Die Verschiebbarkeit aller Symptome, weit von ihrer 
ursprünglichen Gestaltung weg, ist ein Hauptcharakter seiner Krank- 
heit- außerdem fällt es auf, daß die Gegensätze (Polaritäten), von 
denen das Seelenleben durchzogen ist, in seinem Zustand besonders 
scharf gesondert hervortreten. Neben dem Zwang mit positivem und , 
negativem Inhalt macht sich auf intellektuellem Gebiet der Zweifel 
geltend, der allmählich auch das iür gewöhnlich Gesichertste annagt. 
Das Ganze läuft in eine immer mehr zunehmende Unentschlossen- [ 
heit, Energielosigkeit, Freiheitsbeschränkung aus. Dabei ist der Zwangs- 
neurotiker ursprünglich ein sehr energisch angelegter Charakter ge- 1 
wesen, oft von außerordentlichem Eigensinn, in der Regel über das l 
durchschnittliche Maß intellektuell begabt. Er hat es zumeist zu , 
einer erfreulichen Höhe der ethischen Entwicklung gebracht, zeigt . 
sich übergewissenhaft, mehr als gewöhnlich korrekt. Sie können sich 
denken, daß ein tüchtiges Stück Arbeit dazugehört, bis man sich in , 
diesem widerspruchsvollen Ensemble von Charaktereigenschaften und 
Krankheitssymptomen halbwegs zurechtgefunden hat. Wir streben 
auch vorläufig gar nichts anderes an, als einige Symptome dieser 
Krankheit zu verstehen, deuten zu können. 

Vielleicht wollen Sie im Hinblick auf unsere Besprechungen vor- 
her wissen, wie sich die gegenwärtige Psychiatrie zu den Problemen 
der Zwangsneurose verhält. Das ist aber ein armseliges Kapitel. Die 
Psychiatrie gibt den verschiedenen Zwängen Namen, sagt sonst weiter 



268 Vorlesungen zur Einführung in die PsychoanaTyse 



nichts über sie. Dafür betont sie, daß die Träger solcher Symptome 
„Degenerierte" sind. Das ist wenig Befriedigung, eigentHch ein Wert- 
urteil, eine Verurteilung anstatt einer Erklärung. Wir sollen uns etwa 
denken, bei Leuten, die aus der Art geschlagen sind, kämen eben 
alle möglichen Sonderbarkeiten vor. Nun glauben wir ja, daß Personen, 
die solche Symptome entwickeln, von Natur aus etwas anders sein 
müssen als andere Menschen. Aber wir möchten fragen; Sind sie 
mehr „degeneriert" als andere Nervöse, z. B. die Hysteriker oder als 
die an Psychosen Erkrankenden ? Die Chaiakteristik ist offenbar wieder 
zu allgemein. Ja man karm bezweifeln, ob sie auch nur berechtigt 
ist, wenn man erfährt, daß solche Symptome auch bei ausgezeichneten 
Menschen von besonders hoher und für die Allgemeinheit bedeut- 
samer Leistungsfähigkeit vorkommen. Für gewöhnlich erfahren wir 
ja, dank ihrer eigenen Diskretion und der Verlogenheit ihrer Bio- 
graphen von unseren vorbildlich großen Männern wenig Intimes, 
aber es kommt doch vor, daß einer ein Wahrheitsfanatiker ist wie 
Emile Zola, und dann hören wir von ihm, an wieviel sonderbaren 
ZwangsgGwohnheiten er sein Leben über gelitten hat.' 

Die Psychiatrie hat sich da die Auskunft geschaffen, von Degeneres 
superieurs zu sprechen. Schön — aber durch die Psychoanalyse 
haben wir die Erfahrung gemacht, daß man diese sonderbaren Zwangs- 
symptome wie andere Leiden und wie bei anderen nicht degenerierten 
Menschen dauernd beseitigen kann. Mir selbst ist solches wiederholt 
gelungen. 

Ich will Ihnen nur zwei Beispiele von Analyse eines Zwangs- 
symptoms mitteilen, eines aus alter Beobachtung, das ich durch kein 
schöneres zu ersetzen weiß, und ein kürzlich gewonnenes. Ich be- 
schränke mich auf eine so geringe Anzahl, weil man bei einer solchen 
Mitteilung sehr weitläufig werden, in alle Einzelheiten eingehen muß. 
X Eine nahe an 50 Jahre alte Dame, die an den schwersten Zwangs- 

erscheinungen litt, und der ich vielleicht geholfen hätte, wenn ein 
tückischer Zufall nicht meine Arbeit zunichte gemacht hätte — 

1) E, Toulouse, fimile Zola. Eni^^te mcdico-psychologique, Paris 1896. 



XVII. Der Sinn der Symptome 26g 

vielleicht erzähle ich ihnen noch davon — , führte unter anderen 
folgende merkwürdige Zwangshandlung vielmals im Tage aus. Sie 
lief aus ihrem Zimmer in ein anderes nebenan, stellte sich dort an 
eine bestimmte Stelle bei dem in der Mitte stehenden Tisch hin, 
schellte ihrem Stubenmädchen, gab ihr einen gleichgültigen Auftrag 
oder entließ sie auch ohne solchen und lief dann wieder zurück. Das 
war nun gewiß kein schweres Leidenssymptom, aber es durfte doch 
die Wißbegierde reizen. Die Aufklärung ergab sich auch auf die 
unbedenklichste, einwandfreieste Weise unter Ausschluß jedes Bei- 
trages von Seiten des Arztes. Ich weiß gar nicht, wie ich zu einer Ver- 
mutung über den Sinn dieser Zwangshandlung, zu einem Vorschlag 
ihrer Deutung hätte kommen können. So oft ich die Kranke geiragt 
hatte: Warum tun Sie das? Was hat das für einen Sinn? — hatte sie 
D-eantwortet: Ich weiß es nicht. Aber eines Tages, nachdem es mir 
eelungen war, ein großes prinzipielles Bedenken bei ihr niederzu- 
kämpfen, wurde sie plötzlich wissend und erzählte, was zur Zwangs- 
handlung gehörte. Sie hatte vor mehr als zehn Jahren einen weit- 
aus älteren Mann geheiratet, der sich in der Hochzeitsnacht impotent 
erwies. Er war ungezählte Male in dieser Nacht aus seinem Zimmer 
in ihres gelaufen, um den Versuch zu wiederholen, aber jedesmal er- 
folglos. Am Morgen sagte er ärgerlich: Da muß man sich ja vor dem 
Stubenmädchen schämen^ wenn sie das Bett macht, ergriff eine Flasche 
roter Tinte, die zufällig im Zimmer war, und goß ihren Inhalt aufs 
Bettuch, aber nicht gerade auf eine Stelle, die ein Anrecht auf einen 
solchen Fleck gehabt hätte. Ich verstand anfangs nicht, was diese 
Erinnerung mit der fraglichen Zwangshandlung zu tun haben sollte, 
da ich nur in dem wiederholten Aus-einem-Zimmer-in-das-andere- 
Laufen eine Übereinstimmung fand und etwa noch im Auftreten des 
Stubenmädchens. Da führte mich die Patientin zu dem Tisch im 
zweiten Zimmer hin und ließ mich auf dessen Decke einen großen 
Fleck entdecken. Sie erklärte auch, sie stelle sich so zum Tisch hin, 
daß das zu ihr gerufene Mädchen den Fleck nicht übersehen könne. 
Nun war an der intimen Beziehung zwischen jener Szene nach der 



270 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Brautnacht und ihrer heutigen Zwangshaudlung nicht mehr zu 
zweifeln, aber auch noch allerlei daran zu lernen. 

Vor allem wird es klar, daß sich die Patientin mit ihrem Mann 
identifiziert; siespielt ihn ja, indem sie sein Laufen aus einem Zimmer 
ins andere nachahmt. Dann müssen wir, um in der Gleichstellung 
zu bleiben^ wohl zugeben, daß sie das Bett und Bettuch durch den 
Tisch und die Tischdecke ersetzt. Das schiene willkürlich, aber wir 
sollen nicht ohne Nutzen T'raumsymbolik studiert haben. Im Traum 
wird gleichfalls sehr häufig ein Tisch gesehen, der aber als Bett zu 
deuten ist. Tisch und Bett machen mitsammen die Ehe aus, da steht 
dann leicht eines für das andere. 

Der Beweis, daß die Zwangshandlung sinnreich ist, wäre bereits 
erbracht; sie scheint eine Darstellung,Wiederbolung jener bedeutungs- 
vollen Szene zu sein. Aber \vir sind nicht genötigt, bei diesem Schein 
Halt zu machen; wenn wir die Beziehung zwischen den beiden ein- 
gehender untersuchen, werden wir wahrscheinlich Aufschluß über 
etwas Weitergehendes, über die Absicht der Zwangshandlung erhalten. 
Der Kern derselben ist offenbar das Herbeirufen des Stubenmädchens, 
dem sie den Fleck vor Augen führt, im Gegensatz zur Bemerkung 
ihres Mannes: Da müßte man sich vor dem Mädchen schämen. Ejt 
— dessen Rolle sie agiert — schämt sich also nicht vor dem Mäd- 
chen, der Fleck ist demnach an der richtigen Stelle. Wir sehen also, 
sie hat die Szene nicht einfach wiederholt, sondern sie fortgesetzt 
und dabei korrigiert, zum Richtigen gewendet. Damit korrigiert sie 
aber auch das andere, was in jener Nacht so peinhch war und jene 
Auskunft mit der roten Tinte notwendig machte, die Impotenz. Die 
Zwangshandlung sagt also: Nein, es ist nicht war, er hatte sich nicht 
vor dem Stubenmädchen zu schämen, er war nicht impotent; sie 
stellt diesen Wunsch nach Art eines Traumes in einer gegenwärtigen 
Handlung als erfüllt dar, sie dient der Tendenz, den Mann über sein 
damaliges Mißgeschick zu erheben. 

Dazu kommt alles andere, was ich ihnen von dieser Frau erzählen 
könnte; richtiger gesagt: alles, was wir sonst von ihr wissen, weist 



XFII. Der Sinn der Symptome 271 

uns den Weg zu dieser Deutung der an sich unbegreiflichen Zwangs- 
handlung. Die Frau lebt seit Jahren von ihrem Mann getrennt und 
kämpft mit der Absicht, ihre Ehe gerichtlich scheiden zu lassen. Es 
ist aber keine Rede, daß sie frei von ihm wäre; sie ist gezwungen, 
ihm treu zu bleiben, sie zieht sich von aller Welt zurück, um nicht 
in Versuchung zu geraten, sie entschuldigt und vergrößert sein Wesen 
in ihrer Phantasie. Ja, das tiefste Geheimnis ihrer Krankheit ist, daß 
sie durch diese ihren Mann vor übler Nachrede deckt, ihre örtliche 
Trennung von ihm rechtfertigt und ihm ein behagliches Sonderleben 
ermöghcht. So führt die Analyse einer harmlosen Zwangshandlung 
auf geradem Wege zum innersten Kern eines Krankheitsfalles, ver- 
rät uns aber gleichzeitig ein nicht unansehnliches Stück des Geheim- 
nisses der Zwangsneurose überhaupt. Ich lasse Sie gern bei diesem 
Beispiel verweilen, denn es vereinigt Bedingungen, die man billiger- 
weise nicht von allen Fällen fordern wird. Die Deutung des Sym- 
ptoms wurde hier von der Kranken mit einem Schlage gefunden 
ohne Anleitung oder Eiumenguug des Analytikers, und sie erfolgte 
durch die Beziehung auf ein Erlebnis, welches nicht, wie sonst, einer 
vergessenen Kindheitsperiode angehört hatte, sondern im reifen Leben 
der Kranken vorgefallen und unverlöscht in ihrer Erinnerung ge- 
blieben war. Alle die Einwendungen, welche die Kritik sonst gegen 
unsere Symptomdeutungen vorzubringen pflegt, gleiten von diesem 
Einzelfalle ab. So gut können wir es freilich nicht immer haben. 

Und noch eines! Ist es Ihnen nicht aufgefallen, wie uns diese un- 
scheinbare Zwangshandlung in die Intimitäten der Patientin einge- 
führt hat? Eine Frau hat nicht viel Intimeres zu erzählen als die 
Geschichte ihrer Hochzeitsnacht, und daß wir gerade auf Intimitäten 
des Geschlechtslebens gekommen sind, sollte das zufällig und ohne 
weiteren Belang sein? Es könnte freilich die Folge der Auswahl sein, 
die ich diesmal getroffen habe. Urteilen wir nicht zu rasch und 
wenden wir uns dem zweiten Beispiel zu, welches von ganz anderer 
Art ist, ein Muster einer häufig vorkommenden Gattung, nämlich 
ein Schlafzeremoniell. 



272 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Ein 1 9 j ähriges, üppiges, begabtes Mädchen, das einzige Kind seiner 
Eltern, denen es an Bildung und intellektueller Regsamkeit über- 
legen ist, war als Kind wild und übermütig und hat sich im Laufe 
der letzten Jahre ohne sichtbare äußere Einwirkung zu einer Ner- 
vösen umgewandelt. Sie ist besonders gegen ihre Mutter sehr reiz- 
bar, immer unzufrieden, deprimiert, neigt zur Unentschlossenheit 
und zum Zweifel und macht endlich das Geständnis, daß sie auf 
Plätzen und in größeren Straßen nicht mehr allein gehen kann. Wir 
werden uns mit ihrem komplizierten Krankheitszustand, der zum 
mindesten zwei Diagnosen erheischt, die einer Agoraphobie und einer 
Zwangsneiu-ose, nicht viel abgeben, sondern nur dabei verweilen, daß 
dieses Mädchen auch ein Schlafzeremoniell entwickelt hat, unter 
dem sie ihre Eltern leiden läßt. Man kann sagen, in gewissem Sinne 
hat jeder Normale sein Schlaf zeremoniell oder er hält auf die Her- 
stellung von gewissen Bedingungen, deren Nichterfüllung ihn am 
Einschlafen störtj er hat den Übergang aus dem Wachleben in den 
Schlafzustand in gewdsse Formen gebracht, die er allabendlich in 
gleicher Weise wiederholt. Aber alles, was der Gesunde an Schlaf- 
bedingung fordert, läßt sich rationell verstehen, und wenn die äußeren 
Umstände eine Änderung notwendig machen, so fügt er sich leicht 
und ohne Zeitaufwand. Das pathologische Zeremoniell ist aber un- 
nachgiebig, es weiß sich mit den größten Opfern durchzusetzen, es 
deckt sich gleichfalls mit einer rationellen Begründung und scheint 
sich bei oberflächlicher Betrachtung nur durch eine gewisse über- 
triebene Sorgfalt vom Normalen zu entfernen. Sieht man aber näher 
zu, so kann man bemerken, daß die Decke zu kurz ist, daß das Zere- 
moniell Bestimmungenumfaßt, die weit über die rationelle Begründung 
hinausgehen, und andere, die ihr direkt widersprechen. Unsere Pa- 
tientin schützt als Motiv ihrer nächtlichen Vorsichten vor, daß sie 
zum Schlafen Ruhe braucht und alle Quellen des Geräusches aus- 
schließen muß. In dieser Absicht tut sie zweierlei: Die große Uhr 
in ihrem Zimmer wird zum Stehen gebracht, alle anderen Uhren 
aus dem Zimmer entfernt, nicht einmal ihre winzige Armbanduhr 



^ 



XFII. Der Sinn der Symptome 273 

wird im Nachtkästchen geduldet. Blumentöpfe und Vasen werden 
auf dem Schreibtische so zusammengestellt, daß sie nicht zur Nacht- 
zeit herunterfallen, zerbrechen und sie im Schlafe stören können. 
Sie weiß, daß diese Maßregeln durch das Gebot der Ruhe nur eine 
scheinbare Rechtfertigung finden können; die kleine Uhr würde 
man nicht ticken hören, auch wenn sie auf dem Nachtkästchen liegen 
bliebe, und wir haben alle die Erfahrung gemacht, daß das regel- 
mäßige Ticken einer Pendeluhr niemals eine Schlafstörung macht, 
sondern eher einschläfernd wirkt. Sie gibt auch zu, daß die Be- 
fürchtung, Blumentöpfe und Vasen könnten, an ihrem Platze ge- 
lassen zur Nachtzeit von selbst herunterfallen und zerbrechen, jeder 
Wahrscheinlichkeit entbehrt. Für andere Bestimmungen des Zere- 
moniells mrd die Anlehnung an das Ruhegebot fallen gelassen. Ja, 
die Forderung, daß die Türe zwischen ihrem Zimmer und dem 
Schlafzimmer der Eltern halb offen bleibe, deren Erfüllung sie da- 
durch sichert, daß sie verschiedene Gegenstände in die geöffnete Türe 
rückt, scheint im Gegenteil eine Quelle von störenden Geräuschen 
zu aktivieren. Die wichtigsten Bestimmungen beziehen sich aber auf 
das Bett selbst. Das Polster am Kopfende des Bettes darf die Holzwand 
des Bettes nicht berühren. Das kleine Kopfpolsterchen darf auf diesem 
großen Polster nicht anders liegen, als indem es eine Raute bildetj 
ihren Kopf legt sie dann genau in den Längsdurchmesser der Raute. 
Die Federdecke („Duchent", wie wir in Österreich sagen) muß vor 
dem Zudecken so geschüttelt werden, daß ihr Fußende ganz dick 
wird, dann aber versäumt sie es nicht, diese Anhäufung durch Zer- 
drücken wieder zu verteilen. 

Lassen Sie mich die anderen, oft sehr kleinlichen Einzelheiten 
dieses Zeremoniells übergehen; sie würden uns nichts Neues lehren 
und zu weit von unseren Absichten abführen. Aber übersehen Sie 
nicht, daß dies alles sich nicht so glatt vollzieht. Es ist immer die 
Sorge dabei, daß nicht alles ordentlich gemacht worden ist; es muß 
nachgeprüft, wiederholt werden, der Zweifel zeichnet bald die eine, 
bald die andere der Sicherungen aus, und der Erfolg ist, daß ein bis 

Freud, VH. iB 



274 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

zwei Stunden hiagebracht werden, während welcher das Mädchen 
selbst nicht schlafen kann und die eingeschüchterten Eltern nicht 

schlafen läßt. 

Die Analyse dieser Quälereien ging nicht so einfach von statten 
wie die der Zwangshandlung bei unserer früheren Patientin. Ich 
mußte dem Mädchen Andeutungen geben und Vorschläge zur Deu- 
tung machen, die von ihr jedesmal mit einem entschiedenen Nein 
abgelehnt oder mit geringschätzigem Zweifel aufgenommen wurden. 
Aber auf diese erste ablehnende Reaktion folgte eine Zeit, in welcher 
sie sich selbst mit den ihr vorgelegten Möglichkeiten beschäftigte, 
Ebifälle zu ihnen sammelte, Erinnerungen produzierte, Zusammen- 
hänge herstellte, bis sie alle Deutungen aus eigener Arbeit ange- 
nommen hatte. In dem Maße, als dies geschah, heß sie auch in der 
Ausführung der Zwangsmaßregeln nach, und noch vor Ende der Be- 
handlung hatte sie auf das gesamte Zeremoniell verzichtet. Sie müssen 
auch wissen, daß die analytische Arbeit, wie wir sie heute ausführen, 
die konsequente Bearbeitung des einzelnen Symptoms, bis man mit 
dessen Aufhellung zu Ende gekommen ist, geradezu ausschließt 
Man ist vielmehr genötigt, das eine Thema immer wieder zu ver- 
lassen, und ist sicher, von anderen Zusammenhängen her von neuem 
darauf zurückzukommen. Die Symptomdeutung, die ich Ihnen jetzt 
mitteilen werde, ist also eine Synthese von Ergebnissen, deren För- 
derung sich, von anderen Arbeiten unterbrochen, über die Zeit von 
Wochen und Monaten erstreckt. 

Unsere Paüentin lernt allmählich verstehen, daß sie die Uhr als 
Symbol des weiblichen Genitales aus ihren Zurüstungen für die Nacht 
verbannt hatte. Die Uhr, für die wir sonst auch andere Symboldeu- 
tungen kennen, gelangt zu dieser genitalen Rolle durch ihre Be- 
ziehung zu periodischen Vorgängen und gleichen Intervallen. Eine 
Frau kann etwa von sich rühmen, ihre Menstruation benehme sich 
so regelmäßig wie ein Uhrwerk. Die Angst unserer Patientin rich- 
tete sich aber besonders dagegen, durch das Ticken der Uhr im Schlaf 
gestört zu werden. Das Ticken der Uhr ist dem Klopfen der Klitoris 




XVII. Der Sinn der Symptome 27g" 

bei sexueller Erregung gleichzusetzen. Durch diese ihr nun pein- 
liche Empfindung war sie in der Tat wiederholt aus dem Schlafe ge- 
weckt worden, und jetzt äußerte sich diese Ereklionsangst in dem 
Gebot, welches gehende Uhren zur Nachtzeit aus ihrer Nähe ent- 
fernen hieß. Blumentöpfe und Vasen sind wie alle Gefäße gleichfalls 
weibliche Sj'mbole. Die Vorsicht, daß sie nicht zur Nachtzeit fallen 
und zerbrechen, entbehrt also nicht eines guten Sinnes. Wir kennen 
die vielverbreitete Sitte, daß bei Verlobungen ein Gefliß oder Teller 
zerschlagen wird. Jeder der Anwesenden eignet sich ein Bruchstück 
an welches wir als Ablösung seiner Ansprüche an die Braut auf dem 
Standpunkt einer Eheordnung vor der Monogamie auffassen dürfen. 
Zu diesem Stück ihres Zeremoniells brachte das Mädchen auch eine 
Erinnerung und mehrere Einfälle. Sie war einmal als Kind mit einem 
Glas- oder Tongefäß hingefallen, hatte sich in die Finger geschnitten 
und heftig geblutet. Als sie heranwuchs und von den. Tatsachen des 
Sexualverkehrs Kenntnis bekam, stellte sich die ängstliche Idee bei 
ihr ein, sie werde in der Hochzeitsuacht nicht bluten und sich nicht 
als Jungfrau enveisen. Ihre Vorsichten gegen das Zerbrechen der 
Vasen bedeuten also eine Abweisung des ganzen Komplexes, der mit 
der Virginität und dem Bluten beim ersten Verkehr zusammenhängt, 
ebensowohl eine Abweisung der Angst zu bluten wie der entgegen- 
gesetzten, nicht zu bluten. Mit der Geräusch Verhütung, welcher sie 
diese Maßnahmen unterordnete, hatten sie nur entfernt etwas zutun. 
Den zentralen Sinn ihres Zeremoniells erriet sie eines Tages, als 
sie plötzlich die Vorschrift, das Polster dürfe die Bettwand nicht be- 
rühren, verstand. Das Polster sei ihr immer ein Weib gewesen, 
sagte sie, die aufrechte Holzwand ein Mann. Sie wollte also — auf 
magische Weise, dürfen wir einschallen — Mann und Weib ausein- 
anderhalten, das heißt die Eltern voneinander trennen, nicht zum ehe- 
lichen Verkehr kommen lassen. Dasselbe Ziel hatte sie in früheren 
Jahren vor der Einrichtimg des Zeremoniells auf direktere Weise zu 
erreichen gesucht. Sie hatte Angst simuliert oder eine vorhandene 
Angstneigung dahin ausgebeutet, daß die Verbindungstüre zwischen 



276 Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

dem Schlafzimmer der Eltern und dem Kinderzimmer nicht geschlossen 
werden dürfe. Dies Gebot war ja noch in ihrem heutigen Zeremoniell 
erhalten geblieben. Auf solche Art schaffte sie sich die Gelegenheit, 
die Eltern zu belauschen, zog sich aber in der Ausnützung derselben 
einmal eine durch Monate anhaltende Schlaflosigkeit zu. Nicht zu- 
frieden mit solcher Störung der Eltern setzte sie es dann zeitweise 
durch daß sie im Ehebett selbst zwischen Vater und Mutter schlafen 
durfte. „Polster" und „Holzwand" konnten dann wirklich nicht zu- 
sammenkommen. Endlich, als sie schon so groß war, daß ihr Kör- 
perliches nicht mehr bequem im Bette zwischen den Eltern Platz 
finden konnte, erreichte sie es durch bewußte Simulation von Angst, 
daß die Mutter den Schlafplatz mit ihr tauschte und ihr die eigene 
Stelle neben dem Vater abtrat. Diese Situation war gewiß der Aus- 
gang von Phantasien geworden, deren Nachwirkung man im Zere- 
moniell verspürt. 

Wenn ein Polster ein Weib war, so hatte auch das Schütteln der 
Federdecke, bis alle Federn unten waren und dort eine Anschwellung 
hervorriefen, einen Sinn. Es hieß, das Weib schwanger machen; 
aber sie versäumte es nicht, diese Schwangerschaft wieder w^egzu- 
streichen, denn sie hatte Jahre hindurch unter der Furcht gestanden, 
der Verkehr der Eltern werde ein anderes Kind zur Folge haben und 
ihr so eine Konkurrenz bescheren. Anderseits, wenn das große Polster 
ein Weib, die Mutter, war, so konnte das kleine Kopfpölsterchen nur 
die Tochter vorstellen. Warum mußte dieses Polster als Raute ge- 
legt werden und ihr Kopf genau in der Mittellinie derselben kommen ? 
Sie ließ sich leicht daran erinnern, daß die Raute die an allen Mauern 
wiederholte Rune des offenen weiblichen Genitales sei. Sie selbst 
spielte dann den Mann, den Vater, und ersetzte durch ihren Kopf 
das männliche Glied. (Vgl. Die SymboUk des Köpfens für Kastration.) 

Wüste Dinge, werden Sie sagen, die da in dem Kopf des jung- 
fräulichen Mädchens spuken sollen. Ich gebe es zu, aber vergessen 
Sie nicht, ich habe diese Dinge nicht gemacht, sondern bloß gedeutet. 
Solch ein Schlafzeremoniell ist auch etwas Sonderbares, und Sie werden 



XVII. Der Sinn der Symptome 277 

die Entsprechung zwischen dem Zeremoniell und den Phantasien, 
die uns die Deutung ergibt, nicht verkennen dürfen. Wichtiger ist 
mir aber, daß Sie bemerken, es habe sich da nicht eine einzige Phan- 
tasie im Zeremoniell niedergeschlagen, sondern eine Anzahl von solchen, 
die allerdings irgendwo ihren Knotenpunkt haben. Auch daß die Vor- 
schriften des Zeremoniells die sexuellen Wünsche bald positiv, bald 
negativ wiedergeben, zum Teil der Vertretung und zum Teil der 
Abwehr derselben dienen. 

Man könnte auch aus der Analyse dieses Zeremoniells mehr machen, 
wenn man es in die richtige Verknüpfung mit den anderen Sym- 
ptomen der Kranken brächte. Aber unser Weg führt uns nicht dahin. 
Lassen sie sich die Andeutung genügen, daß dieses Mädchen einer 
erotischen Bindung an den Vater verfallen ist, deren Anfänge in 
frühe Kinderjahre zurückgehen. Vielleicht benimmt sie sich auch 
darum so unfreundlich gegen ihre Mutter. Wir können auch nicht 
übersehen, daß uns die Analyse dieses Symptoms wiederum auf das 
Sexualleben der Kranken hingeführt hat. Vielleicht werden wir uns 
darüber um so weniger verwundern, je Öfter wir in den Sinn und 
in die Absicht neurotischer Symptome Einsicht gewinnen. 

So habe ich Ihnen denn an zwei ausgewählten Beispielen gezeigt, daß 
die neurotischen Symptome einen Sinn haben wie die Fehlleistungen 
und wie die Träume, und daß sie in intimer Beziehung zum Erleben 
der Patienten stehen. Kann ich erwarten, daß Sie mir diesen über- 
aus bedeutsamen Satz auf zwei Beispiele hin glauben? Nein. Aber 
können Sie von mir verlangen, daß ich Ihnen soviel weitere Bei- 
spiele erzähle, bis Sie sich für überzeugL erklären? Auch nicht, denn 
bei der Ausführlichkeit, mit der ich den einzelnen Fall behandle, 
müßte ich ein fünfstündiges Semestralkolleg der Erledigung dieses 
einzelnen Punktes der Neurosenlehre widmen. Ich bescheide mich 
also damit, Ihnen eine Probe für meine Behauptung gegeben zu 
haben, und verweise Sie im übrigen auf die Mitteilungen in der 
Literatur, auf die klassischen Symptomdeuttmgen im ersten Fall von 
Breuer (Hysterie), auf die frappanten Aufhellungen ganz dunkler 



278 Forlesungen zur Einführ ung in die Psychoanalyse 

Symptome bei der sogenannten Dementia praecox durch C. G. Jung- 
aus der Zeit, da dieser Forscher bloß Psychoanalytiker war und noch 
nicht Prophet sein wollte, und auf alle die Arbeiten, die seither 
unsere Zeitschriften gefüllt haben. Wir haben gerade an solchen 
Untersuchungen keinen Mangel. Die Analyse, Deutung, Übersetzung 
der neurotischen Symptome hat die Psychoanalytiker so angezogen, 
daß sie zunächst die anderen Probleme der Neurotik dagegen ver- 
nachlässigten. 

Wer von Ihnen sich einer solchen Bemühung unterzieht, der wird 
gewiß einen starken Eindruck von der Fülle des Beweismaterials 
empfangen. Aber er wird auch auf eine Schwierigkeit stoßen. Der 
Sinn eines Symptoms hegt, wie wir erfahren haben, in einer Be- 
ziehung zum Erleben des Kranken. Je individueller das Symptom 
ausgebildet ist, desto eher dürfen wir erwarten diesen Zusammen- 
hang herzustellen. Die Atifgabc stellt sich dann geradezu, für eine 
sinnlose Idee und eine zwecklose Handlung jene vergangene Situation 
aufzufinden, in welcher die Idee gerechtfertigt und die Handlung 
zweckentsprechend war. Die Zwangshandlung unserer Patienün, 
die zum Tisch lief und dem Stubenmädchen schellte, ist direkt vor- 
bildlich für diese Art von Symptomen. Aber es gibt, und zwar sehr 
häufig, Symptome von ganz anderem Charakter. Man muß sie „ty- 
pische" Symptome der Krankheit nennen, sie sind in allen Fällen 
ungefähr gleich, die individuellen Unterschiede verschwinden bei 
ihnen oder schrumpfen wenigstens so zusammen, daß es schwer fallt, 
sie mit dem individuellen Erleben der Kranken zusammenzuliringen 
und auf einzelne erlebte Situationen zu beziehen. Richten wir unseren 
Blick wiederLun auf die Zwangsneurose. Schon das Schlafzimmer- 
zeremoniell unserer zweiten Patientin hat viel Typisches an sich, 
dabei allerdings genug individuelle Züge, um die sozusagen histo- 
rische Deutung zu ermöglichen. Aber alle diese Zwangskranken 
haben die Neigung zu wiederholen, Verrichtungen zu rhythmieren 
und von anderen zu isolieren. Die meisten von ihnen waschen zu 
viel. Die Kranken, welche an Agoraphobie (Topophobie, Raümangst) 



XVII. Der Sinn der Symptome a^g 

leiden, -was wir nicht mehr zur Zwangsneurose rechnen, sondern als 
Ängsthysterie bezeichnen, wiederholen in ihren Krankheitsbildera 
oft in ermüdender Monotonie dieselben Züge, sie fürchten geschlossene 
Räume, große offene Plätze, lange sich hinziehendeStraßen undAlleen. 
Sie halten sich für geschützt, wemiBekannte sie begleiten oder wenn ein 
Vagen ihnen nachfährt usw. Auf diesem gleichartigen Untergrund 
tagen aber doch die einzelnen Kranken ihre individuellen Bedingun- 
gn Launen,mächteinansagen,auf,dieeinanderindeneinzelnenFällen 
diekt widersprechen. Der eine scheut nur enge Straßen, der andere 
nir weite, der eine kann nur gehen, wenn wenig, der andere, wenn 
vide Menschen auf der Straße sind. Ebenso hat die Hysterie bei 
allm Reichtum an individuellen Zügen einen Überfluß an gemein- 
sanen, typischen Symptomen, die einer leichten historischen Zurück- 
fülrnng zu widerstreben scheinen. Vergessen wir nicht, es sind ja 
diee typischen Symptome, nach denen wir uns für die Stellung der 
Dignose orientieren. Haben wir nun wirklich in einem Falle von 
H^terie ein typisches Symptom auf ein Erlebnis oder auf eine Kette 
voi ähnlichen Erlebnissen zurückgeführt, z. B. ein hysterisches Er- 
brchen auf eine Folge von Ekeleindrücken, so werden wir irre, wenn 
UD die Analyse in einem anderen Fall von Erbrechen eine durchaus 
anersartige Reihe von angeblich wirksamen Erlebnissen aufdeckt. 
Essieht dann bald so aus, als müßten die Hysterischen aus unbe- 
kainten Gründen Erbrechen äußern, und die von der Analyse ge- 
lieerten historischen Anlässe seien nur Vorwände, die von dieser 
inieren Notwendigkeit verwendet werden, wenn sie sich zufällig er- 
geeu. 

So kommen wir bald zur betrübenden Einsicht, daß wir zwar den 
Sim der individuellen neurotischen Symptome durch die Beziehung 
zim Erleben befriedigend aufklären können, daß uns aber unsere 
Rinst für die weit häufigeren typischen Symptome derselben im 
Siehe läßt. Dazu kommt, daß ich Sie noch gar nicht mit allen 
Shwierigkeiten vertraut gemacht habe, die sich bei der konsequenten 
^erfolgung der historischen Syniptomdeutung herausstellen. Ich will 



•28o Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



es auch nicht tun, denn ich habe zwar die Absicht, Ihnen nichts zu 
beschönigen oder zu verhehlen, aber ich darf Sie doch nicht zu Be- ' 
ginn unserer gemeinsamen Studien ratlos machen und in Verwirrung 
bringen. Es ist richtig, daß wir erst den Anfang zu einem Verstand^ 
nis der Symptombedeutung gemacht haben, aber wir wollen an dei/ 
Gewonnenen festhalten und uns schrittweise zur Bewältigung d« 
noch Unverstandenen durchringen. Ich versuche es also, Sie mit dr 
Überlegung zu trösten, daß eine fundamentale Verschiedenheit zVi- 
scheu der einen uud der anderen Art von Symptomen doch katm 
anzunehmen ist. Hängen die individuellen Symptome so unverke;^- 
bar vom Erleben des Kranken ab, so bleibt für die typischen S;m- 
ptome die Möghchkeit, daß sie auf ein Erleben zurückgeheD, da an 
sich typisch, allen Menschen gemeinsam ist. Andere in der Neuose 
rege] mäßig wiederkehrende Züge mögen allgemeine Reaktionen Mn, 
welche den Kranken durch die Natur der krankhaften Verändeiing 
aufgezwungen werden, wie das Wiederholen oder das Zweifelnaer 
Zwangsneurose. Kurz, wir haben keinen Grund zum vorzeit^en 
Verzagen; wir werden ja sehen, was sich weiter ergibt. 

Vor einer ganz ähnlichen Schwierigkeit stehen wir auch inder 
Traumlehre. Ich konnte sie in unseren früheren Besprechungen ijier 
den Traum nicht behandeln. Der manifeste Inhalt der Träumi ist 
ja ein höchst mannigfaltiger und individuell verschiedener, uudivir 
haben ausführlich gezeigt, was man aus diesem Inhalt durch die 
Analyse gewinnt. Aber daneben gibt es Träume, die man gleich^Hs 
„typische" heißt, die bei allen Menschen in gleicher Weise jor- 
kommen, Träume von gleichförmigem Inhalt, welche der Deuting 
dieselben Schwierigkeiten entgegensetzen. Es sind dies die Trävme 
vom Fallen, Fliegen, Schweben, Schwimmen, Gehemratsein, \in:i 
Nacktsein und andere gewisse Angstträurae, die uns bald diese, bld 
jene Deutung bei einzelnen Personen ergeben, ohne daß die Moio- 
tonie und das typische Vorkommen derselben dabei seine Aufkläruig 
fände. Auch bei diesen Träumen beobachten wir aber, daß ein p 
meinsamer Untergrund durch individuell wechselnde Zutaten beltbt 



XVIJ. Der Sinn ^er Symptome 281 



wird, und wahrscheinlich werden auch sie sich in das Verständnis 
des Traumlebens, das wir an den anderen Träumen gewonnen haben, 
ohne Zwang, aber unter Erweiterung unserer Einsichten eiuiügen 
lassen. 



•^ 



j. 



XVIII. VORLESUNG 

DIE FIXIERUNG AN DAS TRAUMA, 
DAS UNBEWUSSTE 

Meine Damen und Herren! Ich sagLe das letztemal, wir wollten 
die Fortsetzung unserer Arbeit nicht an unsere Zweifel, sondern an 
unsere Funde anknüpfen. Zwei der interessantesten Folgerungen, 
die sich aus den zwei vorbildlichen Analysen ableiten, haben wir 
überhaupt noch nicht ausgesprochen. 

Fürs erste: Beide Patienten machen uns den Eindruck, als wären 
sie an ein bestimmtes Stück ihrer Vergangenheit fixiert, verständen 
nicht davon freizukommen, und seien deshalb der Gegenwart und 
der Zukunft entfremdet. Sie stecken nun in ihrer Krankheit, wie 
man sich in früheren Zeiten in ein Kloster zurückzuziehen pflegte, 
um dort ein schweres Lebensschicksal auszutragen. Für unsere erste 
Patientin ist es die in Wirkliclikeit aufgegebene Ehe mit ihrem Manne, 
die ihr dieses Verhängnis bereitet hat. Durch ihre Symptome setzt 
sie den Prozeß mit ihrem Manne fort; wir haben jene Stimmen ver- 
stehen gelernt, die für ihn plaidieren, die ihn entschuldigen, erhöhen, 
seinen Verlust beklagen. Obwohl sie jung und für andere Männer 
begehrenswert ist, hat sie alle realen und imaginären (manschen) 
Vorsichten ergriffen, um ihm die Treue zu bewahren. Sie zeigt sich 
nicht vor fremden Augen, vernachlässigt ihre Erscheinung, aber sie 
vermag es auch nicht, so bald von einem Sessel aufzustehen, auf dem 
sie gesessen ist, und sie verweigert es, ihren Namen zu unterechreiben, 



XFIII. DU Fixierung an das Trauma, das Unhf wußte 385 



kann keinem ein Geschenk machen, mit der Motivierung, es dürfe 
niemand etwas von ihr haben. 

Bei unserer zweiten Patientin, dem jungen Mädchen, ist es eine 
erotische Bindung an den Vater, welche sich in den Jahren vor der 
Pubertät hergesteUt hatte, die für ihr Leben dasselbe leistet. Sie hat 
auch für sich den Schluß gezogen, daß sie nicht heiraten kann, solange 
sie so krank ist. Wir dürfen vermuten, sie ist so krank geworden, um 
nicht heiraten zu müssen und um beim Vater zu bleiben. 

Wir dürfen die Frage nicht abweisen, wie, auf welchem Wege und 
kraft welcher Motive kommt man in eine so merkwürdige und so 
unvorteilhafte Einstellung zum Leben? Vorausgesetzt, daß dieses Ver- 
halten ein allgemeiner Charakter der Neurose und nicht eine besondere 
Eigentümlichkeit dieser zwei Kranken ist. Es ist aber in der Tat ein 
allgemeiner, praktisch sehr bedeutsamer Zug einer jeden Neurose. 
Die erste hysterische Patientin von Breuer war in ähnlicher Weise 
an die Zeit fixiert, da sie ihren schwer erkrankten Vater pflegte. Sie 
hat trotz ihrer Herstellung seither in gewisser Hinsicht mit dem 
Leben abgeschlosseu, sie ist zwar gesund und leistungsfähig geblieben, 
ist aber dem normalen Frauenschicksal ausgewichen. Bei jedem 
unserer Kranken können wir durch die Analyse ersehen, daß er sich 
in seinen Krankbeitssymptomen und durch die Folgerungen aus ihnen 
in eine gewisse Periode seiner Vergangenheit zurückversetzt hat. In 
der Überzahl der Fälle hat er sogar eine sehr frühe Lebensphase dazu 
gewählt, eine Zeit seiner Kindheit, ja so lächerlich es klingen mag, 
selbst seiner Säuglingsexistenz. 

Die nächste Analogie zu diesem Verhalten unserer Nervösen bieten 
Erkrankungen, wie sie gerade jetzt der Krieg in besonderer Häufig- 
keit entstehen läßt, die sogenannten traumatischen Neurosen. Es hat 
solche Fälle nach Eisenbahnzusammenstößen und anderen schreck- 
haften Lebensgefahren natürlich auch vor dem Kriege gegeben. Die 
traumatischen Neurosen sind im Grunde nicht dasselbe wie die spon- 
tanen Neurosen, die wir analytisch zu untersuchen und zu behandeln 
pflegen; es ist uns auch noch nicht gelungen, sie unseren Gesichts- 



384 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

punkten zu unterwerfen, und ich hoffe, Ihnen einmal klarmachen 
zu können, woran diese Einschränkung Hegt. Aber in dem einen 
Punkt dürfen wir eine völlige Übereinstimmung hervorheben. Die 
traumatischen Neurosen geben deutliche Anzeichen dafür, daß ihnen 
eine Fixierung an den Moment des traumatischen Unfalles zu Grunde 
liegt In ihren Träumen wiederholen diese Kranken regelmäßig die 
traumatische Situation; wo hysteriforme Anfälle vorkommenj die eine 
Analyse zulassen, erfährt man, daß der Anfall einer vollen Versetzung 
in diese Situation entspricht. Es ist so, als ob diese Kranken mit der 
traumatischen Situation nicht fertig geworden wären, als ob diese 
noch als unbezwiuigene aktuelle Aufgabe vor ihnen stände, und wir 
nehmen diese Auffassung in allem Ernst an; sie zeigt uns den Weg 
zu einer, heißen wir es ökonomischen Betrachtung der seelischen 
Vorgänge. Ja, der Ausdruck traumatisch hat keinen anderen als einen 
solchen Ökonomischen Sinn. Wir nennen so ein Erlebnis, welches 
dem Seelenleben innerhalb kurzer Zeit einen so starken Reizzuwachs 
bringt, dai3 die Erledigung oder Aufarbeitung desselben in normal- 
gewohnter Weise mißglückt, woraus dauernde Störungen im Energie- 
betrieb resultieren müssen. 

Diese Analogie muß uns dazu verlocken, auch jene Erlebnisse, an 
welche unsere Nervösen fixiert erscheinen, als traumatische zu be- 
zeichnen. Auf solche Weise würde uns eine einfache Bedingung für 
die neurotische Erkrankiuig verheißen werden. Die Neurose wäre 
einer traumatischen Erkrankung gleichzusetzen und entstünde durch 
die Unfähigkeit, ein überstark affektbetontes Erlebnis zu erledigen. 
So lautete auch wirklich die erste Formel, in welcher Breuer und ich 
1 895/g 5 theoretische Rechenschaft von unseren neuenBeobachtUDgen 
ablegten. Ein Fall wie der unserer ersten Patientin, der jungen, von 
ihrem Mann getrennten Frau, unterwirft sich dieser Auffassung sehr 
gut. Sie hat die Undurchführbarkeit ihrer Ehe nicht verwunden und 
ist an diesem Trauma hängen gebheben. Aber schon unser zweiter 
Fall, das an ihren Vater fixierte Mädchen, zeigt uns, daß die Formel 
nicht umfassend genug ist. Einerseits ist eine solche Kleinmädchen- 



XFIII. Die Fixierung an das Trauma, das Unbewußte 285 

Verliebtheit in den Vater etwas so Gewöhnliches und so häufig Über- 
wundenes, daß die Bezeichnung „traumatisch" allen Gehalt verlieren 
würde, anderseits lehrt uns die Geschichte der Kranken, daß diese 
erste erotische Fixierung zunächst anscheinend schadlos vorüberg'ng 
und erst mehrere Jahre später in den Symptomen der Zwangsneu- 
rose wieder zum Vorschein kam. Wir sehen da also Komplikationen, 
eine größere Reichhaltigkeit der Erkrankungsbedingungen voraus, 
aber wir ahnen auch, der traumatische Gesichtspunkt wird nicht 
etwa als irrig aufzugeben sein; er wird sich anderswo einfügen und 
unterordnen müssen. 

Wir brechen hier wieder den Weg ab, den wir eingeschlagen 
haben. Er führt zunächst nicht weiter, und wir haben allerlei an- 
deres zu erfahren, ehe wir seine richtige Fortsetzung finden können. 
Bemerken wir noch zum Thema der Fixierung an eine bestimmte Phase 
der Vergangenheit, daß ein solches Vorkommen weit über die Neurose 
hinausgeht. Jede Neurose enthält eine solche Fixierung, aber nicht jede 
Fixierung führt zur Neurose, fällt mit Neurose zusammen oder stellt sich 
auf dem Wege der Neurose her. Ein Mustervorbild einer affektiven 
Fixierung an etwas Vergangenes ist die Trauer, die selbst die vollste 
Abwendung von Gegenwart und Zukunft mit sich bringt. Aber die 
Trauer scheidet sich selbst für das Laienurteil scharf von der Neu- 
rose. Dagegen gibt es Neurosen, die man als eine pathologische Form 
der Trauer bezeichnen kann. 

Es kommt auch vor, daß Menschen durch ein traumatisches, die 
bisherigen Grundlagen ihres Lebens erschütterndes Ereignis so zum 
Stillstand gebracht werden, daß sie jedes Interesse für Gegenwart 
und Zukunft aufgeben und dauernd in der seelischen Beschäftigung 
mit der Vergangenheit verharren, aber diese Unglücklichen brauchen 
dabei nicht neurotisch zu werden. Wir wollen also diesen einen Zug 
für die Charakteristik der Neurose nicht überschätzen, so regelmäßig 
und so bedeutsam er sonst sein mag. 

Nun aber zum zweiten Ergebnis unserer Analysen, für welches 
wir eine nachträgüche Einschränkung nicht zu besorgen haben. Wir 



s86 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

haben von unserer ersten Patientin mitgeteilt, welche sinnlose Zwangs- 
handlung sie ausführte und welche intime Lebenserinnerung sie als 
dazugehörig erzählte, haben auch später das Verhältnis zwischen den 
beiden untersucht und die Absicht der Zwangshandlung aus dieser 
Beziehung zur Erinnerung erraten. Aber ein Moment haben wir 
völlig beiseite gelassen, das unsere ganze Aufmerksamkeit verdient. 
Solange die Patientin auch die Zwangsliandlung wiederholte, wußte 
sie nichts davon, daß sie mit ihr an jenes Erlebnis anknüpfte. Der 
Zusammenhang zwischen den beiden war ihr verborgen; sie mußte 
wahrheitsgemäß antworten, sie wisse nicht, unter welcheu Antrieben 
sie dies tue. Dann traf es sich unter dem Einflüsse der Kurarbeit 
plötzlich einmal, daß sie jenen Zusammenhang auffand und mitteilen 
konnte. Aber noch immer wußte sie von der Absicht nichts, in deren 
Dienst sie die Zwangshandlung ausführte, der Absicht, ein peinliches 
Stück der Vergangenheit zu korrigieren und den von ihr geüebten 
Mann auf ein höheres Niveau zu stellen. Es dauerte ziemlich lange 
und kostete viel Mühe, bis sie begriffen und mir zugestanden hatte, 
daß ein solches Motiv allein die treibende Kraft der Zwangshandlung 
gewesen sein könnte. 

Der Zusammenhang mit der Szene nach der verunglückten Hoch- 
zeitsnacht und das zärtliche Motiv der Kranken ergeben mitsammen 
das, was wir den „Sinn" der Zwangshandlung genannt haben. Aber 
dieser Sinn war ihr nach beiden Richtung-en, dem „woher" wie dem 
„wozu" unbekannt gewesen, während sie die Zwangshandlung aus- 
führte. Es hatten also seelische Vorgänge in ihr gewirkt, die Zwangs- 
handlung war eben deren Wirkung; sie hatte die Wirkung in nor- 
maler seelischer Verfassung wahrgenommen, aber nichts von den 
seelischen Vorbedingungen dieser Wirkimg war zur Kenntnis ihres 
Bewußtseins gekommen. Sie hatte sich ganz ebenso benommen, wie 
ein Hypnotisierter, dem ßernheim den Auftrag erteilte, fünf Minuten 
nach seinem Erwachen im Krankensaal einen Regenschirm aufzu- 
spannen, der diesen Auftrag im Wachen ausführte, aber kein Motiv 
für sein Tun anzugeben wußte. Einen solchen Sachverhalt haben 



XVIII. Die Fixifrunß an das Trauma, tias Unbeioußte 287 

wir im Auge, wenn wir von der Existenz unbewußter seelischer 
Vorgänge reden. Wir dürfen alle Welt herausfordernj von diesem 
Sachverhalt auf eine korrektere wissenschaftliche Art Rechenschaft 
zu geben, und wollen dann gern auf die Annahme unbewußter see- 
licher Vorgänge verzichten. Bis dahin werden wir aber an dieser 
Annahme festhalten und wir müssen es mit resigniertem Achsel- 
zucken als unbegreiflich abweisen, wenn uns jemand einwenden 
will, das Unbewußte sei hier nichts im Sinne der Wissenschaft Reales, 
ein Notbehelf, une fagon de parier. Etwas nicht Reales, von dem so 
real greifbare Wirkungen ausgehen wie eine Zwangshandlung! 

Im Grunde das nämliche treffen wir bei unserer zweiten Patientin 
an. Sie hat ein Gebot geschaffen, das Polster dürfe die Bettwand 
nicht berühren, und muß dieses Gebot befolgen, aber sie weiß nicht, 
woher es stammt, was es bedeutet und welchen Motiven es seine 
Macht verdankt. Ob sie es selbst als indifferent betrachtet oder sich 
dagegen sträubt, dagegen wütet, sich vornimmt, es zu übertreten, ist 
für seine Ausführung gleichgültig. Es muß befolgt werden, und sie 
fragt sich vergeblich, warum. Man muß doch bekennen, in diesen 
Symptomen der Zwangsneurose, diesen Vorstellungen und Impulsen, 
die auftauchen, man w^eiß nicht woher, sich so resistent gegen alle 
Einflüsse des sonst normalen Seelenlebens benehmen, den Kranken 
selbst den Eindruck machen, als wären sie übergewaltige Gäste aus 
einer fremden Welt, Unsterbliche, die sich in das Gewühl der Sterb- 
lichen gemengt haben, ist wohl der deutlichste Hinweis auf einen 
besonderen, vom übrigen abgeschlossenen Bezirk des Seelenlebens 
gegeben. Von ihnen aus führt ein nicht zu verfehlender Weg zur 
Überzeugung von der Existenz des Unbewußten in der Seele, und 
gerade darum weiß die klinische Psychiatrie, die nur eine Bewußt- 
seinspsychologie kennt, mit ihnen nichts anderes anzufangen, als daß 
sie sie für die Anzeichen einer besonderen Degenerationsweise aus- 
gibt. Natürlich sind die Zwangsvorstellungen und Zwangsimpulse 
nicht selbst unbewußt, so wenig wie die Ausführung der Zwangs- 
handlungen der bewußten Wahrnehmung entgeht. Sie wären nicht 



288 Forlesungen zur Einführun g in die Psychoanalyse 

Symptome geworden^ wenn sie nicht zum Bewußtsein durchge- 
drungen wären. Aber die psychischen Vorbedingungen, die wir 
durch die Analyse für sie erschließen, die Zusammenhänge, in welche 
wir sie durch die Deutung einsetzen, sind unbewußte, wenigstens 
so lange, bis wir sie dem Kranken durch die Arbeit der Analyse zu 
bewußten gemacht haben. 

Nun nehmen Sie hinzu, daß dieser bei unseren beiden Fällen fest- 
gestellte Sachverhalt sich bei allen Symptomen aller neurotischen 
Erkrankungen bestätigt, daß immer und überall der Sinn der Sym- 
ptome dem Kranken unbekannt ist, daß die Analyse regelmäßig zeigt, 
diese Symptome seien Abkömmlinge unbewußter Vorgänge, die sich 
aber unter mannig-fahigen günstigen Bedingungen bewußt machen 
lassen, so werden Sie verstehen, daß wir in der Psychoanalyse das 
unbewußte Seelische nicht entbehren können und gewohnt sind, 
mit ihm wie mit etwas sinnlich Greifbarem zu operieren. Sie werden 
aber vielleicht auch begreifen, wie wenig urteilsfähig in dieser Frage 
alle anderen sind, die das Unbewußte nur als Begriff kennen, die nie 
analysiert, nie Träume gedeutet oder neurotische Symptome in Sinn 
und Absicht umgesetzt haben. Um es für unsere Zwecke nochmals 
auszusprechen: Die Möglichkeit, den neurotischen Symptomen durch 
analytische Deutung einen Sinn zu geben, ist ein unerschütterlicher 
Beweis für die Existenz — oder, wenn Sie so lieber wollen, für die 
Notwendigkeil der Annahme — unbewußter seelischer Vorgänge. 

Das ist aber nicht alles. Dank einer zweiten Entdeckung von 
Breuer, die mir sogar als die inhaltsreichere erscheint, undin welcher 
er keine Genossen hat, erfahren wir von der Beziehung zwischen 
dem Unbewußten und den neurotischen Symptomen noch mehr. 
Nicht nur, daß der Sinn der Symptome regelmäßig unbewußt ist; 
es besteht auch ein Verhältnis von Vertretung zwischen dieser Un- 
bewußtheit und der Existenzmöglichkeit der Symptome. Sie werden 
mich bald verstehen. Ich will mit Breuer folgendes behaupten: 
Jedesmal, wenn wir auf ein Symptom stoßen, dürfen wir schließen, 
es bestehen bei dem Kranken bestimmte unbewußte Vorgänge, die 



XFIII, Die Fixierung an das Trauma, das Ünhewußte 



289 



eben den Sinn des Symptoms enthalten. Aber es ist auch erforder- 
lich, daß dieser Sinn unbewußt sei, damit das Symptom zustande 
komme. Aus bewußten Vorgängen werden Symptome nicht gebildetj 
sowie die betreffenden unbewußten bewußt geworden sind, muß das 
Symptom verschwinden. Sie erkennen hier mit einem Male einen 
Zugang zur Therapie, einen Weg, Symptome zum Verschwinden zu 
bringen. Auf diesem Wege hat Breuer in der Tat seine hysterische 
Patientin hergestellt, daß heißt von ihren Symptomen befreit; er 
fand eine Technik, ihr die unbewußten Vorgänge, die den Sinn des 
Symptoms enthielten, zum Bewußtsein zu bringen, und die Sym- 
ptome verschwanden. 

Diese Entdeckung von Breuer war nicht das Ergebnis einer Spe- 
kulation, sondern einer glücklichen, durch das Entgegenkommen des 
Kranken ermöglichten Beobachtung. Sie sollen sich jetzt auch nicht 
damit quälen wollen, sie durch Zurückführung auf etwas anderes, 
bereits Bekanntes zu verstehen, sondern sollen eine neue fundamen- 
tale Tatsache in ihr erkennen, mit deren Hilfe vieles andere erklär- 
lich werden wird. Gestatten Sie mir darum, daß ich Ihnen dasselbe 
in anderen Ausdrucksweisen wiederhole. 

Die Symptombildung ist ein Ersatz für etwas anderes, was unter- 
blieben ist. Gewisse seelische Vorgänge hätten sich normalerweise 
go weit entwickeln sollen, daß das Bewußtsein Kunde von ihnen er- 
hielte. Das ist nicht geschehen, und dafür ist aus den unterbrochenen, 
irgendwie gestörten Vorgängen, die unbewußt bleiben mußten, das 
Symptom hervorgegangen. Es ist also etwas wie eine Vertauschung 
vorgefallen; wenn es gelingt, diese rückgängig zu machen, hat die 
Therapie der neurotischen Symptome ihre Aufgabe gelöst. 

Der Breuersche Fund ist noch heute die Grundlage der psycho- 
analytischen Therapie. Der Satz, daß die Symptome verschwinden, 
wenn man ihre unbewußten Vorbedingungen bewußt gemacht hat, 
ist durch alle weitere Forschung bestätigt worden, obgleich man den 
merkwürdigsten und unerwartetsten Komplikationen begegnet, wenn 
man den Versuch seiner praktischen Durchführung unternimmt. 



Freud, VII. 



*9 



V' Vorlevwgen zur Einführung in die Psychonnalyse 



Unsere Therapie wirkt dadurch, daß sie Unhewußies in Bewußtes 
verwandelt, und wirkt nur, insoweit sie in die Lage kommt, diese 
Verwandlung durchzusetzen. 

Nun rasch eine kleine Abschweifung, damit Sie nicht in die Ge- 
fahr kommen, sich diese therapeutische Arbeit als zu leicht vorzu- 
stellen. Nach unseren bisherigen Ausführungen wäre ja die Neurose 
die Folge einer Art von Unwissenheit, des Nichtwissens um seelische 
Vorgänge, von denen man wissen sollte. Das würde eine starke An- 
näherung an bekannte sokratische Lehren sein, denen zufolge selbst 
die Laster auf einer Unwissenheit beruhen. Nun wird es dem in der 
Analyse erfahrenen Arzt in der Regel sehr leicht zu erraten, welche 
seeUsche Regungen bei dem einzelnen Kranken unbewußt geblieben 
sind. Es dürfte ihm also auch nicht schwer fallen, den Kranken her- 
zustellen, indem er ihn durch Mitteilung seines Wissens von seiner 
eigenen Unwissenheit befreit. Wenigstens der eine Anteil des unbe^ 
wußten Sinnes der Symptome wäre auf diese Weise leicht erledigt, vom 
anderen, vom Zusammenhang der Symptome mit den Erlebnissen der 
Kranken kann der Arzt freilich nicht viel erraten, denn er kennt 
diese Erlebnisse nicht, er muß warten, bis der Kranke sie erinnert 
und ihm erzählt. Aber auch dafür ließe sich in manchen Fällen ein 
Ersatz finden. Man kann sich bei den Angehörigen des Kranken nach 
dessen Erlebnissen erkundigen, und d'ese werden häufig in der Lage 
sein, die traumatisch wirksamen unter ihnen zu erkennen, vielleicht 
sogar solche Erlebnisse mitzuteilen, von denen der Kranke nichts 
weiß, weil sie in sehr frühe Jahre seines Lebens gefallen sind. Durch 
eine Vereinigung dieser beiden Verfahren hätte man also Aussicht, 
der pathogenen Unwissenheit des Kranken in kurzer Zeit und mit 
geringer Mühe abzuhelfen. 

. Ja, wenn das so ginge! Wir haben da Erfahrungen gemacht, auf 
welche wir anfangs nicht vorbereitet waren. Wissen und Wissen ist 
nicht dasselbe^ es gibt verschiedene Arten von Wissen, die psycho- 
logisch gar nicht gleichwertig sind. // y afagots et fagots, heißt es 
einmal bei Molifcre. Das Wissen des Arztes ist nicht dasselbe wie 



1 



XVIII, Die Fixierung an das Trauma, das Unbewußte sqi 

das des Kranken und kann nicht dieselben Wirkungen äußern. Wenn 

der Arzt sein Wissen durch Mitteilung auf den Kranken überträgt 

so hat dies keinen Erfolg. Nein, es wäre unrichtig, es so zu sagen. 

Es hat nicht den Erfolg, die Symptome aufzuheben, sondern den 

anderen, die Analyse in Gang zu bringen, wovon Äußerungen des 

Widerspruches häufig die ersten Anzeichen sind. Der Kranke weiß dann 

etwas, was er bisher nicht gewußt hat, den Sinn seines Symptoms, 

und er weiß ihn doch ebensowenig wie vorhin. Wir erfahren so, 

es gibt mehr als eine Art von Unwissenheit. Es wird eine gewisse 

Vertiefung unserer psychologischen Kenntnisse dazugehören, um uns 

zu zeigen, worin die Unterschiede bestehen. Aber unser Satz, daß die 

Symptome mit dem Wissen um ihren Sinn vergehen, bleibt darum 

doch richtig. Es kommt nur dazu, daß das Wissen auf einer inneren 

Veränderung im Kranken beruhen muß, wie sie nur durch eine 

psychische Arbeit mit bestimmtem Ziel hervorgerufen werden kann. 

Hier stehen wir vor Problemen, die sich uns bald zu einer Dynamik 

der Symptombildung zusammenfassen werden. 

Meine Herreu! Ich muß jetzt die Frage aufwerfen, ist Ihnen das, 
was ich Ihnen sage, nicht zu dunkel und kompliziert? Verwirre ich 
Sie nicht dadurch, daß ich so oft zurücknehme und einschränke, Ge- 
dankengänge anspinne und dann fallen lasse? Es sollte mir leid tun, 
wenn es so wäre. Ich habe aber eine starke Abneigung gegen Ver- 
einfachungen auf Kosten der Wahrheitstreue, habe nichts dagegen, 
wenn Sie den vollen Eindruck von der Vielseitigkeit und Verwoben- 
heit des Gegenstandes empfangen, und denke mir auch, es ist kein 
Schaden dabei, wenn ich Ihnen zu jedem Punkte mehr sage, als Sie 
augenblicklich verwerten können. Ich weiß doch, daß jeder Hörer 
und Leser das ihm Dargebotene in Gedanken zurichtet, verkürzt, 
vereinfacht und herauszieht, was er behalten möchte. Bis zu einem 
gewissen Maß ist es wohl richtig, daß um so mehr übrig bleibt, je 
reichlicher vorhanden war. Lassen Sie mich hoffen, daß Sie das Wesent- 
liche an meinen Mitteilungen, das über den Sinn der Symptome, über 
das Unbewußte und die Beziehung zwischen beiden, trotz alles Bei- 



'9" 



aga Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Werkes klar erfaßt haben. Sie haben wohl auch verstanden, daß unsere 
weitere Bemühung nach zwei Richtungen gehen wird, erstens um 
zu erfahren, wie Menschen erkranken, zur Lehenseinstelluug der 
Neurose gelangen können, was ein klinisches Problem ist, und zweitens, 
wie sich aus den Bedingungen der Neurose die krankhaften Symptome 
entwickeln, was ein Problem der seelischen Dynamik bleibt. Für die 
beiden Probleme muß es auch irgendwo einen Treffpunkt geben. 

Ich will auch heute nicht weiter gehen, aber da unsere Zeit noch 
nicht um ist, gedenke ich, Ihre Aufmerksamkeit auf einen anderen 
Charakter unserer beiden Analysen zu lenken, dessen volle Würdi- 
gung wiederum erst später erfolgen kann, auf die Erinnerungslücken 
oder Amnesien. Sie haben gehört, daß man die Aufgabe der psycho- 
analytischen Behandlung in die Formel fassen kann, alles pathogene 
Unbewußte in Bewußtes umzusetzen. Nun werden Sie vielleicht er- 
staunt sein zu erfahren, daß man diese Formel auch durch die andere 
ersetzen kann, alle Erinnerungslücken der Kranken auszufüllen, seme 
Amnesien aufzuheben. Das käme auf dasselbe hinaus. Den Amnesien 
des Neurotikers wird also eine wichtige Beziehung zur Entstehung 
seiner Symptome zugeschrieben. Wenn Sie aber den Fall unserer 
ersten Analyse in Betracht ziehen, werden Sie diese Einschätzung 
der Amnesie nicht berechtigt finden. Die Kranke hat die Szene, an 
welche ihre Zwangshandlung anknüpft, nicht vergessen, im Gegen- 
teil in lebhafter Erinnerung bewahrt, und etwas anderes Vergessenes 
ist bei der Entstehung dieses Symptoms auch nicht im Spiele. Mmder 
deutlich, aber doch im ganzen analog ist die Sachlage bei unserer 
zweiten Patientin, dem Mädchen mit dem Zwangszeremoniell. Auch 
sie hat das Benehmen ihrer früheren Jahre, die Tatsachen, daß sie 
auf der Eröffnung der Türe zwischen dem Schlafzimmer der Eltern 
und ihrem eigenen bestand, und daß sie die Mutter aus ihrer Stelle 
im Ehebett vertrieb, eigentlich nicht vergessen; sie erinnert sich daran 
sehr deutUch, wenn auch zögernd und ungern. Als auffällig können 
wir nur betrachten, daß die erste Patientin, wenn sie ihre Zwangs- 
handlung ungezählte Male ausführte, nicht ein Mal an deren Ahn- 



XVIII. Die Fixierung: an das Trauma, das Unbewußte 295 

lichkeit mit dem Erlebnis nach der Hochzeitsnacht gemahnt wurde, 
und daß sich diese Erinnerung auch nicht einstellte^ als sie durch 
direkte Fragen zur Nachforschung über die Motivierung der Zwangs- 
handlung aufgefordert wurde. Dasselbe gilt für das Mädchen, bei 
dem das Zeremoniell und seine Anlässe überdies auf die näm- 
liche allabendlich wiederholte Situation bezogen wird. In beiden 
Fällen besteht keine eigentliche Amnesie, kein Erinuerungsausfall, 
aber es ist ein Zusammenhang unterbrochen^ der die Reproduktion, 
das Wiederauftauchen in der Erinnerung, herbeiführen sollte. Eine 
derartige Störung des Gedächtnisses reicht für die Zwangsneurose 
hin bei der Hysterie ist es anders. Diese letztere Neurose ist meist 
durch ganz großartige Amnesien ausgezeichnet. In der Regel wird 
man bei der Analyse jedes einzelnen hysterischen Symptoms auf eine 
ganze Kette von Lebeuseindrücken geleitet, die bei ihrer Wiederkehr 
ausdrücklich als bisher vergessen bezeichnet werden. Diese Kette 
reicht einerseits bis in die frühesten Lebensjahre zurück, so daß sich 
die hysterische Amnesie als unmittelbare Fortsetzung der infantilen 
Amnesie erkennen läßt, die uns Normalen die Anfänge unseres Seelen- 
lebens verdeckt. Anderseits erfahren wir mit Erstaunen, daß auch 
die jüngsten Erlebnisse der Kranken dem Vergessen verfallen sein 
können, und daß insbesondere die Anlasse, bei denen die Krankheit 
ausgebrochen oder verstärkt w^orden ist, von der Amnesie angenagt, 
wenn nicht ganz verschlungen worden sind. Regelmäßig sind aus 
dem Gesamtbild einer solchen rezenten Erinnerung wichtige Einzel- 
heiten geschwunden oder durch Eiinnerungsfälschurigen ersetzt 
worden. Ja es ereignet sich wiederum fast regelmäßig, daß erst kurz 
vor dem Abschluß einer Analyse gewisse Erinnerungen an frisch Er- 
lebtes auftauchen, die so lange zurückgehalten werden konnten und 
fühlbare Lücken im Zusammenhange gelassen hatten. 

Solche Beeinträchtigungen des Erinnerungsvermögens sind, wie 
gesagt, für die Hysterie charakteristisch, bei welcher ja auch als Sym- 
ptome Zustände auftreten (die hysterischen Anfälle), die in der Er- 
innerung keine Spur zu hinterlassen brauchen. Wenn es bei der 



zg4 Forleximgpn zur Einfiihrunß in <1ie Psychoanalyse 



Zwangsneurose anders ist, so mögen Sie daraus schließen, daß es sich 
bei diesen Amnesien um einen psychologischen Charakter der hyste- 
rischen Veränderung und nicht um einen allgemeinen Zug der Neu- 
rosen überhaupt handelt. Die Bedeutung dieser Differenz wird durch 
folgende Betrachtung eiogeschranltt werden. Wir haben als den „Sinn" 
eines Symptoms zweierlei zusammengefaßt, sein Woher und sein 
Wohin oder Wozu, das heißt die Eindrücke und Erlebnisse, von denen 
es ausgeht, und die Absichten, denen es dient. Das Woher eines Sym- 
ptoms löst sich also in Eindrücke auf, die von außen gekommen sind, 
die notwendigerweise einmal bewußt waren und seither durch Ver- 
gessen unbewußt geworden sein mögen. Das Wozu des Symptoms, 
seine Tendenz, ist aber jedesmal ein endopsychischer Vorgang, der mög- 
licherweise zuerst bewußt geworden ist, aber ebensowohl niemals 
bewußt war und von jeher im Unbewußten verblieben ist. Es ist 
also nicht sehr wichtig, ob die Amnesie auch das Woher, die Erleb- 
nisse, auf die sich das Symptom stützt, ergriffen hat, wie es bei der 
Hysterie geschieht; das Wohin, die Tendenz des Symptoms, die von 
Anfang an unbewußt gewesen sein kann, ist es, die die Abhängig- 
keit desselben vom Unbewußten begründet, und zwar bei der Zwangs- 
neurose nicht weniger fest als bei der Hysterie. 

Mit dieser Hervorhebimg des Unbewußten im Seelenleben haben 
wir aber die bösesten Geister der Kritik gegen die Psychoanalyse 
aufgerufen. Wundern Sie sich darüber nicht und glauben Sie auch 
nicht, daß der Widerstand gegen uns nur an der begreiflichen 
Schwierigkeit des Unbewußten oder an der relativen Unzugänglich- 
keit der Erfahrungen gelegen ist, die es erweisen. Ich meine, er 
kommt von tiefer her. Zwei große Kränkungen ihrer naiven Eigen- 
liebe hat die Menschheit im Laufe der Zeiten von der Wissenschaft 
erdulden müssen. Die erste, als sie erfuhr, daß unsere Erde nicht 
der Mittelpunkt des Weltalls ist, sondern ein winziges Teilchen eines 
in seiner Größe kaum vorstellbaren Weltsystems. Sie knüpft sich 
für uns an den Namen Kopernikus, obwohl schon die alexandri- 
nische Wissenschaft ähnliches verkündet hatte. Die zweite dann, als 




XVIII. Die Fixierung an das Trauma, das Ünhewußte 295 



die biologische Forschung das angebliche Schöpfungsvorrecht des 
Menschen zunichte machte, ihn auf die Abstammung aus dem Tier- 
reich und die Unvertilgbarkeit seiner animalischen Natur verwies. 
Diese Umwertung hat sich in unseren Tagen unter dem Einfluß von 
Ch. Dar win,Wallace und ihren Vorgängern nicht ohne das heftigste 

Sträuben der Zeitgenossen vollzogen. Die dritte und empfindlichste 
Kränkung aber soll die menschliche Größensucht durch die heutige 
psychologische Forschung erfahren, welche dem Ich nachweisen will, 
daß es nicht einmal Herr ist im eigenen Hause, sondern auf kärgliche 
Nachrichten angewiesen bleibt von dem, was unbewußt in seinem 
Seelenleben vorgeht. Auch diese Mahnung zur Einkehr haben wir 
Psychoanalytiker nicht zuerst und nicht als die einzigen vorgetragen, 
aber es scheint uns beschieden, sie am eindringlichsten zu vertreten und 
durch Erfahrungsmaterial, das jedem einzelnen nahegeht, zu erhärten. 
Daher die allgemeine Auflehnung gegen unsere Wissenschaft, die 
Versäumnis aller Rücksichten akademischer Urbanität und die Ent- 
fesselung der Opposition von allen Zügeln unparteiischer Logik, und 
dazu kommt noch, daß wir den Frieden dieser Well noch auf andere 
Weise stören mußten, wie Sie bald hören werden. 



XIX. VORLESUNG 

WIDERSTAND UND VERDRÄNGUNG 

Meine Damen und Herren! Um im Verständnis der Neurosen wei- 
ter zu kommen, bedürfen wir neuer Erfahrungen^ und wir machen 
deren zwei. Beide sehr merkwürdig und seinerzeit sehr überraschend. 
Sie sind freilich auf beide durch unsere vorjährigen Besprechungen 
vorbereitet. 

Erstens: Wenn wir es unternehmen, einen Kranken herzustellen, 
von seinen Leidenssymptomen zu befreien, so setzt er uns einen hef- 
tigen, zähen, überdieganzeDauerder Behandlunganhaltenden Wider- 
stand entgegen. Das ist eine so sonderbare Tatsache, daß wir nicht 
viel Glauben für sie erwarten dürfen. Den Angehörigen des Kranken 
sagen wir am besten nichts davon, denn diese meinen nie etwas an- 
deres, als es sei eine Ausrede von uns, um die lange Dauer oder den 
Mißerfolg unserer Behandlung zu entschuldigen. Auch der Kranke 
produziert alle Phänomene dieses Widerstandes, ohne ihn als solchen 
zu erkennen, und es ist bereits ein großer Erfolg, wenn wir ihn da- 
zu gebracht haben, sich in diese Auffassung zu finden imd mit ihr zu 
rechnen. Denken Sie doch, der Kranke, der unter seinen Symptomen 
so leidet und seine Nächsten dabei mitleiden läßt, der so viele Opfer 
au Zeit, Geld, Mühe und Selbstüberwindung auf sich nehmen will, 
um von ihnen befreit zu werden, der sollte sich im Interesse seines 
Krankseins gegen seinen Helfer sträuben. Wie unwahrscheinlich muß 
diese Behauptung klingen! Und doch ist es so, und wenn man uns 



XIX. Widerstand und Verdrüngung 297 



diese Unwahrscheinlichkeit vorhältj so brauchen wir nur zu ant- 
worten, es sei nicht ohne seine Analogien, und jeder, der wegen un- 
erträglicher Zahnschmerzen den Zahnarzt aufgesucht hat, sei diesem 
wohl in den Arm gefallen, wenn er sich dem kranken Zahn mit der 
Zange nähern wollte. 

Der Widerstand der Kranken ist sehr mannigfaltig, höchst raffiniert, 
oft schwer zu erkennen, wechselt proteusartig die Form seiner Er- 
scheinung. Es heißt für den Arzt mißtrauisch sein und auf seiner 
Hut gegen ihn bleiben. Wir wenden ja in der psychoanalytischen 
Therapie die Technik an, die Ihnen von der Traumdeutung her be- 
kannt ist. Wir legen es dem Kranken auf, sich in einen Zustand von 
ruhiger Selbstbeobachtung ohne Nachdenken zu versetzen und alles 
mitzuteilen, was er dabei an inneren Wahrnehmungen machen kann: 
Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, in der Reihenfolge, in der sie in 
ihm auftauchen. Wir warnen ihn dabei ausdrücklich, irgendeinem 
Motiv nachzugeben, welches eine Auswahl oder Ausschließung unter 
den Einfällen erzielen möchte, möge es lauten, das ist zu unange- 
nehm oder zu indiskret, um es zu sagen, oder das ist zu unwich- 
tig, es gehört nicht hierher, oder das ist unsinnig, braucht nicht 
gesagt zu werden. Wir schärfen ihm ein, immer nur der Ober- 
fläche seines Bewußtseins zu folgen, jede wie immer geartete Kritik 
gegen das, w^as er findet, zu unterlassen, und vertrauen ihm an, daß 
der Erfolg der Behandlung, vor allem aber die Dauer derselben von 
der Gewissenhaftigkeit abhängt, mit der er diese technische Grund- 
regel der Analyse befolgt. Wir wissen ja von der Technik der Traum- 
deutung, daß gerade solche Einfälle, gegen welche sich die aufge- 
zählten Bedenken und Einwendungen erheben, regelmäßig das Ma- 
terial enthalten, welches zur Aufdeckung des Unbewußten hinführt. 

Durch die Aufstellung dieser technischen Grundregel erreichen wir 
zunächst, daß sie zum Angriffspunkt des Widerstandes wird. Der 
Kranke sucht sich ihren Bestimmungen auf jede Art zu entwinden. 
Bald behauptet er, es fiele ihm nichts ein, bald, es dränge sich ihm 
so vieles auf, daß er nichts zu erfassen vermöge. Dann merken wir 



jf 



398 VorUmn^en zur Einfuhrung in die Psychoanalyse 

mit mißvergnügtem Erstaunen, daß er bald dieser, bald jener kriüschen 
Einwendung nachgegeben hat; er verrät sich uns nämlich durch die 
langen Pausen, die er in seinen Reden eintreten läßt. Er gesteht dann 
zu, das könne er wirkhch nicht sagen, er schäme sich, und läßt dieses 
Motiv gegen sein Versprechen gelten. Oder es sei ihm etwas einge- 
fallen, aber es betreffe eine andere Person als ihn selbst und sei dar- 
um von der Mitteilung ausgenommen. Oder, was ihm jetzt einge- 
fallen, sei wirklich zu unwichtig, zu dumm und zu unsinnig; ich 
könne doch nicht gemeint haben, daß er auf solche Gedanken ein- 
gehen solle, und so geht es in unübersehbaren Variationen weiter, 
wogegen man zu erklären hat, daß alles sagen wirkhch alles sagen be- 
deutet. 

Man trifft kaum auf einen Kranken, der nicht den Versuch machte, 
irgendein Gebiet für sich zu reservieren, um der Kur den Zutritt zu 
demselben zu verwehren. Einer, den ich zu den Höchstintelligenten 
zählen mußte, verschwieg so wochenlang eine intime Liebesbeziehung 
und verteidigte sich, wegen der Verletzung der heiligen Regel zur 
Rede gestellt, mit dem Argument, er habe geglaubt, diese eine Ge- 
schichte sei seine Privatsache. Natürlich verträgt die analytische Kur 
ein solches Asylrecht nicht. Man versuche es etwa in einer Stadt wie 
Wien für einen Platz wie der Hohe Markt oder für die Stephanskirche 
die Ausnahme zuzulassen, daß dort keine Verhaftungen stattfinden 
dürfen, und mühe sich dann ab, einen bestimmten Missetäler einzu- 
fangen. Er wird an keiner anderen Stelle als an dem Asyl zu finden 
sein. Ich entschloß mich einmal, einem Mann, an dessen Leistungs- 
fähigkeit objektiv viel gelegen war, ein solches Ausnahmsrecht zuzu- 
gestehen, denn er stand unter einem Diensteid, der ihm verbot, von 
bestimmten Dingen einem anderen Mitteilung zu machen. Er war 
allerdings mit dem Erfolg zufrieden, aber ich nicht ; ich setzte mir vor, 
einen Versuch unter solchen Bedingungen nicht zu wiederholen. 

Zwangsneurotiker verstehen es ausgezeichnet, die technische Regel 
fast unbrauchbar zu machen, dadurch, daß sie ihre Übergewissenhaftig- 
keit und ihren Zweifel auf sie einstellen. Angsthysteriker bringen es 



XIX. Widerstnnri und Vfrärangnng agg 

gelegentlich zustande, sie ad absurdum zu führen, indem sie nur Ein- 
fälle produzieren, die so weit von dem Gesuchten entfernt sind, daß 
sie der Analyse keinen Ertrag bringen. Aber ich beabsichtige nicht, 
Sie in die Behandlung dieser technischen Schwierigkeiten einzuführen. 
Genug, es gelingt endlich, durch Entschiedenheit und Beharrung dem 
Widerstand ein gewisses Ausmaß von Gehorsam gegen die technische 
Grundregel abzuringen, und dann wirft er sich auf ein anderes Ge- 
biet. Er tritt als intellektueller Widerstand auf, kämpft mit Argu- 
menten, bemächtigt sich der Schwierigkeiten und.XJnwahrscheinlich- 
keiten, welche das normale, aber nicht unterrichtete Denken an den 
analytischen Lehren findet. Wir bekommen dann alle Kritiken und 
Einwendungen von dieser einzelnen Stimme zu hören, die uns in der 
wissenschaftlichen Literatur als Chorus umbrausen. Daher uns auch 
nichts unbekannt klingt, was man uns von draußen zuruft. Es ist ein 
richtiger Sturm im Wasserglas. Doch der Patient läßt mit sich reden; 
er will uns gern dazu bewegen, daß wir ihn unterrichten, belehren, 
widerlegen, ihn zur Literatur führen, an welcher er sich weiterbilden 
kann. Er ist gern bereit, ein Anhänger der Psychoanalyse zu werden, 
unter der Bedingung, daß die Analyse ihn persönlich verschont. Aber 
wir erkennen diese Wißbegierde als Widerstand, als Ablenkung von 
unseren speziellen Aufgaben, und weisen sie ab. Bei dem Zwangs- 
neurotiker haben wir eine besondere Taktik des Widerstandes zu er- 
warten. Er läßt die Analyse oft ungehemmt ihren Weg machen, so 
daß sie eine immer zunehmende Helligkeit über die Rätsel des Krank- 
heitsfalles verbreiten kann, aber wir wundern uns endlich, daß dieser 
Aufklärung kein praktischer Fortschritt, keine Abschwächung der 
Symptome entspricht. Dann können wir entdecken, daß der Wider- 
stand sich auf den Zweifel der Zwangsneurose zurückgezogen hat und 
uns in dieser Position erfolgreich die Spitze bietet. Der Kranke hat 
sich ungefähr gesagt: Das ist ja alles recht schön und interessant. Ich 
will es auch gern weiter verfolgen. Es würde meine Krankheit sehr 
ändern, wenn es wahr wäre. Aber ich glaube ja gar nicht, daß es 
wahr ist, und solange ich es nicht glaube, geht es meine Krankheit 



300 Vorlesungen zur Einfü hrung in fUe Psychoanalyse 

nichts an. So kann es lange fortgehen, bis man endlich an diese reser- 
vierte Stellung selbst herangekommen ist, und nun der entscheidende 

Kampf losbricht. 

Die intellektuellen Widerstände sind nicht die schlimmsten^ man 
bleibt ihnen immer Überlegen. Aber der Patient versteht es auch, 
indem er im Rahmen der Analyse bleibt, Widerstände herzustellen, 
deren Überwindung zu den schwierigsten technischen Aufgaben ge- 
hört. Anstatt sich zu erinnern, wiederholt er aus seinem Leben solche 
Einstellungen und Gefühlsregungen, die sich mittels der sogenannten 
„Übertragung" zum Widerstand gegen Arzt und Kur verwenden 
lassen. Er entnimmt dieses Material, wenn es ein Mann ist, in der 
Regel seinem Verhältnis zum Vater, an dessen Stelle er den Arzt 
treten läßt, und macht somit Widerstände aus seinem Bestreben nach 
Selbständigkeit der Person und des Urteiles, aus seinem Ehrgeiz, der 
sein erstes Ziel darin fand, es dem Vater gleichzutun oder ihn zu über- 
winden, aus seinem Unwillen, die Last der Dankbarkeit ein zweites 
Mal im Leben auf sich zu laden. Streckenweise empfängt man so den 
Eindruck, als hätte beim Kranken die Absicht, den Arzt ins Unrecht 
zu setzen, ihn seine Ohnmacht empfinden zu lassen, über ihn zu 
triumphieren, die bessere Absicht, der Krankheit ein Ende zumachen, 
völlig ersetzt. Die Frauen verstehen es meisterhaft, eine zärtliche, 
erotisch betoute Übertragung auf den Arzt für die Zwecke des Wider- ■ 
Standes auszubeuten. Bei einer gewissen Höhe dieser Zuneigung er- 
lischt jedes Interesse für die aktuelle Situation der Kur, jede der Ver- 
pflichtungen, die sie beim Eingehen in dieselbe auf sich genommen 
hatten, und die nie ausbleibende Eifersucht sowie die Erbitterung 
über die unvermeidliche, wenn auch schonend vorgebrachte Abwei- 
sung müssen dazu dienen, das persönliche Einvernehmen mit dem 
Arzt zu verderben und so eine der mächtigsten Triebkräfte der Ana- 
lyse auszuschalten. 

Die Widerstände dieser Art dürfen nicht einseitig verurteilt wer- 
den. Sie enthalten so viel von dem wichtigsten Material aus der Ver- 
gangenheit des Kranken und bringen es in so überzeugender Art 



XJX. TViderstand und Verdrängung 501 



wieder, daß sie zu den besten Stützen der Analyse werden, wenn 
eine geschickte Technik es versteht, ihnen die richtige Wendung zu 
geben. Es bleibt nur bemerkenswert, daß dieses Material zunächst 
immer im Dienste des Widerstandes steht und seine der Behandlung 
feindselige Fassade voranstellt. Man kann auch sagen, es seien Cha- 
raktereigenschaften, Einstellungen des Ichs, welche zur Bekämpfung 
der anffestrebten Veränderungen mobil gemacht werden. Man erfährt 
dabei wie diese Charaktereigenschaften im Zusammenhang mit den 
Bedingungen der Neurose und in der Reaktion gegen deren Ansprüche 
gebildet worden sind, und erkennt Züge dieses Charakters, die sonst 
nicht oder nicht in diesem Ausmaße, hervortreten können, die man 
als latent bezeichnen kann. Sie sollen auch nicht den Eindruck ge- 
winnen, als erblickten wir in dem Auftreten dieser Widerstände eine 
unvorhergesehene Gefährdung der analytischen Beeinflussung. Nein, 
wir wissen, daß diese Widerstände zum Vorschein kommen müssen; 
wir sind nur unzufrieden, wenn wir sie nicht deutlich genug her- 
vorrufen und dem Kranken nicht klarmachen können. Ja, wir ver- 
stehen endlich, daß die Überwindung dieser Widerstände die wesent- 
liche Leistung der Analyse und jenes Stück der Arbeit ist, welches 
uns allein zusichert, daß wir etwas beim Kranken zustande gebracht 
haben. 

Nehmen Sie noch hinzu, daß der Kranke alle Zufälligkeiten, die 
sich während der Behandlung ergeben, im Sinne einer Störung aus- 
nützt, jedes ablenkende Ereignis außerhalb, jede Äußerung einer der 
Analyse feindseligen Autorität in seinem Kreise, eine zufällige oder 
die Neurose komphzierende organische Erkrankung, ja daß er selbst 
jede Besserung seines Zustandes als Motiv für ein Nachlassen seiner 
Bemühung verwendet, so haben Sie ein ungefähres, noch immer 
nicht vollständiges Bild der Formen und der Mittel des Widerstandes 
gewonnen, unter dessen Bekämpfung jede Analyse verläuft. Ich habe 
diesem Punkt eine so ausführliche Behandlung geschenkt, weil ich 
Ihnen mitzuteüen habe, daß diese unsere Erfahrung mit dem Wider- 
stände der Neurotiker gegen die Beseitigung ihrer Symptome die 



5oa Forlpmng'-n zur Einführuni!: in die PsyrhoaTinlj.^e 



Grundlage unserer dynamischen Auffassung der Neurosen geworden 
ist. Breuer und ich selbst haben ursprünglich die Psychotherapie 
mit dem Mittel der Hypnose betrieben; Breuers erste Patientin ist 
durchwegs im Zustande hypnotischer Beeinflussung behandelt wor- 
den; ich bia ihm zunächst darin gefolgt. Ich gestehe, die Arbeit ging 
damals leichter und angenehmer, auch in viel kürzerer Zeit, vor sich. 
Die Erfolge aber waren launenhaft und nicht andauernd; darum ließ 
ich endlich die Hypnose fallen. Und dann verstand ich, daß eine Ein-^ 
sieht in die Dynamik dieser Affektionen nicht möglich gewesen war, 
solange man sich der Hypnose bedient hatte. Dieser Zustand wußte 
gerade die Existenz des Widerstandes der Wahrnehmung des Arztes 
zu entziehen. Er schob ihn zurück, machte ein gewisses Gebiet für 
die analytische Arbeit frei und staute ihn an den Grenzen dieses Ge- 
bietes so auf, daß er undurchdringlich wurde, ähnlich wie es der 
Zweifel bei der Zwangsneurose tut. Darum durfte ich auch sagen, 
die eigentliche Psychoanalyse hat mit dem Verzicht auf die Hilfe der 
Hypnose eingesetzt. - ' 

Wenn aber die Konstatierung des Widerstandes so bedeutsam ge-; 
worden ist, so dürfen wir wohl einem vorsichtigen Zweifel Raum 
geben, ob wir nicht allzu leichtfertig in der Annahme von Wider- 
ständen sind. Vielleicht gibt es wirklich neurotische Fälle, in denen 
die Assoziationen sich aus anderen Gründen versagen, vielleicht ver- 
dienen die Argumente gegen unsere Voraussetzungen wirklich eine 
inhaltliche Würdigung und wir tun Unrecht daran, die intellektuelle 
Kritik der Analysierten so bequem als Widerstand beiseite zu schieben. 
Ja, meine Herren, wir sind aber nicht leichthin zu diesem Urteil ge- 
kommen. Wir haben Gelegenheit gehabt, jeden solchen kritischer! 
Patienten bei dem Auftauchen und nach dem Schwinden eines Wider- 
standes zu beobachten. Der Widerstand wechselt nämlich im Laufe 
einer Behandlung beständig seine Intensität; er steigt immer an, wenn 
man sich einem neuen Thema nähert, ist am stärksten auf der Höhe 
der Bearbeitung desselben und sinkt mit der Erledigung des Themas 
wieder zusammen. Wir haben es auch niemals, wenn wir nicht be- 



XIX. Widers,tand und Verdrängung; ■ 503 

sondere technische Ungeschicklichkeiten begangen haben, mit dem 
vollen Ausmaß des Widerstandes, den ein Patient leisten kann, zu 
tun. Wir konnten uns also überzeugen, daß derselbe Mann unge- 
zählte Male im Laufe der Analyse seine kritische Einstellung weg- 
wirft und wieder aufnimmt. Stehen wir davor, ein neues und ihm 
besonders peinliches Stück des unbewußten Materials zum Bewußt- 
sein zu fördern, so ist er aufs äußerste kritisch; hatte er früher vieles 
verstanden und angenommen, so sind diese Erwerbungen jetzt wie 
weggewischt; er kann in seinem Bestreben nach Opposition um jeden 
Preis völlig das Bild eines affektiv Schwachsinnigen ergeben. Ist es 
gelungen, ihm zur Überwindung dieses neuen Widerstandes zu ver- 
helfen, so bekommt er seine Einsicht und sein Verständnis wieder. 
Seine Kritik ist also keine selbständige, als solche zu respektierende 
Funktion, sie ist der Handlanger seiner affektiven Einstellungen und 
wird von seinem Widerstand dirigiert. Ist ihm etwas nicht recht, 
so kann er sich sehr scharfsinnig dagegen wehren und sehr kritisch 
erscheinen; paßt ihm aber etwas in seinen Kram, so kann er sich da- 
gegen sehr leichtgläubig zeigen. Vielleicht sind wir alle nicht viel 
anders; der Analysierte zeigt diese Abhängigkeit des Intellekts vom 
Affektleben nur darum so deutlich, weil wir ihn in der Analyse in 
so große Bedrängnis bringen. 

Auf welche Weise tragen wir nun der Beobachtung Rechnung, 
daß sich der Kranke so energisch gegen die Abstellung seiner Sym- 
ptome und die Herstellung eines normalen Ablaufes in seinen seeli- 
schen Vorgängen wehrt? Wir sagen uns, wir haben da starke Kräfte 
zu spüren bekommen, die sich einer Veränderung des Zustandes 
widersetzen,- es müssen dieselben sein, die seinerzeit diesen Zustand 
erzwungen haben. Es muß bei der Symptorabildung etwas vor sich 
gegangen sein, was wir nun aus unseren Erfahrungen bei der Sym- 
ptomlösung rekonstruieren können. Wir wissen schon aus der Breuer- 
schen Beobachtung, die Existenz des Symptoms hat zur Voraussetzung, 
daß irgendein seelischer Vorgang nicht in normaler Weise zu Ende 
geführt wurde, so daß er bewußt werden konnte. Das Symptom ist 



504. Forlesunpen zur Einführung i n die Psychoanalyse 

ein Ersatz für das, was da unterblieben ist. Nun wissen wir, an welche 
Stelle wir die vermutete Kraftwirkung zu versetzen haben. Es muß 
sich ein heftiges Sträuben dagegen erhoben haben, daß der fragliche 
seelische Vorgang bis zum Bewußtsein vordringe^ er blieb darum un- 
bewußt. Als Unbewußtes hatte er die Macht, ein Symptom zu bilden. 
Dasselbe Sträuben widersetzt sich während der analytischen Kur dem 
Bemühen, das Unbewußte ins Bewußte überzuführen, von neuem. 
Dies verspüren wir als Widerstand. Der pathogene Vorgang, der uns 
durch den Widerstand erwiesen wird, soll den Namen Verdrängung 

erhalten. 

Über diesen Prozeß der Verdrängung müssen wir uns nun bestimm- 
tere Vorstellungen machen. Er ist die Vorbedingung der Symptom- 
bildung, aber er ist auch etwas, wozu wir nichts Ähnliches kennen. 
Nehmen wir einen Impuls, einen seelischen Vorgang mit dem Be- 
streben, sich in eine Handlung umzusetzen, als Vorbild, so wissen 
wir, daß er einer Abweisung unterliegen kann, die wir Verwerfung 
oder Verurteilung heißen. Dabei wird ihm die Energie, über die er 
verfügt, entzogen, er wird machtlos, aber er kann als Erinnerung 
bestehen bleiben. Der ganze Vorgang der Entscheidung über ihn läuft 
unter dem Wissen des Ichs ab. Ganz anders, wenn wir uns denken, 
daß derselbe Impuls der Verdrängung unterworfen würde. Dann be- 
hielte er seine Energie und es würde keine Erinnerung an ihn übrig 
bleiben; auch würde sich der Vorgang der Verdrängung vom Ich 
unbemerkt vollziehen. Durch diese Vergleichung kommen wir dem 
Wesen der Verdrängung also nicht näher. 

Ich will Ihnen auseinandersetzen, welche theoretischen Vorstel- 
lungen sich allein brauchbar erwiesen haben, um den Begriff der 
Verdrängung an eine bestimmtere Gestalt zu binden. Es ist vor allem 
dazu- notwendig, daß wir von dem rein deskriptiven Sinn des Wortes 
„unbewußt" zum systematischen Sinn desselben Wortes fortschreiten, 
das heißt wir entschließen uns zu sagen, die Bewußtheit oder Un- 
bewußtheit eines psychischen Vorganges ist nur eine der Eigenschaften 
desselben und nicht notwendig eine unzweideutige. Wenn ein solcher 



^ 



XIX. Widerstand und Verdrängung 105 



Vorgang unbewußt geblieben ist, so ist diese Abhaltung vom Bewußt- 
sein vielleicht nur ein Anzeichen des Schicksals, das er erfahren hat, 
und nicht dieses Schicksal selbst. Um uns dieses Schicksal zu versinn- 
lichen, nehmen wir an, daß jeder seelische Vorgang — es muß da 
eine später zu erwähnende Ausnahme zugegeben werden — zuerst 
in einem unbewußten Stadium oder Phase existiert und erst aus die- 
sem in die bewußte Phase übergeht, etwa wie ein photographisches 
Bild zuerst ein Negativ ist und dann durch den Positivprozeß zum 
Bild wird. Nun muß aber nicht aus jedem Negativ ein Positiv wer- 
den, und ebensowenig ist es notwendig, daß jeder unbewußte Seelen- 
vorgang sich in einen bewußten umwandle. Wir drücken uns mit 
Vorteil so- aus, der einzelne Vorgang gehöre zuerst dem psychischen 
System des Unbewußten an und könne dann unter Umständen in 
das System des Bewußten übertreten. 

Die roheste Vorstellung von diesen Systemen ist die für uns be- 
quemste; es ist die räumliche. Wir setzen also das System des Un- 
bewußten einem großen Vorraum gleich, in dem sich die seelischen 
Regungen wie Einzelwesen tummeln. An diesen Vorraum schließe 
sich ein zweiter, engerer, eine Art Salon, in welchem auch das Bewußt- 
sein verweilt. Aber an der Schwelle zwischen beiden Räumlichkeiten 
walte ein Wächter seines Amtes, der die einzelnen Seelenregungen 
mustert, zensuriert und sie nicht in den Salon einläßt, wenn sie sein 
Mißfallen erregen. Sie sehen sofort ein, daß es nicht viel Unterschied 
macht, ob der Wächter eine einzelne Regung bereits von der Schwelle 
abweist, oder ob er sie wieder über sie hinausweist, nachdem sie in 
den Salon eingetreten ist. Es handelt sich dabei nur um den Grad 
seiner Wachsamkeit und um sein frühzeitiges Erkennen. Das Fest- 
halten an diesem Bilde gestattet uns nun eine weitere Ausbildung 
unserer Nomenklatur. Die Regungen im Vorraum des Unbewußten 
sind dem Blick des Bewußtseins, das sich ja im anderen Raum befin- 
det, entzogen; sie müssen zunächst unbewußt bleiben. Wenn sie sich 
bereits zur Schwelle vorgedrängt haben und vom Wächter zurück- 
gewiesen worden sind, dann sind sie bewußtseinsunlähig; wir heißen 

Fraud, VII. „ 



5o6 Forlesungen zur Einführung in di e Psychoanalyse 

sie verdrängt. Aber auch die Regungen, welche der Wächter über 
die Schwelle gelassen, sind darum nicht notwendig auch bewußt ge- 
worden; sie können es bloß werden, wenn es ihnen gelingt, die Bücke 
des Bewußtseins auf sich zu ziehen. Wir heißen darum diesen zweiten 
Raum mit gutem Recht das System des Vorbewußten. Das Bewußt- 
werden behält dann seinen rein deskriptiven Sinn. Das Schicksal der 
Verdrängung besteht aber für eine einzelne Regung darin, daß sie 
vom Wächter nicht aus dem System des Uubewußten in das des 
Vorbewußten eingelassen wird. Es ist derselbe Vfächter, den wir als 
Widerstand kennen lernen, wenn wir durch die analytische Behand- 
lung die Verdrängung aufzuheben versuchen. 

Nun weiß ich ja, Sie werden sagen, diese Vorstellungen sind ebenso 
roh wie phantastisch und in einer wissenschaftlichen Darstellung gar 
nicht zulässig. Ich weiß, daß sie roh sind; ja noch mehr, wir wissen 
auch, daß sie unrichtig sind, und wenn wir nicht sehr irren, so haben 
wir bereits einen besseren Ersatz für sie bereit. Ob sie Ihnen dann 
auch noch so phantastisch erscheinen werden, weiß ich nicht. Vor- 
läufig sind es Hilfsvorstellungen wie die vom Ampbreschen Männ- 
chen, das im elektrischen Stromkreis schwimmt, und nicht zu ver- 
achten, insofern sie für das Verständnis der Beobachtungen brauchbar 
sind. Ich möchte Ihnen versichern, daß diese rohen Annahmen von 
den zwei Räumlichkeiten, dem Wächter an der Schwelle zwischen 
beiden und dem Bewußtsein als Zuschauer am Ende des zweiten 
Saales doch sehr weitgehende Annäherungen an den wirklichen Sach- 
verhalt bedeuten müssen. Ich möchte auch von Ihnen das Zugeständnis 
hören, daß unsere Bezeichnungen: unbewußt, vorbewußt, be- 
wußt weit weniger präjudizieren und leichter zu rechtfertigen sind 
als andere, die in Vorschlag oder in Gebrauch gekommen sind, wie; 
unterbewußt, nebenbewußt, binnenbewußt und dergleichen. 

Bedeutsamer wird es mir darum sein, wenn Sie mich daran m^ah- 
nen, daß eine solche Einrichtung des seelischen Apparates, wie ich sie 
hier zugunsten der Erldärung neurotischer Symptome angenommen 
habe, nur eine allgemein gültige sein und also auch über die normale 



1 



XIX. fViderstatid und Verth-än^utig ^07 



Funktion AuskLinft geben müßte. Darin haben Sie natürlich recht. 
Wir könaen dieser Folgerung jetzt nicht nachgehen, aber unser In- 
teresse für die Psychologie der Symptombildung muß eine außer- 
ordentliche Steigerung erfahren, wenn die Aussicht besteht, durch 
das Studium pathologischer Verhältnisse Aufschluß über das so gut 
verhüllte normale seelische Geschehen zu bekommen. 

Erkennen Sie übrigens nicht, worauf sich unsere Aufstellungen 
von den beiden Systemen, dem Verhältnis zwischen ihnen und zum 
Bewußtsein stützen? Der Wächter zwischen dem Unbewußten und 
dem Vorbewußten ist doch nichts anderes als die Zensur, der v\är die 
Gestaltung des manifesten Traumes unterworfen fanden. Die Tages- 
reste, in denen wir die Anreger des Traumes erkannten, waren vor- 
bewvißtes Material, welches zur Nachtzeit im Schlafzustande den Ein- 
fluß unbewußter undverdrängter Wunschregungen erfahren hatteund 
in Geraeinschaft mit ihnen, dank ihrer Energie, den latenten Traum 
hatte bilden können. Unter der Herrschaft des unbewußten Systems 
hatte dieses Material eine Verarbeitung gefunden — die Verdichtung 
und Verschiebung — , wie sie im normalen Seelenleben, das heißt im 
vorbewußten System, unbekannt oder nur ausnahmsweise zulässig 
ist. Diese Verschiedenheit der Arbeitsweisen wurde uns zur Charak- 
teristik der beiden Systeme; das Verhältnis zum Bewußtsein, welches 
dem Vorbewußten anhängt, galt uns nur als Zeichen der Zugehörig- 
keit zu einem der beiden Systeme. Der Traum ist eben kein patho- 
logisches Phänomen mehr; er kann bei allen Gesunden unter den 
Bedingungen des Schlafzustandes auftreten. Jene Annahme über die 
Struktur des seelischen Apparates, welche uns in einem die Bildung 
des Traumes und die der neurotischen Symptome verstehen läßt, hat 
einen unabweisbaren Anspruch darauf, auch für das normale Seelen- 
leben in Betracht gezogen zu werden. 

Soviel wollen wir jetzt von der Verdrängung sagen. Sie ist aber 
nur die Vorbedingung für die Symptombildung. Wir wissen, das 
Symptom ist ein Ersatz für etwas, was durch die Verdrängung ver- 
hindert wurde. Aber von der Verdrängung bis zum Verständnis dieser 



«o' 



5o8 Vorlemrgen zur Einführung in die Psychoannlyse 

Ersatzbildung ist noch ein weiter Weg. Auf der üudcron Seite des 
Problems erheben sich im Anschkiß an die Kunslatierung der Ver- 
drängung die Fragen: Welche Art von seelischen Regungen unter- 
liegt der Verdrängung, von welchen Kräften wird sie durchgesetzt, 
aus welchen Motiven? Dazu ist uns bisher nur eines gegeben. Wir 
haben bei der Untersuchung des Widerstandes gehört, daß er von 
Kräften des Ichs ausgeht, von bekannten und latenten Charakter- 
eigenschaften. Diese sind es also auch, die die Verdrängung besorgt 
haben, oder sie sind wenigstens an ihr beteiligt gewesen. Alles weitere 
ist uns noch unbekannt. 

Da hilft uns nun die zweite Erfahrung, die ich angekündigt hatte, 
weiter. Wir können aus der Analyse ganz allgemein angeben, was die 
Absicht der neurotischen Symptome ist. Auch das wird Ihnen nichts 
Neues sein. Ich habe es Ihnen an zwei Fällen von Neurose schon ge- 
zeigt. Aber freilich, was bedeuten zwei Fälle? Sie haben das Recht 
zu verlangen, daß es ninen zweihundortmal, ungezählte Male gezeigt 
werde. Nur das eine, daß ich dies nicht kann. Da nniß wieder die 
eigene Erfahrung dafür eintreten oder der Glaube, der sicli in diesem 
Punkt auf die übereinstimmende Angabe aller Psychoanalytiker be- 
rufen kann. 

Sie erinnern sich daran, daß in den zwei Fällen, deren Symptome 
wir einer eingehenden Untersuchung unterzogen, die Analyse uns m 
das Intimste des Sexuallebens dieser Kranken einweihte. Im ersten 
Falle haben wir außerdem die Absicht oder Tendenz des untersuchten 
Symptoms besonders deutlich erkannt^ vielleicht war sie im zweiten 
Falle durch ein später zu erwähnendes Moment etwas verdeckt. Nun, 
dasselbe, was wir an diesen beiden Beispielen gesehen haben, würden 
uns alle anderen Fälle zeigen, welche wir der Analyse unterziehen. 
Jedesmal würden wir durch die Analyse in die sexuellen Erlebnisse 
und Wünsche des Kranken eingeführt worden, und jedesmal müßten 
wir feststellen, daß ihre Symptome der gleichen Absicht dienen. Als 
diese Absicht gibt sich uns die Befriedigung sexueller Wünsche zu 
erkennen^ die Symptome dienen der Sexualbefricdigung der Kran- 



XIX. fVitierstand und Verdrängung jOQ 

ken, sie sind ein Ersatz für solche Befriedigung, die sie im Leben 
entbehren. 

Denken Sie an die Zwangshandlung unserer ersten Patientin. Die 
Frau entbehrt ihren intensiv gehebten Mann, mit dem sie wegen 
seiner Mängel und Schwächen das Leben nicht teilen kann. Sie muß 
ihm treu bleiben, sie kann keinen anderen an seine Stelle setzen. Ihr 
Zwangssymptom gibt ihr, wonach sie sich sehnt, erhöht ihren Mann, 
verleugnet, korrigiert seine Schwächen, vor allem seine Impotenz. 
Dieses Symptom ist im Grunde eine Wunsch erfüUung, ganz wie ein 
Traum, und zwar, was der Traum nicht jedesmal ist, eine erotische 
Wunsch erfüllung. Bei unserer zweiten Patientin konnten Sie wenig- 
stens entnehmen, daß ihr Zeremoniell den Verkehr der Eltern ver- 
hindern oder hintanhalten will, daß aus demselben ein neues Kind 
hervorgehe. Sie haben wohl auch erraten, daß es im Grunde dahin 
strebt, sie selbst an die Stelle der Mutter zu setzen. Also wiederum 
Beseitigung von Störungen in der Sexualbefriedigung und Erfüllung 
eigener sexueller Wünsche. Von der angedeuteten Komplikation wird 
bald die Rede sein. 

Meine Herren! Ich mächte dem vorbeugen, daß ich an der All- 
gemeinheit dieser Behauptungen nachträglich Abzüge anzubringen 
habe, und mache Sie darum aufmerksam, daß alles, was ich hier über 
Verdrängung, Symptombildung und Symptombedeutung sage, an drei 
Formen von Neurosen, der Angsthysterie, der Konversionshysterie 
und der Zwangsneurose gewonnen worden ist und zunächst auch nur 
für diese Formen gilt. Diese drei Affekiionen, die wir als „Über- 
traguugsneurosen" in einer Gruppe zu vereinigen gewohnt sind, 
umschreiben auch das Gebiet, auf welchem sich die psychoanalytische 
Therapie betätigen kann. Die anderen Neurosen sind von der Psycho- 
analyse weit weniger gut studiert worden ; bei einer Gruppe derselben 
ist wohl die Unmöglichkeit einer therapeutischen Beeinflussung ein 
Grund für die Zurücksetzung gewesen. Vergessen Sie auch nicht, daß 
die Psychoanalyse eine noch sehr junge Wissenschaft ist, daß sie viel 
Mühe und Zeit zur Vorbereitung erfordert, und daß sie vor gar nicht 



51 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



langer Zeit noch auf zwei Augen gestanden ist. Doch sind wir aa 
allen Stellen im Begriffe, in das Verständnis dieser anderen Affektionen, 
die nicht Übertragungsneurosen sind, einzudringen. Ich hoffe, Ihnen 
noch vorführen zu können, welche Erweiterungen unsere Annahmen 
und Ergehnisse hei der Anpassung an dieses neue Material erfahren, 
und Ihnen zu zeigen, daß diese weiteren Studien nicht zu Wider- 
sprüchen, sondern zur Herstellung von höheren Einheitlichkeiten 
geführt haben. Wenn also jetzt alles, was hier gesagt wird, für die 
drei Übertragungsneurosen gilt, so lassen Sie mich zunächst den Wert 
der Symptome durch eine neue Mitteilung steigern. Eine verglei- 
chende Untersuchung über die Anlässe der Erkrankung ergibt näm- 
lich ein Resultat, welches sich in die Formel fassen läßt, diese Per- 
sonen erkranken an der Versagung in irgend einer Weise, wenn 
ihnen die Realität die Befriedigung ihrer sexuellen Wünsche vor- 
enthält. Sie erkennen, wie vortrefflich diese beiden Ergebnisse mit- 
einander stimmen. Die Symptome sind dann erst recht als Ersatz- 
befriedigung für die im Leben vermißte zu verstehen. 

Gewiß sind noch allerlei Einwendungen gegen den Satz, daß die 
neurotischen Symptome sexuelle Ersatzbefriedigungen sind, möglich. 
Zwei davon will ich heute noch erörtern. Sie werden, wenn Sie selbst 
eine größere Anzahl von Neurotikern analytisch untersucht haben, 
mir vielleicht kopfschüttelnd berichten: hei einer Reihe von Fällen 
treffe dies aber gar nicht zuj die Symptome scheinen da eher die 
gegenteilige Absicht zu enthalten, die Sexualbefriedigung auszu- 
schheßen oder aufzuheben. Ich werde die Richtigkeit Ihrer Deutung 
nicht bestreiten. Der psychoanalytische Sachverhalt pflegt gern etwas 
komplizierter zu sein, als uns lieh ist. Wenn er so einfach wäre, hätte 
es vielleicht nicht der Psychoanalyse bedurft, um ihn ans Licht zu 
bringen. Wirklich lassen bereits einige Züge des Zeremoniells bei 
unserer zweiten Patientin diesen asketischen, der Sexualbefriedigung 
feindlichen Charakter erkennen, z. B. wenn sie die Uhren beseitigt, 
was den magischen Sinn hat, nächtliche Erektionen zu vermeiden, 
oder das Fallen und Brechen von Gefäßen verhüten will, was einem 



X 



JilX. ffzderstaml und Verdrängung 511 



Schutze ihrer Jungfräulichkeit gleichkommt. In anderen Fällen von 
Bettzeremoniell, die ich analysieren konnte, war dieser negative 
Charakter weit mehr ausgesprochen; das Zeremoniell konnte durch- 
wegs aus AbwehrmaiBregeln gegen sexuelle Erinnerungen und Ver- 
suchungen bestellen. Indessen haben wir schon so oft in der Psycho- 
analyse erfahren, daß Gegensätze keinen Widerspruch bedeuten. Wir 
könnten unsere Behauptung dahin erweitern, die Symptome beab- 
sichtigen entweder eine sexuelle Befriedigung oder eine Abwehr 
derselben und zwar wiegt bei der Hysterie der positive, wunsch- 
erfüllende bei der Zwangsneurose der negative, asketische Charakter 
im ganzen vor. Wenn die Symptome sowohl der Sexualbefriedigung 
als auch ihrem Gegensatz dienen können, so hat diese Zweiseiligkeit 
oder Polarität eine ausgezeichnete Begründung in einem Stück ihres 
Mechanismus, welches wir noch nicht erwähnen konnten. Sie sind 
nämhch, wie wir hören werden, Konipromißergebnisse, aus der In- 
terferenz zweier gegensätzlichen Strebungen hervorgegangen, und 
vertreten ebensowohl das Verdrängte wie das Verdrängendej das bei 
ihrer Entstehung tnitgewirkt hat. Die Vertretung kann dann mehr 
zugunsten der einen oder anderen Seite geraten, nur selten fällt ein 
Einfluß völlig aus. Bei der Hysterie wird zumeist das Zusammen- 
treffen beider Absichten in dem nämlichen Symptom erreicht. Bei 
der Zwangsneurose fallen beide Anteile oft auseinander; das Sym- 
ptom wird dann aweizeitig, es besteht aus zwei Aktionen, einer nach 
der anderen, die einander aufheben. 

Nicht so leicht werden wir ein zweites Bedenken erledigen. Wenn 
Sie eine größere Reihe von Symplomdeutungen überschauen, werden 
Sie wahrscheinlich zunächst urteilen, daß der Begriff einer sexuellen 
Ersatzbefriedigung bei ihnen bis zu seinen äußersten Grenzen ge- 
dehnt worden sei. Sie werden nicht versäumen zu betonen, daß diese 
Symptome nichts Reales an Befriedigung bieten, daß sie sich oft genug 
auf die Belebung einer Sensation oder die Darstellung einer Phantasie 
aus einem sexuellen Komplex beschränken. Ferner, daß die angebliche 
Sexualbefriedigung so häufig einen kindischen und unwürdigen 



3J 2 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Charakter zeigt, sich etwa einem masturbatorischen Akt annähert, 
oder an die schmutzigen Unarten erinnert, die man schon den Kindern 
verbietet und abgewöhnt. Und darüber hinaus werden Sie auch Ihre 
Verwunderung äußern, daB man für eine Sexualbefriedigung aus- 
geben will, was vielleicht als Befriedigung von grausamen oder gräß- 
lichen, selbst unnatürlich zu nennenden Gelüsten beschrieben werden 
müßte. Über diese letzteren Punkte, meine Herren, werden wir kein 
Einvernehmen erzielen, ehe wir nicht das menschliche Sexualleben 
einer gründlichen Untersuchung unterzogen und dabei festgestellt 
haben, was man berechtigt ist, sexuell zu nennen. 





r»r- 



XX. VORLESUNG 

DAS MENSCHLICHE SEXUALLEBEN 

Meine Damen und Herren! Man sollte doch meinen, es sei nicht 
zweifelhaft, was man unter dem „Sexuellen" zu verstehen habe. 
Vor allem ist doch das Sexuelle das Unanständige, das, von dem man 
nicht sprechen darf. Man hat mir erzählt, daß die Schüler eines be- 
rühmten Psychiaters sich einmal die Mühe nahmen, ihren Meister 
davon zu überzeugen, daß die Symptome der Hysterischen so häufig 
sexuelle Dinge darstellen. In dieser Absicht führien sie ihn an das 
Bett einer Hysterika, deren Anfälle unverkennbar den Vorgang einer 
Entbindung mimten. Er aber äußerte abweisend: Nun, eine Ent- 
bindung ist doch nichts Sexuelles. Gewiß, eine, Entbindung muß 
nicht unter allen Umständen etwas Unanständiges sein. 

Ich bemerke, Sie verübeln es mir, daß ich in so ernsthaften Dingen 
scherze. Aber es ist nicht so ganz Scherz. Im Ernst, es ist nicht leicht 
anzugeben, was den Inhalt des Begriffes „sexuell" ausmacht. Alles, 
was mit dem Unterschied der zwei Geschlechter zusammenhängt, 
wäre vielleicht das einzig Treffende, aber Sie werden es farblos und 
zu umfassend finden. Wenn Sie die Tatsache des Sexualaktes in den 
Mittelpunkt stellen, werden Sie vielleicht aussagen, sexuell sei all 
das, was sich in der Absicht der Lustgewinnung mit dem Körper, 
speziell den Geschlechtsteilen des anderen Geschlechtes beschäftigt 
und im letzten Sinne auf die Vereinigung der Genitalien und die 
Ausführung des Geschlechtsaktes hinzielt. Aber dann sind Sie von 



314 Vorlesungen zur Eiiifi'ihrun^ in die Psychoanalyse 

der Gleichstellung, das Sexuelle sei das Unanständige, wirklich nicht 
weit entfernt und die Entbindung gehört wirklich nicht zum Sexuellen. 
Machen Sie aber die Fortpflanzungsfunktion zum Kern der Sexualität, 
so laufen Sie Gefahr, eine ganze Anzahl von Dingen, die nicht auf 
die Fortpflanzung zielen und doch sicher sexuell sind, auszuschließen, 
wie die Masturbation oder selbst das Küssen. Aber wir sind ja be- 
reits daraufgefaßt, daß Definitionsversuche immer zu Schwierigkeiten 
führen; verzichten wir dai'auf, es gerade in diesem Falle besser zu 
machen. Wir können ahnen, daß in der Entwicklung des Begriffes 
„sexuell" etwas vor sich gegangen ist, was nach einem guten Aus- 
druck von H. Silberer einen „Überdeckmigsfehler" zur Folge hatte. 
Im ganzen sind wir ja nicht ohne Orientierung darüber, was die 
Menschen sexuell heißen. 

Etwas, was aus der Berücksichtigung des Gegensatzes der Ge- 
schlechter, des Lustgewinnes, der FortpHanzungsfunktion und des 
Charakters des geheimzuhallenden Unanständigen zusammengesetzt 
ist, wird im Leben für alle praktischen Bedürfnisse genügen. Aber 
es genügt nicht mehr in der Wissenschaft. Denn wir sind durch 
sorgfältige, gewiß nur durch opferwillige Selbstüberwindung ermög- 
lichte Untersuchungen mit Gruppen von menschlichen Individuen 
bekannt worden, deren „Sexualleben" in der auffälhgsten Weise von 
dem gewohnten Durchschnittsbilde abweicht. Die einen von diesen 
„Perversen" haben sozusagen die Geschlechtsdifferenz aus ihrem Pro- 
gramm gestrichen. Nui' das ihnen gleiche Geschlecht kann ihre 
sexuellen Wünsche erregen; das andere, zumal die Geschlechtsteile 
desselben, ist ihnen überhaupt kein Geschlechtsobjekt, in extremen 
Fällen ein Gegenstand des Absehens. Sie haben damit natürUch auch 
auf jede Beteiligung an der Fortpflanzung verzichtet. Wir nennen 
solche Personen Homosexuelle oder Invertierte. Es sind Männer und 
Frauen, sonst oft — nicht immer — tadellos gebildet, intellektuell 
wie ethisch hochentwickelt, nur mit dieser einen verhängnisvollen 
Abweichung behaftet. Sie geben sich durch den Mund ihrer wissen- 
schaftlichen Wortführer für eine besondere Varietät der Menschen- 



XX. Das menschliche Sexualleben 515 



art, fiir ein „drittes Geschlecht" aus, welches gleichberechtigt neben 
den beiden anderen steht. Wir werden vielleicht Gelegenheit haben, 
ihre Ansprüche kritisch zu prüfen. Natürlich sind sie nicht, wie sie 
auch gern behaupten möchlen, eine „Auslese" der Menschheit, sondern 
enthalten mindestens ebensoviel minderwertige und nichtsnutzige 
Individuen wie die in sexueller Hinsicht anders Gearteten. 

Diese Perversen nehmen mit ihrem Sexualobjekt wenigstens noch 
ungefaiir dasselbe vor wie die Normalen mit dem ihrigen. Aber nun 
folgt eine lange Reihe von Abnormen, deren sexuelle Betätigung 
sich immer weiter von dem entfernt, was einem vernünftigen Men- 
schen begehrenswert erscheint. In ihrer Mannigfaltigkeit und Son- 
derbarkeit sind sie nur vergleichbar den grotesken Mißgestalten, die 
P. Breughel als Versuchung des heiligen Antonius gemalt hat, oder 
den verschollenen Göttern und Gläubigen, die G. Flaubert in langer 
Prozession an seinem frommen Büßer vorbeiziehen läßt. Ihr Ge- 
wimmel ruft nach einer Art von Ordnung, wenn es unsere Sinne 
nicht verwirren soll. Wir scheiden sie in solche, bei denen sich, wie 
bei den Homosexuellen, das Sexualobjekt gewandelt hat, und in 
andere, bei denen in erster Linie das Sexnalziel verändert worden 
ist. Zur ersten Gruppe gehören die, welche auf die Vereinigung der 
beiden Genitalien verzichtethabenundbeidemeinenPartner im Sexual- 
akt das Genitale durch einen anderen Körperteil oder Körperregion 
ersetzen; sie setzen sich dabei über die Mängel der organischen Ein- 
richtung wie über die Abhaltung des Ekels hinweg. (Mund, After 
an Stelle der Scheide.) Dann folgen andere, die zwar noch am Ge- 
nitale festhalten, aber nicht wegen seiner sexuellen, sondern wegen 
anderer Funktionen, an denen es aus anatomischen Gründen und 
Anlässen der Nachbarschaft beteiligt ist. Wir erkennen an ihnen, 
daß die Ausscheidungsfunktionen, die in der Erziehung des Kindes 
als unanständig abseits geschafft worden sind, imstande bleiben, das 
volle sexuelle Interesse an sich zu reißen. Dann andere, die das Ge- 
nitale überhaupt als Objekt aufgegeben haben, an seiner Statt einen 
anderen Körperteil zum begehrten Olijekt erheben, die weibliche 



5^6 ^Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Brust, den Fuß, den Haarzopf. In weiterer Folge die, denen auch 
ein Körperteil nichts bedeutet, aber ein Kleidungsstück alle Wünsche 
erfüllt^ ein Schuh, ein Stück weißer Wäsche, die Fetischisten. Weiter 
im Zuge die Personen, die zwar das ganze Objekt verlangen, aber 
ganz bestimmte, seltsame oder gräßliche, Anforderungen an dasselbe 
stellen, auch die, daß es zur wehrlosen Leiche geworden sein muß 
und die es in verbrecherischem Zwang dazu machen, um es genießen 
zu können. Genug der Greuel von dieser Seite! 

Die andere Schar wird von den Perversen angeführt, die sich zum 
Ziele der sexuellen Wünsche gesetzt haben, was normalerweise nur 
einleitende und vorbereitende Handlung ist. Also die das Beschauen 
und Betasten der anderen Person oder das Zuschauen bei intimen 
Verrichtungen derselben anstreben, oder die ihre eigenen zu ver- 
bergenden Körperteile entblößen in einer dunkeln Erwartung, durch 
eine gleiche Gegenleistung belohnt zu werden. Dann folgen die 
rätselhaften Sadisten, deren zärtliches Streben kein anderes Ziel kennt, 
als ihrem Objekt Schmerzen und Qualen zu bereiten, von Andeutungen 
der Demütigung bis zu schweren körperlichen Schädigungen, und wie 
zur Ausgleichung ihre Gegenstücke, dieMasochisten,dereneinzigeLust 
es ist, von ihrem geliebten Objekt alle Demütigungen und Qualen in 
symbolischer wie in realer Form zu erleiden. Andere noch, bei denen 
mehrere solcher abnormer Bedingungen sich vereinigen und sich ver- 
schränken, und endlich müssen wir noch erfahren, daß jede dieser 
Gruppen zweifach vorhanden ist, daß es neben den einen, die ihre 
Sexualbefriedigung in der Realität suchen, noch andere gibt, die sich 
damit begnügen, sich solche Befriedigung bloß vorzustellen, die über- 
haupt kein wirkliches Objekt brauchen, sondern es sich durch die 
Phantasie ersetzen können. 

Dabei kann es nicht den leisesten Zweifel leiden, daß in diesen Toll- 
heitea, Sonderbarkeiten und Gräßlichkeiten wirklich die Sexualbe- 
tätigung dieser Menschen gegeben ist. Nicht nur, daß sie es selbst so 
auffassen und das Ersatzverhältnis verspüren, wir müssen uns auch 
sagen, es spielt die nämliche Rolle in ihrem Leben wie die normale 



XX. Das menschliche Sexualleben 517 

Sexualbefriedigung in unserem, sie bringen dafür die nämlichen, oft 
übergroßen Opfer, und es laßt sich im Groben wie im feineren Detail 
verfolgen, wo sich diese Abnormitäten an das Normale anlehnen und 
wo sie davon abgehen. Auch daß Sie den Charakter des Unanstän- 
digen welcher der Sexualbetätigung anhaftet, hier wiederfinden, 
kann Ihnen nicht entgehen^ er ist aber zumeist zum Schändlichen 
gesteigert. 

Nun, meine Damen und Herren, wie stellen wir uns zu diesen un- 
gewöhnlichen Arten der Sexualbefriedigung? Mit der Entrüstung, der 
Äußerung unseres persönlichen Widerwillens und der Versicherung, 
daß wir diese Gelüste nicht teilen, ist offenbar nichts getan. Danach 
werden wir ja nicht gefragt. Am Ende ist es ein Erscheinungsgebiet 
wie ein anderes. Eine ablehnende Ausflucht wie, es seien ja nur Rari- 
täten und Kuriositäten, wäre selbst leicht abzuweisen. Es handelt sich 
im Gegenteil um recht häufige, weit verbreitete Phänomene, Wollte 
man uns aber sagen, wir brauchten unsere Ansichten über das 
Sexualleben durch sie nicht beirren zu lassen, weil sie samt und sonders 
Verirrungen uud Entgleisungen des Sexualtriebes darstellen, so wäre 
eine ernste Antwort am Platze. Wenn wir diese krankhaften Gestal- 
tungen der Sexualität nicht verstehen und sie nicht mit dem normalen 
Sexualleben zusammenbringen können, so verstehen wir eben auch 
die normale Sexualität nicht. Kurz, es bleibt eine unabweisbare Auf- 
gabe, von der Möglichkeit der genannten Perversionen und von ihrem 
Zusammenhang mit der sogenannt normalen Sexualität volle theore- 
tische Rechenschaft zu geben. 

Dazu werden uns eine Einsicht und zwei neue Erfahrungen ver- 
helfen. Die erstere verdanken wir Iwan Bloch; sie berichtigt die Auf- 
fassung all dieser Perversionen als „Degenerationszeichen" durch den 
Nachweis, daß solche Abirrungen vom Sexualziel, solche Lockerungen 
des Verhältnisses zum Sexualobjekt von jeher, zu allen uns bekannten 
Zeiten, bei allen, den primitivsten wie den höchsizivilisierten Völkern 
vorgekommen sind und sich gelegentlich Duldung tmd allgemeine 
Geltung errungen haben. Die beiden Erfahrungen sind bei der psycho- 



5i8 Vorlesungen zur Einßlhrmi^ in die Psychoanalyse 

analytischen Untersuchung der Neurotiker gemacht wordeiijsiemüssen 
unsere Auffassung der sexuellen Peirersionen in entscheidender Weise 
beeinflussen. 

Wir haben gesagt, daß die neurotischen Symptome sexuelle Ersatz- 
befriedigungen sindj und ich habe Ihnen angedeutet, daß die Bestä- 
tigung dieses Satzes durch die Analyse der Symptome auf manche 
Schwierigkeiten stoßen wird. Er ist nämlich erst dann berechtigt, 
wenn wir unter „sexueller Befriedigung" die der sogenannten per- 
versen sexuellen Bedürfnisse mit einschließen, denn eine solche Deu- 
tung der Symptome drängt sich uns mit überraschender Häufigkeit 
auf. Der Ausnahmsanspruch der Homosexuellen oder Invertierten 
sinkt sofort zusammen, wenn wir erfahren, daß der Nachweis homo- 
sexueller Regungen bei keinem einzigen Neurotiker mißlingt, und 
daß eine gute Anzahl von Symptomen dieser latenten Inversion Aus- 
druck gibt. Die sich selbst Homosexuelle nennen, sind eben nur die 
bewußt und manifest Invertierten, deren Anzahl neben jener der 
latent homosexuellen verschwindet. Wir sind aber genötigt, die Ob- 
jektwahl aus dem eigenen Geschlecht geradezu als eine regelmäßige 
Abzweigung des Liebeslebens zu betrachten, und lernen immer mehr, 
ihr eine besonders hohe Bedeutung zuzuerkennen. Gewiß sind die 
Unterschiede zwischen der manifesten Homosexualität und dem nor- 
malen Verhalten dadurch nicht aufgehoben; ihre praktische Bedeu- 
tung bleibt bestehen, aber ihr theoretischer Wert wird ungemein 
Terringert. Von einer bestimmten Affektion, die wir nicht mehr zu 
den Übertragungsneurosen rechnen können, der Paranoia, nehmen 
wir sogar an, daß sie gesetzmäßig aus dem Versuch der Abwehr über- 
starker homosexueller Regungen hervorgeht. Vielleicht erinnern Sie 
sichnoch, daß die eine unserer Patientinnen (S. 270) in ihrer Zwangs- 
handlung einen Mann, ihren eigenen verlassenen Ehemann, agierte; 
eine solche Produktion von Symptomen in der Person eines Mannes 
ist bei neurotischen Frauen sehr gewöhnlich. Wenn es auch nicht 
selbst der Homosexualität zuzurechnen ist, so hat es doch mit den 
Voraussetzungen derselben viel zu tun. 



[WV't- ' 



XX. Das menschliche Sexualleben iig 



Wie Sie wahrscheinlich wissen, kann die hysterische Neurose ihre 
Symptonie an allen Organsystemen machen und dadurch alle Funk- 
tionen stören. Die Analyse zeigt, daß dabei alle pervers genannten 
Regungen zur Äußerung kommen, welche das Genitale durch andere 
Organe ersetzen wollen. Diese Organe benehmen sich dabei wie Er- 
satzgeniialien; wir sind gerade durch die Symptomatik der Hysterie 
zur Auffassung gelangt, daß den Körperorganen außer ihrer funktio- 
nellen Rolle eine sexuelle — erogene — Bedeutung zuzuerkennen 
ist, und daß sie in der Erfüllung dieser ersteren Aufgabe gestört werden, 
wenn die letztere sie allzusehr in Anspruch nimmt. Ungezählte Sen- 
sationen und Innervationen, welche uns als Symptome der Hysterie 
entgegentreten, an Organen, die anscheinend nichts mit der Sexualität 
zu tun haben, enthüllen uns so ihre Natur als Erfüllungen perverser 
Sexualregungen, bei denen andere Organe die Bedeutung der Ge- 
schlechtsteile an sich gerissen haben. Dann ersehen wir auch, in wie 
ausgiebiger Weise gerade die Organe der Nahrungsaufnahme und der 
Exkretion zu Trägern der Sexualerregung werden können. Es ist also 
dasselbe, was uns die Perversionen gezeigt haben, nur war es bei die- 
sen ohne Mühe und unverkennbai" zu sehen, während wir bei der 
Hysterie erst den Umweg über die Symptomdeutung machen müssen 
und dann die betreffenden perversen Sexualregungen nicht dein Be- 
wußtsein der Individuen zuschreiben, sondern sie in das Unbewußte 
derselben versetzen. 

Von den vielen Symptombildern, unter denen die Zwangsneurose 
auftritt, erweisen sich die "wichtigsten als hervorgerufen durch den 
Drang überstarker sadistischer, also in ihrem Ziel perverser, Sexual- 
regungen, und zwar dienen die Symptome, wie es der Struktur einer 
Zwangsneurose entspricht, vorwiegend der Abwehr dieser Wünsche, 
oder drücken den Kampf zwischen Befriedigung und Abwehr aus. 
Aber auch die Befriedigung selbst kommt dabei nicht zu kurz; sie 
weiß sich auf Umwegen im Benehmen der Kranken durchzusetzen 
und wendet sich mit Vorliebe gegen deren eigene Person, macht sie 
zu Selbstquälern. Andere Formen der Neurose, die grüblerischen, ent- 



320 VorlesiiTJgen zur Einführung in die Psychoanalyse 

sprechen einer übermäßigen Sexualisierung von Akten, die sich sonst 
als Vorbereitungen in den Weg zur normalen Sexualbefriedigung 
einfügen, vom Sehen-, Berührenwollen und Forschen. Die große Be- 
deutung der Berührungsangst und des Waschzwanges findet hier ihre 
Aufklärung. Von den Zwangshandlungen geht ein ungeahnt großer 
Anteil als verkappte Wiederholung und Modifikation auf die Mastur- 
bation zurück, welche bekanntlich als einzige, gleichförmige Hand- 
lung die verschiedenartigsten Formen des sexuellen Phanlasierens 
begleitet. 

Es würde mich nicht viel Mühe kosten, Ihnen die Beziehungen 
zwischen Perversion und Neurose noch weit inniger darzustellen, aber 
ich glaube, dasBisherige wird für unsere Absicht genügen. Wir müssen 
uns aber dagegen verwahren, daß wir nach diesen Aufklärungen über 
die Symptombedeutung Häufigkeit und Intensität der perversen 
Neigungen der Menschen überschätzen. Sie haben gehört, daß 
man an der Versagung der normalen Sexualbefriedigung neurotisch 
erkranken kann. Bei dieser realen Versagung wirft sich aber das Be- 
dürfnis auf die abnormen Wege der Sexualerregung. Sie werden später 
einsehen können, wie das zugeht. Jedenfalls verstehen Sie, daß durch 
eine solche „kollaterale" Rückstauung die perversen Regungen 
stärker erscheinen müssen, als sie ausgefallen wären, wenn sich der 
normalen Sexualbefriedigung kein reales Hindernis entgegengestellt 
hätte. Ein ähnhcher Einfluß ist übrigens auch für die manifesten 
Perversioaen anzuerkennen. Sie werden in manchen Fällen dadurch 
provoziert oder aktiviert, daß einer normalen Befriedigung des Sexual- 
triebes allzu große Schwierigkeiten gemacht werden, infolge vorüber- 
gehender Umstände oder dauernder sozialer Einrichtungen. In anderen 
Fällen sind die Perversionsneigungen freilich von solchen Begünsti- 
gungen ganz unabhängige sie sind sozusagen für dieses Individuum 
die normale Art des Sexuallebens. 

Vielleicht haben Sie im Augenblicke den Eindruck, als hätten wir 
das Verhältnis zwischen normaler und perverser Sexualität eher ver- 
wirrt als geklärt. Halten Sie sich aber an folgende Überlegung: Wenn 



XX. Das menschliche Sexuallehen ,«, 
o'^'^ 



es richtig ist, daß die reale Erschwerung oder die Entbehrung einer 
normalen Sexualbefriedigung bei Personen perverse Neigungen zum 
Vorschein bringen, die sonst keine solchen gezeigt hatten, so muß 
bei diesen Personen etwas anzunehmen sein, was den Perversionen 
entgegenkommt; oder wenn Sie so wollen, sie müssen in. latenter 
Form bei ihnen vorhanden sein. Auf diesem Wege kommen wir aber 
auf die zweite Neuheit, die ich Ihnen angekündigt habe. Die psycho- 
analytische Forschung ist nämhch genötigt worden, sich auch um 
das Sexualleben des Kindes zu bekümmern, und zwar dadurch, daß 
die Erinnerungen und Einfälle bei der Analyse der Symptome regel- 
mäßig bis in frühe Jahre der Kindheit zurückführten. Was wir dabei 
erschlossen haben, ist dann Punkt für Punkt durch unmittelbare Be- 
obachtungen an Kindern bestätigt worden. Und da hat sich dann 
ergeben, daß alle Perversiousneigungen in der Kindheit wurzeln, daß 
die Kinder zu ihnen alle Anlage haben und sie in dem ihrer Unreife 
entsprechenden Ausmaß betätigen, kurz, daß die perverse Sexualität 
nichts anderes ist als die vergrößerte, in ihre Einzelregungen zerlegte 
infantile Sexualität. 

Jetzt werden Sie die Perversionen allerdings in einem anderen Lichte 
sehen und deren Zusammenhang mit dem menschlichen Sexualleben 
nicht mehr verkennen, aber auf Kosten welcher Überraschungen und 
für Ihr Gefühl peinlichen Inkongruenzen! Sie werden gewiß geneigt 
sein, zuerst alles zu bestreiten, die Tatsache, daß die Kinder etwas 
haben, was man als Sexualleben bezeichnen darf, die Richtigkeit un- 
serer Beobachtungen und die Berichtigung, an dem Benehmen der 
Kinder eine Verwandtschaft mit dem, was späterhin als Perversion 
verurteilt wird, zu finden. Gestatten Sie also, daß ich Ihnen zuerst 
die Motive Ihres Sträubens aufkläre und dann die Summe unserer 
Beobachtungen vorlege. Daß die Kinder kein Sexualleben — sexuelle 
Erregungen, Bedürfnisse und eine Art der Befriedigung — haben, 
sondern es plötzlich zwischen 12 und 14 Jahren bekommen sollten 
wäre — von allen Beobachtungen abgesehen — biologisch ebenso 
unwahrscheinlich, ja unsinnig, wie daß sie keine Genitalien mit auf 

Freud, VH. 



5i22 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



die Welt brächten und die ihnen erst um die Zeit der Pubertät 
wüchsen. Was um diese Zeit bei ihnen erwacht, ist die Fortpflanzungs- 
funktion, die sich eines bereits vorhandenen körperlichen und seeli- 
schen Materials für ihre Zwecke bedient. Sie begehen den Irrtum, 
Sexualität und Fortpflanzung miteinander zu verwechseln, und ver- 
sperren sich durch ihn den Weg zum Verständnis der Sexualität, der 
Perversionen und der Neurosen. Dieser Irrtum ist aber tendenziös. 
Er hat seine Quelle merkwürdigerweise darin, daß Sie selbst Kinder 
gewesen und als Kinder dem Einfluß der Erziehung unterlegen sind. 
Die Gesellschaft muß es nämlich unter ihre wichtigsten Erziehungs-r 
aufgaben aufnehmen, den Sexualtrieb, wenn er als Forlpflanzungs- 
drang hervorbricht, zu bändigen, einzuschränken, einem individuellen 
Willen zu unterwerfen, der mit dem sozialen Geheiß idenüsch ist. 
Sie hat auch Interesse daran, seine volle Entwicklung aufzuschieben^ 
bis das Kind eine gewisse Stufe der intellektuellen Reife erreicht hat, 
denn mit dem vollen Durchbruch des Sexualtriebes findet auch die 
Erziehbarkeit praktisch ein Ende. Der Trieb würde sonst über alle 
Dämme brechen und das mühsam errichtete Werk der Kultur hm- 
wegschwemmen. Die Aufgabe, ihn zu bändigen, ist auch nie eine 
leichte, sie gehngt bald zu wenig, bald allzu gut. Das Motiv der mensch- 
Uchen Gesellschaft ist im letzten Grunde ein Ökonomisches; da sie 
nicht genug Lebensmittel hat, um ihre Mitgheder ohne deren Arbeit 
zu erhalten, muß sie die Anzahl ihrer Mitglieder beschränken und 
ihre Energien von der Sexualbetätigung weg auf die Arbeit lenken. 
Also die ewige, urzeitliche, bis auf die Gegenwart fortgesetzte Le- 
bensnot. 

Die Erfahrung muß wohl den Erziehern gezeigt haben, daß die 
Aufgabe, den Sexualwillen der neuen Generation lenksam zumachen, 
nur dann lösbar ist, wenn man mit den Beeinflussungen sehr früh- 
zeitig beginnt, nicht erst den Sturm der Pubertät abwartet, sondern 
bereits in das Sexualleben der Kinder eingreift, welches ihn vorbe- 
reitet. In dieser Absicht werden fast alle infantilen Sexual betätigungen 
dem Kinde verboten und verleidet; man setzt sich das ideale Ziel^ 



\ 



:a 



XX. Das ?n/'ji schliche Sexuallehen »a^ 



das Leben des Kindes asexuell zu gestalten, und hat es im Laufe der 
Zeit endlich dahin gebracht, daß man es wirklich für asexuell hält 
was dann die Wissenschaft als ihre Lehre verkündet. Um sich mit 
seinem Glauben und seinen Absichten nicht in Widerspruch zusetzen, 
übersieht man dann die Sexualbetätigung des Kindes, was keine ge- 
ringe Leistung ist, oder begnügt sich in der Wissenschaft damit, sie 
anders aufzufassen. Das Kind gilt als rein, als unschuldig, und wer 
es anders beschreibt, darf als ruchloser Frevler an zarten und heiligen 
Gefühleu der Menschheit verklagt werden. 

Die Kinder sind die einzigen, die an diesen Konventionen nicht 
mittun, in aller Naivität ihre animalischen Rechte geltend machen 
und immer wieder beweisen, daß sie den Weg zur Reinheit erst zu- 
rückzulegen haben. Merkwürdig genug, daß die Leugner der kind- 
lichen Sexualität darum in der Erziehung nicht nachlassen, sondern 
gerade die Äußerungen des Verleugnelen unter dem Titel der „kind- 
lichen Unarten" aufs strengste verfolgen. Von hohem theoretischen 
Interesse ist es auch, daß die Lebenszeit, welche dem Vorurteil einer 
asexuellen Kindheit am grellsten widerspricht, die Kinderjahre bis 
fünf oder sechs, dann bei den meisten Personen von dem Schleier 
einer Amnesie verhüllt wird, den erst eine analytische Erfoischung 
gründlich zerreißt, der aber schon vorher für einzelne Traumbildungen 
durchlässig gewesen ist. 

Nun will ich Ihnen vorführen, was sich vom Sexualleben des Kindes 
am deutlichsten erkennen läßt. Lassen Sie mich zweckmäßigkeithalber 
auch den Begriff der Libido einführen. Libido soll, durchaus dem 
Hunger analog, die Kraft benennen, mit welcher der Trieb, hier der 
Sexualtrieb wie beim Hunger der Ernährungstrieb, sich äußert. 
Andere Begriffe, wie Sexualerregung und Befriedigung, bedürfen 
keiner Erläuterung. Daß bei den Sexualbetätigungen des Säuglings 
die Deutung am meisten zu tun hat, werden Sie selbst leicht einsehen 
oder wahrscheinlich als Einwand benützen. Diese Deutungen ergeben 
sich auf Grund der analytischen Untersuchungen durch Rückver- 
folgung vom Symptom her. Die ersten Regungen der Sexualität zeigen 



32+ 



Vorlesungen zur Einßihrung in die Psychoanalyse 



sich beim Säugling in Anlehnung an andere lebenswichtige Funktionen. 
Sein Hauptinteresse ist, wie Sie wissen, auf die Nahrungsaufnahme 
gerichtet^ wenn er an der Brust gesättigt einschläft, zeigt er den Aus- 
druck einer seligen Befriedigung, der sich später nach dem Erleben 
des sexuellen Orgasmus wiederholen wird. Das wäre zu wenig, um 
einen Schluß darauf zu gründen. Aber wir beobachten, daß der Säug- 
ling die Aktion der Nahrungsaufnahme wiederholen will, ohne neue 
Nahrung zu beanspruchen; er steht also dabei nicht unter dem An- 
trieb des Hungers. Wir sagen, er lutscht oder ludelt, und daß er bei 
diesem Tun wiederum mit sehgem Ausdruck einschläft, zeigt uns, 
daß die Aktion des Lutschens ihm an und für sich Befriedigung ge- 
bracht hat. Bekanntlich richtet er sich's bald so ein, daß er nicht em- 
schläft, ohne gelutscht zu haben. Die sexuelle Natur dieser Betätigung 
hateinalterKinderarztinBudapest, Dr. Lindner, zuerst behauptet. 

Die Pflegepersonen des Kindes, die keine theoretische Stellungnahme 
beabsichtigen, scheinen das Lutschen ähnlich zu beurteilen. Sie zwei- 
feln nicht daran, daß es nur einem Lustgewinn dient, stellen es zu 
den Unarten des Kindes und zwingen das Kind durch peinliche Ein- 
drücke zum Verzicht darauf, wenn es die Unart nicht selbst aufgeben 
will. Wir erfahren also, daß der Säugling Handlungen ausführt, die 
keine andere Absicht als die des Lustgewinnes haben. Wir glauben, 
daß er diese Lust zuerst bei der Nahrungsaufnahme erlebt, aber bald 
gelernt hat, sie von dieser Bedingung abzutrennen. Wir können den 
Lustgewinn nur auf die Erregung der Mund- und Lippenzone be- 
ziehen, heißen diese Körperteile erogene Zonen und bezeichnen 
die durch Lutschen erzielte Lust als eine sexuelle. Über die Be- 
rechtigung dieser Benennung werden w^ir gewiß noch diskutieren 
müssen.* 

Wenn der Säugling sich äußern könnte, würde er gewiß den Akt 
des Saugens an der Mutterbrust als das weitaus Wichtigste im Leben 
anerkennen. Er hat für sich nicht so unrecht, denn er befriedigt durch 
diesen Akt in einem beide großen Lebensbedürfnisse. Wir erfahren 
dann aus der Psychoanalyse nicht ohne Überraschung, wieviel von 



J 



XX. Das menschliche Sexualleben «2^ 



der psychischen Bedeutung des Aktes fürs ganze Leben erhalten bleibt. 
Das Saugen an der Mutterbrust wird der Ausgangspunkt des ganzen 
Sexuallebens, das unerreichte Vorbild jeder späteren Sexualbefrie- 
digung, zu dem die Phantasie in Zeiten der Not oft genug zurück- 
kehrt. Es schließt die Mutterbrust als erstes Objekt des Sexualtriebes 
ein^ ich kann Ihnen keine Vorstellung davon vermitteln, wie bedeut- 
sam dies erste Objekt für jede spatere Objektfindung ist, welch tief- 
greifende Wirkungen es in seinen Wandlungen und Ersetzungen 
noch auf die entlegensten Gebiete unseres Seelenlebens äußert. Aber 
zunächst wird es vom Säugling in der Tätigkeit des Lutschens auf- 
gegeben und durch einen Teil des eigenen Körpers ersetzt. Das Kind 
lutscht am Daumen, an der eigenen Zunge. Es macht sich dadurch 
für den Lustgewinn von der Zustimmung der Außenwelt unabhän- 
gig und zieht überdies die Erregung einer zweiten Köi-perzone zur 
Verstärkung heran. Die erogenen Zonen sind nicht gleich ausgiebige 
es wird darum ein wichtiges Erlebnis, wenn derSäugling, wie Lindner 
berichtet, bei dem Herumsuchen am eigenen Körper die besonders 
erregbaren Stellen seiner Genitalien entdeckt und so den Weg vom 
Lutschen zur Onanie gefunden hat. " 

Durch die Würdigung des Lutschens sind wir bereits mit zwei ent- 
scheidenden Charakteren der infantilen Sexualität bekannt geworden. 
Sie erscheint in Anlehnung an die Befriedigung der großen organischen 
Bedürfnisse und sie benimmt sich autoerotisch, das heißt, sie sucht 
und findet ihre Objekte am eigenen Körper. Was sich am deutlichsten 
bei der Nahrungsaufnahme gezeigt hat, wiederholt sich zum Teil bei 
den Ausscheidungen. Wir schließen, daß der Säugling Lustempfinden 
bei der Entleerung von Harn und von Darminhalt hat, und daß er 
sich bald bemüht, diese Aktion so einzurichten, daß sie ihm durch 
entsprechende Erregungen der erogenen Schleimhautzonen einen 
möglichst großen Lustgewinn bringen. An diesem Punkte tritt ihm, 
wie die feinsinnige Lou Andreas ausgeführt hat, zuerst die Außen- 
welt als hemmende, seinem Luststreben feindliche Macht entgegen 
und läßt ihn spätere äußere wie innere Kämpfe ahnen. Er soll seine 



536 



Forlesungen zur Ei/ifiihrun^ in die Psychoanalyse 



Exkrete nicht in dem ihm beliebigen Moment von sich geben, son- 
dern wann andere Personen es bestimmen. Um ihn zum Verzicht 
auf diese Lustquellen zu bewegen, wird ihm alles, was diese Funktionen 
betrifft, als unanständig, zur Geheimhaltung bestimmt, erklärt. Er 
soll hier zuerst soziale Würde für Lust eintauschen. Sein Verhältnis 
zu den Exkreten selbst ist von Anfangen ein ganz anderes. Er empfindet 
keinen Ekel vor seinem Kot, schätzt ihn als einen Teil seines Körpers, 
von dem er sich nicht leicht trennt, und verwendet ihn als erstes 
Geschenk", um Personen auszuzeichnen, die er besonders schätzt. 
Noch nachdem der Erziehung die Absicht gelungen ist, ihn diesen 
Neigungen zu entfremden, setzt er die W^ertschätzung des Kotes auf 
das „Geschenk" und auf das „Geld" fort. Seine Leistungen im Uri- 
nieren scheint er dagegen mit besonderem Stolz zu betrachten. 

Ich weiß, daß Sie mich schon längst unierbrechen wollten, um 
mir zuzurufen: Genug der Ungeheuerlichkeiten! Die Stuhlentleerung 
soll eine Quelle der sexuellen Lustbefriedigung sein, die schon der 
Säugling ausbeutet! Der Kot eine wertvolle Substanz, der After eine 
Art von Genitale! Das glauben wir nicht, aber wir verstehen, warum 
Kinderärzte und Pädagogen die Psychoanalyse und ihre Resultate 
weit von sich weg gewiesen haben. Nein, meine Herren! Sie haben 
bloß vergessen, daß ich Ihnen die Tatsachen des infantilen Sexual- 
lebens im Zusammenhang mit den Tatsachen der sexuellen Perversio- 
nen vorführen wollte. Warum sollen Sie nicht wissen, daf3 der After 
bei einer großen Anzahl von Erwachsenen, Homosexuellen wie He- 
terosexuellen, wirklich im Geschlechtsverkehr die Rolle der Scheide 
übernimmt? Und daß es viele Individuen gibt, welche die Wollust- 
empfindung bei der Stuhlentleerung durch ihr ganzes Leben behalten 
und sie als gar nicht so gering beschreiben? Was das Interesse am 
Akt der Defäkation und das Vergnügen beim Zuschauen der Defäka- 
tion eines anderen betrifft, so können Sie es von den Kindern selbst 
bestätigt hören, wenn sie einige .Tahre älter geworden sind und Mit- 
teilung davon machen können. Nadürlich dürfen Sie diese Kinder 
nicht vorher systematisch eingeschüchtert haben, sonst verstehen sie 



XX. Das menschliche Sexuallehen 327 

wohl, daß sie darüber zu schweigen haben. Und für die anderen Dinge, 
die Sie nicht glauben wollen, verweise ich Sie auf die Ergebnisse der 
Analyse und der direkten Kinderbeobachtung und sage Ihnen, es ist 
geradezu eine Kunst, dies alles nicht oder es anders zu sehen. Ich 
habe auch gar nichts dagegen, wenn Ihnen die Verwandtschaft der 
kindlichen Sexualtätigkeit mit den sexuellen Perversionen recht auf- 
fällig wird. Es ist eigentlich selbstverständlich; wenn das Kind über- 
haupt ein Sexualleben hat, so muß es von perverser Art sein, denn 
dem Kinde fehlt noch bis auf wenige dunkle Andeutungen, was die 
Sexualität zur Fortpflanzungsfunktion macht. Anderseits ist es der 
gemeinsame Charakter aller Perversionen, daß sie das Fortpflanzungs- 
ziel aufgegeben haben. In dem Falle heißen wii- eine Sexualbetati- 
guno- eben pervers, wenn sie auf das Fortpflanzungsziel verzichtet 
hat und die Lustgewinnung als davon unabhängiges Ziel verfolgt. 
Sie verstehen also, der Bruch und Wendepunkt in der Entwicklung 
des Sexuallebens liegt in der Unterordnung desselben unter die Ab- 
sichten der Fortpflanzung. Alles was vor dieser Wendung vorfällt, 
ebenso alles, was sich ihr entzogen hat, was allein dem Lustgewinn 
dient, wird mit dem nicht ehrenvollen Namen des „Perversen" be- 
legt und als solches geächtet. 
. Lassen Sie mich darum in meiner knappen Schilderung der infan- 
tilen Sexualität fortfahren. Was ich von zwei Organsystemen berich- 
tet habe, könnte ich durch die Berücksichtigung der anderen vervoll- 
ständigen. Das Sexualleben des Kindes erschöpft sich eben in der Be- 
tätigung einer Reihe von Parti altrieben, die unabhängig voneinan- 
der teils am eigenen Körper teils schon am äußeren Objekt Lust zu 
gewinnen suchen. Unter diesen Organen treten die Genitalien sehr 
bald hervor; es gibt Menschen, bei denen sich die Lustgewinnung am 
eigenen Genitale, ohne Beihilfe eines anderen Genitales oder Objekts, 
ohne Unterbrechung von der Säuglingsonanie bis zur Notonanie der 
Pubertätsjahre fortsetzt und dann unbestimmt lange darüber hinaus 
anhält. Mit dem Thema der Onanie würden wir übrigens nicht so 
bald fertig werden; es ist ein Stoff für vielseitige Betrachtung. 



328 



Forlesungen zur FAnfilhrung in die Psychoanalyse 



Trotz meiner Neigung, das Thema noch weiter zu verkürzen, muß 
ich Ihnen doch noch einiges über die Sexualforschung der Kinder 
sagen. Sie ist zu charakteristisch für die kindliche Sexuahtät und zu 
bedeutsam für die Symptomatik der Neurosen. Die infantile Sexual- 
forschung beginnt sehr früh, manchmal vor dem dritten Lebens)ahr. 
Sie knüpft nicht an den Geschlechtsunterschied an, der dem Kinde 
nichts besagt, da es — wenigstens die Knaben — beiden Geschlechtern 
das nämliche männliche Genitale zuschreibt. Macht der Knabe dann an 
einer kleinen Schwester oder Gespiehn die Entdeckung der Vagina, so 
versucht er zuerst das Zeugnis seiner Sinne zu verleugnen, denn er 
kann sich ein ilun ähnliches menschliches Wesen ohne den ihm so 
wertvollen Teil nicht vorstellen. Später erschrickt er über die ihm 
eröffnete Möglichkeit, und etwaige frühere Drohungen wegen zu 
intensiver Beschäftigung mit seinem kleinen Glied gelangen nach- 
träghch zur Wirkung. Er gelangt unter die Hen-schaft des Kastrations- 
komplexes, dessen Gestaltung an seiner Charakterbildung, wenn er 
gesund bleibt, an seiner Neurose, wenn er erkrankt, und an seinen 
Widerständen, wenn er in analytische Behandlung gerät, großen An- 
teil hat. Von dem kleinen Mädchen wissen wir, daß es sich wegen 
des Mangels eines großen sichtbaren Penis für schwer benachteiligt 
hält, dem Knaben diesen Besitz neidet und wesentlich aus diesem 
Motiv den Wunsch entwickelt, ein Mann zu sein, welcher Wunsch 
späterhin in der Neurose, die wegen Mißgeschicks in ihrer weiblichen 
Rolle auftritt, wieder aufgenommen wird. Die Clitoris des Mädchens 
spielt übrigens im Kindesalter durchaus die Rolle des Penis, sie ist 
der Träger einer besonderen Erregbarkeit, die Stelle, an welcher die 
autoerotische Befriedigung erzielt wird. Es kommt für die Weibwer- 
dung des kleinen Mädchens viel darauf an, daß die Clitoris diese Emp- 
findlichkeit rechtzeitig und vollständig an den Scheideneingnng abgebe. 
In den Fällen von sogenannter sexueller Anästhesie der Frauen hat 
die Clitoris die Empfindlichkeit hartnäckig festgehalten. 

Das sexuelle Interesse des Kindes wendet sich vielmehr zuerst dem 
Problem zu, woher die Kinder kommen, demselben, welches der 



XX. Das menschliche Sf^xuallehen jag 



Fragestellung dei' thebaischeu Sphinx zugrunde liegt, und wird meist 
durch egoistische Befürchtung bei der Ankunft eines neuen Kindes 
geweckt. Die Antwort, welche die Kinderstube bereit hält, daß der 
Storch die Kinder bringe, stößt viel häufiger, als wir wissen, schon 
bei kleinen Kindern auf Unglauben. Die Empfindung, von den Er- 
wachsenen um die Wahrheit betrogen zu werden, trägt viel zur Ver~ 
eiusamung des Kindes und zur Entwicklung seiner Selbständigkeit 
bei. Aber das Kind ist nicht imstande, dies Problem aus eigenen Mitteln 
zu lösen. Seiner Erkenntnisfähigkeit sind durch seine unentwickelte 
Sexualkonstitution bestimmte Schranken gesetzt. Es nimmt zuerst 
an, daß die Kinder davon kommen, daß man etwas Besonderes in der 
Nahrung zu sich nimmt, und weiß auch nichts davon, daß nur Frauen 
Kinder bekommen können. Später erfährt man von dieser Einschrän- 
kung und gibt die Ableitung des Kindes vom Essen auf, sie bleibt 
für das Märchen erhalten. Das größer gewordene Kind merkt bald, 
daß der Vater irgendeine Rolle beim Kinderbekommen spielen müsse, 
kann aber nicht erraten, welche. Wenn es zufällig Zeuge eines ge- 
schlechtlichen Aktes wird, so sieht es in ihm einen ^''ersuch der Über- 
wältigung, eine Rauferei, das sadistische Mißverständnis des Koitus. 
Es bringt diesen Akt aber zunächst nicht mit dem Werden des Kindes 
in Zusammenhang. Auch wenn es Blutspuren in Bett und Wäsche 
der Mutter entdeckt, nimmt es sie als Beweis einer durch den Vater 
zugefügten Verletzung. In noch späteren Kinderjahren ahnt es wohl, 
daß das Geschlechtsglied des Mannes einen wesentlichen Anteil an 
der Entstehung der Kinder hat, kann diesem Körperteil aber keine 
andere Leistung zutrauen als die der Harnentleerung. 

Von Anfang an sind die Kinder darin einig, daß die Geburt des 
Kindes durch den Darm erfolgen müsse, das Kind also zum Vorschein 
komme wie ein Kotballen. Erst nach der Entwertung aller analen 
Interessen wird diese Theorie verlassen und durch die Annahme er- 
setzt, daß der Nabel sich Öffne oder daß die Region der Brust zwischen 
beiden Mammae die Geburtsstätte sei. In solcher Weise nähert sich 
das forschende Kiud der Kenntnis der sexuellen Talsachen oder p-eht 



350 Forlesunfien zur Einführung in die Psychoanalyse 

durch seine Unwissenheit beirrt an ihnen vorbei, bis es, meist in den 
Jahren der Vorpubertät, eine gewöhnUch herabsetzende und unvoll- 
ständige Aufklärung erfährt, die nicht selten traumatische Wir- 
kungen äußert. 

Sie werden gewiß gehört haben, meine Herren, daß der Begriff 
des Sexuellen in der Psychoanalyse eine ungebührliche Erweiterung 
erleidet, in der Absicht, die Sätze von der sexuellen Verursachung 
der Neurosen und von der sexuellen Bedeutung der Symptome auf- 
recht zu erhalten. Sie können nun selbst darüber urteilen, ob diese Er- 
weiterung eine unberechtigte ist. Wir haben den Begriff der Sexualität 
nur soweit ausgedehnt, daß er auch das Sexualleben der Perversen 
und das der Kinder umfassen kann. Das heißt, wir haben ihm seinen 
richtigen Umfang wiedergegeben. Was man außerhalb der Psycho- 
analyse Sexualität heißt, bezieht sich nur auf ein eingeschränktes, im 
Diensteder Fortpflanzungstehendes und normal genanntes Sexualleben. 



XXI. VORLESUNG 

LIBIDO ENTWICKLUNG 
UND SEXUALORGANISATIONEN 

Meine Herren! Ich stehe unter dem Eindruck, daß es mir nicht 
gelungen ist, Ihnen die Bedeutung der Perversionen für unsere Auf- 
fassung der Sexuahtät so recht überzeugend nahe zu bringen. Ich 
möchte darum bessern und nachtragen, soviel ich nur kann. 

Es verhält sich ja nicht so, daß die Perversionen allein uns zu jener 
Abänderung des Begriffes Sexualität genötigt hätten, welche uns so 
heftigen Widerspruch eingetragen hat. Das Studium der infantilen 
Sexualität hat noch mehr dazu getan, und die Übereinstimmung der 
beiden wurde für uns entscheidend. Aber dieÄußerungen der infantilen 
Sexualität, so unverkennbar sie in denspäterenKinderjah rensein mögen, 
scheinen sich doch gegen ihre Anfänge hin ins Unbestimmbare zu 
verflüchtigen. Wer auf Entwicklungsgeschichte tmd analytischen 
Zusammenhang nicht achten will, wird i hnen den Charakter des Sexu- 
ellen bestreiten und ihnen dafür irgend einen undifferenzierten Cha- 
rakter zuerkennen. Vergessen Sie nicht, wir sind derzeit nicht im Besitze 
eines allgemein anerkannten Kennzeichens für die sexuelle Natur eines 
Vorganges, es sei denn wiederum dieZugehörigkeitzur Fortpflanzungs- 
funktion, die wir als zu engherzig ablehnen müssen. Die biologischen 
Kriterien, wie die von W. Fließ aufgestellten Periodizitäten zu 25 
und 38 Tagen, sind noch durchaus strittig; die chemischen Eigen- 
tümlichkeiten der Sexualvorgäuge, die wir vermuten dürfen, harren 



553 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



erst ihrer Entdeckung. Die sexuellen Perversionen der Erwachsenen 
hingegen sind etwas Greifbares und Unzweideutiges. Wie schon ihre 
allgemein zugestandene Benennung erweist, sind sie unzweifelhaft 
Sexualität. Mag man sie Degenerationszeichen oder anders heißen, 
es hat noch niemand den Mut gefunden, sie anderswohin als zu den 
Phänomenendes Sexuallebens zu stellen. Um ihretwillen allein sind wir 
zur Behauptung berechtigt., daß Sexualität und Fortpflanzung nicht 
zusammenfallen, denn es ist offenlcundig, daß sie sämtlich das Ziel 
der Fortpflanzung verleugnen. 

Ich sehe da eine nicht uninteressante Parallele. Während für die 
meisten „bewußt" und „psychisch" dasselbe ist, waren wir genötigt, 
eine Erweiterung des Begriffes „psychisch" vorzunehmen und ein 
Psychisches anzuerkennen, dfis nicht bewußt ist. Und ganz ähnlich 
ist es, wenn die anderen „sexuell" und „zur Fortpflanzung gehörig" 
— oder wenn Sie es kürzer sagen wollen: „genital" — für identisch 
erklären, während wir nicht umhin können, ein „sexuell" gelten zu 
lassen, das nicht „genital" ist, nichts mit der Fortpflanzung zu tun 
hat. Es ist nur eine formale Ähnlichkeit, aber nicht ohne tiefere Be- 
gründung. 

Wenn aber die Existenz der sexuellen Pervei-sionen ein so zwingendes 
Argument in dieser Frage ist, warum hat es nicht bereits längst seine 
Wirkung getan und diese Frage erledigt? Ich weiß es wirklich nicht 
zu sagen. Es scheint mir daran zu liegen, daß diese sexuellen Perver- 
sionen mit einer ganz besonderen Acht belegt sind, die auf die Theorie 
übergreift und auch ihrer wissenschaftlichen Würdigung in den Weg 
tritt. Als ob niemand vergessen könnte, daß sie nicht nur etwas Ab- 
scheuliches, sondern auch etwas Ungeheuerhches, Gefährliches sind, 
als ob man sie für verführerisch hielte und im Grunde einen geheimen 
Neid gegen die sie Genießenden niederzukämpfen hätte, etwa wie 
ihn der strafende Landgraf in der berühmten Tannhäuserparodie ein- 
gesteht: 

„Im Veuusberg vergaß er Ehr und Pflicht! 

— Merkwürdig, unser einem passiert so etwas nicht." 



1 



XXI. Libidoentwicklung und Sexualorgaiiixationen iia 



In Wahrheit sind die Perversen eher arme Teufel, die außerordent- 
lich hart für ihre schwer zu erringende Befriedigung büßen. 

Was die perverse Betätigung trotz aller Fremdheit des Objektes 
und der Ziele zu einer so unverkennbar sexuellen macht, ist 
der Umstand, daß der Akt der perversen Befriedigung doch zumeist 
in vollen Orgasmus und in Entleerung der Genitalprodukte ausgeht. 
Das ist natürlich nur die Folge der Erwachsenheit der Personen j beim 
Kinde sind Orgasmus und Genital exkretion nicht gut möglich, sie 
werden durch Andeutungen ersetzt, die wiederum nicht als sicher 
sexuell anerkannt w^erden. 

Ich muß noch etwas hinzufügen, um die Würdigung der sexuellen 
Perversionen zu vervollständigen. So verrufen sie auch sein mögen, 
so scharf man sie auch der normalen Sexualbetätigung gegenüber- 
stellt, so zeigt doch die bequeme Beobachtung, daß dem Sexualleben 
der Normalen nur selten der eine oder andere perverse Zug abgeht. 
Schon der Kuß hat Anspruch auf den Namen eines perversen Aktes, 
denn er besteht in der Vereinigung zweier erogener Mundzonen an 
Stelle der beiderlei Genitalien. Aber niemand verwirft ihn als pervers, 
er wird im Gegenteil in der Bühnendarstellung als gemilderte An- 
deutung des Sexualaktes zugelassen. Gerade das Küssen kann aber leicht 
zur vollen Perversion werden, wenn es nämhch so intensiv ausfällt, 
daß sich Genitalentladung und Orgasmus direkt daranschließen, was 
gar nicht so selten vorkommt. Im übrigen kann man erfahren, daß 
Betasten und Beschauen des Objektes für den einen unentbehrliche 
Bedingungen des Sexualgenusses sind, daß ein anderer auf der Höhe 
der sexuellen Erregung kneift oder beißt, daß die größte Erregtheit 
beim Liebenden nicht immer durch das Genitale, sondern durch eine 
andere Körperregion des Objektes hervorgerufen wird, und ähnliches 
in beliebiger Auswahl mehr. Es hat gar keinen Sinn, Personen mit 
einzelnen solchen Zügen aus der Reihe der Normalen auszuscheiden 
und zu den Perversen zu stellen, vielmehr erkennt man immer deut- 
licher, daß das Wesentliche der Perversionen nichtin der Überschreitung 
des Sexualzieles, nicht in der Ersetzung der Genitalien, ja nicht ein- 



534 Vorlesungen, zur Eirtfükrutig in die Psychoanalyse 

mal immer in der Variation des Objektes besteht, sondern allein in 
derAusschließIichkeit,mitwelcliersichdiese Abweichungen vollziehen, 
und durch welche der der Fortpflanzung dienende Sexualakt beiseite 
geschoben wird. So wie sich die perversen Handlungen als vorbereitende 
oder als verstärkende Beiträge in die Herbeiführung des normalen 
Sexualaktes einfügen, sind sie eigentlich keine Perversionen mehr. 
Natürlich wird die Kluft zwischen der normalen und der perversen 
Sexualität durch Tatsachen dieser Art sehr verringert. Es ergibt sich 
ungezwungen, daß die normale Sexualität aus etwas hervorgeht, was 
vor ihr bestanden hat, indem sie einzelne Züge dieses Materials als 
unbrauchbar ausscheidet und die anderen zusammenfaßt, um sie einem 
neuen, dem Fortpflanzungsziel, unterzuordnen. 

Ehe wir unsere Vertrautheit mit den Perversionen dazu verwenden, 
um uns mit geklärten Voraussetzungen neuerlich in das Studium der 
infantilen Sexualität zu vertiefen, muß ich Sie auf einen wichtigen 
Unterschied zwischen beiden aufmerksam machen. Die perverse Sexu- 
alität ist in der Regel ausgezeichnet zentriert, alles Tun drängt zu 
einem — meist zu einem einzigen — Ziel, ein Partialtrieb hat bei 
ihr die Oberhand, er ist entweder der einzig nachweisbare oder hat 
die anderen seinen Absichten unterworfen. In dieser Hinsicht ist 
zwischen der perversen und der normalen Sexualität kein anderer 
Unterschied, als daß die herrschenden Partialtriebe und somit die 
Sexualziele verschiedene sind. Es ist sozusagen hier wie dort eine gut 
organisierte Tyrannis, nur daß hier die eine, dort eine andere Familie 
die Herrschaft an sich gerissen hat. Die infantile Sexualität ist dagegen 
im großen und ganzen ohne solche Zentrierung und Organisation, ihre 
einzelnen Partialtriebe sind gleichberechtigt, ein jeder geht auf eigene 
Faust dem Lusterwerb nach. Der Mangel wie die Anwesenheit der 
Zentrierung stimmen natürlich gut zu der Tatsache, daß beide, die 
perverse wie die normale Sexualität aus der infantilen hervorgegangeri 
sind. Es gibt übrigens auch Fälle von perverser Sexualität, die wei^ 
mehr Ähnlichkeit mit der infantilen haben, indem sich zahlreiche 
Partialtriebe unabhängig voneinander mit ihren Zielen durchgesetz?t 



I 

I 



XXI. Lihidoentwicklung und Sexiiafor(>;amsarionen ^iä 

oder besser: fortgesetzt haben. Man spricht in diesen Fällen richtiger 
von Infantilismus des Sexuallebens als von Perversiou. 

So vorbereitet können wir an die Erörterung eines Vorschlages gehen, 
der uns sicherlich nicht erspart werden wird. Man wird uns sagen: 
Warum steifen Sie sich darauf, die nach ihrem eigenen Zeugnis un- 
bestimmbaren Äußerungen der Kindheit, aus denen spater Sexuelles 
wird, auch schon Sexualität zu nennen? Warum wollen Sie sich nicht 
lieber mit der physiologischen Beschreibung begnügen und einfach 
sagen, beim Säugling beobachte man bereits Tätigkeitea, wie das 
Lutschen oder das Zurückhalten der Exkremente, die uns zeigen, daß 
er nach OrganluststrebtPDadurch würden Sie doch die jedes Gefühl 
beleidigende Aufstellung eines Sexuallebens für das kleinste Kind ver- 
mieden haben. — Ja, meine Herren, ich habe gar nichts gegen die 
Organlust einzuwenden; ich weiß, daß die höchste Lust der sexuellen 
Vereinigung auch nur eine an die Tätigkeit der Genitalien gebundene 
Organlust ist. Aber können Sie mir sagen, wann diese ursprünglich 
indifferente Organlust den sexuellen Charakter bekommt, den sie in 
späteren Phasen der Entwicklung unzweifelhaft besitzt? Wissen wir 
von der „Organlust" mehr als von der Sexualität? Sie werden ant- 
worten, der sexuelle Charakter käme eben hinzu, wenn die Genitalien 
ihre Rolle zu spielen beginnen; sexuell deckt sich mit genital. Sie 
werden selbst die Einwendung der Perversionen ablehnen, indem Sie 
mir vorhalten, daß es bei den meisten Perversionen doch auf die Er- 
zielung des genitalen Orgasmus ankomme, wenn auch auf einem 
anderem Wege als durch die Vereinigung der Genitalien. Sie schaffen 
sich wirklich eine weit bessere Position, wenn Sie aus der Charakte- 
ristik des Sexuellen die infolge der Perversionen unhaltbare Beziehung 
zur Fortpflanzung streichen und dafür die Genitallätigkeit voranstellen. 
Aber dann sind wir nicht mehr weit auseinander; es stehen einfach 
die Genitalorgane gegen die anderen Organe. Was machen Sie nun 
aber gegen die vielfachen Erfahrungen, die Ihnen zeigen, daß die 
Genitalien für die Lustgewinnung durch andere Organe vertreten 
werden können, wie beim normalen Kuß, wie in den perversen Prak- 



t 



556 Forlesungen zur Einß'thruJlg in die Psychoanalyse 

tiken der Lebewelt, wie in der Symptomatik der Hysterie? Bei dieser t 

Neurose ist es ganz gewöhnlichj daß Reizerscheinungen, Sensationen ( 

und Innervationen, selbst die Vorgänge der Erektion, die an den 
Genitalien daheim sind, auf andere entfernte Körperregionen ver- 
schoben werden (z. B. bei der Verlegung nach oben auf Kopf und 
Gesicht). In solcher Weise überführt, daß Sie nichts haben, was sie 
zur Charakteristik Ihres Sexuellen festhalten können, werden Sie sich 
wohl entschließen müssen, meinem Beispiel zu folgen und die Be- 
zeichnung „sexuell" auch auf die nach Organlust strebenden Betäti- 
gungen der frühen Kindheit auszudehnen. 

Und nun wollen Sie zu meiner Rechtfertigung noch zwei weiteren 
Erwägungen Raum geben. Wie Sie wissen, heißen wir die zweifel- 
haften und unbestimmbaren Lustbetätigungen der frühesten Kind- 
heit sexuell, weil wir auf dem Wege der Analyse von den Symptomen 
aus über unbestreitbar sexuelles Material zu ihnen gelangen. Es müßte 
nicht darum, auch selbst sexuell sein, zugestanden. Aber nehmen Sie 
einen analogen Fall. Stellen Sie sich vor, wir hätten keinen Weg, die 
Entwicklung zweier dikotyledonen Pflanzen, des Apfelbaumes und 
der Bohne, aus ihren Samen zu beobachten, aber es sei uns in beiden 
Fällen möglich, ihre Entwicklung vom voll ausgebildeten pflanzlichen 
Individium bis zum ersten Keimling mit zwei Keimblättern rück- 
schreitend zu verfolgen. Die beiden Keimblättchen sehen indifferent 
aus, sind in beiden Fällen ganz gleichartig. Werde ich darum annehmen, 
daß sie wirklich gleichartig sind, und daß die spezifische Differenz 
zwischen Apfelbaum und Bohne erst später in die Vegetation eintritt? 
Oder ist es biologisch korrekter zu glauben, daß diese Differenz schon 
im Keimling vorhanden ist, obwohl ich den Keimblättern eine Ver- 
schiedenheit nicht ansehen kann. Dasselbe tun wir aber wenn wir 
die Lust bei Säuglingsbetäligungen eine sexuelle heißen. Ob alle und 
jede Organlust eine sexuelle genannt werden darf, oder ob es neben 
der sexuellen eine andere gibt, welche diesen Namen nicht verdient, 
das kann ich hier nicht diskutieren. Ich weiß zu wenig von der Organ- 
lustund von ihren Bedingungen und darf michbei dem rückschreitenden 



XXI. Libidoentwicklung und Sexualorganisationen 



357 



Charakter der Analyse überhaupt nicht verwundern, wenn ich am 
letzten Ende bei derzeit unbestimmbaren Momenten anlange. 

Und noch eins! Sie haben im ganzen für das, was Sie behaupten 
wollen, für die sexuelle Reinheit des Kindes, sehr wenig gewonnen, 
auch wenn Sie mich davon überzeugen können, daß die Säuglings- 
betätigungen besser als nicht sexuelle eingeschätzt werden sollen. 
Denn schon vom dritten Lebensjahre an ist das Sexualleben des Kin- 
des all diesen Zweifeln entzogen; um diese Zeit beginnen bereits die 
Genitalien sich zu regen, es ergibt sich vielleicht regelmäßig eine 
Periode von infantiler Masturbation, also Genitalbefriedigung. Die 
seelischen und sozialen Äußerungen des Sexuallebens brauchen nicht 
mehr vermißt zu werden; Objektwahl, zärtliche Bevorzugung ein- 
zelner Personen, ja Entscheidung für eines der beiden Geschlechter, 
Eifersucht, sind durch unparteiische Beobachtungen unabhängig und 
vor der Zeit der Psychoanalyse festgestellt worden und können von 
jedem Beobachter, der es sehen will, bestätigt werden. Sie werden 
einwenden, an dem frühen Erwachen der Zärtlichkeit haben Sie nicht 
gezweifelt, nur daran, daß diese Zärtlichkeit den „sexuellen" Cha- 
rakter trägt. Diesen zu verbergen haben die Kinder allerdings zwischen 
drei und acht Jahren bereits gelernt, aber wenn Sie aufmerksam sind, 
können Sie für die „sinnlichen" Absichten dieser Zärtlichkeit immer- 
hin genug Beweise .sammeln, und was Ihnen dann noch abgeht, 
werden die analytischen Ausforschungen mühelos in reichem Maße 
ergeben. Die Sexualziele dieser Lebenszeit stehen in innigstem Zu- 
sammenhang mit der gleichzeitigen Sexualforschung, von der ich 
Ihnen einige Proben gegeben habe. Der perverse Charakter einiger 
dieser Ziele hängt natürlich von der konstitutionellen Unreife des 

Kindes ah, welches das Ziel des Begaltungsalaes noch nicht entdeckt 
hat. 

Etwa vom sechsten bis achten Lebensjahr an macht sich ein Still- 
stand und Rückgang in der Sexualentwicklung bemerkbar, der in den 
kultureU günstigsten FäUen den Namen einer Latenzzeit verdient. 
Die Latenzzeit kann auch entfallen, sie braucht keine Unterbrechung 

Freud, Vn. 



558 Vorlesungen zur Einfiihrung in die Psychoanalyse 



der Sexualbetätigung und der Sexualinieressen auf der ganzen Linie 
mit sich zu bringen. Die meisten Erlebnisse und seelischen Regungen 
vor dem Eintritt der Latenzzeit verfallen dann der infantilen Am- 
nesie, dem bereits erörterten Vergessen, welches unsereerste Jugend ver- 
hüllt und uns ihr entfremdet. In jeder Psychoanalyse steUt sich die Auf- 
gabe her, diese vergessene Lebensperiode in die Erinnerung zurück- 
zuführen; man kann sich der Vermutung nicht erwehren, daß die 
in ihr enthaltenen Anfange des Sexuallebens das Motiv zu diesem 
Vergessen ergeben haben, daß dies Vergessen also ein Erfolg der Ver- 
drängung ist. 

Das Sexualleben des Kindes zeigt voni dritten Lebensjahr an viel 
Übereinstimmung mit dem des Erwachsenen^ es unterscheidet sich 
von dem letzteren, wie wir bereits wissen, durch den Mangel einer 
festen Organisation unter dem Primat der Genitalien, durch die un- 
vermeidlichen Züge von Perversion und natürhch auch durch weit 
geringere Intensität der ganzen Strebung. Aber die für die Theorie 
interessantesten Phasen der Sexual-, oder wie wir sagen wollen, der 
Libidoentwicklung, liegen hinter diesem Zeitpunkt. Diese Entwick- 
lung wird so rasch durchlaufen, daß es der direkten Beobachtung 
wahrscheinlich niemals gelungen wäre, ihre flüchtigen Bilder fest- 
zuhalten. Erst mit Hilfe der psychoanalytischen Durchforschung der 
Neurosen ist es möglich geworden, noch weiter zurückliegende Phasen 
der Libidoentwicklung zu erraten. Es sind dies gewiß nichts anderes 
als Konstruktionen, aber wenn Sie die Psychoanalyse praktisch be- 
treiben, werden Sie finden, daß es notwendige und nutzbringende 
Konstruktionen sind. Wie es zugeht, daß die Pathologie uns hier Ver- 
hältnisse verraten kann, welche wir am normalen Objekt übersehen 
müssen, werden Sie bald verstehen. 

Wir können also jetzt angeben, wie sich das Sexualleben des Kindes 
gestaltet, ehe der Primat der Genitalien hergestellt ist, der sich in 
der ersten infantilen Epoche vor der Latenzzeit vorbereitet und von 
der Pubertät an dauernd organisiert. Es besteht in dieser Vorzeit eine 
Art von lockerer Organisation, die wir prägenital nennen woUen. 



XXI. LihidoentwickluTig U7id Sexualorganisationen 



359 



Im Vordergrunde dieser Phase stehen aber nicht die genitalen Partial- 
triebe, sondern die sadistischen und analen. Der Gegensatz von 
männlich und weiblich spielt hier noch keine Rolle; seine Stelle 
nimmt der Gegensatz zwischen aktiv und passiv ein, den man als 
den Vorläufer der sexuellen Polarität bezeichnen kann, mit welcher 
er sich auch späterhin verlötet. Was uns an den Betätigungen dieser 
Phase als männlich erscheint, wenn wir sie von der Genitalphase her 
betrachten, erweist sich als Ausdruck eines Bemächtigungstriebes, der 
leicht ins Grausame übergreift. Strebungen mit passivem Ziel knüpfen 
sich an die um diese Zeit sehr bedeutsame erogene Zone des Darm- 
ausganges. Schau- und Wißtrieb regen sich kräftig; das Genitale nimmt 
am Sexualleben eigenthch nur in seiner Rolle als Exkretionsorgan 
für den Harn Anteil. Es fehlt den Partialtrieben dieser Phase nicht 
an Objekten, aber diese Objekte fallen nicht notwendig zu einem Ob- 
jekt zusammen. Die sadistisch-anale Organisation ist die nächste Vor- 
stufe für die Phase des Genitalprimats. Ein eingehenderes Studium 
weist nach, wieviel von ihr für die spätere endgültige Gestaltung er- 
halten bleibt, und auf welchen Wegen ihre Partialtriebe zur Ein- 
reihung m die neue Genitalorganisation genötigt werden. Hinter der 
sadistisch-analen Phase der Libidoemwicklung gewinnen wir noch 
den Ausbhck auf eine frühere, noch mehr primitive Organisations- 
stufe, auf welcher die erogene Mundzone die Hauptrolle spielt. Sie 
können erraten, daß die Sexualbetätigung desLutschens ihr angehört 
und dürfen das Verständnis der alten Ägypter bewundern, deren 
Kunst das Kmd, auch den göttlichen Horus, durch den Finger im 
Munde charakterisiert. Abraham hat erst kürzlich Mitteilungen 
darüber gemacht, welche Spuren diese primitive orale Phase für das 
Sexualleben späterer Jahre hinterläßt. 
- ^ MeineHerren! Ich kann ja vermuten, daß die letzten Mitteilungen 
über die Sexualorganisationen Ihnen mehr Belastung als Belehrung 
gebracht haben. Vielleicht bin ich auch wieder zu weit in Einzel- 
heiten eingegangen. Aber haben Sie Geduld ; was Sie da gehört haben 
wird Ihnen durch spätere Verwendung wertvoller werden Halten 



340 



Forlesungen, zur Einführung in die Psychoanalyse 



Sie für jetzt an dem Eindruck fest, daß das Sexualleben — wie wir 
sagen: die Libidofanktion — nicht als etwas Fertiges auftritt, auch 
nicht in seiner eigenen Ähnlichkeit weiterwächst, sondern eine Reihe 
von aufeinanderfolgenden Phasen durchmacht, die einander nicht 
gleichsehen, daß es also eine mehrmals wiederholte Entwicklung ist 
wie von der Raupe zum Schmetterhng. Wendepunkt der Entwick- 
lung ist die Unterordnung aller sexuellen Partialtriebe unter den 
Primat der Genitahen und damit die Unterwerfung der Sexualität 
unter die Fortpflanzungsfunktion. Vorher ein sozusagen zerfahrenes 
Sexualleben, selbständige Betätigung der einzelnen, nach Organlust 
strebenden Partialtriebe. Diese Anarchie gemildert durch Ansätze zu 
„ prägen italen" Organisationen, zunächst die sadistisch- anale Phase, 
hinter ihr die orale, vielleicht die primitivste. Dazu die verschiedenen, 
noch ungenau bekannten Prozesse, welche die eine Organisationsstufe 
in die spätere und nächsthöhere überführen. Welche Bedeutung es 
für die Einsicht in die Neurosen hat, daß die Libido einen so langen 
und absatzreichen Entwicklungsweg zurücklegt, werden wir em 
nächstes Mal erfahren. 

Heute werden wir noch eine andere Seite dieser Entwicklung ver- 
folgen, nämlich die Beziehung der sexuellen Partialtriebe zum Ob- 
jekt. Vielmehr wir werden einen flüchtigen Überblick über diese 
Entwicklung nehmen, um bei einem ziemlich späten Ergebnis der- 
selben länger zu verweilen. Also einige der Komponenten des Sexual- 
triebes haben von vorneherein ein Objekt und halten es fest, so der 
Bemächtigungstrieb (Sadismus), der Schau- und Wißtrieb. Andere, 
die deutlicher an bestimmte erogene Körperzonen geknüpft sind, 
haben es nur im Anfang, solange sie sich noch an die nicht sexuellen 
Funktionen anlehnen, und geben es auf, wenn sie sich von diesen 
loslösen. So ist das erste Objekt der oralen Komponente des Sexual- 
triebes die Mutterbrust, welche das Nahrungsbedürfnis des Säuglings 
befriedigt. Im Akte des Lutschens macht sich die beim Saugen mit- 
befriedigte erotische Komponente selbständig, gibt das fremde Objekt 
auf und ersetzt es durch eine Stelle am eigenen Körper. Der orale 



XXI. Libidoentwicklung und Sexualorganisationen 



341 



Trieb wird autoerotisch, wie es die analen und die anderen ero- 
genen Triebe von vornherein sind. Die weitere Entwickhing hat 
um es aufs knappste auszudrücken, zwei Ziele; erstens den Autoero- 
tismus zu verlassen, das Objekt am eigenen Körper wiederum gegen 
ein fremdes Objekt zu vertauschen, und zweitens: die verschiedenen 
Objekte der einzelnen Triebe zu unifizieren, durch ein einziges Ob- 
jekt zu ersetzen. Das kann natürlich nur gelingen, wenn dies eine 
Objekt wiederum ein ganzer, dem eigenen ähnlicher Körper ist. Es 
kann sich auch nicht vollziehen, ohne daß eine Anzahl der autoero- 
tischen Triebregungen als unbrauchbar zurückgelassen wird. 

Die Prozesse der Objektfindung sind ziemlich verwickelt, haben 
bisher auch noch keine übersichtliche Darstellung gefunden. Heben 
wir für unsere Absicht hervor, daß, wenn der Prozeß in den Kinder- 
jahren vor der Latenzzeit einen gewissen Abschluß erreicht hat, das 
gefundene Objekt sich als fast identisch erweist mit dem ersten, durch 
Anlehnung gewonnenen Objekt des oralen Lusttriebes. Es ist, wenn 
auch nicht die Mutterbrust, so doch die Mutter. Wir nennen die 
Mutter das erste Liebesobjekt. Von Liebe sprechen wir nämlich, 
wenn wir die seelische Seite der Sexualstrebungen in den Vorder- 
grund rücken und die zu Grunde liegenden körperlichen oder „simi- 
lichen" Triebanforderungen zurückdrängen oder Jür einen Moment 
vergessen wollen. Um die Zeit, da die Mutter Liebesobjekt wird, hat 
auch bereits beim Kinde die psychische Arbeit der Verdrängung be- 
gonnen, welche seinem Wissen die Kenntnis eines Teiles seiner 
Sexualziele. entzieht. An diese Wahl der Mutter zum Liebesobjekt 
knüpft nun all das an, was imter dem Namen des „Ödipuskom- 
plexes" in der psychoanalytischen Aufklärung der Neurosen zu so 
großer Bedeutung gekommen ist und einen vielleicht nicht geringeren 
Anteil an dem Widerstand gegen die Psychoanalyse gewonnen hat. 
Hören Sie eine kleine Begebenheit an, die sich im Laufe dieses 
Krieges zugetragen hat: Einer der wackeren Jünger der Psychoana- 
lyse befindet sich als Arzt an der deutschen Front irgendwo in Polen 
und erregt die Aufmerksamkeit der Kollegen dadurch, daß er ge- 



343 



Forlesungen zur Einfährung in die Psychoanalyse 



legentlich eine unerwartete Beeinflussiuig eines Kranken zu stände 
bringt. Auf Befragen bekennt er, daß er mit den Mitteln der Psycho- 
analyse arbeitet, und muß sich bereit erklären, den Kollegen von 
seinem Wissen iiihzuteilen. Allabendlich versammeln sich nun die 
Ärzte des Korps, Kollegen und Vorgesetzte, um den Geheimlehren 
der Analyse zu lauschen. Das geht eine Weile gut, aber nachdem er 
den Hörern vom Ödipuskomplex gesprochen hat, erhebt sich ein Vor- 
gesetzter und äußert, das glaube er nicht, es sei eine Gemeinheit des 
Vortragenden, ihnen, braven Männern, die für ihf Vaterland kämpfen, 
und Familienvätern solche Dinge zu erzählen, und er verbiete die 
Fortsetzung der Vorträge. Damit war es' zu Ende. Der Analytiker 
ließ sich an einen anderen Teil der Front versetzen. Ich glaube aber, 
es steht schlecht, wenn der deutsche Sieg einer solchen „Organisation" 
der Wissenschaft bedarf, und die deutsche Wissenschaft whd diese 
Organisation nicht gut vertragen. 

Nun werden Sie darauf gespannt sein zu erfahren , was dieser 
schreckliche Ödipuskomplex enthält. Dei- Name sagt es Ihnen. Sie 
kennen alle die griechische Sage vom König Ödipus, der durch das 
Schicksal dazu bestimmt ist, seineu Vater zu töten und seine Mutter 
zum Weibe zu nehmen, der alles tut, um dem Orakelspruch zu ent- 
gehen, und sich dann durch Blendung bestraft, nachdem er erfahren, 
daß er diese beiden Verbrechen unwissentlich doch begangen hat. 
Ich hoffe, viele von Ihnen haben die erschütternde Wirkung der Tra- 
gödie, in welcher Sophokles diesen Stoff behandelt, an sich selbst 
erlebt. Das Werk des attischen Dichters stellt dar, wie die längst ver- 
gangene Tat des Ödipus durch eine kunstvoll verzögerte und durch 
immer neue Anzeichen angefachte Untersuchung allmählich enthüllt 
wird; es hat insofern eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Fortgang 
einer Psychoanalyse. Im Verlaufe des Dialogs kommt es vor, daß die 
verblendete Mutter-Gattin Jokaste sich der Fortsetzung der Unter- 
suchung widersetz!. Sie beruft sich darauf, daß vielen Menschen im 
Traum zuteil geworden, daß sie der Mutter beiwohnen, aber Träume 
dürfe man gering achten. Wir achten Träume nicht gering, am we- 



XXI. ZÄhidoentwicklwig und Sexualorganisationen xA,r. 



nigsten typische Träume, solche, die sich vielen Menschen ereignen, 
und zweifeln nicht daran, daß der von Jokaste erwähnte Traum innifl' 
mit dem befremdenden und erschreckenden Inhalt der Sage zusam- 
menhängt. 

Es ist zu verwundern, daß die Tragödie des Sophokles nicht viel- 
mehr empörte Ablehnung beim Zuhörer hervorruft^ eine ähnliche 
und weit mehr berechtigte Reaktion als die unseres schlichten Mili- 
tärarztes. Denn sie ist im Grunde ein unmoralisches Stück, sie hebt die 
sittliche Vei'antwortlichkeit des Menschen auf, zeigt göttliche Mächte 
als die Auordner des Verbrechens und die Ohnmacht der sittlichen 
Regungen des Menschen, die sich gegen das Verbrechen wehren. 
Man könnte leicht glauben, daß der Sagenstoff eine Anklage der Götter 
und des Schicksals beabsichtige, und in den Händen des kritischeu, 
mit den Göttern zerfallenen, Euripides wäre es wahrscheinlich eine 
solche Anklage geworden. Aber beim gläubigen Sophokles ist von 
dieser Verwendung keine Rede; eine fromme Spitzfindigkeit, es sei 
die höchste Sittlichkeit, sich dem Willen der Götter, auch wenn er 
Verbrecherisches anordne, zu beugen, hilft über die Schwierigkeil 
hinweg. Ich kann nicht finden, daß diese Moral zu den Stärken des 
Stückes gehoi-t, aber sie ist für die Wirkung desselben gleichgültig. 
Der Zuhörer reagiert nicht auf sie, sondern auf den geheimen Sinn 
und Inhalt der Sage. Er reagiert so, als hätte er durch Selbstanalyse 
den Ödipuskomplex in sich erkannt und den Götterwülen sowie das 
Orakel als erhöhende Verkleidungen seines eigenen Unbewußten ent- 
larvt. Als ob er sich der Wünsche, den Vater zu beseitigen und an 
seiner Statt die Mutter zum Weibe zu nehmen, erinnern und sich 
über sie entsetzen müßte. Er versteht auch die Stimme des Dichters 
so, als ob sie ihm sagen wollte: Du sträubst dich vergebens gegen 
deine Verantwortlichkeit und beteuerst, was du gegen diese verbre- 
cherischen Absichten getan hast. Du bist doch schuldig, denn du 
hast sie nicht vei-nichten können ; sie bestehen noch unbewußt in dir. 
Und darin ist psychologische Wahrheil enthalten. Auch wenn der 
Mensch seine bösen Regungen ins Unbewußte verdrängt hat und 



344 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 




sich dann sagen möchte, daß er für sie nicht verantwortlich ist, wird 

er doch gezwungen, diese Verantwortlichkeit als ein Schuldgefühl ^^ 

von ihm unbekannter Begründung zu verspüren. j^H 

Es ist ganz unzweifelhaft, daß man in dem Ödipuskomplex eine ^^j 

der wichtigsten Quellen des Schuldbewußtseins sehen darf, von dem .' 

die Neurotiker so oft gepeinigt werden. Aber noch mehr: in einer 
Studie über die Anfänge der menschlichen Religion und Sittlichkeit, 
die ich 1915 unter dem Titel „Totem und Tabu" veröilentlicht habe, 
ist mir die Vermutung nahe gekommen, daß vielleicht die Mensch- 
heit als Ganzes ihr Schuldbewußtsein, die letzte Quelle von Religion 
und Sittlichkeit, zu Beginn ihrer Geschichte am Ödipuskomplex er- 
worben hat. Ich möchte Ihnen gerne mehr darüber sagen, aber ich 
unterlasse es besser. Es ist schwer, von diesem Thema abzubrechen, 
wenn man mit ihm begonnen hat, und wir müssen zur individuellen 
Psychologie zurückkehren. 

Was läßt also die direkte Beobachtung des Kindes zur Zeit der 
Objektwahl vor der Latenzzeit vom Ödipuskomplex erkennen? Nun, 
man sieht leicht, daß der kleine Mann die Mutter für sich allein 
haben will, die Anwesenheit des Vaters als störend empfindet, unwillig 
wird, wenn dieser sich Zärtlichkeiten gegen die Mutter erlaubt, seine 
Zufriedenheit äußert, wenn der Vater verreist oder abwesend ist. 
Häufig gibt er seinen Gefühlen direkten Ausdruck in Worten, ver- 
spricht der Mutter, daß er sie heiraten wird. Man wird meinen, das 
sei wenig im Vergleich zu den Taten des Ödipus, aber es ist tatsächlich 
genug, es ist im Keime dasselbe. Die Beobachtung wird häufig durch 
■ den Umstand verdunkelt, daß dasselbe Kind gleichzeitig bei anderen 
Gelegenheiten eine große Zärtlichkeit für den Vater kundgibt^ allein 
solche gegensätzliche — [oder besser gesagt: ambivalente — Ge- 
fühlseinstellungen, die beim Erwachsenen zum Konflikt führen wür- 
den, vertragen sich beim Kinde eine lange Zeit ganz gut miteinander, 
wie sie später im Unbewußten dauernd nebeneinander Platz finden. 
Man 'wird auch einwenden wollen, daß das Benehmen des kleinen 
Knaben egoistischen Motiven entspringt und keine Berechtigtmg zur 



XXI. Lihidoentwicldung und Sexualorganisationen 545 

Aufstellung eines erotischen Komplexes gibt. Die Mutter sorgt für 
alle Bedürfnisse des Kindes, und das Kind hat darum ein Interesse 
daran, daß sie sich um keine andere Person bekümmere. Auch das 
ist richtig, aber es wird bald klar, daß in dieser wie in ähnlichen 
Situationen das egoistische Interesse nur die Anlehnung bietet, an 
welche die erotische Strebung anknüpft. Zeigt der Kleine die un- 1 
verhüllteste sexuelle Neugierde für seine Mutter, verlangt er, nachts 
bei ihr zu schlafen, drangt sich zur Anwesenheit bei ihrer Toilette 
auf oder unternimmt er gar Verführungsversuche, wie es die Mutter 
so oft feststellen und lachend berichten kann, so ist die erotische 
Natur der Bindung an die Mutter doch gegen jeden Zweifel gesichert. 
Man darf auch nicht vergessen, daß die Mutter dieselbe Fürsorge für 
ihr Töchterchen entfaltet, ohne dieselbe Wirkung zu erzielen, und 
daß der Vater oft genug mit ihr in der Bemühung um den Knaben 
wetteifert, ohne daß es ihm gelänge, sich dieselbe Bedeutung wie die 
Mutter zu erwerben. Kurz, daß das Moment der geschlechtlichen Be- 
vorzugung durch keine Kritik aus der Situation zu eliminieren ist. 
Vom Standpunkt des egoistischen Interesses wäre es nur unklug von 
dem kleinen Mann, wenn er nicht lieber zwei Personen in seinen 
Diensten dulden würde, als nur eine von ihnen. 

Ich habe, wie Sie merken, nur das Verhältnis des Knaben zu Vater 
und Mutter geschildert. Für das kleine Mädchen gestaltet es sich mit 
den notw^endigen Abänderungen ganz ähnlich. Die zärtliche Anhäng- 
lichkeit an den Vater, das Bedürfnis, die Mutter als überflüssig zu 
beseitigen und ihre Stelle einzunehmen, eine bereits mit den Mitteln 
der späteren Weiblichkeit arbeitende Koketterie ergeben gerade beim 
kleinen Mädchen ein reizvolles Bild, welches uns an den Ernst und 
die möglichen schweren Folgen hinter dieser infantilen Situation ver- 
gessen läßt. Versäumen wir nicht hinzuzufügen, daß häufig die Eltern 
selbst einen entscheidenden Einfluß auf die Erweckung der Odipus- 
einstellung des Kindes üben, indem sie selbst der geschlechtlichen An- 
ziehung folgen, und wo mehrere Kinder sind, in der deutlichsten 
Weise der Vater das Töchterchen und die Mutter den Sohn in ihrer 



540 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Zärtlichkeit bevorzugen. Aber die spontane Natur des kindlichen Ödi- 
puskomplexes kann nicht einmal durch dieses Moment ernstlich er- 
schüttert werden. Der Ödipuskomplex erweitert sich zum Familien- 
komplex, wenn andere Kinder dazukommen. Er motiviert nun mit 
neuerlicher Anlehnung an die egoistische Schädigung, daß diese Ge- 
schwister mit Abneigung empfangen mid unbedenklich durch den 
Wunsch beseitigt werden. Diesen Haßempfindungen geben die Kinder 
sogar in der Regel weit eher wörtlichen Ausdruck als den aus dem 
Elternkomplex entspringenden. Geht ein solcher Wunsch in Erfüllung 
und nimmt der Tod den unerwünschten Zuwachs binnen kurzem 
wieder weg, so kann man aus späterer Analyse erfahren, ein wie 
wichtiges Erlebnis dieser Todesfall für das Kind gewesen ist, wiewohl 
er im Gedächtnis desselben nicht gehaftet zu haben braucht. Das 
durch die Geburt eines Geschwisterchens in die zweite Linie ge- 
drängte, für die erste Zeit von der Mutter fast isolierte Kind, vergißt 
ihr diese Zurückstellung nur schwer; Gefühle, die man heim Er- 
wachsenen als schwere Erbitterung bezeichnen würde, stellen sich 
bei ihm ein und werden oft zur Grundlage einer dauernden Ent- 
fremdung. Daß die Sexual forschung mit all ihren Konsequenzen ge- 
wöhnlich an diese Lebenserfahrung des Kindes anknüpft, haben wir 
schon erwähnt. Mit dem Heranwachsen dieser Geschwister erfährt 
die Einstellung zu ihnen die bedeutsamsten Wandlungen. Der Knabe 
kann die Schwester zum Liebesohjekt nehmen als Ersatz für die treu- 
lose Mutter j zwischen mehreren Brüdern, die um ein jüngeres Schwe- 
sterchen werben, ergeben sich schon in der Kinderstube die für das 
spätere Leben bedeutsamen Situationen einer feindseligen Rivalität. 
Ein kleines Mädchen findet im älteren Bruder einen Ersatz für den 
Vater, der sich nicht mehr wie in den frühesten Jahren zärtlich um 
sie kümmert, oder sie nimmt eine jüngere Schwester zum Ersatz für 
das Kind, das sie sich vergeblich vom Vater gewünscht hat. 

Solches und sehr viel mehr von ähnlicher Natur zeigt Ihnen die 
direkte Beobachtung der Kinder und die Würdigung ihrer klar er- 
haltenen, von der Analyse nicht beeinflußten Erinnerungen aus den 



XKL Libidoentwicklung und Sexualor^anisationen 34.7 

Kinderjahren. Sie werden daraus unter anderem den Schluß ziehen, 
daß die Stellung eines Kindes in der Kindeireihe ein für die Gestaltung 
seines späteren Lehens überaus wichtiges Moment ist, welches in jeder 
Lehensbeschreibung Rücksicht finden sollte. Aber, was wichtiger ist, 
Sie werden sich angesichts dieser mühelos zu gewinnenden Auf- 
klärungen der Äußerungen der Wissenschaft zur Erklärung des lu- 
zestverbotes nicht ohne Lächeln erinnern können. Was ist da nicht 
alles erfunden w^orden! Die geschlechtliche Neigung soll durch das 
Zusammenleben von Kindheit her von den andersgeschlechtlichen 
Äfitfiliedern derselben Familie abgelenkt worden sein, oder eine bio- 
logische Tendenz zur Vermeidung der Inzucht soll in der angeborenen 
Inzestscheu seine psychische Repräsentanz finden! Wobei noch ganz 
vergessen wird, daß es keines so unerbittlichen Verbotes durch Ge- 
setz und Sitte bedürfte, wenn es irgend verläßliche natürliche Schran- 
ken gegen die Inzestversuchung gäbe. Tm Gegenteil liegt die Wahr- 
heit. Die erste Objektwahl der Menschen ist regelmäßig eine inzestuöse, 
beim Manne auf Mutter und Schwester gerichtete, und es bedarf der 
schärfsten Verbote, um diese fortwirkende infantile Neig^mg von der 
Wirklichkeit abzuhalten. Bei den heute noch lebenden Primitiven, j 
den wilden Völkei-n, sind die Inzestverbote noch viel schärfer als bei 
uns, und kürzlich hat Th. Reik in einer glänzenden Arbeit gezeigt, 
daß die Pubertätsriten der Wilden, die eine Wiedergeburt darstellen, 
den Sinn haben, die inzestuöse Bindung der Knaben an ihre Mutter 
aufzuheben und ihre Versöhnung mit dem Vater herzustellen. 

Die Mythologie belehrt Sie, daß der von den Menschen angeblich 
so verabscheute Inzest unbedenklich den Göttern zugestanden wird, 
und aus der alten Geschichte können Sie erfahren, daß die inzestuöse 
Schwesterehe für die Person des Herrschers geheiligte Vorschrift war 
(bei den alten Pharaonen, den Incas von Peru). Es handelt sich also 
um ein der gemeinen Menge versagtes Vorrecht. 

Der Mutterinzest ist das eine Verbrechen des Odipus, der Vater- 
mord das andere. Nebenbei erwähnt, es sind auch die beiden großen 
Verbrechen, welche die erste sozial -religiöse Institution der Menschen, 



548 Vorlesungen zur Einßlhrung in die Psychoanalyse 

der TotemismuSj verpönt. Wenden wir uns nun von der direkten 
Beobachtung des Kindes zur analytischen Erforschung des neurotisch 
gewordenen Erwachsenen. Was leistet die Analyse zur weiteren Kennt- 
nis des Ödipuskomplexes? Nun, das ist kurz zu sagen. Sie weist ihn 
so aufj wie ihn die Sage erzählt; sie zeigt, daß jeder dieser Neurotiker 
selbst ein Ödipus war oder, was auf dasselbe ausgeht, in der Reaktion 
auf den Komplex ein Hamlet geworden ist. Natürlich ist die ana- 
lytische Darstellung des Ödipuskomplexes eine Vergrößerung und 
Vergröberung der infantilen Skizze. Der Haß gegen den Vater, die 
Todeswünsche gegen ihn, sind nicht mehr schüchtern angedeutet, 
die Zärtlichkeit für die Mutter bekennt sich zum Ziel, sie als Weib 
zu besitzen. Dürfen wir diese grellen und extremen Gefühlsregungen 
wirklich jenen zarten Kinderjahren zutrauen oder täuscht uns die 
Analyse durch die Einmengung eines neuen Moments? Es ist nicht 
schwer, ein solches aufzufinden. Jedesmal, wenn ein Mensch über 
Vergangenes berichtet, und sei er auch ein Geschichtschreiber, haben 
wir in Betracht zu ziehen, was er unabsichtlich aus der Gegenwart 
oder aus dazwischenliegenden Zeiten in die Vergangenheit zurück- 
versetzt, so daß er das Bild derselben fälscht. Im Falle des Neurotikers 
ist es sogar fraglich, ob diese Rückversetzung eine ganz imd gar un- 
absichtliche ist; wir werden Motive für sie später kennenlernen und 
der Tatsache des „Rückphantasierens" in frühe Vergangenheit über- 
haupt gerecht werden müssen. Wir entdecken auch leicht, daß der 
Haß gegen den Vater durch eine Anzahl von Motiven verstärkt ist, 
die aus späteren Zeiten und Beziehungen stammen, daß die sexuellen 
Wünsche auf die Mutter in Formen gegossen sind, die dem Kinde 
noch fremd sein mußten. Aber es wäre ein vergebliches Bemühen, 
wenn wir 'das Ganze des Ödipuskomplexes durch Rückphantasieren 
erklären und auf spätere Zeiten beziehen wollten. Der infantile Kern 
und auch mehr oder weniger vom Beiwerk bleibt bestehen, wie ihn 
die direkte Beobachtung des Kindes bestätigt. 

Die klinische Tatsache, die uns hinter der analytisch festgestellten 
Form des Ödipuskomplexes entgegentritt, ist nun von der höchsten 



XXI. Libidoentwicklung und Sexualorganisationen 54g 

praktischen Bedeutung. Wir erfahren, daß zur Zeit der Pubertät, 
wenn der Sexualtrieb zuerst in voller Stärke seine Ansprüche erhebt, 
die alten familiären und inzestuösen Objekte wieder aufgenommen 
und von neuem libidinös besetzt werden. Die infantile Ohjektwahl 
war nur ein schwächliches, aber Richtung gebendes Vorspiel der 
Objektwahl in der Pubertät. Hier spielen sich nun sehr intensive Ge- 
fühlsvorgänge in der Richtung des Ödipuskomplexes oder in der 
Reaktion auf ihn ab, die aber, weil ihre Voraussetzungen tmerträglich 
geworden sind, zum großen Teil dem Bewußtsein ferne bleiben 
müssen. Von dieser Zeit an muß sich das menschliche Individuum 
der großen Aufgabe der AblÖsuiag von den Eltern widmen, nach 
deren Lösung es erst aufhören kann Rind zu sein, um ein Mitghed 
der sozialen Gemeinschaft zu werden. Die Aufgabe besteht für den 
Sohn darin, seine libidinösen Wünsche von der Mutter zu lösen, um 
sie für die Wahl eines realen fremden Liebesobjektes zu verwenden, 
und sich mit dem Vater zu versöhnen^ wenn er in Gegnerschaft zu 
ihm verbüeben ist, oder sich von seinem Druck zu befreien, wenn 
er in Reaktion auf die infantile Auflehnung in die Unterwürfigkeit 
gegen ihn geraten ist. Diese Aufgaben ergeben sich für jedermann j 
es ist beachtenswert, wie selten ihre Erledigung in idealer Weise, 
d. h. psychologisch wie sozial korrekt, gelingt. Den Neurotikern aber 
gelingt diese Lösung überhaupt nicht, der Sohn bleibt sein lebelang 
unter die Autorität des Vaters gebeugt und ist nicht imstande, seine 
Libido auf ein fremdes Sexualobjekt zu übertragen. Dasselbe kann 
mit Veränderung der Beziehung das Los der Tochter werden. In 
diesem Sinne gilt der Ödipuskomplex mit Recht als der Kern der 
Neurosen. 

Sie ahnen, meine Herren, wie flüchtig ich über eine große Anzahl 
von praktisch wie theoretisch bedeutsamen Verhältnissen, die mit dem 
Ödipuskomplex zusammenhängen, hinwegsetze. Ich gehe auch auf 
seine Variationen und seine mögliche Umkehrung nicht ein. Von den 
entfernteren Beziehungen desselben will ich Ihnen nur noch andeuten, 
daß er sich als höchst bestimmend für die dichterische Produktion 



550 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

erwiesen hat. Otto Rank hat m einem verdienstvollen Buch gezeigt, 
(laß die Dramatiker aller Zeiten ihre Stoffe hauptsächlich dem Ödipus- 
und Inzestkomplex, dessen Variationen und Verschleierungen, ent- 
nommen haben. Es soll auch nicht unerwähnt bleiben, daß die beiden 
verbrecherischen Wünsche des Ödipuskomplexes längst vor der Zeit 
der Psychoanalyse als die richtigen Repräsentanten des ungehemmten 
Trieblebens erkannt worden sind. Unter den Schriften des Enzyklo- 
pädisten Diderot finden Sie einen berühmten Dialog „Le neveu de 
Rameau", den kein Geringerer als Goethe deutsch bearbeitet hat. 
Dort können Sie den merkwürdigen Satz lesen: Si le petit sauvage 
etait ahandonnc h lui-mimc, quHl conserva toute son imbccillitd et quHl 
reunit au peu de raison de Venfant au bcrceau la violence des passions 
de Vhomme de trenie ans, ü tordrait le cou h son pere et coucherait 
etvec sa mere. 

Aber etwas anderes kann ich nicht übergehen. Die Mutter- Gattin 
des Ödipus soll uns nicht vergeblich an den Traum gemahnt haben. 
Erinnern Sie sich noch des Resultates unserer Traumanalysen, daß 
die traumbildenden Wünsche so häufig perverser, inzestuöser Natur 
sind oder eine nicht geahnte Feindseligkeit gegen nächste iind ge- 
liebte Angehörige verraten? Wir haben es damals unaufgeklärt ge- 
lassen, woher diese bösen Regungen stammen. Nun können Sie sich's 
selbst sagen. Es sind früh infantile, fürs bewußte Leben längst auf- 
gegebene Unterbringungen der Libido und ObjektbesetzungeUj die 
sich nächtlicherweile noch als vorhanden und als in gewissem Sinne 
leistungsfähig erweisen. Da aber alle Menschen solche perverse, inze- 
stuöse imd todeswütige Träume haben, nicht bloß die Neurotiker, 
dürfen wir den Schluß ziehen, daß auch die heute Normalen den 
Entwicklungsweg über die Perversionen und die Objektbesetzungen 
des Ödipuskomplexes zurückgelegt haben, daß dieser Weg der der 
normalen Entwicklung ist, daß die Neurotiker ims nur vergrößert 
und vergröbert zeigen, was uns die Traumanalyse auch beim Gesunden 
verrät. Und dies ist eines der Motive, weshalb wir das Studium der Träume 
dem der neurotischen Symptome vorangeschickt haben. 



XXII. VORLESUNG 

GESICHTSPUNKTE DER ENTWICKLUNG 
UND REGRESSION. ÄTIOLOGIE 

Meine Damen und Herren! Wir haben gehört, daß die Libido- 
funktion eine weitläufige Entwicklung durchmacht, bis sie in der 
normal genannten Weise in den Dienst der Fortpflanzung treten kann. 
Ich möchte Ihnen nun vorführen, welche Bedeutung diese Tatsache 
für die Verursachung der Neurosen hat. 

Ich glaube, wir befinden uns im Einklang mit den Lehren der all- 
gemeinen Pathologie, wenn wir annehmen, daß eine solche Entwicklung 
zweierlei Gefahren mit sich bringt, erstens die der Hemmung und 
zweitens die der Regression. Das heißt, bei der allgemeinen Neigung 
biologischer Vorgänge zur Variation wird es sich ereignen müssen, 
daß nicht alle vorbereitenden Phasen gleich gut durchlaufen und voll- 
ständig überwunden werden; Anteile der Funktion werden dauernd 
auf diesen frühen Stufen zurückgehalten werden, und dem Gesamt- 
bild der Entwicklung wird ein gewisses Maß von Entwicklungs- 
hemmung beigemengt sein. 

Suchen ^vir uns Analogien zu diesen Vorgängen auf anderen Ge- 
bieten. Wenn ein ganzes Volk seine Wohnsitze verläßt, um neue auf- 
zusuchen, wie es in früheren Perioden der Menschengeschichte oft- 
mals geschah, so ist es gewiß nicht in seiner Vollzahl an dem neuen 
Orte angekommen. Von anderen Verlusten abgesehen, muß es sich 
regelmäßig zugetragen haben, daß kleine Haufen oder Verbände der 



552 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Wanderer unterwegs Halt machten und sich an diesen Stationen nie- 
derheßen, während die Hauptmenge weiterzog. Oder, um näherhe- 
gende Vergleiche zu suchen, Sie wissen, daß bei den höchsten Säuge- 
tieren die männhchen Keimdrüsen, die ursprünghch tief im Inneren 
des Bauchraumes lagern, zu einer gewissen Zeit des Intrauterinlehens 
eine Wanderung antreten, die sie fast unmittelbar unter die Haut 
des Beckenendes geraten läßt. Als Folge dieser Wanderung findet 
man bei einer Anzahl von männlichen Individuen, daß eines der 
paarigen Organe in der Beckenhöhle zurückgeblieben ist, oder daß 
es eine dauernde Lagerung im sogenannten Leistenkanal gefunden 
hat, den beide auf ihrer Wanderung passieren müssen, oder daß we- 
nigstens dieser Kanal offen geblieben ist, der normalerweise nach Ab- 
schluß des Lagewechsels der Keimdrüsen verwachsen soll. Als ich als 
junger Student meine erste wissenschaftliche Arbeit unter der Leitung 
V. Druckes ausführte, beschäftigte ich mich mit dem Ursprung 
der hinteren Nerven wurzeln im Rückenmark eines kleinen, noch 
sehr archaisch gebildeten Fisches. Ich fand, daß die Nervenfasern die- 
ser Wurzeln aus großen Zellen im Hinterhorn der grauen Substanz 
hervorgehen, was bei anderen Rückenmarktieren nicht mehr der 
Fall ist. Aber ich entdeckte auch bald darauf, daß solche Nervenzellen 
sich außerhalb der grauen Substanz an der ganzen Strecke bis zum 
sogenannten Spinalganglion der hinteren Wurzel vorfinden, woraus 
ich den Schluß zog, daß die Zellen dieser Ganglieuhaufen aus dem 
Rückenmark in die Wurzelstrecke der Nerven gewandert sind. Dies 
zeigt auch die Entwicklungsgeschichte; bei diesem kleinen Fisch war 
aber der ganze Weg der Wanderung durch zurückgebliebene Zellen 
kenntlich gemacht. Bei tieferem Eingehen wird es Ihnen nicht schwer 
fallen, die schwachen Punkte dieser Vergleichungen aufzuspüren. 
Wir wollen es darum direkt aussprechen, daß wir es für jede einzelne 
Sexualstrebung für möglich halten, daß einzelne Anteile von ihr auf 
früheren Stufen der Entwicklung zurückgeblieben sind, wenngleich 
andere Anteile das Endziel erreicht haben mögen. Sie erkennen 
dabei, daß wir uns jede solche Strebung als eine seit Lebeasbeginn 



XXII. Gesichtspunkte der Kntwicfilimß: und Begression. Ätiologie är^ 

kontinuierliche Strömung vorstellen, die wir gewissermaßen künst- 
lich in gesondert aufeinanderfolgende Schübe zerlegen. Ihr Ein- 
drUckj daß diese Vorstellungen einer weiteren Klärung bedürftig 
sind, hat Recht, aber der Versuch würde uns zu weit abführen. Lassen 
Sie uns noch feststellen, daß ein solches Verbleiben einer Partialstre- 
bung auf einer früheren Stufe eine Fixierung (des Triebes nämlich) 
heißen soll. 

Die zweite Gefahr einer so stufenweisen Entwicklung liegt darin, 
daß auch die Anteile, die es weiter gebracht haben, leicht in rück- 
läufiger Bewegung auf eine dieser früheren Stufen zurückkehren kön- 
nen, was wir eine Regression nennen. Zu einer solchen Regression 
wird sich die Strebung veranlaßt finden, wenn die Ausübung ihrer 
Funktion, also die Erreichung ihres Befriedigungszieles, in der späteren 
oder höher entwickelten Form auf starke äußere Hindernisse stößt. 
Es liegt uns nahe anzunehmen, daß Fixierung und Regression nicht 
unabhängig voneinander sind. Je stärker die Fixierungen auf dem 
Entwicklungsweg, desto eher wird die Funktion den äußeren Schwie- 
rigkeiten durch Regression bis zu jenen Fixierungen ausweichen, 
desto widerstandsunfähiger erweist sich also die ausgebildete Funktion 
gegen äußere Hindernisse ihres Ablaufes. Denken Sie daran, wenn 
ein Volk in Bewegung starke Abteilungen an den Stationen seiner 
Wanderung zurückgelassen hat, so wird es den weiter Vorgerückten 
naheliegen, sich bis zu diesen Stationen zurückzuziehen, wenn sie ge- 
schlagen werden oder auf einen überstarken Feind stoßen. Sie wer- 
den aber auch um so eher in die Gefahr der Niederlage kommen, je 
mehr sie von ihrer Anzahl auf der Wanderung zurückgelassen haben. 
Es ist für Ihr Verständnis der Neurosen wichtig, daß Sie dies Ver- 
hältnis zwischen Fixierung und Regression nicht aus den Augen 
lassen. Sie gewinnen dann einen sicheren Halt in der Frage nach 
der Verursachung der Neurosen, in der Frage der Neurosenäiiologie, 
an welche wir bald herantreten werden. , r 

Zunächst wollen wir noch bei der Regression verbleiben. Nach 
dem, was Ihnen von der Entwicklung der Libidofunklion bekannt 

Frond, VIL aj 



554 Vorlesungen zur Einführung in die Priychoanalyse 

geworden ist, dürfen Sie Regressionen von zweierlei Art erwarten, 
Rückkehr zu den ersten von der Libido besetzten Objekten, die be- 
kanntlich inzestuöser Natur sind, und Rückkehr der gesamten Sexual- 
organisation zu früheren Stufen. Beide kommen bei den Übertragungs- 
üeurosen vor und spielen in deren Mechanismus eine große Rolle. 
Besonders die Rückkehr zu den ersten inzestuösen Objekten der 
Libido ist ein Zug, der sich bei den Neurotikern mit geradezu er- 
müdender Regelmäßigkeit findet. Weit mehr läßt sich über die Re- 
gressionen der Libido sagen, wenn man eine andere Gruppe der 
Neurosen, die sogenannten narzißtischen, mit heranzieht, was wir 
ja gegenwärtig nicht beabsichtigen. Diese Affektionen geben uns 
Aufschluß über noch andere, bisher nicht erwähnte Entwicklungs- 
vorgänge der Libidofunktion und zeigen uns dementsprechend auch 
neue Arten der Regression. Ich glaube aber, daß ich Sie jetzt vor 
allem mahnen muß, Regression und Verdrängung nicht zu 
verwechseln, und Ihnen dazu verhelfen muß, sich die Beziehungen 
zwischen den beiden Prozessen zu klären. Verdrängung ist, wie Sie 
sich erinnern, jener Vorgang, durch welchen ein bewußtseinsfahiger 
Akt, also einer, der dem System Vbw. angehört, unbewußt gemacht, 
also in das System Ubw. zurückgeschoben wird. Und ebenso nennen 
wir es Verdrängung, wenn der unbewußte seehsche Akt überhaupt 
nicht ins nächste vorbewußte System zugelassen, sondern an der 
Schwelle von der Zensur zurückgewiesen wird. Dem Begriff der Ver- 
/ drängung haftet also keine Beziehung zur Sexualität an; bitte, be- 
' merken Sie das wohl. Er bezeichnet einen rein psychologischen Vor- 
gang, den wir noch besser charakterisieren können, wenn wir ihn 
einen topischen heißen. Wir wollen damit sagen, er habe mit den 
angenommenen psychischen Räumlichkeiten zu tun, oder, wenn wir 
diese grobe Hilfsvorstellung wieder fallen lassen, mit dem Aufbau 
des seelischen Apparates aus gesonderten psychischen Systemen. 

Durch die angestellte Vergleichung werden wir erst aufmerksam 
gemacht, daß wir das Wort „Regression" bisher nicht in seiner all- 
gemeinen, sondern in einer ganz speziellen Bedeutung gebraucht 



I 



XXII. Gesichts punkte der Entwicklung und Tte^resnon. Ätiologie ^kc 

haben. Geben Sie ihm seinen allgemeinen Sinn, den einer Rückkehr 
von einer höheren zu einer niedrigeren Stufe der Entwicklung- so 
ordnet sich auch die Verdrängung der Regression unter, denn sie 
kann auch als Rückkehr zu einer früheren und tieferen Stufe in der 
Entwicklung eines psychischen Aktes beschrieben werden. Nur daß 
es uns bei der Verdrängung auf diese rückläufige Richtung nicht 
ankommt, denn wir heißen es auch Verdrängung im dynamischen 
Sinne, wenn ein psychischer Akt auf der niedrigeren Stufe des Un- 
bewußten festgehalten wird. Vei-drängung ist eben ein topisch-dyna- 
mischer Begriff, Regression ein rein deskriptiver. Was wir aber bis- 
her Regression genannt und zur Fixierung in Beziehung gebracht 
haben, damit meinten wir ausschließlich die Rückkehr der Libido 
zu früheren Stationen ihrer Entwicklung, also etwas, was von der 
Verdrängung im Wesen ganz verschieden und von ihr ganz unab- 
hängig ist. Wir können die Libidoregression auch nicht einen rein 
psychischen Vorgang heißen und wissen nicht, welche Lokalisation 
im seelischen Apparat wir ihr anweisen sollen. Wenn sie auch den 
stärksten Einfluß auf das seelische Leben ausübt, so ist doch der or- 
ganische Faktor an ihr der hervorragendste. 

Erörterungen wie diese, tneine Herren, müssen etwas dürr geraten. 
Wenden wir uns an die Klinik, um etwas eindrucksvollere Anwen- 
dungen von ihnen zu machen. Sie wissen, daß Hysterie und Zwangs- 
neurose die beiden Hauptvertreter der Gruppe der Übertragungs- 
neurosen sind. Bei der Hysterie gibt es nun zwar eine Regression 
der Libido zu den primären inzestuösen Sexualobjekten, und diese 
ganz regelmäßig, aber so gut wie keine Regression auf eine frühere 
Stufe der Sexualorganisation. Dafür fälh der Verdrängung im hyste- 
rischen Mechanismus die Hauptrolle zu. Wenn ich mir gestatten 
darf, unsere bisherige gesicherte Kenntnis dieser Neurose durch eine 
Konstruktion zu vervollständigen, so könnte ich den Sachverhalt in 
folgender Weise beschreiben: Die Einigung der Partiahriebe unter 
dem Primat der Genitalien ist vollzogen, ihre Ergebnisse stoßen aber 
auf den Widerstand des mit dem Bewußtsein verknüpften vorbe- 



556 ■ Forlesungen zur Emßhrunff in die Psychoanalyse 



wußten Systems. Die Genhaiorganisation gilt also fürs Unbewußte, 
nicht ebenso fürs Vorbewußte, und diese Ablehnung von selten des 
Vorbewußten bringt ein Bild zustande, welches mit dem Zustand vor 
dem Genitalprimat gewisse Ähnlichkeiten hat. Es ist aber doch et- 
was ganz anderes. — Von den beiden Libidoregressionen ist die auf 
eine frühere Phase der Sexualorganisation die bei weitem auffälligere. 
Da sie bei der Hysterie fehlt und unsere ganze Auffassung der Neu- 
rosen noch viel zu sehr unter dem Einflüsse des Studiums der f^ysterie 
steht, welches zeitlich voranging, so ist die Bedeutung der Libido- 
regression uns auch viel später klar geworden als die der Verdrän- 
gung. Seien wir gefaßt darauf, daß unsere Gesichtspunkte noch andere 
Erweiterungen und Umwertungen erfahren werden, wenn wir außer 
Hysterie und Zwangsneurose noch die anderen, narzißüschen Neu^ 
rosen in unsere Betrachtungen einbeziehen können. 

Bei der Zwangsneurose ist im Gegenteil die Regression der Libido 
auf die Vorstufe der sadistisch- analen Organisation das auffälligste 
und das für die Äußerung in Symptomen maßgebende Faktum. Der 
Liebesimpuls muß sich dann als sadistischer Impuls maskieren. Die 
Zwangsvorstellung: ich möchte dich ermorden, heißt im Grunde, 
wenn man sie von gewissen, aber nicht zufälligen, sondern unerläß- 
lichen Zutaten befreit hat, nichts anderes als: ich möchte dich m 
Liebe genießen. Nehmen Sie dazu, daß gleichzeitig eine Objektsre- 
gression stattgehabt hat, so daß diese Impulse nur den nächsten und 
den geliebtesten Personen gelten, so können Sie sich von dem Ent- 
setzen eine Vorstellung machen, welches diese Zwangsvorstellungen 
beim Kranken erwecken, und gleichzeitig von der Fremdartigkeit, 
in welcher sie seiner bewußten Wahrnehmung entgegentreten. Aber 
auch die Verdrängung hat an dem Mechanismus dieser Neurosen 
ihren großen Anteil, der in einer flüchtigen Einführung wie der un- 
serigen allerdings nicht leicht auseinanderzusetzen ist. Regression 
der Libido ohne Verdrängung würde nie eine Neurose ergeben, son- 
dern in eine Perversion auslaufen. Daraus ersehen Sie, daß die Ver- 
drängung jener Prozeß ist, welcher der Neurose am ehesten eigen- 



XXII. Gesichtspunkte der Entwicklung und liegression. Ätiologie 557 

tümlich zukommt und sie am besten charakterisiert. Vielleicht habe 
ich aber auch einmal Gelegenheit, ihnen vorzuführen, was wir über 
den Mechanismus der Perversionen wissen, und Sie werden dann 
sehen, daß auch hier nichts so einfach vor sich geht, wie man es sich 
gerne konstruieren möchte. 

Meine Herren! Ich meine, Sie werden sich mit den eben ange- 
hörten Ausführungen über Fixierung und Regression der Libido am 
ehesten versöhnen, wenn Sie sie als Vorbereitung für die Erforschung 
der Ätiologie der Neurosen gelten lassen wollen. Ich habe Ihnen 
hierüber erst eine einzige Mitteilung gemacht, nämlich daß die 
Menschen neurotisch erkranken, wenn ihnen die Möglichkeit be- 
nom^men ist, ihre Libido zu befriedigen, also an der „Versagung", 
wie ich mich ausdrückte, und daß ihre Symptome eben der Ersatz 
für die versagte Befriedigung sind. Natürlich sollte das nicht heißen, 
daß jede Versagung der libidinösen Befriedigung jeden, den sie trifft, 
neurotisch macht, sondern bloß, daß in allen untersuchten Fällen 
von Neurose das Moment der Versagung nachweisbar war. Der Satz 
ist also nicht umkehrbar. Sie werden wohl auch verstanden habeuj 
daß jene Behauptung nicht das ganze Geheimnis der Neurosenätio- 
logie aufdecken sollte, sondern eben nur eine wichtige und unerläß- 
liche Bedingung hervorhob. 

Man weiß jetzt nicht, soll man sich für die weitere Diskussion 
dieses Satzes an die Natur der Versaguug oder an die Eigenart des 
von ihr Betroffenen halten. Die Versagung ist doch höchst selten 
eine allseitige und absolute^ um pathogen wnksam zu werden, muß 
sie wohl jene Weise der Befriedigung betreffen, nach der die Person 
allein verlangt, deren sie allein fähig ist. Es gibt im allgemeinen 
sehr viele Wege, die Entbehrung der libidinösen Befriedigung zu 
vertragen, ohne an ihr zu erkranken. Vor allem kennen, wir Men- 
schen, die imstande sind, eine solche Entbehrung ohne Schaden auf 
sich zu nehmen^ sie sind dann nicht glücklich, sie leiden an Sehn- 
sucht, aber sie werden nicht krank. Sodann müssen wir in Betracht 
ziehen, daß gerade die sexuellen Triebregungen außerordentlich 



550 Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

plastisch sincl, wenn ich so sagen darf. Sie können die eine für 
die andere eintreten, eine kann die Intensität der anderen auf sich 
nehmen; wenn die Befriedigung der einen durch die Reahtät ver- 
sagt ist, kann die Befriedigung einer anderen volle Entschädigung 
bieten. Sie verhalten sich zueinander wie ein Netz von kommuni- 
zierenden, mit Flüssigkeit gefüllten Kanälen, und dies trotz ihrer 
Unterwerfung, unter den Genitalprimat, was gar nicht so bequem 
in einer Vorstellung zu vereinen ist. Ferner zeigen die Partialtriebe 
der Sexualität, ebenso wie die aus ihnen zusammengefaßte Sexual- 
strebung, eine große Fähigkeit, ihr Objekt zu wechseln, es gegen ein 
anderes, also auch gegen ein bequemer erreichbares, zu vertauschen; 
diese Verschiebbarkeit und Bereitwilligkeit, Surrogate anzunehmen, 
müssen der pathogenen Wirkung einer Versagung mächtig entgegen- 
arbeiten. Unter diesen gegen die Erkrankung durch Entbehrung 
schützenden Prozessen hat einer eine besondere kulturelle Bedeutung 
gewonnen. Er besteht darin, daß die Sexualbestrebung ihr auf Par- 
tiallnst oder Fortpflanzungslust gerichtetes Ziel aufgibt und ein ande- 
res annimmt, welches genetisch mit dem aufgegebenen zusammen- 
hängt, aber selbst nicht mehr sexuell, sondern sozial genannt werden 
muß. Wir heißen den Prozeß „Sublimierung", wobei wir uns der 
allgemeinen Schätzung fügen, welche soziale Ziele höher stellt als 
die im Grunde selbstsüchtigen sexuellen. Die Sublimierung ist übri- 
gens nur ein Spezialfall der Anlehnung von Sexual strebungen an 
andere nicht sexuelle. Wir werden in anderem Zusammenhange 
nochmals von ihr reden müssen. 

Sie werden nun den Eindruck haben, daß die Entbehrung durch 
alle diese Mittel, sie zu ertragen, zur Bedeutungslosigkeit herabge- 
drückt worden sei. Aber nein, sie behalt ihre pathogene Macht. Die 
Gegenmittel sind allgemein nicht ausreichend. Das Maß von unbe- 
friedigter Libido, das die Menschen im Durchschnitt auf sich nehmen 
können, ist begrenzt. Die Plastizität oder freie Beweglichkeit der 
Libido ist keineswegs bei allen voll erhalten, und die Sublimierung 
kann immer nur einen gewissen Bruchteil der Libido erledigen, ab- 



n 



XXTI. Gesteh tspjinhte der Entwicklung und Regression. Ätiologie 559 

gesehen davon, daß die Fähigkeit zu subhmieren vielen Menschen 
nur in geringem Ausmaße zugeteilt ist. Die wichtigste unter diesen 
Einschränkungen ist offenbar die in der Beweglichkeit der Libido, 
da sie die Befriedigung des Individuums von der Erreichiing einer 
sehr geringen Anzahl von Zielen und Objekten abhängig macht. 
Erinnern Sie sich nur daran, daß eine unvollkommene Libidoent- 
wicklung sehr ausgiebige, eventuell auch mehrfache Libidofixie- 
rungen an frühe Phasen der Organisation und Objektfindung hinter- 
läßt welche einer realen Befriedigung meist nicht fähig sind, so 
werden Sie in der Libidofixierung den zweiten mächtigen Faktoi" 
erkennen der mit der Versagung zur Krankheitsverursachung zu- 
sammentritt. In schematischer Verkürzung können Sie es aussprechen, 
daß die Libidofixierung den disponierenden, internen, die Versagung 
den akzidentellen, externen Faktor der Neurosenätiologie repräsen- 
tiert. 

Ich ergreife hier die Gelegenheit, Sie vor der Parteinahme in 
einem ganz überflüssigen Streit zu warnen. Im wissenschaftlichen 
Betrieb ist es sehr beliebt, einen Anteil der Wahrheit herauszugrei- 
fen, ihn an die Stelle des Ganzen zu setzen und nun zu seinen Gun- 
sten das übrige, was nicht minder wahr ist, zu bekämpfen. Auf die- 
sem Wege haben sich auch bereits aus der psychoanalytischen Be- 
wegung mehrere Richtungen abgespalten, von denen die eine nur 
die egoistischen Triebe anerkennt, die sexuellen dagegen verleugnet, 
die andere nur den Einfluß der realen Lebensaufgaben würdigt, den 
der individuellen Vergangenheit aber übersieht u. dgl. mehr. Nun 
bietet sich hier ein Anlaß zu einer ähnlichen Entgegenstellung und 
Streitfrage: Sind die Neurosen exogene oder endogene Krank- 
heiten, die unausbleibliche Folge einer gewissen Konstitution oder 
das Produkt gewisser schädigender (traumatischer) Lebenseindrücke, 
im besonderen : werden sie durch die Libidofixierung (und die son- 
stige Sexualkonstitution) oder durch den Druck der Versagung her- 
vorgerufen? Dies Dilemma scheint mir im ganzen nicht weiser als 
ein anderes, das ich Ihnen vorlegen könnte: Entsteht das Kind durch 



360 Vorlesimgen zur Einführung in die Psychoan/ilyse 

die Zeugung des Vaters oder durch die Empfängnis von seilen der 
Mutter? Beide Bedingungen sind gleich unentbehrlich, werden Sie 
mit Recht antworten. In der Verursachung der Neurosen ist das 
Verhältnis, wenn nicht ganz das nämliche, doch ein sehr ähnliches. 
Für die Betrachtung der Verursachung ordnen sich die Fälle der 
neurotischen Erkrankungen zu einer Reihe, innerhalb welcher beide 
Momente — Sexualkonstitution und Erleben, oder w^enn Sie wollen: 
Libidofixierung und Versagung — so vertreten sind, daß das eine 
wächst, wenn das andere abnimmt. An dem einen Ende der Reihe 
stehen die extremen Fälle, von denen Sie mit Überzeugung sagen 
können: Diese Menschen wären infolge ihrer absonderlichen Libido- 
entwicklung auf jeden Fall erkrankt, was immer sie erlebt hätten, 
wie sorgfältig sie das Leben auch geschont hätte. Am anderen Ende 
stehen die Fälle, bei denen Sie umgekehrt urteilen müssen, sie wären 
gew^iß der Krankheit entgangen, wenn das Leben sie nicht in diese 
oder jene Lage gebracht hätte. Bei den Fällen innerhalb der Reihe 
trifft ein Mehr oder Minder von disponierender Sexualkonstitution 
mit einem Minder oder Mehr von schädigenden Lebensanforderungen 
zusammen. Ihre Sexualkonstitution hätte ihnen nicht die Neurose 
gebracht, wenn sie nicht solche Erlebnisse gehabt hätten, und diese 
Erlebnisse hätten nicht traumatisch auf sie gewirkt, wenn die Ver- 
hältnisse der Libido andere gewesen wären. Ich kann in dieser 
Reihe vielleicht ein gewisses Übergewicht an Bedeutung für die dis- 
ponierenden Momente zugestehen, aber auch dies Zugeständnis hängt 
davon ab, wie weit Sie die Grenzen der Nervosität abstecken wollen. 

Meine Herren! Ich mache Ihnen den Vorschlag, Reihen wie 
diese als Ergänzungsreihen zu bezeichnen, und bereite Sie 
darauf vor, daß wir Anlaß finden werden, noch andere solche Reihen 
aufzustellen. 

Die Zähigkeit, mit welcher die Libido an bestimmten Richtungen 
und Objekten haftet, sozusagen dieKlebrigkeit der Libido, erscheint 
uns als ein selbständiger, individuell variabler Faktor, dessen Abhängig- 
kräten uns völlig unbekannt sind, dessen Bedeutung für die Ätiologie 



XXII. Gesichtspunkte der Entwicklung vn^ Regression. Ätiologie 561 

der Neurosen wir gewiß nicht mehr unterschätzen werden. Wir sollen 
aber auch die Innigkeit dieser Beziehung nicht überschätzen. Eine 
ebensolche „Klebrigkeit" der Libido — aus unbekannten Gründen 
~^ kommt nämlich unter zahlreichen Bedingungen beim Normalen 
vor und wird als bestimmendes Moment bei den Personen gefunden, 
welche in gewissem Sinne der Gegensatz der Nervösen sind, bei den 
Perversen. Es war schon vor der Zeit der Psychoanalyse bekann t(Binet), 
daß in der Anamnese der Perversen recht häufig ein sehr frühzeitiger 
Eindruck von abnormer Triebrichtung oder Objektwahl aufgedeckt 
wird an dem nun die Libido dieser Person fürs Leben haften geblieben 
ist. Man weiß oft nicht zu sagen, was diesen Eindruck dazu befähigt 
hat eine so intensive Anziehung auf die Libido auszuüben. Ich will 
Ihnen einen selbstbeobachteten Fall dieser Art erzählen. Ein Mann, 



dem heute das Genitale und alle anderen Reize des Weibes nichts 
bedeuten, der nur durch einen beschuhten Fuß von gewisser Form 
in unwiderstehliche sexuelle Erregung versetzt werden kann, weiß 
sich an ein Erlebnis aus seinem sechsten Jahre zu erinnernj welches 
maßgebend für die Fixierung seiner Libido geworden ist. Er saß auf 
einem Schemel neben der Gouvernante, bei der er englische Stunde 
nehmen sollte. Die Gouvernante, ein altes, dürres, unschönes Mädchen 
niit wasserblauen Augen und aufgestülpter Nase, hatte an diesem Tage 
einen kranken Fuß und ließ ihn darum, mit einem Samtpantoffel be- 
kleidet, ausgestreckt auf einem Polster ruhen 5 ihr Bein selbst war 
dabei in dezentester Weise verhüllt. Ein so magerer sehniger Fuß, 
wie er ihn damals an der Gouvernante gesehen, wurde nun, nach 
einem schüchternen Versuch normaler Sexualbetätigung in der Puber- 
tät, sein einziges Sexualobjekt, und der Mann war widerstandslos hin- 
gerissen, wenn sich zu diesem Fuß noch andere Züge gesellten, welche 
an den Typus der englischen Gouvernante erinnerten. Durch diese 
Fixierung seiner Libido wurde der Mann aber nicht zum Neurotiker, 
sondern zum Perversen, zum FLißfetischisten, wie wir sagen. Sie sehen 
also, obwohl die übermäßige, zudem noch vorzeitige, Fixierung der 
Libido für die Verursachung der Neurosen unentbehrlich ist, geht 



36a Vorlesuniren zur Einführung in die Psychoanalyse 

ihr Wirkungskreis doch weit über das Gebiet der Neurosen hinaus. 
Auch diese Bedingung ist für sich allein so wenig entscheidend, wie 
die früher erwähnte der Versagung. 

Das Problem der Verursachung der Neurosen scheint sich also zu 
komphzieren. In der Tatmachtunsdiepsychoanalytische Untersuchung 
mit einem neuen Moment bekannnt, welches in unserer ätiologischen 
Reihe nicht berücksichtigt ist, und das man am besten bei Fällen er- 
kennt, deren bisheriges Wohlbefinden plötzlich durch die neurotische 
Erkrankung gestört wird. Man findet bei diesen Personen regelmäßig 
die Anzeichen eines Widerstreites von Wunschregungen oder, wie 
wir zu sagen gewohnt sind, eines psychischen Konfliktes. Ein Stück 
der Persönlichkeit vertritt gewisse Wünsche, ein anderes sträubt sich 
Liagegen und wehrt sie ab. Ohne solchen Konflikt gibt es keine Neu- 
rose. Das schiene nun nichts Besonderes. Sie wissen, daß unser see- 
lisches Lebenunaufhörlich von Konflikten bewegt wird, deren Entschei- 
dung wir zu treffen haben. Es müssen also wohl besondere Bedingungen 
erfüllt sein, wenn ein solcher Konflikt pathogen werden soll. Wir 
dürfen fragen, welches diese Bedingungen sind, zwischen welchen 
seelischen Mächten sich diese pathogenen Konflikte abspielen, welche 
Beziehung der Konflikt zu den anderen verursachenden Momenten 
hat. 

Ich hoffe, Ihnen auf diese Fragen ausreichende Antworten geben 
zu können, wenn sie auch schematisch verkürzt sein mögen. Der 
Konflikt wird durch die Versagung heraufbeschworen, indem die 
ihrer Befriedigung verlustige Libido nun darauf angewiesen ist, sich 
andere Objekte und Wege zu suchen. Er hat zur Bedingung, daß 
diese anderen Wege und Objekte bei einem Anteil der Persönlich- 
keit ein Mißfallen erwecken, so daß ein Veto erfolgt, welches die 
neue Weise der Befriedigung zunächst unmöglich macht. Von hier 
aus geht der Weg zur Symptombildung weiter, den wir später ver- 
folgen werden. Die abgewiesenen libidinösen Strebungen bringen 
es zustande, sich auf gewissen Umwegen doch durchzusetzen, aller- 
dings nicht ohne dem Einspruch durch gewisse Entstellungen und 



XXII. Gesichtspunkte der Entwicklung und Regression. Ätiologie 563 

Milderungen Rechnung zu tragen. Die Umwege sind die Wege der 
Symptombildung, die Symptome sind die neue oder Ersatzbefriedi- 
gung, die durch die Tatsache der Yersagung notwendig geworden ist. 

Man kann der Bedeutung des psychischen Konflikts auch durch 
eine andere Ausdrucksweise gerecht werden, indem man sagt: zur 
äußeren Versagung muß, damit sie pathogen wirke, noch die 
innere Versagung hinzutreten. Äußere und innere Versagung be- 
ziehen sich dann natürlich auf verschiedene Wege und Objekte. Die 
äußere Versagung nimmt die eine Möglichkeit der Befriedigung weg, 
die innere Versagung möchte eine andere Möglichkeit ausschließen, 
uni welche dann der Konflikt losbricht. Ich gebe dieser Art der Dar- 
stellung den Vorzug, weil sie einen geheimen Gehalt besitzt. Sie 
deutet nämlich auf die Wahrscheinlichkeit hin, daß die inneren Ab- 
haltungen in den Vorzeiten menschlicher Entwicklung aus realen 
äußeren Hindernissen hervorgegangen sind. 

Welches sind aber die Mächte, von denen der Einspruch gegen 
die libidinöse Strebung ausgehl, die andere Partei im pathogenen 
Konflikt? Es sind, ganz allgemein gesagt, die nicht sexuellen Trieb- 
kräfLe. Wir fassen sie als „Tchtriebe" zusammen} die Psychoanalyse 
der Übertragungsneurosen gibt uns keinen guten Zugang zu ihrer 
weiteren Zerlegung, wir lernen sie höchstens einigermaßen durch 
die Widerstände kennen, die sich der Analyse entgegensetzen. Der 
pathogene Konflikt ist also ein solcher zwischen den Ichtrieben und 
den Sexualtrieben. Es hat in einer ganzen Reihe von Fällen den 
Anschein, als ob es auch ein Konflikt zwischen verschiedenen, rein 
sexuellen Strebungen sein könnte; aber das ist im Grunde dasselbe, 
denn von den beiden im Konflikt befindlichen Sexualstrebungen ist 
immer die eine sozusagen icligerecht, während die andere die Ab- 
wehr des Ichs herausfordert. Es bleibt also beim Konflikt zwischen 
Ich und Sexualität. 

Meine Herren ! Oft und oft, wenn die Psychoanalyse ein seelisches 
Geschehen als Leistung der Sexualtriebe in Anspruch genommen hat, 
wurde ihr in ärgerlicher Abwehr vorgehalten, der Mensch bestehe 



564, Vorlesimgen zitr JEinfilJiruTig in die Psychoanalyse 

nicht nur aus Sexualität, es gebe im Seelenleben noch andere Triebe 
und Interessen als die sexuellen, man dürfe nicht „alles" von der 
Sexualität ableiten u. dgl. Nun, es ist hoch erfreulich, sich auch ein- 
mal eines Sinnes mit seinen Gegnern zu finden. Die Psychoanalyse 
hat nie vergessen, daß es auch nicht sexuelle Triebkräfte gibt, sie hat 
sich auf der scharfen Sonderung der sexuellen Triebe von den Ich- 
trieben aufgebaut und vor jedem Einspruch behauptet, nicht daß die 
Neurosen aus der Sexualität hervorgehen, sondern daß sie dem Kon- 
flikt zwischen Ich und Sexualität ihren Ursprung danken. Sie hat auch 
gar kein denkbares Motiv, Existenz oder Bedeutung der Ichtriebe zu 
bestreiten, während sie die Rolle der sexuellen Triebe in der Krank- 
heit und im Leben verfolgt. Nur daß es ihr Schicksal geworden ist, 
sich in erster Linie mit den Sexualtrieben zu beschäftigen, weil diese 
durch die Überlragungsneurosen der Einsicht am ehesten zugänglich 
geworden sind, und weil es ihr obgelegen hat, das zu studieren, was 
andere vernachlässigt hatten. 

Es trifft auch nicht zu, daß sich die Psychoanalyse um den nicht 
sexuellen Anteil der Persönlichkeit gar nicht gekümmert hat. Gerade 
die Sonderung von Ich und Sexualität hat uns mit besonderer Klar- 
heit erkennen lassen, daß auch die Ichtriebe eine bedeutsame Ent- 
wicklung durchmachen, eine Entwicklung, die weder ganz unab- 
hängig von der Libido, noch ohne Gegenwirkung auf diese ist. Wir 
kennen allerdings die Ichentwicklung sehr viel schlechter als die 
der Libido, weil nämUch erst das Studium der narzißtischen Neu- 
rosen eine Einsicht in den Aufbau des Ichs verspricht. Doch liegt 
bereits ein beachtenswerter Versuch von Ferenczi vor, die Ent- 
wicklungsstufen des Ichs theoretisch zu konstmiereo, und an wenig- 
stens zwei Stellen haben wir feste Anhaltspunkte für die Beurteilung 
dieser Entwicklung gewonnen. Wir denken ja nicht daran, daß sich 
die libidinösen Interessen einer Person von vornherein im Gegen- 
satz zu ihren Selbsterhaltungsinteressen befinden; vielmehr wird das 
Ich auf jeder Stufe bestrebt sein, mit seiner derzeitigen Sexualorga- 
nisation im Eanklang zu bleiben und sie sich einzuordnen. Die Ab- 



I 
I 



XXII. Gesichtspunkte der Entwichhmg und Regression. Ätiologie 565 

lösung der einzelnen Phasen in der Libidoentwicklung folgt wahr- 
scheinlich einem vorgeschriebenen Programm; es ist aber nicht ab- 
zuweisen daß dieser Ablauf von Seiten des Ichs beeinflußt werden 
kann und ein gewisser Parallelismus, eine bestimmte Entsprechung 
der Entwicklungsphasen von Ich und Libido dürfte gleichfalls vor- 
gesehen sein; ja, die Störung dieser Entsprechung könnte ein patho- 
genes Moment ergeben. Ein für uns wichtiger Gesichtspunkt ist es 
nun wie sich das Ich verhält, wenn seine Libido an einer Stelle 
ihrer Entwicklung eine starke Fixierung hinterläßt. Es kann dieselbe 
zulassen und wird dann in dem entsprechenden Maß pervers oder, 
was dasselbe ist, infantil. Es kann sich aber auch ablehnend gegen 
diese Festsetzung der Libido verhalten, und dann hat das Ich dort 
eine Verdrängung, wo die Libido eine Fixierung erfah- 
ren hat. '• ■ ■■ 
: Auf diesem Wege gelangen wir zur Kenntnis, daß der dritte Fak- 
tor der Neurosenätiologie, die Konfliktneigung, von der Ent- 
wicklung des Ichs ebensosehr abhängt wie von der der Libido. 
Unsere Einsicht in die Verursachung der Neurosen hat sich also ver- 
vollständigt. Zuerst als allgemeinste Bedingung die Versagung, dann 
die Fixierung der Libido, welche sie in bestimmte Richtungen drängt, 
und zu dritt die Konfliktneigung aus der Ichentwicklung, die solche 
Libidoregungen abgelehnt hat. Der Sachverhalt ist also nicht so sehr 
verworren und schwer zu durchschauen, wie es Ihnen wahrschein- 
lich während des Fortschrittes meiner Ausführungen erschienen ist. 
Aber freilich, wir werden finden, daß wir noch nicht fertig sind. 
Wir müssen noch etwas Neues hinzufügen und etwas bereits Be- 
kanntes weiter zerlegen. 

Um Ihnen den Einfluß der Ichentwicklung auf die Konfliktbil- 
dung und somit auf die Verursachung der Neurosen zu demonstrie- 
ren, möchte ich Ihnen ein Beispiel vorführen, das zwar durchaus 
ierfunden ist, aber sich ia keinem Punkte von der Wahrscheinlich- 
keit entfernt. Ich will es in Anlehnung an den Titel einer Nestroy- 
schen Posse mit der Charakteristik „Zu ebener Erde und im ersten 



566 Vorlesungen zur Einpihrun^ in die Psy-chorw/ilyse 



Stock versehen. Zu ebener Erde wohnt der Hausbesorgerj im ersten 
Stock der Hausherr, ein reicher und vornehmer Mann. Beide haben 
Kinder, und wir wollen annehmeUj daß es dem Töchterclien des 
Hausherrn gestattet ist, unbeaufsichtigt m.it dem Proletarierkind zu 
spielen. Dann kann es sehr leicht geschehen, daß die Spiele der Kin- 
der einen ungezogenen, das heißt sexuellen Charakter annehmen, 
daß sie „Vater und Mutter" spielen, einander bei den intimen Ver- 
richtungen beschauen und an den Genitalien reizen. Das Hausmei- 
stermädchen, das trotz seiner fünf oder sechs Jahre manches von der 
Sexualität der Erwachsenen beobachten konnte, mag dabei die Rolle 
der Verführerin übernehmen. Diese Erlebnisse reichen hin, auch 
wenn sie sich nicht über lange Zeit fortsetzen, um bei beiden Kin- 
dern gewisse sexuelle Regungen zu aktivieren, die sich nach dem 
Aufhören der gemeinsamen Spiele einige Jahre hindurch als Mastur- 
bation äußern. Soweit die Gemeinsamkeit; der endliche Erfolg wird 
bei beiden Kindern sehr verschieden sein. Die Tochter des Hausbe- 
sorgers wird die Masturbation etwa bis zum Auftreten der Periode 
fortsetzen, sie dann ohne Schwierigkeit aufgeben, wenige Jahre spä- 
ter einen Geliebten nehmen, vielleicht auch ein Kind bekommen, 
diesen oder jenen Lebensweg einschlagen, der sie vielleicht zur popu- 
lären Künstlerin führt, die als Aristokratin endigt. Wahrscheinlich 
wird ihr Schicksal minder glänzend ausfallen, aber jedenfalls wird 
sie ungeschädigt durch die vorzeitige Betätigung ihrer Sexualität, 
frei von Neurose, ihr Leben erfüllen. Anders das Töchterchen des 
Hausherrn. Dies wird frühzeitig und noch als Kind die Ahnung be- 
kommen, daß es etwas Unrechtes getan habe, wird nach kürzerer 
Zeit, aber vielleicht erst nach hartem Kampf, auf die m astur batorische 
Befriedigung verzichten und trotzdem etwas Gedrücktes in seinem 
Wesen behalten. Wenn sie in den Jungmädchenjahren in die Lage 
kommt, etwas vom menschlichen Sexual verkehr zu erfahren, wird 
sie sich mit unerklärtem Abscheu davon abwenden und unwissend 
bleiben wollen. Wahrscheinhch unterliegt sie jetzt auch einem von 
neuem auftretenden unbezwingbaren Drang zur Masturbation, über 



XXII. Gesicht spiinkre der Entwichlung und Repression. A/iologie 567 

den sich zu beklagen sie nicht wagt. In den Jahren, da sie einem 
Manne als Weib gefallen soll, wird die Neurose bei ihr losbrechen, 
die sie um Ehe und Lebenshoffnung betrügt. Gelingt es nun durch 
Analyse Einsicht in diese Neurose zu gewinnen, so zeigt sich, daß 
dies wohlerzogene, intelligente und hochstrebende Mädchen seine 
Sexualregungen vollkommen verdrängt hat, daß diese aber, ihr un- 
bewußt, an den armseligen Erlebnissen mit ihrer Kiuderfreundin 
haften. 

Die Verschiedenheit der beiden Schicksale trotz gleichen Erlebens 
rührt daher, daß das Ich der einen eine Entwicklung erfahren hat, 
welche bei der anderen nicht eingetreten ist. Der Tochter des Haus- 
besorgers ist die Sexualbetätigung später ebenso natürlich und unbe- 
denklich erschienen wie in der Kindheit. Die Tochter des Hausherrn 
hat die Einwirkung der Erziehung erfahren und deren Ansprüche 
angenommen. Ihr Ich hat aus den ihm dargeboteneu Anregungen 
Ideale von weiblicher Reinheit und Unbedürftigkeit gebildet, mit 
denen sich die sexuelle Betätigung nicht vertragt; ihre intellektuelle 
Ausbildung hat ihr Interesse für die weibliche Rolle, zu der sie be-^ 
stimmt ist, erniedrigt. Durch diese höhere moralische und intellek- 
tuelle Entwicklung ihres Ich ist sie in den Konflikt mit den An- 
sprüchen ihrer Sexualität geraten. 

Ich will heute noch bei einem zweiten Punkt in der Ichentwick- 
lung verweilen, sowohl wegen gewisser weitschauender Ausblicke, 
als auch darum, weil gerade das Folgende geeignet ist, die von uns 
beliebte, scharfe und nicht selbstverständliche Sonderung der Ich- 
triebe von den Sexualtrieben zu rechtfertigen. In der Beurteilung 
der beiden Entwicklungen, des Ichs wie der Libido, müssen wir einen 
Gesichtspunkt voranstellen, der bisher noch nicht oft gewürdigt 
worden ist. Beide sind ja im Grunde Erbschaften, abgekürzte Wie- 
derholungen der Entwicklung, welche die ganze Menschheit von 
ihren Urzeiten an durch sehr lange Zeiträume zurückgelegt hat. 
Der Libidoentwicklung, möchte ich meinen, sieht man diese phylo- 
genetische Herkunft ohne weiteres an. Denken Sie daran, wie 



568 Vorlesungen zur Einp'ilirun^ in die Psychonnalyse 

bei der einen Tierklasse der Genitalapparat in die innigste Bezie- 
hung zum Mund gebracht ist, bei der anderen sich vom Exkretions- 
apparat nicht sondern läßt, bei noch anderen an die Bewegungs- 
organe geknüpft ist, Dinge, die Sie in dem wertvollen Buch von 
W. Bölsche anziehend geschildert finden. Man sieht bei den Tieren 
sozusagen alle Arten von Perversion zur Sexualorganisation erstarrt. 
Nur wird der phylogenetische Gesichtspunkt beim Menschen zum 
Teil durch den Umstand verschleiert, daß das, was im Grunde ver- 
erbt ist, doch in der individuellen Entwicklung neu erworben wird, 
wahrscheinlich darum, weil dieselben Verhältnisse noch fortbestehen 
und auf jeden einzelnen wirken, die seinerzeit zur Erwerbung genö- 
tigt haben. Ich möchte sagen, sie haben seinerzeit schaffend gewirkt, 
sie wirken jetzt hervorrufend. Außerdem ist es unzweifelhaft, daß 
der Lauf der vorgezeichneten Entwicklung bei jedem einzelnen durch 
rezente Einflüsse von außen gestört und abgeändert werden kann. 
Die Macht aber, welche der Menschheit eine solche Entwicklung 
aufgenötigt hat und ihren Druck nach der gleichen Richtung heute 
ebenso aufrechthält, kennen wir; es ist wiederum die Versagung der 
Realität, oder wenn wir ihr ihren richtigen großen Namen geben, 
die Not des Lebens: die ^Avdyxr}. Sie ist eine strenge Erzieherin ge- 
wesen und hat viel aus uns gemacht. Die Neurotiker gehören zu 
den Kindern, bei welchen diese Strenge üble Erfolge gebracht hat, 
aber das ist bei jeder Erziehung zu riskieren. — Diese Würdigung 
der Lebensnot als des Motors der Entwicklung braucht uns übrigens 
nicht gegen die Bedeutung von „inneren Entwicklungstendenzen 
einzunehmen, wenn sich solche beweisen lassen. 

Nun ist es sehr beachtenswert, daß Sexualtriebe und Selbsterhal- 
tungstriebe sich nicht in gleicher Weise gegen die reale Not beneh- 
men. Die Selbsterhaltungstriebe und alles, was mit ihnen zusammen- 
hängt, sind leichter zu erziehen; sie lernen es frühzeitig, sich der 
Not zu fügen und ihre Entwicklungen nach den Weisungen der Rea- 
lität einzurichten. Das ist begreiflich, denn sie können sich die Ob- 
jekte, deren sie bedürfen, auf keine andere Art verschaffen^ ohne diese 



XXII. Gesichtspunkte der Entwicklung und Regression. Ätiologie 569 

Objekte muß das ludividuum zugrunde gehen. Die Sexualtriebe 
sind schwerer erziehbar, denn sie kennen zu Anfang die Objektnot 
nicht. Da sie sich gleichsam schmarotzend an die anderen Körper- 
funktionen anlehnen und am eigenen Körper autoerotisch, befriedi- 
gen, sind sie dem erziehlichen Einfluß der realen Not zunächst ent- 
zogen, und sie behaupten diesen Charakter der Eigenvvdlligkeit, Un- 
beeinflußbarkeit, das, was wir „Unverständigkeit" nennen, bei den 
meisten Menschen in irgend einer Hinsicht durchs ganze Leben. 
Auch hat die Erziehbarkeit einer jugendlichen Person in der Regel 
ein Ende, wenn ihre Sexualbedürfnisse in endgültiger Stärke erwachen. 
Das wissen die Erzieher und handeln danach; aber vielleicht lassen 
sie sich durch die Ergebnisse der Psychoanalyse noch dazu bewegen, 
den Hauptnachdruck der Erziehung auf die ersten Kinderjahre, vom 
Säuglingsalter an, zu verlegen. Der kleine ISIensch ist oft mit dem 
vierten oder fünften Jahr schon fertig und bringt später nur allmäh- 
lich zum Vorschein, was bereits in ihm steckt. 

Um die volle Bedeutung des angezeigten Unterschiedes zwischen 
beiden Triebgruppen zu würdigen, müssen wir weit ausholen und 
eine jener Betrachtungen einführen, die ökonomische genannt zu 
werden verdienen. Wir begeben uns damit auf eines der wichtigsten, 
aber leider auch dunkelsten Gebiete der Psychoanalyse. Wir stellen 
uns die Frage, ob an der Arbeit unseres seelischen Apparates eine 
Hauptabsicht zu erkennen sei, und beantworten sie in erster An- 
näherung, daß diese Absicht auf Lustgewinnung gerichtet ist. Es 
scheint, daß unsere gesamte Seelentätigkeit darauf gerichtet ist, Lust 
zu erwerben iund Unlust zu vermeiden, daß sie automatisch durch 
das Lustprinzip reguliert wird. Nun wüßten wir um alles in der 
Welt gerne, welches die Bedingungen der Entstehung von Lust und 
Unlust sind, aber daran fehlt es uns eben. Nur soviel darf man sich 
getrauen zu behaupten, daß die Lust irgendwie an die Verringe- 
rung, Herabsetzung oder das Erlöschen der im Seelenapparat wal- 
tenden Reizmenge gebunden ist, die Unlust aber an eine Erhöhung 
derselben. Die Untersuchung der intensivsten Lust, welche dem Men- 

Freud, VU. ,. 



570 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

sehen zugänglich ist, der Lust bei der Vollziehung des Sexualaktes, 
läßt über diesen einen Punkt wenig Zweifel. Da es sich hei solchen 
Lustvorgängen um die Schicksale von Quantitäten seelischer Erregung 
oder Energie handelt, bezeichnen wir Betrachtungen dieser Art als 
ökonomische. Wir jmerken, daß wir die Aufgabe und Leistung des 
Seelenapparates auch anders und allgemeiner beschreiben können 
als durch die Betonung des Lustgewinnes. Wir können sagen, der 
seelische Apparat diene der Absicht, die von außen und von innen 
an ihn herantretenden Reizmengen, Erregungsgrößen^ zu bewältigen 
und zu erledigen. Von den Sexualtrieben ist es ohne weiteres evident, 
daß sie zu Anfang wie zu Ende ihrer Entwicklung auf Lustgewinn 
arbeiten^ sie behalten diese ursprüngliche Funktion ohne Abänderung 
bei. Das nämliche streben auch die anderen, die Ichtriebe, anlänglich 
an. Aber 'unter dem Einfluß der Lehrmeisterin Not lernen die Ich- 
triebe bald, das Lustprinzip durch eine Modifikation zu ersetzen. Die 
Aufgabe, Unlust zu verhüten, stellt sich für sie fast gleichwertig neben 
die des Lustgewinns; das Ich erfährt, daß es unvermeidlich ist, auf 
unmittelbare Befriedigung zu verzichten, den Lustgewinn aufzuschie- 
ben, ein Stück Unlust zu ertragen und bestimmte Lustquellen über- 
haupt aufzugeben. Das so erzogene Ich ist „verständig" geworden, 
es läßt sich nicht mehr vom Lustprinzip beherrschen, sondern folgt 
dem Realitätsprinzip, das im Grunde auch Lust erzielen will, 
aber durch die Rücksicht auf die Realität gesicherte, wenn auch auf- 
geschobene und verringerte Lust, 

Der Übergang vom Lust- zum^ Realitätsprinzip ist einer der wich- 
tigsten Fortschritte in der Entwicklung des Ichs, Wir wissen schon, 
daß die Sexualtriebe dieses Stück der Ichentwicklung spät und nur 
widerstrebend mitmachen, und werden später hören, welche Folgen 
es für den Menschen hat, daß seine Sexualität sich mit einem so 
lockeren Verhältnis zur äußeren Realität begnügt. Und nun zum 
Schlüsse noch eine hierher gehörige Bemerkung. Wenn das Ich des 
Menschen seine Entwicklungsgeschichte hat wie die Libido, so werden 
Sie nicht überrascht sein zu hören, daß es auch „Ichregressionen" 



XXII. Gesichtspunkte der Entwicklung und Regression. Ätiologie 571 



gibtj und werden auch wissen wollen, welche Rolle diese Rückkehr 
des Ichs zu früheren Entwicklungsphasen bei den neurotischen Er- 
krankungen spielen kann. 



XXIU. VORLESUNG 

DIE WEGE DER SYMPTOMBILDUNG 

Meine Damen und Herren! Für den Laien sind es die Symptome, 
die das Wesen der Krankheit bilden, und Heilung ist ihm die Auf- 
hebung der Symptome. Der Arzt legt Wert darauf, die Symptome 
von der Krankheit zu unterscheiden, und sagt, daß die Beseitigung 
der Symptome noch nicht die Heilung der Krankheit ist. Aber was 
nach Beseitigung der Symptome Greifbares von der Krankheit übrig- 
bleibt, ist nur die Fähigkeit, neue Symptome zu bilden. Darum wollen 
wir uns für jetzt auf den Standpunkt des Laien stellen und die Er- 
gründung der Symptome für gleichbedeutend mit dem Verständnis 
der Krankheit halten. 

Die Symptome — wir handeln hier natürlich von psychischen (oder 
psychogenen) Symptomen und psychischem Kranksein — sind für 
das Gesamtleben schädliche oder wenigstens nutzlose Akte, häufig von 
der Person als widerwillig beklagt und mit Unlust oder Leiden für 
sie verbunden. Ihr Hauptschaden liegt in dem seelischen Aufwand, den 
sie selbst kosten, und in dem weiteren, der durch ihre Bekämpfung not- 
wendig wird. Diese beiden Kosten können bei ausgiebiger Symptombil- 
düng eine außerordentliche Verarmung der Person an verfügbarer see- 
lischer Energie und somit eine Lähmung derselben für alle wichtigen 
Lebensaufgaben zur Folge haben. Da es für diesen Erfolg hauptsächlich 
auf die Quantität der so in Anspruch genommenen Energie ankommt, 
so erkennen Sie leicht, daß „Kranksein" ein im Wesen praktischer Be- 



XXIII. Die Wege der Symptomhildung 375 

griff ist. Stellen Sie sich aber auf einen theoretischen Standpunkt und 
sehen von diesen Quantitäten ab, so können Sie leicht sagen, daß wir 
alle krank, d. i. neurotisch sind, denn die Bedingungen für die Symptom- 
bildung sind auch bei den Normalen nachzuweisen. 

Von den neurotischen Symptomen wissen wir bereits, daß sie der 
Erfolg eines Konflikts sind, der sich um eine neue Art der Libido- 
befriedigung erhebt. Die beiden Kräfte, die sich entzweit haben, treffen 
im Symptom wieder zusammen, versöhnen sich gleichsam durch das 
Kompromiß der Symptombildung. Darum ist das Symptom auch so 
widerstandsfähig; es wird von beiden Seiten her gehalten. Wir wissen 
auch, daß der eine der beiden Partner des Konflikts die unbefriedigte, 
von der Realität abgewiesene Libido ist, die nun andere Wege zu ihrer 
Befriedigung suchen muß. Bleibt die Realität unerbittlich, auch wenn 
die Libido bereit ist, ein anderes Objekt an Stelle des versagten an- 
zunehmen, so wird diese endlich genötigt sein, den Weg der Regression 
einzuschlagen und die Befriedigung in einer der bereits überwundenen 
Organisationen oder durch eines der früher aufgegebenen Objekte an- 
zustreben. Auf den Weg der Regression wird die Libido durch die 
Fixierung gelockt, die sie an diesen Stellen ihrer Entwicklung zurück- 
gelassen hat. 

Nun scheidet sich dej- Weg zur Perversion scharf von dem dei- 
Neurose. Erwecken diese Regressionen nicht den Widerspruch des 
Ichs, so kommt es auch nicht zur Neurose, und die Libido gelangt 
zu irgendeiner realen, wenn auch nicht mehr normalen Befriedigung. 
Wenn aber das Ich, das nicht nur über das Bewußtsein, sondern auch 
über die Zugänge zur motorischen Innervation und somit zut- Reali- 
sierung der seelischen Strebungeri vei-fügt, mit diesen Regressionen 
nicht einverstanden ist, dann ist der Konflikt gegeben. Die Libido ist 
wie abgeschnitten und muß versuchen irgendw^ohjn auszuw^eichen, 
wo sie nach der Forderung des Lustprinzips einen Abfluß für ihre 
Energiebesetzung findet. Sie muß sich dem Ich entziehen. Ein solches 
Ausweichen gestatten ihr aber die Fixierungen auf ihrem jetzt re- 
gressiv beschrittenen Entwicklungsweg, gegen welche sich das Ich 



574 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



seinerzeit durch Verdrängungen geschützt hatte. Indem die Libido 
rückströmend diese verdrängten Positionen besetzt, hat sie sich dem 
Ich und seinen Gesetzen entzogen, dabei aber auch auf alle unter 
dem Einfluß dieses Ichs erworbene Erziehung verzichtet. Sie war 
lenksam, solange ihr Befriedigung winktej unter dem doppelten Druck 
der äußern und der innern Versagung wird sie imbotmäßig und be- 
sinnt sich früherer besserer Zeiten. Das ist so ihr im Grund unver- 
änderlicher Charakter. Die Vorstellungen, denen jetzt die Tibido ihre 
Energie als Besetzung überträgt, gehören dem System des Unbewuß- 
ten an und unterliegen den Vorgängen, die daselbst möglich sind, 
insbesondere der Verdichtung und Verschiebung. Hiermit sind nun 
Verhältnisse hergestellt, die vollkommen denen bei der Traumbildung 
gleichen. Wie dem im Unbewußten fertig gewordenen eigenthchen 
Traum, der die Erfüllung einer tmbewußten Wunschphantasie ist, 
ein Stück {vor)bewußter Tätigkeit entgegenkommt, welches die Zen- 
surtätigkeit ausübt und nach deren Abfindung die Bildung eines 
manifesten Traumes als Kompromiß gestattet, so hat auch noch die 
Libidovertretung im Unbewußten mit der Macht des vorbewußten 
Ichs zu rechnen. Der Widerspruch, der sich gegen sie im Ich er- 
hoben hatte, geht ihr als „Gegenbesetzung" nach und nötigt sie, 
jenen Ausdruck zu wählen, der gleichzeitig sein eigener Ausdruck 
werden kann. So entsteht denn das Symptom als vielfach entstellter 
Abkömmling der unbewußten hbidinösen Wunscherfüllung, eine 
kunstvoll ausgewählte Zweideutigkeit mit zwei einander voll wider- 
sprechenden Bedeutungen. Allein in diesem letzteren Punkte ist ein 
Unterschied zwischen der Traum- und der Symptombildung zu er- 
kennen, denn die vorbewußte Absiebt bei der Traumbildung geht 
nur dahin, den Schlaf zu erhalten, nichts, was ihn stören würde, zum 
Bewußtsein dringen zu lassen; sie besteht aber nicht darauf, der un- 
bewußten Wunschregung ein scharfes: Nein, im Gegenteile! eut- 
gegenzurufen. Sie darf toleranter sein, weil die Situation des Schla- 
fenden eine minder gefährdete ist. Der Ausweg in die Realität ist 
durch den Schlafzustand allein gesperrt. 



XXIII. Die Wege der Symptomhildtmg 575 

Sie seheuj das Ausweichen der Libido unter den Bedingungen des 
Konflikts ist durch das Vorhandensein von Fixierungen. ermöglicht. 
Die regressive Besetzung dieser Fixierungen führt zur Umgehung 
der Verdrängung und zu einer Abfuhr — oder Befriedigung — der 
Libido bei welcher die Bedingungen des Konnpromisses eingehalten 
werden müssen. Auf dem Um-wege über das Unbewußte und die 
alten Fixierungen ist es der Libido endlich gelungen, zu einer aller- 
dings außerordentlich eingeschränkten und kaum mehr kenntlichen 
realen Befriedigung durchzudringen. Lassen Sie mich zwei Bemer- 
kungen zu diesem Endausgang hinzufügen. Wollen Sie erstens be- 
achten, wie enge sich hier die Libido und das Unbewußte einerseits, 
das Ich, das Bewußtsein und die Realität anderseits verbunden er- 
weisen, obwohl sie von Anfang an keineswegs zusammengehören, 
und hören Sie ferner meine Mitteilung an, daß alles hier Gesagte 
und im weiteren Folgende sich nur auf die Symptombilduug bei der 
hysterischen Neurose bezieht. 

Wo findet nun die Libido die Fixierungen, deren sie zum Durch- 
bruch der Verdrängungen bedarf? In den Betätigungen und Erleb- 
nissen der infantil en Sexualität, in den verlassenen Partialbestrebungen 
und aufgegebenen Objekten der Kinderzeit. Zu ihnen kehrt die Libido 
also wieder zurück. Die Bedeutung dieser Kinderzeit ist eine zwei- 
fache; einerseits haben sich in ihr die Triebrichtungen zuerst gezeigt, 
die das Kind in seiner angeborenen Anlage mitbrachte, und zweitens 
sind durch äußere Einwirkungen, akzidentelle Erlebnisse, andere 
seiner Triebe zuerst geweckt, aktiviert worden. Ich glaube, es ist 
kein Zweifel daran, daß wir ein Recht haben, diese Zweiteilung auf- 
zustellen. DieÄußerung der angeborenen Anlage unterliegt jakeineni 
kritischen Bedenken, aber die analytische Erfahrung nötigt uns ge- 
radezu anzunehmen, daß rein zufällige Erlebnisse der Kindheit im- 
stande sind, Fixierungen der Libido zu hinterlassen. Ich sehe auch 
keine theoretische Schwierigkeit darin. Die konstitutionellen Anlagen 
sind sicherlich auch die Nachwirkungen der Erlebnisse früherer Vor- 
fahren, auch sie sind einmal erworben worden; ohne solche Erwer- 



576 Vorlesungen zur Einführujig in die Psychoanalyse 

bung gäbe es keine Heredität. Und ist es denkbar, daß solche zur 
Vererbung führende Erwerbung gerade bei der von uns betrachteten 
Generation ein Ende nimmt? Die Bedeutung der infantilen Erleb- 
nisse sollte aber nicht, wie es mit Vorliebe geschielit, gegen die der 
Erlebnisse der Vorfahren und der eigenen Reife völlig vernachlässigt 
werden, sondern im Gegenteile eine besondere Würdigung finden. 
Sie sind um so folgenschwerer, weil sie in die Zeiten der unvollen- 
deten Entwicklung fallen, und gerade durch diesen Umstand geeignet, 
traumatisch zu wirken. Die Arbeiten über Entwicklungsmechanik 
von Roux und anderen haben uns gezeigt, daß ein Nadelstich in die 
in Zellteilung begriffene Keimanlage eine schwere Entwicklungs- 
störung zur Folge hat. Dieselbe Verletzung, der Larve oder dem fer- 
tigen Tier zugefügt, würde schadlos vertragen werden. 

Die Libidofixierung des Erwachsenen, die wir als Repräsentanten 
des konstitutionellen Faktors in die ätiologische Gleichung der Neu- 
rosen eingeführt haben, zerlegt sich also jetzt für uns in zwei weitere 
Momente, in die ererbte Anlage und in die in der frühen Kindheit 
erworbene Disposition. W^ir wissen, daß ein Schema der Sympathie 
des Lernenden sicher ist. Fassen wir also diese Verhältnisse in einem 
Schema zusammen: 

Verursachung Disposition durch , Akzidentelles Erleben 

der Neurose "~ Libidofixierung ^ (traumatisches) 



Sexuelle Konstitution Infantiles Erleben 

(Prähistorisches Erleben) 

Die hereditäre Sexualkonstitution bietet uns eine große Mannigfaltig- 
keit von Anlagen, je nachdem dieser oder jener Partialtrieb für sich 
allein oder im Verein mit anderen in besonderer Stärke angelegt ist. 
Mit dem Faktor des infantilen Erlebens bildet die Sexualkonstitution 
wiederum eine „Ergänzungsreihe", ganz ähnhch der uns zuerst be- 
kannt gewordenen zwischen Disposition und akzidentellem Erleben 
des Erwachsenen. Hier wie dort finden sich dieselben extremen Fälle 
und die nämlichen Beziehungen der Vertretung. Es liegt nahe, hier j 



% 



XXJIJ. Die Wege der SympZomhildung 377 

die Frage aufzuwerfen, ob die auffälligste der Libidoregressionen, die 
auf frühere Stufen der Sexualorgauisation, nicht überwiegend durch 
das hereditär konstitutionelle Moment bedingt wird; aber die Beant- 
wortung der Frage wird am besten aufgeschoben, bis man ein e größere 
Reihe der neurotischen Erkrankuiigsformen in Betracht ziehen kann. 

Verweilen wir nun bei der Tatsache, daß die analytische Unter- 
suchung die Libido der Neurotiker an ihre infantilen Sexualerlebnisse 
gebunden zeigt. Sie verleiht diesen so den Schein einer enormen Be- 
deutsamkeit für das Leben und die Erkrankung des Menschen. Solche 
Bedeutung verbleibt ihnen ungeschmälert, insoweit die therapeutische 
Arbeit in Betracht kommt. Sehen wir aber von dieser Aufgabe ab, 
so erkennen wir doch leicht, daß hier die Gefahr eines Mißverständ- 
nisses vorliegt, das uns verleiten könnte, das Leben allzu einseitig 
nach der neurotischen Situation zu orientieren. Man muß doch von 
der Bedeutung der Infantilerlebnisse in Abzug bringen, daß die Libido 
regressiv zu ihnen zurückgekehrt ist, nachdem sie aus ihren späteren 
Positionen vertrieben wurde. Dann liegt aber der Schluß nach der 
Gegenseite sehr nahe, daß die Libidoerlebnisse zu ihrer Zeit gar 
keine Bedeutung gehabt, sondern sie erst regressiv erworben haben. 
Erinnern Sie sich, daß wir zu einer solchen Alternative bereits bei 
der Erörterung des Ödipuskomplexes Stellung genommen haben. 

Die Entscheidung wird uns auch diesmal nicht schwer werden. 
Die Bemerkung, daß die Libidobesetzung — und also die pathogene 
Bedeutung — der Infantilerlebnisse in großem Maße durch die Libido- 
regression verstärkt worden ist, hat unzweifelhaft recht, aber sie würde 
zum Irrtum führen, wenn man sie einzig maßgebend werden ließe. 
Man muß noch andere Erwägungen gelten lassen. Fürs erste zeigt 
die Beobachtung in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise, daß 
die infantilen Erlebnisse ihre eigene Bedeutung haben und sie auch 
hereits in den Kinderjahren beweisen. Es gibt ja auch Kinderneu- 
rosen, bei denen das Moment der zeitlichen Zurückscliiebtmg not- 
w'endigerweise sehr herabgesetzt wird oder ganz entfällt, indeni die 
Erkrankung als unmittelbare Folge an die traumatischen Erlebnisse 



37^ Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



anschließt. Das Studixim dieser infantilen Neurosen schützt gegen 
manch ein gefährliches Mißverständnis der Neurosen Erwachsener 
ähnlich wie uns die Träume der Kinder den Schlüssel zum Verständ- 
nis der Träume von Erwachsenen gegeben haben. Die Neurosen der 
Kinder sind nun sehr häufig, viel häufiger, als man glaubt. Sie werden 
oft übersehen, als Zeichen von Schlimmheit oder Unartigkeit beur- 
teilt, oft auch durch die Autoritäten der Kinderstube niedergehalten, 
aber sie lassen sich in der Rückschau von später her immer leicht er- 
kennen. Sie treten zumeist in der Form einer Angsthysterie auf. 
Was das heißt, werden wir noch bei einer anderen Gelegenheit er- 
fahren. Wenn iu späteren Lebenszeiten eine Neurose ausbricht, so 
enthüllt sie sich durch die Analyse regelmäßig als die direkte Fort- 
setzung jener vielleicht nur schleierhaften, nur andeutungsweise aus- 
gebildeten infantilen Erkrankung. Es gibt aber, wie gesagt, Fälle, in 
denen sich diese kindliche Nervosität ohne jede Unterbrechung in 
lebenslanges Kranksein fortsetzt. Einige wenige Beispiele von Kinder- 
neurosen haben wir noch am Kind selbst — im Zustande der Aktuali- 
tät — analysieren können; weit häufiger mußte es uns genügen, daß 
uns der im reifen Leben Erkrankte eine nachträgliche Einsicht in 
seine Kinderneurose gestattete, wobei wir dann gewisse Korrekturen 
und Vorsichten nicht vernachlässigen durften. 

An zweiter Stelle muß man doch sagen, daß es unbegreiflich wäre, 
daß die Libido so regelmäßig auf Zeiten der Kindheit regrediert, 
wenn dort nichts wäre, was eine Anziehung auf sie ausüben könnte. 
Die Fixierung, die wir an den einzelnen Stellen des Entwicklungs- 
weges annehmen, hat nur dann einen Gehalt, wenn wir sie in der 
Festlegung eines bestimmten Betrages von libidinöser Energie be- 
stehen lassen. Endhch kann ich Sie daran mahnen, daß hier zwischen 
der Intensität und pathogenen Bedeutung der infantilen und der 
späteren Erlebnisse ein ähnliches Ergänzungsverhältnis besteht wie 
in den früher von uns studierten Reihen. Es gibt Fälle, in denen das 
ganze Schwergewicht der Verursachung auf die Sexualerlebnisse der 
Kindheit fällt, in denen diese Eindrücke eine sicher traumatische 



XXIII. Die Wege der Symptombildung 579 

Wirkung äußern und keiner anderen Unterstützung dabei bedürfen, 
als ihnen die durchschnittliche Sexuallconstitution und deren Unfer- 
tigkeit bieten kann. Daneben andere, bei welchen aller Akzent auf 
den späteren Konflikten liegt und die analytische Betonung der Kin- 
dereindrücke durchaus als das Werk der Regression erscheint; also 
Extreme der „Entwicklungshemmung" und der „Regression" und 
zwischen ihnen jedes Ausmaß von Zusammenwirken der beiden Mo- 
mente. 

Diese Verhältnisse haben ein gewisses Interesse für die Pädagogik, 
die sich eine Verhütung der Neurosen durch frühzeitiges Eingreifen 
in die Sexualentwicklung des Kindes zum Vorsatz nimmt. Solange 
man seine Aufmerksamkeit vorwiegend auf die infantilen Sexualer- 
lebnisse gerichtet hält, muß man meinen, man habe alles für die 
Prophylaxe nervöser Erkrankungen getan, wenn man dafür sorgt, 
daß diese Entwicklung verzögert werde, und daß dem Kinde derartige 
Erlebnisse erspart bleiben. Allein vAr wissen schon, daß die Bedin- 
gungen der Verursachung für die Neurosen komplizierte sind und 
durch die Berücksichtigung eines einzigen Faktors nicht allgemein 
beeinflußt werden können. Die strenge Behütung der Kindheit ver- 
liert an Wert, weil sie gegen den konstitutionellen Faktor ohnmächtig 
ist; sie ist ^überdies schwerer durchzuführen, als die Erzieher sich 
vorstellen, und sie bringt zwei neue Gefahren mit sich, die nicht ge- 
ling zu schätzen sind: daß sie zu viel erreicht, nämlich ein für die 
Folge schädliches Übermaß von Sexualverdrängung begünstigt, und 
daß sie das Kind widerstandslos gegen den in der Pubertät zu er- 
wartenden Ansturm der Sexualforderungen ins Leben schickt. So 
bleibt es durchaus zweifelhaft, wie weit die Kindheitsprophylaxe mit 
Vorteil gehen kann, und ob nicht eine veränderte Einstellung zur 
Aktualität einen besseren Angriffspunkt zur Verhütung der Neurosen 
verspricht. 

Kehren wir nun zu den Symptomen zurück. Sie schaffen also Er- 
satz für die versagte Befriedigung durch eine Regression der Libido 
auf frühere Zeiten, womit die Rückkehr zu früheren Entwickln ugs- 



3^0 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



stufen der Objektwahl oder der Organisation untrennbar verbunden 
ist. Wir haben frühzeitig gehört, daß der Neurotiker irgendwo in 
seiner Vergangenheit festhaftet; wir wissen jetzt, daß es eine Periode 
seiner Vergangenheit ist, in welcher seine Libido die Befriedigung 
nicht vermißtej in der er glücklich war. Er sucht so lange in seiner 
Lebensgeschichte, bis er eine solche Zeit gefunden hat, und müßte 
er auch bis in seine Säuglingszeit zurückgehen, wie er sie erinnert 
oder sich nach späteren Anregungen vorstellt. Das Symptom wieder- 
holt irgendwie jene frühinfantile Art der Befriedigung, entstellt durch 
die aus dem Konflikt hervorgehende Zensur, in der Regel zur Emp- 
findung des Leidens gewendet und mit Elementen aus dem Anlaß 
der Erkrankung vermengt. Die Art der Befriedigung, welche das 
Symptom bringt, hat viel Befremdendes an sich. Wir sehen davon 
ab, daß sie für die Person unkenntlich ist, welche die angebliche Be- 
friedigung vielmehr als Leiden empfindet und beklagt. Diese Ver- 
wandlung gehört dem psychischen Konflikt an, unter dessen Druck 
sich das Symptom bilden mußte. Was dereinst dem Individuum eine 
Befriedigung war, muß eben heute seineu Widerstand oder seinen Ab- 
scheu erwecken. Wir kennen für solche Shanesänderung ein unschein- 
bares, aber lehrreiches Vorbild. Dasselbe Kind, das mit Gier die Müch 
aus der Mutterbrust gesogen hat, pflegt einige Jahre später einen 
starken Widerwillen gegen Milchgenuß zu äußern, dessen Überwin- 
dung der Erziehung Schwierigkeiten bereitet. Dieser Widerwille 
steigert sich bis zum Abscheu, wenn die Milch oder das mit ihr ver- 
setzte Getränk von einem Häutchen überzogen ist. Es ist vielleicht 
nicht abzuweisen, daß diese Haut die Erinnerung an die einst so 
heiß begehrte Mutterbrust heraufbeschwört. Dazwischen liegt aller- 
dings das traumatisch wirkende Erlebnis der Abgewöhnung. 

Es ist noch etwas anderes, was uns die Symptome merkwürdig und 
als Mittel der libidinösen Befriedigung unverständlich erscheinen 
läßt. Sie erinnern uns so gar nicht an all das, wovon wir normaler- 
weise eine Befriedigung zu erwarten pflegen. Sie sehen meist vom 
Objekt ab und geben damit die Beziehung zur äußeren Realität auf. 



XXIII. Die Wege der Symptombildung 381 



Wir verstehen dies als Folge der Abwendung vom, Realitäts- und der 
Rückkehr zum Lustprinzip. Es ist aber auch eine Rückkehr zu einer 
Art von erweitertem Autoerotismus, wie er dem Sexualtrieb die ersten 
Befi-iedigungen bot. Sie setzen an die Stelle einer Veränderung der 
Außenwelt eine Körperveränderung, also eine innere Aktion an die 
Stelle einer äußeren, eine Anpassung anstatt einer Handlung, was 
wiederum einer in phylogenetischer Hinsicht höchst bedeutsamen 
Reö-ression entspricht. Wir werden das erst im Zusammenhange mit 
eiuer Neuheit verstehen, die wir noch aus den analytischen Unter- 
suchungen über die Symptombilduug zu erfahren haben. Ferner er- 
innern wir uns, daß bei der Symptombildung die nämlichen Prozesse 
des Unbewußten wie bei der Traumbildung mitgewirkt haben, die 
\'^erdichtung und Verschiebung. Das Symptom stellt wie der Traum 
etwas als erfüllt dar, eine Befriedigung nach Art der infantilen, aber 
durch äußerste Verdichtung kann diese Befriedigung in eine einzige 
Sensation oder Innervation gedrängt, durch extreme Verschiebung- 
auf eine kleine Einzelheit des ganzen libidinösen Komplexes einge- 
schränkt sein. Es ist kein Wunder, wenn auch wir häufig Schwierig- 
keiten haben, in dem Symptom die vermutete und jedesmal bestä- 
tigte libidinöse Befriedigung zu erkennen. 

Ich habe Ihnen angekündigt, daß wir noch etwas Neues zu erfah- 
ren haben; es ist wirklich etwas Überraschendes und Verwirrendes. 
Sie wissen, durch die Analyse von den Symptomen aus kommen wir 
zur Kenntnis der infantilen Erlebnisse, an welche die Libido fixiert 
ist, und aus denen die Symptome gemacht werden. Nun, die Über- 
raschung liegt darin, daß diese Infantilszenen nicht immer wahi' 
sind. Ja, sie sind in der Mehrzahl der Fälle nicht wahr, und in ein- 
zelnen Fällen im direkten Gegensatz zur historischen Wahrheit. Sie 
sehen ein, daß dieser Fund wie kein anderer dazu geeignet ist, ent- 
weder die Analyse zu diskreditieren, die zu solchem Ergebnis geführt 
hat, oder die Kranken, auf deren Aussagen die Analyse wie das ganze 
Verständnis der Neurosen aufgebaut ist. Außerdem ist aber noch 
etwas ungemein Verwirrendes dabei. Wenn die durch die Analyse 



583 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



zutage geförderten infantilen Erlebnisse jedesmal real wären, hätten 
wir das Gefühl, uns auf sicherem Boden zu bewegen; wenn sie regel- 
mäßig gefälscht wären, sich als Erfindungen, als Phantasien der 
Kranken enthüllten^ müßten wir diesen schwankenden Boden ver- 
lassen und uns auf einen anderen retten. Aber es ist weder so noch 
so, sondern der Sachverhalt ist nachweisbar der, daß die in der Ana- 
lyse konstruierten oder erinnerten Kindererlebnisse einmal unstreitig 
falsch sind, das andere Mal aber ebenso sicher richtig und in den 
meisten Fällen aus Wahrem und Falschem gemengt. Die Symptome 
sind also dann bald die Darstellung von Erlebnissen, die wirklich 
stattgefunden haben, und denen man einen Einfluß auf die Fixierung 
der Libido zuschreiben darf, und bald die Darstellung von Phanta- 
sien des Kranken, die sich zu einer ätiologischen Rolle natürlich gar 
nicht eignen. Es ist schwer, sich darin zurechtzufinden. Einen ersten 
Anhalt finden wir vielleicht an einer ähnlichen Entdeckung, daß 
nämlich die vereinzelten Kindheitserinnerungen, welche die Men- 
schen von ieher und vor jeder Analyse bewußt in sich getragen 
haben, gleichfalls gefälscht sein können oder wenigstens reichlich 
Wahres mit Falschem vermengen. Der Nachweis der Unrichtigkeit 
macht hier selten Schwierigkeiten, und so haben wir wenigstens die 
eine Beruhigung, daß an dieser unerwarteten Enttäuschung nicht 
die Analyse, sondern irgendwie die Kranken die Schuld tragen. 

Nach einiger Überlegung verstehen wir leicht, was uns an dieser 
Sachlage so verwirrt. Es ist die Geringschätzung der Realität, die 
Vernachlässigung des Unterschiedes zwischen ihr und der Phantasie. 
Wir sind in Versuchung beleidigt zu sein, daß uns der Kranke mit 
erfundenen Geschichten beschäftigt hat. Die Wirklichkeit erscheint 
uns als etwas von der Erfindung himmelweit Verschiedenes, und sie 
genießt bei uns eine ganz andere Einschätzung. Denselben Stand- 
punkt nimmt übrigens auch der Kranke in seinem noi-malen Denken 
ein. Wenn er jenes Material vorbringt, welches hinter den Sym- 
ptomen zu den Wunschsituationeu führt, die den Kindererlebnissen 
nachgebildet sind, so sind wir allerdings anfangs im Zweifel, ob es 



XXIII. Die Wege der Symptombildung 385 

sich, um Wirklichkeit oder um Phantasien handelt. Später wird uns 
die Entscheidung durch gewisse Kennzeichen ermöglicht, und wir 
stehen vor der Aufgabe, sie auch dem Kranken bekanntzugeben. 
Dabei geht es nun auf keinen Fall ohne Schwierigkeiten ab. Eröff- 
nen wir ihm gleich zu Beginn, daß er jetzt im Begriffe ist, die Phan- 
tasien zum Vorschein zu bringen, mit denen er sich seine Kindheits- 
geschichte verhüllt hat, wie jedes Volk durch Sagenbildung seine 
vergessene Vorzeit, so bemerken wir, daß sein Interesse für die wei- 
tere Verfolgung des Themas plötzlich in unerwünschter Weise ab- 
sinkt. Er will auch Wirklichkeiten erfahren und verachtet alle 
„Einbildungen". Lassen wir ihn aber bis zur Erledigung dieses 
Stückes der Arbeit im Glauben, daß wir mit der Erforschung der 
realen Begebenheiten seiner Kinderjahre beschäftigt sind, so riskieren 
wir, daß er uns später Irrtum vorwirft und uns wegen unserer schein- 
baren Leichtgläubigkeit verlacht. Für den Vorschlag, Phantasie und 
Wirklichkeit gleichzustellen und sich zunächst nicht darum zu küm- 
mern, ob die zu klärenden Kiudererlebnisse das eine oder das andere 
seien, hat er lange Zeit kein Verständnis. Und doch ist dies offenbar 
die einzig richtige Einstellung zu diesen seelischen Produktionen, 
Auch sie besitzen eine Art von Realitätj es bleibt eine Tatsache, daß 
der Kranke sich solche Phantasien geschaffen hat, und diese Tatsache 
hat kaum geringere Bedeutung für seine Neurose, als wenn er den 
Inhalt dieser Phantasien wirklich erlebt hatte. Diese Phantasien 
besitzen psychische Realität im Gegensatz zur materiellen, 
und wir lernen allmählich verstehen, daß in derWelt der Neu- 
rosen die psychische Realität die maßgebende ist. 

Unter den Begebenheiten, die in der Jugendgeschichte der Neu- 
rotiker immer wiederkehren, kaum je zu fehlen scheinen, sind einige 
von besonderer Wichtigkeit, die ich darum auch einer Hervorhebung 
vor den anderen für würdig halte. Ich zähle Ihnen als Muster dieser 
Gattung auf; die Beobachtung des elterlichen Verkehres, die Ver- 
führung durch eine erwachsene Person und die Kastrationsandrohung. 
Es wäre ein großer Irrtum anzunehmen, daß ihnen niemals materielle 



584 Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Realität zukommt; diese ist im Gegenteil oft einwandfrei durch Nach- 
forschung bei älteren Angehörigen zu erweisen. So ist es z, B. gar 
keine Seltenheit, daß dem kleinen Knaben, welcher unartig mit seinem 
Glied zu spielen beginnt und noch nicht weiß, daß man solche Be- 
schäftigung verbergen muß, von Eltern oder von Pflegepersonen ge- 
droht wird, man werde ihm das Glied oder die sündigende Hand ab- 
schneiden. Die Eltern gestehen es auf Nachfrage oft ein, da sie mit 
solcher Einschüchterung etwas Zweckmäßiges getan zu haben glau- 
ben; manche Menschen haben eine korrekte, bewußte Erinnerung 
an diese Drohung, besonders dann, wenn sie in etwas späteren Jahren 
erfolgt ist. Wenn die Mutter oder eine andere weibliche Person die 
Drohung ausspricht, so schiebt sie ihre Ausführung gewöhnlich dem 
Vater oder dem — Arzt zu. In dem berühmten „Struwelpeter" des 
Frankfurter Kinderarztes Hoffmann, der seine Beliebtheit gerade 
dem Verständnis für die sexuellen und andere Komplexe des Kindes- 
alters verdankt, finden Sie die Kastration gemildert, durch das Ab- 
schneiden der Daumen als Strafe für hartnäckiges Lutschen ersetzt. 
Es ist aber in hohem Grade xinwahrscheinlich, daß die Kastrations- 
drohung so oft an die Kinder ergeht, als sie in den Analysen der Neu- 
rotiker vorkommt. Wir sind damit zufrieden zu verstehen, daß sich 
das Kind eine solche Drohung auf Grund von Andeutungen, mit Hilfe 
des Wissens, daß die autoerotische Befriedigung verboten ist, und unter 
dem Eindruck seiner Entdeckung des weiblichen Genitales in der 
Phantasie zusammensetzt. Ebenso ist es keineswegs ausgeschlossen, 
daß das kleine Kind, solange man ihm kein Verständnis und kein 
Gedächtnis zutraut, auch in anderen als Proletarierfamilien zum 
Zeugen eines Geschlechtsaktes zwischen den Eltern oder anderen 
Erwachsenen wird, und es ist nicht abzuweisen, daß das Kind nach- 
träglich diesen Eindruck verstehen und auf ihn reagieren kann. 
Wenn aber dieser Verkehr mit den ausführlichsten Details beschrie- 
ben wird, die der Beobachtung Schwierigkeiten bereiten, oder wenn 
er sich, wie überwiegend häufig, als ein Verkehr von rückwärts, 
more ferarum, herausstellt, so bleibt wohl kein Zweifel über die 



■ XXIII. Die Wege der Symptomhiltiun^ 585 

Anlehnung dieser Phantasie an die Beobachtung des Verkehres ron 
Tieren (Hunden) und die Motivierung derselben durch die unbefrie- 
digte Schaulust des Kindes in den Pubertätsjahren. Die äußerste Lei- 
stung dieser Art ist dann die Phantasie von der Beobachtung des 
elterlichen Koitus, während man sich noch ungeboren im Mutterleib 
befunden hat. Besonderes Interesse hat die Phantasie der Verführung, 
weil sie nur zu oft keine Phantasie, sondern reale Erinnerung ist. 
Aber zum Glück ist sie doch nicht so häufig real, wie es nach den 
Ergebnissen der Analyse zuerst den Anschein hatte. Die Verführung 
durch ältere oder gleichaltrige Kinder ist immer noch häufiger als 
die durch Erwachsene, und wenn bei den, Mädchen, welche diese 
Begebenheit in ihrer Kindergeschichte vorbringen, ziemlich regel- 
mäßig der Vater als Verführer auftritt, so leidet weder die phan- 
tastische Natur dieser Beschuldigung noch das zu ihr drängende 
Motiv einen Zweifel. Mit der Verführungsphantasie, wo keine Ver- 
führung stattgehabt hat, deckt das Kind in der Regel die autoerotische 
Periode seiner Sexualbetätigung. Es erspart sich die Beschämung über 
die Masturbation, indem es ein begehrtes Objekt in diese frühesten 
Zeiten zurückphantasiert. Glauben Sie übrigens nicht, daß sexueller 
Mißbrauch des Kindes durch die nächsten männlichen Verwandten 
durchaus dem Reiche der Phantasie angehört. Die meisten Analytiker 
werden Fälle behandelt haben, in denen solche Beziehungen real 
waren und einwandfrei festgestellt w^erden konnten; nur gehörten 
sie auch dann späteren Kindheitsjahren an und waren in frühere ein- 
getragen worden. 

Man empfängt keinen anderen Eindruck, als daß solche Kinder- 
begebenheiten irgendwie notwendig verlangt werden, zum eisernen 
Bestand der Neurose gehören. Sind sie in der Realität enthalten, dann 
ist es gut; hat sie die Realität verweigert, so werden sie aus Andeu- 
tungen hergestellt und durch die Phantasie ergänzt. Das Ergebnis 
ist das gleiche, und es ist uns bis heute nicht gelungen, einen Unter- 
schied in den Folgen nachzuweisen, wenn die Pliantasie oder die 
Realität den größeren Anteil an diesen Kinderbegebenheiten hat. 

Freud, Vn. ^j 



386 Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Hier besteht eben wieder nur eines der so oft erwähnten Ergänzungs- 
verhältnisse j es ist allerdings das Befremdendste von allen, die wir 
kennen gelernt haben. Woher rührt das Bedürfnis nach diesen Phan- 
tasien und das Material für sie? Über die Triebquellen kann wohl 
kein Zweifel sein, aber es ist zu erklären, daß jedesmal die nämlichen 
Phantasien mit demselben Inhalt geschaffen werden. Ich habe hier 
eine Antwort bereit, von der ich weiß, daß sie Ihnen gewagt er- 
scheinen wird. Ich meine, diese Urphantasien — so möchte ich 
sie und gewiß noch einige andere nennen — sind phylogenetischer 
Besitz. Das Individuum greift in ihnen über sein eigenes Erleben hin- 
aus in das Erleben der Vorzeit, wo sein eigenes Erleben allzu rudi- 
mentär geworden ist. Es scheint mir sehr wohl möglich, daß alles, 
was uns heute in der Analyse als Phantasie erzählt wird, die Kinder- 
verführung, die Entzündung der Sexualerregung an der Beobachtung 
des elterlichen Verkehrs, die Kastrationsdrohung, — oder vielmehr 
die Rastration, — in den Urzeiten der menschlichen FamiUe einmal 
Realität war, und daß das phantasierende Kind einfach die Lücken 
der individuellen Wahrheit mit prähistorischer Wahrheit ausgefüllt 
hat. Wir sind wiederholt auf den Verdacht gekommen, daß uns die 
Neurosenpsychologie mehr von den Altertümern der menschlichen 
Entwicklung aufbewahrt hat als alle anderen Quellen. 

Meine Herren! Die letzterörterten Dinge nötigen uns, auf die Ent- 
stehung und Bedeutung jener Geistestätigkeit näher einzugehen, die 
,jPhantasie" genannt wird. Sie genießt, wie Ihnen bekannt ist, aU- 
gemein eine hohe Schätztmg, ohne daß man über ihre Stellung im 
Seelenleben klar geworden wäre. Ich kann Ihnen folgendes darüber 
sagen. Wie Sie wissen, wird das Ich des Menschen durch die Ein- 
wirkung der äußeren Not langsam zur Schätzung der Realität und 
zur Befolgung des Realitätsprinzips erzogen und muß dabei auf ver- 
schiedene Objekte und Ziele seines Luststrebens — nicht allein des a 
sexuellen — vorübergehend oder dauernd verzichten. Aber Lustver- i 
zieht ist dem Menschen immer schwer gefallen} er bringt ihn nicht 
ohne eine Art von Entschädigung zustande. Er hat sich daher eine 



XXIII. Die fVege der Symptomhildung gg-» 

seelische Tätigkeit vorbehalten^ in welcher all diesen aufgegebenen 
Lustquellen und verlassenen Wegen der Lustgewinnung eine weitere 
Existenz zugestanden ist, eine Form der Existenz, in welcher sie von 
dem Realitätsanspruch und dem, was wir Realitätsprüfung nennen, 
frei gelassen sind. Jedes Streben erreicht bald die Form einer ErfüUungs- 
vorstellurjg; es ist kein Zweifel, daß das Verweilen bei den Wunsch- i i, 
erfüllungen der Phantasie eine Befriedigung mit sich bringt, obwohl 
das Wissen, es handle sich nicht um Realität, dabei nicht getrübt ist. 
In der Phantasietätigkeit genießt also der Mensch die Freiheit vom 
äußeren Zwang weiter, auf die er in Wirklichkeit längst verzichtet 
hat. Er hat es zustande gebracht, abwechselnd noch Lusttier zu sein 
und dann wieder ein verständiges Wesen. Er findet mit der kargen 
Befriedigung, die er der Wirklichkeit abringen kann, eben nicht sein 
Auskommen. „Es geht überhaupt nicht ohne Hilfskonstruktionen," 
hat Th. Fontane einmal gesagt. Die Schöpfung des seelischen Reiches 
der Phantasie findet ein volles Gegenstück in der Einrichtung von /r- .// 
,, Schonungen", „Naturschutzparks" dort, wo die Anforderungen des! J ' 

Ackerbaues, des Verkehres und der Industrie das ursprünghche Gesicht J^^-^'^^i'^ 
der Erde rasch bis zur Unkenntlichkeit zu verändern drohen. Der 
Naturschutzpark erhält diesen alten Zustand, welchen man sonst über- 
all mit Bedauern der Notwendigkeit geopfert hat. Alles darf darin 
wuchern und wachsen, wie es will, auch das Nutzlose, selbst das Schäd- 
liche. Eine solche dem Realitätsprinzip entzogene Schonung ist auch 
das seelische Reich der Phantasie., 

Die bekanntesten Produktionen der Phantasie sind die sogenannten 
„Tagträume", die wir schon kennen, vorgestellte Befriedigungen ehr- 
geiziger, großsüchtiger, erotischer Wünsche, die um so üppiger ge- 
deihen, je mehr die Wirklichkeit zur Bescheidung oder zur Geduldung 
mahnt. Das Wesen des Phantasieglücks, die Wiederherstellung der 
Unabhängigkeit der Lustgewinnung von der Zustimmung der Realität, 
zeigt sich in ihnen unverkennbar. Wir wissen, solche Tagträume sind 
Kern imd Vorbilder der nächtlichen Träume, Der Nachttraum ist im 
Grunde nichts anderes als ein durch die nächtliche Freiheit derTrieb- 






388 Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

reguDgen verwendbar gewordener, durch die nächtliche Form der 
seelischen Tätigkeit entstellter Tagtraum. Wir haben uns bereits mit 
der Idee vertraut gemacht, daß auch ein Tagtraum nicht notwendig 
bewußt ist, daß es auch unbevmßte Tagträume gibt. Solche unbewußte 
Tagträume sind also ebensowohl die Quelle der nächtlichen Träume 
^'iQ — der neurotischen Symptom^e. 

Die Bedeutung der Phantasie für die Symptombildung wird Ihnen 
durch die folgende Mitteilung klar werden. Wir haben gesagt, im 
Falle der Versagung besetze dieLibido regressivdie vonihraufgelassenen 
Positionen, an denen sie doch mit gewissen Beträgen haften geblieben 
ist. Das werden wir nicht zurücknehmen oder korrigieren, aber wir 
haben ein Zwischenglied einzusetzen. Wie findet die Libido ihren 
Weg zu diesen Fixierungsstellen? Nun, alle aufgegebenen Objekte 
imd Richtungen der Libido sind noch nicht in jedem Sinne aufgegeben. 
Sie oder ihre Abkömmlinge werden noch mit einer gewissen Intensi- 
tät in den Phantasievorstellungen festgehalten. Die Libido braucht 
sich also nur auf die Phantasien zurückzuziehen, um von ihnen aus 
den Weg zu allen verdrängten Fixierungen offen zu finden. Diese 
Phantasien erfreuten sich einer gewissen Duldung, es kam nicht zum 
Konflikt zwischen ihnen und dem Ich, so scharf auch die Gegensätze 
sein mochten, solange eine gewisse Bedingung eingehalten wurde. 
Eine Bedingung quantitativer Natur, die nun durch das Rückfluten 
der Libido auf die Phantasien gestört wird. Durch diesen Zuschuß 
wird die Energiebesetzung der Phantasien so erhöht, daß sie anspruchs- 
voll werden, einen Drang nach der Richtung der Realisierung ent- 
wickeln. Das macht aber den Konflikt zwischen ihnen und dem Ich 
unvermeidlich. Ob sie früher vorbewußt oder bewußt waren, sie unter- 
liegen jetzt der Verdrängung von Seiten des Ichs und sind der An- 
ziehung von Seiten des Unbewußten preisgegeben. Von den jetzt un- 
bewußten Phantasien wandert die Libido bis zu deren Ursprüngen 
im Unbewußten, bis zu ihren eigenen Fixierungsstellen zurück. 

Der Rückgang der Libido auf die Phantasie ist eine Zwischenstufe 
des Weges zur Symptombildung, welche wohl eine besondere Be- 



XXIII. Die Wege der Symptombildung g8g 

Zeichnung verdient. C. G. Jung hat den sehr geeigneten Namen der 
Introversion. für sie geprägt, ihn aber in unzweckmäßiger Weise 
auch anderes hedeuten lassen. Wir wollen daran festhalten, daß die 
Introversion die Abwendung der Libido von den Möglichkeiten der 
realen Befriedigung und die Überbesetzung der bisher als harmlos 
geduldeten Phantasien bezeichnet. Ein Introvertierter ist noch kein 
Neurotiker, aber er befindet sich in einer labilen Situation^ er muß 
bei der nächsten Kräfteverschiebung Symptome entwickeln, wenn er 
nicht noch für seine gestaute Libido andere Auswege findet. Der irreale ; 
Charakter der neurotischen Befriedigung und die Vernachlässigung ( 
des Unterschiedes zwischen Phantasie und Wirklichkeit sind hingegen | 
bereits durch das Verweilen auf der Stufe der Introversion bestimmt. ' 

Sie haben gewiß bemerkt, daß ich in den letzten Erörterungen einen 
neuen Faktor in das Gefüge der ätiologischen Verkettung eingeführt 
habe, nämlich die Quantität, die Größe der in Betracht kommenden 
Energien j diesen Faktor müssen wir überall noch in Rechnung bringen. 
Mit rein qualitativer Analyse der ätiologischen Bedingungen reichen 
wir nicht aus. Oder um es anders zu sagen, eine bloß dynamische 
Auffassung dieser seelischen Vorgänge ist ungenügend, es bedarf noch 
des ökonomischen Gesichtspunktes. Wir müssen uns sagen, daß der ) 
Konflikt zwischen zwei Strebungen nicht losbricht, ehe nicht gewisse 
Besetzungsintensitäten erreicht sind, mögen auch die inhaltlichen Be- 
dingungen längst vorhanden sein. Ebenso richtet sich die pathogene 
Bedeutung der konstitutionellen Faktoren danach, wie viel mehr von 
dem einen Partialtrieb als von einem anderen in der Anlage gegeben 
ist; man kann sich sogar vorstellen, die Anlagen aller Menschen seien 
qualitativ gleichartig und unterscheiden sich nur durch diese quanti- 
tativen Verhältnisse. Nicht minder entscheidend ist das quantitative 
Moment für die Widerstandsfähigkeit gegen neurotische Erkrankung. 
Es kommt, darauf an, welchen Betrag der unverwendeten Libido 
eine Person in Schwebe erhalten kann, und einen wie großen Bruch- 
teil ihrer Libido sie vom Sexuellen weg auf die Ziele der Sublimierung 
zu lenken vermag. Das Endziel der seelischen Tätigkeit, das sich 



590 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



qualitativ als Streben nach Lustgewinn und Unlustvermeidung be- , 

schreiben läßt, stellt sich für die ökonomische Betrachtung als die 
Aufgabe dar, die im seelischen Apparat wirkenden Erregungsgrößen ^_ 
(Reizmengen) zu bewältigen und deren Unlust schaffende Stauung ^^B 
hintanzuhalten. 

Soviel wollte ich Ihnen also über die SymptombOdung bei den 
Neurosen sagen. Ja aber, daß ich nicht versäume, es nochmals aus- 
drücklich zu betonen: Alles hier Gesagte bezieht sich nur auf die 
Symptombildung bei der Hysterie. Schon bei der Zwangsneurose ist 
— - bei Erhaltung des Grundsätzlichen — vieles anders zu finden. 
Die Gegenbesetzungen gegen die Triebanforderungen, von denen 
wir auch bei der Hysterie gesprochen haben, drängen sich bei der 
Zwangsneurose vor und beherrschen durch sogenannte „Reaktions- 
bildungen" das klinische Bild. Ebensolche und noch weiter reichende 
Abweichungen entdecken wir bei den anderen Neurosen, wo die 
Untersuchungen über die Mechanismen der Symptombildung noch an 
keinem Punkte abgeschlossen sind. 

Ehe ich Sie heute entlasse, möchte ich aber Ihre Aufmerksamkeit 
noch eine Weile für eine Seite des Phantasielebens in Anspruch neh- 
^ men, die des allgemeinsten Interesses würdig ist. Es gi bt nämlic h 

e inen Rückweg von der Phantasie zur Realität, und das ist — die^ 
Kunst. Der Künstler ist im Ansätze auch ein Introvertierter, der es 
nicht weit zur Neurose hat. Er wird von überstarken Triebbedürf- 
nissen gedrängt, möchte Ehre, Macht, Reichtum, Ruhm und die Liebe 
der Frauen erwerben; es fehlen ihm aber die Mittel, um diese Be^, 
friedigungen zu erreichen. Darum wendet er sich wie ein anderer 
Unbefriedigter von der Wirklichkeit ab und überträgt all sein Inter- 
esse, auch seine Libido, auf die Wunschbildungen seines Phantasie- 
lebens, von denen aus der Weg zur Neurose führen könnte. Es muß 
wohl vielerlei zusammentreffen, damit dies nicht der volle Ausgang 
seiner Entwicklung werde j es ist ja bekannt, wie häufig gerade Künst- 
ler an einer partiellen Hemmung ihrer Leistungsfähigkeit durch 
Neurosen leiden. Wahrscheinlich enthält ihre Konstitution eine 



1 



7v^ 



XXIII. Die Wege der SymptoTttbildung 591 



Starke Fähigkeit zur Sublimieruiig und eine gewisse Lockerheit der 
den Konflikt entscheidenden Verdrängungen. Den Rückweg zur Rea-_^ 
Htät findet der Künstler aber auf folgende Art. Er ist ja nicht der 
einzige, der ein Phantasieleben führt. Das Zwischenreich der Phan- 
tasie ist durch allgemein menschüche Übereinkunft gebilligt, und 
jeder Entbehrende erwartet von daher Linderung und Trost. Aber 
den Nichtkünstlern ist der Bezug von Lustgewinn aus den Quellen 
der Phantasie sehr eingeschränkt. Die Unerbittlichkeit ihrer Verdrän- 
gungen nötigt sie, sich mit den spärlichen Tagträumen, die noch be- 
wußt werden dürfen, zu begnügen. Wenn einer ein rechter Künstler 
ist dann verfügt er über mehr. Er versteht es erstens, seine Tag- 
träumeso zu bearbeiten, daß sie das allzu Persöidiche, welches Fremde 
abstößt, verlieren und für die anderen mitgenießbar werden. Er weiß 
sie auch soweit zu mildern, daß sie ihre Herkunft aus den verpönten 
Quellen nicht leicht verraten. Er besitzt femer das rätselhafte Vermö- 
gen, ein bestimmtes Material zu formen, bis es zum getreuen Eben- 
hilde seiner Phantasievorstellung geworden ist, und dann weiß er an 
diese Darstellung seiner unbewußten Phantasie so viel Lustgewinn 
zu knüpfen, daß durch sie die Verdrängungen wenigstens zeitweilig 
überwogen und aufgehoben werden. Kann er das alles leisten, so er- 
möglicht er es den Anderen, aus den eigenen unzugänglich gewor- 
denen Lustquellen ihres Unbewußten wiederum Trost und Linde- 
rung zu schöpfen, gewinnt ihre Dankbarkeit und Bewunderung und 
hat nun durch seine Phantasie erreicht, was er vorerst nur in seiner 
Phantasie erreicht hatte: Ehre, Macht jind^Liebe der Frauen. 



s 



XXIV. VORLESUNG ' ■ ■ 

DIE GEMEINE NERVOSITÄT 

- Meine Damen und Herren! Nachdem wir in den letzten Bespre- 
chungen ein so schweres Stück Arbeit hinter uns gebracht haben, 
verlasse ich für eine Weile den Gegenstand und wende mich zu Ihnen. 
Ich weiß nämlichj daß Sie unzufrieden sind. Sie haben sich eine 
„Einführung in die Psychoanalyse" anders vorgestellt. Sie haben 
lebensvolle Beispiele zu hören erwartet, nicht Theorie. Sie sagen mir, 
das eine Mal, da ich Ihnen die Parallele vortrug „Zu ebener Erde und 
im ersten Stock", da haben Sie etwas von der Verursachung der Neu- 
rosen begriffen, nur hätten es wirkliche Beobachtungen sein sollen 
und nicht konstruierte Geschichten. Oder als ich Ihnen zu Beginn 
zwei — hoffentlich nicht auch erfundene — Symptome erzählte, 
deren Auflösung und Beziehung zum Leben der Kranken entwickelte, 
da leuchtete Ihnen der „Sinn" der Symptome ein; Sie hofften, ich 
würde. in dieser Art fortsetzen. Anstatt dessen gab ich Ihnen weit- 
läufige, schwer übersehbare Theorien, die nie vollständig waren, zu 
denen immer noch etwas Neues hinzukam, arbeitete mit Begriffen, 
die ich Ihnen noch nicht vorgestellt hatte, fiel aus der deskriptiven 
Darstellung in die dynamische Auffassung, aus dieser in eine soge- 
nannte „Ökonomische", machte es Ihnen schwer zu verstehen, wie 
viele von den angewendeten Kunstworten dasselbe bedeuten und nur 
aus Gründen des Wohllautes miteinander abwechseln, ließ so weitaus- 
greifende Gesichtspimkte wie das Lust- und Realitätsprinzip und den 



XXIV. Die gemeine Nervosität äqs 

phylogenetisch ererbten Besitz vor Ihnen auftauchen, und anstatt Sie 
■ in etwas einzuführen, heß ich etwas, was sich immer mehr von Ihnen 
entfernte, vor Ihren Augen vorüberziehen. 

Warum habe ich die Einführung in die Neurosenlehre nicht mit 
dem begonnen, was sie selbst von der Nervosität kennen und was 
längst Ihr Interesse erweckt hat? Mit dem eigentümlichen Wesen 
der Nervösen, ihren unverständlichen Reaktionen auf menschlichen 
Verkehr und äußere Einflüsse, ihrer Reizbarkeit, Unberechenbarkeit 
und Untauglichkeit? Warum Sie nicht schrittweise vom Verständnis 
der einfacheren alltäglichen Formen bis zu den Problemen der rätsel- 
haften extremen Erscheinungen der Nervosität geführt? 

Ja, meine Herren, ich kann Ihnen nicht einmal Unrecht geben. 
Ich bin nicht so vernarrt in meine Darstellungskunst, daß ich jeden 
ihrer Schönheitsfehler für einen besonderen Reiz ausgeben sollte. Ich 
glaube selbst, es hätte sich mit mehr Vorteil für Sie anders machen 
lassen; es lag auch in meiner Absicht. Aber man kann seine verstän- 
digen Absichten nicht immer durchführen. Im Stoff selbst ist oft et- 
was, wodurch man kommandiert und von seinen ersten Absichten 
abgelenkt wird. Selbst eine so unscheinbare Leistung wie die Anord- 
nung eines wohlbekannten Materials unterwirft sich nicht ganz der 
Willkür des Autors; sie gerät, wie sie will, und man kann sich nur 
nachträglich befragen, warum sie so und nicht anders ausgefallen ist. 

Einer der Gründe ist wahrscheinlich, daß der Titel „Einführung 
in die Psychoanalyse" für diesen Abschnitt, der die Neurosen behan- 
deln soll, nicht mehr zutrifft, Die Einführung in die Psychoanalyse 
gibt das Studium der Fehlleistungen und des Traumes; die Neurosen- 
lehre ist die Psychoanalyse selbst. Ich glaube nicht, daß ich vom In- 
halt der Neurosenlehre in so kurzer Zeit Ihnen anders als in so kon- 
zentrierter Form hätte Kenntnis geben können. Es handelte sich darum, 
Ihnen Sinn und Bedeutung der Symptome, äußere und innere Bedin- 
gungen und Mechanismus der Symptombildung im Zusammenhange 
vorzuführen. Das habe ich zu tun versucht ; es ist so ziemlich der Kern 
dessen, was die Psychoanalyse heute zu lehren hat. Dabei war von 



1 



394 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

der Libido und ihrer Entwicklung vieles zu sagen, einiges auch von 
der des Ichs. Auf die Voraussetzungen unserer Technik, auf die großen • 
Gesichtspunkte des Unbewußten und der Verdrängung (des Wider- 
standes) waren Sie schon durch die Einführung vorbereitet. Sie werden 
in einer der nächsten Vorlesungen erfahren, an welchen Stellen die 
psychoanalytische Arbeit ihren organischen Fortgang nimmt. Vor- 
läufig habe ich Ihnen nicht verheimlicht, daß alle unsere Ermittlungen 
nur aus dem Studium einer einzigen Gruppe von nervösen Affek- 
tionen, den sogenannten Übertragungsneuroseu, stammen. Den Me- 
chanismus der Symptombildung habe ich sogar nur für die hysterische 
Neurose verfolgt. Wenn Sie auch kein solides Wissen erworben und 
nicht jede Einzelheit behalten haben sollten, so hoffe ich doch, daß 
Sie so ein Bild davon gewonnen haben, mit welchen Mitteln die 
Psychoanalyse arbeitet, welche Fragen sie angreift, und welche Er- 
gebnisse sie geliefert hat. 

Ich habe Ihnen den Wunsch unterlegt, daß ich die Darstellung 
der Neurosen mit dem Gehaben der Nervösen hätte beginnen sollen, 
mit der Schilderung der Art, wie sie unter ihrer Neurose leiden, wie 
sie sich ihrer erwehren und sich mit ihr einrichten. Das ist gewiß 
ein interessanter und wissenswerter Stoff, auch nicht sehr schwierig 
zu behandeln, aber es ist nicht unbedenklich, mit ihm zu beginnen. 
Man läuft Gefahr, das Unbewußte nicht zu entdecken, dabei die große 
Bedeutung der Libido zu übersehen und alle Verhältnisse so zu be- 
urteilen, wie sie dem Ich des Nervösen erscheinen. Daß dieses Ich 
keine verläßliche und unparteiische Instanz ist, liegt auf der Hand. 
Das Ich ist ja die Macht, welche das Unbewußte verleugnet und es 
zum Verdrängten herabgesetzt hat, wie sollte man ihm zutrauen, 
diesem Unbewußten gerecht zu werden? Unter diesem Verdrängten 
stehen die abgewiesenen Ansprüche der Sexualität in erster Linie ^ es 
ist ganz selbstverständlich, daß wir deren Umfang und Bedeutung 
nie aus den Auffassungen des Ichs erraten können. Von dem Moment 
an, da uns der Gesichtspunkt der Verdrängung aufdämmert, sind wir 
auch gewarnt davor, daß wir nicht die eine der beiden streitenden 



XXJV. Die gemeine Nervosität 595 



Parteien, überdies noch die siegreiche, zum Richter über den Streit 
einsetzen. Wir sind vorbereitet darauf, daß uns die Aussagen des Ichs 
irreführen werden. Wenn man dem Ich glauben will, so war es in 
allen Stücken aktiv, so hat es selbst seine Symptome gewollt und ge- 
macht. Wir wissen, daß es ein gutes Stück Passivität über sich er- 
gehen heß die es sich dann verheimlichen und beschönigen will. 
Allerdings getraut es sich dieses Versuches nicht immer; bei den 
Symptomen der Zwangsneurose muß es sich eingestehen, daß etwas 
Fremdes sich ihm entgegenstellt, dessen es sich nur mühsam erwehrt. 

Wer sich durch diese Mahnungen nicht abhalten läßt, die Verlal- 
schungen des Ichs für bare Münze zu nehmen, der hat freilich dann 
ein leichtes Spiel und ist all den Widerständen entgangen, die sich 
der psychoanalytischen Betonung des Unbewußten, der Sexuahtät und 
der Passivität des Ichs entgegensetzen. Der kann wie Alfred Adler 
behaupten, daß der „nervöse Charakter" die Ursache der Neurose 
sei, anstatt die Folge derselben, aber er wird auch nicht imstande sein, 
ein einziges Detail der Symptombildung oder einen einzelnen Traum 
zu erklären. 

Sie werden fragen; Sollte es denn nicht möglich sein, dem Anteil 
des Ichs an der Nervosität und an der Symptombildung gerecht zu 
werden, ohne dabei die von der Psychoanalyse aufgedeckten Mo- 
niente in gröblicher Weise zu vernachlässigen? Ich antworte; Gewiß 
muß es möglich sein und es wird auch irgend einmal geschehen; es 
hegt aber nicht in der Arbeitsrichtung der Psychoanalyse, gerade da- 
mit zu beginnen. Es läßt sich wohl vorhersagen, wann diese Auf- 
gabe an die Psychoanalyse herantreten wird. Es gibt Neurosen, bei 
welchen das Ich weit intensiver beteiligt ist als bei den bisher von 
uns studierten; wir nenen sie „narzißtische" Neurosen. Die analy- 
tische Bearbeitung dieser Affektionen wird uns befähigen, die Be- 
teiligung des Ichs an der neurotischen Erkrankung in unparteiischer 
und zuverlässiger Weise zu beurteilen. 

Eine der Beziehungen des Ichs zu seiner Neurose ist aber so augen- 
fällig, daß sie von Anfang an Berücksichtigung finden konnte. Sie 



59^ Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

scheint in keinem Falle zu fehlen ^ man erkennt sie aber am deut- 
lichsten bei einer Affektion, die unserem Verständnis heute noch 
fernstehtj bei der traumatischen Neurose. Sie müssen nämlich 
wissen, daß in der Verursachung und im Mechanismus aller mög- 
lichen Formen von Neurosen immer wieder dieselben Momente in 
Tätigkeit treten, nur fällt hier dem einen, dort dem anderen dieser 
Momente die Hauptbedeutung für die Symptombilduug zu. Es ist 
wie mit dem Personal einer Schauspielertruppe, unter dem jeder sein 
festes Rollenfach hat: Held, Vertrauter, Intrigant usw.; es wird aber 
jeder ein anderes Stück für seine Benefizvorstellung wählen. So sind 
die Phantasien, die sich in die Symptome umsetzen, nirgends greif- 
barer als in der Hysteriej die Gegenbesetzuugen oder Reaktionsbil- 
dungen des Ichs beherrschen das Bild bei der Zwangsneurose; was wir 
für den Traum sekundäre Bearbeitung genannt haben, steht 
als Wahn obenan in der Paranoia usw. 

So drängt sich uns bei den traumatischen Neurosen, besonders bei 
solchen, wie sie durch die Schrecken des Krieges entstehen, unver- 
kennbar ein selbstsüchtiges, nach Schutz und Nutzen strebendes Ich- 
motiv auf, welches die Krankheit nicht etwa allein schaffen kann, 
aber seine Zustimmung zu ihr gibt und sie erhält, wenn sie einmal 
zustande gekommen ist. Dies Motiv will das Ich vor den Gefahren 
bewahren, deren Drohung der Anlaß der Erkrankung ward, und wird 
die Genesung nicht eher zulassen, als bis die Wiederholung dieser 
Gefahren ausgeschlossen scheint, oder erst nachdem eine Entschädi- 
gung für die ausgestandene Gefahr erreicht ist. 

Aber ein ähnliches Interesse nimmt das Ich in allen anderen Fäl- 
len an der Entstehung und dem Fortbesland der Neurose. Wir haben 
schon gesagt, daß das Symptom auch vom Ich gehalten wird, weil 
es eine Seite hat, mit welcher es der verdrängenden Ichtendenz Be- 
friedigung bietet. Überdies ist die Erledigung des Konflikts durch 
die Symptombildung die bequemste und die dem Lustprinzip ge- 
nehmste Auskunft; sie erspart dem Ich unzweifelhaft eine große und 
peinlich empfundene innere Arbeit. Ja, es gibt Fälle, in denen selbst 



XXIV. Die gemeine Nervosität. 597 

der Arzt zugestehen muß, daJ3 der Ausgang eines Konflikts in Neurose 
die harmloseste und sozial erträglichste Lösung darstellt. Erstaunen 
Sie nicht, wenn Sie hören, daß also selbst der Arzt mitunter die Partei 
der von ihm bekämpften Krankheit nimmt. Es sieht ihm ja nicht an, 
sich gegen alle Situationen des Lebens auf die Rolle des Gesundheits- 
fanatikers einzuengen, er "weiß, daß es nicht nur neurotisches Elend 
in der Welt gibt, sondern auch reales, unabstellbares Leiden, daß die 
Notwendigkeit von einem. Menschen auch fordern kann, daß er 
seine Gesundheit zum Opfer bringe, und er erfährt, daß durch ein 
solches Opfer eines einzelnen oft unübersehbares Unglück für viele 
andere hintangehalten wird. Wenn man also sagen konnte, daß der 
Neurotiker jedesmal vor einem Konflikt die Flucht in die Krank- 
heit nimmt, so muß man zugeben, in manchen Fällen sei diese Flucht 
vollberechtigt, und der Arzt, der diesen Sachverhalt erkannt hat, wird 
sich schweigend und schonungsvoll zurückziehen. 

Aber sehen wir von diesen Ausnahmefällen für die weitere Er- 
örterung ab. Unter durchschnittlichen Verhältnissen erkennen wir, 
daß dem Ich durch das Ausweichen in die Neurose ein gewisser 
innerer Kraukheitsgewinn zuteil wird. Zu diesem gesellt sich in 
manchen Lebenslagen ein greifbarer äußerer, in der Realität mehr 
oder weniger hoch einzuschätzender Vorteil. Betrachten Sie den 
häufigsten Fall dieser Art. Eine Frau, die von ihrem Manne roh be- 
handelt und schonungslos ausgenützt wird, findet ziemlich regelmäßig 
den Ausweg in die Neurose, wennihre Anlagen es ihr ermöglichen, wenn 
sie zu feige oder zu sittlich ist, um sich im geheimen bei einem anderen 
Mannezu trösten, wennsie nicht stark genug ist, sich gegen alle äußeren 
Abhaltungen von ihrem Mann zu trennen, wenn sie nicht die Aussicht 
hat, sich selbst zu erhalten oder einen besseren Mann zu gewinnen, 
und wenn sie überdies durch ihr sexuelles Empfinden noch an diesen 
brutalen Mann gebunden ist. Ihre Krankheit wird nun ihre Waffe 
im Kampfe gegen den überstarken Mann, eine Waffe, die sie zu ihrer 
Verdeidigung gebrauchen und für ihre Rache mißbrauchen kann. 
Sie darf über ihre Krankheit klagen, während sie sich wahrscheinlich 



/■ 



598 Vorlesungen zur Einführung in die Psycheanalyse 

über ihre Ehe nicht beklagen dürfte. Sie findet einen Helfer im Arzt, 
sie nötigt den sonst rücksichtslosen Mann, sie zu schonen, Aufwendungen 
für sie zu machen, ihr Zeiten der Abwesenheit vom Hause und somit 
der Befreiung von der ehelichen Unterdrückung zu gestatten. Wo ein 
solcher äußerer oder akzidenteller Krankheitsgewinn recht erheblicli 
ist und keinen realen Ersatz finden kann, da werden Sie die Möglich- 
keit einer Beeinflussung der Neurose durch Ihre Therapie nicht groß 
veranschlagen dürfen. 

Sie werden mir vorhalten, was ich Ihnen da vom Krankheitsgewinn 
erzählt habe, spricht ja durchaus zu Gunsten der von mir zurück- 
gewiesenen Auffassung, daß das Ich selbst die Neurose will und sie 
schafft. Gemach, ipeine Herren, es bedeutet vielleicht weiter nichts, 
als daß das Ich sich die Neurose gefallen läßt, die es doch nicht ver- 
hindern kann, und daß es das Beste aus ihr macht, wenn sich über- 
haupt etwas aus ihr machen läßt. Es ist nur die eine Seite der Sache, 
die angenehme allerdings. Soweit die Neurose Vorteile hat, ist das Ich 
wohl mit ihr einverstanden, aber sie hat nicht nur Vorteile. In der 
Regel stellt sich bald heraus, daß das Ich ein schlechtes Geschäft ge- 
macht hat, indem es sich auf die Neurose einließ. Es hat eine Er- 
leichterung des Konflikts zu teuer erkauft, und die Leidensemp- 
findungen, welche an den Symptomen haften, sind vielleicht ein 
äquivalenter Ersatz für die Qualen des Konflikts, wahrscheinlich aber 
ein Mehrbetrag von Unlust. Das Ich möchte diese Unlust der Sym- 
ptome loswerden, den Krankheitsgewinn aber nicht herausgeben, und 
das bringt es eben nicht zustande. Dabei erweist sich dann, daß es 
nicht so dm-chaus aktiv war, wie es sich geglaubt hat, und das wollen 
wir uns gut merken. 

Meine Herren, wenn Sie als Arzt mit Neurotikern umgehen, werden 
Sie bald die Erwartung aufgeben, daß diejenigen, die über ihre Krank- 
heit am stärksten jammern und klagen, der Hilfeleistung am bereit- 
willigsten entgegenkommen und ihr die geringsten Widerstände be- 
reiten werden. Eher das Gegenteil. Wohl aber werden Sie es leicht 
verstehen, daß alles, was zum Krankheitsgewinn beiträgt, den Ver- 



XXIV. Die gemeine Nervosität too 

dräagungswiderstand verstärken und die therapeutische Schwierigkeit 
vergrößern wird. Zu dem Stück des Krankheitsgewinnes, welches 
sozusagen mit dem Symptom geboren wird, haben wir aber auch noch 
ein anderes hinzuzufügen, das sich später ergibt. Wenn solch eine 
psychische Organisation wie die Krankheit durch längere Zeit bestanden 
hat, so benimmt sie sich endlich wie ein selbständiges Wesenj sie 
äußert etwas wie einen Selbsterhaltungstrieb, es bildet sich eine Art von 
modus vivendi zwischen ihrundanderen Anteilen des Seelenlebens, selbst 
solchen, die ihi' im Grunde feindselig sind, und es kann kaum fehlen, 
daß sich Gelegenheiten ergeben, bei denen sie sich wieder nützlich 
und verwertbar erweist, gleichsam eine Sekundärfunktion erwirbt, 
die ihren Bestand von neuem kräftigt. Nehmen Sie anstatt eines Bei- 
spiels aus der Pathologie eine grelle Erläuterung aus dem täglichen 
Leben. Ein tüchtiger Arbeiter, der seinen Unterhalt erwirbt, wird 
durch einen Unfall in seiner Beschäftigung zum Krüppel; mit der 
Arbeit ist es jetzt aus, aber der Verunglückte empfängt mit der Zeit 
eine kleine Unfallsrente und lernt es, seine Verstümmlung als Bettler 
zu verwerten. Seine neue, wiewohl verschlechterte Existenz gründet 
sich jetzt gerade auf dasselbe, was ihn um seine erste Existenz gebracht 
hat. Wenn Sie seine Verunstaltung beheben können, so machen Sie 
ihn zunächst subsistenzlos; es eröffnet sich die Frage, ob er noch fähig 
ist, seine frühere Arbeit wieder aufzunehmen. Was bei der Neurose 
einer solchen sekundären Nutzung der Krankheit entspricht, können 
wir als sekundären Krankheitsgewinn zum primären hinzuschlagen. 
Im allgemeinen aber möchte ich Ihnen sagen, unterschätzen Sie 
die praktische Bedeutung des Krankheitsgewinnes nicht und lassen 
Sie sich in theoretischer Hinsicht nicht von ihm imponieren. Von 
jenen früher anerkannten Ausnahmen abgesehen, mahnt er doch im- 
mer an die Beispiele „von der Klugheit der Tiere", die Oberländer 
in den „Fliegenden Blättern" illustriert hat. Ein Araber reitet auf 
seinem Kamel einen schmalen Pfad, der in die steile Bergwand ein- 
geschnitten ist. Bei einer Wendung des Weges sieht er sich plötzlich 
einem Löwen gegenüber, der sich sprungbereit macht. Er sieht kei- 



400 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

nen Ausweg; auf der einen Seite die senkrechte Wand^ auf der andere 
ren der Abgrund; Umkehr und Flucht sind unmöglich; er gibt sich 
verloren. Anders das Tier. Es macht mit seinem Reiter einen Satz in 
den Abgrund — und der Löwe hat das Nachsehen. Besseren Erfolg 
für den Kranken haben in der Regel auch die Hilfeleistungen der 
Neurose nicht. Es mag daher kommen, daß die Erledigung eines 
Konflikts durch Symptombildung doch ein automatischer Vorgang 
ist, der sich den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen zeigen 
kann, und bei dem der Mensch auf die Verwertung seiner besten und 
höchsten Kräfte verzichtet hat. Wenn es eine Wahl gäbe, sollte man 
es vorziehen, im ehrlichen Kampf mit dem Schicksal unterzugehen. 
Meine Herren ! Ich bin Ihnen aber noch die weitere Motivierung 
schuldig, weshalb ich in einer Darstellung der Neurosenlehre nicht 
von der gemeinen Nervosität ausgegangen bin. Vielleicht nehmen 
Sie an, ich tat es darum, weil mir dann der Nachweis der sexuellen 
Verursachung der Neurosen größere Schwierigkeiten bereitet hätte. 
Aber da würden Sie irre gehen. Bei den Übertragungsneurosen muß 
man sich erst durch die Symptomdeutung durcharbeiten, um zu dieser 
Einsicht zu kommen. Bei den gemeinen Formen der sogenannten 
Aktualneurosen ist die ätiologische Bedeutung des Sexuallebens 
eine grobe, der Beobachtung entgegenkomimende Tatsache. Ich bin vor 
mehr als zwanzig Jahren auf sie gestoßen, als ich mir eines Tages 
die Frage vorlegte, warum man denn beim Examen der Nervösen so 
regelmäßig ihre sexuellen Betätigungen von der Berücksichtigung 
ausschließt. Ich habe damals diesen Untersuchungen meine Beliebt- 
heit hei den Kranken zum Opfer gebracht, aber ich konnte schon 
nach kurzer Bemühung den Satz aussprechen^ daß es bei normaler 
vita sexualis keine Neurose — ich meinte: Aktualneurose — gibt. 
Gewiß, der Satz setzt sich zu leicht über die individuellen Verschie- 
denheiten der Menschen hinweg, er leidet auch an der Unbestimmt- 
heit, die von dem Urteil „normal" nicht zu trennen ist, aber er hat 
für die grobe Orientierung noch heute seinen Wert behalten. Ich bin 
damials so weit gekommen, spezifische Beziehungen zwischen be- 






XXIV. Die gemeine Nervosität ^01 

Stimmten Formen der Nervosität und besonderen sexuellen Schädlich- 
keiten aufzustellen, und ich zweifle nicht daran, daß ich heute die- 
selben Beobachtungen wiederholen könnte, wenn mir noch ein ähn- 
liches Material von Kranken zu Gebote stünde. Ich erfuhr oft genug, 
daß ein Mann, der sich mit einer gewissen Art von unvollständiger 
sexueller Befriedigung begnügte, z. B.. mit der manuellen Onanie, an 
einer bestimmten Form von Aktualneurose erkrankt war, und daß 
diese Neurose prompt einer anderen den Platz räumte, wenn er ein 
anderes, ebensowenig untadeliges sexuelles Regime an die Stelle tre- 
ten ließ. Ich war dann imstande, aus der Änderung im Zustand des 
Kranken den Wechsel in seiner sexuellen Lebensweise zu erraten. Ich 
erlernte es damals auch, hartnäckig bei meinen Vermutungen zu ver- 
harren, bis ich die Unaufrichtigkeit der Patienten überwunden und 
sie zur Bestätigung gezwungen hatte. Es ist wahr, sie zogen es dann 
vor, zu anderen Ärzten zu gehen, die sich nicht so eifrig nach ihrem 
Sexualleben erkundigten. 

Es konnte mir auch damals nicht entgehen, daß die Verursachung 
der Erkrankimg nicht immer auf das Sexualleben hinwies. Der eine 
war zwar direkt an einer sexuellen Schädhchkeit erkrankt, der andere 
aber, weil er sein Vermögen verloren oder eine erschöpfende or- 
ganische Krankheit durchgemacht hatte. Die Erklärung für diese 
Mannigfaltigkeit ergab sich später, als wir in die vermuteten Wech- 
selbeziehungen zwischen dem Ich und der Libido Einsicht bekamen, 
und sie wurde um so befriedigender, je tiefer diese Einsicht reichte. 
Eine Person erkrankt nur dann neurotisch, wenn ihr Ich die Fähig- 
keit eingebüßt hat, die Libido irgendwie unterzubringen. Je stärker 
das Ich ist, desto leichter wird ihm die Erledigung dieser Aufgabe^ 
jede Schwächung des Ichs aus irgendeiner Ursache muß dieselbe Wir- 
kung tun wie eine übergroße Steigerung des Anspruches der Libido, 
also die neurotische Erkrankung ermöglichen. Es gibt noch andere und 
intimere Beziehungen zwischen Ich und Libido, die aber noch nicht in 
unseren Gesichtskreis getreten sind, und die ich darum zur Erklärung 
hier nicht heranziehe. Wesentlich und aufklärend für uns bleibt, daß 

Freud, Vn. ^5 



402 Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

in jedem Falle und gleichgültig, auf welchem Wege die Erkrankung 
hergestellt wurde, die Symptome der Neurose von der Libido bestrit- 
ten werden und so eine abnorme Verwendmig derselben bezeugen. 
Nun muß ich Sie aber auf den entscheidenden Unterschied zwi- 
schen den Symptomen der Aktualneurosen und denen der Psycho- 
neurosen aufmerksam machen, von denen uns die erste Gruppe, die 
der Übertragungsneurosen bisher so viel beschäftigt hat. In beiden 
Fällen gehen die Symptome aus der Libido hervor, sind also abnorme 
Verwendungen derselben, Befriedigungsersatz. Aber die Symptome 
der Aktualneurosen, einKopfdruck, eine Schmerzempfindung, ein Reiz- 
zuslandineinemOrgan,dieSchwächungoderHemmungeinerFunktion 

haben keinen „Sinn", keine psychische Bedeutung. Sie äußern sich nicht 
nur vorwiegend amKorper, wie auch z. B. die hysterischen Symptome, 
sondern sie sind auch selbst durchaus körperiiche Vorgänge, bei deren 
Entstehung alle die komplizierten seelischen Mechanismen, die wir 
kennengelernt haben, entfallen. Sie sindalso wirklich das, wofürman die 
psychoneurotischen Symptome so lange gehalten hat. Aber wiekönnen 
sie dann Verwendungen der Libido entsprechen, die wir als eine im 
Psychischen wirkende Kraft kennengelernt haben? Nun, meine 
Herren, das ist sehr einfach. Lassen Sie mich einen der allerersten 
Einwürfe auffrischen, die man gegen die Psychoanalyse vorgebracht 
hat. Man sagte damals, sie bemühe sich um eine rein psychologische 
Theorie der neurotischen Erscheinungen, und das sei ganz aussichts- 
los, denn psychologische Theorien könnten nie eine Krankheit er-r 
klären. Man hatte zu vergessen beliebt, daß die Sexualfunktion nichts 
rein Seelisches ist, ebensowenig wie etwas bloß Somatisches. Sie be- 
einflußt das körperliche wie das seelische Leben. Haben wir in den 
Symptomen der Psychoneurosen die Äußerungen der Störung in 
ihren psychischen Wirkungen kennen gelernt, so werden wir nicht 
erstaunt sein, in den Aktualneurosen die direkten somatischen Folgen 
der Sexualstörungen zu finden. .j .' : 

Für die Auffassung der letzteren gibt uns die medizinische Klinik 
einen wertvollen, auch von verschiedenen Forschem berücksichtigten 






XXI f. Die gemeine Nervosität jo- 

Fingerzeig. Die Aktualneurosen bekunden in den Einzelheiten ihrer 
Symptomatik, aber auch in der Eigentümlichkeit, alle Organsysteme 
und alle Funktionen zu beeinflussen, eine unverkennbare Ähnlichkeit 
mit den Kraukheitszuständen, die durch den chronischen Einfluß von 
fremden Giftstoffen und durch die akute Entziehung derselben ent- 
stehen, mit den Intoxikationen tmd Abstinenzzuständen. Noch enger 
werden die beiden Gruppen von Affektionen aneinandergerückt durch 
die Vermittlung von solchen Zuständen, die wir wie den M. Basedowii 
gleichfalls auf die Wirkung von Giftstoff'en zu beziehen gelernt haben, 
aber von Giften, die nicht als fremd in den Körper eingeführt werden, 
sondern in seinem eigenen Stoffwechsel entstehen. Ich meine, wir 
können nach diesen Analogien nicht umhin, die Neurosen als Folgen 
von Störungen in einem Sexualstoffwechsel anzusehen, sei es, daß von 
diesen Sexualtoxinen mehr produziert wird, als die Person bewältigen 

kann, sei es, daß innere undselbstpsychischeVerhältnissedierichtige Ver- 
wendung dieser Stoffe beeinträchtigen. Die Volksseele hat von jeher 
solchen Annahmen für die Natur des sexuellen Verlangens gehuldigt, 
sie nennt die Liebe einen „Rausch" und läßt die Verliebtheit durch 
Liebestränke entstehen, wobei sie das wirkende Agens gewissermaßen 
nach außen verlegt. Für uns wäre hier der Anlaß, der erogenen Zonen 
und der Behauptung zu gedenken, daß die Sexualerregung in den ver- 
schiedensten Organen entstehen kann. Im übrigen aber ist uns das 
Wort „Sexualstoffwechsel" oder „Chemismus der Sexualität" ein Fach 
ohne Inhalt; wir wissen nichts darüber und können uns nicht einmal 
entscheiden, ob wir zwei Sexualstoffe annehmen sollen, die dann 
„männlich" und „weiblich" heißen würden, oder ob wir uns mit 
einem Sexualtoxin bescheiden können, in dem wir den Träger aller 
Reizwirkungen der Libido zu erblicken haben. Das Lehrgebäude der 
Psychoanalyse, das wir geschaffen haben, ist in Wirklichkeit ein Über- 
bau, der irgend einmal auf sein organisches Fundament aufgesetzt 
werden soll; aber wir kennen dieses noch nicht. 

Die Psychoanalyse wird als Wissenschaft nicht durch den Stoff', den 
sie behandelt, sondern durch die Technik, mit der sie arbeitet 



rt* 



404 Forlesungen, zur Einführung in die Psychoanalyse 

charakterisiert. Man kann sie auf Kulturgeschichte, Religionswissen- 
schaft und Mythologie ebensowohl anwenden wie auf die Neurosen- 
lehre, ohne ihrem Wesen Gewalt anzutun. Sie beabsichtigt und leistet 
nichts anderes als die Aufdeckung des Unbewußten im Seelenleben. 
Die Probleme der Aktualneurosen, deren Symptome wahrscheinlich 
durch direkte toxische Schädigung entstehen, bieten der Psychoanalyse 
keine Angriffspunkte, sie kann nur wenig für deren Aufklärung leisten 
und muß diese Aufgabe der biologisch-medizinischen Forschung über- 
lassen. Sie verstehen jetzt vielleicht besser, warum ich keine andere 
Anordnung meines Stoffes gewählt habe. Hätte ich Ihnen eine „Ein- 
führung in die Neurosenlehre" zugesagt, so wäre der Weg von den ein- 
fachen Formen der Aktualneurosen zu den komplizierteren psychischen 
Erkrankungen durch Libidostörungder unzweifelhaft richtigegewesen. 
Ich hätte bei den ersteren zusammentragen müssen, was wir von ver- 
schiedenen Seiten her erfahren haben oder zu wissen glauben, und 
bei den Psychoneurosen wäre dann die Psychoanalyse als das wichtigste 
technische Hilfsmittel zur Durchleuchtung dieser Zustände zur Sprache 
gekommen. Ich hatte aber eine „Einführung in die Psychoanalyse 
beabsichtigt und angekündigt; es war mir wichtiger, daß Sie eine 
Vorstellung von der Psychoanalyse, als daß Sie gewisse Kenntnisse von 
den Neurosen gewinnen, und da durfte ich die für die Psychoanalyse 
unfruchtbaren Aktualneurosen nicht mehr in den Vordergrund rücken. 
Ich glaube auch, ich habe die für Sie günstigere Wahl getroffen, denn 
die Psychoanalyse verdient wegen ihrer tiefgreifenden Voraussetzungen 
und weitumfassenden Beziehungen einen Platz im Interesse eines 
jeden Gebildeten; die Neurosenlehre aber ist ein Kapitel der Medizin 
wie andere auch, 

Sie werden indes mit Recht erwarten, daß wir auch für die Aktual- 
neurosen einiges Interesse aufbringen müssen. Schon ihr intimer kli- 
nischer Zusammenhang mit den Psychoneurosen nötigt uns dazu. Ich 
will Ihnen also berichten, daß wir drei reine Formen der Aktual- 
neurosen unterscheiden: dieNeurasthenie, dieAngstneurose und M 
dieHypochondrie. Auch diese Aufstellungistnichtohne Widerspruch ^ 



\ 



XXIV. Die gemeine Nervosität jg- 



geblieben. DieNamen sind zwar alle im Gebrauch, aber ihrlnhalt ist un- 
bestimmt und schwankend. Es gibt auch Ärzte, die jeder Sonderung 
in der wirren Welt von neurotischen Erscheinungen, jeder Heraus- 
hebung von klinischen Einheiten, Krankheitsindividuen, widerstreben 
und selbst die Scheidung von Aktual- und Psychoneurosen nicht an- 
erkennen. Ich meine, sie gehen zu weit und haben nicht den Weg 
eingeschlagen, der zum Fortschritt führt. Die genannten Formen von 
Neurose kommen gelegentlich rein vor; häufiger vermengen sie sich 
allerdings miteinander und mit einer psychoneurotischen Affektion. 
Dieses Vorkommen braucht uns nicht zu bewegen, ihre Sonderung 
aufzugeben. Denken Sie an den Unterschied von Mineralkunde und 
Gesteinkunde in der Mineralogie. Die Mineralien werden als Indi- 
viduen beschrieben, gewiß mit Anlehnung an den Umstand, daß sie 
häufig als Kristalle, von ihrer Umgebung scharf abgegrenzt, auftreten. 
Die Gesteine bestehen aus Gemengen von Mineralien, die sicherlich 
nicht zufällig, sondern infolge ihrer Entstehungsbedingungen zu- 
sammengetroffen sind. In der Neurosenlehre verstehen wir noch zu 
wenig von dem Hergang der Entwicklung, um etwas der Gestein- 
lehre Ähnliches zu schaffen. Wir tun aber gewiß das Richtige, wenn 
wir zunächst aus der Masse die für uns kenntlichen klinischen Indivi- 
duen isolieren, die den Mineralien vergleichbar sind. 

Eine beachtenswerte Beziehung zwischen den Symptomen der 
Aktual- und der Psychoneurosen bringt uns noch einen wichtigen 
Beitrag zur Kenntnis der Symtombildung bei den letzteren; das Sym- 
ptom der Aktualneurose ist nämlich häufig der Kern und die Vorstufe 
des psychoneurotischen Symptoms. Man beobachtet ein solches Ver- 
hältnis am deutlichsten zwischen der Neurasthenie und der Konversions- 
hysterie genannten Übertragungsueurose, zwischen der Angstneurose 
und der Angsthysterie, aber auch zwischen der Hypochondrie und den 
später als Paraphrenie(Dementia praecox und Paranoia) zu erwähnenden 
Formen. Nehmen wir als Beispiel den Fall eines hysterischen Kopf- oder 
Kreuzschmerzes. Die Analyse zeigt uns, daß er durch Verdichtung und 
Verschiebung zum Befriedigungsersatz für eine ganze Reihe von libidi- 



4o6 Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

nösenPhantasien oder Erinnerungen geworden ist. Aber dieserSchmerz 
war auch einmal real, und damals war er ein direkt sexualtoxisches Sym- 
ptom, der körperliche Ausdruck einer libidinösen Erregung. Wir wollen 
keineswegs behaupten, daß alle hysterischen Symptome einen solchen 
Kern enthalten, aber es bleibt bestehen, daß es besonders häufig der Fall 
ist, und daß alle — normalen oder pathologischen ■ — Beeinflussungen 
des Körpers durch die libidinöse Erregung geradezu für die Symptom- 
bildung der Hysterie bevorzugt sind. Sie spielen dann die Rolle jenes 
Sandkorns, welches das Muscheltier mit den Schichten von Perlmutter- 
substanz umhüllt hat. In derselben Weise werden die vorübergehenden 
Zeichen der sexviellen Erregung, welche den Geschlechtsakt begleiten, 
von der Psychoneurose als das bequemste und geeignetste Material 
zur Symptombildung verwendet. 

Ein ähnlicher Vorgang bietet ein besonderes diagnostisches und 
therapeutisches Interesse. Es kommt bei Personen, die zur Neurose 
disponiert sind, ohne gerade an einer floriden Neurose zu leiden, gar 
nicht selten vor, daß eine krankhafte Korperveränderung — etwa 
durch Entzündung oder Verletzung — die Arbeit der Symptombil- 
dung weckt, so daß diese das ihr von der Realität gegebene Symptom 
eiligst zum Vertreter aller jener unbewußten Phantasien macht, die 
nur darauf gelauert hatten, sich eines Ausdrucksmittels zu bemäch- 
tigen. Der Arzt wird in solchem Falle bald den einen, bald den an- 
deren Weg der Therapie einschlagen, entweder die organische Grund- 
lage wegschaffen wollen, ohne sich um deren lärmende neurotische 
Verarbeitung zu bekümmern, oder die zur Gelegenheit entstandene 
Neurose bekämpfen und deren organischen Anlaß gering achten. Der 
Erfolg wird bald dieser bald jener Art der Bemühung recht oder 
unrecht geben; allgemeine Vorschriften lassen sich für solche Misch- 
falle kaum aufstellen. ■ ' ' 



1 ■ 



XXV. VORLESUNG 

DIE ANGST 

Meine Damen und Herren! Was ich Ihnen in der letzten Vorle- 
sung über die allgemeine Nervosität gesagt habe, werden. Sie sicher- 
lich als die unvollständigste und unzulänglichste meiner Mitteilungen 
erkannt haben. Ich weiß das und ich denke mir, nichts anderes wird 
Sie mehr verwundert haben, als daß darin von der Angst nicht die 
Rede war, über die doch die meisten Nervösen klagen, die sie selbst 
als ihr schrecklichstes Leiden bezeichnen, und die wirklich die groß- 
artigste Intensität bei ihnen erreichen und die toUsten Maßnahmen 
zur Folge haben kann. Aber darin wenigstens wollte ich Sie nicht 
verkürzen; ich habe mir im Gegenteil vorgenommen, das Problem der 
Angst bei den Nervösen besonders scharf einzustellen und es aus- 
führlich vor Ihnen zu erörtern. 

Die Angst selbst brauche ich Ihnen ja nicht vorzustellen; jeder 
von uns hat diese Empfindung, oder richtiger gesagt, diesen Affekt- 
zustand irgend einmal aus eigenem kennengelernt. Aber ich meine, 
man hat sich nie ernsthaft genug gefragt, warum gerade die Nervösen 
so viel mehr und so viel stärkere Angst haben als die anderen. Viel- 
leicht hielt man es für selbstverständlich; man verwendet ja gewöhn- 
lich die Worte „nervös" und „ängsthch" so für einander, als ob sie 
dasselbe bedeuten würden. Dazu hat man aber kein Recht; es gibt 
ängsthche Menschen, die sonst gar nicht nervös sind, und außerdem 



4o8 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Nervöse, die an vielen Symptomen leiden, unter denen aber die Nei- 
gung zur Angst nicht aufgefunden wird. 

Wie immer das sein mag, es steht i'est, daß das Angstproblem ein 
Knotenpunkt ist, an welchem die verschiedensten und wichtigsten 
Fragen zusammentreffen, ein Rätsel, dessen Lösung eine Fülle von 
Licht über unser ganzes Seelenleben ergießen müßte. Ich werde nicht 
behaupten, daß ich Ihnen diese volle Losung geben kann, aber Sie 
werden gewiß erwarten, daß die Psychoanalyse auch dieses Thema 
ganz anders angreifen wird als die Medizin der Schulen. Dort scheint 
man sich vor allem dafür zu interessieren, aufweichen anatomischen 
Wegen der Angstzustand zustande gebracht wird. Es heißt, die Me- 
dulla oblongata sei gereizt, und der Kranke erfährt, daß er an einer 
Neurose des Nervus vagus leidet. Die Medulla oblongata ist ein sehr 
ernsthaftes und schönes Objekt. Ich erinnere mich ganz genau, wie- 
viel Zeit und Mühe ich vor Jahren ihrem Studium gewidmet habe. 
Aber heute muß ich sagen, ich weiß nichts, was mir für das psycho- 
logische Verständnis der Angst gleichgültiger sein könnte als die Kennt- 
nis des Nervenweges, auf dem ihre Erregungen ablaufen. 

Von der Angst kann man zunächst eine ganze Weile handeln, ohne 
der Nervosität überhaupt zu gedenken. Sie verstehen mich ohne 
weiteres, wenn ich diese Angst als Realangst bezeichne, im Gegen- 
satz zu einer neurotischen. Die Realangst erscheint uns nun als 
etwas sehr Rationelles und Begreifliches. Wir werden von ihr aus- 
sagen, sie ist eine Reaktion auf die Wahrnehmung einer äußeren 
Gefahr, d. h. einer erwarteten, vorhergesehenen Schädigung, sie ist 
mit dem Fluchtreflex verbunden, und man darf sie als Äußerung des 
Selbsterhaltungstriebes ansehen. Bei welchen Gelegenheiten, d. h. vor 
welchen Objekten und in welchen Situationen die Angst auftritt, 
vdrd natürlich zum großen Teil von dem Stande unseres Wissens und 
von unserem Machtgefühl gegen die Außenwelt abhängen. Wir finden 
es ganz begreiflich, daß der Wilde sich vor einer Kanone fürchtet 
und bei einer Sonnenfinsternis ängstigt, während der Weiße, der das 
Instrument handhaben und das Ereignis vorhersagen kann, unter diesen 



XXV. Die Angst ^^g 



Bedingungen angstfrei bleibt. Ein andermal ist es gerade das Mehrr- 
wissen, was die Angst befördert, weil es die Gefahr frühzeitig erkennen 
läßt. So wird der Wilde vor einer Fährte im Walde erschrecken, die 
dem Unkundigen nichts sagt, ihm aber die Nähe eines reißenden 
Tieres verrät, und der erfahrene Schiffer mit Entsetzen ein Wölkchen 
am Himmel betrachten, das dem Passagier unscheinbar dünkt, während 
es ihm das Herannahen des Orkans verkündet. 

Bei weiterer Überlegung muß man sich sagen, daß das Urteil über 
die Realangst, sie sei rationell und zweckmäßig, einer gründlichen 
Revision bedarf. Das einzig zweckmäßige Verhalten bei drohender 
Gefahr wäre nämlich die kühle Abschätzung der eigenen Kräfte im 
Vergleich zur Größe der Drohung und darauf die Entscheidung, ob 
die Flucht oder die Verteidigung, möglicherweise selbst der Angriff, 
größere Aussicht auf einen guten Ausgang verspricht. In diesem Zu- 
sammenhang ist aber für die Angst überhaupt keine Stelle^ alles, was 
geschieht, würde ebensowohl und wahrscheinlich besser vollzogen 
werden, wenn es nicht zur Angstentwicklung käme. Sie sehen ja 
auch, wenn die Angst übermäßig stark ausfällt, dann erweist sie sich 
als äußerst unzweckmäßig, sie lähmt dann jede Aktion, auch die der 
Flucht. Für gewöhnlich besteht die Reaktion auf die Gefahr aus einer 
Vermengung von Angstaffekt und Abwehraktion. Das geschreckte 
Tier ängstigt sich und flieht, aber das Zweckmäßige daran ist diq 
„Flucht", nicht das „sich ängstigen". 

Man fühlt sich also versucht zu behaupten,' daß die Angstent- 
wicklung niemals etwas Zweckmäßiges ist. Vielleicht verhilft es zu 
besserer Einsicht, wenn man sich die Angstsituation sorgfältiger zer- 
legt. Das Erste an ihr ist die Bereitschaft auf die Gefahr, die sich in 
gesteigerter sensorischer Aufmerksamkeit und motorischer Spannung 
äußert. Diese Erwartungsbereitschaft ist unbedenklich als vorteilhaft 
anzuerkennen, ja ihr Wegfall mag für ernste Folgen verantwortlich 
gemacht werden. Aus ihr geht nun einerseits die motorische Aktion 
hervor, zunächst Flucht, auf einer höhereu Stufe tätige Abwehr, ander- 
seits das, was wir als den Angstzustand empfinden. Je mehr sich die 



410 Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Angstentwicklung auf einen bloßen Ansatz, auf ein Signal einschränkt, 
desto ungestörter vollzieht sich die Umsetzung der Angstbereitschaft 
in Aktion, desto zweckmäßiger gestaltet sich der ganze Ablauf. Die 
Angstbereitschaft scheint mir also das Zweckmäßige, die Angstent- 
wicklung das Zweckwidrige an dem, was wir Angst heißen, zu sein. 

Ich vermeide es, auf die Frage näher einzugehen, ob unser Sprach- 
gebrauch mit Angst, Furcht, Schreck das Nämliche oder deutlich Ver- 
schiedenes bezeichnen will. Ich meine nur, Angst bezieht sich auf 
den Zustand und sieht vom Objekt ab, während Furcht die Aufmerksam- 
keit gerade auf das Objekt richtet. Schreck scheint hingegen einen 
besonderen Sinn zu haben, nämlich die Wirkung einer Gefahr hervor- 
zuheben, welche nicht von einer Angstbereitschaft empfangen wird. 
So daß man sagen könnte, der Mensch schütze sich durch die Angst 
vor dem Schreck. 

Die gewisse Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit im Gebrauche des 
Wortes „Angst" wird Ihnen nicht entgangen sein. Zumeist versteht 
man unter Angst den subjektiven Zustand, in den man durch die 
Wahrnehmung der „Angstentwicklung" gerät, und heißt diesen einen 
Affekt. Was ist nun im dynamischen Sinne ein Affekt? Jedenfalls et- 
was sehr Zusammengesetztes. Ein Affekt umschließt erstens bestimmte 
motorische Innervationen oder Abfuhren, zweitens gewisse Empfin- 
dungen, und zwar von zweierlei Art, die Wahrnehmungen der statt- 
gehabten motorischen Aktionen und die direkten Lust- und Unlust- 
empfindungen, die dem Affekt, wie man sagt, den Grundton geben. 
Ich glaube aber nicht, daß mit dieser Aufzählung das Wesen des 
Affektes getroffen ist. Bei einigen Affekten glaubt man tiefer zu bhcken 
und zu erkennen, daß der Kern, welcher das genannte Ensemble zu- 
sammenhält, die Wiederholung eines bestimmten bedeutungsvollen 
Erlebnisses ist. Dies Erlebnis könnte nur ein sehr frühzeitiger Ein- 
druck von sehr allgemeiner Natur sein, der in die Vorgeschichte nicht 
des Individuums, sondern der Art zu verlegen ist. Um mich verständ- 
hcher zu machen, der Affektzustand wäre ebenso gebaut wie ein hy- 
sterischer Anfall, wie dieser der Niederschlag einer Reminiszenz. 



XXV. Die Angit ■ ^i.i 



Der hysterische Anfall ist also vergleichbar einem neugebildeten in- 
dividuellen Affekt, der normale Affekt dem Ausdruck einer gene- 
rellen, zur Erbschaft gewordenen Hysterie. 

Nehmen Sie nicht an, daß dasjenige, was ich Ihnen hier über die 
Affekte gesagt habe, ein anerkanntes Gut der Normalpsychologie ist. 
Es sind im Gegenteil Auffassungen, die auf dem Boden der Psycho^ 
analyse erwachsen und nur dort heimisch sind. Was Sie in der Psy- 
chologie über die Affekte erfahren können, z. B. die James-Lange- 
sche Theorie, ist für uns Psychoanalytiker geradezu unverständlich 
und undiskutierbar. Für sehr gesichert halten wir aber unser Wissen 
um die Affekte auch nicht; es ist ein erster Versuch, sich auf diesem 
dunkeln Gebiet zu orientieren. Ich setze nun fort; Beim Angstaffekt 
glauben wir zu wissen, w^elchen frühzeitigen Eindruck er als Wieder- 
holung wiederbringt. Wir sagen uns, es ist der Geburtsakt, bei 
welchem jene Gruppierung von Unlustempfindungen, Abfuhrregun- 
gen und Körpersensationen zustande kommt, die das Vorbild für die 
Wirkung einer Lebensgefahr geworden ist und seither als Angstzu- 
stand von uns wiederholt wird. Die enorme Reizsteigerung durch 
die Unterbrechung der Bluterneuerung (der inneren Atmung) war 
damals die Ursache des Angsterlebnisses, die erste Angst also eine 
toxische. Der Name Angst — angustiae, Enge — betont den Cha- 
rakter der Beengung im Atmen, die damals als Folge der realen Si- 
tuation vorhanden war und heute im Affekt fast regelmäßig wieder- 
hergestellt wird. Wir werden es auch als beziehungsreich erkennen, 
daß jener erste Angstzustand aus der Trennung von der Mutter her- 
vorging. Natürlich sind vtdr der Überzeugung, die Disposition zur 
Wiederholung des ersten Angstzustandes sei durch die Reihe un- 
zählbarer Generationen dem Organismus so gründlich einverleibt, 
daß ein einzelnes Individuum dem Angstaffekt nicht entgehen kann^ 
auch wenn es wie der sagenhafte Macduff „aus seiner Mutter Leib 
geschnitten wurde", den Geburtsakt selbst also nicht erfahren hat. 
Was bei anderen als Säugetieren das Vorbild des Angstzustandes ge- 
worden ist, können wir nicht sagen. Dafür wissen wir auch nicht, 



413 Vorlesungen zur Einj-ührung in die Psychoanalyse 



welcher Empfindungskomplex bei diesen Geschöpfen unserer Angst 
äquivalent ist. 

Es wird Sie vielleicht interessieren zu hören, wie man auf eine 
solche Idee kommen kann, wie daß der Geburtsakt die Quelle und 
das Vorbild des Angstaffektes ist. Die Spekulation hat den geringsten 
Anteil daran^ ich habe vielmehr bei dem naiven Denken des Volkes 
eine Anleihe gemacht. Als wir vor langen Jahren junge Spitalärzte 
um den Mittagstisch im Wirtshause saßen, erzählte ein Assistent der 
geburtshilflichen Klinik, was für lustige Geschichte sich bei der letz- 
ten Hebammenprüfung zugetragen. Eine Kandidatin wurde gefragt, 
was es bedeute, wenn sich bei der Geburt Mekonium {Kindspech, Ex- 
kremente) im abgehenden Wasser zeigen, und sie antwortete prompt ; 
Daß das Kind Angst habe. Sie wurde ausgelacht und war durchge- 
fallen. Aber ich nahm im Stillen ihre Partei und begann zu ahnen, 
daß das arme Weib aus dem Volke unbeirrten Sinnes einen wichti- 
gen Zusamraienhang bloßgelegt hatte. 

Übergehen wir nun zur neurotischen Angst, welche neue Er- 
scheinungsformen und Verhältnisse zeigt uns die Angst bei den Ner- 
vösen? Da ist viel zu beschreiben. Wir finden erstens eine allgemeine 
Ängstlichkeit, eine sozusagen frei flottierende Angst, die bereit ist, 
sich an jeden irgendwie passenden Vorstellungsinhalt anzuhängen, 
die das Urteil beeinflußt, die Erwartungen auswählt, auf jede Ge- 
legenheit lauert, um sich rechtfertigen zu lassen. Wir heißen diesen 
Zustand „Erwartungsangst" oder „ängstliche Erwartung". Personen, 
die von dieser Art Angst geplagt werden, sehen von allen Möghch- 
keiten immer die schrecklichste voraus, deuten jeden Zufall als An- 
zeige eines Unheils, nützen jede Unsicherheit im schlimmen Sinne 
aus. Die Neigung zu solcher Unheilserwartung findet sich als Cha- 
rakterzug bei vielen Menschen, die man sonst nicht als krank be- 
zeichnen, kann, man schilt sie überängstlich oder pessimistisch; ein 
auffälliges Maß von Erwartungsangst gehört aber regelmäßig einer 
nervösen Affektion an, die ich als „Angstneurose" benannt habe 
und zu den Aktualneurosen rechne. 



XXV.Dis Ang^st 41g 



Eine zweite Form der Angst ist im Gegensatze zu der eben be- 
schriebenen vielmehr psychisch gebunden und an gewisse Objekte 
oder Situationen geknüpft. Es ist die Angst der überaus mannig- 
faltigen und oft sehr sonderbaren „Phobien". Stanley Hall, der 
angesehene amerikanische Psychologe, hat sich erst kürzlich die 
Mühe genommen, uns die ganze Reihe dieser Phobien in prunken- 
der griechischer Namengebung vorzuführen. Das klingt wie die Auf- 
zählung der zehn ägyptischen Plagen, nur daß ihre Anzahl weit 
über die Zehn hinausgeht. Hören Sie, was alles Objekt oder Inhalt 
einer Phobie werden kann: Finsternis, freie Luft, offene Plätze, 
Katzen, Spinnen, Raupen, Schlangen, Mäuse, Gewitter, scharfe 
Spitzen, Blut, geschlossene Räume, Menschen gedränge, Einsamkeit, 
Überschreiten von Brücken, See- und Eisenbahnfahrt usw. Bei einem 
ersten Versuch der Orientierung in diesem Gewimmel liegt es nahe, 
drei Gruppen zu unterscheiden. Manche der gefürchteten Objekte 
und Situationen haben auch für uns Normale etwas Unheimliches, 
eine Beziehung zur Gefahr, und diese Phobien erscheinen uns darum 
nicht unbegreiflich, wiewohl in ihrer Stärke sehr übertrieben. So 
empfinden die meisten von uns ein widerwärtiges Gefühl beim Zu- 
sammentreffen mit einer Schlange. Die Schlangenphobie, kann man 
sagen, ist eine allgemein menschliche, \md Ch. Darwin hat sehr 
eindrucksvoll beschrieben, wie er sich der Angst vor einer auf ihn 
losfahrenden Schlange nicht erwehren konnte, wiewohl er sich durch 
eine dicke Glasscheibe vor ihr geschützt wußte. Zu einer zweiten 
Gruppe stehen wir die Fälle, in denen noch eine Beziehung zu einer 
Gefahr besteht, wobei wir aber gewöhnt sind, diese Gefahr gering- 
zuschätzen und sie nicht voranzustellen. Hierher gehören die meisten 
Situationsphobien. Wir wissen, daß es auf der Eisenbahnfahrt eine 
Chance des Verunglückens mehr gibt, als w^enn wir zu Hause blei- 
ben, nämlich die des Eisenbahnzusammenstoßes, wissen auch, daß 
ein Schiff untergehen kann, wobei man dann in der Regel ertrinkt, 
aber wir denken nicht an diese Gefahren und reisen angstfrei mit 
Eisenbahn und Schiff. Es ist auch nicht zu leugnen, daß man in den 



414 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Fluß stürzen würde, wenn die Brücke in dem Moment einstürzte, 
in dem man sie passiert, aber das geschieht so überaus selten, daß 
es als Gefahr gar nicht in Betracht kommt. Auch die Einsamkeit hat 
ihre Gefahren, und wir vermeiden sie auch unter gewissen Umstän- 
den; es ist aber nicht die Rede davon, daß wir sie unter irgendwelcher 
Bedingung auch nur einen Moment lang nicht vertragen. Ähnliches 
gilt für das Menschengedränge, für den geschlossenen Raum, das 
Gewitter u. dgl. Was uns an diesen Phobien der Neurotiker befrem- 
det, ist überhaupt nicht so sehr der Inhalt als die Intensität der- 
selben. Die Angst der Phobien ist geradezu inappellabel! Und manch- 
mal bekommen wir den Eindruck, als ängstigten sich die Neurotiker 
gar nicht vor denselben Dingen und Situationen, die unter gewissen 
Umständen auch bei uns Angst hervorrufen können, und die sie mit 
denselben Namen belegen. ■ • , - . * 

Es erübrigt uns eine dritte Gruppe von Phobien, denen unser Ver- 
ständnis überhaupt nicht mehr nachkommt. Wenn ein starker, er- 
wachsener Mann vor Angst nicht durch eine Straße oder über einen. 
Platz der ihm so wohlvertrauten Heimatstadt gehen kann, wenn eine 
gesunde, gut entwickelte Frau in eine besinnungslose Angst verfallt, 
weil eine Katze an ihren Kleidersaum gestreift hat oder ein Mäuschen 
durchs Zimmer gehuscht ist, wie sollen wir da die Verbindung mit 
der Gefahr herstellen, die offenbar doch für die Phobischen besieht? 
Bei den hierher gehörigen Tierphobien kann es sich nicht um die 
Steigerung allgemein menschlicher Antipathien handeln, denn es 
gibt wie zur Demonstration des Gegensatzes zahlreiche Menschen, 
die an keiner Katze vorbeigehen können, ohne sie zu locken und zu 
streicheln. Die von den Frauen so gefürchtete Maus ist gleichzeitig 
ein Zärtlichkeitsname erster Ordnung; manches Mädchen, das sich 
mit Befriedigung von seinem Geliebten so nennen hört, schreit doch 
entsetzt auf, wenn es das niedliche Tierchen dieses Namens erblickt. 
Für den Mann mit Straßen- oder Platzangst drängt sich uns die ein- 
zige Erklärung auf, daß er sich benehme wie ein kleines Kind. Ein 
Kind wird durch die Erziehung direkt angehalten, solche Situationen 



XXF. Die Angst 41g 



als gefährlich zu vermeiden, und unser Agoraphobiker ist wirklich 
vor seiner Angst geschützt, wenn man ihn über den Platz begleitet. 

Die beiden hier beschriebenen Formen der Angst, die frei flot- 
tierende Erwartungsangst und die an Phobien gebundene, sind unab- 
hängig voneinander. Die eine ist nicht etwa eine höhere Stufe der 
anderen sie kommen auch nur ausnahmsweise und dann wie zufällig 
miteinander vor. Die stärkste allgemeine Ängstlichkeit braucht sich 
nicht in Phobien zu äußern; Personen, deren ganzes Leben durch 
eine Agoraphobie eingeschränkt wird, können von der pessimistischen 
Erwartungsangst völlig frei sein. Manche der Phobien, z. B. Platzangst, 
Eisenbahnangst, werden nachweisbar erst in reiferen Jahren erworben, 
andere, wie Angst vor Dunkelheit, Gewitter, Tieren, scheinen von An- 
fang an bestanden zu haben. Die der ersteren Art haben die Bedeu- 
tung von schweren Krankheiten; die letzteren erscheinen eher wie 
Sonderbarkeiten, Launen. Wer eine von diesen letzteren zeigt, bei 
dem darf man in der Regel noch andere, ähnliche vermuten. Ich 
muß hinzufügen, daß wir diese Phobien sämtlich zur Angsthysterie 
rechnen, d. h. also sie als eine der bekannten Konversionshysterie 
sehr verwandte Affektion betrachten. 

Die dritte der Formen neurotischer Angst stellt uns vor das Rätsel, 
daß wir den Zusammenhang zwischen Angst und drohender Gefahr 
völlig aus den Augen verlieren. Diese Angst tritt z. B. bei der Hysterie 
auf als Begleitung der hysterischen Symptome, oder unter beliebigen 
Bedingungen der Aufregung, wo wir zwar eine Affektäußerung er- 
warten würden, aber gerade den Angstaffekt am wenigsten, oder los- 
gelöst von allen Bedingungen, für uns und den Kranken gleich un- 
verständlich, als freier Angstanfall. Von einer Gefahr oder einem 
Anlaß, der durch Übertreibung dazu erhoben werden könnte, ist dann 
weit und breit keine Rede. Bei diesen spontanen Anfällen erfahren 
wir dann, daß der Komplex, den wir als Angstzustand bezeichnen, 
einer Aufsplitterung fähig ist. Das Ganze des Anfalles kann durch 
ein einzelnes, intensiv ausgebildetes Symptom vertreten werden, durch 
ein Zittern, einen Schwindel, eine Herzpalpitation, eine Atemnot, 



4l6 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



und das Gemeingefiihl, an dem wir die Angst erkennen, kann dabei 
fehlen oder undeutlich geworden sein. Und doch sind diese Zustände, 
die wir als „Angstäquivalente" beschreiben, in allen klinischen und 
ätiologischen Beziehungen der Angst gleichzustellen. 

Nun erheben sich zwei Fragen. Kann mau die neurotische Angst, 
bei welcher die Gefahr keine oder eine so geringe Rolle spielt, in 
Zusammenhang mit der Realangst bringen, welche durchwegs eine 
Reaktion auf die Gefahr ist? Und wie läßt sich die neurotische Angst 
verstehen? Wir werden doch zunächst die Erwartung festhalten 
wollen; wo Angst istj muß auch etwas vorhanden sein, vor dem man 
sich ängstigt. 

Für das Verständnis der neurotischen Angst ergeben sich nun aus 
der klinischen Beobachtung mehrere Hinweise, deren Bedeutung ich 
vor Ihnen erörtern will. 

a) Es ist nicht schwer festzustellen, daß die Erwartungsangst oder 
allgemeine Ängstlichkeit in enger Abhängigkeit von bestimmten 
Vorgängen im Sexualleben, sagen wir: von gewissen Verwendungen 
der Libido, steht. Der einfachste und lehrreichste Fall dieser Art er- 
gibt sich bei Personen, die sich der sogenannten frustranen Erregung 
aussetzen, d. h. bei denen heftige sexuelle Erregungen keine genügende 
Abfuhr erfahren, nicht zu einem befriedigenden Abschluß geführt 
werden. Also z. B. bei Männern während des Brautstandes, und bei 
Frauen, deren Männer ungenügend potent sind oder die den Ge- 
schlechtsakt aus Vorsicht verkürzt oder verkümmert ausführen. Unter 
diesen Umständen schwindet die libidinöse Erregung und an ihrer 
Stelle tritt Angst auf, sowohl in der Form der Erwartungsangst als auch 
in Anfällen und Anfallsäquivalenten. Die vorsichtige Unterbrechung 
des Geschlechtsaktes wird, wenn sie als sexuelles Regime geübt wird, 
so regelmäßig Ursache der Angstneurose bei Männern, besonders aber 
bei Frauen, daß es sich in der ärzthchen Praxis empfiehlt, bei der- 
artigen Fällen in erster Linie nach dieser Ätiologie zu forschen. Man 
kann dann auch ungezählte Male die Erfahrung machen, daß die 
Angstneurose erlischt, wenn der sexuelle Mißbrauch abgestellt wird. 



XXV. Die Angst ^j^ 



Die Tatsache eines Zusammenhanges zwischen sexueller Zurück- 
haltung und Angstzuständen wird, soviel ich weiß, auch von Ärzten 
die der Psychoanalyse fernestehen, nicht mehr bestritten. Allein ich 
kann mir wohl denken, daß der Versuch nicht unterlassen wird, die 
Beziehung umzukehren, indem man die Auffassung vertritt, es handle 
sich dabei um Personen, die von vornherein zur Ängsthchkeit neigen 
und darum auch in sexuellen Dingen Zurückhaltung üben. Dagegen 
spricht aber mit Entschiedenheit das Verhalten der Frauen, deren 
Sexualbetätigung ja wesentlich passiver Natur ist, d. h. durch die Be- 
handlung von Seiten des Mannes bestimmt wird. Je temperament- 
voller, also je geneigter zum Sexualverkehr und befähigter zur Be- 
friedigung eine Frau ist, desto sicherer wird sie auf die Impotenz des 
Mannes oder auf den Coitus interruptus mit Angsterscheinungen re- 
agieren, während solche Mißhandlung bei anästhetischen oder wenig 
libidinösen Frauen eine weit geringere Rolle spielt. 

Dieselbe Bedeutung für die Entstehung von Angstzuständen hat 
die jetzt von den Ärzten so warm empfohlene sexuelle Abstinenz na- 
türlich nur dann, wenn die Libido, der die befriedigende Abfuhr ver- 
sagt wird, entsprechend stark und nicht zum größten Teil durch 
Subhmierung erledigt ist. Die Entscheidung über den Krankheits- 
erfolg liegt ja immer bei den quantitativen Faktoren. Auch wo nicht 
Krankheit sondern Charaktergestaltuug in Betracht kommt, erkennt 
man leicht, daß sexuelle Einschränkung mit einer gewissen Ängst- 
lichkeit und Bedenklichkeit Hand in Hand geht, während Uner- 
schrockenheit und kecker Wagemut ein freies Gewährenlassen der 
sexuellen Bedürftigkeit mit sich bringen. So sehr sich diese Beziehun- 
gen durch mannigfache Kultureinflüsse abändern und komplizieren 
lassen, so bleibt es doch für den Durchschnitt der Menschen bestehen, 
daß die Angst mit der sexuellen Beschränkung zusammengehörig ist. 

Ich habe Ihnen noch lange nicht alle Beobachtungen mitgeteilt, 
die für die behauptete genetische Beziehung zwischen Libido und 
Angst sprechen. Dazu gehört z. B. noch der Einfluß gewisser Lebens- 
phasen auf die Angsterkrankungen, denen man, wie der Pubertät 

Freöd, vn. ,y 



4x8 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



und der Zeit der Menopause, eine erhebliche Steigerung in der Pro- 
duktion der Libido zuschreiben darf. In manchen Zuständeu von 
Aufregung kann man auch die Vermeugung von Libido und Angst 
und die endliche Ersetzung der Libido durch die Angst direkt be- 
obachten. Der Eindruck, den man von all diesen Tatsachen empfängt, 
ist ein zweifacher, erstens daß es sich um eine Anhäufung von Li- 
bido handelt, die von ihrer normalen Verwendung abgehalten wird, 
zweitens, daß man sich dabei durchaus auf dem Gebiete somatischer 
Vorgänge befindet. Wie aus der Libido die Angst entsteht, ist zu- 
nächst nicht ersichtlich; man stellt nur fest, daß Libido vermißt 
und an ihrer Statt Angst beobachtet wird. 

b) Einen zweiten Fingerzeig entnehmen wir aus der Analyse der 
Psychoneurosen, speziell der Hysterie. Wir haben gehört, daß bei 
dieser Affektion häufig Angst in Begleitung der Symptome auftritt, 
aber auch ungebundene Angst, die sich als Anfall oder als Dauerzu- 
stand äußert. Die Kranken wissen nicht zu sagen, wovor sie sich 
ängstigen, und verknüpfen sie durch eine unverkennbare sekundäre 
Bearbeitung mit den nächstliegenden Phobien, wie: Sterben, Ver- 
rücktwerden, Schlaganfall. Wenn wir die Situation, aus welcher die 
Angst oder von Angst begleitete Symptome hervorgegangen sind, 
der Analyse unterziehen, so können wir in der Regel angeben, 
welcher normale psychische Ablauf unterblieben ist und sich durch 
das Angstphänomen ersetzt hat. Drücken wir uns anders aus: Wir 
konstruieren den unbewid3ten Vorgang so, als ob er keine Verdrän- 
gung erfahren und sich ungehindert zum Bewußtsein fortgesetzt 
hätte. Dieser Vorgang wäre auch von einem bestimmten Affekt be- 
gleitet gewesen, und nun erfahren wir zu unserer Überraschung, 
daß dieser den normalen Ablauf begleitende Affekt nach der Ver- 
drängung in jedem Falle durch Angst ersetzt wird, gleichgültig, was 
seine eigene Qualität ist. Wenn wir also einen hysterischen Angst- 
zustand vor uns haben, so kann sein unbewußtes Korrelat eine Re- 
gung von. ähnlichem Charakter sein, also von Angst, Scham, Ver- 
legenheit, ebensowohl eine positiv lihidinöse Erregung oder eine 



XXV. Die Angst ^^g 



feindselig aggressive, wie Wut und Ärger. Die Angst ist also die all- 
gemein gangbare Münze, gegen welche alle Affektregungen 'einge- 
tauscht werden oder werden können, wenn der dazugehörige Vor- 
stellungsinhalt der Verdrängung unterlegen ist. 

c) Eine dritte Erfahrung machen wir bei den Kranken mit Zwangs- 
handlungen, die in bemerkenswerter Weise von der Angst verschont 
zu sein scheinen. Wenn wir sie an der Ausführung ihrer Zwangs- 
handlung, ihres Waschens, ihres Zeremoniells zu hindern versuchen, 
oder wenn sie selbst den Versuch wagen, einen ihrer Zwänge auf- 
zugeben, so werden sie durch eine entsetzliche Angst zur Gefügig- 
keit gegen den Zwang genötigt. Wir verstehen, daß die Angst durch 
die Zwangshandlung gedeckt war, und daß diese nur ausgeführt 
wurde, um die Angst zu ersparen. Es wird also bei der Zwangsneu- 
rose die Angst, die sich sonst einstellen müßte, durch Symptorn- 
bildung ersetzt, und wenn wir uns zur Hysterie wenden, finden wir 
bei dieser Neurose eine ähnliche Beziehung : als Erfolg des Verdrän- 
gungsvorganges entweder reine Angstentwicklung oder Angst mit 
Symptombildung oder vollkommenere Symptombildung ohne Angst. 
Es schiene also in einem abstrakten Sinne nicht unrichtig zu sagen, 
daß Symptome überhaupt nur gebildet werden, um der sonst un- 
vermeidlichen Angstentwicklung zu entgehen. Durch diese Auffas- 
sung wird die Angst gleichsam in den Mittelpunkt unseres Interesses 
für die Neurosenprobleme gerückt. 

Aus den Beobachtungen an der Angstneurose hatten wir ge- 
schlossen, daß die Ablenkung 'der Libido von ihrer normalen Ver- 
wendung, welche die Angst entstehen läßt, auf dem Boden der so- 
matischen Vorgänge erfolgt. Aus den Analysen der Hysterie und der 
Zwangsneurose ergibt sich der Zusatz, daß die nämhche Ablenkung 
mit demselben Ergebnis auch die Wirkung einer Verweigerung der 
psychischen Instanzen sein kann. Soviel wissen wir also über die 
Entstehung der neurotischen Angstj es klingt noch ziemlich unbe- 
stimmt. Ich sehe aber vorläufig keinen Weg, der weiterführen 
würde. Die zweite Aufgabe, die wir uns gestellt haben, die Her- 

S7» 



420 Forlesungen zur Einführun g in die Psychoanalyse 

Stellung einer Verbindung zwischen der neurotischen Angst, die ab- 
norm verwendete Libido ist, und der Realangst, welche einer Re- 
aktion auf die Gefahr entspricht, scheint noch schwieriger lösbar. 
Man möchte glauben, es handle sich da um ganz disparate Dinge, 
und doch haben wir kein Mittel, Realangst und neurotische Angst 
in der Empfindung voneinander zu unterscheiden. 

Die gesuchte Verbindung stellt sich endlich her, wenn wir den 
oft behaupteten Gegensatz z\vischen Ich und Libido zur Voram- 
setzung nehmen. Wie wir wissen, ist die Angstentwickluug die Re- 
aktion des Ichs auf die Gefahr und das Signal für die Einleitung der 
Flucht; da liegt uns denn die Auffassung nahe, daß bei der neuroti- 
schen Angst das Ich einen ebensolchen Fluchtversuch vor dem An- 
spruch seiner Libido unternimmt, diese innere Gefahr so liehandelt, 
als ob sie eine äußere wäre. Damit wäre die Erwartung erfüllt, daß 
dort, wo sich Angst zeigt, auch etwas vorhanden ist, wovor man sich 
ängstigt. Die Analogie ließe sich aber weiter fortführen. So wie der 
Fluchtversuch vor der äußeren Gefahr abgelöst wird durch Stand- 
halten und zweckmäßige Maßnahmen zur Verteidigung, so weicht 
auch die neurotische Angstentwickluug der Symptombildung, welche 
eine Bindung der Angst herbeiführt. 

Die Schwierigkeit des Verständnisses liegt jetzt an anderer Stelle. 
Die Angst, welche eine Flucht des Ichs vor seiner Libido bedeutet, 
soll doch aus dieser Libido selbst hervorgegangen sein. Das ist un- 
durchsichtig und enthält die Mahnung, nicht zu vergessen, daß die 
Libido einer Person doch im Grunde zu ihr gehört und sich ihr 
nicht wie etwas Äußerliches entgegenstellen kann. Es ist die topische 
Dynamik der Angstentwicklung, die uns noch dunkel ist, was für 
seelische Energien dabei ausgegeben werden und von welchen psy- 
chischen Systemen her. Ich kann Ihnen nicht versprechen, auch 
diese Frage zu beantworten, aber wir wollen es nicht unterlassen, 
zwei andere Spuren zu verfolgen und uns dabei wieder der direkten 
Beobachtung und der analytischen Forschung zu bedienen, um un- 
serer Spekulation zu Hilfe zu kommen. Wir wenden uns zur Ent- 






XXV. Die Angst ^2.1 



stehung der Angst beim Kinde und zur Herkunft der neurotischen 
Angst, welche an Phobien gebunden ist. 

Die Ängstlichkeit der Kinder ist etwas sehr Gewöhnliches, und 
die Unterscheidung, ob sie neurotische oder Realangst ist, scheint 
recht schwierig. Ja, der Wert dieser Unterscheidung wird durch das 
Verhalten der Kinder in Frage gestellt. Denn einerseits verwundern 
wir uns nicht, wenn sich das Kind vor allen fremden Personen, 
neuen Situationen und Gegenständen ängstigt, und erklären uns 
dj^gge Reaktion sehr leicht durch seine Schwäche und Unwissenheit. 
Wir schreiben also dem Kinde eine starke Neigung zur Realangst 
zu und würden es für ganz zweckmäßig ansehen, wenn es diese 
Ängstlichkeit als Erbschaft mitgebracht hätte. Das Kind würde hierin 
nur das Verhalten des Urmenschen und des heutigen Primitiven 
wiederholen, der infolge seiner Unwissenheit und Hilflosigkeit Yor 
allem Neuen Angst hat und vor so viel Vertrautem, was uns heute 
keine Angst mehr einflößt. Auch entspräche es durchaus unserer 
Erwartung, wenn die Phobien des Kindes wenigstens zum Teil noch 
dieselben wären, die wir jenen Urzeiten der menschlichen Entwick- 
lung zutrauen dürfen. 

Anderseits können wir nicht übersehen, daß nicht alle Kinder in 
gleichem Maße ängstlich sind, und daß gerade die Kinder, welche 
eine besondere Scheu vor allen möglichen Objekten und Situationen 
äußern, sich späterhin als Nervöse erweisen. Die neurotische Dispo- 
sition verrät sich also auch durch eine ausgesprochene Neigung zur 
Realangst, die Ängstlichkeit erscheint als das Primäre, und man gelangt 
zum Schlüsse, das Kind und später der Heranwachsende ängstigen sich 
vor der Höhe ihrer Libido, weil sie sich eben vor allem ängstigen. Die 
Entstehung der Angst aus der Libido wäre hiemit abgelehnt, und wenn 
man den Bedingungen der Realangst nachforschte, gelangte man kon- 
sequent zu der Auffassung, daß das Bewußtsein der eigenen Schwäche 
und Hilflosigkeit — Minderwertigkeit in der Terminologie von 
A. Adler — auch der letzte Grund der Neurose ist, wenn es sich 
aus der Kinderzeit ins reifere Leben fortsetzen kann. 



4.2 2 Forlesungen, zur Einführung in die Psychoanalyse 

Das klingt so einfach und bestechend, daß es ein Anrecht auf 
unsere Aufmerksamkeit hat. Es würde allerdings eine Verschiebung 
des Rätsels der Nervosität mit sich bringen. Der Fortbestand des 
Minderwertigkeitsgefühls — und damit der Angstbedingung und 
der Symptombildung — scheint so gut gesichert, daß es vielmehr 
einer Erklärung bedarf, w^enn ausnahmsweise das, was wir als Ge- 
sundheit kennen, zustande kommen soUte. Was läßt aber eine sorg- 
fältige Beobachtung der Ängstlichkeit der Kinder erkennen? Das 
kleine Kind ängstigt sich zu allererst vor fremden Personen^ Situa- 
tionen werden erst dadurch bedeutsam, daß sie Personen enthalten, 
und Gegenstände kommen überhaupt erst später in Betracht. Vor 
diesen Fremden ängstigt sich das Kind aber nicht etwa darum, weil 
es ihnen böse Absichten zutraut und seine Schwäche mit deren Stärke 
vergleicht, sie also als Gefahren für seine Existenz, Sicherheit und 
Schmerzfreiheit agnosziert. Ein derart mißtrauisches, von dem, welt- 
beherrschenden Aggressionstrieb geschrecktes Kind ist eine recht 
verunglückte theoretische Konstruktion. Sondern das Kind erschrickt 
vor der fremden Gestalt, weil es auf den Anblick der vertrauten und 
geliebten Person, im Grunde der Mutter, eingestellt ist. Es ist seine 
Enttäuschung und Sehnsucht, welche sich in Angst umsetzt, also 
unverwendbar gewordene Libido, die derzeit nicht in Schwebe ge- 
halten werden kann, sondern als Angst abgefühit wird. Es kann auch 
kaum zufällig sein, daß in dieser für die kindliche Angst vorbildlichen 
Situation die Bedingung des ersten Angstzustandes während des Ge- 
burtsaktes, nämlich die Trennung von der Mutter, wiederholt wird. 

Die ersten Situationsphobien der Kinder sind die vor der Dunkel- 
heit und der Einsamkeit; die erstere bleibt oft durchs Leben bestehen, 
beiden gemeinsam ist das Vermissen der geliebten Pflegeperson, der 
Mutter also. Ein Kind, das sich in der Dunkelheit ängstigte, hörte 
ich ins Nebenzimmer rufen: „Tante, sprich doch zu mir, ich fürchte 
mich." „Aber was hast Du davon? Du siehst mich ja nicht"; darauf 
das Kind: „Wenn jemand spricht, wird es heller." Die Sehnsucht in 
der Dunkelheit wird also zur Angst vor der Dunkelheit umgebildet. 



XXF. Die Angst 425 



Weit entfernt, daß die neurotische Angst nur sekundär und ein 
Spezialfall der Realangst wäre, sehen wir vielmehr beim kleinen 
Kinde, daß sich etwas als Realangst gebärdet, was mit der neuroti- 
schen Angst den wesentlichen Zug der Entstehung aus unverwendeter 
Libido gemein hat. Von richtiger Realangst scheint das Kind wenig 
mitzubringen. In all den Situationen, die später die Bedingungen 
von Phobien werden können, auf Höhen, schmalen Stegen über dem 
Wasser auf der Eisenbahnfahrt und im SchiiT, zeigt das Kind keine 
Angst und zwar um so weniger, je unwissender es ist. Es wäre sehr 
wünschenswert, wenn es mehr von solchen lebenschützenden In- 
stinkten zur Erbschaft bekommen hätte; die Aufgabe der Über- 
wachung, die es daran verhindern muß, sich einer Gefahr nach der 
anderen auszusetzen, wäre dadurch sehr erleichtert. In Wirklichkeit 
aber überschätzt das Kind anfänglich seine Kiäfte und benimmt sich 
angstfrei, weil es die Gefahren nicht kennt. Es wird an den Rand 
des Wassers laufen, auf die Fensterbrüstung steigen, mit scharfen 
Gegenständen und mit dem Feuer spielen, kurz alles tun, was ihm 
Schaden bringen und seinen Pflegern Sorge bereiten muß. Es ist 
diu-chaus das Werk der Erziehung, wenn endlich die Realangst bei 
ihm erwacht, da man ihm nicht erlauben kann, die belehrende Er- 
fahrung selbst zu machen. 

Wenn es nun Kinder gibt, die dieser Erziehung zur Angst ein Stück 
weit entgegenkomm^en, und die dann auch selbst Gefahren finden, 
vor denen man sie nicht gewarnt hat, so reicht für sie die Erklärung 
aus, daß sie ein größeres Maß von libidinöser Bedürftigkeit in ihrer 
Konstitution mitgebracht haben oder frühzeitig mit libidinöser Be- 
friedigung verwöhnt worden sind. Kein Wunder, wenn sich unter 
diesen Kindern auch die späteren Nervösen befinden ; wir wissen ja, die 
größte Erleichterung für die Entstehung einer Neurose liegt in der 
Unfähigkeit, eine ansehnlichere Libidostauung durch längere Zeit zu 
ertragen. Sie merken, daß hier auch das konstitutionelle Moment zu 
seinem Recht kommt, dem wir seine Rechte ja nie bestreiten wollen. 
Wir verwahren uns nur dagegen, wenn jemand über diesem Anspruch 



434 Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

alle anderen vernachlässigt und das konstitutionelle Moment auch 
dort einführt, wo es nach den vereinten Ergebnissen von Beobachtung 
und Analyse nicht hingehört oder an die letzte Stelle zu rücken hat. 

Lassen Sie uns aus den Beobachtungen über die Ängstlichkeit der 
Kinder die Summe ziehen i Die infantile Angst hat sehr wenig mit 
der Realangst zu schaffen, ist dagegen der neurotischen Angst der 
Erwachsenen nahe verwandt. Sie entsteht wie diese aus unverwen- 
deter Libido und ersetzt das vermißte IJebesobjekt durch einen äußeren 
Gegenstand oder eine Situation. 

Nun werden Sie es gerne hören, daß uns die Analyse der Pho- 
bien nicht mehr viel Neues zu lehren hat. Bei diesen geht nämlich 
dasselbe vor wie bei der Kinderangst; es wird unausgesetzt unver- 
wendbare Libido in eine scheinbare Realangst umgewandelt und so 
eine winzige äußere Gefahr zur Vertretung der Libidoansprüche ein- 
gesetzt. Die Übereinstimmung hat nichts Befremdliches, denn die 
infantilen Phobien sind nicht nur das Vorbild für die späteren, die 
wir zur „Angsthysterie" rechnen, sondern die direkte Voi'bedingung 
und das Vorspiel derselben. Jede hysterische Phobie geht auf eine 
Kinderangst zurück und setzt sie fort, auch wenn sie einen anderen 
Inhalt hat und also anders benannt werden muß. Der Unterschied 
der beiden Affektionen liegt im Mechanismus. Beim Erwachsenen 
reicht es für die Verwandlung der Libido in Angst nicht mehr hin, 
daß die Libido als Sehnsucht augenblicklich unverwendbar geworden 
ist. Er hat es längst erlernt, solche Libido schwebend zu erhalten 
oder anders zu verwenden. Aber wenn die Libido einer psychischen 
Regung angehört, welche die Verdrängung erfahren hat, dann sind 
ähnliche Verhältnisse wiederhergestellt wie beim Kind, das noch keine 
Scheidung zwischen Bewußtem und Unbewußtem besitzt, und durch 
die Regression auf die infantile Phobie ist gleichsam der Paß eröffnet, 
über den sich die Verwandlung der Libido in Angst bequem voll- 
ziehen kann. Wir haben ja, wie Sie sich erinnern, viel von der Ver- 
drängung gehandelt, aber dabei immer nur das Schicksal der zu ver- 
drängenden Vorstellung verfolgt, natürlich weil dieses leichter zu 



XXV. Die Angst 425 



erkennen und darzustellen war. Was mit dem Affekt geschieht, der an 
der verdrängten Vorstellung hing, das haben wir immer beiseite ge- 
lassen, und wir erfahren erst jetzt^ daß es das nächste Schicksal dieses 
Affektes ist in Angst verwandelt zu werden, in welcher Qualität 
immer er sich sonst bei normalem Ablauf gezeigt hätte. Diese Affekt- 
verwandlung ist aber das bei weitem wichtigere Stück des Verdrän- 
eunesvorganges. Es ist nicht so leicht davon zu reden, weil wir die 
Existenz unbewußter Affekte nicht in demselben Sinne behaupten 
können wie die unbewußter Vorstellungen. Eine Vorstellung bleibt 
bis auf einen Unterschied dasselbe, ob sie bewußt oder unbewußt 
ist- wir können angeben, was einer unbewußten Vorstellung ent- 
spricht. Ein Affekt aber ist ein Abfuhrvorgang, ganz anders zu be- 
urteilen als eine Vorstellung^ was ihm im Unbewußten entspricht, 
ist ohne tiefergehende Überlegungen inid Klärung unserer Voraus- 
setzungen über die psychischen Vorgänge nicht zu sagen. Das können, 
wir hier nicht unternehmen. Wir wollen aber den Eindruck hoch- 
halten, den wir nun gewonnen haben, daß die Angstentwicklung 
innig an das System des Unbewußten geknüpft ist. 

Ich sagte, die Verwandlung in Angst, besser: die Abfuhr in der 
Form der Angst, sei das nächste Schicksal der von der Verdrängung 
betroffenen Libido. Ich muß hinzufügen: nicht das einzige oder end- 
gültige. Es sind bei den Neurosen Prozesse im Gange, welche sich 
bemühen, diese Angstentwicklung zu binden, und denen dies auch 
auf verschiedenen Wegen gelingt. Bei den Phobien z. B. kann man 
deutlich zwei Phasen des neurotischen Vorganges unterscheiden. Die 
erste besorgt die Verdrängung und die Überführung der Libido in 
Angst, welche an eine äußere Gefahr gebunden wird. Die zweite 
besteht in dem Aufbau all jener Vorsichten und Sicherungen, durch 
welche eine Berührung mit dieser wie eine Äußerlichkeit behandel- 
ten Gefahr vermieden werden soU. Die Verdrängung entspricht einem 
Fluchtversuch des Ichs vor der als Gefahr empfundenen Libido. Die 
Phobie karm man einer Verschanzung gegen die äußere Gefahr ver- 
gleichen, die nun die gefürchtete Libido vertritt. Die Schwäche des 



420 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Verteidigungssystems bei den Phobien liegt natürlich darin, daß die 
Festung, die sich nach außen hin so verstärkt hat, von innen her an- 
greifbar geblieben ist. Die Projektion der Libidogefahr nach außen 
kann nie gut gelingen. Bei den anderen Neurosen sind darum andere 
Systeme der Verteidigung gegen die Möglichkeit der Angstentwick- 
lung im Gebrauch. Das ist ein sehr interessantes Stück der Neurosen- 
psychologie, leider führt es uns zu weit und setzt gründlichere Spe- 
zialkenntnisse voraus. Ich will nur noch eines beifügen. Ich habe 
Ihnen doch bereits von der „Gegenbesetzung" gesprochen, die das 
Ich bei einer Verdrängung aufwendet und dauernd unterhalten muB, 
damit die Verdrängung Bestand habe. Dieser Gegenbesetzung fällt 
die Aufgabe zu, die verschiedenen Formen der Verteidigung gegen 
die Angstentwicklung nach der Verdrängung durchzuführen. 

Kehren wir zu den Phobien zurück. Ich darf nun sagen, Sie sehen 
ein, wie unzureichend es ist, wenn man an ihnen nur den Inhalt er- 
klären will, sich für nichts anderes interessiert, als woher es kommt, 
daß dies oder jenes Objekt oder eine beliebige Situation zum Gegen- 
stand der Phobie gemacht wird. Der Inhalt einer Phobie hat für 
diese ungefähr dieselbe Bedeutung wie die manifeste Traumfassade 
für den Traum. Es ist mit den notwendigen Einschränkungen zuzu- 
geben, daß unter diesen Inhalten der Phobien sich manche befinden, 
die, wie Stanley Hall hervorhebt, durch phylogenetische Erbschaft 
zu Angstobjekten geeignet sind. Ja es stimmt dazu, daß viele dieser 
Angstdinge ihre Verbindung mit der Gefahr nur durch eine sym- 
bohsche Beziehung herstellen können. 

Wir haben uns so überzeugt, welche geradezu zentral zu nennende 
Stelle das Angstproblem in den Fragen der Neui-osenpsychologie 
einnimmt. Wir haben einen starken Eindruck davon empfangen, wie 
die Angstentwicklung mit den Schicksalen der Libido und dem Sy- 
stem des Unbewußten verknüpft ist. Nur einen Punkt empfanden 
yiriT als unverbunden, als eine Lücke in unserer Auffassung, die eine 
doch schwer bestreitbare Tatsache, daß die Realangst als eine Äuße- 
rung der Selbsterhaltungstriebe des Ichs gewertet werden muß. 



XXVI. VORLESUNG 

DIE LlßlDOTHEORIE UND DER NARZISSMUS 

Meine Damen und Herren! Wir haben wiederholt und erst vor 
kurzem wieder mit der Sondermig der Ichtriebe und der Sexualtriebe 
zu tun gehabt. Zuerst hat uns die Verdrängung gezeigt, daß die 
beiden in Gegensatz zueinander treten können, daß dann die Sexual- 
triebe formell unterliegen und genötigt sind, sich auf regressiven 
Umwegen Befriedigung zu holen, wobei sie dann in ihrer Unbezwdng- 
barkeit eine Entschädigung für ihre Niederlage finden. Sodann haben 
wir gelernt, daß die beiden von Anfang an ein verschiedenes Ver- 
hältnis zur Erzieherin Not haben, so daß sie nicht dieselbe Entwick- 
lung durchmachen und nicht in die nämliche Beziehung zum Re- 
alitätsprinzip geraten. Endlich glauben wir zu erkennen, daß die 
Sexualtriebe durch weit engere Bande mit dem Affektzustand der 
Angst verknüpft sind als die Ichtriebe, ein Resultat, welches nur noch 
in einem wichtigen Punkte unvollständig erscheint. Wir wollen 
darum zu seiner Verstärkung noch die bemerkenswerte Tatsache 
heranziehen, daß die Unhefriedigung von Hunger und Durst, der 
zwei elementarsten Selbst örhaltungstriebe niemals deren Umschlag 
in Angst zur Folge hat, während die Umsetzung von unbefriedigter 
Libido in Angst, wie wir gehört haben, zu den bestbekannien und 
am häufigsten beobachteten Phänomenen gehört. 

An unserem guten Recht, Ich- und Sexualtriebe zu sondern, kann 
doch wohl nicht gerüttelt werden. Es ist ja mit der Existenz des 



r 



428 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Sexuallebens als einer besonderen Betätigung des Individuums ge- 
geben. Es kann sich nur fragen, welche Bedeutung wir dieser Son- 
derung beilegen^ für wie tief einschneidend wir sie halten wollen. 
Die Beantwortung dieser Frage wird sich aber nach dem Ergebnis 
der Feststellung richten, inwiefern sich die Sexualtriebe in ihren so- 
matischen und seelischen Äußerungen anders verhalten als die anderen, 
die wir ihnen gegenüberstellen, und wie bedeutsam die Folgen sind, 
die sich aus diesen Differenzen ergeben. Eine übrigens nicht recht 
faßbare Wesensverschiedenheit der beiden Triebgruppen zu behaup- 
ten, dazu fehlt uns natürlich jedes Motiv. Beide treten uns nur als 
Benennungen für Energiequellen des Individuums entgegen, und 
die Diskussion, ob sie im Grunde eins oder wesensverschieden sind, 
und w^enn eines, wann sie sich voneinander getrennt haben, kann 
nicht an den Begriffen geführt werden, sondern muß sich an die bio- 
logischen Tatsachen hinter ihnen halten. Darüber wissen wir vor- 
läufig zu wenig, und wüßten wir selbst mehr, es käme für unsere 
analytische Aufgabe nicht in Betracht. 

Wir profitieren offenbar auch sehr wenig, wenn wir nach dem 
Vorgang von Jung die uranfängliche Einheit aller Triebe betonen 
und die in allem sich äußernde Energie „Libido" nennen. Da sich 
die Sexualfuuktion durch keinerlei Kunststück aus dem Seelenleben 
eliminieren läßt, sehen wir uns dann genötigt, von sexueller und 
von asexueller Libido zu sprechen. Der Name Libido bleibt aber mit 
Recht für die Triebkräfte des Sexuallebens vorbehalten, wie wir es 
bisher geübt haben. 

Ich meine also, die Frage, wie weit die unzweifelhaft berechtigte 
Sonderung von Sexual- und Selbsterhaltungstrieben fortzusetzen ist, 
hat für die Psychoanalyse nicht viel Belange sie ist auch nicht kom- 
petent dafür. Von seiten der Biologie ergeben sich allerdings ver- 
schiedene Anhaltspunkte dafür, daß sie etwas Wichtiges bedeutet. 
Die Sexualität ist ja die einzige Funktion des lebenden Organismus, 
welche über das Individuum hinausgeht und seine Anknüpfung an 
die Gattung besorgt. Es ist unverkennbar, daß ihre Ausübung dem 



XXVI. Die Lihidotkeorie und der Narzißmus 439 

Einzelwesen nicht immer Nutzen bringt wie seine anderen Leistun- 
gen, sondern ihn um den Preis einer ungewöhnUch hohen Lust in 
Gefahren bringt, die sein Leben hedrohen und es oft genug ver- 
wirken. Es werden auch wahrscheinlich ganz besondere, von allen 
anderen abweichende Stoffwechsel Vorgänge erforderlich sein, um 
einen Anteil des individuellen Lebens als Disposition für die Nacli- 
kommenschaft zu erhalten. Und endhch ist das Einzelwesen, das sich 
selbst als Hauptsache und seine Sexualität als ein Mittel zu seiner 
Befriedigung wie andere betrachtet, in biologischer Anschauung nur 
eine Episode in einer Generationsreihe, ein kurzlebiges Anhängsel 
an ein mit virtueller Unsterblichkeit begabtes Keimplasma, gleich- 
sam der zeitweilige Inhaber eines ihn überdauernden Fideikom- 
niisses. 

Indes braucht es für die psychoanalytische Aufklärung der Neu- 
rosen nicht so weitreichender Gesichtspunkte. Mit Hilfe der geson- 
derten Verfolgung von Sexual- und Ichtrieben haben wir den Schlüssel 
zum Verständnis der Gruppe der Übertragungsneurosen gewonnen. 
Wir konnten sie auf die grundlegende Situation zurückführen, daß 
die Sexualtriebe in Zwist mit den Erhaltungstrieben geraten oder 
biologisch — wenn auch ungenauer ausgedrückt — , daß die eine 
Position des Ichs als selbständiges Einzelwesen mit der anderen als 
Glied einer Generationsreihe in Widerstreit tritt. Zu solcher Ent- 
zweiung konnnt es vielleicht nur beim Menschen, und darum mag 
im ganzen und großen die Neurose sein Vorrecht vor den Tieren sein. 
Die überstarke Entwicklung seiner Libido und die vielleicht gerade 
dadurch ermöglichte Ausbildung eines reich gegliederten Seelen- 
lebens scheinen die Bedingungen für die Entstehung eines solchen 
Konflikts geschaffen zu haben. Es ist ohne weiteres ersichtlich, daß 
dies auch die Bedingungen der großen Fortschritte sind, die der 
Mensch über seine Gemeinschaft mit den Tieren hinaus gemacht 
hat, so daß seine Fähigkeit zur Neurose nur die Kehrseite seiner 
sonstigen Begabung wäre. Aber auch das sind nur Spekulationen, 
die uns von unserer nächsten Aufgabe ablenken. : 



450 Forlesungen zur Einfühi-ung in die Psychoanalyse 

Es war bisher die Voraussetzung unserer Arbeit, daß wir Ich- imd 
Sexualtriebe nach ihren Äußerungen voneinander unterscheiden 
können. Bei Übertragungsneurosen gelang dies ohne Schwierigkeit. 
Wir nannten die Energiebesetzungen, die das Ich den Objekten seiner 
Sexualstrebungen zuwendet, „Libido", alle anderen, die von den 
Selbsterhaltungstrieben ausgeschickt werden, „Interesse " und 
konnten uns durch die Verfolgung der Libidobesetzungen, ihrer Um- 
wandlungen und ihrer endlichen Schicksale eine erste Einsicht in 
das Getriebe der seelischen Kräfte verschaffen. Die Übertragungs- 
neurosen boten uns hierfür den günstigsten Stoff. Das Ich aber, seine 
Zusammensetzung aus verschiedenen Organisationen, deren Aufbau 
und Funktionsweise, blieb uns verhüllt, und wir durften vermuten, 
daß erst die Analyse anderer neurotischer Störungen uns diese Ein- 
sicht bringen könnte. 

Wir haben frühzeitig damit begonnen, die psychoanalytischen An- 
schauungen auf diese anderen Affektionen auszudehnen. Schon 1 908 
sprach K. Abraham nach einem Gedankenaustausch mit mir den 
Satz aus, es sei der Hauptcharakter der (zu den Psychosen gerech- 
neten) Dementia praecox, daß ihr die Libidobesetzung der 
Objekte abgehe. („Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie 
und der Dementia praecox.") Dann erhob sich aber die Frage, was 
geschieht mit der von den Objekten abgewandten Libido der De- 
menten? Abraham zögerte nicht, die Antwort zu geben: sie wird 
auf das Ich zurückgewandt, und diese reflexive Rückwendung 
ist die Quelle des Größenwahns der Dementia praecox. Der 
Größenwahn ist durchaus der im, Liebesleben bekannten Sexualüber- 
schätzung des Objektes zu vergleichen. Wir haben so zum ersten- 
mal einen Zug einer psychotischen Affektion durch die Beziehung 
auf das normale Liebesleben verstehen gelernt. 

Ich sage es Ihnen gleich, diese ersten Auffassungen von Abraham 
haben sich in der Psychoanalyse erhalten und sind die Grundlage für 
unsere Stellungnahme zu den Psychosen geworden. Man machte sich 
also langsam mit der Vorstellung vertraut, daß die Libido, die wir an 



XXVI. Die Lihidotheorie und der Narzißmus 4.31 

den Objekten haftend finden, die der Ausdruck eines Bestrebens ist 
an diesen Objekten eine Befriedigung zu gewinnen, auch von diesen 
Objekten ablassen und an ihrer Statt das eigene Ich setzen kann, und 
man baute diese Vorstellung allmählich immer konsequenter aus. Den 
Namen für diese Unterbringung der Libido — Narzißmus — ent- 
lehnten wir einer von P. Näcke beschriebenen Perversion, bei welcher 
das erwachsene Individuum den eigenen Leib mit all den Zärtlichkeiten 
bedenkt, die man sonst für^ein fremdes Sexualobjekt aufwendet. 

Man sagt sich dann alsbald, wenn es eine solche Fixierung der Libido 
an den eigenen Leib und die eigene Person anstatt an ein Objekt gibt, 
so kann dies kein ausnahmsweises und kein geringfügiges Vorkommnis 
sein. Es ist vielmehr wahrscheinlich, daß dieser Narzißmus der all- 
gemeine und ursprüngliche Zustand ist, aus welchem sich erst später 
die Objektliebe herausbildete, ohne daß darum der Narzißmus zu 
verschwinden brauchte. Man mußte sich ja aus der Entwicklungs- 
geschichte der Objektlibido daran erinnern, daß viele Sexualtriebe sich 
anfönglich am eigenen Körper, wie wir sagen: autoerolisch befrie- 
digen, und daß diese Fähigkeit zum Autoerotismus das Zurückbleiben 
der Sexualität in der Erziehung zum Realilätsprinzip begründet. So 
war also der Autoerotismus die Sexualbetätigung des narzißtischen 
Stadiums der Libidounterbringung. 

Um es kurz zu fassen, wir machten uns von dem Verhältnis der 
Ichlibido zur Objektlibido eine Vorstellung, die ich Ihnen durch ein 
Gleichnis aus der Zoologie veranschaulichen kann. Denken Sie an jene 
einfachsten Lebewesen, die aus einem wenig differenzierten Klümp- 
chen protoplasmatischer Substanz bestehen. Sie strecken Fortsätze aus, 
Pseudopodien genannt, in welche sie ihre Leibessubstanz hinüber- 
fließen lassen. Sie können diese Fortsätze aber auch wieder einziehen 
und sich zum Klumpen ballen. Das Ausstrecken der Fortsätze ver- 
gleichen wir nun der Aussendung von Libido auf die Objekte, während 
die Hauptmenge der Libido im Ich verbleiben kann, und wir nehmen 
an, daß unter normalen Verhältnissen Ichlibido ungehindert in Objekt- 
libido umgesetzt und diese wieder ins Ich aufgenommen werden kann. 



432 Vorlesungen zur Einführung in die Pxychoannlyse 

Mit Hilfe dieser Vorstellungen können wir nun eine ganze Anzahl 
von seelischen Zuständen erklären oder, bescheidener ausgedrückt, in 
der Sprache der Lihidotheorie beschreiben, Zustände, die wir dem 
normalen Leben zurechnen müssen, wie das psychische Verhalten in 
der Verliebtheit, bei organischem Kranksein, im Schlaf. Wir haben für 
den Schlafzustand die Annahme gemacht, daß er auf Abwendung von 
der Außenwelt und Einstellung auf den Schlafwunsch beruhe. 
Was sich als nächtliche Seelentätigkeit im Traume äußerte, fanden 
wir im Dienste eines Schlafwunsches und überdies von durchaus ego- 
istischen Motiven beherrscht. Wir führen jetzt im Sinne der Libido- 
theorie aus, daß der Schlaf ein Zustand ist, in welchem alle Objektbe- 
setzungen, die libidinösen ebensowohl wie die egoistischen, aufgegeben 
und ins Ich zurückgezogen werden. Ob damit nicht ein neues Licht f 

auf die Erholung durch den Schlaf und auf die Natur der Ermüdung 
überhaupt geworfen wird? Das Bild der seligen IsoUerungim Intrau terin- 
leben, welches uns der Schlafende allnächtlich wieder heraufbeschwört, |p 

wird so auch nach der psychischen Seite vervollständigt. Beim Schlafen- 
den hat sich der Urzustand der Libido Verteilung wiederhergestellt, der 
volle Narzißmus, bei dem Libido und Ichinteresse noch vereint und 
unuutersch eidbar in dem sich selbst genügenden Ich wohnen. 

Hier ist Raum für zwei Bemerkungen. Erstens, wie unterscheiden 
sich Narzißmus und Egoismus begrifflich? Nun, ich meine, Narziß- 
mus ist die libidinöse Ergänzung zum Egoismus. Wenn man von 
Egoismus spricht, hat man nur den Nutzen für das Individuum ins 
Auge gefaßt; sagt man Narzißmus, so zieht man auch seine libidinöse 
Befriedigung in Betracht. Als praktische Motive lassen sich die beiden 
ein ganzes Stück weit gesondert verfolgen. Man kann absolut egoistisch 
sein und doch starke libidinöse Objektbesetzungen unterhalten, insofern 
die libidinöse Befriedigung am Objekt zu den Bedürnissen des Ichs 
gehört. Der Egoismus wird dann darauf achten, daß die Strebung 
nach dem Objekt dem Ich keinen Schaden bringe. Man kann egoistisch 
sein und dabei auch überstark narzißtisch, d. h. ein sehr geringes 
Objektbedürfnis haben und dies wiederum entweder in der direkten 



XXVI. Die Libidothf^orie und der Narzißmus 453 



Sexualbefriedigung oder auch in jenen höheren, vom Sexualbedürfnis 
abgeleiteten Strebungen, die wir gelegentlich als „Liebe", in einen 
Gegensatz zur „Sinnlichkeit" zu bringen pflegen. Der Egoismus ist 
in all diesen Beziehungen das Selbstverständliche, Konstante, der 
Narzißmus das variable Element. Der Gegensatz von Egoismus, Altru- 
ismus, deckt sich begrifflich nicht mit libidinöser Objektbesetzung, 
er sondert sich von ihr durch den Wegfall der Strebungen nach sexu- 
eller Befriedigung. In der vollen Verliebtheit trifft aber der Altruismus 
mit der libidinösen Objektbesetzung zusammen. Das Sexualobjekt 
zieht in der Regel einen AnteU des Narzißmus des Ichs auf sich, was 
als die sogenannte „Sexualüberschätzung" des Objektes bemerkbar 
wird. Kommt noch die altruistische Überleitung vom Egoismus auf 
das Sexualobjekt hinzu, so wird das Sexualobjekt übermächtig; es hat 
das Ich gleichsam aufgesogen. 

Ich denke, Sie werden es als Erholung empfinden, wenn ich Ihnen 
nachderimGrundetrockenenPhantastikderWissenschaft einepoetische 
Darstellung des ökonomischen Gegensatzes von Narzißmus und Ver- 
liebtheit vorlege. Ich entnehme sie dem Westöstlichen Divan Goethes; 

Suleika: Volk und Knecht und Überwinder 
Sie gestehn zu jeder Zeit: 
Höchstes Glück der Erdenkinder 
Sei nur die Persönlichkeit. 
Jedes Leben sei zu führen. 
Wenn man sich nicht selbst vermißt; 
Alles könne man verlieren, 
Wenn man bliebe, was man ist. 

Hatem: Kann wohl sein! So wird gemeinet; 
Doch ich bin auf andrer Spur: 
Alles Erdenglück vereinet 
Find' ich in Suleika nur. 
Wie sie sich an mich verschwendet. 
Bin ich mir ein wertes Ich; 
Hätte sie sich weggewendet, 
Augenblicks verlor' ich mich. 



Froud, vn. 



aB 



454 Vorlesungen zur Einfü hrung in die Psychoanalyse 

Nun mit Hatem wär's zu Ende; ■ 

Doch schon hab' ich umgelost; 
Ich verkörpere mich behende 
In den Holden, den sie kost. 

Die zweite Bemerkung ist eine Ergänzung zur Traumtheorie. Wir 
können uns die Entstehung des Traumes nicht erklären, wenn wir 
nicht die Annahme einfügen, daß das verdrängte Unbewußte eine 
gewisse Unabhängigkeit vom Ich gewonnen hat, so daß es sich dem 
Schlafvvunsch nicht fügt und seine Besetzungen behält, auch wenn 
alle vom Ich abhängigen Objektbesetzungen zugunsten des Schlafes 
eingezogen werden. Erst dann ist zu verstehen, daß dies Unbewußte 
sich die nächtliche Aufhebung oder Herabsetzung der Zensur zu nutze 
machen kann, und daß es sich der Tagesreste zu bemächtigen weiß, 
um mit ihrem Stoff einen verbotenen Traumwunsch zu bilden. Ander- 
seits mögen schon die Tagesreste ein Stück ihrer Resistenz gegen die 
vom Schlaf wünsch verfügte Libidoeinziehung einer bereits bestehenden 
Verbindung mit diesem verdrängten Unbewußten verdanken. Diesen 
dynamisch wichtigen Zug wollen wir also in unsere Auffassung von 
der Traumbildung nachträglich einfügen. 

Organische Erkrankung, schmerzhafte Reizung, Entzündung von 
Organen schafft einen Zustand, der deutlich eine Ablösung der Li- 
bido von ihren Objekten zur Folge hat. Die eingezogene Libido fin- 
det sich im Ich wieder als verstärkte Besetzung des erkrankten Kör- 
perteiles. Ja man kann die Behauptung wagen, daß unter diesen 
Bedingungen die Abziehung der Libido von ihren Objekten auf- 
fälliger ist als die Abwendung des egoistischen Interesses von der 
Außenwelt. Von hier aus scheint sich ein Weg zum Verständnis der 
Hypochondrie zu eröffnen, bei welcher ein Organ in gleicher Weise 
das Ich beschäftigt, ohne für imsere Wahrnehmung krank zu sein. 
Aber ich widerstehe der Versuchung, hier weiterzugehen oder an- 
dere Situationen zu erörtern, die uns durch die Annahme einer Wan- 
derung der ObjektUbido in das Ich verständlich oder darstellbar wer- 
den, weil es mich drängt, zwei Einwendungen zu begegnen, die, wie 



XXVI. Die Lihidotheorie und der Narzißmus jgg 

ich weiß, jetzt Ihr Gehör haben. Sie wollen mich erstens zur Rede 
stellen, warum ich beim Schlaf, in der Krankheit und in den ähn- 
lichen Situationen durchaus Libido und Interesse, Sexualtriebe und 
Ichtriebe unterscheiden will, wo sich die Beobachtungen durchwegs 
miit der Annahme einer einzigen und einheitlichen Energie erledigen 
lassen, die, frei beweghch, bald das Objekt, bald das Ich besetzt, so- 
wohl in den Dienst des einen wie des anderen Triebes tritt. Und 
zweitens, wie ich mich getrauen kann, die Ablösung der Libido vom 
Objekt als Quelle eines pathologischen Zustandes zu behandeln, wenn 
solche Umsetzung der Objektlibido in Ichlibido — oder allgemeiner 
in Ichenergie — zu den normalen und täglich, allnächtlich, wieder- 
holten Vorgängen in der seelischen Dynamik gehört. 

Darauf ist zu erwidern : Ihr erster Einwand klingt gut. Die Er- 
örterung der Zustände des Schlafes, des Krankseins, der Verhebtheit 
hätte uns an sich wahrscheinlich niemals zur Unterscheidung einer 
Ichlibido von einer Objektlibido oder der Libido vom Interesse ge- 
führt. Aber Sie vernachlässigen dabei die Untersuchungen, von denen 
wir ausgegangen sind, und in deren Licht wir jetzt die in Rede ste- 
henden seelischen Situationen betrachten. Die Unterscheidung von 
Libido und Interesse, also von Sexual- und Selbsterhaltungstrieben, 
ist uns durch die Einsicht in den Konflikt aufgedrängt worden, aus 
welchem die Übertragungsneurosen hervorgehen. Wir können sie 
seitdem nicht wieder aufgeben. Die Annahme, daß sich Objektlibido 
in Ichlibido umsetzen kann, daß man also -mit einer Ichlibido zu 
rechnen hat, ist uns als die einzige erschienen, welche das Rätsel der 
sogenannten narzißtischen Neurosen, z. B. der Dementia praecox, zu 
lösen vermag, von deren Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten im 
Vergleich mit. Hysterie und Zwang Rechenschaft geben kann. Auf 
Krankheit, Schlaf und Verliebtheit wenden wir nun an, was wir 
anderwärts als unabweisbar bewährt gefunden haben. Wir dürfen 
mit solchen Anwendungen fortfahren und sehen, wie weit wir damit 
reichen. Die einzige Behauptung, die nicht direkter Niederschlag 
unserer analytischen Erfahrung ist, geht dahin, daß Libido Libido 

«8« 



450 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

bleibt, ob sie nun auf Objekte oder auf das eigene Ich gewendet 
wirdj und sich niemals in egoistisches Interesse umsetzt und ebenso 
das Umgekehrte. Diese Behauptung ist aber gleichwertig mit der 
bereits kritisch gewürdigten Sonderung von Sexual- und Ichtrieben, 
an der wir bis zum möglichen Scheitern aus heuristischen Motiven 

festhalten wollen. 

Auch Ihre zweite Einwendung greift eine berechtigte Frage auf, 
aber sie zielt in falsche Richtung. Gewiß ist die Einziehung der Ob- 
jektlibido ins Ich nicht direkt pathogen; wir sehen ja, daß sie jedes- 
mal vor dem Schlafengehen vorgenommen wird, um mit dem Wachen 
wieder rückgängig zu werden. Das Protoplasmatierchen zieht seine 
Fortsätze ein, um sie beim nächsten Anlaß wieder auszuschicken. 
Aber etwas ganz anderes ist es, wenn ein bestimmter, sehr energi- 
scher Prozeß die Abziehung der Libido von den Objekten erzwingt. 
Die narzißtisch gewordene Libido kann dann den Rückweg zu den 
Objekten nicht finden, und diese Behinderung in der Beweglichkeit 
der Libido wird allerdings pathogen. Es scheint, daß die Anhäufung 
der narzißtischen Libido über ein gewisses Maß hinaus nicht ver- 
tragen wird. Wir können uns auch vorstellen, daß es eben darum 
zur Objektbesetzung gekommen ist, daß das Ich seine Libido aus- 
schicken mußte, um nicht an ihrer Stauung zu erkranken. Wenn es 
in unserem Plane läge, uns mit der Dementia praecox eingehender 
zu beschäftigen, würde ich Ihnen zeigen, daß jener Prozeß, der die 
Libido von den Objekten ablöst und ihr den Rückweg zu ihnen ab- 
sperrt, dem Verdrängungsprozeß nahesteht, als ein Seitenstück zu 
ihm aufzufassen ist. Vor allem aber würden Sie bekannten Boden 
unter Ihren Füßen spüren, indem Sie erfahren, daß die Bedingungen 
dieses Prozesses fast identisch sind — soviel wir bis jetzt erkennen — 
mit denen der Verdrängung. Der Konflikt scheint der nämliche zu 
sein und sich zwischen denselben Mächten abzuspielen. Wenn der 
Ausgang ein so anderer ist als z. B. bei der Hysterie, so kann der 
Grund davon nur in einer Verschiedenheit der Disposition liegen. 
Die Libidoentwicklung hat bei diesen Kranken ihre schwache Stelle 



XXVI. Die Libidotheorie und der Narzißmus 457 

an einer anderen Phasej die maßgebende Fixierung, welche, wie Sie 
sich erinnern, den Durchbruch zur Symptombildung gestaltet, liegt 
anderswo, wahrscheinlich im Stadium des primitiTen Narzißmus, zu 
welchem die Dementia praecox in ihrem Endausgang zurückkehrt. 
Es ist ganz bemerkenswert, daß wir für alle narzißtischen Neurosen 
Fixierunesstellen der Libido annehmen müssen, welche in weit frü- 
here Phasen der Entwicklung zurückreichen als bei der Hysterie 
oder der Zwangsneurose. Sie haben aber gehört, daß die Begriffe, 
die wir im Studium der Übertragungsneurosen erworben haben, auch 
zur Orientierung in den praktisch so viel schwereren narzißtischen 
Neurosen ausreichen. Die Gemeinsamkeiten gehen sehr weit j es ist im 
Grunde dasselbe Erscheinungsgebiet. Sie können sich aber auch vor- 
stellen, wie aussichtslos die Aufklärung dieser schon der Psychiatrie 
zufallenden Affektionen sich für den gestaltet, der nicht die analytische 
Kenntnis der Übertraguugsneurosen für diese Aufgabe mitbringt. 

Das Symptombild der Dementia praecox, das übrigens sehr wechsel- 
voll ist, wird nicht ausscliließlich durch die Symptome bestimmt, 
welche aus der Abdrängung der Libido von den Objekten und deren 
Anhäufung als narzißtische Libido im Ich hervorgehen. Einen brei- 
ten Raum nehmen vielmehr andere Phänomene ein, die sich auf das 
Bestreben der Libido zurückführen, wieder zu den Objekten zu ge- 
langen, die also einem Restitutions- oder Heilungsversuch entsprechen. 
Diese Symptome sind sogar die auffälligeren, die lärmenden; sie 
zeigen eine unzweifelhafte Ähnlichkeit mit denen der Hysterie oder 
seltener der Zwangsneurose, sind aber doch in jedem Punkte anders. 
Es scheint, daß die Libido bei der Dementia praecox in ihrem Be- 
mühen, wieder zu den Objekten, d. h. zu den Vorstellungen der Ob- 
jekte zu kommen, wirklich etwas von ihnen erhascht, aber gleichsam 
nur ihre Schatten, ich meine, die ihnen zugehörigen Wortvorstel- 
lungen. Ich kann hier nicht mehr darüber sagen, aber ich meine, 
dies Benehmen der rückstrebenden Libido hat uns gestattet, eine 
Einsicht in das zu gewinnen, was wirklich den Unterschied zwischen 
einer bewußten und einer unbewußten Vorstellung ausmacht. 



458 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Ich habe Sie nun in das Gebiet geführt, auf welchem die nächsten 
Fortschritte der analytischen Arbeit zu erwarten sind. Seitdem wir 
uns getrauen, den Begriff der Ichlibido zu handhaben, sind uns die 
narzißtischen Neurosen zugänglich geworden; es hat sich die Auf- 
gabe ergeben, eine dynamische Aufklärung dieser Affektionen zu 
gewinnen und gleichzeitig unsere Kenntnis des Seelenlebens durch 
das Verständnis des Ichs zu vervollständigen. Die Ichpsychologie, die 
wir anstreben, soll nicht auf die Daten unserer Selbstwahrnehmungen, 
sondern wie bei der Libido auf die Analyse der Störungen und Zer- 
störungen des Ichs begründet sein. Wahrscheinlich werden wir von 
unserer bisherigen Kenntnis der Libidoschicksale, die wir aus dem 
Studium der Übertragungsneurosen geschöpft haben, gering denken, 
wenn jene größere Arbeit geleistet ist. Aber dafür sind wir in ihr 
auch noch nicht weit gekommen. Die narzißtischen Neurosen sind 
für die Technik, welche uns bei den Übertragungsneuroseu gedient 
hat, kaum angreifbar. Sie werden bald hören, warum. Es geht uns 
mit ihnen immer so, daß wir nach kurzem Vordringen vor eine 
Mauer zu stehen kommen, die uns Halt gebietet. Sie wissen, auch 
bei den Übertragungsneurosen sind wir auf solche Widerstands- 
schrankeu gestoßen, aber wir konnten sie Stück für Stück abtragen. 
Bei den narzißtischen Neurosen ist der Widerstand unüberwindbar; 
wir dürfen höchstens einen neugierigen Blick über die Höhe der 
Mauer werfen, um zu erspähen, was jenseits derselben vor sich geht. 
Unsere technischen Methoden müssen also durch andere ersetzt wer- 
den; wir wissen noch nicht, ob uns ein solcher Ersatz gelingen wird. 
Es fehlt uns allerdings auch bei diesen Kranken nicht an Material. 
Sie geben vielerlei Äußerungen von sich, wenn auch nicht als Ant- 
• Worten auf unsere Fragen, und wir sind vorläufig darauf angewiesen, 
diese Äußerungen mit Hilfe des Verständnisses, das wir an den Sym- 
ptomen der Übertragungsneurosen gewonnen haben, zu deuten. Die 
Übereinstimmung ist groß genug, um uns einen Anfangsgewina 
zuzusichern. Wie weit diese Technik reichen wird, bleibt dahinge- 
stellt. 



XX n. Die Libidotheorie und der Narzißmus 



459 



Andere Schwierigkeiten kommen hinzu, um unseren Fortschritt 
aufzuhalten. Die narzißtischen Affektionen und die an sie anschUeßea- 
den Psychosen können nur von Beobachtern enträtselt werden, die 
sich durch das analytische Studium der Übertragungsneurosen ge- 
schult haben. Aber unsere Psychiater studieren keine Psychoanalyse 
und wir Psychoanalytiker sehen zu wenig psychiatrische Fälle. Es 
muß erst ein Geschlecht von Psychiatern herangewachsen sein, 
welches durch die Schule der Psychoanalyse als vorbereitender Wis- 
senschaft gegangen ist. Der Anfang dazu wird gegenwärtig in Ame- 
rika gemacht, wo sehr viele leitende Psychiater den Studenten die 
psychoanalytischen Lehren vortragen, und wo Anstaltsbesitzer und 
Irrenhausdirektoren sich bemühen, ihre Kranken im Sinne dieser 
Lehren zu beobachten. Immerhin ist es auch uns hier einige Male 
geglückt, einen Blick über die narzißtische Mauer zu werfen, und 
ich will Ihnen im Folgenden einiges berichten, was wir erhascht zu 

haben glauben. 

Die Krankheitsform der Paranoia, der chronischen systematischen 
Verrücktheit, nimmt in den Klassifikationsversuchen der heutigen 
Psychiatrie eine schwankende Stellung ein. An ihrer nahen Ver- 
wandtschaft mit der Dementia praecox ist indes kein Zweifel. Ich 
habe mir einmal den Vorschlag erlaubt, Paranoia und .Dementia 
praecox unter der gemeinsamen Bezeichnung der Paraphrenie zu- 
sammenzufassen. Die Formen der Paranoia werden nach ihrem In- 
halt als: Größenwahn, Verfolgungswahn, Liebeswahn (Erotomanie), 
Eifersuchtswahn usw. beschrieben. Erklärungsversuche werden wir 
von der Psychiatrie nicht erwarten. Als Beispiel eines solchen, aller- 
dings ein veraltetes und nicht ganz vollwertiges Beispiel, erwähne 
ich Ihnen den Versuch, ein Symptom mittels einer intellektuellen 
Rationalisierung aus einem anderen abzuleiten: Der Kranke, der sich 
aus primärer Neigung verfolgt glaubt, soll aus dieser Verfolgung den 
Schluß ziehen, er müsse doch eine ganz besonders wichtige Persön- 
lichkeit sein, und darum den Größenwahn entwickeln. Für unsere 
analytische Auffassung ist der Größenwahn die unmittelbare Folge 



440 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

der Ichvergrößerung durch die Einziehung der libidinösen Objekt- 
besetzungen, ein sekundärer Narzißmus als Wiederkehr des ursprüng- 
lichen frühinfantilen. An den Fällen von Verfolgungswahn haben 
wir aber einiges beobachtet, was uns veranlaßte, eine gewisse Spur 
zu verfolgen. Es iiel uns zunächst auf, daß in der überwiegenden 
Mehrzahl der Fälle der Verfolger von demselben Geschlecht war wie 
der Verfolgte. Das war immer noch einer harmlosen Erklärung fähig, 
aber in einigen gut studierten Fällen zeigte es sich klar, daß die in 
normalen Zeiten am besten geliebte Person des gleichen Geschlechtes 
sich seit der Erkrankung zum Verfolger umgewandelt hatte. Eine 
weitere Entwicklung wird dadurch möglich, daß die geliebte Person 
nach bekannten Affinitäten durch eine andere ersetzt wird, z. B. der 
Vater durch den Lehrer, den Vorgesetzten. Wir zogen aus solchen, 
sich immer vermehrenden Erfahrungen den Schluß, daß die Para- 
noia persecutoria die Form ist, in der sich das Individuum gegen 
eine überstark gewordene homosexuelle Regung zur Wehre setzt. 
Die Verwandlung der Zärtlichkeit in Haß, die bekanntlich zur ernst- 
haften Lebensbedrohung für das geliebte und gehaßte Objekt wer- 
den kann, entspricht dann der Umsetzung libidinöser Regungen in 
Angst, die ein regelmäßiges Ergebnis des Verdrängungsvorganges ist. 
Hören Sie z. ß. den wiederum letzten Fall meiner diesbezüglichen 
Beobachtungen. Ein junger Arzt mußte aus seinem Heimatsort ver- 
schickt werden, weil er den Sohn eines dortigen Universitätsprofes- 
sors, der bis dahin sein bester Freund gewesen war, am Leben be- 
droht hatte. Er schrieb diesem einstigen Freund wahrhaft teuflische 
Absichten und eine dämonische Macht zu. Er war schuld an allem 
Unglück, das in den letzten Jahren die Familie des Kranken getroffen 
hatte, an jedem familiären und sozialen Mißgeschick. Aber nicht 
genug damit, der böse Freund und sein Vater, der Professor, hatten 
auch den Krieg verursacht, die Russen ins Land gerufen. Er hatte 
sein Leben tausendmal verwirkt, und unser Kranker war überzeugt, 
daß mit dem Tode des Missetäters alles Unheil zu Ende gebracht 
wäre. Und doch war seine alte Zärtlichkeit für ihn noch so stark, 



XXFI. Die Libidotheorie und der Narzißmus 441 



daß sie seine Hand gelähmt hatte, als sich ihm einmal die Gelegen- 
heit bot, den Feind aus nächster Nähe niederzuschießen. In den 
kurzen Besprechungen, die ich mit dem Kranken hatte, kam zum 
Vorschein, daß das freundschaftliche Verhältnis zwischen den beiden 
weit in die Gymnasialjahre zurückreichte. Wenigstens einmal liaite 
es die Grenzen der Freundschaft überschritten 5 ein nächtliches Bei- 
sammensein war ihnen der Anlaß zu vollem sexuellen Verkehr ge- 
worden. Unser Patient hatte nie die Gefühlsbeziehung zu den Frauen 
gewonnen, die seiner Altersphase und seiner einnehmenden Persön- 
lichkeit entsprochen hätte. Er war einmal mit einem schönen und 
vornehmen Mädchen verlobt, aber dieses brach das Verlöbnis ab, 
weil es bei seinem Bräutigam keine Zärtlichkeit fand. Jahre später 
brach seine Krankheit gerade in dem Momente aus, als es ihm zum 
erstenmal geglückt war, ein Weib voll zu befriedigen. Als diese Frau 
ihn dankbar und hingebungsvoll umarmte, bekam er plötzlich einen 
rätselhaften Schmerz, der wie ein scharfer Schnitt um die Schädel- 
decke lief. Er deutete sich diese Sensation später, als ob an ihm der 
Schnitt ausgeführt wurde, mit dem man bei einer Sektion das Ge- 
hirn bloßlegt, und da sein Freund pathologischer Anatom geworden 
war, entdeckte er langsam, daß nur dieser ihm diese letzte Frau zur 
Versuchung geschickt haben könne. Von da an gingen ihm auch die 
Augen über die anderen Verfolgungen auf, deren Opfer er durch 
das Betreiben des einstigen Freundes werden sollte. 

Wie ist es nun aber mit den Fällen, bei denen der Verfolger nicht 
desselben Geschlechtes ist wie der Verfolgte, deren Anschein also 
unserer Erklärung einer Abwehr homosexueller Libido widerspricht? 
Ich habe vor einiger Zeit Gelegenheit gehabt, einen solchen Fall zu 
untersuchen, und habe aus dem scheinbaren Widerspruch eine Be- 
stätigung entnehmen können. Das junge Mädchen, welches sich von 
dem Manne verfolgt glaubte, dem sie zwei zärtliche Zusammen- 
künfte zugestanden, hatte in der Tat zuerst eine Wahnidee gegen 
eine Frau gerichtet, die man als Mutterersatz auffassen kann. Erst 
nach der zweiten Zusammenkunft machte sie den Fortschritt, die- 



442 Forlesungen, zur Einführung in die Psychoanalyse 

selbe Wahnidee von der Frau abzulösen und auf den Mann zu über- 
tragen. Die Bedingung des gleichen Geschlechtes für den Verfolger 
war also ursprünglich auch in diesem Falle eingehalten worden. In 
ihrer Klage vor dem Rechtsfreund und dem Arzt hatte die Patientin 
dieses Vorstadium ihres Wahnes nicht erwähnt und so den Anschein 
eines Widerspruches gegen unser Verständnis der Paranoia erweckt. 

Die homosexuelle Objektwahl liegt dem, Narzißmus ursprünglich 
näher als die heterosexuelle. Wenn es dann gilt, eine unerwünscht 
starke homosexuelle Regung abzuweisen, so ist der Rückweg zum 
Narzißmus besonders erleichtert. Ich habe bisher sehr wenig Ge- 
legenheit gehabt, Ihnen von den Grundlagen des Liebeslebens, so- 
weit wir sie erkannt haben, zu sprechen, kann es auch jetzt nicht 
nachholen. Ich will nur so viel herausheben, daß die Objektwahl, der 
Fortschritt in der Libidoentwicklung, der nach dem narzißtischen 
Stadium gemacht wird, nach zwei verschiedenen Typen erfolgen 
kann. Entweder nach dem narzißtischen Typus, indem an die 
Stelle des eigenen Ichs ein ihm möglichst ähnliches tritt, oder 
nach dem Anlehnungstypus, indem die Personen, die durch Be- 
friedigung der anderen Lebensbedürfiiisse wertvoll geworden sind, 
auch von der Libido zu Objekten gewäWt werden. Eine starke Li- 
bidofixierung an den narzißtischen Typus der Objektwahl rechnen 
wir auch in die Dispositon zur manifesten Homosexualität ein. 

Sie erinnern sich, daß ich Ihnen in der ersten Zusammenkunft 
dieses Semesters von einem Fall von Eifersuchtswahn bei einer Frau 
erzählt habe. Nun da wir so nahe dem Ende sind, nnöchten Sie ge- 
wiß gerne hören, wie wir psychoanalytisch eine Wahnidee erklären. 
Aber ich habe Ihnen dazu weniger zu sagen, als Sie erwarten. Die 
Unangreifbarkeit der Wahnidee durch logische Argumente und 
reale Erfahrungen erklärt sich ebenso wie die eines Zwanges durch 
die Beziehung zum Unbewußten, welches durch die Wahnidee oder 
Zwangsidee repräsentiert und niedergehalten wird. Der Unterschied 
zwischen beiden ist in der verschiedenen Topik und Dynamik der 
beiden Affektionen begründet. 




1 



I 



XXVI. Die Libidotheorie und der Narzißmus 443 

Wie bei der Paranoia, so haben wir auch bei der Melancholie, von. 
der übrigens sehr verschiedene klinische Formen beschrieben werden, 
eine Stelle gefunden, an welcher ein Einblick in die innere Struktur 
der Affektion möglich wird. Wir haben erkannt, daß die Selbstvor- 
würfe mit denen sich diese Melanchohker in der erbarmungslosesten 
Weise quälen, eigentlich einer anderen Person gelten, dem, Sexual- 
obiekt welches sie verloren haben, oder das ihnen durch seine Schuld 
entwertet worden ist. Daraus konnten wir schließen, der Melan- 
choliker habe zwar seine Libido von dem Objekt zurückgezogen, 
aber durch einen Vorgang, den man „narzißtische Identifizierung" 
heißen muß, sei das Objekt im Ich selbst errichtet, gleichsam auf 
das Ich projiziert worden. Ich kann Ihnen hier nur eine bildhche 
Schilderung, nicht eine topisch-dynamisch geordnete Beschreibung 
geben. Nun wird das eigene Ich wie das aufgegebene Objekt be- 
handelt und erleidet alle die Aggressionen und Äußerungen der Rach- 
sucht, die dem Objekt zugedacht waren. Auch die Selbstmordneigung 
der Melancholiker wird durch die Erwägung begreiflicher, daß die 
Erbitterung des Krauken mit demselben Schlage das eigene Ich wie 
das geliebtgehaßte Objekt trifft. Bei der Melancholie wie bei anderen 
narzißtischen Affektionen kommt in sehr ausgeprägter Weise ein 
Zug des Gefühlsleberw zum Vorschein, den wir seit Bleuler als Am- 
bivalenz zu bezeichnen gewohnt sind. Wir meinen damit die Rich- 
tung entgegengesetzter, zärtlicher und feindseliger, Gefühle gegen 
dieselbe Person. Ich bin im Verlaufe dieser Besprechungen leider 
nicht in die Lage gekommen, Ihnen mehr von der Gefühlsambiva- 
lenz zu erzählen. 

Außer der narzißtischen Indentifizierung gibt es eine hysterische, 
die uns seit sehr viel längerer Zeit bekannt ist. Ich wollte, es wäre 
schon möghch, Ihnen die Verschiedenheiten der beiden durch einige 
klargestellte Bestimmungen zu erläutern. Von den periodischen und" 
zyklischen Formen der Melancholie kann ich Ihnen etwas mitteilen, 
was Sie gewiß gerne hören werden. Es ist nämlich unter günstigen 
Umständen möglich — ich habe die Erfahrung zweimal gemacht — , 



44-4 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



durch analytische Behandlung in den freienZwischenzeiten der Wieder- 
kehr des Zuslandes in der gleichen oder entgegengesetzten Stimmungs- 
lage vorzubeugen. Man erfährt dabei, daß es sich auch bei der Me- 
lancholie und Manie um eine besondere Art der Erledigung eines 
Konfliktes handelt, dessen Voraussetzungen durchaus mit denen der 
anderen Neurosen übereinstimmen. Sie können sich denken, wieviel 
. es auf diesem Gebiete noch für die Psychoanalyse zu erfahren gibt. 

Ich sagte Ihnen auch, daß wir durch die Analyse der narzißtischen 
Affektionen eine Kenntnis von der Zusammensetzung unseres Ichs und 
seinem Aufbau aus Instanzen zu gewinnen hoffen. An einer Stelle 
haben wir den Anfang dazu gemacht. Aus der Analyse des ßeobach- 
tungswahnes haben wir den Schluß gezogen, daß es im Ich wirklich 
eine Instanz gibt, die unausgesetzt beobachtet, kritisiert und vergleicht 
und sich solcherart dem anderen Anteil des Ichs entgegenstellt. Wir 
meinen also, daß der Kranke uns eine noch nicht genug gewürdigte 
Wahrheit verrät, wenn er sich beklagt, daß jeder seiner Schritte aus- 
gespäht und beobachtet, jeder seiner Gedanken gemeldet und kritisiert 
wird. Er irrt nur darin, daß er diese unbequeme Macht als etwas ihm 
Fremdes nach außen verlegt. Er verspürt das Walten einer Instanz 
in seinem Ich, welche sein aktuelles Ich und jede seiner Betätigungen 
an einem Ideal-Ich mißt, das er sich im Laufe seiner Entwicklung 
geschaffen hat. Wir meinen auch, diese Schöpfung geschah in der 
Absicht, jene Selbstzufriedenheit wiederherzustellen, die mit dem pri- 
mären infantilen Narzißmus verbunden war, die aber seither so viel 
Störungen und Kränkungen erfahren hat. Die selbstbeobachtende In- 
stanz kennen wir als den Ichzensor, das Gewissen; sie ist dieselbe, die 
nächtlicherweile die Traumzensur ausübt, von der die Verdrängungen 
gegen unzulässige Wunsch regungen ausgehen. Wenn sie beim Be- 
obachtungswahn zerfällt, so deckt sie uns dabei ihre Herkunft auf 
aus den Einflüssen von Eltern, Erziehern und sozialer Umgebung, 
aus der Identifizierung mit einzelnen dieser vorbildlichen Personen. 

Dies wäi'en einige der Ergebnisse, welche uns die Anwendung der 
Psychoanalyse auf die narzißtischen Affektionen bisher geliefert hat. 



XXVI. Die Lihidotheorie und der Narzißmus 445 

Es sind gewiß noch zu wenige, und sie entbehren oft noch jener Schärfe, 
die erst durch sichere Vertrautheit auf einem neuen Gebiete erreicht 
werden kann. Wir verdanken sie alle der Ausnützung des Begriffes 
der Ichlibido oder narzißtischen Libido, mit dessen Hilfe wir die Auf- 
fassungen, die sich bei den Übertragungsneurosen bewährt haben, auf 
die narzißtischen Neurosen erstrecken. Nun werden Sie aber die Frage 
stellen: ist es möglich, daß es uns gelingt, alle Störungen der narziß- 
tischen AfTektionen und der Psychosen der Lihidotheorie unterzuord- 
nen daß wir überall den libidinösen Faktor des Seelenlebens als den 
an der Erkrankung schuldigen erkennen und niemals eine Abänderung 
in der Funktion der Selbsterhaltungstriebe verantwortlich zu machen 
brauchen? Nun, meine Damen und Herren, diese Entscheidung scheint 
mir nicht dringlichund vor allem nicht spruchreif zusein. Wir können 
sie ruhig dem Fortschritt der wissenschaftlichen Arbeit überlassen. 
Ich würde mich nicht verwundern, wenn sich das Vermögen der pa- 
thogenen Wirkung wirklich als ein Vorrecht der libidinösen Triebe 
herausstellte, so daß die Libidotheorie auf der ganzen Linie von den 
einfachsten Aktualneuroseu bis zur schwersten psychotischen Ent- 
fremdung des Individuums ihren Triumph feiern könnte. Kennen 
wir es doch als charakteristischen Zug der Libido, daß sie der Unter- 
ordnung unter die Realität der Welt, die Ananke, widerstrebt. Aber 
ich halte es für überaus wahrscheinlich, daß die Ichtriebe durch die 
pathogenen Anregungen der Libido sekundär mitgerissen und zur 
Funktionsstörung genötigt werden. Und ich kann kein Scheitern un- 
serer Forschungsrichtung darin erblicken, wenn uns die Erkenntnis 
bevorsteht, daß bei den schweren Psychosen die Ichtriebe selbst in 
primärer Weise irregeführt werden; die Zukunft wird es, Sie wenig- 
stens, lehren. Lassen Sie mich aber noch für einen Moment zur Angst 
zurückkehren, um eine letzte Dunkelheit, die wir dort gelassen haben, 
zu erleuchten. Wir sagten, es stimme uns nicht zu der sonst so gut 
erkannten Beziehung zwischen Angst und Libido, daß die Realangst 
angesichts einer Gefahr die Äußerung der Selbsterhaltungstriebe sein 
soUte, was sich aber doch kaum bestreiten läßt. Wie wäre es aber, 



w 



446 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



wenn der Angstaffekt nicht von den egoistischen Ichtrieben, sondern 
von der Ichlibido bestritten würde? Der Angstzustand ist doch auf 
alle Fälle unzweckmäßig, und seine Unzweckmäßigkeit wird offen- 
kundig, wenn er einen höheren Grad erreicht. Er stört dann die Ak- 
tion, sei es der Flucht odet der Abwehr, die allein zweckmäßig ist 
imd der Selbsterhaltung dient. Wenn wir also den affektiven Anteil 
der Realangst der Ichlibido, die Aktion dabei dem Icherhaltungstrieb 
zuschreiben, haben wir jede theoretische Schwierigkeit beseitigt. Sie 
werden übrigens doch nicht im Ernst glauben, daß man sich flüchtet, 
weil man Angst verspürt? Nein, man verspürt die Angst und man 
ergreift die Flucht aus dem gemeinsamen Motiv, das durch die Wahr- 
nehmung der Gefahr geweckt wird. Menschen, die große Lebens- 
gefahren bestanden haben, erzählen, sie haben sich gar nicht geäng- 
stigt, bloß gehandelt, z. B. das Gewehr auf das Raubtier angelegt, und 
das war gewiß das Zweckmäßigste. 




XXVII. VORLESUMG 

DIE ÜBERTRAGUNG 

Meine Damen und Herren! Da wir uns jetzt dem Abschluß unserer 
Besprechungen nähern, wird eine bestimmte Erwartung bei Ihnen 
rege werden, die Sie nicht irreführen soll. Sie denken es sich wohl, 
daß ich Sie nicht durch Dick und Dünn des psychoanalytischen Stoffes 
geführt habe, um Sie am Ende zu entlassen, ohne Ihnen ein Wort 
von der Therapie zu sagen, auf welcher doch die Möglichkeit beruht, 
überhaupt Psychoanalyse zu treiben. Ich kann Ihnen dieses Thema 
auch unmöglich vorenthalten, denn dabei sollen Sie aus der Beobach- 
tung eine neue Tatsache kennenlernen, ohne welche das Verständnis 
der von uns untersuchten Erkrankungen in fühlbarster Weise unvoll- 
ständig bliebe. 

Ich weißj Sie erwarten keine Anleitung in der Technik, wie man 
die Analyse zu therapeutischen Zwecken ausüben soll. Sie wollen nur 
im allgemeinsten wissen, auf welchem Wege die psychoanalytische 
Therapie wirkt und was sie ungefähr leistet. Und das zu erfahren, 
haben Sie ein unbestreitbares Recht. Ich will es Ihnen aber nicht 
mitteilen, sondern bestehe darauf, daß Sie es selbst erraten. 

Denken Sie nach ! Sie haben alles Wesentliche von den Bedingungen 
der Erkrankung sowie alle die Faktoren, die bei der erkrankten Per- 
son zur Geltung kommen, kennengelernt. Wo bleibt da ein Raum 
für eine therapeutische Einwirkung? Da ist zunächst die hereditäre 
Disposition^ — wir kommen nicht oft auf sie zu sprechen, weil sie 



448 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

von anderer Seite energisch betonl wird und wir nichts Neues zu ihr 
zu sagen haben. Aber glauben Sie nicht, daß wir sie unterschätzen; 
gerade als Therapeuten bekommen wir ihre Macht deutlich genug 
zu spüren. Jedenfalls können wir nichts au ihr ändern; sie bleibt auch 
für uns etwas Gegebenes, was unserer Bemühung Schranken setzt. 
Dann der Einfluß der frühen Kindererlebnisse, den wir in der Ana- 
lyse voranzustellen gewohnt sind; sie gehören der Vergangenheit an, 
wir können sie nicht ungeschehen machen. Dann all das, was wir 
als die „reale Versagung" zusammengefaßt haben, als das Unglück 
des Lebens, aus dem die Entbehrung an Liebe hervorgeht, die Armut, 
der Familienzwist, das Ungeschick in der Ehewahl, die Ungunst der 
sozialen Verhältnisse und die Strenge der sittlichen Anforderungen, 
unter deren Druck eine Person steht. Da wären freilich Handhaben 
genug für eine sehr wirksame Therapie, aber es müßte eine Thera- 
pie sein, wie sie nach der Wiener Volkssage Kaiser Josef geübt hat, 
das wohltätige Eingreifen eines Mächtigen, vor dessen Willen Men- 
schen sich beugen und Schwierigkeiten verschwinden. Aber wer sind 
wir, daß wir solches Wohltun als Mittel in unsere Therapie aufnehmen 
könnten? Selbst arm und gesellschaftlich ohnmächtig, genötigt von 
unserer ärztlichen Tätigkeit unseren Unterhalt zu bestreiten, sind wir 
nicht einmal in der Lage, unsere Bemühung auch dem Mittellosen 
zuzuwenden, wie es doch andere Ärzte bei anderen Behandlungs- 
methoden können. Unsere Therapie ist dafür zu zeitraubend und zu 
langwierig. Aber vielleicht klammern Sie sich an eines der angeführ- 
ten Momente und glauben dort den Angriffspunkt für unsere Beein- 
flussung gefunden zu haben. Wenn die sittliche Beschränkung, die 
von der Gesellschaft gefordert wird, ihren Anteil an der dem Kranken 
auferlegten Entbehrung hat, so kann ihm ja die Behandlung den Mut 
oder direkt die Anweisung gehen, sich über diese Schranken hinaus- 
zusetzen, sich Befriedigung und Genesung zu holen unter Verzicht 
auf die Erfüllung eines von der Gesellschaft hochgehaltenen, doch so 
oft nicht eingehaltenen Ideals. Man wird also dadurch gesund, daß 
man sich sexuell „auslebt". Allerdings fällt dabei auf die analytische 



XXFII. Die Übertragung 449 

Behandlung der Schatten, daß sie nicht der allgemeinen Sittlichkeit 
dient. Was sie dem Einzelnen zuwendet, hat sie der Allgemeinheit 
entzogen. 

Aber meine Damen und Herren, wer hat Sie denn so falsch be- 
richtet? Es ist nicht die Rede davon, daß der Rat, sich sexuell aus- 
zuleben in der analytischen Therapie eine Rolle spielen könnte. Schon 
darum nicht, weil wir selbst verkündet haben, bei den Kranken be- 
stehe ein hartnäckiger Konflikt zwischen der libidinösen Regung und 
der Sexualverdrängung, zwischen der sinnlichen und der asketischen 
Richtung. Dieser Konflikt wird dadurch nicht aufgehoben, daß man 
einer dieser Richtungen zum Sieg über die gegnerische verhilft. Wir 
sehen es ja, daß beim Nervösen die Askese die Oberhand behalten 
hat. Die Folge davon ist gerade, daß sich die unterdrückte Sexual- 
strebung in Symptomen Luft schafft. Wenn wir jetzt im Gegenteil 
der Sinnlichkeit den Sieg verschaffen würden, so müßte sich die bei- 
seite geschobene Sexualverdrängung durch Symptome ersetzen. Keine 
der beiden Entscheidungen kann den inneren Konflikt beenden, jedes- 
mal bliebe ein Anteil unbefriedigt. Es gibt nur wenige Fälle, in denen 
der Konflikt so labil ist, daß ein Moment wie die Parteinahme des 
Arztes den Ausschlag geben kann, und diese Fälle bedürfen eigentlich 
keiner analytischen Behandlung. Personen, bei welchen dem Arzt ein 
solcher Einfluß zufallen kann, hätten denselben Weg auch ohne den 
Arzt gefunden. Sie wissen doch, wenn ein abstinenter junger Mann 
sich zum illegitimen Sexualverkehr entschließt oder eine unbefriedigte 
Frau bei einem anderen Manne Entschädigung sucht, so haben sie 
in der Regel nicht auf die Erlaubnis eines Arztes oder gar des Ana- 
lytikers gewartet. 

Man übersieht an dieser Sachlage gewöhnlich den einen wesent- 
lichen Punkt, daß der pathogene Konflikt der Neurotiker nicht mit 
einem normalen Kampf seelischer Regungen, die auf demselben psy- 
chologischen Boden stehen, zu verwechseln ist. Es ist ein Widerstreit 
zwischen Mächten, von denen die eine es zur Stufe des Vorbewußten 
und Bewußten gebracht hat, die andere auf der Stufe des Unbewußten 

Freud, VH, , 29 



450 Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

zurückgehallen worden ist. Darum kann der Konflikt zu keinem Aus- 
trag gebracht werden^ die Streitenden kommen so wenig zueinander 
wie in dem bekannten Beispiel der Eisbär und der Walfisch. Eine 
wirkliche Entscheidung kann erst fallen, wenn sich die beiden auf 
demselben Boden treffen. Ich denke, dies zu ermöglichen, ist die ein- 
zige Aufgabe der Therapie. 

Und überdies kann ich Ihnen versichern, daß Sie falsch berichtet 
sind, wenn Sie annehmen, Rat und Leitung in den Angelegenheiten 
des Lebens sei ein integrierendes Stück der analytischen Beeinflussung. 
Im Gegenteil, wir lehnen eine solche Mentorrolle nach Möghchkeit 
ab, wollen nichts lieber erreichen, als daß der Kranke selbständig seine 
Entscheidungen treffe. In dieser Absicht fordern wir auch, daß er alle 
lebenswichtigen Entschlüsse über Berufswahl, wirtschaftliche Unter- 
nehmungen, Eheschließung oder Trennung über die Dauer der Be- 
handlung zurückstelle und erst nach Beendigung derselben zur Aus- 
führung bringe. Gestehen Sie nur, das ist alles anders, als Sie es sich 
vorgestellt haben. Nur bei gewissen sehr jugeiidlichen oder ganz htlf- 
und haltlosen Personen können wii- die gewollte Beschränkung nicht 
durchsetzen. Bei ihnen müssen wir die Leistung des Arztes mit der 
des Erziehers kombinieren; wir sind uns dann unserer Verantwortung 
wohl bewußt und benehmen uns mit der notwendigen Vorsicht. 

Aus dem Eifer, mit dem ich mich gegen den Vorwurf verteidige, 
daß der Nervöse in der analytischen Kur zum Sichausleben angeleitet 
wird, dürfen Sie aber nicht den Schluß ziehen, daß wir zu Gunsten 
der gesellschaftlichen Sittsamkeit auf ihn wirken. Das liegt uns zum 
mindesten ebenso ferne. Wir sind zwar keine Reformer, sondern bloß 
Beobachter, aber wir können nicht umhin, mit kritischen Augen zu 
beobachten, und haben es unmöglich gefunden, für die konventionelle 
Sexualmoral Partei zu nehmen, die Art, wie die Gesellschaft die Pro- 
bleme des Sexuallebens praktisch zu ordnen versucht, hoch einzu- 
schätzen. Wir können es der Gesellschaft glatt vorrechnen, daß das, 
was sie ihre Sittlichkeit heißt, mehr Opfer kostet, als es wert ist, und 
daß ihr Verfahren wederauf Wahrhaftigkeit beruht noch von Klugheit 



XXVIJ. Die Übertragung ^51 



zeugt. Wir ersparen es unseren Patienten nicht, diese Kritik mitanzu- 
hören, wir gewöhnen sie an vorurteilsfreie Erwägung der sexuellen 
Angelegenheiten wie aller anderen, und wenn sie, nach Vollendung 
ihrer Kur selbständig geworden^ sich aus eigenem Ermessen zu irgend 
einer mittleren Position zwischen dem vollen Ausleihen und der un- 
bedingten Askese entschließen, fühlen wir unser Gewissen durch 
keinen dieser Ausgänge belastet. Wir sagen uns, wer die Erziehung 
zur Wahrheit gegen sich selbst mit Erfolg durchgemacht hat, der ist 
gegen die Gefahr der Unsittlichkeit dauernd geschützt, mag sein Maß- 
stab der Sittlichkeit auch von dem in der Gesellschaft gebräuchhchen 
irgendwie abweichen. Übrigens, hüten wir uns davor, die Bedeutung 
der Abstinenzfiage für die Beeinflussung der Neurosen zu überschätzen. 
Nur in einer Minderzahl kann der pathogeuen Situation der Ver- 
sagung mit darauffolgender Libidostauung durch die Art von Sexual- 
verkehr ein Ende gemacht werden, die mit geringer Mühe zu er- 
reichen ist. 

Durch die Gestattung des sexuellen Auslebens können Sie also 
die therapeutische Wirkung der Psychoanalyse nicht erklären. Sehen 
Sie sich nach anderem um. Ich denke, während ich diese Ihre Mut- 
maßung abwies, hat eine Bemerkung von mir Sie auf die richtige 
Spur geführt. Es muß wohl die Ersetzung des Unbewußten durch 
Bewußtes, die Übersetzung des Unbewußten in Bewußtes sein, wo- 
durch wir nützen. Richtig, das ist es auch. Indem wir das Unbewußte 
zum Bewußten fortsetzen, heben wir die Verdrängungen auf, be- 
seitigen wir die Bedingungen für die Symptombildung, verwandeln 
wir den pathogenen Konflikt in einen normalen, der irgendwie eine 
Entscheidung finden muß. Nichts anderes als diese eine psychische 
Veränderung rufen wir beim Kranken hervor: so weit diese reicht, so 
weit trägt unsere Hilfeleistung. Wo keine Verdrängung oder ein ihr 
analoger psychischer Vorgang rückgängig zu machen ist, da hat auch 
unsere Therapie nichts zu suchen. 

Wir können das Ziel unserer Bemühung in verschiedenen Formeln 
ausdrücken: Bewußtmachen des Unbewußten, Aufhebung der Ver- 



452 Vorlesungen zur Einf ührung in die Psychoanalyse 

drängungen, Ausfüllung der amnestischen Lücken, das kommt alles 
auf das gleiche hinaus. Aber vielleicht werden Sie von diesem Be- 
kenntnis unbefriedigt sein. Sie haben sich unter dem Gesundwerden 
eines Nervösen etwas anderes vorgestellt, daß er ein anderer Mensch 
werde, nachdem er sich der mühseligen Arbeit einer Psychoanalyse 
unterzogen hat, imd dann soll das ganze Ergebnis sein, daß er etwas 
weniger Unbewußtes und etwas mehr Bewußtes in sich hat als vor- 
her. Nun Sie unterschätzen wahrscheinlich die Bedeutung einer sol- 
chen inneren Veränderung. Der geheilte Nervöse ist wirklich ein 
anderer Mensch geworden, im Grunde ist er aber natürlich derselbe 
geblieben, d. h. er ist so geworden, wie er bestenfalls unter den gün- 
stigsten Bedingungen hätte werden können. Aber das ist sehr viel. 
Wenn Sie dann hören, was man alles tun muß und welcher Anstren- 
gimg es bedarf, um jene anscheinend geringfügige Veränderung m 
seinem Seelenleben durchzusetzen, wird Ihnen die Bedeutung emes 
solchen Unterschiedes im psychischen Niveau wohl glaubhaft er- 
scheinen. 

Ich schweife für einen Augenblick ab, um zu fragen, ob Sie wissen, 
was man eine kausale Therapie nennt? So heißt man nämlich ein 
Verfahren, welches nicht die Krankheitserscheinungen zum Angriffs- 
punkt nimmt, sondern sich die Beseitigung der Krankheitsursachen 
vorsetzt. Ist nun unsere psychoanalytische eine kausale Therapie oder 
nicht? Die Antwort ist nicht einfach, gibt aber vielleicht Gelegen- 
heit, uns von dem Unwert einer solchen Fragestellung zu überzeugen. 
Insoferne die analytische Therapie sich nicht die Beseitigung der 
Symptome zur nächsten Aufgabe setzt, benimmt sie sich wie eine 
kausale. In anderer Hinsicht können Sie sagen, sie sei es nicht. Wir 
haben nämhch die Kausalverkettung längst über die Verdrängungen 
hinaus verfolgt bis zu den Triebanlagen, deren relativen Intensitäten 
in der Konstitution und den Abweichungen ihres Entwicklungsganges. 
Nehmen Sie nun an, es wäre uns etwa auf chemischem Wege mög- 
lich, in dies Getriebe einzugreifen, die Quantität der jeweils vorhan- 
denen Libido zu erhöhen oder herabzusetzen oder den einen Trieb 




XXVJI. Die Übertragung 45g 



auf Rosten eines anderen zu verstärken, so wäre dies eine im eigent- 
lichen Sinne kausale Therapie, für welche unsere Analyse die unent- 
behrliche Vorarbeit der Rekognoszierung geleistet hätte. Von solcher 
Beeinflussung der Libidovorgänge ist derzeit, wie Sie wissen, keine 
Rede- mit unserer psychischen Therapie greifen wir an einer anderen 
Stelle des Zusammenhanges an, nicht gerade an den uns ersicht- 
lichen Wurzeln der Phänomene, aber doch weit genug weg von den 
Symptomen, an einer Stelle, die uns durch sehr merkwürdige Ver- 
hältnisse zugänglich geworden ist. 

Was müssen wir also tun, um das Unbewußte bei unserem Patien- 
ten durch Bewußtes zu ersetzen? Wir haben einmal gemeint, das 
ffjnge ganz einfach, wir brauchten nur dies Unbewußte zu erraten 
und es ihm vorzusagen. Aber wir wissen schon, das w^ar ein kurz- 
sichtiger Irrtum. Unser Wissen um das Unbewußte ist nicht gleich- 
wertig mit seinem Wissen; wenn wir ihm unser Wissen mitteilen, 
so hat er es nicht an Stelle seines Unbewußten, sondern neben dem- 
selben, und es ist sehr wenig geändert. Wir müssen uns vielmehr 
dieses Unbewußte topisch vorstellen, müssen es in seiner Erinne- 
rung dort aufsuchen, wo es durch eine Verdrängung zustande ge- 
kommen ist. Diese Verdrängung ist zu beseitigen, dann kann sich der 
Ersatz des Unbewußten durch Bewußtes glatt vollziehen. Wie hebt 
man nun eine solche Verdrängung auf? Unsere Aufgabe tritt hier iu 
eine zweite Phase. Zuerst das Aufsachen der Verdrängung, dann die 
Beseitigung des Widerstandes, welcher diese Verdrängung aufrecht hält. 

Wie schafft man den Widerstand weg? In der nämlichen Weise: 
indem man ihn errät und dem Patienten vorhält. Der Widerstand 
stammt ja auch aus einer Verdrängung, aus der nämlichen, die wir 
zu lösen suchen, oder aus einer früher vorgefallenen. Er wird ja von 
der Gegenbesetzung hergestellt, die sich zur Verdrängung der an- 
stößigen Regung erhob. Wir tun also jetzt dasselbe, was wir schon 
anfangs tun wollten, deuten, erraten und es mitteilen^ aber wir tun 
es jetzt an der richtigen Stelle. Die Gegenbesetzung oder der Wider- 
stand gehört nicht dem UnbeiMißten, sondern dem Ich an, welches 



4-54 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



unser Mitarbeiter ist, und dies, selbst wenn sie nicht bewußt sein 
sollte. Wir wissen, es handelt sich hier um den Doppelsinn des Wortes 
„unbewußt", einerseits als Phänomen, anderseits als System. Das 
scheint sehr schwierig und dunkel; aber nicht wahr, es ist doch nur 
Wiederholung? Wir sind längst darauf vorbereitet. — Wir erwarten, 
daß dieser Widerstand aufgegeben, die Gegenbesetzung eingezogen 
werden wird, wenn wir dem Ich die Erkenntnis desselben durch 
unsere Deutung ermöglicht haben. Mit welchen Triebkräften arbeiten 
wir denn in einem solchen Falle? Erstens mit dem Streben des Patien- 
ten gesund zu werden, das ihn bewogen hat, sich in die gemeinschaft- 
liche Arbeit mit uns zu fügen, und zweitens mit der Hilfe seiner In- 
telligenz, welche wir durch unsere Deutung unterstützen. Es ist kein 
Zweifel, daß die Intelligenz des Kranken es leichter hat, den Wider- 
stand zu erkennen und die dem Verdrängten entsprechende Über- 
setzung zu finden, wenn wir ihr die dazu passenden Erwartungsvor- 
stellungen gegeben haben. Wenn ich Ihnen sage: schauen Sie auf 
den Himmel, da ist ein Luftballon zu sehen, so werden Sie ihn auch 
viel leichter finden, als wenn ich Sie bloß auffordere hinaufzuschauen, 
ob Sie irgend etwas entdecken. Auch der Student, der die ersten Male 
ins Mikroskop guckt, wird vom Lehrer unterrichtet, was er sehen 
soll, sonst sieht er es überhaupt nicht, obwohl es da und sichtbar ist. 
Und nun die Tatsache. Bei einer ganzen Anzahl von Formen ner- 
vöser Erkrankung, bei den Hysterien, Angstzuständen, Zwangsneu- 
rosen trifft unsere Voraussetzung zu. Durch solches Aufsuchen der 
Verdrängung, Aufdecken der Widerstände, Andeuten des Verdrängten 
gelingt es wirklich, die Aufgabe zu lösen, also die Widerstände zu 
überwinden, die Verdrängung aufzuheben und das Unbewußte in 
Bewußtes zu verwandeln. Dabei gewinnen wir den klai-sten Eindruck 
davon, wie sich um die Überwindung eines jeden Widerstandes ein 
heftiger Kampf in der Seele des Patienten abspielt, ein normaler 
Seelenkampf auf gleichem psychologischen Boden zwischen den Mo- 
tiven, welche die Gegenbesetzung aufrechthallen wollen, und denen, 
die bereit sind, sie aufzugeben. Die ersteren sind die alten Motive, die 



XXVII. Die Übertragung 455 



seinerzeit die Verdrängung durchgesetzt haben j unter den letzteren 
befinden sich die neu hinzugekommenen, die hoffentlich den Konflikt 
in unserem Sinne entscheiden werden. Es ist uns gelungen, den alten 
Verdrängungskonflikt wieder aufzufrischen, den damals erledigten 
Prozeß zur Revision zu bringen. Als neues Material bringen wir 
erstens hinzu die Mahnung, daß die frühere Entscheidung zur Krank- 
heit geführt hat, und das Versprechen, daß eine andere den Weg zur 
Genesung bahnen wird, zweitens die großartige Veränderung aller 
Verhältnisse seit dem Zeitpunkt jener ersten Abweisung. Damals war 
das Ich schwächlich, infantil, und hatte vielleicht Grund, die Libido- 
forderung als Gefahr zu ächten. Heute ist es erstarkt und erfahren 
und hat überdies in dem Arzt einen Helfer zur Seite. So dürfen wir 
erwarten, den aufgefrischten Konflikt zu einem besseren Ausgang als 
dem in Verdrängung zu leiten, und wie gesagt, bei den Hysterien, 
Angst- und Zwangsneurosen gibt der Erfolg uns prinzipiell recht. 

Nun gibt es aber andere Krankheitsformen, bei denen trotz der 
Gleichheit der Verhältnisse unser therapeutisches Vorgehen niemals 
Erfolg bringt. Es hat sich auch bei ihnen um einen ursprünglichen 
Konflikt zwischen dem Ich und der Libido gehandelt, der zur Ver- 
drängung geführt hat — mag diese auch topisch anders zu charakteri- 
sieren sein — -, es ist auch hier möglich, die Stellen aufzuspüren, an 
denen im Leben des Kranken die Verdrängungen vorgefallen sind, wir 
wenden das nämliche Verfahren an, sind zu denselben Versprechungen 
bereit, leisten dieselbe Hilfe durch Mitteilung von Erwartungsvor- 
stellungen, und wiederum läuft die Zeitdifferenz zwischen der Gegen- 
wart und jenen Verdrängungen zu Gunsten eines anderen Ausganges 
des Konflikts. Und doch gelingt es uns nicht, einen Widerstand auf- 
zuheben oder eine Verdrängung zu beseitigen. Diese Patienten, Para- 
noiker, Melancholiker, mit Dementia paraecox Behaftete, bleiben im 
ganzen ungerührt und gegen die psychoanalytische Therapie gefeit. 
Woher kann das kommen? Nicht von dem Mangel an Intelligenz^ 
ein gewisses Maß von intellektueller Leistungsfähigkeit wird bei 
unseren Patienten natürlich erforderlich sein, aber daran fehlt es z. B. 



ü 



456 Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse .^V^ 

den so scharfsinnig kombinierenden Paranoikern sicherlich nicht. Auch 
von den anderen Triebkräften können wir keine vermissen. Die Melan- 
chohter z. B. haben das Bewußtsein, krank zu sein uod darum so schwer 
zu leiden, das den Paranoikern abgeht, in sehr hohem Maße, aber sie 
sind darum nicht zugänghcher. Wir stehen hier vor einer Tatsache, 
die wir nicht verstehen, und die uns darum auch zweifehl heißt, ob 
wir den möglichen Erfolg bei den anderen Neurosen wirklich in all 
seinen Bedingungen verstanden haben. 

Bleiben wir bei der Beschäftigung mit unseren H) sterikern und 
Zwangsneurotikern, so tritt uns alsbald eine zweite Tatsache entgegen, 
auf die wir in keiner Weise vorbereitet waren. Nach einer Weile 
müssen wdr nämlich bemerken, daß diese Kranken sich gegen uns in 
ganz besonderer Art benehmen. Wir glaubten ja, uns von allen bei 
der Kur in Betracht kommenden Triebkräften Rechenschaft gegeben 
zu haben, die Situation zwischen uns und dem Patienten voll ratio- 
nalisiert zu haben, so daß sie sich übersehen läßt wie ein Rechen- 
exempel, und dann scheint sich doch etwas einzuschleichen, was 
in dieser Rechnung nicht in Anschlag gebracht worden ist. Dieses 
unerwartete Neue ist selbst vielgestaltig, ich werde zunächst die 
häufigere und leichter verständliche seiner Erscheinungsformen be- 
schreiben. ■ : . . . . - 

Wir bemerken also, daß der Patient, der nichts anderes suchen soll 
als einen Ausweg aus seinen Leidenskonflikten, ein besonderes Interesse 
für die Person des Arztes entwickelt. Alles, was mit dieser Person 
zusammenhängt, scheint ihm bedeutungsvoller zu sein als seine eigenen 
Angelegenheiten und ihn von seinem Kranksein abzulenken. Der 
Verkehr mit ihm gestaltet sich demnach für eine Weile sehr an- 
genehm; er ist besonders verbindlich, sucht sich, wo er kann, dank- 
bar z:u erweisen, zeigt Feinheiten und Vorzüge seines Wesens, die 
wir vielleicht nicht bei ihm gesucht hätten. Der Arzt faßt dann auch 
eine günstige Meinung vom Patienten und preist den Zufall, der ihm 
gestattet hat, gerade einer besonders wertvollen Persönlichkeit Hilfe 
zu leisten. Hat der Arzt Gelegenheit, mit Angehörigen des Patienten 



XXVII. Die Übertragung 457 



zu sprechen, so hört er mit Vergnügen, daß dies Gefallen gegenseitig 
ist. Der Patient wird zu Hause nicht müde, den Arzt zu loben, immer 
neue Vorzüge an ihm zu rühmen. „Er schwärmt für Sie, er vertraut 
Ihnen blindj alles, was Sie sagen, ist für ihn wie eine Offenbarung," 
erzählen die Angehörigen. Hie und da sieht einer aus diesem Chorus 
schärfer und äußert: Es wird schon langweilig, wie er von nichts 
anderem spricht als von Ihnen und immer nur Sie im Munde führt. 

Wir wollen hoffen, daß der Arzt bescheiden genug ist, diese 
Schätzung seiner Persönüchkeit durch den Patienten auf die Hoff- 
nungen zurückzuführen, die er ihm machen kann, und auf die Er- 
weiterung seines intellektuellen Horizonts durch die überraschenden 
und befreienden Eröffnungen, die die Kur mit sich bringt. Die Analyse 
macht unterdiesenBedingu ngenauch prächtige Fortschritte, derPatient 
versteht, was man ihm andeutet, vertieft sich in die Aufgaben, die ihm 
von der Kur gestellt werden, das Material von Erinnerungen und 
Einfällen strömt ihm reichlich zu, er überrascht den Arzt durch die 
Sicherheit und Triftigkeit seiner Deutungen, und dieser kann nur 
mit Genugtuung feststellen, wie bereitwillig ein Kranker alle die 
psychologischen Neuheiten aufnimmt, die bei den Gesunden in der 
Welt draußen den erbittertsten Widerspruch zu erregen pflegen. Dem 
guten Einvernehmen während der analytischen Arbeit entspricht 
auch eine objektive, von allen Seiten anerkannte Besserung des 
Krankheitszustandes. . 

So schönes Wetter kann es aber nicht immer geben. Eines Tages 
trübt es sich. Es stellen sich Schwierigkeiten in der Behandlung ein; 
der Patient behauptet, es falle ihm nichts mehr ein. Man hat den 
deutlichsten Eindruck, daß sein Interesse nicht mehr bei der Arbeit 
ist, und daß er sich leichten Sinnes über die ihm gegebene Vorschrift 
hinaussetzt, alles zu sagen, was ihm durch den Sinn fährt, und keiner 
kritischen Abhaltung dagegen nachzugeben. Er benimmt sich wie 
außerhalb der Kur, so als ob er jenen Vertrag mit dem Arzt nicht 
abgeschlossen hätte; er ist offenbar von etwas eingenommen, was er 
aber für sich behalten will. Das ist eine für die Behandlung gefähr- 



458 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

liehe Situation. Man steht unverkennbar vor einem gewaltigen Wider- 
stand. Aber was ist da vorgefallen? 

Wenn man imstande ist, die Situation wieder zu klären, so erkennt 
man als die Ursache der Störung, daß der Patient intensive zärtliche 
Gefühle auf den Arzt übertragen hat, zu denen ihn weder das Be- 
nehmen des Arztes noch die in der Kur entstandene Beziehung be- 
rechtigt. In welcher Form sich diese Zärtlichkeit äußert und welche 
Ziele sie anstrebt, das hängt natürlich von den persönlichen Verhält- 
nissen der beiden Beteiligten ab. Handelt es sich um ein junges Mädchen 
und einen jüngeren Mann, so werden wir den Eindruck einer normalen 
Verliebtheit bekommen, werden es begreiflich finden, daß sich ein 
Mädchen in einen Mann verliebt, mit dem es viel allein sein und 
Intimes besprechen kann, der ihm in der vorteilhaften Position des 
überlegenen Helfers entgegentritt, und werden darüber wahrschein- 
lich übersehen, daß bei dem neurotischen Mädchen eher eine Störung 
der Liebesfähigkeit zu erwarten wäre. Je weiter sich dann die persön- 
lichen Verhältnisse von Arzt und Patient von diesem angenonunenen 
Fall entfernen, desto mehr wird es uns befremden, wenn wir trotz- 
dem immer wieder dieselbe Gefühlsbeziehung hergestellt finden. Es 
mag noch angehen, wenn die junge, in der Ehe unglückliche Frau 
von einer ernsten Leidenschaft für ihren selbst noch freien Arzt er- 
faßt scheint, wenn sie bereit ist, die Scheidung ihrer Ehe anzustreben, 
um ihm anzugehören, oder im Falle sozialer Hemmnisse selbst kein 
Bedenken äußert, ein heimliches Liebesverhältnis mit ihm einzugehen. 
Dergleichen kommt ja auch sonst außerhalb der Psychoanalyse vor. 
Man hört nun aber unter diesen Umständen mit Erstaunen Äußerungen 
von Seiten der Frauen und Mädchen, welche eine ganz bestimmte 
Stellungnahme zum therapeutischen Problem bekunden: sie hätten 
immer gewußt, daß sie nur durch die Liebe gesund werden können, 
und von Beginn der Behandlung an erwartet, daß ihnen durch diesen 
Verkehr endhch geschenkt werde, was ihnen das Leben bisher vor- 
enthalten. Nur dieser Hoffiiung wegen hätten sie sich so viel Mühe 
in der Kur gegeben und alle Schwierigkeiten der Mitteilung über- 



XXFII. Die Übertragung 459 

wunden. Wir werden für uns hinzusetzen: und alles, was sonst zu 
glauben schwer föllt, so leicht verstanden. Aber ein solches Geständnis 
überrascht uns ■ es wirft unsere Berechnungen über den Haufen. Könnte 
es sein, daß wir den wichtigsten Posten aus unserem Ansatz weg- 
gelassen haben? 

Und wirklich, je weiter wir in der Erfahrung kommen, desto 
weniger können wir dieser für unsere WissenschaftUchkeit beschä- 
menden Korrektur widerstreben. Die ersten Male konnte man etwa 
elauben, die analytische Kur sei auf eine Störung durch ein zufdl- 
liees d. h. nicht in ihrer Absicht liegendes und von ihr nicht her- 
vorgerufenes Ereignis gestoßen. Aber wenn sich eine solche zärtUche 
Bindung des Patienten an den Arzt regelmäßig bei jedem neuen 
Falle wiederholt, wenn sie unter den ungünstigsten Bedingungen, 
bei geradezu grotesken Mißverhältnissen immer wieder zum Vor- 
schein kommt, auch bei der gealterten Frau, auch gegen den grau- 
bärtigen Mann, auch dort, wo nach unserem Urteil keinerlei Ver- 
lockungen bestehen, dann müssen wir doch die Idee eines störenden 
Zufalles aufgeben und erkeünen, daß es sich um ein Phänomen han- 
delt, welches mit dem Wesen des Krankseins selbst im. Innersten zu- 
sammenhängt. 

Die neue Tatsache, welche wir also widerstrebend anerkennen, 
heißen wir die Übertragung. Wir meinen eine Übertragung von 
Gefühlen auf die Person des Arztes, weil wir nicht glauben, daß die 
Situation der Kur eine Entstehung solcher Gefühle rechtfertigen 
könne. Vielmehr vermuten wir, daß die ganze Gefühlsbereitschaft 
anderswoher stammt, in der Kranken vorbereitet war und bei der 
Gelegenheit der analytischen Behandlung auf die Person des Arztes 
übertragen wird. Die Übertragung kann als stürmische Liebesforde- 
rung auftreten oder in gemäßigteren Formen; an Stelle des Wun- 
sches, Geliebte zu sein, kann zwischen dem jungen Mädchen und 
dem alten Mann der Wunsch auftauchen, als bevorzugte Tochter 
angenommen zu werden, das libidinöse Streben kann sich zum Vor- 
schlag einer unzertrennlichen, aber ideal unsinnlichen Freundschaft 



460 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

mildern. Manche Frauen verstehen es, die Übertragimg zu subli- 
mieren und an ihr zu modeln, bis sie eine Art von Existenzfähigkeit 
gewinnt^ andere müssen sie in ihrer rohen, ursprünglichen, zumeist 
unmöglichen Gestalt äußern. Aber es ist im Grunde immer das 
gleiche und laßt die Herkunft aus derselben Quelle nie ^'erkennen. 

Ehe wir uns fragen, wo wir die neue Tatsache der Übertragung 
unterbringen wollen, wollen wir ihre Beschreibung vervollständigen. 
Wie ist es denn hei männlichen Patienten? Da dürfte man doch 
hoffen, der lästigen Einmengung der Geschlechtsverschiedenheit und 
Geschlechtsanziehung zu entgehen. Nun, nicht viel anders als bei 
weiblichen, muß die Antwort lauten. Dieselbe Bindung an den Arzt, 
dieselbe Überschätzung seiner Eigenschaften, das nämliche Aufgehen 
in dessen Interessen, die gleiche Eifersucht gegen alle, die ihm mi 
Leben nahestehen. Die sublimierten Formen der Übertragung sind 
zwischen Mann und Mann in dem Maße häufiger und die direkte 
Sexualforderung seltener, in welchem die manifeste Homosexualität 
gegen die anderen Verwendungen dieser Triebkomponente zurück- 
tritt. Bei seinen männlichen Patienten beobachtet der Arzt auch 
häufiger als bei Frauen eine Erscheinungsform der Übertragung, 
welche auf den ei-sten Blick allem bisher Beschriebenen zu wider- 
sprechen scheint, die feindselige oder negative Übertragung. 

Machen wir uns zunächst klar, daß die Übertragung sich vom 
Anfang der Behandlung an beim Patienten ergibt und eine Weile 
die stärkste Triebfeder der Arbeit darstellt. Man veispürt nichts von 
ihr und braucht sich auch nicht um sie zu bekümmern, solange sie zu 
Gunsten der gemeinsam betriebenen Analyse wirkt. Wandelt sie sich 
dann zum Widerstand, so muß man ihr Aufmerksamkeit zuwenden 
und erkennt, daI3 sie unter zwei verschiedenen und eul^egengesetz- 
ten Bedingungen ihr Verhältnis zur Kur geändert hat, erstens wenn 
sie als zärthche Neigung so stark geworden ist, so deutlich die Zeichen 
ihrer Herkunft aus dem Sexualbedürfnis verraten hat, daß sie ein 
inneres Widerstreben gegen sich wachrufen muß, und zweitens, 
wenn sie aus feindseligen an&tall aus zärtlichen Regungen besteht. 



XXFII. Die Übertragung 461 

Die feindseligen Gefühle kommen in der Regel später als die zärt- 
lichen und hinter ihnen zum Vorschein; in ihrem gleichzeitigen 
Bestand ergeben sie eine gute Spiegelung der Gefühlsambivalenz, 
welche in den meisten unserer intimen Beziehungen zu anderen 
Menschen herrscht. Die feindlichen Gefühle bedeuten ebenso eine 
Gefühlsbindung wie die zärtlichen, ebenso wie der Trotz dieselbe 
Abhängigkeit bedeutet wie der Gehorsam, wenn auch mit entgegen^ 
gesetztem Vorzeichen. Daß die feindlichen Gefühle gegen den Arzt 
den Namen einer „Übertragung" verdienen, kann uns nicht zweifel- 
haft sein, denn zu ihrer Entstehung gibt die Situation der Kur gewiß 
keinen zureichenden Anlaß; die notwendige Auffassung der nega- 
tiven Übertragung versichert uns so, daß wir in der Beurteilung der 
positiven oder zärtlichen nicht irregegangen sind. 

Woher die Übertragung stammt, welche Schwierigkeiten sie uns 
bereitet, wie wir sie überwinden, und welchen Nutzen wir schließ- 
lich aus ihr ziehen, das ist ausführlich in einer technischen Unter- 
weisung zur Analyse zu behandeln und soll heute von mir nur ge- 
streift werden. Es ist ausgeschlossen, daß wir den aus der Über^ 
tragung folgenden Forderungen des Patienten nachgeben, es wäre 
widersinnig, sie unfreundlich oder gar entrüstet abzuweisen; wir 
überwinden die Übertragung, indem wir dem Kranken nachweisen, 
daß seine Gefühle nicht aus der gegenwärtigen Situation stammen 
und nicht der Person des Arztes gelten, sondern daß sie wiederholen, 
was bei ihm bereits früher einmal vorgefallen ist. Auf solche Weise 
nötigen wir ihn, seine Wiederholung in Erinnerung zu verwandeln. 
Dann wird die Übertragung, die, ob zärtlich oder feindselig, in jedem 
Falle die stärkste Bedrohung der Kur zu bedeuten schien, zum besten 
Werkzeug derselben, mit dessen Hilfe sich die verschlossensten 
Fächer des Seelenlebens eröffnen lassen. Ich möchte Ihnen aber 
einige Worte sagen, um Sie von dem Befremden über das Auftreten 
dieses unerwarteten Phänomens zu befreien. Wir wollen doch nicht 
vergessen, daß die Krankheit des Patienten, den wir zur Analyse 
übernehmen, nichts Abgeschlossenes, Erstarrtes ist, sondern weiter- 



402 Forlesungen, zur Einführung in die Psychoanalyse 

wächst und ihre Entwickhing fortsetzt wie ein lebendes Wesen. Der 
Beginn der Behandlung macht dieser Entwicklung kein Ende, aber 
wenn die Kur sich erst des Kranken bemächtigt hat, dann ergibt es 
sich, daß die gesamte Neuproduktion der Krankheit sich auf eine 
einzige Stelle wirft, nämlich auf das Verhältnis zum Arzt. Die Über- 
tragung wird so der Cambiumschicht zwischen Hnlz und Rinde 
eines Baumes vergleichbar, von welcher Gewebsneubildung und 
Dicken Wachstum, des Stammes ausgehen. Hat sich die Übertragung 
erst zu dieser Bedeutung aufgeschwungen, so tritt die Arbeit an den 
Erinnerungen des Kranken weit zurück. Es ist dann nicht unrichtig 
zu sagen, daß man es nicht mehr mit der früheren Krankheit des 
Patienten zu tun hat, sondern mit einer neugeschaffenen und nm- 
geschaffenen Neurose, welche die erstere ersetzt. Diese Neuauflage 
der alten AfTektion hat man von Anfang an verfolgt, man hat sie 
entstehen und wachsen gesehen und findet sich in ihr besonders gut 
zurecht, weil man selbst als Objekt in ihrem Mittelpunkt steht. Alle 
Symptome des Kranken haben ihre ursprüngliche Bedeutung auf- 
gegeben und sich auf einen neuen Sinn eingerichtet, der in einer 
Beziehung zur Übertragung besteht. Oder es sind nur solche Sym- 
ptome bestehen geblieben, denen eine solche Umarbeitung gelingen 
konnte. Die Bewältigung dieser neuen künstlichen Neurose fällt 
aber zusammen mit der Erledigung der in die Kur mitgebrachten 
Krankheit, mit der Lösung unserer therapeutischen Aufgabe. Der 
Mensch, der im Verhältnis zum Arzt normal und frei von der Wir- 
kung verdrängter Triebregungen geworden ist, bleibt auch so in 
seinem Eigenleben, wenn der Arzt sich wieder ausgeschaltet hat. 

Diese außerordentliche, für die Kur geradezu zentrale Bedeutung 
hat die Übertragung bei den Hysterien, Angsthysterien und Zwangs- 
neurosen, die darum mit Recht als „Übertragungsneurosen' 
zusammengefaßt werden. Wer sich aus der analytischen Arbeit den 
vollen Eindruck von der Tatsache der Übertragung geholt hat, der 
kann nicht mehr bezweifeln, von welcher Art die unterdrückten 
Regungen sind, die sich in den Symptomen dieser Neurosen Aus- 



XXril. Die Übertragung 463 



druck verschaffen, und verlangt nach keinem kräftigeren Beweis für 
deren libidinöse Natur. Wir dürfen sagen, unsere Überzeugung von 
der Bedeutung der Symptome als libidinöse Ersatzbefriediguugen 
ist erst durch die Einreihung der Übertragung endgültig gefestigt 
worden. 

Nun haben wir allen Grund, unsere frühere dynamische Auf- 
fassung des Heilungsvorganges zu verbessern und sie mit der neuen 
Einsicht in Einklang zu bringen. Wenn der Kranke den Normal- 
konflikt mit den Widerständen durchzukämpfen hat, die wir ihm 
in der Analyse aufgedeckt haben, so bedarf er eines mächtigen An- 
triebes, der die Entscheidung in dem von uns gewünschten, zur 
Genesung führenden Sinne beeinflußt. Sonst könnte es geschehen, 
daß er sich für die Wiederholung des früheren Ausganges entscheidet 
und das ins Bewußtsein Gehobene wieder in die Verdrängung gleiten 
läßt. Den Ausschlag in diesem Kampfe gibt dann nicht seine intellek- 
tuelle Einsicht — die ist weder stark noch frei genug für solche 
Leistung — , sondern einzig sein Verhältnis zum Arzt. Soweit seine 
Übertragung von positivem Vorzeichen ist, bekleidet sie den Arzt 
mit Autorität, setzt sie sich in Glauben an seine Mitteilungen imd 
Auffassungen um. Ohne solche Übertragung, oder wenn sie negativ 
ist, würde er den Arzt und dessen Argumente nicht einmal zu Gehör 
kommen lassen. Der Glaube wiederholt dabei seine eigene Entste- 
hungsgeschichte j er ist ein Abkömmling der Liebe und hat zuerst der 
Argumente nicht bedurft. Erst später hat er ihnen so viel eingeräumt, 
daß er sie in prüfende Betrachtung zieht, wenn sie von einer ihm 
lieben Person vorgebracht werden. Argumente ohne solche Stütze 
haben nicht gegolten, gelten bei den meisten Menschen niemals im 
Leben etwas. Der Mensch ist also im allgemeinen auch von der 
intellektuellen Seite her nur insoweit zugänglich, als er der libidi- 
nösen Objektbesetzung fähig ist, und wir haben guten Grund, in 
dem Ausmaß seines Narzißmus eine Schranke für seine Beeinfluß- 
barkeit auch für die beste analytische Technik zu erkennen und zu 
fürchten. 



464 Vorlesungen zur Einführun g in die Psychoanalyse 

Die Fähigkeit, libidinöse Objektbesetzungen auch auf Personen zu 
richten, muß ja allen normalen Menschen zugesprochen werden. 
Die Übertragungsneigung der genannten Neurotiker ist nur eine 
außerordentliche Steigerung dieser allgemeinen Eigenschaft. Nun 
wäre es doch sehr sonderbar, wenn ein menschlicher Charakterzug 
von solcher Verbreitung und Bedeutung nie bemerkt und nie ver- 
wertet worden wäre. Das ist auch wirklich geschehen. Bernheim 
hat die Lehre von den hypnotischen Erscheinungen mit unbeirrtem 
Scharfblick auf den Satz begründet, daß alle Menschen irgendwie 
suggerierbar, „suggestibel" sind. Seine Suggestibilität ist nichts ande- 
res als die Neigung zur Übertragung, etwas zu enge gefaßt, so daß 
die negative Übertragung keinen Raum darin fand. Aber Bern- 
heim konnte nie sagen, was die Suggestion eigentlich ist und wie 
sie zustande kommt. Sie war für ihn eine Grundtatsache, für deren 
Herkunft er keinen Nachweis geben konnte. Er hat die Abhängig- 
keit der „suggestibilit^" von der Sexualität, von der Betätigung der 
Libido nicht erkannt. Und wir müssen gewahr werden, daß wir m 
unserer Technik die Hypnose nur aufgegeben haben, um die Sug- 
gestion in der Gestalt der Übertragung wiederzuentdecken. 

Jetzt halte ich aber ein und lasse Ihnen das Wort. Ich merke, 
eine Einwendung schwillt bei Ihnen so mächtig an, daß sie ihnen 
die Fähigkeit rauben würde zuzuhören, würde man sie nicht zu 
Worte kommen lassen: „Also Sie haben endlich zugestanden, daß 
Sie mit der Hilfskraft der Suggestion arbeiten wie die Hypnotiker. 
Das haben vAt uns ja schon lange gedacht. Aber dann, wozu der 
Umweg über die Erinnerungen der Vergangenheit, die Aufdeckung 
des Unbewußten, die Deutung und Rückübersetzung der Entstel- 
lungen, der ungeheure Aufwand an Mühe, Zeit und Geld, wenn das 
einzig Wirksame doch nur die Suggestion ist? Warum suggerieren 
Sie nicht direkt gegen die Symptome, wie es die anderen tun, die 
ehrlichen Hypnotiseure? Und ferner, wenn Sie sich entschuldigen 
wollen, auf dem Umweg, den Sie gehen, haben Sie zahlreiche bedeut- 
same psychologische Funde gemacht, die sich bei der direkten Sug. 



XXFII. Die Übertragung 465 



gestion verbergen: wer steht denn jetzt für die Sicherheit dieser 
Funde ein? Sind die nicht auch ein Ergebnis der Suggestion, der 
unbeabsichtigten nämhchj können Sie denn nicht dem Kranken auch 
auf diesem Gebiete aufdrängen, was Sie wollen und was Ihnen rich- 
tig scheint?" 

Was Sie mir da einwerfen, ist ungemein interessant und m.uß 
beantwortet werden. Aber heute kann ich's nicht mehr, es fehh uns 
die Zeit. Auf nächstes Mal also. Sie werden sehen, ich stehe Ihnen 
Rede. Für heute muß ich noch das Begonnene zu Ende bringen. 
Ich habe versprochen, Ihnen mit Hilfe der Tatsache der Übertragung 
verständlich zu machen, warum unsere therapeutische Bemühung 
bei den narzißtischen Neurosen keinen Erfolg hat. 

Ich kann es mit wenigen Worten tun, und Sie werden sehen, wie 
einfach sich das Rätsel löst, und wie gut alles zusammenstimmt. 
Die Beobachtung läßt erkennen, daß die an narzißtischen Neurosen 
' Erkrankten keine Übertragungsfähigkeit haben oder nur ungenü- 

gende Reste davon. Sie lehnen den Arzt ab, nicht in Feindseligkeit, 

I sondern in Gleichgültigkeit. Darum sind sie auch nicht durch ihn 

zu beeinflussen; was er sagt, läßt sie kalt, macht ihnen keinen Ein- 

\ , druck, darum kann sich der Heilungsmechanismus, den vrir bei den 

^ anderen durchsetzen, die Erneuerung des pathogeuen Konfliktes und 

die Überwindung des Verdrängungswiderstandes bei ihnen nicht 
herstellen. Sie bleiben, wie sie sind. Sie haben häufig bereits Her- 
stellungsversuche auf eigene Faust unternommen, die zu patholo- 
gischen Ergebnissen geführt haben; wir können nichts daran ändern. 
Auf Grund unserer klinischen Eindrücke von diesen Kranken 
hatten wir behauptet, bei ihnen müsse die Objektbesetzung aufge- 
geben und die Objektlibido in Ichlibido umgesetzt worden sein. 
Durch diesen Charakter hatten wir sie von der ersten Gruppe von 

\ Neurotikern (Hysterie, Angst- und Zwangsneurose) geschieden. Ihr 

Verhalten beim therapeutischen Versuch bestätigt nun diese Ver- 
niutung. Sie zeigen keine Übertragung und darum sind sie auch 
für unsere Bemühung unzugänglich, durch uns nicht heilbar. 

Freud, VII. ,^ 



XXVIII. VORLKSUNG 

DIE ANALYTISCHE THERAPIE 

Meine Damen und Herren! Sie wissen, worüber wir heute sprechen 
werden. Sie haben mich gefragt, warum wir uns in der psychoana- 
lytischen Therapie nicht der direkten Suggestion bedienen, wenn wir 
zugeben, daß vnser Einfluß wesentUch auf Übertragung, d. i. auf Sug- 
gestion, beruht, und haben daran den Zw^eifel geknüpft, ob wir bei 
einer solchen Vorhenschaft der Suggestion noch für die Objektivität 
unserer psychologischen Funde einstehen können. Ich habe verspro- 
chen, Ihnen ausführliche Antwort zu geben. 

Direkte Suggestion, das ist Suggestion gegen die Äußerung der 
Symptome gerichtet^ Kampf zwischen Ihrer Autorität und den Moti- 
ven des Krankseins. Sie kümmern sich dabei um diese Motive nicht, 
fordern vom Kranken nur, daß er deren Äußerung in Symptomen 
unterdrücke. Es macht dann keinen prinzipiellen Unterschied, ob Sie 
den Kranken in Hypnose versetzen oder nicht. Bernheim hat wie- 
derum mit der ihn auszeichnenden Schärfe behauptet, daß die Sug- 
gestion das Wesentliche an den Erscheinungen des Hjrpnotismus 
sei, die Hypnose aber selbst schon ein Erfolg der Suggestion, ein 
suggerierter Zustand, und er hat mit Vorliebe die Suggestion im 
Wachen geübt, die dasselbe leisten kann wie die Suggestion in der 

Hypnose. 

Was wollen Sie nun in dieser Frage zueret anhören, die Aussagimg 
der Erfahrung oder theoretische Überlegungen? 



XXVIII. Die analytische Therapie .Q^ 

Beginnen wir mit der ersteren. Ich war Schüler von Bernheim 
den ich i88g in Nancy aufgesucht und dessen Buch über die Sugge- 
stion ich ins Deutsche übersetzt habe. Ich habe Jahre hindurch die 
hypnotische Behandlung geübt, zunächst mit Verbotsuggestion und 
später mit der Breuerschen Ausforschung des Patienten kombiniert. 
Ich darf also über die Erfolge der hypnotischen oder suggestiven The- 
rapie aus guter Erfahrung sprechen. Wenn nach einem alten Ärzte- 
wort eine ideale Therapie rasch, verläßlich und für den Kranken nicht 
unangenehm sein soll, so erfüllte die ßernheimsche Methode aller- 
dings zwei dieser Anforderungen. Sie ließ sich viel rascher, daß heißt 
unsagbar rascher, durchführen als die analytische, und sie brachte 
dem Kranken weder Mühe noch Beschwerden. Für den Arzt wurde 
es auf die Dauer — monoton; bei jedem Fall in gleicher Weise, mit 
dem nämlichen Zeremoniell den verschiedenartigsten Symptomen die 
Existenz zu verbieten, ohne von deren Sinn und Bedeutung etwas 
erfassen zu können. Es war eine Handlangerarbeit, keine wissenschaft- 
liche Tätigkeit und erinnerte an Magie, Beschwörung und Hokus- 
pokus^ aber das kam ja gegen das Interesse des Kranken nicht in 
Betracht. Am dritten fehlte es; verläßlich war das Verfahren nach 
keiner Richtung. Bei dem einen ließ es sich anwenden, bei dem an- 
deren nicht; bei einem gelang vieles, beim anderen sehr wenig, man 
wußte nie warum. Ärger als diese Launenhaftigkeit des Verfahrens 
war der Mangel an Dauer der Erfolge. Nach einiger Zeit war, wenn 
man von den Kranken wieder hörte, das alte Leiden wieder da, oder 
es hatte sich durch ein neues ersetzt. Man konnte von neuem hypnoti- 
sieren. Im Hintergründe stand die von erfahrener Seite ausgesprochene 
Mahnung, den Kranken nicht durch häufige Wiederholung der Hyp- 
nose um seine Selbständigkeit zu bringen und ihn an diese Therapie 
zu gewöhnen wie an ein Narkotikum. Zugegeben, manchmal gelang 
es auch ganz nach Wunsch; nach wenigen Bemühungen hatte man 
vollen und dauernden Erfolg. Aber die Bedingungen eines so gün- 
stigen Ausganges blieben unbekannt. Einmal geschah es mir, daß ein 
schwerer Zustand, den ich durch kurze hypnotische Behandlung gänz- 

30* 



468 Forlesungen, zur Einführung in die Psychoanalyse 

lieh beseitigt hatte, unverändert wiederkehrte, nachdem mir die Kranke 
ohne mein Dazutun gram geworden war, daß ich ihn nach der Ver- 
söhnung von neuem und weit gründlicher zum Verschwinden brachte, 
und daß er doch wiederkam, nachdem sie sich mir ein zweites Mal 
entfremdet hatte. Ein andermal erlebte ich, daß eine Kranke, der ich 
wiederholt von nervösen Zuständen durch Hypnose geholfen hatte, 
mir während der Behandlung eines besonders hartnäckigen Zufalles 
plötzlich die Arme um den Hals schlang. Das nötigte einen doch, sich 
mit der Frage nach Natur und Herkunft seiner suggestiven Autorität, 
ob man wollte oder nicht, zu beschäftigen. 

Soweit die Erfahrungen. Sie zeigen uns, daß wir mit dem Verzicht 
auf die direkte Suggestion nichts Unersetzliches aufgegeben haben. 
Nun lassen sie uns einige Erwägungen daran knüpfen. Die Ausübung 
der hypnotischen Therapie legt dem Patienten wie dem Arzt nur eine 
sehr geringfügige Arbeitsleistung auf. Diese Therapie ist in schönster 
Übereinstimmung mit einer Einschätzung der Neurosen, zu der sich 
noch die Mehrzahl der Ärzte bekennt. Der Arzt sagt dem Nervösen : 
Es fehlt Ihnen ja nichts, es ist nur nervös, und darum kann ich auch 
Ihre Beschwerden mit einigen Worten in wenigen Minuten weg- 
blasen. Es widerstrebt aber unserem energetischen Denken, daß man 
durch eine winzige Kraftanstrengung eine große Last sollte bewegen 
können, wenn man sie direkt und ohne fremde Hilfe geeigneter Vor- 
richtungen angreift. Soweit die Verhältnisse vergleichbar sind, lehrt 
auch die Erfahrung, daß dieses Kunststück bei den Neurosen nicht 
gelingt. Ich weiß aber, dieses Argument ist nicht unangreifbar; es 
gibt auch „Auslösungen". 

Im Lichte der Erkenntnis, welche wir aus der Psychoanalyse gewon- 
nen haben, können wir den Unterschied zwischen der hypnotischen 
und der psychoanalytischen Suggestion in folgender Art beschreiben: 
Die hypnotische Therapie sucht etwas im Seelenleben zu verdecken 
und zu übertünchen, die analytische etwas freizulegen und zu ent- 
fernen. Die erstere arbeitet wie eine Kosmetik, die letztere wie eine 
Chirurgie. Die erstere benützt die Suggestion, um die Symptome zu 



XXVIIJ. Die analytische Therapie 469 

verbieten, sie verstärkt die Verdrängungen, läßt aber sonst alle Vor- 
gänge, die zur Symptombildung geführt haben, ungeändert. Die ana- 
lytische Therapie greift w^eiter wurzelwärts an, bei den Konflikten, 
aus denen die Symptome hervorgegangen sind, und bedient sich der 
Suggestion, um den Ausgang dieser Konflikte abzuändern. Die hyp- 
notische Therapie laßt den Patienten untätig und ungeändert, darum 
auch in gleicher Weise widerstandslos gegen jeden neuen Anlaß zur 
Erkrankung. Die analytische Kur legt dem Arzt wie dem Kranken 
schwere Arbeitsleistung auf, die zur Auf hebtmg innerer Widerstände 
verbraucht wird. Durch die Überwindung dieser Widerstände wird 
das Seelenleben des Kranken dauernd verändert, auf eine höhere Stufe 
der Entwicklung gehoben und bleibt gegen neue Erkrankungsmög- 
hchkeiten geschützt. Diese Überwindungsarbeit ist die wesentliche 
Leistung der analytischen Kur, der Kranke hat sie zu vollziehen, und 
der Arzt ermöglicht sie ihm durch die Beihilfe der im Sinne einer 
Erziehung wirkenden Suggestion. Man hat darum auch mit Recht 
gesagt, die psychoanalytische Behandlung sei eine Art von Nach- 
erziehung. 

Ich hoffe, Ihnen nun klargemacht zu haben, worin sich unsere 
Art, die Suggestion therapeutisch zu verwenden, von der bei der hyp- 
notischen Therapie allein möglichen unterscheidet. Sie verstehen auch 
durch die Zurückführung der Suggestion auf die Übertragung die 
Launenhaftigkeit, die uns an der hypnotischen Therapie auffiel, wäh- 
rend die analytische bis zu ihren Schranken berechenbar bleibt. Bei 
der Anwendung der Hypnose sind wir von dem Zustande der Über- 
tragungsfähigkeit des Kranken abhängig, ohne daß wir auf diese selbst 
einen Einfluß üben könnten. Die Übertragung des zu Hypnotisieren- 
den mag negativ oder, wie zu allermeist, ambivalent sein, er kann sich 
durch besondere Einstellungen gegen seine Übertragung geschützt 
haben; wir erfahren nichts davon. In der Psychoanalyse arbeiten wir 
an der Übertragung selbst, lösen auf, was ihr entgegenstellt, richten 
uns das Instrument zu, mit dem wir einwirken wollen. So wird es uns 
möglich, aus der Macht der Suggestion einen ganz anderen Nutzen 



470 Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

ZU ziehen; wir bekommen sie in die Hand; nicht der Kranke sugge- 
riert sich allein, wie es in seinem Belieben steht, sondern wir lenken 
seine Suggestion, soweit er ihrem Einfltiß überhaupt zugänglich ist. 
Nun werden Sie sagen, gleichgültig, oli wir die treibende Kraft 
unserer Analyse Übertragung oder Suggestion heißen, es besteht doch 
die Gefahr, daß die Beeinflussung des Patienten die objektive Sicher- 
heit unserer Befunde zweifelhaft macht. Was der Therapie zugute 
kommt, bringt die Forschung zu Schaden. Es ist die Einwendung, 
welche am häufigsten gegen die Psychoanalyse erhoben worden ist, 
und man muß zugestehen, wenn sie auch unzutreffend ist, so kann 
man sie doch nicht als unverständig abweisen. Wäre sie aber berech- 
tigt, so würde die Psychoanalyse doch nichts anderes als eine beson- 
ders gut verkappte, besonders wirksame Art der Suggestionsbehand- 
lung sein, und wir dürften alle ihre Behauptungen über Lebensein- 
flüsse^ psychische Dynamik, Unbewußtes leicht nehmen. So meinen 
es auch die Gegner; besonders alles, was sich auf die Bedeutung der 
sexuellen Erlebnisse bezieht, wenn nicht gar diese selbst, sollen wir 
den Kranken „eingeredet" haben, nachdem uns in der eigenen ver- 
derbten Phantasie solche Kombinationen gewachsen sind. Die Wider- 
legung dieser Anwürfe gelingt leichter durch die Berufung auf die 
Erfahrung als mit Hilfe der Theorie. Wer selbst Psychoanalysen aus- 
geführt hat, der konnte sich ungezählte Male davon überzeugen, daß 
es unmöglich ist, den Kranken in solcher Weise zu suggerieren. 
Es hat natürlich keine Schwierigkeit, ihn zum Anhänger einer ge- 
wissen Theorie zu machen und ihn so auch an einem möglichen Irr- 
tum des Arztes teilnehmen zu lassen. Er verhält sich dabei wie ein 
anderer, wie ein Schüler, aber man hat dadurch auch nur seine In- 
telligenz, nicht seine Krankheit beeinflußt. Die Lösung seiner Kon- 
flikte und die Überwindung seiner Widerstände glückt doch nur, 
wenn man ihm solche Erwartungsvorstellungen gegeben hat, die mit 
der Wirklichkeit in ihm übereinstimmen. Was an den Vermutungen 
des Arztes unzutreffend war, das fällt im Laufe der Analyse wieder 
heraus, muß zurückgezogen und durch Richtigeres ersetzt werden. 



XX VIII. Die analytische Therapie 471 

Durch eine sorgföltige Technik sucht man das Zustandekommen von 
vorläufigen Suggestionserfolgen zu verhüten; aber es ist auch unbe- 
denklich, wenn sich solche einstellen, denn man begnügt sich nicht 
mit dem ersten Erfolg. Man hält die Analyse nicht für beendigt, 
wenn nicht die Dunkelheiten des Falles aufgeklärt, die Erinnerungs- 
lücken ausgefüllt, die Gelegenheiten der Verdrängungen aufgefunden 
sind. Man erblickt in Erfolgen, die sich zu früh einstellen, eher Hin- 
dernisse als Förderungen der analytischen Arbeit und zerstört diese 
Erfolge wieder, indem man die Übertragung, auf der sie beruhen, 
immer wieder auflöst. Im Grunde ist es dieser letzte Zug, welcher 
die analytische Behandlung von der rein suggestiven scheidet und 
die analytischen Ergebnisse von dem Verdacht befreit^ suggestive Er- 
folge zu sein. Bei jeder anderen suggestiven Behandlung wird die 
Übertragung sorgfältig geschont, unberührt gelassen; bei der analy- 
tischen ist sie selbst Gegenstand der Behandlung und wird in jeder 
ihrer Erscheinungsformen zersetzt. Zum Schlüsse einer analytischen 
Kur muß die Übertragung selbst abgetragen sein, und wenn der Er- 
folg jetzt sich einstellt oder erhält, so beruht er nicht auf der Sug- 
gestion, sondern auf der mit ihrer Hilfe vollbrachten Leistung der 
Überwindung innerer Widerstände, auf der in dem Kranken erzielten 
inneren Veränderung. 

Der Entstehunig von Einzelsuggestionen wirkt wohl entgegen, daß 
wir während der Kur unausgesetzt gegen Widerstände anzukämpfen 
haben, die sich in negative (feindselige) Übertragungen zu verwan- 
deln wissen. Wir werden es auch nicht versäumen, uns darauf zu 
berufen, daß eine große Anzahl von Einzelergebaissen der Analyse, 
die man sonst als Produkte der Suggestion verdächtigen würde, uns 
von anderer einwandfreier Seite bestätigt werden. Unsere Gewährs- 
männer sind in diesem Falle die Dementen und Paranoiker, die über 
den Verdacht suggestiver Beeinflussung natürlich hoch erhaben sind. 
Was uns diese Kranken an Symbolübersetzungen und Phantasien er- 
zählen, die bei ihnen zum Bewußtsein durchgedrungen sind, deckt 
sich getreulich mit den Ergebnissen unserer Untersuchungen an dem 



473 Vorlesungen zur Einführung; in die Psychoanalyse 



Unbewußten der Übertragungsneurotiker und bekräftigt so die ob- 
jektive Richtigkeit unserer oft bezweifelten Deutungen. Ich glaube, 
Sie werden nicht irregehen, wenn Sie in diesen Punkten der Ana- 
lyse Ihr Zutrauen schenken. 

Wir wollen jetzt unsere Darstellung vom Mechanismus der Hei- 
lung vervollständigen, indem wir sie in die Formeln der Libidotheorie 
kleiden. Der Neurotiker ist genuß- und leistungsunfähig, das erstere, 
weil seine Libido auf kein reales Objekt gerichtet ist, das letztere, 
weil er sehr viel von seiner sonstigen Energie aufwenden muß, um 
die Libido in der Verdrängung zu erhalten und sich ihres Ansturmes 
zu erwehren. Er würde gesund, wenn der Konflikt zwischen seinem 
Ich und seiner Libido ein Ende hätte und sein Ich wieder die Ver- 
fügung über seine Libido besäße. Die therapeutische Aufgabe besteht 
also darin, die Libido aus ihren derzeitigen, dem Ich entzogenen 
Bindungen zu lösen und sie wieder dem Ich dienstbar zu macheu. 
Wo steckt nun die Libido des Neurotikers? Leicht zu finden^ sie ist 
an die Symptome gebunden, die ihr die derzeit einzig mögliche Er- 
satzbefriedigung gewähren. Man muß also der Symptome Herr wer- 
den, sie auflösen, gerade dasselbe, was der Kranke von uns fordert. 
Zur Lösung der Symptome wird es nötig, bis auf deren Entstehung 
zurückzugehen, den Konflikt, aus dem sie hervorgegangen sind, zu 
erneuern und ihn mit Hilfe solcher Triebkräfte, die seinerzeit nicht 
verfügbar waren, zu einem anderen Ausgang zu lenken. Diese Revi- 
sion des Verdrängun^prozesses läßt sich nur zum Teil an den Er- 
innerungsspuren der Vorgänge vollziehen, welche zur Verdrängung 
geführt haben. Das entscheidende Stück der Arbeit wird geleistet, 
indem man im Verhältnis zum Arzt, in der „Übertragung", Neu- 
auflagen jener alten Konflikte schafft, in denen sich der Kranke 
benehmen möchte, wie er sich seinerzeit benommen hat, während 
man ihn durch das Aufgebot aller verfügbaren seelischen Kräfte zu 
einer anderen Entscheidung nötigt. Die Übertragung wird also das 
Schlachtfeld, auf welchem sich alle miteinander ringenden Kräfte 
treffen sollen. 



XXVIIl. Die (Oialytische Therapie 47g 

Alle Libido wie alles Widerstreben gegen sie wird auf das eine 
Verhältnis zum Arzt gesammelt^ dabei ist es unvermeidlich, daß die 
Symptome von der Libido entblößt werden. An Stelle der eigenen 
Krankheit des Patienten tritt die künstlich hergestellte der Über- 
tragung, die Übertragungskrankheit, an Stelle der verschiedenartigen 
irrealen Libidoobjekte das eine wiederum phantastische Objekt der 
ärztlichen Person. Der neue Kampf um dieses Objekt wird aber mit 
Hilfe der ärzthchen Suggestion auf die höchste psychische Stufe ge- 
hoben, er verläuft als normaler seelischer Konflikt. Durch die Ver- 
meidung einer neuerlichen Verdrängung wird der Entfremdung 
zwischen Ich und Libido ein Ende gemacht, die seelische Einheit der 
Person wieder hergestellt. Wenn die Libido von dem zeitweiligen 
Objekt der ärztlichen Person wieder abgelöst wird, kann sie nicht zu 
ihren früheren Objekten zurückkehren, sondern steht zur Verfügung 
des Ichs. Die Mächte, die man während dieser therapeutischen Arbeit 
bekämpft hat, sind einerseits die Abneigung des Ichs gegen gewisse 
Richtungen der Libido, die sich als Verdrängungsneigung geäußert 
hat, und anderseits die Zähigkeit oder* Klebrigkeit der Libido, die ein- 
mal von ihr besetzte Objekte nicht gerne verläßt. 

Die therapeutische Arbeit zerlegt sich also in zwei Phasen; in der 
ersten wird alle Libido von den Symptomen her in die Übertragung 
gedrängt und dort konzentriert, in der zweiten der Kampf um dies 
neue Objekt durchgeführt und die Libido von ihm freigemacht. Die 
für den guten Ausgang entscheidende Veränderung ist die Ausschal- 
tung der Verdrängung bei diesem erneuerten Konflikt, so daß sich 
die Libido nicht durch die Flucht ins Unbewußte wiederum dem Ich 
entziehen kann. Ermöglicht wird sie durch die Ichveränderung, wel- 
che sich unter dem Einfluß der ärztlichen Suggestion vollzieht. Das 
Ich wird durch die Deutungsarbeit, welche Unbewußtes in Bew-uß- 
tes umsetzt, auf Kosten dieses Unbewußten vergrößert, es wird durch 
Belehrung gegen die Libido versöhnlich und geneigt gemacht, ihr 
irgendeine Befriedigung einzuräumen, und seine Scheu vor den An- 
sprüchen der Libido wird durch die Möglichkeit, einen Teilbetrag 



474 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



von ihr durch Sublimierung zu erledigen, verringert. Je besser sich 
die Vorgänge bei der Behandlung mit dieser idealen Beschreibung 
decken, desto größer wird der Erfolg der psychoanalytischen Thera- 
pie. Seine Schranke findet er an dem Mangel an Beweglichkeit der 
Libido, die sich sträuben kann, von ihren Objekten abzulassen, und an 
der Starrheit des Narzißmus, der die Objektübertragung nicht über eine 
gewisse Grenze anwachsen läßt. Vielleicht werfen wir ein weiteres 
Licht auf die Dynamik des Heilungsvorganges durch die Bemerkung, 
daß wir die ganze der Herrschaft des Ichs entzogene Libido auffangen, 
indem, wir durch die Übertragung ein Stück von ihr auf uns ziehen. 

Es ist auch die Mahnung nicht unangebracht, daß wir aus den 
Verteilungen der Libido, die sich während und durch die Behandlung 
herstellen, keinen direkten Schluß auf die Unterbringung der Libido 
während des Krankseins ziehen dürfen. Angenommen, es sei uns ge- 
lungen, den Fall durch die Herstellung und Lösung einer starken 
Vaterübertragung auf den Arzt glücklich zu erledigen, so ginge der 
Schluß fehl, daß der Kranke vorher an einer solchen unbewußten 
Bindung seiner Libido an den Vater gelitten hat. Die Vaterübertragung 
ist nur das Schlachtfeld, auf welchem wir uns der Libido bemächtigen; 
die Libido des Kranken ist von anderen Positionen her dorthin ge- 
lenkt worden. Dies Schlachtfeld muß nicht notwendig mit einer der 
wichtigen Festungen des Feindes zusammenfallen. Die Verteidigung 
der feindlichen Hauptstadt braucht nicht gerade vor deren Toren zu 
geschehen. Erst nachdem man die Übertragung wieder gelöst hat, 
kann man die Libido Verteilung, welche während des Krankseins be- 
standen hatte, in Gedanken rekonstruieren. 

Vom Standpunkt der Libidotheorie können wir auch noch ein letz- 
tes Wort über den Traum sagen. Die Träume der Neurotiker dienen 
uns wie ihre Fehlleistungen und ihre freien Einfälle dazu, den Sinn 
der Symptome zu erraten und die Unterbringung der I^ibido aufzu- 
decken. Sie zeigen uns in der Form der Wunsch erfüllung, welche 
Wunschregungen der Verdrängung verfallen sind, und an welche 
Objekte sich die dem Ich entzogene Libido gehängt hat. Die Deutung 



XXVIII. Die analytische Therapie 47g 

der Träume spielt darum in der psychoanalytischen Behandlung eine 
große Rolle und ist in manchen Fällen durch lange Zeiten das wich- 
tigste Mittel der Arbeit. Wir wissen bereits, daß der Schlafzustand an 
sich einen gewissen Nachlaß der Verdrängungen herbeifuhrt. Durch 
diese Ermäßigung des auf ihr lastenden Druckes wird es möglich, 
daß sich die verdrängte Regung im Traume einen viel deutlicheren 
Ausdruck schafft, als ihn während des Tages das Symptom gewähren 
kann. Das Studium des Traumes wird so zum bequemsten Zugang 
für die Kenntnis des verdrängten Unbewußten, dem die dem Ich ent- 
zogene Libido angehört. 

Die Träume der Neurotiker sind aber in keinem wesentlichen 
Punkte von denen der Norraaleu verschieden; ja sie sind von ihnen 
vielleicht überhaupt nicht unterscheidbar. Es wäre widersinnig, von 
den Träumen Nervöser auf eine Weise Rechenschaft zu geben, wel- 
che nicht auch für die Träume Normaler Geltung hätte. Wir müssen 
also sagen, der Unterschied zwischen Neurose und Gesundheit gilt 
nur für den Tag, er setzt sich nicht ins Traumleben fort. Wir sind 
genötigt, eine Anzahl von Annahmen, die sich beim Neurotiker infolge 
des Zusammenhanges zwischen seinen Träumen und seinen Sym- 
ptomen ergeben, auch auf den gesunden Menschen zu übertragen. 
Wir können es nicht in Abrede stellen, daß auch der Gesunde in 
seinem Seelealeben das besitzt, was allein die Traumbildung wie die 
Symptombildung ermöglicht, und müssen den Schluß ziehen, daß 
auch er Verdrängungen vorgenommen hat, einen gewissen Auf- 
wand treibt, um sie zu unterhalten, daß sein System des Unbewuß- 
ten verdrängte und noch energiebeselzte Regungen verbirgt, und 
daß ein Anteil seiner Libido der Verfügung seines Ichs 
entzogen ist. Auch der Gesunde ist also virtuell ein Neurotiker, 
aber der Traum scheint das einzige Symptom zu sein, das zu bilden 
er fähig ist. Unterwirft man sein Wachleben einer schärferen Prüfung, 
so entdeckt man freilich, — was diesen Anschein widerlegt, — daß 
dies angeblich gesunde Leben von einer Unzahl geringfügiger, prak- 
tisch nicht bedeutsamer Symptombildungen durchsetzt ist. 



,\ 



47Ö Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Der Unterschied zwischen nervöser Gesundheit und Neurose 
schränkt sich also aufs Praktische ein und bestimmt sich nach dem 
Erfolg, ob der Person ein genügendes Maß von Genuß- und Leistungs- 
fähigkeit verbheben ist. Er führt sich wahrscheinlich auf das relative 
Verhältnis zwischen den freigebliebenen und den durch Verdrängung 
gebundenen Energiebeträgen zurück und ist von |quantitativer, nicht 
von qualitativer Art. Ich brauche Sie nicht daran zu mahnen, daß 
diese Einsicht die Überzeugung von der prinzipiellen Heilbarkeit der 
Neurosen, trotz ihrer Begründung in der konstitutionellen Anlage, 
theoretisch begründet. 

Soviel dürfen wir aus der Tatsache der Identität der Träume bei 
Gesunden und bei Neurotikern für die Charakteristik der Gesundheit 
erschließen. Für den Traum selbst ergibt sich aber die weitere Folge- 
rung, daß wir ihn nicht aus seinen Beziehungen zu den neurotischen 
Symptomen lösen dürfen, daß %vir nicht glauben sollen, sein Wesen 
sei durch dieFormel einer Übersetzung von Gedanken in einearchaische 
Äusdrucksform erschöpft, daß wir annehmen müssen, er zeige uns 
wirklich vorhandene Libidounterbringungen und Objektbesetzungen. 
Wir sind nun bald zu Ende gekommen. Vielleicht sind Sie ent- 
täuscht, daß ich Ihnen zum Kapitel der psychoanalytischen Therapie 
nur Theoretisches erzählt habe, nichts von den Bedingungen, unter 
denen man die Kur einschlägt, und von den Erfolgen, die sie erzielt. 
Ich unterlasse aber beides. Das erstere, weil ich Ihnen ja keine prak- 
tische Anleitung zur Ausübung der Psychoanalyse zu geben gedenke, 
und das letztere, weil mehrfache Motive mich davon abhalten. Ich 
habe es zu Eingang unserer Besprechungen betont, daß wir unler 
günstigen Umständen Heilerfolge erzielen, die hinter den schönsten 
auf dem Gebiete der internen Therapie nicht zurückstehen, und ich 
kann etwa noch hinzusetzen, daß dieselben durch kein anderes Ver- 
fahren erreicht worden wären. Würde ich mehr sagen, so käme ich 
in den Verdacht, daß ich die laut gewordenen Stimmen der Herab- 
setzung durch Reklame übertönen wollte. Es ist gegen die Psycho- 
analytiker wiederholt, auch auf Öffeutlichen Kongressen, von ärztlichen 



XXVIIJ. Die analytische Therapie ^77 

„Kollegen" die Drohung ausgesprochen worden, man werde durch 
eine Sammlung der analytischen Mißerfolge und Schädigungen dem 
leidenden Pubhkum die Augen über den Unwert dieser Behandlungs- 
methode öfFnen. Aber eine solche Sammlung wäre, abgesehen von 
dem gehässigen, denunziatorischen Charakter der Maßregel, nicht 
einmal geeignet, ein richtiges Urteil über die therapeutische Wirk- 
samkeit der Analyse zu ermöglichen. Die analytische Therapie ist, 
wie Sie wissen, jungj es hat lange Zeit gebraucht, bis man ihre Tech- 
nik feststellen tonnte, und dies konnte auch nur während der Arbeit 
und unter dem Einfluß der zunehmenden Erfahrung geschehen. In- 
folge der Schwierigkeiten der Unterweisung ist der ärztliche Anfänger 
in der Psychoanalyse in größerem Ausmaße als ein anderer Spezialist 
auf seine eigene Fähigkeit zur Fortbildung angewiesen, und die Er- 
folge seiner ersten Jahre werden nie die Leistungsfähigkeit der ana- 
lytischen Therapie beurteilen lassen. 

Viele Behaudlungsversuche mißlangen in der Frühzeit der Ana- 
lyse, weil sie an Fällen unternommen waren, die sich überhaupt 
nicht für das Verfahren eignen, und die wir heute durch unsere 
Indikationsstellung ausschheßen. Aber diese Indikationen konnten 
auch nur durch den Versuch gewonnen werden. Von vornherein 
wußte man seinerzeit nicht, daß Paranoia und Dementia praecox in 
ausgeprägten Formen unzugänglich sind, und hatte noch das Recht, 
die Methode an allerlei Affektionen zu erproben. Die meisten Miß- 
erfolge jener ersten Jahre sind aber nicht durch die Schuld des 
Arztes oder wegen der ungeeigneten Objektwahl, sondern durch die 
Ungunst der äußeren Bedingungen zustande gekommen. Wir haben 
nur von den inneren Widerständen gehandelt, denen des Patienten, 
die notwendig und überwindbar sind. Die äußeren Widerstände, die 
der Analyse von den Verhältnissen des Kranken, von seiner Um- 
gebung bereitet werden, haben ein geringes theoretisches Interesse, 
aber die größte praktische Wichtigkeit. Die psychoanalytische Be- 
handlung ist einem chirurgischen Eingriff gleichzusetzen und hat 
wie dieser den Anspruch, unter den für das Gelingen günstigsten 



4/8 yorlesiingen zur Einführung i n die Psychoanalyse 

Veransteiltungen vorgenommen zu werden. Sie wissen, welche Vor- 
kehrungen der Chirurg dabei zu treffen pflegt: geeigneter Raum, 
gutes Licht, Assistenz, Ausschließung der Angehörigen usw. Nun 
fragen Sie sich selbst, wie viele dieser Operationen gut ausgehen wür- 
den wenn sie im Beisein aller Familienmitglieder stattfinden müß- 
ten, die ihre Nasen in das Operationsfeld stecken und bei jedem Mes- 
serschnitt laut aufschreien würden. Bei den psychoanalytischen Be- 
handlungen ist die Dazwischen kunft der Angehörigen geradezu eine 
Gefahr, und zwar eine solche, der man nicht zu begegnen weiß. 
Man ist gegen die inneren Widerstände des Patienten, die man als 
notwendig erkennt, gerüstet, aber wie soll man sich gegen jene äuße- 
ren Widerstände wehren? Den Angehörigen des Patienten kann man 
durch keinerlei Aufklärung beikommen, mau kann sie nicht dazu 
bewegen, sich von der ganzen Angelegenheit fernzuhalten, und man 
darf nie gemeinsame Sache mit ihnen machen, weil man dann Gefahr 
läuft, das Vertrauen des Kranken zu verlieren, der — übrigens mit 
Recht — fordert, daß sein Vertrauensmann auch seine Partei netime. 
Wer überhaupt w^eiß, von welchen Spaltungen oft eine Familie zer- 
klüftet wird, der kann auch als Analytiker nicht von der Wahr- 
nehmung überrascht werden, daß die dem Kranken Nächsten mit- 
unter weniger Interesse daran verraten, daß er gesund werde, als 
(laß er so bleibe, wie er ist. Wo, wie so häufig, die Neurose mit Kon- 
flikten zwischen Familienmitgliedern zusammenhängt, da bedenkt 
sich der Gesunde nicht lange bei der Wahl zwischen seinem Interesse 
und dem der Wiederherstellung des Kranken. Es ist ja nicht zu ver- 
wundern, wenn der Ehemann eine Behandlung nicht gerne sieht, 
in welcher, wie er mit Recht vermuten darf, sein Sündenregister 
aufgerollt werden wird; wir verwundern uns auch nicht darüber, 
aber wir können uns dann keinen Vorwurf machen, wenn unsere 
Bemühung erfolglos bleibt und vorzeitig abgebrochen wird, weil sich 
der Widerstand des Mannes zu dem der kranken Frau hinzuaddiert 
hat. Wir hatten eben etwas unternommen, was unter den bestehen- 
den Verhältnissen undurchführbar war. 



XXFIIl. Die analytische Therapie 



479 



Ich will Ihnen anstatt vieler Fälle nur einen einzigen erzählen in 
dem ich durch ärzüiche Rücksichten zu einer leidenden Rolle ver- 
urteilt wurde. Ich nahm — vor vielen Jahren — ein junges Mäd- 
chen in analytische Behandlung, welches schon seit längerer Zeit aus 
Angst nicht auf die Straße gehen und zu Hause nicht allein bleiben 
konnte. Die Kranke rückte langsam mit dem Geständnis heraus, daß 
ihre Phantasie durch zufällige Beobachtungen des zärtlichen Ver- 
kehres zwischen ihrer Mutter und einem wohlhabenden Hausfreund 
ergriffen worden sei. Sie war aber so ungeschickt — oder so raffi- 
niert — der Mutter einen Wink von dem zu geben, was in den Ana- 
lysenstunden besprochen wurde, indem sie ihr Benehmen gegen die 
Mutter änderte, darauf bestand, von keiner anderen als der Mutter 
gegen die Angst des Alleinseins beschützt zu werden, und ihr angst- 
voll die Türe vertrat, wenn sie das Haus verlassen wollte. Die Mut- 
ter war früher selbst sehr nervös gewesen, hatte aber in einer Wasser- 
heilanstalt vor Jahren die Heilung gefunden. Setzen wir dafür ein sie 
hatte in jener Anstalt die Bekanntschaft des Mannes gemacht mit 
dem sie ein sie nach jeder Richtung befriedigendes Verhältnis ein- 
gehen konnte. Durch die stürmischen Anforderungen des Mädchens 
stutzig gemacht, verstand die Mutter plötzlich, was die Angst ihrer 
Tochter bedeutete. Sie ließ sich krank werden, um die Mutter zur 
Gefangenen zu machen und ihr die für den Verkehr mit dem Ge- 
liebten notwendige Bewegungsfreiheit zu rauben. Rasch entschlossen 
machte die Mutter der schädlichen Behandlung ein Ende. Das Mäd 
chen wurde in eine Nervenheilanstalt gebracht und durch lange 
Jahre als „armes Opfer der Psychoanalyse" demonstriert. Ebensolange 
ging mir die üble Nachrede wegen des schlechten Ausganges dieser 
Behandlung nach. Ich bewahrte das Schweigen, weil ich mich durch 
die Pflicht der ärztlichen Diskretion gebunden glaubte. Lange Zeit 
nachher erfuhr ich von einem Kollegen, der jene Anstalt besucht 
und das agoraphobische Mädchen dort gesehen hatte, daß das Ver- 
hältnis zwischen ihrer Mutter und dem vermögenden Hausfreund 
stadtbekannt sei und wahrscheinlich die Billigung des Gatten und 



480 (Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Vaters habe. Diesem „Geheimnis" war also die Behandlung geopfert 
worden. 

In den Jahren vor dem Kriege, als der Zulauf aus vieler Herren 
Ländern mich von der Gunst oder Mißgunst der Vaterstadt unab- 
hängig machte, befolgte ich die Regel, keinen Kranken in Behand- 
lung zu nehmen, der nicht sui juris, in seinen wesentlichen Lebens- 
beziehungen von anderen unabhängig wäre. Das kann sich nun 
nicht jeder Psychoanalytiker gestatten. Vielleicht ziehen Sie aus 
meiner Warnung vor den Angehörigen den Schluß, man solle die 
Kranken zum Zwecke der Psychoanalyse aus ihren Familien nehmen, 
diese Therapie also auf die Insassen von Nervenheilanstalten beschrän- 
ken. Allein ich könnte Ihnen hierin nicht beistimmen; es ist weit 
vorteilhafter, wenn die Kranken — insoferne sie nicht in einer Phase 
schwerer Erschöpfung sind — während der Behandlung in jenen 
Verhältnissen bleiben, in denen sie mit den ihnen gestellten Aufgaben 
zu kämpfen haben. Nur sollten die Angehörigen diesen Vorteil nicht 
durch ihr Benehmen wettmachen und sich überhaupt nicht der arzt- 
lichen Bemühung feindselig widersetzen. Aber wie wollen Sie diese 
für uns unzugänglichen Faktoren dazu bewegen! Sie werden natür- 
lich auch erraten, wieviel von den Aussichten einer Behandlung 
durch das soziale MiUeu und den kulturellen Zustand einer Familie 
bestimmt wird. 

Nicht wahr, das gibt für die Wirksamkeit der Psychoanalyse als 
Therapie einen trüben Prospekt, selbst wenn wir die überwiegende 
Mehrzahl unserer Mißerfolge durch solche Rechenschaft von den 
störenden äußeren Momenten aufklären können! Freunde der Ana- 
lyse haben uns dann geraten, einer Sammlung von Mißerfolgen durch 
eine von uns entworfene Statistik der Erfolge zu begegnen. Ich bin 
auch darauf nicht eingegangen. Ich machte geltend, daß eine Sta- 
tistik wertlos sei, wenn die aneinander gereihten Einheiten derselben 
zu wenig gleichartig seien, und die Fälle von neurotischer Erkran- 
kung, die man in Behandlung genommen hatte, waren wirklich nach 
den verschiedensten Richtungen nicht gleichwertig. Außerdem war 



XXnil. Die analytisclie Therapie 481 

der Zeitraum, den man überschauen konnte, zu kurz, um die Halt- 
barkeit der Heilungen zu beurteilen, und von vielen Fällen konnte 
man überhaupt nicht Mitteilung machen. Sie betrafen Personen, die 
ihre Krankheit wie ihre Behandlung geheim gehalten hatten, und 
deren Herstellung gleichfalls verheimlicht werden mußte. Die stärkste 
Abhaltung lag aber in der Einsicht, daß die Menschen sich in Dingen 
der Therapie höchst irrationell benehmen, so daß man keine Aus- 
sicht hat, durch verständige Mittel etwas bei ihnen auszurichten. 
Eine therapeutische Neuerung wird entweder mit rauschartiger 
Begeisterung aufgenommen, wie z. B. damals, als Koch sein erstes 
Tuberkulin gegen die Tuberkulose in die Öffentlichkeit brachte, oder 
mit abgrundtiefem Mißtrauen behandelt, wie die wirklich segens- 
reiche Jennersche Impfung, die heute noch ihre unversöhnlichen 
Gegner hat. Gegen die Psychoanalyse lag offenbar ein Vorurteil vor. 
Wenn man einen schwierigen Fall hergestellt hatte, so konnte man , 
hören: Das ist kein Beweis, der wäre auch von selbst in dieser Zeit 
gesund geworden. Und wenn eine Kranke, die bereits vier Zyklen 
von Verstimmung und Manie absolviert hatte, in einer Pause nach 
der Melancholie in meine Behandlung gekommen war und drei 
Wochen später sich wieder zu Beginn einer Manie befand, so waren 
alle Familienmitglieder, aber auch die zu Rate gezogene hohe ärzt- 
liche Autorität, überzeugt, daß der neuerhche Anfall nur die Folge 
der an ihr versuchten Analyse sein könne. Gegen Vorurteile kann 
man nichts tun; Sie sehen es ja jetzt wieder an den Vorurteilen, die 
die eine Gruppe von kriegführenden Völkern gegen die andere ent- 
wickelt hat. Das Vernünftigste ist, man wartet und überläßt sie der 
Zeit, welche sie abnützt. Eines Tages denken dieselben Menschen 
über dieselben Dinge ganz anders als bisher; warum sie nicht schon 
früher so gedacht haben, bleibt ein dunkles Geheimnis. 

Möglicherweise ist das Vorurteil gegen die analytische Therapie 
schon jetzt in Abnahme begriffen. Die stete Ausbreitung der analy- 
tischen Lehren, die Zunahme analytisch behandelnder Ärzte in man- 
chen Ländern scheint es zu verbürgen. Als ich ein junger Arzt war, 

Freud, VlI. 31 



4.82 Forlexwtgen zur Einführuuß; in die Psychoanalyse 



geriet ich in einen ebensolchen Enlrüstungssturm der Ärzte gegen 
die hypnotische Suggestivbehandluiig, die heute von den „Nüchter- 
nen" der Psychoanalyse entgegengehalten wird. Der Hypnotismus 
hat aber als therapeutisches Agens nicht gehalten, was er anfangs 
versprach- wir Psychoanalytiker dürfen uns für seine rechtmäßigen 
Erben ausgeben und vergessen nicht, wie viel Aufmimterung und 
theoretische Aufklärung wir ihm verdanken. Die der Psychoanalyse 
nachgesagten Schädigungen schränken sich im wesentlichen auf vor- 
übergehende Erscheinungen von Konfliktsteigeruug ein, wenn die 
Analyse ungeschickt gemacht, oder wenn sie mittendrin abgebrochen 
wird. Sie haben ja Rechenschaft darüber gehört, was wir mit den 
Kranken anstellen, und können sich ein eigenes Urteil darüber bilden, 
ob unsere Bemühungen geeignet sind, zu einer dauernden Schädigung 
zu führen. Mißbrauch der Analyse ist nach verschiedenen Richtungen 

. möglich; zumal die Übertragung ist ein gefährliches Mittel in den 
Händen eines nicht gewissenhaften Arztes. Aber vor Mißbrauch ist 
kein ärztliches Mittel oder Verfahren geschützt; wenn ein Messer 
nicht schneidet, kann es auch nicht zur Heilung dienen. 

Ich bin nun zu Ende, meine Damen und Herren. Es ist mehr als die 
gebräuchliche Redensart, wenn ich bekenne, daß die vielen Mängel 
der Vorträge, die ich Ihnen gehalten habe, mich selbst empfindlich 
bedrücken. Vor allem tut es mir leid, daß ich so oft versprochen habe, 
auf ein kurz berührtes Thema an anderer Stelle wieder zurückzu- 
kommen, und dann hat der Zusammenhang es nicht ergeben, daß ich 
mein Versprechen halten konnte. Ich habe es unternommen, Ihnen 
von einer noch unfertigen, in Entwicklung begriffenen Sache Bericht 
zu geben, und meine kürzende Zusaminenfassung ist dann selbst eine 
unvollkommene geworden. An manchen Stellen habe ich das Material 

■ für eine Schlußfolgerung bereit gelegt und diese dann nicht selbst 
gezogen. Aber ich konnte es nicht beanspruchen, Sie zu Sachkundigen 
zu machen; ich wollte Ihnen nur Auf Idärung und Anregung bringen 



INHALT DES SIEBENTEN BANDES 

* 
Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Seite 
Vorwort 

Erster Teil; Die Fehlleistungen ... 

I. Einleitung 

IL Die Fehlleistungen o 

III. Die Fehlleistungen (Fortsetzunpl 

IV. Die Fehlleistungen (Schluß) ^ 

Zweiter Teil: DerTraum 

V. Schwierigkeiten und erste Annäherungen . . .' "'. 

VI. Voraussetzungen und Technik der Deutung 

VII. Manifester Trauminhall und latente Traumgedanken m 

VIII. Kind erträume 

12.^ 

IX. Die Treunizensiir, g 

X. Die Symbolik im Traum 

XI. Die Traumarbeit 

XII. Analysen von Traumbeiapi eleu jg? 

XIII. Archaische Züge und Infantilismus des Traumes 203 

XIV. Die Wunscherfüllung ^jg 

XV. Unsicherheiten und Kritiken . . 

*34 

Dritter Teil: Allgemeine Neurosenlehre 

XVI. Psychoanalyse und Psychiatrie 

XVII. Der Sinn der Symptome g 

XVIII. Die Fixierung an das Trauma. Das Unbewußte 282 

XIX. Widerstand und Verdrängung g 

XX. Das menschliche Sexualleben . . . 

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XXI. LibidoentwickluMg und Sesiialorganisation ,,, 

XXII. Gesichtspunkte der Entwicklung und Regression. .Ätiologie igi 

XXIII. Die Wege der Symptombildung __2 

XXIV. Die gemeine Nervosität __, 

XXV. Die Angst ..........'. ^ .407 

XXVI. Die Libidotlieorie und der Narzißmus ,,_ 

XXVII. Die Übertragung . 

XXVIII. Die analytische Therapie '4.66 

KUNSTBEILAGEN 

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Schwind; Der Traum des Gefangenen vor Seite I2u 



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